+Die Elfenfahrt+
So flogen der Blumenelf und die kleine Maja durch die Sommernacht dicht
über den blühenden Blumen dahin. Als sie über den Bach kamen, blinkte
das weiße Spiegelbild des Elfen im Wasser auf, als zöge ein Stern
hindurch.
Mit wieviel Beglücktheit vertraute die kleine Biene sich diesem holden
Wesen an! Sie hätte gar zu gern eine Menge wichtiger Fragen gestellt,
aber sie wagte es nicht. Der Elf würde es schon gut hinausführen, das
fühlte sie zuversichtlich.
Als sie miteinander durch eine hohe Pappelallee flogen, surrte es über
ihnen, und ein dunkler Schmetterling, groß und stark wie ein Vogel,
kreuzte ihren Weg. Der Blumenelf rief ihn an:
»Warte einen Augenblick, ich bitte dich!« rief er.
Maja war sehr erstaunt, wie bereitwillig der dunkle Falter dem Ruf
gehorchte. Sie ließen sich auf einem Ast der hohen Pappel nieder. Neben
ihnen flüsterte das bewegliche Laub im Mond, und man sah weit in die
stille, beschienene Nachtlandschaft. Der Falter saß Maja grade gegenüber
mitten im Mondlicht. Er hob seine ausgebreiteten Flügel langsam und
senkte sie wieder sanft, als wollte er jemandem Kühlung zufächeln. Maja
sah, daß quer über die Flügel breite Streifen liefen von einem hellen,
herrlichen Blau. Sein schwarzer Kopf war wie mit dunklem Samt gedeckt,
und sein Gesicht, darin ein schwarzes Augenpaar glühte, sah aus, als
trüge er eine seltsam geheimnisvolle Maske. Wie wunderbar waren die
Tiere der Nacht. Maja fröstelte ein wenig, ihr war zumut, als träumte
sie den sonderbarsten Traum ihres Lebens.
»Sie sind sehr schön,« sagte sie zu dem Fremden, »also wirklich ...« Ihr
war ganz feierlich zu Sinn.
»Wen hast du denn da bei dir?« fragte der Nachtfalter den Elf.
»Es ist eine Biene«, antwortete der Elf. »Ich bin ihr begegnet, als ich
den Blumenkelch verließ.«
Der Falter schien zu wissen, was sich damit verband, denn er sah Maja
beinahe ein wenig neidisch an und nickte ihr ernst und gedankenvoll zu.
»Sie Glückliche«, sagte er dann leise.
»Sind denn Sie vielleicht traurig?« fragte Maja herzlich.
Der Falter schüttelte den Kopf.
»Nein, das nicht«, sagte er freundlich und dankbar und sah Maja so lieb
an, daß sie gern gleich Freundschaft mit ihm geschlossen hätte. Aber
dazu war er zu groß.
Nun fragte der Blumenelf den Falter, ob die Fledermaus schon zur Ruhe
gegangen sei.
»O ja,« antwortete der Falter, »schon längst. Du meinst wohl wegen
deiner Begleiterin?« fügte er hinzu.
Der Elf nickte, und Maja hätte gern gewußt, was eine Fledermaus ist,
aber der Elf schien es eilig zu haben. In holder Ruhlosigkeit warf er
sein schimmerndes Haar zurück. »Eine Nacht ist so kurz,« sagte er,
»komm, Maja, wir müssen eilen.«
»Soll ich dich ein Stückchen tragen?« fragte der Nachtfalter.
Der Elf dankte. »Ein andermal!« rief er.
So wird es nie mehr sein, dachte die kleine Biene, als sie weiterflogen,
denn im Morgenrot muß der Blumenelf sterben.
Der Nachtfalter blieb noch sitzen und sah den beiden nach, bis der
Schein des Elfenkleides immer kleiner und kleiner wurde und endlich ganz
in den Tiefen der blauen Ferne versank. Dann drehte er sich langsam auf
seinem Blatt etwas herum, wandte den Kopf und betrachtete seine großen
dunklen Flügel mit den breiten blauen Bändern darauf. Er wurde dabei
sehr nachdenklich.
Ich habe so oft gehört, sann er, daß ich grau und häßlich bin und daß
mein Kleid den prächtigen Gewändern der Tagesfalter nicht zu vergleichen
wäre. Die kleine Biene hat an mir nur das gesehen, was schön ist. -- Und
dann dachte er darüber nach, ob er nicht vielleicht doch traurig sei,
Maja hatte ihn danach gefragt. »Nein,« sagte er endlich, »ich bin es
jetzt nicht mehr, so viel ist sicher.« --
Indessen flogen Maja und der Blumenelf durch das dichte Gebüsch eines
Gartens. Das war eine Pracht im gedämpften Mondglanz, wie kein irdischer
Mund sie nennen kann. Ein betörend süßer Hauch von Taukühle und
schlummernden Blumen verzauberte alles zu unaussprechlichen Wohltaten
der Natur. Die lila Trauben der Akazien funkelten vor Frische, und der
Junirosenbusch sah wie ein kleiner blühender Himmel voller roter Lampen
aus. Bleich und traurig glommen die weißen Sterne des Jasmin, sie
strömten einen Duft aus, als wollten sie noch in dieser Stunde alles
verschenken, was ihr eigen war. Maja wurde ganz verwirrt und preßte die
Hand des Elfen, dessen Augen verklärt und selig schimmerten.
»Wer hätte das gedacht,« sagte die kleine Maja, »nein, wer hätte das für
möglich gehalten.« Aber da erblickte sie etwas, das sie von Herzen
traurig stimmte.
»O,« rief sie, »sieh, ein Stern ist gefallen! Nun irrt er umher und kann
seinen Platz am Himmel nicht wiederfinden.«
»Es ist ein Glühkäferchen«, sagte der Blumenelf ernst.
Da merkte Maja trotz ihres Erstaunens zum erstenmal, warum ihr der Elf
so liebevoll erschien. Er lachte niemals über ihre Unkenntnis, sondern
er half ihren armen Gedanken, wenn sie sich nicht zurechtfinden konnten.
»Es sind seltsame Tierchen«, fuhr der Elf fort. »Sie tragen ihr eigenes
Licht durch die laue Nacht umher, so beleben sie das Dunkel unter den
Kuppeln der Büsche, wohin der Mond nicht dringt und finden einander
leicht. Später sollst du einen kennenlernen, wenn wir zu den Menschen
kommen.«
Maja wollte wissen weshalb.
»Gleich wirst du es sehen«, sagte der Blumenelf.
Sie waren inzwischen an einer Laube angekommen, die über und über von
Jasmin und Gaisblatt bewachsen war. Sie ließen sich dicht am Boden
nieder, ganz in der Nähe der Laube, aus der ein leises Flüstern klang.
Der Blumenelf winkte einem Glühkäferchen. »Sei so gut,« bat er den
Kleinen, »leuchte ein wenig, wir müssen hier durch die dunklen Blätter
hindurch, um in das Innere der Jasminlaube zu dringen.«
»Aber dein Schein ist ja viel heller als meiner«, sagte der Glühkäfer.
»Das finde ich auch«, meinte Maja, eigentlich nur um ihre Erregung zu
verbergen.
»Ich muß mich in ein Blatt einhüllen,« erklärte der Elf, »sonst sehen
die Menschen mich und sie würden erschrecken. Wir Elfen erscheinen den
Menschen nur in ihren Träumen.«
»Das ist etwas anderes«, sagte der Glühkäfer. »Mach gütigst Gebrauch von
mir. Ich werde tun, was ich kann. Wird das große Tier, das du bei dir
hast, mir nichts zu leide tun?«
Der Elf schüttelte den Kopf, und der Glühkäfer glaubte ihm gleich.
Nun nahm der Blumenelf ein Blatt und wickelte sich sorgfältig hinein,
so daß sein weißes Kleid nirgends durchschimmerte. Dann pflückte er eine
kleine blaue Glockenblume, die er im Gras fand, und setzte sie wie einen
Helm auf sein leuchtendes Haar. Nun war nur sein weißes Gesicht zu
sehen, das so klein war, daß sicher niemand es entdeckt hätte. Er bat
den Glühkäfer, sich auf seine Schulter zu setzen und sein Lämpchen an
der einen Seite mit dem Flügel ein wenig abzudämpfen, damit es die Augen
nicht blendete. Dann nahm er Majas Hand und sagte:
»Nun komm. Am besten klettern wir hier empor.«
Die kleine Maja dachte an das, was der Elf vorhin erzählt hatte, und
fragte, während sie in den Ranken aufwärtsstiegen:
»Träumen die Menschen, wenn sie schlafen?«
»Nicht nur dann,« sagte der Elf, »sondern sie träumen zuweilen auch,
wenn sie wachen. Dann sitzen sie da, etwas in sich zusammengesunken, ihr
Kopf neigt sich ein wenig, und ihre Augen suchen in der Ferne, als ob
sie bis in den Himmel schauen möchten. Immer sind ihre Träume schöner
als das Leben, deshalb erscheinen wir ihnen darin.«
Aber da legte der Elf rasch das winzige Fingerchen auf seine Lippen, bog
einen keinen blühenden Jasminzweig zur Seite und schob dann Maja ein
wenig vor.
»Sieh nun hinab,« sagte er leise, »dort findest du, was du dir gewünscht
hast.«
Da sah die kleine Biene im Mondschatten auf einer Bank zwei Menschen
sitzen. Es waren ein Mädchen und ein Jüngling. Sie hatte ihren Kopf an
seine Schulter gelehnt, und sein Arm hielt sie umschlungen, als ob er
sie schützen wollte. Sie saßen ganz still da und schauten mit großen
Augen in die Nacht. Es war so ruhig, als wären sie beide eingeschlafen,
nur in der Ferne hörte man die Grillen und langsam, langsam wanderte das
Mondlicht in den Blättern.
Die kleine Maja sah voll Entzücken in das Gesicht des Mädchens. Obgleich
es bleich und traurig erschien, lag doch ein Schimmer von großem Glück
darüber, der wie ein heimliches Leuchten war. Über den großen Augen
ruhte goldenes Haar, wie auch der Elf es hatte, und auf dem Haar lag der
Himmelsschein der Sommernacht. Von ihren roten Lippen, die ein klein
wenig geöffnet waren, ging ein Hauch von Wehmut und Seligkeit, als ob
sie alles, was ihr eigen war, zum Glück des Mannes dahingeben wollte der
an ihrer Seite saß. Und nun wandte sie sich ihm zu und zog sein Haupt zu
sich nieder und sagte etwas, das ein Lächeln in sein Gesicht zauberte,
wie Maja nie geglaubt hatte, daß ein Wesen der Erde lächeln könnte. In
seinen Augen strahlten ein Glück und eine Kraft, als ob die ganze, große
Erde sein Eigentum wäre und als wären Leid und Ungemach für immer aus
der Welt verbannt.
Es verlangte Maja nicht danach zu wissen, was er dem Mädchen antwortete.
Ihr Herz zitterte, als sei die Seligkeit, die von den Menschen unter ihr
ausging, auch ihr Eigentum. »Nun habe ich das Herrlichste gesehen,«
flüsterte sie bebend, »was meine Augen jemals schauen werden. Ich weiß
nun, daß die Menschen am schönsten sind, wenn sie einander liebhaben.«
Sie wußte nicht, wie lange sie so still und in Schaun versunken hinter
den Blättern gesessen hatte. Als sie sich umwandte, war der Schein des
Glühkäfers erloschen, und der Elf war fort.
Da erblickte sie durch den Ausgang der Laube fern über der Landschaft
einen schmalen, roten Lichtstreif am Horizont.