Sechzehntes Kapitel

+Die Schlacht der Bienen und Hornissen+

Es herrschte eine ungeheuere Erregung im Reich der Bienen. Selbst in den

Tagen der Revolution war der Aufruhr nicht so groß gewesen. Der Stock

brauste. Es war nicht eine Biene, die nicht von einem heiligen Zorn der

Empörung befallen war und von glühendem Verlangen, den alten Todfeinden

mit ganzer Kraft zu begegnen. Und doch traten weder Verwirrung noch

Unordnung ein, es war gradezu erstaunlich, wie rasch die Regimenter sich

gesammelt hatten und wie gut jeder wußte, was seine Pflicht war und

wodurch er sich nützlich machen konnte.

Allerdings war es die höchste Zeit. Als auf den Ruf der Königin die

Freiwilligen vortraten, die sich als erste zu der Verteidigung des

Eingangs hergaben, kamen rasch wie sausende Pünktchen die ersten

Botschafter zurück, die ausgesandt worden waren und nun meldeten, daß

die Hornissen nahten. Es trat eine furchtbare Ruhe der Erwartung ein.

Mit gefaßtem Ernst und bleich vor Stolz, standen die ersten Soldaten

hart am Eingang in drei geschlossenen Reihen. Keiner sprach mehr, es war

totenstill umher. Nur im Hintergrund hörte man die leisen Kommandorufe

der Offiziere, die die Reserven ordneten. Es schien, als schliefe der

Stock. Nur am Tor arbeiteten leise und fieberhaft noch etwa ein Dutzend

Wachsbereiterinnen, die den Befehl erhalten hatten, den Eingang mit

Wachs zu verengen. Wie durch ein Wunder waren in den wenig Minuten zwei

dicke Wachswände entstanden, die auch die stärkste Hornisse nicht ohne

Zeitverlust zerstören konnte. Das Flugloch war fast um die Hälfte

verkleinert worden.

Die Königin hatte einen Posten inne, von dem aus sie in der Lage war,

den Kampf zu überblicken. Ihre Adjutanten eilten und flogen hin und her.

Nun war schon der dritte Kundschafter zurück. Er sank völlig erschöpft

vor der Königin nieder.

»Ich bin der Letzte, der zurückkommt,« schrie er mit äußerster

Anstrengung, »die andern sind tot.«

»Wo sind die Hornissen?« fragte die Königin.

»Bei den Linden«, rief er, und dann stammelte er in Todesangst: »Hört,

hört! die Luft saust von den Flügeln der Riesen!«

Es war nichts zu hören. Es mußte seine Angst sein, daß er immer noch

glaubte, verfolgt zu werden.

»Wie viele sind es?« fragte die Königin streng, »sprich leise.«

»Ich habe vierzig gezählt«, flüsterte der Botschafter, und obgleich die

Königin über die Stärke des Feindes erschrak, sagte sie doch laut und

zuversichtlich:

»Es wird keine von ihnen ihre Heimat wiedersehen.«

Die Worte der Königin wirkten auf die Soldaten und Offiziere wie eine

furchtbare Wahrsagung zum Unheil des Feindes, und der Mut aller hob

sich.

Als aber nun draußen in der stillen Morgenluft erst leise und dann

lauter und lauter ein scharfes unheilvolles Surren entstand, als der

Eingang sich verdunkelte und alle deutlich die schrecklichen

Flüsterstimmen dieser grausamsten Räuber und Mörder vernahmen, die es in

der Welt der Insekten gibt, da erbleichten die Angesichter der kleinen

mutigen Bienen, als ob ein fahler Lichtschein über die Reihen sänke. Sie

sahen einander mit Augen an, in denen der Tod wartete, und die ersten

wußten, daß keine Minute mehr vergehen würde, bis sie ihr Leben gelassen

hatten.

Da klang die gefaßte Stimme der Königin ruhig und klar aus der Höhe:

»Laßt die Räuber eindringen, einen nach dem andern, bis ihr meinen

Befehl hört, dann stürzen die ersten Reihen, je hundert zugleich, sich

auf die Eingedrungenen, und die hinteren Reihen decken den Eingang. Auf

diese Art teilen wir die Streitmacht des Feindes. Bedenkt ihr Ersten,

von eurer Kraft und Ausdauer und von eurem Mut hängt das Wohl des ganzen

Staates ab. Aber seid getrost, die Feinde werden im Dämmerlicht nicht

sogleich erkennen, wie wohl wir gerüstet sind und arglos eindringen ...«

Sie brach ihre Worte ab, denn im Tor erschien der Kopf des ersten

Räubers. Tastend und vorsichtig spielten die Fühler, die Zangen öffneten

und schlossen sich, daß einem das Blut erstarren konnte, und langsam

schob der ungeheure getigerte Leib mit seinen starken Flügeln sich nach.

Der Panzer funkelte im Licht, das von außen eindrang.

Es ging wie ein Zittern durch die Reihen der Bienen, aber kein Laut war

vernehmbar.

Die Hornisse trat leise zurück, und man hörte ihre Meldung:

»Der Stock schläft! Aber der Eingang ist halb vermauert und es sind

keine Wächter da. Ich weiß nicht, ob das ein gutes oder ein schlechtes

Zeichen ist.«

»Ein gutes!« klang es von außen, »vorwärts!«

Da sprangen zwei Riesen nebeneinander hinein, lautlos drängte es

flimmernd, getigert und gepanzert nach. Es war fürchterlich anzuschauen.

Nun waren schon acht der Räuber im Stock und immer noch erklang kein

Befehl der Königin. War sie vor Entsetzen erstarrt, daß ihre Stimme

versagte? Sahen denn die Räuber immer noch nicht, daß zur Rechten und

zur Linken dicht gedrängt und todesbereit im Schatten die glitzernden

Reihen der Soldaten standen ...

Da klang es laut aus der Höhe:

»Im Namen eines ewigen Rechts und im Namen der Königin, verteidigt das

Reich!«

Da erhob sich ein Brausen und füllte die Luft, wie noch kein

Kriegsgeschrei die Stadt erschüttert hatte. Es erschien, als müsse der

ganze Stock durch dies tobende Brummen zersprengt werden, und wo eben

noch klar gesondert die einzelnen Hornissen kenntlich gewesen waren,

wälzten sich nun in dichten, dunklen Knäueln brausende Haufen. Ein

junger Offizier der Bienen hatte kaum das Ende des Kommandos abgewartet.

Er wollte der erste sein, der angriff, und er war der erste, der starb.

Er hatte schon eine Weile bebend vor Kampfeslust, zum Sprung bereit

dagestanden, und als über ihm das erste Wort des Befehls laut wurde,

stürmte er vor, gerade dem vordersten Räuber in die Fänge, und sein

feiner, unendlich spitzer Stachel fand den Weg zwischen dem Kopf und dem

Brustring in den Hals seines Gegners. Er sah noch, wie die Hornisse sich

mit einem wütenden Aufschrei zusammenkrümmte, so daß sie für einen

Augenblick wie eine gelbschwarze, glitzernde Kugel erschien, dann drang

der furchtbare Stachel des Räubers dem jungen Offizier durch die

Brustringe ins Herz, und sterbend sah er sich und den tödlich

getroffenen Feind in einer Wolke der Seinen versinken. Sein kühner

Soldatentod hatte allen die wilde Seligkeit einer hohen

Todesbereitschaft ins Herz gesenkt, und der Ansturm der Bienen wurde zu

einer furchtbaren Not für die Eindringlinge.

Aber die Hornissen sind ein altes, kampfgewohntes Räubervolk, und Morden

und Rauben ist ihnen längst zum grausigen Handwerk geworden. Wenn auch

der erste Anprall der Bienen sie verwirrt und versprengt hatte, so

bedeutete er nicht so viel an Schaden, als es anfangs erscheinen mochte.

Denn die Stachel der Bienen drangen nicht durch die Panzer der Riesen,

und die Kraft und Größe der Hornissen gab ihnen eine Überlegenheit,

derer sie sich wohl bewußt waren. Ihre durchdringenden, surrenden

Kampfrufe, vor denen alle Wesen in Entsetzen geraten, die sie hören,

überhallten das Kriegsgeschrei der Bienen. Fürchten doch sogar die

Menschen diesen Warnruf der Hornissen und weichen ihnen lieber aus, ehe

sie ungewappnet den Kampf mit ihnen wagen.

Die überfallenen Hornissen, die bereits in den Stock eingedrungen waren,

erkannten rasch, daß sie vor allen Dingen vordringen mußten, um den

Ihren draußen nicht selbst den Eingang zu sperren. Und so wälzten sich

die kämpfenden Knäuel voran in die dunklen Straßen und Gänge. Wie

richtig war der Befehl der Königin gewesen, denn kaum war ein wenig

Platz am Eingang entstanden, da stürzten die hinteren Reihen der

Soldaten vor, um ihn zu verteidigen. Es war eine altbewährte und

furchtbare Kampfweise, die befolgt wurde. Kaum hatte eine Hornisse sich

am Eingang im Kampfe ermüdet, so taten die Bienen, als seien sie selbst

erschöpft, und ließen den Räuber eindringen. Aber stets gelang es nur

dieser einen Hornisse in die Stadt zu gelangen, denn kaum drängte die

zweite nach, so stürzte sich auch schon ein dichter Schwarm neuer

Soldaten auf das scheinbar unverteidigte Tor. Und der eingedrungene

Gegner, der vom Kampf ermüdet war, sah sich plötzlich den glitzernden

Reihen ganz neuer Bienenkrieger gegenüber, die noch kein Glied im Kampf

gerührt hatten, und meist erlag er schon im ersten Ansturm ihrer

Übermacht.

Aber in die Kampfrufe mischten sich nun schon seit lange das

Todesgeschrei der Sterbenden, das Jammern der Verwundeten und ein

wildes, schmerzvolles Stöhnen voll Todesangst und Abschiedsweh. Die

furchtbaren Stachel der Hornissen hatten in der entsetzlichsten Weise

unter den Bienen gewütet. Die wälzenden Haufen der Kämpfenden im Stock

ließen eine ganze Bahn von Toten zurück. Die eingeschlossenen Hornissen

hatten erkannt, daß ihnen der Ausweg abgeschnitten war, und daß wohl

keine von ihnen das Tageslicht wieder erblicken würde. So kämpften sie

einen furchtbaren Verzweiflungskampf. Aber langsam erlagen sie doch,

eine nach der anderen, denn es trat ein Umstand ein, der den Bienen sehr

zugunsten kam, erschöpfte sich auch die Kraft der Riesen nicht so rasch,

so erschöpfte sich doch das Gift ihrer Stachel und ihre Stiche wirkten

nicht mehr tödlich. Die verwundeten Bienen wußten jetzt, daß sie sich

erholen würden, das gab ihnen ein ganz neues Siegesbewußtsein, zu dem

der Schmerz um ihre Toten kam, der ihnen höchste Kräfte des Zorns

verlieh.

Langsam wurde es stiller. Die lauten Zurufe der Hornissen vor dem Stock

fanden keinen Widerhall mehr bei den eingedrungenen Gefährten.

»Sie sind alle tot«, sagte die Führerin der Hornissen in grimmigem

Schmerz und rief die Kämpfenden vom Tor zurück. Ihre Schar war auf die

Hälfte zusammengeschmolzen. Bis zu ihnen hinaus tönte das Dröhnen des

zornigen Bienenstocks.

»Es muß Verrat vorliegen,« sagte die Führerin wieder, »die Bienen waren

vorbereitet.«

Sie hatten sich auf der Blautanne versammelt. Es war langsam immer

heller geworden, und das Morgenrot vergoldete schon die Wipfel der

Linden. Die Vogelrufe wurden laut, und der Tau fiel. Bleich und vor

Kampfeswut zitternd standen die Krieger um ihre Führerin, die innerlich

mit sich rang, ob sie ihrer Raublust oder ihrer Klugheit gehorchen

sollte. Nein, sie sah ein, es ging nicht an, der ganze Stamm der Ihren

war in Gefahr, aufgerieben zu werden. Und mit Widerwillen und vor

beleidigtem Ehrgeiz bebend, beschloß sie, einen Boten an die Bienen zu

senden, um die Eingeschlossenen zu retten.

Sie wählte den klügsten ihrer Offiziere, den sie kannte, und rief seinen

Namen.

Ein bedrücktes Schweigen war die Antwort. Er war unter den

Eingeschlossenen.

Da wählte sie einen andern, rasch und angstvoll, plötzlich überkam sie

eine Todesangst um die Ihren, die nicht zurückkehrten. Das Toben der

Bienenstadt war weithin vernehmbar.

»Eile dich!« rief sie und gab dem Friedensboten ein weißes Jasminblatt

in die Hand, »sonst kommen am Ende noch die Menschen, und wir sind

verloren. Sag ihnen, wir würden davonziehen und ihren Stock für immer

verschonen, wenn sie die Eingeschlossenen ausliefern würden.«

Der Bote stürzte davon, schwenkte vor dem Tor sein weißes Blatt und ließ

sich am Flugbrett nieder.

Sofort wurde der Bienenkönigin die Nachricht gebracht, es sei ein

Abgesandter da, der verhandeln wollte, und die Herrscherin schickte ihm

ihre Adjutanten. Als ihr die Kunde gebracht wurde, ließ sie die Antwort

sagen:

»Wir Bienen liefern die Toten aus, wenn ihr sie mit euch nehmen wollt.

Gefangene sind nicht gemacht. Die Euren, die eingedrungen sind, sind

alle tot. Euerm Versprechen, nicht wiederzukommen, glauben wir nicht.

Ihr könnt wiederkommen, wann ihr wollt, es wird euch niemals besser

gehen als heute, und wenn ihr jetzt fortkämpfen wollt, so findet ihr uns

bis auf den letzten Mann bereit.«

Die Führerin der Hornissen erbleichte, als sie diese Kunde vernahm. Mit

geballten Fäusten kämpfte sie einen schweren inneren Kampf. Gar zu gern

hätte sie dem Wunsch ihrer Krieger Folge geleistet, die um Rache

schrien. Aber ihre Vernunft siegte.

»Wir kommen wieder«, knirschte sie. »Wie konnte uns dies geschehen? Sind

wir nicht stärker und mächtiger, als das Volk der Bienen? Noch ist mir

jeder Feldzug zu unserm Ruhm geglückt. Wie soll ich nach dieser

Niederlage vor unsere Königin treten?« Und wutbebend wiederholte sie:

»Woran liegt das, was ist hier geschehen? Das kann nur Verrat sein.«

Da antwortete eine ältere Hornisse, die als eine Freundin der Königin

galt:

»Wir sind wohl stärker und mächtiger, aber das Volk der Bienen ist einig

und treu. Das ist eine große Macht, der niemand widerstehen kann. Keine

würde ihr Volk verraten, jede dient zuerst dem Wohl aller.«

Die Führerin hörte kaum zu.

»Mein Tag wird kommen«, knirschte sie. »Was schert mich die Weisheit

dieser Kleinbürger. Ich bin ein Räuber und will als Räuber sterben. Aber

hier wäre kämpfen Wahnsinn. Was nützt es uns, wenn wir den ganzen

Bienenstock vernichten und keiner von uns käme zurück?« Und an den Boten

gewandt, rief sie:

»Verlange die Toten. Wir ziehen.«

Die Biene Maja und ihre Abenteuer · 第 17 / 20 题