+Hannibals Kampf mit dem Menschen+
In der Nähe der Baumhöhle, in der die kleine Maja ihre Sommerwohnung
aufgeschlagen, hatte sich in der Rinde der Kiefer der Borkkäfer Fridolin
mit seiner Familie angesiedelt. Er war ein arbeitsamer und ernster Mann,
der viel Sorgfalt auf die Fortpflanzung seiner Familie legte und es auf
diesem Gebiet zu hübschen Erfolgen gebracht hatte. Er sah mit Stolz auf
etwa fünfzig regsame Söhne zurück, die alle zu den besten Hoffnungen
berechtigten. Sie gruben sich unter der Baumrinde jeder seinen kleinen
gewundenen Kanal und fühlten sich darin wohl.
»Meine Frau hat es so eingerichtet, daß keiner dem anderen in die Quere
kommt«, sagte Fridolin zu Maja. »Meine Söhne kennen sich noch nicht,
ihre Lebenswege gehn alle nach verschiedenen Richtungen.«
Maja kannte Fridolin schon lange. Sie wußte wohl, daß die Menschen ihn
und sein Geschlecht nicht eben liebten, aber sie selbst fand sein Wesen
und seine Gesinnungsart sehr liebenswürdig und hatte bisher nicht Grund
gehabt, ihn zu meiden. Morgens, wenn der Wald noch schlief und die Sonne
noch nicht aufgegangen war, hörte sie oft sein feines Pochen und Bohren,
ganz leise klang es wie ein feines Rieseln, oder als atmete der Baum im
Schlaf. Später fand sie dann den dünnen braunen Staub, den er aus seinem
Gang geschafft hatte.
Eines Morgens kam er früh zu ihr, wie er es oft tat, und erkundigte sich
danach, ob Maja gut geschlafen habe.
»Fliegen Sie heute nicht?« fragte er.
»Nein,« sagte Maja, »es ist zu windig.«
Das war es in der Tat. Der Wald brauste und schüttelte seine Äste wild
und aufgeregt, und die Blätter an seinen Zweigen sahen aus, als ob sie
fortflattern wollten. Jedesmal, wenn wieder ein Windstoß kam, wurde es
etwas heller umher, und man hatte den Eindruck, als wären die Bäume um
vieles kahler. In der Kiefer, auf der Fridolin und Maja lebten, pfiffen
die Stimmen des Windes mit ganz hellem Sausen, es klang, als ob der Baum
erregt und zornig sei.
Fridolin seufzte. »Ich habe die ganze Nacht gearbeitet,« erzählte er,
»was bleibt einem übrig? Man muß sehn, daß man etwas erreicht. Ich bin
auch mit dieser Kiefer nicht recht zufrieden, ich hätte mich an eine
Tanne heranmachen sollen.« Er trocknete sich die Stirn und lächelte
nachsichtig.
»Wie geht es Ihren Kindern?« fragte Maja freundlich.
Fridolin dankte. »Ich überseh die Sache nicht mehr recht,« sagte er
zögernd, »aber ich gebe mich der Hoffnung hin, daß alle gedeihn.«
Wie er so dasaß, ein kleiner brauner Mann, mit seinem Brustschild, das
aussah wie ein viel zu großer Kopf, und seinen kurzen, etwas gestutzten
Flügeldecken, fand Maja, daß er beinahe etwas komisch wirkte, aber sie
wußte wohl, daß er ein gefährlicher Käfer war und den mächtigen
Waldbäumen großen Schaden tun konnte. Fiel sein Volk in großen Scharen
über einen Baum her, so war es bald um seine grünen Nadeln geschehen, er
mußte welken und sterben und hatte keine Mittel, sich gegen die kleinen
Räuber zu wehren, die ihm seine Rinde zerstörten, durch die der Saft in
die Wipfel steigt. Man erzählte, daß seinem Volke schon ganze Wälder zum
Opfer gefallen seien. Maja betrachtete ihn nachdenklich, und ihr ward
ganz feierlich zumute, wenn sie bedachte, wie bedeutungsvoll und mächtig
dies kleine Tier werden konnte.
Da seufzte Fridolin und sagte bekümmert. »Ach, das Leben wäre schön,
wenn es keine Spechte gäbe.«
»Ja, ja,« nickte Maja, »der Specht, das ist wahr, er frißt auf, was er
findet.«
»Wenn es nur das wäre,« meinte Fridolin, »wenn leichtsinnige Leute, die
sich außen auf der Rinde umhertreiben, ihm als Beute zufielen, würde ich
sagen: Gut, schließlich will auch ein Specht leben. Aber ich finde es
unverantwortlich, daß dieser Vogel einen bis unter die Rinde verfolgt,
bis in die Schlupfwinkel und bis tief in unsere Gänge hinein.«
»Nein,« sagte Maja, »das kann er nicht. Dazu ist er zu groß, soviel ich
weiß.«
Fridolin sah Maja mit hochgezogenen Brauen an und nickte ein paarmal
gewichtig mit dem Kopf. Es machte ihm offenbar Spaß, daß er etwas besser
wußte.
»Zu groß?« fragte er, »wer spricht von seiner Größe? Nein, meine Liebe,
seine Größe ist es nicht, die uns besorgt macht, sondern seine Zunge.«
Maja machte große Augen, und nun erfuhr sie von Fridolin, daß der Specht
eine lange dünne Zunge hat, rund wie ein Wurm, und spitz und klebrig.
»Zehnmal so lang, wie ich es bin, kann er sie mindestens
herausstrecken«, rief der Borkkäfer und schwenkte den Arm. »Man denkt,
jetzt ist sie zu Ende, da wird sie noch länger. Er schiebt sie,
gewissenlos wie er ist, tief in alle Spalten und Risse der Rinde und
denkt: vielleicht sitzt jemand darin. Sogar in unsere Kanäle dringt
diese Zunge ein, Gott weiß es, und was mit ihr in Berührung kommt, klebt
daran fest und wird herausgezogen.«
»Ich bin nicht feige,« sagte Maja, »bestimmt nicht, aber diese Tatsache
macht mich doch recht besorgt.«
»Ach, Sie mit Ihrem Stachel haben es gut«, meinte Fridolin nicht ohne
Neid. »Jeder besinnt sich, eh er sich in die Zunge stechen läßt, fragen
Sie, wen Sie wollen. Aber was soll unsereiner sagen? Meine Cousine hat
es durchgemacht. Wir hatten vorher einen kleinen Streit wegen meiner
Frau gehabt, ich weiß noch alles genau, sie war bei uns auf Besuch und
kannte die Wohnungsverhältnisse noch nicht so recht. Mit einmal hören
wir den Specht scharren und klopfen, es war einer von den kleineren
Sorten. Er muß grade bei unserem Bau angefangen haben, sonst hört man
ihn gewöhnlich schon vorher und bringt sich in Sicherheit. Plötzlich
höre ich meine bedauernswerte Cousine aus dem Dunkel schrein: 'Fridolin,
ich klebe!' Ich vernahm noch ein verzweifeltes Zappeln, dann wurde es
still, und der Specht hämmerte schon nebenan. Um meine Cousine war es
geschehn, sie war bereits verschlungen. Sie hieß Agathe.«
»Fühlen Sie mal, wie mein Herz klopft,« sagte Maja leise, »Sie hätten es
nicht so rasch erzählen sollen. Was doch alles passiert in der Welt!«
Und die kleine Biene dachte an ihre eigenen Erlebnisse, die zurücklagen,
und an alles, was ihr vielleicht noch begegnen könnte.
Da fing plötzlich Fridolin an zu lachen.
Maja sah sich überrascht nach ihm um.
»Passen Sie auf,« rief er, »jetzt kommt der Richtige den Baum herauf,
das ist einer, sage ich Ihnen. Nun, Sie werden ja sehn.«
Maja folgte seinen Blicken und sah ein merkwürdiges Tier langsam den
Baum emporklimmen. Sie hatte niemals für möglich gehalten, daß es solche
Tiere gab. Aber größer als ihr Erstaunen war anfangs ihre Angst, und sie
fragte Fridolin hastig, ob man sich verbergen müßte.
»Kein Gedanke,« sagte der Borkkäfer, »bleiben Sie getrost sitzen und
begrüßen Sie den Herrn höflich. Er ist sehr gelehrt und hat wirklich
ernste Kenntnisse, dabei ist er gutherzig und bescheiden und wie alle
Leute, die so beschaffen sind, etwas komisch. Schauen Sie, was er tut!«
»Wahrscheinlich denkt er nach«, meinte Maja, die nicht aus dem Erstaunen
herauskam.
»Er kämpft gegen den Wind,« sagte Fridolin und lachte, »wenn ihm nur
seine Beine nicht durcheinandergeraten.«
»Sind denn diese langen Fäden wirklich seine Beine«, fragte Maja mit
großen Augen. »So was hab' ich nie gesehn.«
Inzwischen war der Fremde näher gekommen, und Maja sah ihn genauer.
Eigentlich sah es aus, als käme er durch die Luft, so hoch hing sein
kleiner, rundlicher Körper in den ungeheuer langen Beinen, die wie ein
fadendünnes, bewegliches Gestell, weit von ihm ab, nach allen Seiten hin
Halt suchten. Er schritt vorsichtig und tastend voran, dabei schwankte
das braune Kügelchen seines Körpers bald höher hinauf, bald wieder
hinab. Die Beine waren so lang und dünn, daß ein einzelnes sicher den
Körper nicht hätte tragen können, er brauchte sie unbedingt alle
zusammen, und da sie in der Mitte geknickt waren, überragten sie ihn
hoch bis in die Luft hinein.
Maja schlug die Hände zusammen.
»Nein so was!« rief sie. »Aber hätten Sie für möglich gehalten, daß so
zarte Beine, dünn wie Haare, so beweglich und nützlich sein können, daß
man sie wirklich gebrauchen kann, und daß sie wissen, was sie tun
sollen? Ich finde, das ist ein Wunder, Fridolin.«
»Ach was,« sagte der Borkkäfer, »wenn etwas komisch ist, so lacht man,
damit basta.«
»Ich habe aber keine Lust dazu,« antwortete Maja, »oft lacht man über
etwas, und später stellt sich heraus, daß man es nur nicht verstanden
hat.«
Da war der Fremde herangekommen, er schaute von der Höhe seiner Beine,
aus all den spitzen Dreiecken heraus, auf Maja nieder und sagte: »Guten
Morgen! Ein rechter Brausewind, meine zwei Herrschaften, ein Zuglüftlein
recht derber Art, nicht wahr, oder -- wie? Meinten Sie vielleicht etwas
anderes?« Und er hielt sich fest, so gut er konnte.
Fridolin verbarg sein Lachen, aber die kleine Maja antwortete höflich,
das sei auch ihre Meinung, deshalb sei sie heute nicht ausgeflogen. Dann
stellte sie sich vor. Der Fremde schielte durch seine Knie hindurch auf
sie nieder.
»Maja, vom Volk der Bienen,« wiederholte er, »das freut mich aufrichtig,
ich habe viel von den Bienen gehört. Ich muß Ihnen gestehn, daß ich
immer etwas in Verlegenheit gerate, wenn ich mich jemandem vorstellen
soll, denn unsere sehr verbreitete Familie ist unter den verschiedensten
Namen bekannt. Man nennt uns Weberknechte, Schneider oder Schuster.
Jedenfalls gehöre ich zur Gattung der Spinnen, und mein Rufname ist
Hannibal.«
Die Namen der Spinnen haben einen bösen Klang bei allen kleineren
Insekten, Maja konnte ihren Schreck nicht ganz verbergen, zumal sie
ihrer Gefangenschaft bei der Spinne Thekla gedachte; aber Hannibal
schien nichts davon zu merken. Sie dachte, wenn es sein muß, flieg' ich,
da kann er mir nachschauen, Flügel hat er nicht, und sein Netz ist
anderswo.
»Ich bin in Gedanken, sehr in Gedanken,« sagte Hannibal, »wenn Sie
erlauben, trete ich etwas näher, dort hinter dem großen Ast bin ich
geschützt.«
»Bitte schön«, sagte Maja und machte Platz. Fridolin verabschiedete
sich, aber die kleine Biene wollte nun doch gerne wissen, was es mit
Hannibal für eine Bewandtnis hätte. Was es doch alles für Tiere in der
Welt gibt, dachte sie, immer wieder entdeckt man irgendein neues.
Der Wind hatte etwas nachgelassen, und die Sonne schien durch die
Baumzweige. Irgendwo unten im Buschwerk stimmte ein Rotkehlchen sein
Lied an und erfüllte den Wald mit Glück. Maja konnte es auf einem Zweig
sitzen sehen, sie sah, wie die Kehle sich beim Singen bewegte, und der
Vogel hatte sein Köpfchen emporgerichtet gegen das Licht.
»Wenn ich doch singen könnte,« sagte die kleine Maja, »so wie dort das
Rotkehlchen, ich setzte mich auf eine Blume und täte es den ganzen Tag.«
»Dabei würde etwas Nettes herauskommen,« meinte Hannibal, »Sie mit Ihrem
Gesumm.«
»Der Vogel sieht so glücklich aus«, sagte die Biene.
»Sie sind eine phantastische Person«, meinte der Weberknecht. »Wenn alle
Tiere sich etwas anderes wünschten, als sie können, so würde bald die
Welt auf dem Kopf stehen. Denken Sie sich, ein Rotkehlchen glaubte, es
müßte partout einen Stachel haben, oder eine Ziege wollte herumfliegen
und Honig sammeln. Dann käme am Ende noch der Frosch und wünschte sich
solche Beine, wie ich sie habe.«
Maja lachte.
»Nein, das meine ich nicht,« sagte sie, »aber ich denke es mir
wunderschön, alle Wesen so glücklich machen zu können, wie dieser Vogel
es durch seinen Gesang kann. Aber was ist denn das,« rief sie plötzlich
in großer Verwunderung, »Herr, Sie haben ja ein Bein zuviel. Sie haben
sieben Beine.«
Hannibal runzelte die Stirn und schaute unwillig vor sich hin.
»Jetzt haben Sie es also glücklich doch gemerkt«, sagte er verstimmt.
»Allerdings habe ich kein Bein zuviel, sondern eins zuwenig.«
»Ja, haben Sie denn sonst acht Beine?« fragte Maja erstaunt.
»Wenn Sie erlauben,« meinte Hannibal, »wir Spinnen haben acht Beine. Wir
brauchen sie, und auch sonst -- es ist vornehmer. Mir ist eins abhanden
gekommen, schade um das Bein, aber schließlich hilft man sich, so gut
man kann.«
»Es muß sehr unangenehm sein, ein Bein zu verlieren«, sagte Maja
teilnehmend.
Hannibal stützte das Kinn in die Hand und stellte seine Beine so, daß es
schwer war, sie zu überzählen.
»Ich werde Ihnen mitteilen,« sagte er, »wie es gekommen ist. Natürlich
ist der Mensch dabei im Spiel, wie gewöhnlich, wenn etwas passiert.
Unsereiner sieht sich vor, aber der Mensch ist unvorsichtig und greift
mitunter zu, als ob man ein Stück Holz wäre. Soll ich Ihnen erzählen,
wie sich dieser beklagenswerte Vorfall zugetragen hat?«
»Ach bitte,« sagte Maja und setzte sich zurecht, »das wäre mir sehr
interessant. Sie haben sicher ungemein viel erfahren.«
»Das ist richtig,« sagte Hannibal, »jetzt passen Sie auf. Unser
Geschlecht gehört zu den Nachtvölkern, darüber werden Sie unterrichtet
sein. Ich lebte damals in einem grünen Gartenhaus, das außen mit Efeu
bewachsen war und in dem sich manche zerbrochene Fensterscheibe befand,
so daß ich bequem ein und aus konnte. Wenn es dunkel wurde, kam der
Mensch durch den Garten, trug seine künstliche Sonne, die er Lampe
nennt, in der einen Hand, in der anderen eine Flasche und unter dem Arm
Papier, außerdem hatte er noch eine kleine Flasche in der Tasche. Er
stellte alles auf den Tisch und fing an nachzudenken, weil er seine
Ansichten auf das Papier schreiben wollte. Sie werden sicher schon
Papier gefunden haben, im Wald oder im Garten. Das Schwarze darauf hat
der Mensch sich ausgedacht.«
»Fabelhaft«, sagte Maja ganz glücklich, daß sie so viel erfahren sollte.
»Zu diesem Zweck«, erklärte Hannibal weiter, »braucht der Mensch seine
beiden Flaschen. In die kleine steckt er einen Holzstab, aus der großen
trinkt er. Je mehr er trinkt, um so besser geht es voran. Er schreibt
natürlich über uns, alles was er weiß, und ist sehr eifrig, aber viel
kommt nicht dabei heraus, denn der Mensch hat bisher über uns Insekten
nur recht wenig in Erfahrung gebracht. Über unser Seelenleben weiß er
fast nichts, und auf unser Herz und seine Ängste nimmt er nicht die
kleinste Rücksicht. Sie werden hören.«
»Denken Sie nicht gut vom Menschen?« fragte Maja.
»Doch, doch,« antwortete der Weberknecht und schaute schräg vor sich
nieder, »aber mit sieben Beinen wird man bitter.«
»Ach so«, sagte Maja.
»Eines Abends«, fuhr Hannibal fort, »war ich wie gewöhnlich in den
Fensterwinkeln auf der Jagd, und der Mensch saß vor seinen beiden
Flaschen und versuchte etwas zustande zu bringen. Ich ärgerte mich schon
darüber, daß eine große Anzahl der kleinen Fliegen und Mücken, von deren
Fang ich zu meinem Lebensunterhalt abhängig bin, sich auf die künstliche
Sonne des Menschen gesetzt hatte und hineinglotzte, ungebildet, wie
solche Tiere nun einmal sind.«
»Na,« meinte Maja, »ansehen würde ich mir so was schließlich auch mal.«
»Ansehen, meinetwegen. Aber ansehen ist etwas ganz anderes wie glotzen.
Schauen Sie sich doch einmal die Torheiten an, die dies Gesindel bei
einer Lampe treibt. Daß sie zwanzigmal mit dem Kopf dagegenrennen, ist
noch eine Kleinigkeit, manche tun es so lange, bis sie sich ihre Flügel
verbrannt haben. Dabei glotzen sie ununterbrochen das Licht an.«
»Die armen Tiere,« meinte Maja, »offenbar können sie sich nicht mehr
zurechtfinden.«
»Dann bleiben sie besser in den Fensternischen oder unter den Blättern
sitzen,« sagte Hannibal, »dort sind sie vor der Lampe sicher und dort
kann ich sie fangen. In jener verhängnisvollen Nacht nun sah ich von der
Fensternische aus vereinzelte Mücken neben der Lampe in den letzten
Zügen liegen. Ich beobachtete, daß dem Menschen scheinbar nichts daran
gelegen war, und beschloß, sie mir zu holen. Ist etwas in der Welt
begreiflicher?«
»Nein«, sagte Maja.
»Und doch, es wurde mein Unglück. Leise und vorsichtig kroch ich am
Tischbein empor, bis ich über den Rand schauen konnte. Der Mensch
erschien mir fürchterlich groß, und ich betrachtete, was er tat. Langsam
setzte ich ein Bein vor das andere und näherte mich der Lampe. Solange
ich Deckung hinter der Flasche hatte, ging alles gut, aber kaum trat ich
hinter dem Glas hervor, als der Mensch auch schon aufblickte und nach
mir griff. Er nahm eins meiner Beine zwischen seine Finger, hob mich
daran empor bis dicht vor seine großen Augen und sagte: 'Ei, sieh da!'
Und dabei grinste dieser Grobian über das ganze Gesicht, als ob es sich
um ein Vergnügen handelte.«
Hannibal seufzte und die kleine Maja war ganz still. Endlich fragte sie
mit heißem Kopf.
»Hat der Mensch so große Augen?«
»Denken Sie jetzt gefälligst an mich und an meine Lage«, rief Hannibal
erregt. »Versuchen Sie, sich meinen Gemütszustand vorzustellen. Wer
hängt gerne an einem Bein vor Augen, die etwa zwanzigmal so groß sind,
wie sein eigener Körper? Jeder der Zähne, welcher aus dem Mund des
Menschen weiß hervorblitzte, war doppelt so groß wie ich. Nun, was
denken Sie?«
»Schrecklich,« sagte Maja, »also entsetzlich!«
»Da riß gottlob mein Bein. Es ist nicht abzusehen, was alles geschehen
wäre, wenn es gehalten hätte. Ich fiel und lief, so rasch mich meine
übrigen Beine trugen, und versteckte mich hinter der Flasche, in deren
Schutz ich die furchtbarsten Drohungen gegen den Menschen ausstieß.
Deshalb verfolgte er mich weiter nicht. Ich sah, wie er mein Bein auf
das weiße Papier legte und zusah, wie es fortlaufen wollte, was es aber
ohne mich nicht kann.«
»Bewegte es sich noch?« fragte Maja erschrocken.
»Ja,« erklärte ihr Hannibal, »das tun unsere Beine immer, nachdem sie
ausgerissen worden sind. Mein Bein lief, aber weil ich nicht dabei war,
wußte es nicht wohin. So zappelte es nur planlos auf demselben Fleck
herum, und der Mensch sah zu, faßte seine Nase an und lächelte dabei,
herzlos wie er ist, über das Pflichtbewußtsein meines Beins.«
»Das ist unmöglich,« sagte die kleine Biene ganz eingeschüchtert, »ein
abbes Bein kann nicht krabbeln.«
»Was ist ein abbes Bein?« fragte Hannibal.
Maja sah ihn an. »Das ist ein Bein, das ab ist,« erklärte sie, »bei uns
zu Haus sagte man so.«
»Ihre Ausdrücke aus der Kinderstube gewöhnen Sie sich im großen Leben
und vor gebildeten Leuten besser ab«, forderte Hannibal mit Strenge.
»Man sagt ein ausgerissenes Bein. Jedenfalls ist es wahr, daß unsere
Beine noch lange zappeln, nachdem sie ausgerissen sind.«
»Nein,« sagte Maja, »das glaub' ich nicht ohne Beweis.«
»Meinen Sie, ich risse mir Ihretwegen ein Bein aus?« fragte Hannibal
böse. »Ich merke schon, daß man mit Ihnen nicht verkehren kann. So etwas
hat mir noch niemand zugemutet, hören Sie.«
Maja wurde ganz befangen, sie begriff nicht, weshalb der Weberknecht so
verdrießlich wurde und wo ihre Schuld lag. Es ist gar nicht so leicht,
mit fremden Leuten zu verkehren, dachte sie, sie denken anders und
begreifen oft nicht, daß man es nicht böse meint. Sie wurde traurig und
sah bekümmert auf die große Spinne mit ihren langen Beinen und ihrem
grämlichen Gesichtsausdruck.
»Eigentlich sollte man den Versuch machen, Sie zu fressen«, sagte da
plötzlich der Weberknecht, der offenbar die Gutmütigkeit Majas für
Schwäche gehalten hatte. Aber da geschah es der kleinen Biene ganz
seltsam, ihre Trauer war plötzlich verflogen, und an Stelle von Schreck
oder Furcht stieg ein ruhiger Mut in ihrem Herzen empor. Sie richtete
sich ein wenig auf, und während sie ihr hohes helles Summen ausstieß,
fast ohne zu wissen, daß sie es tat, sagte sie mit glänzenden Augen und
hob ihre schönen durchsichtigen Flügel ein wenig:
»Ich bin eine Biene, mein Herr.«
»Pardon«, sagte Hannibal, drehte sich ohne Gruß um und lief den Stamm so
rasch hinunter, wie man nur irgend mit sieben Beinen laufen kann.
Maja mußte lachen, ob sie wollte oder nicht. Unten begann Hannibal laut
zu schelten.
»Sie haben einen schlechten Charakter,« rief er aufgeregt, »Sie gehen
mit Ihrem Stachel gegen Leute vor, die durch harte Schicksalsschläge
daran behindert sind, sich in gewohnter Weise von der Stelle zu bewegen.
Aber Ihre Stunde wird schlagen, und sobald Sie in Bedrängnisse geraten,
werden Sie an mich denken und alles bereuen.«
Er verschwand unter den Huflattichblättern am Boden. Die kleine Biene
hatte nicht mehr alles verstanden, ihr war wohl zumut, zumal der Wind
fast ganz nachgelassen hatte und der Tag schön zu werden versprach. Hoch
am Himmel zogen weiße Wolken im tiefen Blau, sie sahen still und
glücklich aus, wie gute Gedanken Gottes. Und heiß und unwiderstehlich
überfiel die kleine Biene die Sehnsucht nach dem satten Schattengrund
der Waldwiesen und nach den besonnten Hängen jenseits des großen Sees,
dort mußte längst ein frohes Leben begonnen haben. Sie sah die schlanken
Gräser schaukeln, und am Waldrand wuchsen in den schmalen Wassergräben
hohe gelbe Schwertlilien. Von ihren Kelchen sah man hinüber in die
geheimnisvolle Nacht des Tannenwaldes, aus dem es kühl und traurig
wehte. Sie wußte, in seiner finstern Stille, die den Sonnenschein in ein
rötliches Schlummerlicht verwandelte, lag das Heimatland der Märchen.
Da flog sie schon durch die Luft. Es war ihr gar nicht recht zum
Bewußtsein gekommen, daß sie aufgeflogen war. Die Waldwiesen und ihre
Blumenhänge hatten sie gerufen. O du lieber Gott, dachte sie, wie
herrlich ist es, zu leben.