+Die Schlacht der Bienen und Hornissen+
Es herrschte eine ungeheuere Erregung im Reich der Bienen. Selbst in den
Tagen der Revolution war der Aufruhr nicht so groß gewesen. Der Stock
brauste. Es war nicht eine Biene, die nicht von einem heiligen Zorn der
Empörung befallen war und von glühendem Verlangen, den alten Todfeinden
mit ganzer Kraft zu begegnen. Und doch traten weder Verwirrung noch
Unordnung ein, es war gradezu erstaunlich, wie rasch die Regimenter sich
gesammelt hatten und wie gut jeder wußte, was seine Pflicht war und
wodurch er sich nützlich machen konnte.
Allerdings war es die höchste Zeit. Als auf den Ruf der Königin die
Freiwilligen vortraten, die sich als erste zu der Verteidigung des
Eingangs hergaben, kamen rasch wie sausende Pünktchen die ersten
Botschafter zurück, die ausgesandt worden waren und nun meldeten, daß
die Hornissen nahten. Es trat eine furchtbare Ruhe der Erwartung ein.
Mit gefaßtem Ernst und bleich vor Stolz, standen die ersten Soldaten
hart am Eingang in drei geschlossenen Reihen. Keiner sprach mehr, es war
totenstill umher. Nur im Hintergrund hörte man die leisen Kommandorufe
der Offiziere, die die Reserven ordneten. Es schien, als schliefe der
Stock. Nur am Tor arbeiteten leise und fieberhaft noch etwa ein Dutzend
Wachsbereiterinnen, die den Befehl erhalten hatten, den Eingang mit
Wachs zu verengen. Wie durch ein Wunder waren in den wenig Minuten zwei
dicke Wachswände entstanden, die auch die stärkste Hornisse nicht ohne
Zeitverlust zerstören konnte. Das Flugloch war fast um die Hälfte
verkleinert worden.
Die Königin hatte einen Posten inne, von dem aus sie in der Lage war,
den Kampf zu überblicken. Ihre Adjutanten eilten und flogen hin und her.
Nun war schon der dritte Kundschafter zurück. Er sank völlig erschöpft
vor der Königin nieder.
»Ich bin der Letzte, der zurückkommt,« schrie er mit äußerster
Anstrengung, »die andern sind tot.«
»Wo sind die Hornissen?« fragte die Königin.
»Bei den Linden«, rief er, und dann stammelte er in Todesangst: »Hört,
hört! die Luft saust von den Flügeln der Riesen!«
Es war nichts zu hören. Es mußte seine Angst sein, daß er immer noch
glaubte, verfolgt zu werden.
»Wie viele sind es?« fragte die Königin streng, »sprich leise.«
»Ich habe vierzig gezählt«, flüsterte der Botschafter, und obgleich die
Königin über die Stärke des Feindes erschrak, sagte sie doch laut und
zuversichtlich:
»Es wird keine von ihnen ihre Heimat wiedersehen.«
Die Worte der Königin wirkten auf die Soldaten und Offiziere wie eine
furchtbare Wahrsagung zum Unheil des Feindes, und der Mut aller hob
sich.
Als aber nun draußen in der stillen Morgenluft erst leise und dann
lauter und lauter ein scharfes unheilvolles Surren entstand, als der
Eingang sich verdunkelte und alle deutlich die schrecklichen
Flüsterstimmen dieser grausamsten Räuber und Mörder vernahmen, die es in
der Welt der Insekten gibt, da erbleichten die Angesichter der kleinen
mutigen Bienen, als ob ein fahler Lichtschein über die Reihen sänke. Sie
sahen einander mit Augen an, in denen der Tod wartete, und die ersten
wußten, daß keine Minute mehr vergehen würde, bis sie ihr Leben gelassen
hatten.
Da klang die gefaßte Stimme der Königin ruhig und klar aus der Höhe:
»Laßt die Räuber eindringen, einen nach dem andern, bis ihr meinen
Befehl hört, dann stürzen die ersten Reihen, je hundert zugleich, sich
auf die Eingedrungenen, und die hinteren Reihen decken den Eingang. Auf
diese Art teilen wir die Streitmacht des Feindes. Bedenkt ihr Ersten,
von eurer Kraft und Ausdauer und von eurem Mut hängt das Wohl des ganzen
Staates ab. Aber seid getrost, die Feinde werden im Dämmerlicht nicht
sogleich erkennen, wie wohl wir gerüstet sind und arglos eindringen ...«
Sie brach ihre Worte ab, denn im Tor erschien der Kopf des ersten
Räubers. Tastend und vorsichtig spielten die Fühler, die Zangen öffneten
und schlossen sich, daß einem das Blut erstarren konnte, und langsam
schob der ungeheure getigerte Leib mit seinen starken Flügeln sich nach.
Der Panzer funkelte im Licht, das von außen eindrang.
Es ging wie ein Zittern durch die Reihen der Bienen, aber kein Laut war
vernehmbar.
Die Hornisse trat leise zurück, und man hörte ihre Meldung:
»Der Stock schläft! Aber der Eingang ist halb vermauert und es sind
keine Wächter da. Ich weiß nicht, ob das ein gutes oder ein schlechtes
Zeichen ist.«
»Ein gutes!« klang es von außen, »vorwärts!«
Da sprangen zwei Riesen nebeneinander hinein, lautlos drängte es
flimmernd, getigert und gepanzert nach. Es war fürchterlich anzuschauen.
Nun waren schon acht der Räuber im Stock und immer noch erklang kein
Befehl der Königin. War sie vor Entsetzen erstarrt, daß ihre Stimme
versagte? Sahen denn die Räuber immer noch nicht, daß zur Rechten und
zur Linken dicht gedrängt und todesbereit im Schatten die glitzernden
Reihen der Soldaten standen ...
Da klang es laut aus der Höhe:
»Im Namen eines ewigen Rechts und im Namen der Königin, verteidigt das
Reich!«
Da erhob sich ein Brausen und füllte die Luft, wie noch kein
Kriegsgeschrei die Stadt erschüttert hatte. Es erschien, als müsse der
ganze Stock durch dies tobende Brummen zersprengt werden, und wo eben
noch klar gesondert die einzelnen Hornissen kenntlich gewesen waren,
wälzten sich nun in dichten, dunklen Knäueln brausende Haufen. Ein
junger Offizier der Bienen hatte kaum das Ende des Kommandos abgewartet.
Er wollte der erste sein, der angriff, und er war der erste, der starb.
Er hatte schon eine Weile bebend vor Kampfeslust, zum Sprung bereit
dagestanden, und als über ihm das erste Wort des Befehls laut wurde,
stürmte er vor, gerade dem vordersten Räuber in die Fänge, und sein
feiner, unendlich spitzer Stachel fand den Weg zwischen dem Kopf und dem
Brustring in den Hals seines Gegners. Er sah noch, wie die Hornisse sich
mit einem wütenden Aufschrei zusammenkrümmte, so daß sie für einen
Augenblick wie eine gelbschwarze, glitzernde Kugel erschien, dann drang
der furchtbare Stachel des Räubers dem jungen Offizier durch die
Brustringe ins Herz, und sterbend sah er sich und den tödlich
getroffenen Feind in einer Wolke der Seinen versinken. Sein kühner
Soldatentod hatte allen die wilde Seligkeit einer hohen
Todesbereitschaft ins Herz gesenkt, und der Ansturm der Bienen wurde zu
einer furchtbaren Not für die Eindringlinge.
Aber die Hornissen sind ein altes, kampfgewohntes Räubervolk, und Morden
und Rauben ist ihnen längst zum grausigen Handwerk geworden. Wenn auch
der erste Anprall der Bienen sie verwirrt und versprengt hatte, so
bedeutete er nicht so viel an Schaden, als es anfangs erscheinen mochte.
Denn die Stachel der Bienen drangen nicht durch die Panzer der Riesen,
und die Kraft und Größe der Hornissen gab ihnen eine Überlegenheit,
derer sie sich wohl bewußt waren. Ihre durchdringenden, surrenden
Kampfrufe, vor denen alle Wesen in Entsetzen geraten, die sie hören,
überhallten das Kriegsgeschrei der Bienen. Fürchten doch sogar die
Menschen diesen Warnruf der Hornissen und weichen ihnen lieber aus, ehe
sie ungewappnet den Kampf mit ihnen wagen.
Die überfallenen Hornissen, die bereits in den Stock eingedrungen waren,
erkannten rasch, daß sie vor allen Dingen vordringen mußten, um den
Ihren draußen nicht selbst den Eingang zu sperren. Und so wälzten sich
die kämpfenden Knäuel voran in die dunklen Straßen und Gänge. Wie
richtig war der Befehl der Königin gewesen, denn kaum war ein wenig
Platz am Eingang entstanden, da stürzten die hinteren Reihen der
Soldaten vor, um ihn zu verteidigen. Es war eine altbewährte und
furchtbare Kampfweise, die befolgt wurde. Kaum hatte eine Hornisse sich
am Eingang im Kampfe ermüdet, so taten die Bienen, als seien sie selbst
erschöpft, und ließen den Räuber eindringen. Aber stets gelang es nur
dieser einen Hornisse in die Stadt zu gelangen, denn kaum drängte die
zweite nach, so stürzte sich auch schon ein dichter Schwarm neuer
Soldaten auf das scheinbar unverteidigte Tor. Und der eingedrungene
Gegner, der vom Kampf ermüdet war, sah sich plötzlich den glitzernden
Reihen ganz neuer Bienenkrieger gegenüber, die noch kein Glied im Kampf
gerührt hatten, und meist erlag er schon im ersten Ansturm ihrer
Übermacht.
Aber in die Kampfrufe mischten sich nun schon seit lange das
Todesgeschrei der Sterbenden, das Jammern der Verwundeten und ein
wildes, schmerzvolles Stöhnen voll Todesangst und Abschiedsweh. Die
furchtbaren Stachel der Hornissen hatten in der entsetzlichsten Weise
unter den Bienen gewütet. Die wälzenden Haufen der Kämpfenden im Stock
ließen eine ganze Bahn von Toten zurück. Die eingeschlossenen Hornissen
hatten erkannt, daß ihnen der Ausweg abgeschnitten war, und daß wohl
keine von ihnen das Tageslicht wieder erblicken würde. So kämpften sie
einen furchtbaren Verzweiflungskampf. Aber langsam erlagen sie doch,
eine nach der anderen, denn es trat ein Umstand ein, der den Bienen sehr
zugunsten kam, erschöpfte sich auch die Kraft der Riesen nicht so rasch,
so erschöpfte sich doch das Gift ihrer Stachel und ihre Stiche wirkten
nicht mehr tödlich. Die verwundeten Bienen wußten jetzt, daß sie sich
erholen würden, das gab ihnen ein ganz neues Siegesbewußtsein, zu dem
der Schmerz um ihre Toten kam, der ihnen höchste Kräfte des Zorns
verlieh.
Langsam wurde es stiller. Die lauten Zurufe der Hornissen vor dem Stock
fanden keinen Widerhall mehr bei den eingedrungenen Gefährten.
»Sie sind alle tot«, sagte die Führerin der Hornissen in grimmigem
Schmerz und rief die Kämpfenden vom Tor zurück. Ihre Schar war auf die
Hälfte zusammengeschmolzen. Bis zu ihnen hinaus tönte das Dröhnen des
zornigen Bienenstocks.
»Es muß Verrat vorliegen,« sagte die Führerin wieder, »die Bienen waren
vorbereitet.«
Sie hatten sich auf der Blautanne versammelt. Es war langsam immer
heller geworden, und das Morgenrot vergoldete schon die Wipfel der
Linden. Die Vogelrufe wurden laut, und der Tau fiel. Bleich und vor
Kampfeswut zitternd standen die Krieger um ihre Führerin, die innerlich
mit sich rang, ob sie ihrer Raublust oder ihrer Klugheit gehorchen
sollte. Nein, sie sah ein, es ging nicht an, der ganze Stamm der Ihren
war in Gefahr, aufgerieben zu werden. Und mit Widerwillen und vor
beleidigtem Ehrgeiz bebend, beschloß sie, einen Boten an die Bienen zu
senden, um die Eingeschlossenen zu retten.
Sie wählte den klügsten ihrer Offiziere, den sie kannte, und rief seinen
Namen.
Ein bedrücktes Schweigen war die Antwort. Er war unter den
Eingeschlossenen.
Da wählte sie einen andern, rasch und angstvoll, plötzlich überkam sie
eine Todesangst um die Ihren, die nicht zurückkehrten. Das Toben der
Bienenstadt war weithin vernehmbar.
»Eile dich!« rief sie und gab dem Friedensboten ein weißes Jasminblatt
in die Hand, »sonst kommen am Ende noch die Menschen, und wir sind
verloren. Sag ihnen, wir würden davonziehen und ihren Stock für immer
verschonen, wenn sie die Eingeschlossenen ausliefern würden.«
Der Bote stürzte davon, schwenkte vor dem Tor sein weißes Blatt und ließ
sich am Flugbrett nieder.
Sofort wurde der Bienenkönigin die Nachricht gebracht, es sei ein
Abgesandter da, der verhandeln wollte, und die Herrscherin schickte ihm
ihre Adjutanten. Als ihr die Kunde gebracht wurde, ließ sie die Antwort
sagen:
»Wir Bienen liefern die Toten aus, wenn ihr sie mit euch nehmen wollt.
Gefangene sind nicht gemacht. Die Euren, die eingedrungen sind, sind
alle tot. Euerm Versprechen, nicht wiederzukommen, glauben wir nicht.
Ihr könnt wiederkommen, wann ihr wollt, es wird euch niemals besser
gehen als heute, und wenn ihr jetzt fortkämpfen wollt, so findet ihr uns
bis auf den letzten Mann bereit.«
Die Führerin der Hornissen erbleichte, als sie diese Kunde vernahm. Mit
geballten Fäusten kämpfte sie einen schweren inneren Kampf. Gar zu gern
hätte sie dem Wunsch ihrer Krieger Folge geleistet, die um Rache
schrien. Aber ihre Vernunft siegte.
»Wir kommen wieder«, knirschte sie. »Wie konnte uns dies geschehen? Sind
wir nicht stärker und mächtiger, als das Volk der Bienen? Noch ist mir
jeder Feldzug zu unserm Ruhm geglückt. Wie soll ich nach dieser
Niederlage vor unsere Königin treten?« Und wutbebend wiederholte sie:
»Woran liegt das, was ist hier geschehen? Das kann nur Verrat sein.«
Da antwortete eine ältere Hornisse, die als eine Freundin der Königin
galt:
»Wir sind wohl stärker und mächtiger, aber das Volk der Bienen ist einig
und treu. Das ist eine große Macht, der niemand widerstehen kann. Keine
würde ihr Volk verraten, jede dient zuerst dem Wohl aller.«
Die Führerin hörte kaum zu.
»Mein Tag wird kommen«, knirschte sie. »Was schert mich die Weisheit
dieser Kleinbürger. Ich bin ein Räuber und will als Räuber sterben. Aber
hier wäre kämpfen Wahnsinn. Was nützt es uns, wenn wir den ganzen
Bienenstock vernichten und keiner von uns käme zurück?« Und an den Boten
gewandt, rief sie:
»Verlange die Toten. Wir ziehen.«