Neuntes Kapitel

+Hannibals Kampf mit dem Menschen+

In der Nähe der Baumhöhle, in der die kleine Maja ihre Sommerwohnung

aufgeschlagen, hatte sich in der Rinde der Kiefer der Borkkäfer Fridolin

mit seiner Familie angesiedelt. Er war ein arbeitsamer und ernster Mann,

der viel Sorgfalt auf die Fortpflanzung seiner Familie legte und es auf

diesem Gebiet zu hübschen Erfolgen gebracht hatte. Er sah mit Stolz auf

etwa fünfzig regsame Söhne zurück, die alle zu den besten Hoffnungen

berechtigten. Sie gruben sich unter der Baumrinde jeder seinen kleinen

gewundenen Kanal und fühlten sich darin wohl.

»Meine Frau hat es so eingerichtet, daß keiner dem anderen in die Quere

kommt«, sagte Fridolin zu Maja. »Meine Söhne kennen sich noch nicht,

ihre Lebenswege gehn alle nach verschiedenen Richtungen.«

Maja kannte Fridolin schon lange. Sie wußte wohl, daß die Menschen ihn

und sein Geschlecht nicht eben liebten, aber sie selbst fand sein Wesen

und seine Gesinnungsart sehr liebenswürdig und hatte bisher nicht Grund

gehabt, ihn zu meiden. Morgens, wenn der Wald noch schlief und die Sonne

noch nicht aufgegangen war, hörte sie oft sein feines Pochen und Bohren,

ganz leise klang es wie ein feines Rieseln, oder als atmete der Baum im

Schlaf. Später fand sie dann den dünnen braunen Staub, den er aus seinem

Gang geschafft hatte.

Eines Morgens kam er früh zu ihr, wie er es oft tat, und erkundigte sich

danach, ob Maja gut geschlafen habe.

»Fliegen Sie heute nicht?« fragte er.

»Nein,« sagte Maja, »es ist zu windig.«

Das war es in der Tat. Der Wald brauste und schüttelte seine Äste wild

und aufgeregt, und die Blätter an seinen Zweigen sahen aus, als ob sie

fortflattern wollten. Jedesmal, wenn wieder ein Windstoß kam, wurde es

etwas heller umher, und man hatte den Eindruck, als wären die Bäume um

vieles kahler. In der Kiefer, auf der Fridolin und Maja lebten, pfiffen

die Stimmen des Windes mit ganz hellem Sausen, es klang, als ob der Baum

erregt und zornig sei.

Fridolin seufzte. »Ich habe die ganze Nacht gearbeitet,« erzählte er,

»was bleibt einem übrig? Man muß sehn, daß man etwas erreicht. Ich bin

auch mit dieser Kiefer nicht recht zufrieden, ich hätte mich an eine

Tanne heranmachen sollen.« Er trocknete sich die Stirn und lächelte

nachsichtig.

»Wie geht es Ihren Kindern?« fragte Maja freundlich.

Fridolin dankte. »Ich überseh die Sache nicht mehr recht,« sagte er

zögernd, »aber ich gebe mich der Hoffnung hin, daß alle gedeihn.«

Wie er so dasaß, ein kleiner brauner Mann, mit seinem Brustschild, das

aussah wie ein viel zu großer Kopf, und seinen kurzen, etwas gestutzten

Flügeldecken, fand Maja, daß er beinahe etwas komisch wirkte, aber sie

wußte wohl, daß er ein gefährlicher Käfer war und den mächtigen

Waldbäumen großen Schaden tun konnte. Fiel sein Volk in großen Scharen

über einen Baum her, so war es bald um seine grünen Nadeln geschehen, er

mußte welken und sterben und hatte keine Mittel, sich gegen die kleinen

Räuber zu wehren, die ihm seine Rinde zerstörten, durch die der Saft in

die Wipfel steigt. Man erzählte, daß seinem Volke schon ganze Wälder zum

Opfer gefallen seien. Maja betrachtete ihn nachdenklich, und ihr ward

ganz feierlich zumute, wenn sie bedachte, wie bedeutungsvoll und mächtig

dies kleine Tier werden konnte.

Da seufzte Fridolin und sagte bekümmert. »Ach, das Leben wäre schön,

wenn es keine Spechte gäbe.«

»Ja, ja,« nickte Maja, »der Specht, das ist wahr, er frißt auf, was er

findet.«

»Wenn es nur das wäre,« meinte Fridolin, »wenn leichtsinnige Leute, die

sich außen auf der Rinde umhertreiben, ihm als Beute zufielen, würde ich

sagen: Gut, schließlich will auch ein Specht leben. Aber ich finde es

unverantwortlich, daß dieser Vogel einen bis unter die Rinde verfolgt,

bis in die Schlupfwinkel und bis tief in unsere Gänge hinein.«

»Nein,« sagte Maja, »das kann er nicht. Dazu ist er zu groß, soviel ich

weiß.«

Fridolin sah Maja mit hochgezogenen Brauen an und nickte ein paarmal

gewichtig mit dem Kopf. Es machte ihm offenbar Spaß, daß er etwas besser

wußte.

»Zu groß?« fragte er, »wer spricht von seiner Größe? Nein, meine Liebe,

seine Größe ist es nicht, die uns besorgt macht, sondern seine Zunge.«

Maja machte große Augen, und nun erfuhr sie von Fridolin, daß der Specht

eine lange dünne Zunge hat, rund wie ein Wurm, und spitz und klebrig.

»Zehnmal so lang, wie ich es bin, kann er sie mindestens

herausstrecken«, rief der Borkkäfer und schwenkte den Arm. »Man denkt,

jetzt ist sie zu Ende, da wird sie noch länger. Er schiebt sie,

gewissenlos wie er ist, tief in alle Spalten und Risse der Rinde und

denkt: vielleicht sitzt jemand darin. Sogar in unsere Kanäle dringt

diese Zunge ein, Gott weiß es, und was mit ihr in Berührung kommt, klebt

daran fest und wird herausgezogen.«

»Ich bin nicht feige,« sagte Maja, »bestimmt nicht, aber diese Tatsache

macht mich doch recht besorgt.«

»Ach, Sie mit Ihrem Stachel haben es gut«, meinte Fridolin nicht ohne

Neid. »Jeder besinnt sich, eh er sich in die Zunge stechen läßt, fragen

Sie, wen Sie wollen. Aber was soll unsereiner sagen? Meine Cousine hat

es durchgemacht. Wir hatten vorher einen kleinen Streit wegen meiner

Frau gehabt, ich weiß noch alles genau, sie war bei uns auf Besuch und

kannte die Wohnungsverhältnisse noch nicht so recht. Mit einmal hören

wir den Specht scharren und klopfen, es war einer von den kleineren

Sorten. Er muß grade bei unserem Bau angefangen haben, sonst hört man

ihn gewöhnlich schon vorher und bringt sich in Sicherheit. Plötzlich

höre ich meine bedauernswerte Cousine aus dem Dunkel schrein: 'Fridolin,

ich klebe!' Ich vernahm noch ein verzweifeltes Zappeln, dann wurde es

still, und der Specht hämmerte schon nebenan. Um meine Cousine war es

geschehn, sie war bereits verschlungen. Sie hieß Agathe.«

»Fühlen Sie mal, wie mein Herz klopft,« sagte Maja leise, »Sie hätten es

nicht so rasch erzählen sollen. Was doch alles passiert in der Welt!«

Und die kleine Biene dachte an ihre eigenen Erlebnisse, die zurücklagen,

und an alles, was ihr vielleicht noch begegnen könnte.

Da fing plötzlich Fridolin an zu lachen.

Maja sah sich überrascht nach ihm um.

»Passen Sie auf,« rief er, »jetzt kommt der Richtige den Baum herauf,

das ist einer, sage ich Ihnen. Nun, Sie werden ja sehn.«

Maja folgte seinen Blicken und sah ein merkwürdiges Tier langsam den

Baum emporklimmen. Sie hatte niemals für möglich gehalten, daß es solche

Tiere gab. Aber größer als ihr Erstaunen war anfangs ihre Angst, und sie

fragte Fridolin hastig, ob man sich verbergen müßte.

»Kein Gedanke,« sagte der Borkkäfer, »bleiben Sie getrost sitzen und

begrüßen Sie den Herrn höflich. Er ist sehr gelehrt und hat wirklich

ernste Kenntnisse, dabei ist er gutherzig und bescheiden und wie alle

Leute, die so beschaffen sind, etwas komisch. Schauen Sie, was er tut!«

»Wahrscheinlich denkt er nach«, meinte Maja, die nicht aus dem Erstaunen

herauskam.

»Er kämpft gegen den Wind,« sagte Fridolin und lachte, »wenn ihm nur

seine Beine nicht durcheinandergeraten.«

»Sind denn diese langen Fäden wirklich seine Beine«, fragte Maja mit

großen Augen. »So was hab' ich nie gesehn.«

Inzwischen war der Fremde näher gekommen, und Maja sah ihn genauer.

Eigentlich sah es aus, als käme er durch die Luft, so hoch hing sein

kleiner, rundlicher Körper in den ungeheuer langen Beinen, die wie ein

fadendünnes, bewegliches Gestell, weit von ihm ab, nach allen Seiten hin

Halt suchten. Er schritt vorsichtig und tastend voran, dabei schwankte

das braune Kügelchen seines Körpers bald höher hinauf, bald wieder

hinab. Die Beine waren so lang und dünn, daß ein einzelnes sicher den

Körper nicht hätte tragen können, er brauchte sie unbedingt alle

zusammen, und da sie in der Mitte geknickt waren, überragten sie ihn

hoch bis in die Luft hinein.

Maja schlug die Hände zusammen.

»Nein so was!« rief sie. »Aber hätten Sie für möglich gehalten, daß so

zarte Beine, dünn wie Haare, so beweglich und nützlich sein können, daß

man sie wirklich gebrauchen kann, und daß sie wissen, was sie tun

sollen? Ich finde, das ist ein Wunder, Fridolin.«

»Ach was,« sagte der Borkkäfer, »wenn etwas komisch ist, so lacht man,

damit basta.«

»Ich habe aber keine Lust dazu,« antwortete Maja, »oft lacht man über

etwas, und später stellt sich heraus, daß man es nur nicht verstanden

hat.«

Da war der Fremde herangekommen, er schaute von der Höhe seiner Beine,

aus all den spitzen Dreiecken heraus, auf Maja nieder und sagte: »Guten

Morgen! Ein rechter Brausewind, meine zwei Herrschaften, ein Zuglüftlein

recht derber Art, nicht wahr, oder -- wie? Meinten Sie vielleicht etwas

anderes?« Und er hielt sich fest, so gut er konnte.

Fridolin verbarg sein Lachen, aber die kleine Maja antwortete höflich,

das sei auch ihre Meinung, deshalb sei sie heute nicht ausgeflogen. Dann

stellte sie sich vor. Der Fremde schielte durch seine Knie hindurch auf

sie nieder.

»Maja, vom Volk der Bienen,« wiederholte er, »das freut mich aufrichtig,

ich habe viel von den Bienen gehört. Ich muß Ihnen gestehn, daß ich

immer etwas in Verlegenheit gerate, wenn ich mich jemandem vorstellen

soll, denn unsere sehr verbreitete Familie ist unter den verschiedensten

Namen bekannt. Man nennt uns Weberknechte, Schneider oder Schuster.

Jedenfalls gehöre ich zur Gattung der Spinnen, und mein Rufname ist

Hannibal.«

Die Namen der Spinnen haben einen bösen Klang bei allen kleineren

Insekten, Maja konnte ihren Schreck nicht ganz verbergen, zumal sie

ihrer Gefangenschaft bei der Spinne Thekla gedachte; aber Hannibal

schien nichts davon zu merken. Sie dachte, wenn es sein muß, flieg' ich,

da kann er mir nachschauen, Flügel hat er nicht, und sein Netz ist

anderswo.

»Ich bin in Gedanken, sehr in Gedanken,« sagte Hannibal, »wenn Sie

erlauben, trete ich etwas näher, dort hinter dem großen Ast bin ich

geschützt.«

»Bitte schön«, sagte Maja und machte Platz. Fridolin verabschiedete

sich, aber die kleine Biene wollte nun doch gerne wissen, was es mit

Hannibal für eine Bewandtnis hätte. Was es doch alles für Tiere in der

Welt gibt, dachte sie, immer wieder entdeckt man irgendein neues.

Der Wind hatte etwas nachgelassen, und die Sonne schien durch die

Baumzweige. Irgendwo unten im Buschwerk stimmte ein Rotkehlchen sein

Lied an und erfüllte den Wald mit Glück. Maja konnte es auf einem Zweig

sitzen sehen, sie sah, wie die Kehle sich beim Singen bewegte, und der

Vogel hatte sein Köpfchen emporgerichtet gegen das Licht.

»Wenn ich doch singen könnte,« sagte die kleine Maja, »so wie dort das

Rotkehlchen, ich setzte mich auf eine Blume und täte es den ganzen Tag.«

»Dabei würde etwas Nettes herauskommen,« meinte Hannibal, »Sie mit Ihrem

Gesumm.«

»Der Vogel sieht so glücklich aus«, sagte die Biene.

»Sie sind eine phantastische Person«, meinte der Weberknecht. »Wenn alle

Tiere sich etwas anderes wünschten, als sie können, so würde bald die

Welt auf dem Kopf stehen. Denken Sie sich, ein Rotkehlchen glaubte, es

müßte partout einen Stachel haben, oder eine Ziege wollte herumfliegen

und Honig sammeln. Dann käme am Ende noch der Frosch und wünschte sich

solche Beine, wie ich sie habe.«

Maja lachte.

»Nein, das meine ich nicht,« sagte sie, »aber ich denke es mir

wunderschön, alle Wesen so glücklich machen zu können, wie dieser Vogel

es durch seinen Gesang kann. Aber was ist denn das,« rief sie plötzlich

in großer Verwunderung, »Herr, Sie haben ja ein Bein zuviel. Sie haben

sieben Beine.«

Hannibal runzelte die Stirn und schaute unwillig vor sich hin.

»Jetzt haben Sie es also glücklich doch gemerkt«, sagte er verstimmt.

»Allerdings habe ich kein Bein zuviel, sondern eins zuwenig.«

»Ja, haben Sie denn sonst acht Beine?« fragte Maja erstaunt.

»Wenn Sie erlauben,« meinte Hannibal, »wir Spinnen haben acht Beine. Wir

brauchen sie, und auch sonst -- es ist vornehmer. Mir ist eins abhanden

gekommen, schade um das Bein, aber schließlich hilft man sich, so gut

man kann.«

»Es muß sehr unangenehm sein, ein Bein zu verlieren«, sagte Maja

teilnehmend.

Hannibal stützte das Kinn in die Hand und stellte seine Beine so, daß es

schwer war, sie zu überzählen.

»Ich werde Ihnen mitteilen,« sagte er, »wie es gekommen ist. Natürlich

ist der Mensch dabei im Spiel, wie gewöhnlich, wenn etwas passiert.

Unsereiner sieht sich vor, aber der Mensch ist unvorsichtig und greift

mitunter zu, als ob man ein Stück Holz wäre. Soll ich Ihnen erzählen,

wie sich dieser beklagenswerte Vorfall zugetragen hat?«

»Ach bitte,« sagte Maja und setzte sich zurecht, »das wäre mir sehr

interessant. Sie haben sicher ungemein viel erfahren.«

»Das ist richtig,« sagte Hannibal, »jetzt passen Sie auf. Unser

Geschlecht gehört zu den Nachtvölkern, darüber werden Sie unterrichtet

sein. Ich lebte damals in einem grünen Gartenhaus, das außen mit Efeu

bewachsen war und in dem sich manche zerbrochene Fensterscheibe befand,

so daß ich bequem ein und aus konnte. Wenn es dunkel wurde, kam der

Mensch durch den Garten, trug seine künstliche Sonne, die er Lampe

nennt, in der einen Hand, in der anderen eine Flasche und unter dem Arm

Papier, außerdem hatte er noch eine kleine Flasche in der Tasche. Er

stellte alles auf den Tisch und fing an nachzudenken, weil er seine

Ansichten auf das Papier schreiben wollte. Sie werden sicher schon

Papier gefunden haben, im Wald oder im Garten. Das Schwarze darauf hat

der Mensch sich ausgedacht.«

»Fabelhaft«, sagte Maja ganz glücklich, daß sie so viel erfahren sollte.

»Zu diesem Zweck«, erklärte Hannibal weiter, »braucht der Mensch seine

beiden Flaschen. In die kleine steckt er einen Holzstab, aus der großen

trinkt er. Je mehr er trinkt, um so besser geht es voran. Er schreibt

natürlich über uns, alles was er weiß, und ist sehr eifrig, aber viel

kommt nicht dabei heraus, denn der Mensch hat bisher über uns Insekten

nur recht wenig in Erfahrung gebracht. Über unser Seelenleben weiß er

fast nichts, und auf unser Herz und seine Ängste nimmt er nicht die

kleinste Rücksicht. Sie werden hören.«

»Denken Sie nicht gut vom Menschen?« fragte Maja.

»Doch, doch,« antwortete der Weberknecht und schaute schräg vor sich

nieder, »aber mit sieben Beinen wird man bitter.«

»Ach so«, sagte Maja.

»Eines Abends«, fuhr Hannibal fort, »war ich wie gewöhnlich in den

Fensterwinkeln auf der Jagd, und der Mensch saß vor seinen beiden

Flaschen und versuchte etwas zustande zu bringen. Ich ärgerte mich schon

darüber, daß eine große Anzahl der kleinen Fliegen und Mücken, von deren

Fang ich zu meinem Lebensunterhalt abhängig bin, sich auf die künstliche

Sonne des Menschen gesetzt hatte und hineinglotzte, ungebildet, wie

solche Tiere nun einmal sind.«

»Na,« meinte Maja, »ansehen würde ich mir so was schließlich auch mal.«

»Ansehen, meinetwegen. Aber ansehen ist etwas ganz anderes wie glotzen.

Schauen Sie sich doch einmal die Torheiten an, die dies Gesindel bei

einer Lampe treibt. Daß sie zwanzigmal mit dem Kopf dagegenrennen, ist

noch eine Kleinigkeit, manche tun es so lange, bis sie sich ihre Flügel

verbrannt haben. Dabei glotzen sie ununterbrochen das Licht an.«

»Die armen Tiere,« meinte Maja, »offenbar können sie sich nicht mehr

zurechtfinden.«

»Dann bleiben sie besser in den Fensternischen oder unter den Blättern

sitzen,« sagte Hannibal, »dort sind sie vor der Lampe sicher und dort

kann ich sie fangen. In jener verhängnisvollen Nacht nun sah ich von der

Fensternische aus vereinzelte Mücken neben der Lampe in den letzten

Zügen liegen. Ich beobachtete, daß dem Menschen scheinbar nichts daran

gelegen war, und beschloß, sie mir zu holen. Ist etwas in der Welt

begreiflicher?«

»Nein«, sagte Maja.

»Und doch, es wurde mein Unglück. Leise und vorsichtig kroch ich am

Tischbein empor, bis ich über den Rand schauen konnte. Der Mensch

erschien mir fürchterlich groß, und ich betrachtete, was er tat. Langsam

setzte ich ein Bein vor das andere und näherte mich der Lampe. Solange

ich Deckung hinter der Flasche hatte, ging alles gut, aber kaum trat ich

hinter dem Glas hervor, als der Mensch auch schon aufblickte und nach

mir griff. Er nahm eins meiner Beine zwischen seine Finger, hob mich

daran empor bis dicht vor seine großen Augen und sagte: 'Ei, sieh da!'

Und dabei grinste dieser Grobian über das ganze Gesicht, als ob es sich

um ein Vergnügen handelte.«

Hannibal seufzte und die kleine Maja war ganz still. Endlich fragte sie

mit heißem Kopf.

»Hat der Mensch so große Augen?«

»Denken Sie jetzt gefälligst an mich und an meine Lage«, rief Hannibal

erregt. »Versuchen Sie, sich meinen Gemütszustand vorzustellen. Wer

hängt gerne an einem Bein vor Augen, die etwa zwanzigmal so groß sind,

wie sein eigener Körper? Jeder der Zähne, welcher aus dem Mund des

Menschen weiß hervorblitzte, war doppelt so groß wie ich. Nun, was

denken Sie?«

»Schrecklich,« sagte Maja, »also entsetzlich!«

»Da riß gottlob mein Bein. Es ist nicht abzusehen, was alles geschehen

wäre, wenn es gehalten hätte. Ich fiel und lief, so rasch mich meine

übrigen Beine trugen, und versteckte mich hinter der Flasche, in deren

Schutz ich die furchtbarsten Drohungen gegen den Menschen ausstieß.

Deshalb verfolgte er mich weiter nicht. Ich sah, wie er mein Bein auf

das weiße Papier legte und zusah, wie es fortlaufen wollte, was es aber

ohne mich nicht kann.«

»Bewegte es sich noch?« fragte Maja erschrocken.

»Ja,« erklärte ihr Hannibal, »das tun unsere Beine immer, nachdem sie

ausgerissen worden sind. Mein Bein lief, aber weil ich nicht dabei war,

wußte es nicht wohin. So zappelte es nur planlos auf demselben Fleck

herum, und der Mensch sah zu, faßte seine Nase an und lächelte dabei,

herzlos wie er ist, über das Pflichtbewußtsein meines Beins.«

»Das ist unmöglich,« sagte die kleine Biene ganz eingeschüchtert, »ein

abbes Bein kann nicht krabbeln.«

»Was ist ein abbes Bein?« fragte Hannibal.

Maja sah ihn an. »Das ist ein Bein, das ab ist,« erklärte sie, »bei uns

zu Haus sagte man so.«

»Ihre Ausdrücke aus der Kinderstube gewöhnen Sie sich im großen Leben

und vor gebildeten Leuten besser ab«, forderte Hannibal mit Strenge.

»Man sagt ein ausgerissenes Bein. Jedenfalls ist es wahr, daß unsere

Beine noch lange zappeln, nachdem sie ausgerissen sind.«

»Nein,« sagte Maja, »das glaub' ich nicht ohne Beweis.«

»Meinen Sie, ich risse mir Ihretwegen ein Bein aus?« fragte Hannibal

böse. »Ich merke schon, daß man mit Ihnen nicht verkehren kann. So etwas

hat mir noch niemand zugemutet, hören Sie.«

Maja wurde ganz befangen, sie begriff nicht, weshalb der Weberknecht so

verdrießlich wurde und wo ihre Schuld lag. Es ist gar nicht so leicht,

mit fremden Leuten zu verkehren, dachte sie, sie denken anders und

begreifen oft nicht, daß man es nicht böse meint. Sie wurde traurig und

sah bekümmert auf die große Spinne mit ihren langen Beinen und ihrem

grämlichen Gesichtsausdruck.

»Eigentlich sollte man den Versuch machen, Sie zu fressen«, sagte da

plötzlich der Weberknecht, der offenbar die Gutmütigkeit Majas für

Schwäche gehalten hatte. Aber da geschah es der kleinen Biene ganz

seltsam, ihre Trauer war plötzlich verflogen, und an Stelle von Schreck

oder Furcht stieg ein ruhiger Mut in ihrem Herzen empor. Sie richtete

sich ein wenig auf, und während sie ihr hohes helles Summen ausstieß,

fast ohne zu wissen, daß sie es tat, sagte sie mit glänzenden Augen und

hob ihre schönen durchsichtigen Flügel ein wenig:

»Ich bin eine Biene, mein Herr.«

»Pardon«, sagte Hannibal, drehte sich ohne Gruß um und lief den Stamm so

rasch hinunter, wie man nur irgend mit sieben Beinen laufen kann.

Maja mußte lachen, ob sie wollte oder nicht. Unten begann Hannibal laut

zu schelten.

»Sie haben einen schlechten Charakter,« rief er aufgeregt, »Sie gehen

mit Ihrem Stachel gegen Leute vor, die durch harte Schicksalsschläge

daran behindert sind, sich in gewohnter Weise von der Stelle zu bewegen.

Aber Ihre Stunde wird schlagen, und sobald Sie in Bedrängnisse geraten,

werden Sie an mich denken und alles bereuen.«

Er verschwand unter den Huflattichblättern am Boden. Die kleine Biene

hatte nicht mehr alles verstanden, ihr war wohl zumut, zumal der Wind

fast ganz nachgelassen hatte und der Tag schön zu werden versprach. Hoch

am Himmel zogen weiße Wolken im tiefen Blau, sie sahen still und

glücklich aus, wie gute Gedanken Gottes. Und heiß und unwiderstehlich

überfiel die kleine Biene die Sehnsucht nach dem satten Schattengrund

der Waldwiesen und nach den besonnten Hängen jenseits des großen Sees,

dort mußte längst ein frohes Leben begonnen haben. Sie sah die schlanken

Gräser schaukeln, und am Waldrand wuchsen in den schmalen Wassergräben

hohe gelbe Schwertlilien. Von ihren Kelchen sah man hinüber in die

geheimnisvolle Nacht des Tannenwaldes, aus dem es kühl und traurig

wehte. Sie wußte, in seiner finstern Stille, die den Sonnenschein in ein

rötliches Schlummerlicht verwandelte, lag das Heimatland der Märchen.

Da flog sie schon durch die Luft. Es war ihr gar nicht recht zum

Bewußtsein gekommen, daß sie aufgeflogen war. Die Waldwiesen und ihre

Blumenhänge hatten sie gerufen. O du lieber Gott, dachte sie, wie

herrlich ist es, zu leben.

Die Biene Maja und ihre Abenteuer · 第 10 / 20 题