Der Rektor Gottfried =Vockerodt= in Gotha, der 1727 starb, hinterließ
einen Sohn, welcher in Halle studirte. Dessen Mutter und Schwester
wohnten noch in Gotha. Einstmals, da beide in der Stube sitzen, hören
sie, daß jemand mit starken Schritten die Treppe herauf kömmt. Die
Mutter geht hinaus, und erblickt ihren Sohn, der sich vor sie stellt,
aber zu ihrem Schrecken eine große Wunde in der Brust hat, aus der das
Blut hervorströmt. Da sie ihn anreden will, sinkt er vor ihr nieder
und verschwindet. Am folgenden Tage erhält sie durch einen Boten die
Nachricht, daß ihr Sohn um dieselbe Stunde, da er ihr erschienen war,
auf der Saalbrücke in Halle erstochen worden sei.
Diese Erscheinung ist wegen der dabei eingetroffenen Umstände, als
wichtig für den Geisterglauben, anzusehen; jedoch ebenfalls, wie alle
andern, wo historischer Beweis der Thathandlung und die Glaubwürdigkeit
der Zeugen fehlen, widerlegbar. Auch sind vorhergegangene Umstände der
Mutter nicht berührt worden, welche fähig gewesen sein können, diese
Vision zur Wirklichkeit zu bringen. Konnte nicht ein Landsmann der
Mutter kurz vorher von ihres Sohnes bevorstehendem Duell Nachricht
gegeben haben, und sie sich mit gewissen Vorstellungen gequält, bis sie
jene Vision hatte, zu welcher Zeit ihr Sohn zufällig erstochen wurde.
– Warum erschien das Gespenst nicht sogleich in der Stube, und machte
erst Geräusch eines Kommenden, das die Mutter dann allein sahe?