Im Nonnenhof war eine dicke Wirtin, Frau Betha Seysolffin, e

Das

Stuttgarter Hutzelmännlein

Märchen von

Eduard Mörike

Herausgegeben und mit einer Einleitung

versehen von

Prof. Dr. Edm. v. Sallwürk

Leipzig

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.

Einleitung.

Eduard Mörike, 1804 in Ludwigsburg geboren, 1875 in Stuttgart gestorben,

ist zuerst mit einem Prosawerk, dem Roman »Maler Nolten« in die

Literatur eingetreten. Technisch stand er damals, vor 1832, vor allem im

Bannkreis der Novellistik des alternden Goethe und der Romantik, während

er sich durch den Inhalt seines Buches als selbständige Kraft bewies.

Auch die kleinen Novellen, die er dann zum Teil in Zeitschriften

veröffentlichte, bedeuteten noch nicht den Hauptschlag, der seinen Ruhm

als Dichter hätte begründen können. Erst durch die Herausgabe seiner

Gedichte übernahm er als Lyriker die Nachfolge Goethes. Da er aber durch

und durch von Stimmungen abhängig war und eine gewaltsame Leistung von

sich nicht fordern konnte, trat in der Höhe seines Lebens ein Stillstand

der Produktion ein, der befürchten ließ, daß sein dichterisches Ingenium

versiegt sei. Aber in angenehmer und geistig regsamer Umgebung zu

Stuttgart fand er wieder Lust und Kraft zur Arbeit und er schrieb »Das

Stuttgarter Hutzelmännlein«, das 1853 im Frühjahr bei dem Verleger des

»Nolten«, Schweizerbart, erschien. Schon in die Zeit, wo er Pfarrer in

Cleversulzbach war (1834-1843), fällt das Erwachen der Idee des

Märchens, aber erst 1852 wurde es geschrieben, und im November dieses

Jahres erprobte der Dichter die Wirkung der neuen Arbeit in den

Vortragsabenden, die er für die Museumsgesellschaft in Stuttgart hielt.

Mörike war zunächst um die Aufnahme bang, die das Werkchen erfahren

würde; bald aber liefen von allen Seiten begeisterte Äußerungen der

Freude bei ihm ein. Das Büchlein wurde viel verlangt und erfuhr bald

eine neue Titelauflage, der weitere folgten.

Der Geist der Erzählung ist den mittelalterlichen Volksbüchern entnommen

und so geschickt in allen Einzelheiten festgehalten, daß selbst ein so

genauer Kenner der deutschen Literatur wie Uhland zunächst glaubte, eine

Bearbeitung alten Sagenstoffs vor sich zu haben, während Mörike einzig

aus den Quellen seiner Phantasie geschöpft hatte. In treuherziger,

gemütlicher Art schildert er, was er zu sagen hat und opfert dem

künstlerischen Behagen gern zuweilen die Rücksicht auf eine straffe

Komposition. So ist die eingefügte reizende »Historie von der schönen

Lau« zwar eine selbständige Erzählung im Rahmen des Ganzen, aber in der

liebenswürdigsten Art eingeführt und schließlich auch künstlerisch fein

mit dem Gang der Handlung verknüpft. Dies Märchen entzückte vor allem

einen mit Mörikes Geistesrichtung innig vertrauten deutschen Meister,

den Münchner Maler Moriz von Schwind, so sehr, daß er voll Lust und

Freude sieben Umrißzeichnungen dazu fertigte, die eine feinsinnige,

selbständig wertvolle Huldigung für den Dichter bedeuten. Eine solche

Begeisterung ist wohl begreiflich, denn der Dichter zeigt sich hier auf

der höchsten Höhe seiner Kunst; er hat die beengende Abhängigkeit von

Vorbildern geradeso abgestreift, wie er darauf verzichtet, einem

schulmäßigen Programm Genüge zu tun. Vielmehr folgt er nur den Geboten

einer selbstsichern, vollendeten Kraft, die sich selbst Gesetz ist. So

ist das Büchlein, das hiermit den weitesten Kreisen zugänglich gemacht

wird, ein Meisterwerk der Dichtung geworden und als solches geeignet,

den fröhlichen und herzlichen Grundcharakter von Mörikes Dichtung ins

hellste Licht zu setzen.

Edmund von Sallwürk.

Das Stuttgarter Hutzelmännlein.

Ein Kobold gut bin ich bekannt

In dieser Stadt und weit im Land;

Meines Handwerks ein Schuster war

Gewiß vor siebenhundert Jahr.

Das Hutzelbrot ich hab' erdacht,

Auch viel seltsame Streich' gemacht.

Wohl vor fünfhundert und mehr Jahren, zu denen Zeiten, als Graf Eberhard

von Wirtemberg, ein tapferer Kriegsheld und ruhmvoller Herr, nach

langen, schrecklichen Fehden mit des deutschen Reichs Häuptern, mit dem

Habsburger Rudolf und dessen Nachfolgern, zumal auch mit den Städten,

das Schwabenland nun wieder zu Ruh' und Frieden kommen ließ, befand sich

in Stuttgart ein Schustergesell, namens Seppe, bei einem Meister, der

ihm nicht gefiel, deshalb er ihm aufsagte; und weil er nie gar weit vor

seine Vaterstadt hinaus gekommen, nicht Eltern noch Geschwister mehr

hatte, so war er jetzt willens zu wandern.

Die letzte Nacht, bevor er reiste, saß er allein in der Gesellenkammer

auf (die andern waren noch beim Wein oder sonst zu Besuch); sein Ranzen

lag geschnürt vor ihm, sein Wanderstab daneben, der hübsche Bursche aber

hing den Kopf -- er wußte nicht so recht, warum -- und auf dem Tisch die

Ampel brannte einen großen, großen Butzen. Indem er jetzt aufschaute und

nach dem Klämmchen griff, dem Zochen zu helfen, sah er auf seiner leeren

Truche ein fremdes Männlein sitzen, kurz und stumpig, es hätte ihm nicht

bis zum Gürtel gereicht. Es hatte ein schmutziges Schurzfell um,

Pantoffeln an den Füßen, pechschwarze Haare, dazu aber hellblaue,

freundliche Augen.

»Gott grüß dich, Seppe! Kennst mich nit? Ich bin der Pechschwitzer, das

Hutzelmännlein, der Tröster. Ich weiß, du bist ein braves Burgerskind,

sorgst immerdar für anderer Leute Fußwerk und gehst doch selbst nicht

auf dem besten Zeug. Da du nun morgen reisen willt, so hab' ich dir

statt einem Wanderpfennig etwas mitgebracht von meiner eigenen Arbeit:

sind Glücksschuh', zwei Paar, schau her! Die einen legst du an, gleich

morgen; sie ziehen sich nach dem Fuß und reißen nicht dein Leben lang;

die andern aber nimm und stell' sie unterwegs an eine Straße, versteh'

mich, unbeschrien, wo niemand zusieht! Vielleicht, daß dir dein Glück

nach Jahr und Tag einmal auf Füßen begegnet. Auch hast du hier noch

obendrein etwas zum Naschen, ein Laiblein Hutzelbrot. So viel du davon

schneid'st, so viel wachst immer wieder nach im Ranzen oder Kasten, wenn

du auch nur ein Ränftlein fingersbreit übrig behältst. Ganz sollt du's

nie aufzehren, sonst ist es gar. Behüt' dich Gott, und tu' in allem, wie

ich sagte! Noch eins: kommst du etwa ins Oberland, Ulm zu und gen

Blaubeuren, und find'st von ungefähr ein Klötzlein Blei, nimm es

zuhanden und bring's mir!« -- Der Seppe versprach's und dankte geziemend

für alles; das Männlein aber war in einem Hui verschwunden.

Nun jauchzte der Geselle überlaut, beschmeckte bald das Brot, beschaute

bald die zwei Paar Schuhe. Sie sahen ziemlich aus, wie er sie selber

machte, nur daß sie feine wunderliche Stiche hatten und hübsch mit einem

zarten, roten Leder ausgefüttert waren. Er zog sie an, spazierte so ein

dutzendmal die Kammer auf und ab, da ihm denn in der Kürze freilich

nichts Besonderes von Glück passieren wollte. Danach ging er zu Bett und

schlief, bis der Morgen rot wurde. Da deucht' es ihn, als wenn ihm

jemand klopfte, zwei-, dreimal, recht vernehmlich, daß er jählings

erwachte. Die andern hörten's auch, doch schliefen sie gleich wieder

ein. Das haben meine vier Rappen getan! dachte er und horchte hin,

allein es rührte und regte sich nichts mehr.

Als er nun fix und fertig angezogen stand und gar vergnügt auf seine

Füße niedersah, sprach er: »Jetzt laufen wir dem Teufel ein Bein weg!

Jetzt tausche ich mit keinem Grafen!« -- Wohl und gut; nur eine

Kleinigkeit hat er versehen: er hat den einen Schuh von seinem Paar mit

dem einen vom andern verwechselt. Ach, wer ihm das gesagt hätte!

So schlich er denn leis die Stiege hinunter, die Meistersleute nicht zu

wecken; denn Abschied hatte er gestern genommen, und statt der Suppe aß

er gleich ein tüchtiges Stück Schnitzbrot in währendem Gehen. So etwas

hatte er noch niemals über seinen Mund gebracht, wohl aber oft von

seiner Großmutter gehört, daß sie einmal in ihrer Jugend bei einer

Nachbarsfrau ein Stücklein vom echten bekommen, und daß es eine Ungüte

vom Brot drum sei.

Wie er jetzt vor dem obern Tor draußen war, zween Bogenschüsse oder

drei, kam er an eine Brücke: da mußte er ein wenig niedersitzen, die

Türme seiner Vaterstadt, das Grafenschloß, die Häuser und Mauern noch

einmal in der Morgensonne besehen; dann, eh' er weiterging, fiel ihm

noch ein: Hier könnt' ich das Paar Schuh auf den Brückenrand stellen. Er

tat's und zog fürbaß. -- Eine Stunde über die Weinsteig hinaus kommt er

in einen grünen Wald. Von ungefähr hört er auf einer Eiche den blauen

Montag schreien, welches ein kurzweiliger Vogel ist, der seinen Namen

davon hat, daß er immer einen Tag in der Woche mit der Arbeit aussetzt;

da singt er nichts als Schelmenlieder und schaut gemächlich zu, wie

andere Vögel ihre Nester richten, brüten und ihre Jungen ätzen; die

seinigen krepieren ihm auch ordinär, deswegen er ein Raritätsvogel ist.

So einen muß ich haben! denkt der Seppe; ich biet' ihn einem großen

Herrn an unterwegs. Ein sonderer Vogel ist oft gern zwei Kälber wert,

die Hepsisauer haben ihre Kirchweih um einen Guckigauch verkauft: wenn

ich nur einen Taler löse, tut mir's wohl. Wie komm ich nur gleich da

hinauf? -- Seiner Lebtage hat er nie klettern können, diesmal aber

ging's, als hätten ihrer sechs an ihm geschoben, und wie er droben ist,

da sieht er sieben Junge flügg, mit blauen Köpfen im Nest! Er streckt

schon eine Hand danach -- krach! bricht ein fauler Ast, und drunten

liegt der Schuster -- daß er nicht Hals und Bein brach, war ein Wunder.

»Ich weiß nicht,« sagte er, indem er aufstand und die Platte rieb, »was

ich von dem Pechschwitzer denken soll; das ist kein mutiger Anfang!«

Zu seinem Trost zog er sein Schnitzbrot aus dem Ranzen und fand dasselbe

wahrlich beinah schon wieder rund und ganz gewachsen. Er sprach dem

Laiblein aber im Marschieren solang zu, bis ihm ganz übel ward, und

deuchte ihn, er habe sich für alle Zeit Urdrutz daran gegessen. Sei's

drum! ein Sprüchlein sagt: »Es ist nur geschlecket, das nimmer klecket.«

Sein Sinn war allermeist auf Augsburg oder Regensburg gerichtet, denn

diese Städte hatte er vor manchen andern rühmen hören; zuvörderst wollte

er aber nach Ulm.

Mit großen Freuden sah er bald von der Bempflinger Höhe die Alb als eine

wundersame blaue Mauer ausgestreckt. Nicht anders hatte er sich immer

die schönen blauen Glasberge gedacht, dahinter, wie man ihm als Kind

gesagt, der Königin von Saba Schneckengärten liegen. Doch war ihm wohl

bekannt, daß oben weithin wieder Dörfer seien, als Böhringen, Zainingen,

Feldstetten, Suppingen, durch welche sämtlich nacheinander er passieren

mußte.

Jetzt hing sich auf der Straße ein Schönfärbergesell an ihn, gar sehr

ein naseweises Bürschchen, spitzig und witzig, mit Backen rosenrot,

Glitzäugelein, ein schwarzes Kräuselhaar dazu, und schwatzte oder pfiff

in einem weg. Der Seppe achtete nicht viel auf ihn, zumal ihm eben jetzt

etwas im Kopf umging, das hätte er sich gern allein im stillen überlegt.

Am Weg stand eine Kelter, mit einem umgelegten Trog davor, auf diesen

setzt' er sich, der Meinung, sein Weggenoß soll weiter gehen. Der aber

warf sich seitwärts hinter ihm ins Gras und schien bald eingeschlafen,

von der Hitze müd'. Da war es still umher; ein einziges Heimlein sang am

staubigen Rain so seine Weise ohn' Aufhören fort.

Endlich da fing der Seppe vor sich selbst, doch laut genug, zu sprechen

an: »Jetzt weiß ich, was ich tu': ich werd' ein Scherenschleifer! Wo ich

halt geh' und steh', juckt's mich, ein Rad zu treten, und sollt's ein

Spinnrad sein!« (Dem war auch richtig so und konnte gar nicht anders

sein, denn einer seiner Schuhe war für ein Mädchen gefeit und gesegnet.)

»Die Art von Schleiferei,« so sprach der Seppe weiter, »muß einer doch

bald können, und so ein Kerl führt seine Werkstatt lustig auf einem

Schubkarrn durch die Welt, sieht alle Tage eine andere Stadt, da pflanzt

er sich im Schatten an einem Markteck auf und dreht seinen Stein, daß

die Funken wegfliegen. Die Leute mögen sprechen, was sie wollen, das ist

jetzt einmal mein Beruf und mein Genie, ich spür's in allen Gliedern;

und wo mir recht ist, hat mein Ehni seliger einmal gesagt: Der Seppe ist

unter dem Zeichen des Wetzsteins geboren.«

Bei diesen Reden richtete sich das Färberlein halb in die Höh'. Der ist

ein Letzkopf, dachte es, und ich bin meines Lebens neben ihm nicht eines

Glaubens Länge sicher; stand sachte auf, schlich sich hinweg in einem

guten Bogen über das Ackerfeld und fußete sodann der geraden Straße

nach, als brennte ihm der Steiß, Metzingen zu. Der Schuster, welcher

endlich auch aufbrach, sah ihn von weitem rennen, argwöhnte aber nichts

und zog, seines Vorsatzes herzlich vergnügt, demselben Flecken zu.

Allein wie schaute er hoch auf, da alle Leute dort die Köpfe nach ihm

aus den Fenstern streckten und ihm die Kinder auf der Gasse, an zwanzig,

mit Geschrei nachsprangen und sangen:

Scherr^aschleifer, wetz, wetz, wetz,

Laß dei Rädle schnurr^a!

Stu^agart ist ^a grauße Stadt,

Lauft ^a Gä^nsbach dur^a.

Der Seppe hatte einen Stiefelszorn, schwang öfter seinen Knotenstock

gegen den Schwarm: sie schrien aber nur um desto ärger, und also macht'

er sich, so hurtig er nur konnte, aus dem Wespennest hinaus. Noch vor

der letzten Hütte draußen hörte er ein Stimmlein verhallend im Wind:

Scherr^aschleifer, wetz, wetz, wetz!

Er hätte für sein Leben gern den Färber, welcher ihm den Possen spielte,

dagehabt und ihm das Fell geruckt, wie er's verdiente; der aber blieb im

Ort zurück, wo er in Arbeit stand. Sonst war der Wicht in Büßingen

daheim, wie er dem Seppe sagte.

Derselbe ließ sich den erlittenen Schimpf nicht allzulang' anfechten,

noch seinen Vorsatz dadurch beugen. Er machte seinen Trott so fort, und

widerfuhr ihm diesen Tag nichts weiter von Bedeutung, als daß er

etlichmal rechts ging, wo er links gesollt hätte, und hinwiederum links,

wo es rechts gemeint war; das freilich nach dem Zeugnis aller

Reis'beschreiber schon gar die Art nicht ist, um zeitig und mit wenig

Kosten an einen Ort zu kommen.

Einstweilen langte es doch eben noch bis Urach, wo er zur Nachtherberge

blieb. Am Morgen ging's hinauf die hohe Steig auf das Gebirg, nicht ohne

vieles Stöhnen, denn sein einer Schuh -- er merkte es schon gestern --

hatte ihm ein Hühneraug' gedrückt, das machte ihm zu schaffen. Da wo die

Steig am End ist, holte er zum Glück ein gutes Bäuerlein aus Suppingen

auf einem Wagen mit etwas Schreinwerk ein, das hieß ihn ungebeten bei

ihm aufsitzen.

Als sie nun eine Weile so, die große Ebene hinfahrend, beieinander

saßen, fing der Bauer an: »Mit Vergunst, i mu^aß jetzt doch fürwitzig

frog^a: Gelt, Ihr sind g'wiß a Dreh^ar?« -- »Warum?« -- »Ei,« sprach das

Bäuerlein und sah auf des Gesellen Fuß, »do der Kamrad arbeit't allfort,

ma moi^nt er mü^aß all' mei' vier Räder trett^a!«

Der Seppe schämte sich ein wenig, im Herzen war er aber selig froh und

dachte: Hat mir der Bauer da ein Licht aufstecken müssen! Auf einen

Drehstuhl will's mit dir hinaus und anderst nirgends hin!

Von nun an war der Schuster wie ein umgewend'ter Handschuh, ganz ein

andrer Mensch, gesprächig, lustig, langte den Schnitzlaib heraus, gab

ihn dem Bäuerlein bis auf den Anschnitt, sagend: »Lieber Mann, des bin

ich froh, daß Ihr mir angesehen, daß ich ein Dreher bin!« -- »Ha,«

sprach der andere, »sell ist gu^at merk^a.« -- Der Alte kaute einen

Bissen und machte ordentlich die Augen zu dabei, so gut schmeckte es

ihm; das übrige hob er als Heimbringens auf für Weib und Kinder. Danach

ward er redselig, erzählte dem Gesellen allerlei: vom Hanf- und

Flachsbau auf der Alb; wie sie im Winter gut in ihren strohgedeckten

Hütten säßen, ingleichen wie man solche Dächer mit besonderer Kunst

verfertige. Auch wußte er ihm viel zu sagen von Blaubeuren, einem

Städtlein und Kloster im Tal, zwischen mächtigen Felsen gelegen; da

komme er hindurch und möge er sich ja den Blautopf auch beschauen, wie

alle Fremde tun.

Du aber, wohlgeneigter Leser, lasse dich, derweil die beiden so zusammen

diskurrieren, auch etlicher Dinge besonders berichten, die, ob sie sich

zwar lang' vor Seppes Zeit begeben, nichtsdestoweniger zu dieser

Geschichte gehören! Vernimm hiernach die wahre und anmutige

_Historie von der schönen Lau._

Der Blautopf ist der große runde Kessel eines wundersamen Quells bei

einer jähen Felsenwand gleich hinter dem Kloster. Gen Morgen sendet er

ein Flüßchen aus, die Blau, welche der Donau zufällt. Dieser Teich ist

einwärts wie ein tiefer Trichter, sein Wasser ist von Farbe ganz blau,

sehr herrlich, mit Worten nicht wohl zu beschreiben; wenn man es aber

schöpft, sieht es ganz hell in dem Gefäß.

Zu unterst auf dem Grund saß ehemals eine Wasserfrau mit langen

fließenden Haaren. Ihr Leib war allenthalben wie eines schönen

natürlichen Weibs, dies eine ausgenommen, daß sie zwischen den Fingern

und Zehen eine Schwimmhaut hatte, blühweiß und zarter als ein Blatt von

Mohn. Im Städtlein ist noch heutzutag ein alter Bau, vormals ein

Frauenkloster, hernach zu einer großen Wirtschaft eingerichtet, und hieß

darum der Nonnenhof. Dort hing vor sechzig Jahren noch ein Bildnis von

dem Wasserweib, trotz Rauch und Alter noch wohl kenntlich in den Farben.

Da hatte sie die Hände kreuzweis auf die Brust gelegt, ihr Angesicht sah

weißlich, das Haupthaar schwarz, die Augen aber, welche sehr groß waren,

blau. Beim Volk hieß sie die arge Lau im Topf, auch wohl die schöne Lau.

Gegen die Menschen erzeigte sie sich bald böse, bald gut. Zuzeiten, wenn

sie im Unmut den Gumpen übergehen ließ, kam Stadt und Kloster in Gefahr;

dann brachten ihr die Bürger in einem feierlichen Aufzug oft Geschenke,

sie zu begütigen, als Gold- und Silbergeschirr, Becher, Schalen, kleine

Messer und andere Dinge, dawider zwar, als einen heidnischen Gebrauch

und Götzendienst, die Mönche redlich eiferten, bis derselbe auch endlich

ganz abgestellt worden. So feind darum die Wasserfrau dem Kloster war,

geschah es doch nicht selten, wenn Pater Emeran die Orgel drüben schlug

und kein Mensch in der Nähe war, daß sie am lichten Tag mit halbem Leib

heraufkam und zuhorchte; dabei trug sie zuweilen einen Kranz von breiten

Blättern auf dem Kopf und auch dergleichen um den Hals.

Ein frecher Hirtenjung' belauschte sie einmal in dem Gebüsch und rief:

»Hei, Laubfrosch! git's gu^at Wetter?« Geschwinder als ein Blitz und

giftiger als eine Otter fuhr sie heraus, ergriff den Knaben beim Schopf

und riß ihn mit hinunter in eine ihrer nassen Kammern, wo sie den

ohnmächtig gewordenen jämmerlich verschmachten und verfaulen lassen

wollte. Bald aber kam er wieder zu sich, fand eine Tür und kam über

Stufen und Gänge durch viele Gemächer in einen schönen Saal. Hier war es

lieblich, glusam mitten im Winter. In einer Ecke brannte, indem die Lau

und ihre Dienerschaft schon schlief, auf einem hohen Leuchter mit

goldenen Vogelfüßen als Nachtlicht eine Ampel. Es stand viel köstlicher

Hausrat herum an den Wänden, und diese waren samt dem Estrich ganz mit

Teppichen staffiert: Bildweberei in allen Farben. Der Knabe hurtig nahm

das Licht herunter von dem Stock, sah sich in Eile um, was er noch sonst

erwischen möchte, und griff aus einem Schrank etwas heraus, das stak in

einem Beutel und war mächtig schwer, deswegen er vermeinte, es sei Gold;

lief dann und kam vor ein erzenes Pförtlein, das mochte in der Dicke gut

zwo Fäuste sein, schob die Riegel zurück und stieg eine steinerne Treppe

hinauf in unterschiedlichen Absätzen, bald links, bald wieder rechts,

gewiß vierhundert Stufen, bis sie zuletzt ausgingen und er auf

ungeräumte Klüfte stieß; da mußte er das Licht dahinten lassen und

kletterte so mit Gefahr seines Lebens noch eine Stunde lang im Finstern

hin und her, dann aber brachte er den Kopf auf einmal aus der Erde. Es

war tief Nacht und dicker Wald um ihn. Als er nach vielem Irregehen

endlich mit der ersten Morgenhelle auf gänge Pfade kam und von dem

Felsen aus das Städtlein unten erblickte, verlangte ihn am Tag zu sehen,

was in dem Beutel wäre: da war es weiter nichts als ein Stück Blei, ein

schwerer Kegel, spannenlang, mit einem Oehr an seinem obern Ende, weiß

vor Alter. Im Zorn warf er den Plunder weg ins Tal hinab und sagte

nachher weiter niemand von dem Raub, weil er sich dessen schämte. Doch

kam von ihm die erste Kunde von der Wohnung der Wasserfrau unter die

Leute.

Nun ist zu wissen, daß die schöne Lau nicht hier am Ort zu Hause war:

vielmehr war sie, als eine Fürstentochter, und zwar von Mutter Seiten

her halbmenschlichen Geblüts, mit einem alten Donaunix am Schwarzen Meer

vermählt. Ihr Mann verbannte sie darum, daß sie nur tote Kinder hatte.

Das aber kam, weil sie stets traurig war ohn' einige besondere Ursach'.

Die Schwiegermutter hatte ihr geweissagt, sie möge eher nicht eines

lebenden Kindes genesen, als bis sie fünfmal von Herzen gelacht haben

würde. Beim fünftenmal müßte etwas sein, das dürfe sie nicht wissen noch

auch der alte Nix. Es wollte aber damit niemals glücken, so viel auch

ihre Leute deshalb Fleiß anwendeten; endlich da mochte sie der alte

König ferner nicht an seinem Hofe leiden und sandte sie an diesen Ort,

unweit der obern Donau, wo seine Schwester wohnte. Die Schwiegermutter

hatte ihr zum Dienst und Zeitvertreib etliche Kammerzofen und Mägde

mitgegeben, so muntere und kluge Mädchen, als je auf Entenfüßen gingen

(denn was von dem gemeinen Stamm der Wasserweiber ist, hat rechte

Entenfüße); die zogen sie, pur für die Langeweile, sechsmal des Tages

anders an (denn außerhalb dem Wasser ging sie in köstlichen Gewändern,

doch barfuß), erzählten ihr alte Geschichten und Mären, machten Musik,

tanzten und scherzten vor ihr. An jenem Saal, darin der Hirtenbub

gewesen, war der Fürstin ihr Gaden oder Schlafgemach, von welchem eine

Treppe in den Blautopf ging. Da lag sie manchen lieben Tag und manche

Sommernacht der Kühlung wegen. Auch hatte sie allerlei lustige Tiere,

wie Vögel, Küllhasen und Affen, vornehmlich aber einen possigen Zwerg,

durch welchen vormals einem Ohm der Fürstin war von eben solcher

Traurigkeit geholfen worden. Sie spielte alle Abend Damenziehen,

Schachzagel oder Schaf und Wolf mit ihm; so oft er einen ungeschickten

Zug getan, schnitt er die raresten Gesichter, keines dem andern gleich,

nein, immer eines ärger als das andere, daß auch der weise Salomo das

Lachen nicht gehalten hätte, geschweige denn die Kammerjungfern oder du

selber, liebe Leserin, wärst du dabei gewesen; nur bei der schönen Lau

schlug eben gar nichts an, kaum daß sie ein paarmal den Mund verzog.

Es kamen alle Jahr um Winters Anfang Boten von daheim, die klopften an

der Halle mit dem Hammer, da frugen dann die Jungfern:

Wer pochet, daß einem das Herz erschrickt?

Und jene sprachen:

Der König schickt.

Gebt uns wahrhaftigen Bescheid,

Was Guts ihr habt geschafft die Zeit!

Und sie sagten:

Wir haben die ferndigen Lieder gesungen

Und haben die ferndigen Tänze gesprungen,

Gewonnen war es um ein Haar. --

Kommt, liebe Herren, übers Jahr!

So zogen sie wieder nach Haus. Die Frau war aber vor der Botschaft und

danach stets noch einmal so traurig.

Im Nonnenhof war eine dicke Wirtin, Frau Betha Seysolffin, ein frohes

Biederweib, christlich, leutselig, gütig; zumal an armen reisenden

Gesellen bewies sie sich als eine rechte Fremdenmutter. Die Wirtschaft

führte zumeist ihr ältster Sohn, Stephan, welcher verehlicht war; ein

anderer, Xaver, war Klosterkoch, zwo Töchter noch bei ihr. Sie hatte

einen kleinen Küchengarten vor der Stadt, dem Topf zunächst. Als sie im

Frühjahr einst am ersten warmen Tag dort war und ihre Beete richtete,

den Kappis, den Salat zu säen, Bohnen und Zwiebel zu stecken, besah sie

sich von ungefähr auch einmal recht mit Wohlgefallen wieder das schöne

blaue Wasser überm Zaun und mit Verdruß daneben einen alten garstigen

Schutthügel, der schändete den ganzen Platz; nahm also, wie sie fertig

war mit ihrer Arbeit und das Gartentürlein hinter sich zugemacht hatte,

die Hacke noch einmal, riß flink das gröbste Unkraut aus, erlas etliche

Kürbiskern' aus ihrem Samenkorb und steckte hin und wieder einen in den

Haufen. (Der Abt im Kloster, der die Wirtin, als eine saubere Frau, gern

sah -- man hätte sie nicht über vierzig Jahr geschätzt, er selber aber

war, gleich ihr, ein starkbeleibter Herr -- stand just am Fenster oben

und grüßte herüber, indem er mit dem Finger drohte, als halte sie zu

seiner Widersacherin.) Die Wüstung grünte nun den ganzen Sommer, daß es

eine Freude war, und hingen dann im Herbst die großen gelben Kürbis an

dem Abhang nieder bis zu dem Teich.

Jetzt ging einsmals der Wirtin Tochter, Jutta, in den Keller, woselbst

sich noch von alten Zeiten her ein offener Brunnen mit einem steinernen

Kasten befand. Beim Schein des Lichts erblickte sie darinnen mit

Entsetzen die schöne Lau, schwebend bis an die Brust im Wasser, sprang

voller Angst davon und sagt's der Mutter an; die fürchtete sich nicht

und stieg allein hinunter, litt auch nicht, daß ihr der Sohn zum Schutz

nachfolge, weil das Weib nackt war.

Der wunderliche Gast sprach diesen Gruß:

Die Wasserfrau ist kommen

Gekrochen und geschwommen

Durch Gänge steinig, wüst und kraus

Zur Wirtin in das Nonnenhaus.

Sie hat sich meinethalb gebückt,

Mein' Topf geschmückt

Mit Früchten und mit Ranken,

Das muß ich billig danken.

Sie hatte einen Kreisel aus wasserhellem Stein in ihrer Hand, den gab

sie der Wirtin und sagte: »Nehmt dieses Spielzeug, liebe Frau, zu meinem

Angedenken! Ihr werdet guten Nutzen davon haben. Denn jüngsthin habe ich

gehört, wie Ihr in Eurem Garten der Nachbarin klagtet, Euch sei schon

auf die Kirchweih angst, wo immer die Bürger und Bauern zu Unfrieden

kämen und Mord und Totschlag zu befahren sei. Derhalben, liebe Frau,

wenn wieder die trunkenen Gäste bei Tanz und Zeche Streit beginnen,

nehmt den Topf zur Hand und dreht ihn vor der Tür des Saals im Oehrn, da

wird man hören durch das ganze Haus ein mächtiges und herrliches Getöne,

daß alle gleich die Fäuste werden sinken lassen und guter Dinge sein,

denn jählings ist ein jeder nüchtern und gescheit geworden. Ist es an

dem, so werfet Eure Schürze auf den Topf! da wickelt er sich alsbald ein

und lieget stille.«

So redete das Wasserweib. Frau Betha nahm vergnügt das Kleinod samt der

goldenen Schnur und dem Halter von Ebenholz, rief ihrer Tochter Jutta

her (sie stand nur hinter dem Krautfaß an der Staffel), wies ihr die

Gabe, dankte und lud die Frau, so oft die Zeit ihr lang wär, freundlich

ein zu fernerem Besuch; darauf das Weib hinabfuhr und verschwand.

Es dauerte nicht lang', so wurde offenbar, welch einen Schatz die

Wirtschaft an dem Topf gewann. Denn nicht allein, daß er durch seine

Kraft und hohe Tugend die übeln Händel allezeit in einer Kürze dämpfte,

er brachte auch dem Gasthaus bald erstaunliche Einkehr zuwege. Wer in

die Gegend kam, gemein oder vornehm, ging ihm zulieb; insonderheit kam

bald der Graf von Helfenstein, von Wirtemberg und etliche große

Prälaten; ja ein berühmter Herzog aus Lombardenland, so bei dem Herzoge

von Bayern gastweis war und dieses Wegs nach Frankreich reiste, bot

vieles Geld für dieses Stück, wenn es die Wirtin lassen wollte. Gewiß

auch war in keinem andern Land seinesgleichen zu sehen und zu hören.

Erst, wenn er anhub sich zu drehen, ging es doucement her, dann klang es

stärker und stärker, so hoch wie tief, und immer herrlicher, als wie der

Schall von vielen Pfeifen, der quoll und stieg durch alle Stockwerke bis

unter das Dach und bis in den Keller, dergestalt daß alle Wände, Dielen,

Säulen und Geländer schienen davon erfüllt zu sein, zu tönen und zu

schwellen. Wenn nun das Tuch auf ihn geworfen wurde und er ohnmächtig

lag, so hörte gleichwohl die Musik sobald nicht auf, es zog vielmehr der

ausgeladene Schwall mit starkem Klingen, Dröhnen, Summen noch wohl bei

einer Viertelstunde hin und her.

Bei uns im Schwabenland heißt so ein Topf aus Holz gemeinhin eine

Habergeis; Frau Betha ihrer ward nach seinem vornehmsten Geschäfte

insgemein genannt der Bauren-Schwaiger. Er war gemacht aus einem großen

Amethist, des Name besagen will: Wider den Trunk, weil er den schweren

Dunst des Weins geschwinde aus dem Kopf vertreibt, ja schon von Anbeginn

dawider tut, daß einen guten Zecher das Selige berühre; darum ihn auch

weltlich und geistliche Herren sonst häufig pflegten am Finger zu

tragen.

Die Wasserfrau kam jeden Mond einmal, auch je und je unverhofft zwischen

der Zeit, weshalb die Wirtin eine Schelle richten ließ oben im Haus mit

einem Draht, der lief herunter an der Wand beim Brunnen, damit sie sich

gleichbald anzeigen konnte. Also ward sie je mehr und mehr zutunlich zu

den wackeren Frauen, der Mutter samt den Töchtern und der Söhnerin.

Einsmals an einem Nachmittag im Sommer, da eben keine Gäste kamen, der

Sohn mit den Knechten und Mägden hinaus in das Heu gefahren war, Frau

Betha mit der Aeltesten im Keller Wein abließ, die Lau im Brunnen aber

Kurzweil halben dem Geschäft zusah und nun die Frauen noch ein wenig mit

ihr plauderten, da fing die Wirtin an: »Mögt Ihr Euch denn einmal in

meinem Haus und Hof umsehn? Die Jutta könnte Euch etwas von Kleidern

geben; ihr seid von _einer_ Größe.«

»Ja,« sagte sie, »ich wollte lange gern die Wohnungen der Menschen sehn,

was alles sie darin gewerben, spinnen, weben, ingleichen auch wie Eure

Töchter Hochzeit machen und ihre kleinen Kinder in der Wiege schwenken.«

Da lief die Tochter fröhlich mit Eile hinauf, ein rein Leintuch zu

holen, bracht' es und half ihr aus dem Kasten steigen; das tat sie

sonder Müh' und lachenden Mundes. Flugs schlug ihr die Dirne das Tuch um

den Leib und führte sie bei ihrer Hand eine schmale Stiege hinauf in der

hintersten Ecke des Kellers, da man durch eine Falltüre oben gleich in

der Töchter Kammer gelangt. Allda ließ sie sich trocken machen und saß

auf einem Stuhl, indem ihr Jutta die Füße abrieb. Wie diese ihr nun an

die Sohle kam, fuhr sie zurück und kicherte. »War's nicht gelacht?« frug

sie selber sogleich. -- »Was anders?« rief das Mädchen und jauchzte:

»Gebenedeiet sei uns der Tag! ein erstes Mal wär' es geglückt!« -- Die

Wirtin hörte in der Küche das Gelächter und die Freude, kam herein,

begierig, wie es zugegangen, doch als sie die Ursach' vernommen -- du

armer Tropf, so dachte sie, das wird ja schwerlich gelten! -- ließ sich

indes nichts merken, und Jutta nahm etliche Stücke heraus aus dem

Schrank, das Beste was sie hatte, die Hausfreundin zu kleiden. »Seht!«

sagte die Mutter, »sie will wohl aus Euch eine Susann Preisnestel

machen.« -- »Nein,« rief Lau in ihrer Fröhlichkeit, »laß mich die

Aschengruttel sein in deinem Märchen!« nahm einen schlechten runden

Faltenrock und eine Jacke; nicht Schuh noch Strümpfe litt sie an den

Füßen, auch hingen ihre Haare ungezöpft bis auf die Knöchel nieder. So

strich sie durch das Haus von unten bis zu oberst, durch Küche, Stuben

und Gemächer. Sie verwunderte sich des gemeinsten Gerätes und seines

Gebrauchs, besah den rein gefegten Schenktisch und darüber in langen

Reihen die zinnenen Kannen und Gläser, alle gleich gestürzt, mit

hängendem Deckel, dazu den kupfernen Schwenkkessel samt der Bürste und

mitten in der Stube an der Decke der Weber Zunftgeschmuck, mit

Seidenband und Silberdraht geziert, in dem Kästlein von Glas. Von

ungefähr erblickte sie ihr eigen Bild im Spiegel, davor blieb sie

betroffen und erstockt eine ganze Weile stehn, und als darauf die

Söhnerin sie mit in ihre Stube nahm und ihr ein neues Spiegelein, drei

Groschen wert, verehrte, da meinte sie Wunders zu haben; denn unter

allen ihren Schätzen fand sich dergleichen nicht.

Bevor sie aber Abschied nahm, geschah's, daß sie hinter den Vorhang des

Alkoven schaute, woselbst der jungen Frau und ihres Mannes Bett sowie

der Kinder Schlafstätte war. Saß da ein Enkelein mit rotgeschlafenen

Backen, hemdig und einen Apfel in der Hand, auf einem runden Stühlchen

von guter Ulmer Hafnerarbeit, grünverglaset. Das wollte dem Gast außer

Maßen gefallen; sie nannte es einen viel zierlichen Sitz, rümpft' aber

die Nase mit eins, und da die drei Frauen sich wandten zu lachen,

vermerkte sie etwas und fing auch hell zu lachen an, und hielt sich die

ehrliche Wirtin den Bauch, indem sie sprach: »Diesmal fürwahr hat es

gegolten, und Gott schenk Euch einen so frischen Buben, als mein Hans da

ist!«

Die Nacht darauf, daß sich dies zugetragen, legte sich die schöne Lau

getrost und wohlgemut, wie schon in Jahren nicht, im Grund des Blautopfs

nieder, schlief gleich ein, und bald erschien ihr ein närrischer Traum.

Ihr deuchte da, es war die Stunde nach Mittag, wo in der heißen

Jahreszeit die Leute auf der Wiese sind und mähen, die Mönche aber sich

in ihren kühlen Zellen eine Ruhe machen, daher es noch einmal so still

im ganzen Kloster und rings um seine Mauern war. Es stund jedoch nicht

lange an, so kam der Abt herausspaziert und sah, ob nicht etwa die

Wirtin in ihrem Garten sei. Dieselbe aber saß als eine dicke Wasserfrau

mit langen Haaren in dem Topf, allwo der Abt sie bald entdeckte, sie

begrüßte und ihr einen Kuß gab, so mächtig, daß es vom Klostertürmlein

widerschallte, und schallte es der Turm ans Refektorium, das sagt' es

der Kirche, und die sagt's dem Pferdestall, und der sagt's dem

Waschhaus, und im Waschhaus da riefen's die Zuber und Kübel sich zu. Der

Abt erschrak bei solchem Lärm; ihm war, wie er sich nach der Wirtin

bückte, sein Käpplein in Blautopf gefallen; sie gab es ihm geschwind,

und er watschelte hurtig davon.

Da aber kam aus dem Kloster heraus unser Herrgott, zu sehn, was es gebe.

Er hatte einen langen weißen Bart und einen roten Rock. Und frug den

Abt, der ihm just in die Hände lief:

Herr Abt, wie ward Euer Käpplein so naß?

Und er antwortete:

Es ist mir ein Wildschwein am Wald verkommen,

Vor dem hab' ich Reißaus genommen;

Ich rannte sehr und schwitzet' baß,

Davon ward wohl mein Käpplein so naß.

Da hob unser Herrgott, unwirs ob der Lüge, seinen Finger auf, winkt' ihm

und ging voran, dem Kloster zu. Der Abt sah hehlings noch einmal nach

der Frau Wirtin um, und diese rief: »Ach, liebe Zeit! ach, liebe Zeit!

jetzt kommt der gut' alt' Herr in die Prison!«

Dies war der schönen Lau ihr Traum. Sie wußte aber beim Erwachen und

spürte noch an ihrem Herzen, daß sie im Schlaf sehr lachte, und ihr

hüpfte noch wachend die Brust, daß der Blautopf oben Ringlein schlug.

Weil es den Tag zuvor sehr schwül gewesen, so blitzte es jetzt in der

Nacht. Der Schein erhellte den Blautopf ganz, auch spürte sie am Boden,

es donnere weitweg. So blieb sie mit zufriedenem Gemüte noch eine Weile

ruhen, den Kopf in ihre Hand gestützt, und sah dem Wetterblicken zu. Nun

stieg sie auf, zu wissen, ob der Morgen etwa komme: allein es war noch

nicht viel über Mitternacht. Der Mond stand glatt und schön über dem

Rusenschloß, die Lüfte aber waren voll vom Würzgeruch der Mahden.

Sie meinte fast der Geduld nicht zu haben bis an die Stunde, wo sie im

Nonnenhof ihr neues Glück verkünden durfte, ja wenig fehlte, daß sie

sich jetzt nicht mitten in der Nacht aufmachte und vor Juttas Türe kam

(wie sie nur einmal Trostes wegen in übergroßem Jammer nach der jüngsten

Botschaft aus der Heimat tat), doch sie besann sich anders und ging zu

besserer Zeit.

Frau Betha hörte ihren Traum gutmütig an, obwohl er ihr ein wenig

ehrenrührig schien. Bedenklich aber sagte sie darauf: »Baut nicht auf

solches Lachen, das im Schlaf geschah! der Teufel ist ein Schelm. Wenn

Ihr auf solches Trugwerk hin die Boten mit fröhlicher Zeitung entließet,

und die Zukunft strafte Euch Lügen, es könnte schlimm daheim ergehen.«

Auf diese Rede hing die schöne Lau den Mund gar sehr und sagte: »Frau

Ahne hat der Traum verdrossen!« nahm kleinlauten Abschied und tauchte

hinunter.

Es war nah bei Mittag, da rief der Pater Schaffner im Kloster dem Bruder

Kellermeister eifrig zu: »Ich merk', es ist im Gumpen letz! Die Arge

will Euch Eure Faß wohl wieder einmal schwimmen lehren. Tut Eure Läden

eilig zu, vermachet alles wohl!«

Nun aber war des Klosters Koch, der Wirtin Sohn, ein lustiger Vogel,

welchen die Lau wohl leiden mochte. Der dachte ihren Jäst mit einem

Schnak zu stillen, lief nach seiner Kammer, zog die Bettscher aus der

Lagerstätte und steckte sie am Blautopf in den Rasen, wo das Wasser

auszutreten pflegte, und stellte sich mit Worten und Gebärden als einen

viel getreuen Diener an, der mächtig Aengsten hätte, daß seine

Herrschaft aus dem Bette fallen und etwa Schaden nehmen möchte. Da sie

nun sah das Holz so recht mit Fleiß gesteckt und über das Bächlein

gespreizt, kam ihr in ihrem Zorn das Lachen an, und lachte überlaut, daß

man's im Klostergarten hörte.

Als sie hierauf am Abend zu den Frauen kam, da wußten sie es schon vom

Koch und wünschten ihr mit tausend Freuden Glück. Die Wirtin sagte: »Der

Xaver ist von Kindesbeinen an gewesen als wie der Zuberklaus, jetzt

kommt uns seine Torheit zustatten.«

Nun aber ging ein Monat nach dem andern herum: es wollte sich zum

dritten- oder viertenmal nicht wieder schicken. Martini war vorbei, noch

wenig Wochen, und die Boten standen wieder vor der Tür. Da ward es den

guten Wirtsleuten selbst bang, ob heuer noch etwas zustande käme, und

alle hatten nur zu trösten an der Frau. Je größer deren Angst, je

weniger zu hoffen war.

Damit sie ihres Kummers eher vergesse, lud ihr Frau Betha einen

Lichtkarz ein, da nach dem Abendessen ein halb Dutzend muntre Dirnen und

Weiber aus der Verwandtschaft in einer abgelegenen Stube mit ihren

Kunkeln sich zusammensetzten. Die Lau kam alle Abend in Juttas altem

Rock und Kittel und ließ sich weit vom warmen Ofen weg in einem Winkel

auf dem Boden nieder und hörte dem Geplauder zu, von Anfang als ein

stummer Gast, ward aber bald zutraulich und bekannt mit allen. Um

ihretwillen machte sich Frau Betha eines Abends ein Geschäft daraus, ihr

Weihnachtskripplein für die Enkel beizeiten herzurichten: die Mutter

Gottes mit dem Kind im Stall, bei ihr die drei Weisen aus Morgenland,

ein jeder mit seinem Kamel, darauf er hergereist kam und seine Gaben

brachte. Dies alles aufzuputzen und zu leimen, was etwa lotter war, saß

die Frau Wirtin an dem Tisch beim Licht mit ihrer Brille, und die

Wasserfrau mit höchlichem Ergötzen sah ihr zu, so wie sie auch gerne

vernahm, was ihr von heiligen Geschichten dabei gesagt wurde, doch nicht

daß sie dieselben dem rechten Verstand nach begriff oder zu Herzen nahm,

wie gern auch die Wirtin es wollte.

Frau Betha wußte ferner viel lehrreicher Fabeln und Denkreime, auch

spitzweise Fragen und Rätsel; die gab sie nacheinander im Vorsitz auf zu

raten, weil sonderlich die Wasserfrau von Hause aus dergleichen liebte

und immer gar zufrieden schien, wenn sie es ein und das andre Mal traf

(das doch nicht allzu leicht geriet). Eines derselben gefiel ihr vor

allen, und was damit gemeint ist, nannte sie ohne Besinnen:

Ich bin eine dürre Königin,

Trag' auf dem Haupt eine zierliche Kron',

Und die mir dienen mit treuem Sinn,

Die haben großen Lohn.

Meine Frauen müssen mich schön frisieren,

Erzählen mir Märlein ohne Zahl.

Sie lassen kein einzig Haar an mir,

Doch siehst du mich nimmer kahl.

Spazieren fahr' ich frank und frei,

Das geht so rasch, das geht so fein;

Nur komm ich nicht vom Platz dabei --

Sagt Leute! was mag das sein?

Darüber sagte sie, in etwas fröhlicher denn zuvor: »Wenn ich dereinstens

wiederum in meiner Heimat bin und kommt einmal ein schwäbisch

Landeskind, zumal aus Eurer Stadt, auf einer Kriegsfahrt oder sonst

durch der Walachen Land an unsere Gestade, so ruf er mich bei Namen,

dort wo der Strom am breitesten hineingeht in das Meer -- versteht! zehn

Meilen einwärts in dieselbe See erstreckt sich meines Mannes Reich, so

weit das süße Wasser sie mit seiner Farbe färbt -- dann will ich kommen

und dem Fremdling zu Rat und Hilfe sein. Damit er aber sicher sei, ob

ich es bin und keine andere, die ihm schaden möchte, so stelle er dies

Rätsel. Niemand aus unserem Geschlechte außer mir wird ihm darauf

antworten, denn dortzuland sind solche Rocken und Rädlein, als Ihr in

Schwaben führet, nicht gesehn, noch kennen sie dort Eure Sprache; darum

mag dies die Losung sein.«

Auf einen andern Abend ward erzählt vom Doktor Veylland und Herrn Konrad

von Wirtemberg, dem alten Gaugrafen, in dessen Tagen es noch keine Stadt

mit Namen Stuttgart gab. Im Wiesental, da wo dieselbe sich nachmals

erhob, stund nur ein stattliches Schloß mit Wassergraben und Zugbrücke,

von Bruno, dem Domherrn von Speyer, Konradens Oheim, erbaut, und nicht

gar weit davon ein hohes steinernes Haus. In diesem wohnte dazumal mit

einem alten Diener ganz allein ein sonderlicher Mann, der war in

natürlicher Kunst und in Arzneikunst sehr gelehrt und war mit seinem

Herrn, dem Grafen, weit in der Welt herumgereist in heißen Ländern, von

wo er manche Seltsamkeit an Tieren, vielerlei Gewächsen und Meerwundern

heraus nach Schwaben brachte. In seinem Oehrn sah man der fremden Sachen

eine Menge an den Wänden herum hangen: die Haut vom Krokodil sowie

Schlangen und fliegende Fische. Fast alle Wochen kam der Graf einmal zu

ihm; mit andern Leuten pflegte er wenig Gemeinschaft. Man wollte

behaupten, er mache Gold; gewiß ist, daß er sich unsichtbar machen

konnte, denn er verwahrte unter seinem Kram einen Krackenfischzahn.

Einst nämlich, als er auf dem Roten Meer das Bleilot niederließ, die

Tiefe zu erforschen, da zockt' es unterm Wasser, daß das Tau fast riß.

Es hatte sich ein Krackenfisch im Lot verbissen und zween seiner Zähne

darinnen gelassen. Sie sind wie eine Schustersahle, spitz und glänzend

schwarz. Der eine stak sehr fest, der andere ließ sich leicht ausziehen.

Da nun ein solcher Zahn, etwa in Silber oder Gold gefaßt und bei sich

getragen, besagte hohe Kraft besitzt und zu den größten Gütern, so man

für Geld nicht haben kann, gehört, der Doktor aber dafür hielt, es zieme

eine solche Gabe niemand besser als einem weisen und wohldenkenden

Gebieter, damit er überall, in seinen eigenen und Feindes Landen, sein

Ohr und Auge habe, so gab er einen dieser Zähne seinem Grafen, wie er ja

ohnedem wohl schuldig war, mit Anzeigung von dessen Heimlichkeit, davon

der Herr nichts wußte. Von diesem Tage an erzeigte sich der Graf dem

Doktor gnädiger als allen seinen Edelleuten oder Räten, und hielt ihn

recht als seinen lieben Freund, ließ ihm auch gern und sonder Neid das

Lot zu eigen, darin der andere Zahn war, doch unter dem Gelöbnis, sich

dessen ohne Not nicht zu bedienen, auch ihn vor seinem Ableben entweder

ihm, dem Grafen, erblich zu verlassen oder auf alle Weise der Welt zu

entrücken, wo nicht ihn gänzlich zu vertilgen. Der edle Graf starb aber

um zwei Jahre eher als der Veylland und hinterließ das Kleinod seinen

Söhnen nicht; man glaubt, aus Gottesfurcht und weiser Vorsicht hab' er

es mit in das Grab genommen oder sonst verborgen.

Wie nun der Doktor auch am Sterben lag, so rief er seinen treuen Diener

Kurt zu ihm ans Bett und sagte: »Lieber Kurt! es gehet diese Nacht mit

mir zu Ende, so will ich dir noch deine guten Dienste danken und etliche

Dinge befehlen. Dort bei den Büchern in dem Fach zu unterst in der Ecke

ist ein Beutel mit hundert Imperialen, den nimm sogleich zu dir! Du

wirst auf Lebenszeit genug daran haben. Zum zweiten, das alte

geschriebene Buch in dem Kästlein daselbst verbrenne jetzt vor meinen

Augen hier in dem Kamin! Zum dritten findest du ein Bleilot dort, das

nimm, verbirg's bei deinen Sachen, und wenn du aus dem Hause gehst in

deine Heimat gen Blaubeuren, laß es dein erstes sein, daß du es in den

Blautopf wirfst!« -- Hiermit war er darauf bedacht, daß es ohne Gottes

besondere Fügung in ewigen Zeiten nicht in irgendeines Menschen Hände

komme. Denn damals hatte sich die Lau noch nie im Blautopf blicken

lassen und hielt man selben überdies für unergründlich.

Nachdem der gute Diener jenes alles teils auf der Stelle ausgerichtet,

teils versprochen, nahm er mit Tränen Abschied von dem Doktor, welcher

vor Tage noch das Zeitliche gesegnete.

Als nachher die Gerichtspersonen kamen und allen kleinen Quark

aussuchten und versiegelten, da hatte Kurt das Bleilot zwar beiseit'

gebracht, den Beutel aber nicht versteckt (denn er war keiner von den

Schlauesten) und mußte ihn dalassen, bekam auch nach der Hand nicht

einen Deut davon zu sehen, kaum daß die schnöden Erben ihm den

Jahreslohn auszahlten.

Solch Unglück ahnete ihm schon, als er, auch ohnedem betrübt genug, mit

seinem Bündelein in seiner Vaterstadt einzog. Jetzt dachte er an nichts,

als seines Herrn Befehl vor allen Dingen zu vollziehen. Weil er seit

dreiundzwanzig Jahren nimmer hier gewesen, so kannte er die Leute nicht,

die ihm begegneten, und da er gleichwohl einem und dem andern guten

Abend sagte, gab's ihm niemand zurück. Die Leute schauten sich, wenn er

vorüber kam, verwundert an den Häusern um, wer doch da gegrüßt haben

möchte; denn keines erblickte den Mann. Dies kam, weil ihm das Lot in

seinem Bündel auf der linken Seite hing; ein andermal, wenn er es rechts

trug, war er von allen gesehen. Er aber sprach für sich: »Zu meiner Zeit

sind di^a Blaubeur^am^ar so grob ett gwä!«

Beim Blautopf fand er seinen Vetter, den Seilermeister, mit dem Jungen

am Geschäft, indem er längs der Klostermauer, rückwärts gehend, Werg aus

seiner Schürze spann, und weiterhin der Knabe trillte die Schnur mit dem

Rad. -- »Gott grü^aß di, Vetter Seiler!« rief der Kurt und klopft' ihm

auf die Achsel. Der Meister guckt sich um, verblaßt, läßt seine Arbeit

aus den Händen fallen und lauft, was seine Beine mögen. Da lachte der

andere, sprechend: »Der denkt, mei' Seel, i wandele geistweis! D'Leut

hant g'wiß mi für tot hi^a g'sait, anstatt mein' Herr^a -- ei so

schlag!«

Jetzt ging er zu dem Teich, knüpfte sein Bündel auf und zog das Lot

heraus. Da fiel ihm ein, er möchte doch auch wissen, ob es wahr sei, daß

der Gumpen keinen Grund noch Boden habe (er wär' gern auch ein wenig so

ein Spiriguckes wie sein Herr gewesen), und weil er vorhin in des

Seilers Korb drei große, starke Schnürbund liegen sehn, so holte er

dieselben her und band das Lot an einen. Es lagen just auch

frischgebohrte Teichel, eine schwere Menge, in dem Wasser bis gegen die

Mitte des Topfs, darauf er sicher Posto fassen konnte, und also ließ er

das Gewicht hinunter, indem er immer ein Stück Schnur an seinem

ausgestreckten Arm abmaß, drei solcher Längen auf ein Klafter rechnete

und laut abzählte: »1 Klafter, 2 Klafter, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10« -- da

ging der erste Schnurbund aus und mußte er den zweiten an das Ende

knüpfen, maß wiederum ab und zählte bis auf 20. Da war der andere

Schnurbund gar. -- »Heid^aguguk, ist dees ^a Ti^afe!« -- und band den

dritten an das Trumm, fuhr fort zu zählen: »21, 22, 23, 24 --

Höllelement, mei' Arm will nimme! -- 25, 26, 27, 28, 29, 30 -- Jetzet

gu^at Nacht, 's Meß hot ^a End! Do heißt's halt, mir nex, dir nex,

rappede kappede, so isch usgang^a!« -- Er schlang die Schnur, bevor er

aufzog, um das Holz, darauf er stand, ein wenig zu verschnaufen, und

urteilte bei sich: Der Topf ist währle bod^alaus.

Indem der Spinnerinnen eine diesen Schwank erzählte, tat die Wirtin

einen schlauen Blick zur Lau hinüber, welche lächelte; denn freilich

wußte sie am besten, wie es gegangen war mit dieser Messerei; doch

sagten beide nichts. Dem Leser aber soll es unverhalten sein.

Die schöne Lau lag jenen Nachmittag auf dem Sand in der Tiefe, und, ihr

zu Füßen, eine Kammerjungfer, Aleila, welche ihr die liebste war,

beschnitt ihr in guter Ruh die Zehen mit einer goldenen Schere, wie von

Zeit zu Zeit geschah.

Das Stuttgarter Hutzelmännlein · 第 1 / 8 段