Vierzehntes Kapitel

+Die Flucht+

Aber die Verzweiflung der kleinen Biene machte bald einer entschlossenen

Besinnung Platz. Es war, als erinnerte sie sich wieder daran, daß sie

eine Biene war. Hier sitze ich nun und weine und klage, dachte sie

plötzlich, als ob ich nicht Gedanken und Kräfte hätte. O, ich mache

meinem bedrohten Volk und meiner Königin wenig Ehre. Sterben muß ich

doch, da will ich es wenigstens stolz und mutig tun und nichts

unversucht lassen, die Meinen zu retten.

Es war, als vergäße sie ganz die lange Zeit der Trennung von den Ihren

und der Heimat, sie fühlte sich ihnen zugehöriger als je, und die große

Verantwortung, die plötzlich auf ihr ruhte, weil sie den Plan der

Hornissen kannte, verlieh ihr große Entschlossenheit und viel Mut.

Müssen die Meinen unterliegen und sterben, so will ich es auch, dachte

sie, aber vorher will ich nichts ungetan lassen, sie zu retten.

»Es lebe meine Königin!« rief sie.

»Ruhe da drinnen!« scholl es barsch von außen.

Hu, war das eine fürchterliche Stimme. Es mußte der Wächter gewesen

sein, der die Runde machte. Offenbar war es längst Nacht.

Als der Schritt draußen verhallt war, begann Maja sogleich damit, den

Spalt zu erweitern, der in den Saal führte. Es gelang ihr leicht, die

mürbe Wand zu zerbeißen, wenn sie auch lange Zeit brauchte, bevor die

Öffnung groß genug war. Endlich konnte sie sich hindurchzwängen. Sie tat

es vorsichtig und mit pochendem Herzen, sie wußte, daß es ihr Leben

kosten würde, wenn man sie entdeckte. Aus unbekannten Gründen der Burg

scholl ein tiefes Schnarchen.

Der Saal lag in gedämpftem blauen Licht, das vom Eingang hineinsank. Das

ist Licht vom Mond, wußte Maja und schritt vorsichtig dahin, wobei sie

sich stets in den tiefen Schatten an den Wänden hielt. Vom Saal führte

ein schmaler hoher Flur zum Ausgang, von dort kam das Himmelslicht der

Nacht. Maja seufzte tief auf, sie sah ganz fern in unendlicher Weite

einen Stern am Himmel schimmern. Ach Freiheit, dachte sie.

Der Gang war ganz hell. Leise, Schritt für Schritt, schlich sie voran,

das Tor kam immer näher. Wenn ich jetzt auffliege, dachte sie, so bin

ich draußen. Ihr Herz schlug in der Brust, als ob es sie zersprengen

wollte.

Da sah sie im Schatten des Tores an einer Säule den Wächter lehnen.

Wie angewurzelt blieb sie stehen, alle ihre Hoffnung sank dahin. Dort

war kein Vorüberkommen. Was sollte sie tun? Das Beste wird sein, ich

kehre um, dachte sie, aber der Anblick des Riesen am Tor hielt sie im

Bann. Es schien, als schaute er ganz in Gedanken versunken in die

beleuchtete Nachtlandschaft hinaus. Er hatte sein Kinn in die Hand

gestützt, und sein Kopf war ein wenig geneigt. Wie der goldene Panzer im

Mond glänzte! In seiner Haltung war etwas, das die kleine Maja bewegte.

Er sieht so traurig aus, dachte sie, wie schön er ist, wie edel ist

seine Haltung und wie stolz funkelt seine Rüstung. Tag und Nacht legt

er sie nicht ab, er ist immer bereit zu rauben, zu kämpfen und zu

sterben ...

Die kleine Maja vergaß ganz, daß es ihr Feind war, den sie vor sich sah.

Ach, wie oft war es ihr so gegangen, daß ihr Herz und seine Freude am

Schönen sie alle Gefahr vergessen ließ.

Da schoß ein goldener Lichtblitz vom Helm des Räubers, er mußte den Kopf

bewegt haben.

»Lieber Gott,« flüsterte die kleine Maja, »jetzt ist es aus.«

Da sagte der Wächter ganz ruhig:

»Komm nur näher, Kleine.«

»Was?« rief Maja, »wie? Sie haben mich gesehen?«

»Doch, Kind, schon lange. Du hast ein Loch in die Wand gebissen, und

hast dich dann, immer hübsch im Schatten, bis hierher bewegt. Dann hast

du mich gesehen und mit deinem Mut war es zu Ende. Ist es so?«

»Ja,« sagte Maja, »Sie haben ganz recht.« Sie zitterte vor Grauen am

ganzen Körper. Also die ganze Zeit über hatte der Wächter sie

beobachtet. Sie erinnerte sich nun, davon gehört zu haben, wie scharf

die Sinne dieser klugen Räuber sind.

»Was willst du denn hier?« fragte der Wächter gutmütig. Maja fand immer

noch, daß er traurig aussah, er schien an ganz andere Dinge zu denken,

ihm war dies alles gar nicht so wichtig wie ihr selbst.

»Hinaus möchte ich«, antwortete sie. »Ich habe auch nicht den Mut

verloren, sondern ich war nur erschrocken über Ihre Kraft und Schönheit

und über den goldenen Glanz Ihrer Rüstung. Jetzt werde ich mit Ihnen

kämpfen.«

Der Wächter beugte sich erstaunt ein wenig vor und sah Maja an und

lächelte. Es war gar nicht böse, dies Lächeln, die kleine Biene hatte

dabei ein Empfinden, das sie noch niemals im Leben gekannt hatte. Ihr

war zumute, als ob dieses Lächeln des jungen Kriegers eine heimliche

Gewalt über ihr Herz ausübte.

»Kleine,« sagte er beinahe herzlich, »nein, kämpfen werden wir nicht.

Ihr seid ein mächtiges Volk, aber wir sind stärker. Am wenigsten aber

wird je eine einzelne Hornisse mit einer einzelnen Biene kämpfen.

-- Wenn du magst, kannst du gern ein wenig hierbleiben und mit mir

plaudern. Aber nur noch kurz, bald werde ich die Soldaten wecken und

dann mußt du in deine Zelle zurück.«

Seltsam, diese überlegene Freundlichkeit der Hornisse entwaffnete Maja

mehr, als Zorn oder Haß es gekonnt hätten. Es war beinahe etwas wie

Bewunderung, das sie empfand. Sie sah mit großen traurigen Augen zu

ihrem Feind auf, und da sie immer dem Zug ihres Herzens folgen mußte,

sagte sie:

»Ich habe stets nur Böses von den Hornissen gehört, aber Sie sind nicht

böse. Ich kann nicht glauben, daß Sie böse sind.«

Der Krieger sah Maja ruhig an:

»Es gibt überall böse und gute Leute«, sagte er ernst. »Aber wir sind

eure Feinde, das vergiß nicht. Es wird immer so bleiben.«

»Muß denn ein Feind immer schlecht sein?« fragte Maja. »Als Sie vorhin

in die Nacht hinausschauten, habe ich vergessen müssen, daß Sie hart und

mir feindlich sind. Mir war zumute, als ob Sie traurig wären, und ich

habe immer gemeint, Wesen, die traurig sind, können unmöglich böse

sein.«

Und als der Wächter schwieg, fuhr Maja um vieles mutiger fort:

»Sie sind mächtig. Wenn Sie wollen, können Sie mich wieder in meine

Zelle schaffen und ich muß sterben, aber wenn Sie wollen, so können Sie

mir auch meine Freiheit schenken.«

Da richtete der Krieger sich auf. Sein Panzer klirrte ein wenig, und der

Arm, den er hob, blinkte im Mondlicht, das verblassend auf dem Tor lag.

Kam schon der Morgen?

»Du hast ganz recht,« sagte er, »diese Macht habe ich. Diese Macht ist

mir von meinem Volk und meiner Königin anvertraut worden. Der Befehl

lautet, daß keine Biene je wieder die Burg lebendig verlassen darf, die

sie einmal betreten hat. Ich werde meinem Volk Treue halten.« Und nach

einer Weile des Schweigens fügte er leiser hinzu, als spräche er zu sich

selbst: »Ich habe zu bitter erfahren, wie weh die Untreue tun kann, als

Schnuck mich verließ ...«

Die kleine Maja stand erschüttert und wußte nichts zu antworten. Ach,

sie selber trieb das gleiche Gefühl, die Liebe zu den Ihren, die Treue

gegen ihr Volk. Sie fühlte, hier gab es kein anderes Mittel mehr als

List oder Gewalt, es tat jeder seine Pflicht und doch blieben sie

einander fremd und feind. -- Aber hatte der Krieger nicht zuletzt einen

Namen genannt? Hatte er nicht von einer Untreue gesprochen, die jemand

gegen ihn begangen hatte? Schnuck kannte sie ja, war das nicht die

schöne Libelle gewesen, die am Seeufer bei den Wasserrosen wohnte? Sie

bebte vor Aufregung, vielleicht lag hier eine Rettung für sie, aber sie

wußte noch nicht, inwiefern. Vorsichtig fragte sie:

»Wer ist denn Schnuck, wenn ich fragen darf?«

»Ach, das kümmert dich nicht, Kleine,« antwortete der Wächter, »sie ist

für mich verloren und ich werde sie nie mehr finden.«

»Ich kenne Schnuck,« sagte Maja und zwang sich zur Gelassenheit, »sie

gehört zur Familie der Libellen und ist wahrscheinlich die schönste, die

es unter ihnen gibt.«

Maja hatte den Krieger noch nicht so gesehen, wie nach diesen Worten, er

schien alles um sich her vergessen zu haben und sprang stürmisch auf sie

zu.

»Wie?« rief er, »du kennst Schnuck? Sofort sagst du, wo sie ist.«

»Nein«, sagte die kleine Maja, ganz still und fest. Aber innerlich

glühte sie vor Freude.

»Ich beiße dir den Kopf ab, wenn du nicht sprichst«, rief der Wächter.

Er kam ganz nahe.

»Der wird mir ja sowieso abgebissen. Tun Sie's nur! Ich werde doch nicht

die liebliche Libelle verraten, mit der ich eng befreundet bin!

Jedenfalls wollen Sie sie gefangennehmen.«

Der Krieger atmete schwer. Da es draußen zu dämmern begann, sah Maja,

daß seine Stirn bleich war und seine Augen voll Angst und Unfrieden.

»Mein Gott,« sagte er verstört, »es ist Zeit, ich muß die Krieger

wecken. -- Nein, nein, kleine Biene, ich will Schnuck nichts Böses tun.

Ich liebe Schnuck mehr als mein Leben. Sag mir, wo ich sie wiederfinde!«

»Ich liebe mein Leben auch«, sagte die kleine Maja klug und zögernd.

»Wenn du mir den Aufenthalt der Libelle Schnuck verrätst,« sagte der

Wächter und Maja sah, daß er mühsam sprach und am ganzen Körper

zitterte, »so werde ich dich freigeben, dann kannst du fliegen, wohin du

willst.«

»Werden Sie Wort halten?«

»Mein Ehrenwort als Räuber«, sagte der Wächter stolz.

Die kleine Maja konnte kaum sprechen. Kam es nicht auf jede einzelne

Minute an, wenn sie die Ihren noch rechtzeitig vor dem Überfall warnen

wollte? Aber ihr Herz jubelte.

»Gut«, sagte sie. »Ich glaube Ihnen. So hören Sie: Kennen Sie die alten

Linden beim Schloß? Hinter ihnen ziehen sich viele Blumenwiesen hin und

endlich kommt ein großer See. Im Seewinkel im Süden, wo der Bach

einmündet, stehen in der Sonne die weißen Seerosen im Wasser. Dort im

Schilf wohnt Schnuck, Sie finden sie jeden Mittag dort, wenn die Sonne

hoch steht.«

Der Krieger hatte beide Hände an seine blasse Stirn gedrückt. Er schien

schwer mit sich selbst zu kämpfen.

»Du hast recht«, sagte er leise und stöhnte so, daß man nicht sagen

konnte, ob er Schmerz oder Freude empfand. »Sie hat mir erzählt, sie

wollte zu weißen schwimmenden Blumen. Das werden die Blumen sein, von

denen du gesprochen hast. So flieg denn, und hab' Dank!«

Und wirklich trat er vom Eingang zurück. Draußen dämmerte der Tag

herauf.

»Ein Räuber hält sein Wort«, sagte er. Er wußte nicht, was die kleine

Maja in dieser Nacht in der Burg gehört hatte, und so dachte er: Was

liegt an einer kleinen Biene, gibt es nicht genug andere?

»Leben Sie wohl«, rief Maja und flog davon, atemlos vor Hast und ohne

ein Wort des Dankes. Es war wirklich keine Zeit mehr dazu.

Die Biene Maja und ihre Abenteuer · 第 15 / 20 题