+Die Heimkehr+
Die kleine Maja nahm ihre ganzen Kräfte zusammen, alles an Willen und
Tatkraft, was ihr geblieben war. Wie eine Kugel aus dem Lauf einer
Jagdbüchse flog sie blitzschnell schnurgrade durch die bläuliche
Morgenluft dahin, grade auf den Wald zu. Die Bienen können rascher
fliegen als die meisten anderen Insekten. Dort war sie zunächst sicher,
dort konnte sie sich verstecken, falls die Hornisse bereuen sollte, sie
freigegeben zu haben, und ihr folgte.
Aus den Bäumen fielen schwere Tropfen in die welken Blätter des
Waldbodens. Es war so kalt, daß der Biene die Flügel zu erstarren
drohten. Überall lagen feine Schleier in der Ebene, und vom Morgenrot
war nichts zu sehen. Dabei war es so still in der Runde, als habe die
Sonne die Erde vergessen und als hätten alle Wesen sich zu einem
Todesschlaf niedergelegt. Da flog Maja so hoch empor in die Luft als sie
konnte. Es galt für sie nur eines: sie mußte so rasch als ihre Kräfte
und Sinne zuließen, den Stock der Ihren finden, ihr Volk, ihre bedrohte
Heimat. Sie mußte die Ihren warnen, daß sie sich gegen den Überfall
rüsten konnten, den die furchtbaren Räuber an diesem Morgen planten.
O, das Volk der Bienen war stark und wohl befähigt, den Kampf mit den
überlegenen Gegnern aufzunehmen, wenn sie sich wappnen konnten und zur
Verteidigung vorbereiten. Niemals aber, wenn sie überrumpelt und im
Erwachen überfallen wurden. Wenn die Königin und die Soldaten noch
schliefen, dann würde es ein furchtbares Morden geben und viele
Gefangene, und der Erfolg der Hornissen war gewiß. Und nun, da die
kleine Biene an die Kraft und die Stärke der Ihren dachte, an ihre
Todesbereitschaft und ihre Treue gegen die Königin, überkam sie ein
hoher Zorn gegen die Feinde und zugleich ein beseligter Opferwille und
ein beglückender Mut ihrer begeisterten Liebe.
Es war nicht leicht für sie, sich in der Umgegend zurechtzufinden. Sie
hatte sich schon seit lange nicht mehr auf jene Art das Land gemerkt,
wie die anderen Bienen es gewohnt waren, die immer von weiten Ausflügen
mit ihrer Honigtracht zum Stock zurückfinden mußten.
Ihr war, als sei sie noch niemals so hoch in der Luft gewesen, wie nun,
die Kühle tat ihr weh, und sie konnte die einzelnen Gegenstände drunten
kaum noch deutlich unterscheiden. Worauf soll ich mich verlassen, dachte
sie, ich habe keinen Anhalt und werde den Meinen keine Hilfe bringen
können. »Ach, hier war nun die beste Gelegenheit, alles gutzumachen,«
seufzte sie in ihrer Angst, »was soll ich tun?« Aber plötzlich trieb es
sie mit heimlichen Mächten unwiderstehlich nach einer bestimmten
Richtung hin. Was ist es nur, das mich drängt und zieht, dachte sie,
es muß mein Heimweh sein, das mich führt. Und sie überließ sich diesem
Gefühl und flog so rasch sie konnte gradeaus. Und plötzlich brach sie in
helles Jubeln aus, dort schimmerten fern wie graue Kuppeln aus der
Dämmerung die Baumkronen der großen Linden des Schloßparks. Nun wußte
sie sich zurechtzufinden und augenblicklich ließ sie sich bis dicht über
die Erde nieder. Sie sah auf den Wiesen zur Seite die hellen
Nebelstriche wieder dichter und dachte an die Blumenelfen, die dort
getrost und selig ihren frühen Tod starben. Das füllte ihr das Herz aufs
neue mit Zuversicht, und ihre Angst verlor sich. Mochten die Ihren sie
wegen ihrer Flucht aus dem Reiche verachten, mochte die Königin sie
strafen, wenn nur ihr Volk von dem furchtbaren Unheil verschont blieb,
das ihm drohte.
Dort schimmerte schon dicht an der langen Steinmauer die Blautanne, die
die Bienenstadt der Ihren gegen den Westwind schützte, und nun sah sie
die bekannten Fluglöcher, die roten, blauen und grünen Tore ihrer Heimat
leuchten. Ihr Herz schlug so stürmisch, daß sie glaubte, ihr Atem müßte
ihr vergehn, aber sie hielt aus und steuerte grade auf den Eingang des
roten Tors zu; dort führte es zu ihrem Volk und zu ihrer Königin.
Als sie sich auf dem Flugbrett vor dem Tore niederließ, vertraten ihr
die beiden Wächter den Eingang und ergriffen sie sogleich. Maja konnte
in ihrer Atemlosigkeit anfangs kein Wort hervorbringen, und die Wachen
machten Miene, sie zu töten. Denn es ist den Bienen bei Todesstrafe
verboten, in eine fremde Stadt zu dringen ohne den Willen der Königin.
»Zurück!« rief der Wächter und stieß sie rauh vor sich her, »was kommt
Ihnen in den Sinn?! Wenn Sie nicht augenblicklich umkehren, ist es um
Sie geschehen.« Und dem anderen Wächter zugewandt, sagte er: »Ist dir
schon einmal so etwas vorgekommen, und noch dazu vor Tagesanbruch?«
Da rief Maja das Losungswort ihres Volks, woran alle Bienen die Ihren
erkannten, und die Wächter ließen sie augenblicklich los.
»Was ist das?!« riefen sie, »du bist eine der Unsrigen, und wir kennen
dich nicht?«
»Laßt mich vor die Königin,« stöhnte die kleine Maja, »gleich, rasch,
es droht großes Unheil.«
Die Wächter zögerten noch, sie verstanden nicht, was vor sich ging.
»Die Königin darf nicht vor Sonnenaufgang geweckt werden«, sagte der
eine von ihnen.
Da schrie Maja so laut und leidenschaftlich, wie die beiden wohl niemals
eine Biene haben schreien hören:
»So erwacht die Königin vielleicht nie mehr zum Leben! Der Tod folgt mir
auf dem Fuß.« Und sie fügte so wild und zornig hinzu: »Ihr sollt mich
vor die Königin führen!« daß die Wächter ganz erschrocken und tief
ergriffen gehorchten.
Nun eilten sie miteinander durch die warmen, vertrauten Straßen und
Gänge, die Maja alle wiedererkannte, und obgleich ihre Erregung und Hast
sie fast überwältigten, zitterte doch ihr Herz vor Wehmut unter den
Wohltaten ihrer Heimat.
»Ich bin zu Hause«, stammelte sie mit blassen Lippen.
Im Empfangssaal der Königin brach sie beinahe zusammen. Einer der
Wächter stützte sie, während der andere mit der ungewöhnlichen Botschaft
in die Gemächer der Königin eilte. Sie hatten nun beide erkannt, daß
etwas ganz Außerordentliches im Anzuge war, und der Bote lief so rasch,
als seine Füße ihn trugen.
Die ersten Wachsbereiterinnen waren schon auf, neugierig schaute hier
und da ein Köpfchen durch die Eingänge, die Nachricht dieses Vorfalls
verbreitete sich schnell.
Da kamen zwei Offiziere aus den Gemächern der Königin. Maja erkannte sie
sogleich, sie nahmen ernst und schweigend am Eingang ihre Stellungen
ein, ohne Maja anzureden; nun mußte gleich die Königin erscheinen.
Sie kam ohne ihren Hofstaat, nur in Begleitung zweier Dienerinnen und
ihres Leibadjutanten. Als sie Maja sah, trat sie schnell auf sie zu, und
da sie den argen Zustand und die große Erregung der kleinen Biene sah,
verlor sich der Zug von Ernst und Strenge ein wenig, der in ihrem
Gesicht gelegen hatte.
»Du kommst mit einer wichtigen Botschaft?« fragte sie ruhig. »Wer bist
du?«
Maja konnte nicht gleich sprechen. Endlich brachte sie mühsam nur die
Worte hervor:
»Die Hornissen!«
Die Königin erbleichte, aber sie blieb gefaßt, und das beruhigte auch
Maja ein wenig.
»Großmächtige Königin,« rief sie, »vergib mir, daß ich die Pflichten
nicht beachte, die deine Hoheit und Würde erheischen, ich will später
alles sagen, was ich getan habe und was ich von Herzen bereue. Ich bin
in dieser Nacht wie durch ein Wunder der Gefangenschaft der Hornissen
entronnen, und das letzte, was ich von ihnen gehört habe, ist, daß in
der Morgendämmerung dieses Tages unser Reich überfallen und ausgeraubt
werden soll!«
Das Entsetzen, das diese Worte der kleinen Maja bei allen Anwesenden
hervorriefen, läßt sich kaum schildern. Die beiden Dienerinnen, die die
Königin begleiteten, brachen in lautes Jammern aus, und die Offiziere am
Eingang machten Miene, bleich vor Schreck, davonzufliegen und Alarm zu
schlagen. Der Adjutant sagte: »Ja Herrgott ...«, und drehte sich einmal
um sich selbst, weil er sich nach allen Seiten zugleich umsehen wollte.
Es war wirklich ein ganz außerordentlicher Anblick, zu sehen, mit
welcher Ruhe und Geisteskraft die Königin die furchtbare Nachricht
aufnahm. Sie reckte sich ein wenig empor, und in ihre Haltung kam etwas,
was alle einschüchterte und ihnen zugleich ein grenzenloses Vertrauen
einflößte. Die kleine Maja zitterte vor Erhobenheit, so etwas
Bedeutungsvolles an Überlegenheit glaubte sie noch niemals gesehen zu
haben. Und die Königin winkte die Offiziere an ihre Seite und sprach
laut und gefaßt ein paar rasche Sätze zu ihnen. Maja hörte zum Schluß
noch die Worte: »Ich gebe euch eine Minute zur Ausführung meines
Befehls, wenn es länger dauert, kostet es euren Kopf.« Aber die beiden
Offiziere sahen gar nicht so aus, als ob man sie anfeuern müßte; sie
stürmten davon, daß es eine Freude zu sehen war.
»O, meine Königin«, sagte die kleine Maja.
Da neigte sich die Königin noch für einen kleinen Augenblick zu Maja
nieder, noch einmal für kurze Zeit sah die kleine Biene das Angesicht
ihrer Fürstin milde und voll Liebe erstrahlen.
»Hab' Dank,« sagte sie zu Maja, »du hast uns alle gerettet, was immer
vorher geschehen sein mag, du hast es tausendfältig gut gemacht. Aber
nun geh und ruh dich aus, mein Herzchen, du siehst elend aus, und deine
Hände zittern.«
»Ich möchte für dich sterben«, stammelte Maja bebend.
Da antwortete die Königin:
»Sei nun ohne Sorge um uns. Unter all den Tausenden, die diese Stadt
bewohnen, ist nicht eine einzige, die nicht ohne Besinnen ihr Leben für
das Wohl der anderen und für mein Wohl hingeben würde. Du kannst ruhig
schlafen.«
Sie beugte sich zu der kleinen Maja nieder und küßte sie auf ihre Stirn,
dann winkte sie ihren Dienerinnen und befahl ihnen, für das Wohl und die
Ruhe Majas Sorge zu tragen.
Die kleine Biene ließ sich willenlos und tief von Herzen beglückt
davonführen. Ihr war zumute, als habe ihr das Leben nun nichts Schöneres
mehr zu geben. Sie hörte wie im Traum noch in der Ferne hohe helle
Signalrufe, sah wie die Würdenträger des Staates sich um die Eingänge
der Königsgemächer drängten, und dann vernahm sie ein dumpfes,
weithinhallendes Dröhnen, das den ganzen Stock erschütterte.
»Die Soldaten! Unsere Soldaten!« flüsterte neben ihr die Dienerin.
Das letzte, was sie in der kleinen stillen Kammer hörte, in der ihre
Begleiterinnen sie zur Ruhe betteten, war dicht unter ihrer Tür der
Marschschritt vorbeieilender Truppen. Sie vernahm eine klare
Kommandostimme, die froh und zuversichtlich klang, und in ihren ersten
Traum hinein tönte das alte Soldatenlied der Bienen, und sie hörte,
verklingend wie aus weiter Ferne:
Sonne, goldne Sonne du
leuchte unserm Treiben.
Segne unsere Königin,
laß uns einig bleiben.