Zehntes Kapitel

+Die Wunder der Nacht+

So verlebte die kleine Maja unter den Insekten die Tage und Wochen ihres

jungen Lebens. Wohl vermißte sie bei ihrem Umhertreiben, bei allen

Freuden und Gefahren, in der schönen sommerlichen Welt oft die Gefährten

ihrer ersten Kindheit, und zuweilen überfiel sie ein schmerzvolles

Heimweh nach dem verlassenen Königreich ihres Volkes. Auch kannte sie

Stunden, in denen sie sich nach einer geordneten Tätigkeit sehnte, nach

nützlicher Beschäftigung und nach Gesellschaft unter ihresgleichen. Aber

sie hatte im Grunde eine ruhlose Natur, die kleine Maja, und sie würde

sich wohl kaum schon dauernd in der Gemeinschaft der Bienen wohlgefühlt

haben. Bei allen Tieren, wie auch unter den Menschen, kommt es vor, daß

einzelne Charaktere sich nicht in die Gewohnheiten aller schicken

können, und man muß vorsichtig sein und ernstlich prüfen, bevor man

solch ein Wesen verurteilt. Denn es ist keineswegs immer nur Trägheit

oder Eigensinn, sondern häufig verbirgt sich hinter solchem Drang eine

tiefe Sehnsucht nach Höherem oder Besserem, als der Alltag zu bieten

vermag, und aus jungen Durchgängern sind oft erfahrene und kluge Männer

geworden oder verständige und gütige Frauen. Und die kleine Maja hatte

im Grunde ein reines und empfängliches Herz, und ihre Stellung zur

schönen weiten Welt, in der sie zum Leben erwacht war, war getragen von

aufrichtiger Wißbegier und großer Freude an den Herrlichkeiten der

Schöpfung.

Aber selbst im Glück schöner Erlebnisse ist das Alleinsein schwer, und

je erfahrener die kleine Maja wurde, um so häufiger sehnte sie sich nach

Gemeinschaft und Liebe. Sie war nun keine ganz junge Biene mehr, sondern

ein prächtiges, starkes Bienentier, begabt mit blanken, gesunden

Flügeln, einem spitzen und gefährlichen Stachel und einem ausgebildeten

Sinn für die Gefahren und Freuden ihres Lebens. Sie hatte Erfahrungen

gemacht und Kenntnisse gesammelt und wünschte sich nun oft, sie auf

rechte Art verwenden zu können. Vielleicht wäre sie eines Tages in den

Stock zurückgekehrt, hätte sich der Königin zu Füßen geworfen und ihre

Verzeihung erfleht, um wieder in Ehren aufgenommen zu werden. Aber ein

brennendes Verlangen hielt sie davon zurück: sie wünschte sich, den

Menschen kennenzulernen. Sie hatte so viel Widersprechendes über die

Menschen gehört, daß sie eher verwirrter als klüger geworden war, und

doch ahnte sie, daß es in der ganzen Schöpfung nichts Mächtigeres,

Klügeres und Erhabeneres als den Menschen gäbe.

Aus hoher Luft, aus weiter Entfernung hatte sie auf ihren Irrfahrten

wohl zuweilen Menschen gesehen, schwarze, weiße und rote, auch solche,

die vielfarbig und bunt bekleidet waren, kleine und große. Aber sie

hatte sich niemals in die Nähe getraut. Einmal sah sie es rot am Bach

schimmern, und da sie den Schein der Farbe für ein Blumenbeet hielt, war

sie hinzugeflogen. Da fand sie einen Menschen mit goldenen Haaren und

rosigem Angesicht. Er schlief in einem roten Kleid in den Blumen am Bach

und sah trotz seiner furchtbaren Größe so gut und lieblich aus, daß ihr

vor Entzücken Tränen in die Augen traten. Sie hatte alles um sich her

vergessen und nur immer den schlummernden Menschen betrachten müssen.

Was sie jemals an Bösem darüber gehört hatte, erschien ihr unmöglich, es

war ihr, als müßte alles Schlechte Lüge gewesen sein, was man ihr jemals

über solch liebliche Wesen berichtet hatte, wie dort eines im Schatten

der flüsternden Birken schlief.

Später kam eine Mücke zu ihr und grüßte.

»Mein Gott,« rief Maja, ganz heiß vor Erregung und Freude, »sehen Sie

dort den Menschen, wie schön, wie gut. Begeistert es Sie nicht?«

Die Mücke sah erst Maja sehr erstaunt an und drehte sich dann langsam

nach dem Gegenstand ihrer Bewunderung um:

»Ja,« sagte sie, »er ist gut, gewiß, ich habe ihn eben angebohrt.

Schauen Sie, mein Leib schimmert rot von seinem Blut.«

Maja mußte ihrem Herzen mit der Hand zur Hilfe kommen, so sehr erschrak

sie über die Kühnheit der Mücke.

»Wird er sterben?« rief sie. »Wo haben Sie ihn verletzt? Wie können Sie

nur den erforderlichen Mut und zugleich eine so unwürdige Gesinnung

aufbringen? Sie sind ja ein Raubtier!«

Die Mücke lachte und antwortete mit ihrem hohen hellen Stimmchen

sichtlich amüsiert:

»Dies ist doch nur ein ganz kleiner Mensch. Diese Größe wird Mädchen

genannt, sobald die Beine bis zur Hälfte von einem abstehenden farbigen

Panzer bedeckt sind. Ich kann natürlich hindurchstechen, aber in der

Regel erreicht man die Haut nicht. -- Sie haben ja eine ganz fabelhafte

Unkenntnis, glauben Sie denn, die Menschen seien gut? Ich habe niemals

einen gefunden, der mir freiwillig auch nur das kleinste Tröpfchen Blut

gegönnt hätte.«

»Vom Menschen weiß ich allerdings noch nicht sehr viel«, sagte Maja

kleinlaut.

»Aber Sie geben sich doch von allen Insekten am meisten mit den Menschen

ab, Sie lassen sich am weitesten mit ihnen ein, das ist doch bekannt.«

»Ich habe das Königreich verlassen«, gestand Maja schüchtern. »Es gefiel

mir nicht, ich wollte die Welt kennenlernen.«

»I, da sieh einer an«, sagte die Mücke und trat einen Schritt näher.

»Wie bekommt Ihnen denn Ihr Umhertreiben? Ich muß sagen, daß es mir

gefällt, Sie so unabhängig zu sehen. Ich für mein Teil würde mich

niemals entschließen, den Menschen zu dienen.«

»Sie dienen auch uns«, sagte Maja, die es nicht ertragen konnte, daß man

ihr Volk herabsetzte.

»Mag sein,« antwortete die Mücke, »zu welchem Volk gehören Sie?«

»Ich stamme vom Volk der Bienen im Schloßpark. Die regierende Königin

ist Helene die Achte.«

»So, so,« machte die Mücke und verbeugte sich, »das ist eine

beneidenswerte Abstammung. Alle Achtung. Sie hatten kürzlich Revolution,

nicht wahr? Ich hörte das durch die Kundschafter des Schwarms, der

ausgebrochen war. Habe ich recht?«

»Ja«, sagte Maja stolz. Es erfüllte sie mit Genugtuung und Freude, daß

die Ihren so hohes Ansehen genossen und weit bekannt waren. Tief im

Herzen wachte wieder das Heimweh nach ihrem Volke auf, sie wünschte

sich, etwas Großes und Gutes für ihre Königin und zum Wohl ihres Staates

tun zu können. Darüber vergaß sie nach dem Menschen zu fragen.

Vielleicht fragte sie auch deshalb nicht mehr, weil sie von der Mücke

nichts Gutes zu hören hoffte. Sie empfand die Kleine als frech und

naseweis, und solche Leute wissen gewöhnlich über andere nur Schlechtes

zu sagen.

Die Mücke war damals auch bald weitergeflogen.

»Ich nehme noch einen Schluck«, hatte sie gerufen. »Später werde ich mit

den Gefährten in der Abendsonne fliegen, damit wir morgen gutes Wetter

bekommen.«

Maja hatte sich davongemacht, weil es ihr unmöglich war, mit anzusehen,

wie die Mücke dem schlafenden Kind Böses zufügte. Sie wunderte sich, daß

die Mücke nicht daran zugrunde ging. Kassandra hatte ihr gesagt. »Wenn

du einen Menschen stichst, mußt du sterben.«

Maja erinnerte sich dieses Vorfalls noch sehr genau, aber ihr Verlangen

danach, vom Menschen soviel als möglich kennenzulernen, war keinesfalls

befriedigt, sie beschloß, kühner zu werden und keine Anstrengungen zu

scheuen, um zu ihrem Ziel zu gelangen.

Diese Wünsche Majas sollten sich auf wunderbare Art erfüllen und viel

schöner, als sie es erwartet hatte. Die kleine Biene war an einem warmen

Sommerabend früher als gewöhnlich zur Ruhe gegangen, und plötzlich

erwachte sie mitten in der Nacht, das war ihr noch niemals geschehen.

Ihr Erstaunen war unbeschreiblich, als sie die Augen öffnete und ihren

kleinen Schlafraum über und über in ein stilles blaues Licht getaucht

sah. Es sank vom Eingang nieder, dessen Öffnung wie unter einem

silberblauen Vorhang strahlte. Sie wagte sich anfangs kaum zu rühren,

aber sie fürchtete sich nicht, denn mit diesem Schein kam ein seltsam

schöner Friede zu ihr hineingezogen. Und es klang etwas draußen in der

Luft, was sie so fein und so voller Harmonie noch niemals vernommen

hatte. Endlich trat sie schüchtern und ganz benommen vom Glanz dieser

ungewöhnlichen Stunde an den Ausgang ihrer Baumhöhle und sah hinaus. Ihr

war, als sei die ganze Welt durch ein Wunder verzaubert. Überall

glitzerte und funkelte es von reinstem Silber, tausend helle Perlen

leuchteten matt und selig im Gras, das in der Ferne wie unter feinen

Schleiern lag, die Stämme der Birken und die schlafenden Blätter waren

mit Silber übermalt. Und alles umher, und in der stillen, seligen Weite,

war in ein sanftes blaues Licht gehüllt.

»Das ist die Nacht, das kann nur die Nacht sein«, flüsterte die kleine

Maja und faltete die Hände.

Am hohen Himmel, ein wenig verhüllt durch die Blätter eines Buchenastes,

stand eine volle, klare Silberscheibe, von der das Licht niedersank, das

die ganze Welt verschönte. Erst nun erkannte Maja, daß um den Mond her

eine unzählige Menge heller harter Lichtlein am Himmel brannten, schöner

und stiller als alles, was sie jemals an Glanz gesehen hatte. Sie wußte

nicht, was sie tun sollte vor Glück, daß sie die Nacht, den Mond und die

Sterne und ihre lieblichen Wunder erlebte. Sie hatte von alledem nur

gehört und niemals recht daran geglaubt.

Da vernahm sie wieder in ihrer Nähe ganz laut und weithin schallend den

seltsamen Nachtgesang, der sie geweckt haben mußte. Es war ein

schwingendes Zirpen in einem hellen Silberton, fast hätte man glauben

können, daß das Licht vom Mond im Niederrieseln dies Klingen mit sich

brachte. Sie schaute sich um und suchte nach der Ursache, aber im

heimlichen Widerspiel von Licht und Schatten war es sehr schwer, etwas

deutlich zu erkennen; alles war geheimnisvoll verhüllt und doch so wahr

und heldenhaft schön.

Es hielt die kleine Maja nicht länger in ihrem Versteck, sie mußte

hinaus in diese neue Pracht der Welt. Der liebe Gott wird mich behüten,

dachte sie, ich habe ja nichts Böses vor.

Eben wollte sie davonfliegen, um in das blaue Licht über der Wiese zu

kommen, auf die der volle Mond schien, als sie dicht in ihrer Nähe auf

einem Buchenblatt ein kleines geflügeltes Tier ankommen sah, das sie

noch niemals gesehen hatte. Und unmittelbar nachdem es angelangt war,

richtete es sich auf gegen den Mond, hob den einen schmalen Flügel ein

wenig und zog dann mit raschen Strichen sein Beinchen am Rand des

Flügels auf und nieder. Es sah aus, als geigte es auf einer versteckten

Geige, und richtig entstand jener zirpende Silberton, der die ganze

Mondnacht füllte.

»Entzückend,« flüsterte Maja, »nein, so was ist einfach himmlisch.«

Sie flog rasch hinüber. Die Sommernacht war lau und milde, so daß die

kleine Biene nicht spürte, daß es kühler als am Tage war. Als sie auf

dem Blatt bei der Fremden anlangte, brach diese jählings ihr Spiel ab,

es schien Maja, als sei es noch nie so still gewesen wie nun. Es war

gradezu unheimlich. Durch die dunklen Blätter rieselte das weiße, kühle

Licht.

»Gute Nacht«, sagte die kleine Maja sehr höflich, denn sie dachte, man

müßte ebenso in der Nacht grüßen, wie man es am Tage tut, und sie fügte

rasch hinzu. »Entschuldigen Sie, bitte, daß ich störe, aber Ihr Spiel

hat etwas so Anziehendes, wenn man es hört, muß man dem Klang

nachgehen.«

Die Fremde schaute Maja mit großen Augen an:

»Was sind denn Sie für ein Krabbeltier?« fragte sie endlich. »So was hab

ich noch nie gesehen.«

»Ich bin durchaus kein Krabbeltier,« sagte die Biene ernst, »ich bin

Maja vom Volk der Bienen.«

»Ach, vom Volk der Bienen, so, so ...«, sagte die Fremde. »Sie leben am

Tage, nicht wahr? Ich habe durch den Igel von Ihrem Geschlecht gehört.

Er erzählte mir, daß er am Abend die Toten fräße, die aus Ihrem Stock

geworfen werden.«

»Ja,« sagte Maja mit leisem Bangen, »das ist wahr, Kassandra hat mir

davon erzählt, der Igel kommt in der Abenddämmerung, er schmatzt und

sucht die Toten. Die Wächter haben es erzählt. Aber verkehren Sie denn

mit dem Igel? Der Igel ist doch ein gradezu fürchterliches Untier.«

»Das finde ich nicht«, sagte die Fremde. »Wir Nachtgrillen stehen uns

eigentlich ganz gut mit ihm. Natürlich, er versucht es immer wieder, uns

zu greifen, aber es gelingt ihm nie. So necken wir ihn oft und treiben

unser Spiel mit ihm. Wir nennen ihn Onkel. Leben muß schließlich jeder,

nicht wahr? Und solange einer nicht von mir lebt, kann es mir ja

gleichgültig sein.«

Maja schüttelte das Köpfchen, sie dachte anders darüber, sie aber wollte

die Fremde nicht durch Widerspruch verletzen. So fragte sie freundlich:

»Sie sind also eine Grille?«

»Ja, eine Nachtgrille. Aber Sie dürfen mich nicht länger stören, ich muß

spielen. Es ist Vollmond, und die Nacht ist wundervoll.«

»Ach, machen Sie eine Ausnahme,« bat Maja, »erzählen Sie mir von der

Nacht.«

»Die Sommernacht ist das Schönste in der Welt,« antwortete die Grille,

»sie füllt das Herz mit Seligkeit. Was Sie nicht aus meinem Spiel hören,

werde ich Ihnen auch nicht erklären können. Warum muß man immer alles

wissen? Wir armen Wesen wissen vom Dasein nur ein kleines Teil, aber

fühlen können wir die ganze Herrlichkeit der Welt.«

Und sie begann ihr helles, jubelndes Silberspiel, es klang laut und

übermächtig, wenn man es so nah hörte, wie Maja saß. Und die kleine

Biene saß ganz still in der blauen Sommernacht und hörte zu und dachte

sehr tief über das Leben nach.

Da wurde es neben ihr still. Es klirrte leise, und sie sah die Grille in

den Mondschein hinausfliegen.

Die Nacht macht so traurig, dachte die kleine Maja.

Sie wollte nun hinunter auf die Blumenwiese. Am Bachrand standen

Wasserlilien, sie spiegelten sich in der raschen Flut, die den

Mondschein mit sich trug. Es war herrlich anzuschauen. Das Wasser

flüsterte und blinkte und die geneigten Lilien schienen zu schlafen. Sie

sind eingeschlafen vor lauter Glück, dachte die kleine Biene. Sie ließ

sich auf einem weißen Blumenblatt, mitten im Mondschein nieder und

konnte den Blick nicht von dem lebendigen Wasser des Baches wenden, das

in zitternden Funken aufblitzte und wieder erlosch. Drüben am Ufer

schimmerten Birken, und es sah aus, als hingen die Sterne darin.

Wohin fließt nur all dies Wasser, dachte sie. Die Grille hat recht, wir

wissen so wenig von der Welt.

Da hörte sie dicht neben sich im Kelch einer Lilie ein feines singendes

Stimmchen, so rein und glockenhell, wie sie noch niemals einen irdischen

Klang vernommen hatte; ihr Herz begann laut zu klopfen, und ihr Atem

stockte.

O, was wird geschehen, dachte sie, was werde ich zu sehen bekommen.

Die Lilie schwankte leicht, dann sah sie, daß eines der Blätter sich am

Rande ein wenig nach innen bog und sie erblickte eine ganz kleine,

schneeweiße Menschenhand, die sich mit winzigen Fingerchen daran

festhielt. Dann tauchte ein blondes Köpfchen auf und ein lichtes, zartes

Körperchen in einem weißen Kleid. Es war ein ganz kleiner Mensch, der

aus der Lilie emporkam.

Den Schreck und das Entzücken der kleinen Maja kann niemand schildern.

Sie saß wie erstarrt da und konnte ihre Augen nicht von dem Anblick

wenden, der sich ihr darbot.

Das winzige Menschenwesen erklomm den Rand der Blüte, hob die Ärmchen

gegen das Mondlicht und sah mit einem seligen Lächeln in die helle Nacht

der Menschenerde. Dann kam ein leises Zittern in das durchscheinende

Körperchen, und plötzlich entfalteten sich von den Schultern herab zwei

helle Flügel, weißer als das Mondlicht und so rein wie Schnee. Sie

überragten das blonde Haupt und sanken bis an die Füße nieder. Nie, nie

hat die kleine Maja in ihrem Leben wieder etwas so Liebliches gesehen.

Und während das lichte kleine Menschlein so dastand und seine Hände

gegen den Himmel reckte, erhob es seine Stimme wieder, und Maja verstand

das Lied, das in die Nacht hinausklang:

Meine Heimat ist das Licht.

Heller Himmel meine Freude.

Tod und Leben wechseln beide,

aber meine Seele nicht.

Meine Seele ist der Hauch,

der aus aller Schönheit bricht,

wie aus Gottes Angesicht,

so aus seiner Schöpfung auch.

Die kleine Maja überkam ein heftiges Schluchzen, sie konnte sich nicht

erklären, was sie so traurig machte und sie gleichzeitig so beglückte.

Da wandte sich das kleine Menschenwesen nach ihr um:

»Wer weint denn da?« fragte es mit seiner klaren Stimme.

»Ach, das bin nur ich«, stammelte Maja. »Entschuldigen Sie, daß ich

gestört habe.«

»Warum weinst du denn?«

»Ich weiß es nicht,« sagte Maja, »vielleicht nur, weil Sie so schön

sind. Wer sind Sie, ach sagen Sie es mir, wenn ich nicht zuviel

verlange. Sie sind sicher ein Engel.«

»O nein,« sagte das kleine Wesen und blieb ganz ernst, »ich bin nur ein

Blumenelf. Aber du kannst ruhig du zu mir sagen. Was machst denn du

kleine Biene in der Nacht draußen auf der Wiese?«

Der Elf flog zu Maja hinüber, setzte sich auf ein gebogenes Lilienblatt,

das ihn sanft schaukelte und betrachtete die kleine Biene ernst und

freundlich. Und während Maja ihm erzählte, alles was sie wußte und

wollte und was sie getan hatte, sahen immer die großen dunklen Augen aus

dem weißen Elfengesicht sie an, unter dem goldenen Haar hervor, das im

Mond zuweilen wie Silber glänzte.

Der Blumenelf strich Maja über das Köpfchen, als sie ihre Geschichte

erzählt hatte und sah sie so innig und liebevoll an, daß die kleine

Biene vor Glück die Blicke senken mußte. Und dann erzählte er ihr:

»Wir Elfen leben sieben Nächte, aber wir müssen in der Blume bleiben,

in der wir geboren sind. Wenn wir die Blume verlassen, so müssen wir im

Morgenrot sterben.«

Maja riß vor Angst und Schrecken die Augen weit auf.

»O rasch, rasch, flieg in deine Blume zurück!« rief sie.

Der Elf schüttelte traurig den Kopf.

»Nun ist es zu spät,« sagte er, »aber höre weiter. Die meisten Elfen

verlassen ihre Blumen, denn es verbindet sich ein großes Glück damit.

Wer seine Blume verläßt und so einen frühen Tod erleidet, der hat zuvor

eine wunderbare Macht. Er kann dem ersten Wesen, das ihm begegnet,

seinen liebsten Wunsch erfüllen. Wenn er ernstlich den Willen hat, die

Blume zu verlassen, um andere zu beglücken, so wachsen ihm zugleich

seine Flügel.«

»Ach, wie herrlich,« rief Maja, »da würde ich auch die Blume verlassen.

Das muß wunderschön sein, den liebsten Wunsch eines anderen zu

erfüllen.« Die kleine Biene dachte gar nicht daran, daß sie das erste

Wesen war, dem der Elf auf seinem Flug aus der Blume begegnet war.

»Und dann,« fragte sie, »mußt du dann sterben?«

Der Elf nickte, aber diesmal gar nicht traurig.

»Wir sehen noch das Morgenrot,« sagte er, »aber wenn der Tau fällt, dann

zieht es uns zu den feinen Schleiern hinüber, die über dem Gras der

Wiesen schweben. Hast du nicht oft gesehen, daß diese Schleier ganz weiß

leuchten, als wäre Licht darin? Das sind die Elfen, ihre Flügel und ihre

Kleider. Und mit dem heraufsteigenden Licht verwandeln wir uns in

Tautropfen. Die Pflanzen trinken uns und nehmen uns in ihr Blühen und

Wachsen auf, bis wir nach Zeiten wieder als Elfen aus ihren

Blumenkelchen steigen.«

»So warst du früher schon einmal ein anderer Elf?« fragte Maja in

atemloser Spannung.

Die ernsten Augen nickten ihr zu:

»Ja, aber ich habe es vergessen. Wir vergessen alles in unserm

Blumenschlaf.«

»O, dein Los ist lieblich«, rief die kleine Maja.

»Es ist das Los aller Erdenwesen,« sagte der Elf, »wenn man es weit und

groß betrachtet. Auch wenn es nicht immer Blumen sind, in denen sie aus

ihrem Todesschlaf erwachen. Aber davon wollen wir heute nicht sprechen.«

»O, ich bin glücklich«, rief Maja.

»So hast du keinen Wunsch?« fragte der Elf. »Weißt du denn nicht, daß du

das erste Wesen bist, das mir begegnet und daß ich deinen liebsten

Wunsch erfüllen soll?«

»Ich?« rief Maja, »aber ich bin doch nur eine Biene. Nein, das ist

zuviel Freude für mich, ich habe nicht verdient, daß man so gut gegen

mich ist.«

»Niemand verdient das Gute und Schöne,« sagte der Elf, »es kommt zu uns

wie der Sonnenschein.«

Majas Herz klopfte stürmisch. O, sie hatte seit lange einen heißen

Wunsch, aber sie wagte es nicht, ihn vorzubringen. Aber der Elf schien

es zu ahnen, denn er lächelte so, daß man ihm nichts verschweigen

konnte.

»Nun?« fragte er und strich sich das goldene Haar aus der reinen Stirn.

»Ich möchte die Menschen kennenlernen, wie sie am schönsten sind«, sagte

die kleine Biene heiß und rasch und fürchtete, sie würde hören, daß man

einen so großen Wunsch nicht erfüllen könnte.

Aber der Elf erhob sich ernst und ruhig, und seine Augen bekamen einen

Glanz von Zuversicht, er nahm die zitternde Hand der kleinen Maja und

sagte:

»Komm, wir fliegen zusammen, dein Wunsch soll in Erfüllung gehen.«

Die Biene Maja und ihre Abenteuer · 第 11 / 20 题