Leider kam dies »Begraben« bald öfter vor, als auch dem

Zerstreuungssüchtigsten unter uns wünschenswerth sein mochte. Niemand

konnte wissen, wie bald die Reihe an #ihn# kommen würde. Erst starb ein

Alter, ein bayerscher Fuhrmann. Offiziell hieß es, er habe einen

»organischen Fehler« gehabt. So heißt es immer. Der zweite war ein

Cürassier (auch Bayer), den man von Orleans krank hergebracht hatte. Am

22. November begruben wir ihn.

Um 9 Uhr wurd’ es lebhaft. Chorknaben, vier oder sechs, mit weißen

Hemden und rothen fezartigen Mützen, erschienen auf dem Kasernenhofe;

dann kamen drei Geistliche, schwarz und weiß, mit Mitren auf dem Haupt.

Die Bayern standen schon da und formirten sich zu einer Kolonne. Acht

von ihnen, in blankem Helm, trugen den Sarg herbei, der bis dahin in

einem Schuppen gestanden hatte, und setzten ihn auf die Bahre. Es war

eine einfache Holzkiste mit einem zugeschrägten Deckel. Das schwarze

Tuch mit dem silbernen Kreuz wurde drüber geschlagen; dann setzte sich

der Zug in Bewegung, zunächst auf die Stadt und die Kirche zu, die

Chorknaben mit Crucifix und rothen Laternen allen Uebrigen vorauf. So

ging es durch das Portal über die Zugbrücke. Als wir an der Cantine

vorbei kamen, schwenkten einige Leidtragende ab; ihre Empfindungen

nahmen plötzlich eine andere Richtung. Die Mehrzahl folgte. So

erreichten wir die Kirche, die sich bald füllte; denn auch die Stadt

nahm Theil. Freund und Feind durcheinander, so saßen wir da.

Die acht Bayern hatten inzwischen die Bahre mit dem Sarg in das

Mittelschiff gestellt, unmittelbar in Nähe des hohen Chores, der nur

durch ein vergoldetes Eisengitter von uns und dem Todten geschieden

war. Die geistlichen Herren nahmen innerhalb des Chores Platz; dann

begannen die Litaneien. Es klang misererehaft.

Ich konnte den Worten nicht folgen und betrachtete deshalb lieber die

Kirche. Sie war in gutem Styl aus gutem Materiale gebaut; dabei mit

Bildern reich geschmückt. Die Altar-Nische wies, außer dem großen

Altarbilde, noch zwölf kleinere auf. Aehnlich die ganze Kirche. Mehrere

waren gut, viele mittelmäßig, keins schlecht. Man konnte hier, wie in

jeder französischen Kirche, wahrnehmen, daß die Durchschnittsleistung

nach #dieser# Seite hin besser ist als bei uns. Ich lege nicht viel

Gewicht darauf, aber es ist doch immerhin etwas.

Nun waren die Litaneien vorüber. Die Geistlichen erschienen neben dem

Sarg und lasen die Gebete; ein Chorknabe schwenkte den Weihkessel; dann

that der fungirende Priester dasselbe. Damit war der kirchliche Akt

geschlossen, und der Zug setzte sich aufs Neue in Bewegung, der

Begräbnißstätte zu.

Es war noch eine hübsche Strecke. An zahlreichen Mühlen vorbei (weiße

Rundthürme mit grüner oder rother Dachmütze) ging der Weg. Endlich

sahen wir die weiße Mauer, das Thor stand auf und der Zug bog ein. Die

Stätte machte einen guten Eindruck; Kreuze und Denkmäler, Alles in

Marmor; man ehrte die Todten hier; dazu sprach aus Allem eine gewisse

Wohlhabenheit. Cypressenbäume und wilder Lorber faßten die Gänge und

Steige ein; hier und dort ragte ein Ginsterstrauch, kahl wie ein Besen,

mit seinen hundert Ruthen in die Luft; Hagebutten standen zu Füßen der

Gräber, zwischen ihren großen, rothen Früchten noch mit vereinzelten,

blaßrothen, halbverwaschnen Blüthen geschmückt.

Nun hielten wir am Grabe; die thonige, graublaue Schlickerde lag uns

zur Seite. Der Nordwest ging immer schärfer und mahnte zur Eile. Das

Brett, auf dem der Sarg stand, wurde an die Grube getragen und dann

#gesenkt#, so daß der Todte allmälig hinabglitt. Ein Tau, von zwei

Männern gehalten, regelte das Hinabgleiten. Nun wurde die Planke

zurückgezogen; noch ein kurzes Gebet, dann griffen die Muthigsten in

den nassen Schlick und warfen einen Erdklos hinunter. Damit war es

gethan. In drei Minuten war Alles verschwunden, der Friedhof leer.

Ich konnte so nicht scheiden. Der Todtengräber, ein Alter, kam und

begann zu schaufeln. Ich sah ihm eine Weile zu, sprach zu ihm und

gedachte derer, die, fern in der Heimath des Todten, dieser Stunde

#nicht# gedachten. Dann, an den Hagerosen vorbei, von denen auch nicht

#eine# auf sein Grab gelegt werden wird, trat auch ich meinen Rückweg

an.

So stirbt man in der Fremde.

14. Sturm im Glase Wasser.

War ich, wofür ich gelte,

Ich hätte mir den guten Schein gespart,

Dem Unmuth Stimme nie geliehn.

(»Wallenstein.«)

Das Sterben wurde bald Tagesordnung auf Oléron. Es konnte kaum anders

sein. Etwa Mitte November trafen 700 Bayern auf der Citadelle ein, die

man, nach Einnahme Orleans, durch General Aurelles de Paladine, in den

dortigen #Lazarethen# zusammengesucht und als »#Gefangene#« nach Oléron

geschickt hatte. Etwa ebenso viele, nach andern Angaben erheblich mehr,

waren nach Pau dirigirt worden.

Dies Verfahren, lediglich um sich vor versammeltem Volk mit einer

erträglich hohen Zahl von Gefangenen brüsten zu können, hatte wenig

einer Gloire-Nation Entsprechendes, dennoch hätte man mit Rücksicht auf

die Nothwendigkeit, dem Volke einen Sporn zu geben, solche Maßregel

verzeihlich, oder meinetwegen selbst #sehr# verzeihlich finden können,

wenn man bei diesem Zusammensuchen etwas humaner vorgegangen wäre. Es

hätte sich dann darüber reden lassen. In solchen Zeiten (leider) muß

zuletzt #Alles# dem letzten großen Zwecke dienen. Aber ein ernster

Vorwurf für die französischen Machthaber, oder für diejenigen, die in

ihrem Namen handelten, wird es bleiben, daß man nicht blos wirkliche

Reconvalescenten und leicht Verwundete, sondern auch Personen

fortschleppte, die dicht vor dem Typhus standen oder ihn kaum erst

überwunden hatten. Unter allen Umständen aber (und das ist das

Geringste, das gefordert werden darf) mußte man, wenn man #so# tief in

die Lazareth-Bestände hineingreifen wollte, vorher wissen, daß man auf

Oléron im Stande sein werde, diesen noch halb Kranken Pflege, oder doch

ein Bett, oder doch eine Decke geben zu können. Statt dessen hatten die

auf Oléron eintreffenden Siebenhundert in den ersten Nächten #kaum#

Stroh. Das war natürlich kein Zustand, um Reconvalescenten aufzuhelfen;

Rückfälle kamen vor, und der Geistliche, die Chorknaben und der

Todtengräber mußten Tag um Tag, in dem Aufzuge den ich geschildert, auf

den Begräbnißplatz hinaus.

Eine Verstimmung über diese Zustände war unausbleiblich; besonders die

Preußen, unter denen sich viele Unteroffiziere und Sergeanten befanden,

waren empört und gaben nach ihrer heimathlichen Art (wer raisonnirte

#nicht# in Preußen!) dieser Empörung einen unverhohlenen Ausdruck. Beim

Cantinen-Grog, auch wohl in der Stadt beim Einkäufemachen, fielen

Worte, »daß dies eine erbärmliche Wirthschaft und ein schlechter Dank

für die Rücksicht sei, die man unsererseits gegen 300,000 Franzosen

bisher beobachtet habe«; Worte, die alsbald von Mund zu Mund gingen und

im Weiterrollen folgende groteske Gestalt annahmen: die tausend

Gefangenen der Citadelle sind im Complott; sie haben vor, die

Wachtmannschaften zu entwaffnen, die Außen-Posten ins Meer zu werfen;

man wird Chateau überfallen und von der ganzen Insel Besitz ergreifen.

Preußische Kriegsschiffe kreuzen bereits in der Nähe. Man wird weitere

Truppen landen, Rochefort einschließen und von dort aus das Land

insurgiren. Ein Napoleonischer Aufstand im Rücken der republikanischen

Armee, — #das# ist der Plan. Der »Gefangene auf Wilhelmshöhe« ist mit

im Komplott.

Wir erfuhren dies wieder und lachten herzlich. Die Heldenrolle, die uns

zudiktirt wurde, hatte etwas Ehrendes und Schmeichelhaftes für uns;

aber bald überzeugten wir uns, daß solche Gerüchte doch höchst

gefährlich für uns seien und unser relatives Wohlleben arg gefährden

könnten. Was aber, namentlich dem engeren Kreise, der sich bei mir zu

versammeln pflegte, das Allerpeinlichste war, war das, daß unser guter

Kommandant #mit# in die Angelegenheit hineingezogen und um seiner

Nachsicht und Güte willen (die übrigens nie in Schwäche ausartete)

bezichtigt wurde, das eigentliche Haupt des Komplotts zu sein.

Wir beschlossen also, nicht nur äußerste Vorsicht zu üben, sondern

namentlich auch die Anstandsbesuche, die wir von Zeit zu Zeit in der

Kommandantur gemacht hatten, einzustellen. Ich wurde dazu noch durch

einen besonderen Vorfall bestimmt, der, so klein und geringfügig er

war, doch am besten zeigte, wie kritisch bereits die Lage geworden war.

Ich hatte bei einem Nachmittagsbesuche eben neben dem Kommandanten

Platz genommen und ließ mir das Straßburger Bier schmecken, das in

einer Steinkruke wie immer auf ein zwischen uns stehendes Tischchen

gestellt worden war, als der eintretende Diener den Kapitain ≈N. N.≈

meldete. Den Namen überhörte ich. Es war, wie ich mich bald überzeugen

sollte, ein See-Kapitain, der zugleich das Kommando über die

Nationalgarden der Insel übernommen hatte. Mein guter Kommandant

nickte, zum Zeichen, daß er bereit sei, den Angemeldeten zu empfangen,

sprang aber in demselben Augenblick, in dem der Diener das Zimmer

verlassen hatte, vom Fauteuil auf, um mit geschwindester

Geschwindigkeit einen großen Wandschrank zu öffnen und die

Steinflasche, sowie die beiden noch halb vollen Biergläser dahinter

verschwinden zu lassen. Der Verschwinde-Akt war kaum ausgeführt, als

der See-Kapitain eintrat und das Dienstgespräch seinen Anfang nahm. Ich

empfahl mich; mein halbes Glas Bier hatte ich eingebüßt. Dies war zu

verschmerzen; der ganze Vorgang bekümmerte mich aber um des

Kommandanten willen. Dieser war nicht nur ein liebenswürdiger, sondern

vor Allem auch ein sehr feinfühliger Mann, der nothwendig eine

Verlegenheit über die Komödie empfinden mußte, zu der er sich

verurtheilt sah.

Er empfand es auch wirklich, so vermuthe ich; vor Allem aber sah er

ein, daß etwas geschehen müsse, um ihn in seiner unhaltbar gewordenen

Stellung neu zu befestigen. Dies zu erreichen, wählte er den klügsten

Weg. Er bat um einen Auxiliar-Kommandanten, dem die

Gefangenen-Angelegenheiten ausschließlich unterstellt werden möchten.

Ein vorzüglicher Schachzug. Seinem Wunsche wurde nachgegeben und auf

#einen# Schlag war er den Verdacht und — die Arbeit los. Den Verdacht

hatte das #Gouvernement# natürlich nie getheilt; aber das war ein

geringer Trost. Ueberall im Lande stand das Volk auf dem Punkt, die

#Entscheidung selbst in die Hand zu nehmen#. Der Einzug von »König

Lynch« war jeden Augenblick möglich.

Wir erhielten in Folge dieser Vorgänge und Gesuche denn auch wirklich

einen Vice-Kommandanten, einen schönen Blaubart, den Baron de la

Flotte, der in Straßburg als Chef eines Mobilgarden-Bataillons

mitkapitulirt und sich, nach seiner Entlassung auf Ehrenwort, aus dem

Lärm des Krieges in die westlichen Departements zurückgezogen hatte. Er

war ein feiner Herr, von vornehmer Haltung, sehr artig und — sehr

bestimmt. Unser »Sturm im Glase Wasser« beruhigte sich und — die

Gerüchte in der Stadt nahmen ein Ende.

Sie nahmen ein Ende in demselben Verhältniß, in dem das #eigene

Schuldbewußtsein# der Behörden und Bewohner sich minderte und sich

mindern #durfte#. Viele Uebelstände, von denen man sehr wohl gewußt

hatte, daß es Uebelstände waren, sie wurden abgestellt; man that was

man konnte, man anerkannte gewisse #Verpflichtungen# und beeiferte

sich, ehrlich und nachdrücklich, diesen Verpflichtungen nachzukommen.

Das half. Der eifrigste und tapferste dabei war der französische Arzt.

Er fuhr nach La Rochelle hinüber, entwarf ein Bild der Lage und

erklärte rund und nett, daß er entschlossen sei, seine Stellung sofort

niederzulegen, wenn nicht die Hälfte seiner Kranken in die großen

Lazarethe von La Rochelle aufgenommen und die ihm verbleibende andere

Hälfte mit allem Nöthigen versehen würde. Drei Tage später fuhren 30

Kranke in einem großen Seedampfer nach La Rochelle hinüber. Alle seine

Forderungen waren bewilligt worden.

So endigte dieser Zwischenfall, der uns, wenigstens in den Augen

unserer Insel-Bevölkerung, bis an die Grenzen der Meuterei geführt

hatte. In Wahrheit aber hieß es selbst von den Verwegensten und

Abenteuerlustigsten unter uns: »Kühn war das Wort, weil es die That

#nicht# war«, und während man die Neu-Erklärung des Kaiserreichs von

#uns

erwartete, beschäftigte uns vorwiegend die Frage, ob der verd...

Cantinier nicht endlich einen besseren Wein anschaffen, oder mit

Rücksicht auf seine Kunden in #Hellblau# »a Bierche« auflegen würde.

15. »≈Sentinelle, prenez garde à vous.≈«

≈But where was this?

»Mylord, upon the #platform# where we watched.«

I will watch to-night

Perchance ’t will walk again.≈

≈Hamlet.≈

Um Mitternacht (Gott sei Dank) schlief ich fest, wenn nicht das

Zusammenbrechen der verkohlten Scheite mich auf einen Augenblick

weckte. Nur #einmal# wachte ich die Mitternacht heran.

Es war bei Vollmond. Als die zwölf Schläge über den Kasernenhof hin

verklungen waren, hüllte ich mich in Shawl und Kaputze und tappte an

der Wand des Corridors entlang bis an die schmale Hinterthür, die auf

den Wallgang hinaus führte. Entzückendes Bild! Nach rechts hin stand

der Mond und goß sein volles Licht in breitem Streifen über die

Wasserfläche. Kein Lüftchen ging; das Meer wie ein Spiegel; alles

still; ich hörte nichts als in einiger Entfernung den Schritt der

Wachen und am Fuße des Bastions ein leises Brauen und Murmeln, denn die

Fluth kam.

Ein weißer Schimmer lag wie Schnee auf den grauen Fliesen des Rempart

und ich begann jetzt, immer dicht an der Brüstung hin, einen

Mitternachtsgang anzutreten, wie ich gewohnt war an eben dieser Stelle

meinen Morgengang zu machen.

Ich sah hinüber nach dem Festland, das schwach heraufdämmerte. Nahes

und Fernes immer schärfer musternd, empfand ich plötzlich, daß ich dies

alles, an einem #andren# Orte, schon mal gesehen habe: dieselbe

verschwimmende Küste, den Meeresarm, den Wallgang mit seinen Bastionen,

das Portal und die Zugbrücke und dahinter das Fanal. Ich brauchte auch

nicht lange zu suchen: #Helsingör#. Alle Empfindungen, mit denen ich

damals über den »Hamlet-Rempart« hingeschritten war, sie wurden wieder

lebendig in mir. Nur gesteigert. Wohl war das Schloß am Sunde, aus

dessen Dachfirst eine nadelförmige Spitze wie das Horn aus dem Haupte

des Einhorns phantastisch räthselvoll aufwächst, der #ächtere# Ort,

dort war es, wo »≈the majesty of buried Denmark≈« in poetischer

Wirklichkeit gewandelt war, aber #eines# hatte meinem verlangenden Sinn

die Plattform von Helsingör #nicht# geben können: die rechte

#Stunde#. Es war heller Mittag als ich drüber hinschritt. #Hier# hatt’

ich jetzt was mir Helsingör verweigert hatte. »≈’T was now struck

twelve.≈« Für den ächteren Ort hatt’ ich die ächtere Stunde

eingetauscht.

Ich zog meine Kaputze fester an und setzte mich innerhalb eines

Brüstungsvorsprungs auf eine Steinbank, die, hufeisenförmig, diesen

Vorsprung beinah ausfüllte. Ich sah in den Mondstreifen hinein, der in

schräger Linie über das Meer und dann, glitzernd, über die schneeweißen

Fliesen lief und mit schauerndem Entzücken begann ich Lieblingsstellen

zu citiren. Was halb vergessen war, #jetzt# hatt’ ich es wieder. Ort

und Stunde halfen nach. Ich hielt Zwiegespräche, Scene um Scene, Frage

und Antwort.

Wer bist Du, der sich dieser Nachtzeit anmaßt

Und dieser edlen, kriegrischen Gestalt?

Sag’, ich beschwör dich.

Und dann klang es Antwort:

Ich bin

Verdammt auf eine Zeit lang Nachts zu wandern,

Und Tags gebannt, zu fasten in der Glut

Bis die Verbrechen meiner Zeitlichkeit

Hinweggeläutert sind. Wär’ mir’s verstattet

Das Innre meines Kerkers zu enthüllen,

So hob ich eine Kunde an, von der

Das kleinste Wort die Seele dir zermalmte,

Dir die verworren krausen Locken trennte

Und sträubte jedes einzle Haar empor

Wie Nadeln an dem zorngen Stachelthier.

In diesem Augenblick schlug es halb und noch eh der Schlag verklungen

war, mit einer Plötzlichkeit wie ein Schuß fällt, begann jetzt vom

Portal her das Anrufen der ausgestellten Wachen. »≈Sentinelle, prenez

garde à vous!≈« Der nächste Posten nahm den Anruf auf und im fünffachen

Echo lief es jetzt um die Citadelle herum, von Posten zu Posten, bis

der mir zunächst stehende, mit dem die Kette schloß, dieselben Worte

über den Rempart hinrief. Es war, als gälten sie mir selber.

Ich stand jetzt auf, um meinen Rückzug anzutreten. Mich fröstelte. Als

ich durch den Mondstreifen hindurchschritt, der jetzt zwischen mir und

der schmalen Hofthür lag, war mir’s, als streifte mich etwas. Ich

zuckte zusammen und eilte vorwärts.

Der Wachen Ruf war längst verklungen, aber immer noch klang es in mir

nach: ≈Sentinelle, prenez garde à vous.≈

[Illustration]

Frei.

1. Unverhofft kommt oft.

Andrer Gram birgt andre Wonne;

Ueber ein Stündlein

Ist deine Kammer voll Sonne.

Paul Heyse.

»Es ist gar nicht zu sagen wie schnell ein Ereigniß da ist, wenn man es

#nicht# erwartet hat! Hat man es erwartet, so dauert es viel länger,

#und

manchmal kommt es gar nicht.« Mit diesen Worten etwa beginnt eine

liebenswürdige Roquette’sche Novelle. Die Wahrheit, die sich darin

ausspricht, sollte sich auch an mir erfüllen. »Unverhofft kommt oft.«

Es war Sonnabend den 26. November. Die erste Hälfte des Tages mit

Spaziergang und Arbeit lag hinter mir, das Mittags-Beefsteak war

verzehrt, »in seinem zähen Widerstand gebrochen«, und die Kaffeestunde

umblühte mich bereits. Duft und Wärme füllten das Zimmer. Rasumofsky

war bei mir. Wie die beiden wilden Männer im Preußischen Wappen standen

wir am Kamin, er rechts, ich links, während zwischen uns das Feuer

glühte und die mehrerwähnte bauchige Blechkanne, mitten in die Kohlen

hinein gestellt, eben mit ihrem Deckel zu klappern begann. Es war das

Wasser für den #zweiten# oder Rasumofsky-Aufguß; den ersten hielt ich

bereits in Händen und nippte mit der Bedächtigkeit eines

»Connaisseurs«.

Rasumofsky hatte seinen sentimentalen Tag und sagte: Jott, Herr

Leutnant, wann werden wir wieder den ersten Preuß’schen Kaffe trinken?

Mit Weihnachten wird es nichts.

Nein, Rasumofsky, auf Ostern müssen wir uns gefaßt machen. Vielleicht

sehn wir hier noch den Flieder blühn.

Ach, Herr Leutnant, hier blüht ja gar kein Flieder nich.

Aber Rasumofsky, Sie werden doch diesen Gegenden, die dicht an der

Grenze des Mandelbaums und der Goldorange liegen, nicht den

landesüblichen blauen Flieder absprechen wollen?

Ich glaube hier gar nichts mehr. Die Franzosen lügen alle. Wer weiß wo

wir hier sind? Sie können sich gar nicht denken, Herr Leutnant, was die

armen Kerls drüben frieren. Ich glaube, wir sind hier gar nicht

südlich.

Na, Rasumofsky, da können Sie sich nun auf mich verlassen. Funfzehn

Meilen von Bordeaux. Da hilft alles nichts, Geographie und Karten,

damit wissen wir Bescheid.

Er nickte zustimmend.

Und am Ende, so fuhr ich fort, Ostern oder nicht, ich kann es so

schlimm hier nicht finden. Rasumofsky, ich sage Ihnen, alle Dinge haben

zwei Seiten.

Er nickte wieder.

Sehen Sie, es ist jetzt halb zwei; vor einer Viertelstunde erst hab ich

mein Beefsteak gegessen und schon halt’ ich hier ein Glas guten

Javakaffee in Händen. Glauben Sie, Rasumofsky, daß man das haben kann,

wenn man frei ist? Gott bewahre. So ’was hat man nur in Gefangenschaft.

Er griente.

Sie sind ein vernünftiger Mensch, Rasumofsky, und kennen die Welt. Es

wird wohl in Posen auch so sein wie anderswo. Der Hausherr, sehen Sie,

das ist eine ganz sonderbare Stellung. Es wird ihm zwei- bis dreimal

des Tages vorerzählt, er sei ein Tyrann, ein wahrer Pascha, und an

dieser Ehrenerklärung muß er saugen wie an einem Stück Zucker. Nun

sollen die Paschas viel Kaffee trinken. Aber ich sage Ihnen Rasumofsky,

#die# Berliner Tyrannen, die um halb zwei eine Tasse Kaffee kriegen

können,

#die# sind zu zählen. Es ist entweder Wäsche, oder das Wasser kocht

nicht, oder die Schornsteinfeger sind angemeldet. Sehen Sie, man könnte

beinah sagen: nur der Gefangene ist frei.

Hier hielt er sich nicht länger und brach in die Worte aus: ach, Herr

Leutnant, das is ja, als ob ich meinen Rittmeister reden hörte. Grade

so war es in Posen. Es ist zu merkwürdig.

Seine Betrachtungen über dies wunderbare Zusammentreffen wurden durch

ein Klopfen an der Thür unterbrochen. »≈Entrez!≈« Ein preußischer

Infanterist mit einer 25 auf der Achselklappe und einem Klapphut auf

dem Kopf, die ganze Erscheinung der typische Rheinländer, trat ein, um

mich wissen zu lassen: »Monsieur le Commandant (der

Auxiliar-Kommandant) wünschten mich zu sprechen.« Zu Befehl. Ich folgte

unverzüglich.

Der Vice-Kommandant, über den ich in einem früheren Kapitel bereits

berichtet, hatte während der letzten Tage unmittelbar unter mir, in dem

mit rothen Teufelchen garnirten Zimmer, ein Büreau etablirt, in dem

einige französische Marine-Soldaten, unter Assistenz jenes 25ers (eines

Kölners, der brillant französisch sprach), das ganze Schreiber- und

Verwaltungswesen leiteten. Die Federn flogen hin und her; in der Mitte

des Zimmers stand Baron de la Flotte. Ich verneigte mich vor »König

Blaubart«. Mit schätzenswerther Raschheit sprang er gleich in ≈medias

res≈ und erklärte mir: »≈Monsieur le Ministre de la Guerre a ordonné

votre libération; — Monsieur F. vous êtes libre.≈« Ich verneigte mich.

»Im Uebrigen,« fuhr er fort, »muß ich Sie bitten, ein Papier zu

unterzeichnen, in dem Sie sich verpflichten, einerseits, nach dem Maße

Ihrer Kraft, auf die Befreiung eines französischen Oberoffiziers

hinwirken, andererseits gegen Frankreich weder irgend etwas sagen, noch

schreiben, noch thun zu wollen.«

Ich stutzte einen Augenblick, wiederholte überlegend die Worte: »≈ni

dire, ni écrire, ni faire quelque chose contre la France≈« und fragte

dann: ob bei dieser Erklärung aller Accent auf das Wort »≈contre≈«

gelegt würde? Ich nähme dies vorläufig an; hätt’ ich darin Recht, so

würd’ es mir leicht, die geforderte Verpflichtung einzugehen, da in

meinem Herzen nichts lebe, was als eine Empfindung »≈#contre# la

France≈« gedeutet werden könne. Kommandant Blaubart lächelte und machte

eine gefällige, halb zustimmende, halb ablehnende, also, wenn der

Ausdruck gestattet ist, eine neutrale Handbewegung, die etwa ausdrücken

sollte: »dies ist eine heikle Frage; die Entscheidung steht bei Ihnen«

und entließ mich dann mit jenen Formen, die er beherrschte und die ihm

so wohl kleideten.

Rasumofsky erwartete mich oben. Dies Abgerufen-werden zum Kommandanten

war natürlich ein »Ereigniß«, und nach nichts, selbst den Taback nicht

ausgeschlossen, sehnte sich alle Welt so sehr wie nach Neuigkeiten. Ein

wegen »unerlaubter Schiffszwiebacks-Aneignung« zu drei Tagen Gefängniß

verurtheilter Mecklenburger machte sechs Tage von sich reden; man mag

sich also vorstellen, welche Neugiers-Unruhe in Rasumofsky’s Seele seit

meiner Abberufung zum Kommandanten gestürmt hatte.

»Rasumofsky, ich bin frei.«

Der erste Effekt dieser Worte war alles andere eher als heiter. Der

Angeredete, ohne sich Rechenschaft davon zu geben, fühlte klar, daß

seine guten Tage nunmehr gezählt seien, und statt in Kaminfeuer und

Kaffeegrund starrte er wieder in grundlose Langeweile. Er erholte sich

aber schnell und sagte herzlich: »Na, das is schön; da wird sich die

Frau Leutnant freuen. Himmelwetter, wenn unsereins doch mitkönnte!«

Rasumofsky, Sie wissen »≈la paix est prochaine≈«. (So schloß jede

Unterhaltung, die ich mit Franzosen führte.) Sie werden mich in Berlin

besuchen. Tag oder Nacht, alles ganz egal. Sie sollen Kaffee haben.

Dafür bin ich Hausherr.

Ach, Herr Leutnant, Sie sind zu gut.

Ja, Rasumofsky, das war immer mein Fehler. Aber was will man machen.

Hier, alte Seele, haben Sie einen Befreiungs-Franken. Und nun seien Sie

5 Minuten ruhig; ich muß an den Kommandanten schreiben.

Dies geschah. Ich hatte angefragt, ob meiner Abreise am Dienstag nichts

entgegen stehen würde!

Rasumofsky sprang die Treppe hinunter, überreichte meinen Brief unten

im Bureau und flog dann in die Kaserne hinüber, um, als Erster, die

Siegesnachricht zu bringen: mein Leutnant ist frei.

Es ist fraglich, ob die Capitulation von Paris eine ähnliche Sensation

hervorgerufen haben würde.

2. Der letzte Sonntag.

.... wie der Nebelwind

Der herbstlich durch die dürren Blätter säuselt.

Faust.

Kriegsgefangen · 第 11 / 13 段