dünner; die anstürmenden Franctireurs drängten uns von der Straße auf
das Gehöft, von dem Gehöft in die Ställe; hier standen wir jetzt
rathlos bei unsren Pferden; von außen her, durch Thüren und Luken,
knallte der Feind aufs Gerathewohl in die dunklen Räume hinein.
Unteroffizier Balzer, eines reichen Gutsbesitzers Sohn, unser Aller
Liebling, sprang, als er Mann und Pferd neben sich fallen sah, mitten
in den Haufen der Draußenstehenden hinein und rief: Pardon! Sein gutes
Gesicht, seine bittende Stimme schienen ihn retten zu sollen: der
Zunächststehende setzte das Gewehr ab und sah ihn an; aber im selben
Augenblick sprang ein Zuave vor und jagte ihm mit einem Deutsch
gesprochenen »stirb Hund« die Kugel durch den Kopf.
Wir andern kapitulirten. Alle Offiziere waren todt; wir waren noch 56
Mann.
#Corporal Vollnhals erzählt#:
Wir rückten um 9 Uhr ins Dorf, drin wir die Schleswiger Husaren schon
vorfanden. Wir waren 60 Mann unter Oberlieutenant #Schneider# vom 11.
Regiment, 1. Bataillon (Regensburg). Die Ausgänge waren von den Husaren
besetzt; wir verdoppelten die Posten, legten eine Feldwache von 30 Mann
nordwestlich und bezogen mit dem kleinen Rest, der uns blieb,
Allarmquartiere in der Mitte des Dorfs. Ich war im Dorf.
Um 3 Uhr knatterte es draußen. Der Feind griff von allen Seiten
gleichzeitig an; so hieß es denn Knäuel bilden, um die Zurückgehenden
aufnehmen und den Feind, woher er auch komme, erwarten zu können.
Unsere ausgestellten Posten waren sämtlich weggeschossen worden; die
zurückgehende Feldwache hatte schwere Verluste gehabt, so musterten wir
denn nur noch 40 Mann. Mit diesen galt es jetzt das Dorf zu halten.
Nach Süden hin, in geringer Entfernung, standen die Husaren.
Eine Viertelstunde lang ging es. Wir attakirten mit dem Bajonet und
drängten das, was uns gegenüber stand, mehrmals bis an die
Einfassungsmauer zurück; aber jedesmal wenn wir anschlugen, um eine
volle Salve in den dichten Haufen hinein abzugeben, hieß es aus dieser
Masse heraus: »schießt nicht Kinder, wir sind ja Preußen«. Im selben
Augenblick trafen uns Kugeln von #hinten# her. Nun machten wir Kehrt,
glaubten wirklich den Feind blos im Rücken und in unsrer Front die
Preußen zu haben, aber im selben Moment, wo wir die Schwenkung gemacht,
umzischten uns auch schon wieder die Kugeln unserer vermeintlichen
Deutschen Brüder. Wir wußten nicht ein noch aus, und zuletzt von Wuth
und Todesangst getrieben, schossen wir blind in alle Haufen hinein, um
dem Spiel ein Ende zu machen.
Aber das Spiel war uns bereits theuer zu stehen gekommen. Alle
Offiziere todt. Als ich jetzt an dem Straßenkreuzungspunkte mich
umschaute, sah ich, daß wir nur noch 15 Mann waren. Ich war der einzige
Chargirte und übernahm das Commando. Von allen Seiten gedrängt, zog ich
mich in das zunächst gelegene massive Haus zurück und besetzte den
ersten Stock, nachdem ich die Thür unten, so gut es ging, verrammelt
hatte. An jedem Fenster 4 Mann. Ich postirte sie schräg hinter dem
rechten Pfeiler, so daß sie gedeckt standen und einen sichern Schuß
hatten. Der Himmel war mit uns. Bis dahin war es dunkel gewesen; jetzt
aber dämmerte es, und der erste über die Dächer kommende Tagesschimmer
fiel so hell auf unsere Läufe, daß wir das Korn sehen und scharf zielen
konnten, während die Franzosen unten im Halbdunkel standen. So ging es
fort bis alle Patronen verschossen waren; unser matter werdendes Feuer
hatte ohnehin dem Feinde schon verrathen, wie’s mit uns stand. In
diesem Augenblick rückte die Masse drüben zum Sturme vor; noch einen
letzten Schuß gab ich ab; dann hörten wir wie unten die Fenster und
Hinterthüren eingestoßen wurden und alles treppan lärmte. Eine Salve in
unser Zimmer hinein; vier von meinen Leuten stürzten; ein Chasseur
packte mich beim Kragen und schüttelte mich. Ich stieß ihn in eine Ecke
zurück. Wüthend setzte er mir das Gewehr auf die Brust und drückte los,
während ich eben den Lauf an der Mündung gefaßt hatte. Die Kugel riß
mir die Spitze des kleinen Fingers fort. Jetzt mußte sich’s
entscheiden. Wir wollten uns eben an den Hals fahren, als ein Offizier,
so viel ich verstehen konnte ein Pole, zwischen uns sprang und mich
rettete. Er erklärte uns alle »als in seinen Schutz gestellt«, und als
er sah, daß wir nur noch 11 Mann waren, lobte er uns. Mir nickte er zu,
was er jedesmal wiederholte, wenn er später an mir vorüberkam.
#Sergeant Polzin erzählt weiter#:
Um 5 Uhr früh war alles was von uns noch übrig war, in dem großen
Gastzimmer des einen Gehöftes versammelt; Husaren und Bayern, alles
bunt durcheinander. Verwundete gab es nicht; wenigstens haben wir
nichts davon gehört.
Es war eine wunderliche Beleuchtung; Kaminfeuer und ein halbes Dutzend
Lichter, auf Blaker und Flaschen gesteckt. Zwei oder drei dieser
Lichter standen auf einem großen runden Tisch, der an ein
offenstehendes Fenster gerückt worden war; Tageslicht drang ein. Wir
athmeten auf in dieser Morgenfrische. Auf dem Tische selbst lag alles
aufgeschichtet, was man den Todten draußen an Geld und Geldeswerth
abgenommen hatte; jetzt mußten auch wir deponiren, was wir in unseren
Taschen hatten. Mitunter half eine Franctireur-Hand nach und
beschleunigte die Untersuchung. Nun ging es an ein Sortiren und
Theilen. Ein Zehnthalerschein, dessen Werth der großen Mehrzahl ein
Geheimniß war, wurde verächtlich bei Seite geschoben. In demselben
Augenblick aber fuhr durch die dem Tisch zunächst stehende
Franctireur-Mauer eine Hand hindurch, griff nach dem Schein und sagte
mit unverkennbarem Accent: »#dir# kann ich jrade brauchen«. Es war eine
Art Elite-Corps, mit dem wir es zu thun gehabt hatten,
Fremdenlegionaire, Abhub aus aller Herren Länder, Italiener, Polen,
Hannoveraner, und — wie überall in der Welt — auch Berliner.
Von Geldeswerth war uns allen nur eines geblieben: einem meiner Husaren
hatte ein Seitenschuß die ganze Uhr aus der Kapsel herausgeschossen; an
seiner Uhrschnur hing nichts als die silberne Schale. In gutem Humor
hatte man sie ihm als »Andenken an Ablis« überlassen.
Wir erhielten einen Frühtrunk und einen Bissen Brod; dann ging es auf
Chartres zu. Unter dem Jubel der Bevölkerung zogen wir ein.
Gegen Abend sahen wir von unserem Gefängniß aus, daß sich der Himmel
gegen Norden hin röthete. Wir ahnten was es war, drei Tage später
#wußten# wir es. Die ganze Division war von Rambouillet aus gegen Ablis
vorgerückt, um das Dorf für seinen Verrath zu strafen. In weitem Kreise
standen die Regimenter; dann feuerte die reitende Batterie ihre
Brandgranaten in das unglückliche Dorf, und am andern Morgen war Ablis
ein Aschenhaufen.
11. Drei von den 3. Garde-Ulanen.
Sie preschten zurück in vollem Galopp, hopp, hopp,
Daß an der Lanze das Fähnlein stob, hopp, hopp,
Leb wohl, leb wohl, lieb Kamrad mein,
Es mußte doch mal geschieden sein,
Ach ja,
Er stürzte vom Pferde allda.
G. Hesekiel.
#Unteroffzier Janeke erzählt#:
Wir lagen bei dem Dorfe Villaines, zwei Meilen nördlich von St. Denis.
Am 3. November früh erhielt ich Ordre, mit vier Mann einen
Recognoszirungsritt bis Ecouen und Sarcelles zu machen und Nachricht zu
bringen, #ob# sie besetzt seien, #wie stark# und #womit#. Das große
Dorf Ezonville war halber Weg. Hier sollte das Absuchen beginnen. »Es
ist nicht #wahrscheinlich#, daß sie schon in Ezonville stecken, aber es
ist
#möglich#. Also aufgepaßt. Und nun mit Gott.«
Wir ritten aus; es nebelte noch. Das erste Dorf, das wir passirten,
hieß Villiers-le-Sec, das zweite Lemesnil-Aubry; der Nebel war
inzwischen gefallen und Alles versprach einen klaren Tag. Wir trabten
nun auf das
#dritte# Dorf zu. Es war Ezonville. Sein heller Kirchthurm blinkte
#schon
durch die Pappeln.
Als wir dicht heran waren, stießen wir auf drei Mann von unserer 5.
Escadron, die schon vor uns ausgeritten waren. Der Gefreite machte
Meldung und stellte sich unter mein Commando. Ich hatte nun 7 Mann und
war guter Dinge; mit sieben Lanzen ist schon was anzufangen.
Ich theilte jetzt meine Streitkräfte in zwei Seiten- und eine
Mittel-Patrouille. Die Mittel-Patrouille (für das Dorf bestimmt) war
die Hauptsache. Diese führte ich selber und suchte mir zwei Mann dazu
aus, die beiden besten. Ich sagte mir so: die drei von der 5. Escadron
mögen gut sein, aber du kennst sie nicht; deine eigenen kennst du:
Rabinsky is ein Deubelskerl, aber Pollacke und unzuverlässig;
Pottmüller is willig, aber noch ein halber Rekrut; bleiben dir noch
Sattler Gemke und der rothhaarige Schindler; #die# nimm, die sind jut.
Und so nahm ich mir denn Gemken und Schindlern; die drei von der 5.
schickt’ ich links um das Dorf rum; Rabinsky und Pottmüller rechts.
Sattler Gemke hatte die Spitze; dreißig Schritt hinter ihm Schindler
und ich; so ritten wir in das Dorf ein. Ich kannt’ es schon von Mitte
Oktober her, wo wir bei hellem Mittagsschein durchgekommen waren. Ein
langes Dorf, blos zwei Reihen Häuser; in der Mitte die Kirche mit einem
Platz. Ich hatt’ es noch gut in Erinnerung.
Die ersten Gehöfte in ihrem weißen Anstrich und mit den Vorgärten, in
denen noch das bunte Laub hing, sahen freundlich genug aus; aber in
jeder Thür stand ein altes Weib, was mir all mein Lebtag nichts Gutes
bedeutet hat. Ich ritt an die erste heran und fragte: »Franctireurs?«
worauf sie mit dem Kopf #schüttelte#, nach Süden hin zeigte und blos
immer wiederholte en bas. Ich sagte »Dank, Mütterchen«, ritt auf die
zweite zu und fragte wieder »Franctireurs?« worauf diese mit dem Kopfe
#nickte#, auch nach Süden zeigte und auch wiederholte en bas.
Ich war jetzt ärgerlich; die eine schüttelte, die andere nickte; ich
warf ihr also einen altmärkischen Morgengruß an den Kopf, den ich hier
nicht wiederholen will. Vielleicht hatte sie’s gut mit mir gemeint. Es
ist schlimm, wenn man sich in fremden Sprachen vernachlässigt hat.
Gemke war uns jetzt erheblich vorauf. Schindler und ich ritten rechts
und links an den Gehöften vorbei; wo es möglich war, hielten wir uns so
dicht an den Häusern hin, daß wir in die Fenster des ersten Stocks
hineinsehen und den Flur und die Zimmer mustern konnten. Aber nirgends
zeigte sich etwas Verdächtiges; die Dorfstraße war leer, die Gehöfte
wie ausgestorben; nur Kinder spielten im Hof. Männer schien es nicht zu
geben.
So waren wir an der Kirche vorbei bis an die letzten, schon vereinzelt
stehenden Häuser gekommen und wollten eben auf Ecouen und Sarcelles zu
uns in Trab setzen, als zwei Schüsse fielen, und Gemke, sein Pferd
herumwerfend, in voller Carriere auf uns zu sprengte. Er hielt seinen
linken Arm in die Höh’, der stark blutete. Jetzt wußt’ ich Bescheid.
»Gemke« rief ich ihm zu »helfen is nich; Sie müssen sehen wie Sie
durchkommen; immer querfeldein; Gott verläßt keinen Ulanen nich.« Ich
sah noch wie er über den Graben setzte. Schindler und ich aber machten
Kehrt und jagten wieder zurück in das Dorf hinein, das wir eben erst
verlassen hatten.
Welch Wechsel! Die Gasse stand jetzt so vollgepfropft als ob Jahrmarkt
oder Hinrichtung wäre. Es war auch so was. Durch diesen Menschenhaufen
mußten wir hindurch. Es schien glücken zu sollen. Die ganze Masse war
ersichtlich noch nicht recht in Ordnung; nur einzelne Schüsse fielen.
So kamen wir bis an den Kirchenplatz, wo die Straße nach links hin
ausbuchtet. Hier war alles leer; ich that einen vollen Athemzug und
dachte so vor mich hin: Janeke, das war überstanden.
Aber ich hatte mich verrechnet. In der zweiten Dorfhälfte hatten sie
derweilen Zeit gefunden sich zurecht zu machen, und als wir jetzt in
die wieder schmaler werdende Gasse hinein wollten, da sahen wir aus
allen Fenstern und Dachluken Gewehrläufe auf uns gerichtet, und gleich
dahinter einen in drei Gliedern stehenden Schützenzug, der uns mit
Flintenschüssen empfing. Ich duckte mich; als wir aber glücklich durch
waren, richtete ich mich hoch auf, um zu sehen, was wir noch vor uns
hätten, und sah nun, daß bis ans Ende des Dorfes hin und drüber hinaus,
alle hundert Schritt eine solche Chaine gezogen war, und daß wir also
auf dem zwischenliegenden freien Raum das Seitenfeuer der Häuser und
das Frontfeuer dieser Chainen auszuhalten haben würden.
An diesen Ritt will ich denken. Schindler, nach links, immer dicht
neben mir; nur so viel Zwischenraum, daß er mit seiner Rechten frei
hantiren konnte. »Mann«, rief ich ihm zu, »wir müssen durch!« Sein
Sommersprossengesicht nickte mir zu und der rothe Spitzbart tupfte ihm
dabei vorn auf die Ulanka und das Kreuz von 66. So ging es hinein;
Schindlers Lanze immer um drei Fuß vor. Ich faßte meinen Säbel
krampfhaft fest und stieß und hieb, aber das war nur Spielerei; davon
ist nicht zu sprechen neben der Lanze meines Rothkopps. Was ich sonst
nur immer gehört hatte, hier sah ich es: die #Lanze ist eine furchtbare
Waffe#. Ich will nicht Zahlen nennen, sie möchten doch nicht geglaubt
werden; zudem bin ich meiner Sache nicht sicher. Ich weiß auch nicht
wie viel der Anprall der Pferde und wie viel die bloße Furcht vor
dieser langvorgestreckten Spitze gethan haben mag, aber das muß ich
sagen, ich habe den Eindruck, daß uns diese eine Lanze unsern Weg durch
all die Colonnen bohrte. Keine Kugel traf; wir hörten nur das Klatschen
auf den Dachziegeln gegenüber.
Jetzt kam wieder eine Lichtung, ein größerer Zwischenraum, und über die
Köpfe der zwei letzten Chainen weg, die den Ausgang sperrten, sah ich
schon die Pappeln der Chaussee und dachte eben in meinem Sinn: »sie
schießen doch zu schlecht«, klatsch, da hatt’ ich eins weg in den
Schenkel, nicht viel, aber mein Pferd mußte scharf getroffen sein, denn
das Blut spritzte hoch auf und meine weißen Fangschnüre waren wie
getränkt damit. Ein Unglück kommt nie allein. In diesem Augenblick rief
Schindler: »Unt’roffizier, ich bin getroffen«, und ich sah deutlich,
daß er zusammenzuckte. »Halt Dich fest,« schrie ich ihm zu, »durch,
durch,« und er packte mit der Linken den Hals seines Braunen und ging
wieder hinein. Es war ein prächtiger Kerl. Aber plötzlich fehlte er
neben mir; mit halbem Blick nach links sah ich, daß Pferd und Reiter
zusammengebrochen waren und daß man über ihn her war. Ich hatte nicht
viel Zeit drüber nachzudenken, denn im nächsten Augenblick war es auch
mit mir vorbei. Mein Pferd, von einer zweiten Kugel in den Kopf
getroffen, stürzte zu Boden; ich lag drunter und verlor die Besinnung.
Als ich wieder zu mir kam, war ich unter einem Dach von Bajoneten. Man
zog mich hervor und schleppte mich im Triumph in die Mitte des Dorfes,
an meinem treuen Schindler vorbei. Er richtete sich noch einmal auf;
der Todesschmerz stand ihm im Gesicht. Es hat nicht lange mehr
gedauert. Einer von den Franctireurs gönnte ihm eine letzte Kugel. Es
war auch das Beste.
Sattler Gemke, wie ich gehört habe, ist durchgekommen und hat seine
Meldung gemacht. Ich gönn’s ihm; einer hat eben Glück vorm andern; die
Loose fallen verschieden. Gemke lebt, Schindler ist todt und ich —
sitze
#hier#.
12. Fünf vom 14. Jäger-Bataillon.
≈Tarry, dear cousin!
My soul shall thine keep company to heaven,
Tarry, sweet soul, for mine, then fly a-breast.≈
≈Shakespeare. (Henry V.)≈
#Jäger Schoenfeldt erzählt#:
Wir lagen 2 Meilen rechts von Corbeil, die ganze 17. Brigade, das
Grenadier-Regiment aus Schwerin, die Rostocker Füsiliere und unser
Jäger-Bataillon. Alles war guter Dinge; unsere Offiziere wetteten »in 4
Wochen ist es vorbei«; nur in Einem sah es schlecht aus: wir hatten
nichts zu essen. Das ist immer schlimm, aber für einen Mecklenburger
doppelt.
Am 16. Oktober erhielt unser Bataillons-Kommando, Major v. Gaza, einen
Brief von guter Hand, in dem zu lesen stand, daß in dem Städtchen
Nogent ein deutscher Kaufmann wohne, der noch Vorräthe habe und gewillt
sei, sie gegen gute Prozente zu verkaufen. Gut so. Das war just was wir
brauchten. Ein Detachement sollte am andern Morgen aufbrechen, um bei
besagtem Kaufmann für 100 Thaler Brod, Cognac und Taback zu erhandeln.
Mit dem Brod stand es schon seit 14 Tagen schlecht. Ein Wagen, ein
guter Zweispänner, sollte für die Fahrt beschafft werden. Ich erfuhr
spät Abends, daß ich mit von der Parthie sein werde.
Zwei Tage hin, zwei Tage zurück; ich freute mich nicht wenig.
Am 17. früh brachen wir auf; in Mormant sollten wir übernachten und am
Nachmittage des zweiten Tages in Nogent eintreffen. Dies war Alles.
Karten hatten wir nicht. Wir wußten nur dreierlei: Bestimmungsort
Nogent, Richtung nach Osten, Entfernung 10 Meilen. So ausgestattet,
hofften wir in der That uns durchtappen zu können. Wir waren guter
Dinge und ohne Ahnung davon, daß es in Frankreich anderthalb Dutzend
Nogents giebt. Das sollte verhängnißvoll für uns werden.
Das Detachement, wenn ich von mir absehe, war gut gewählt.
Unteroffizier Ellis, Gefreiter Fritsche, Jäger Lübbe, Jäger Jahn; dazu
ich. #Ellis#, Gutsbesitzer, hatte das Jahr vorher als Freiwilliger
beim Bataillon gestanden; #Fritsche#, Schiffscapitain oder Steuermann,
ich weiß nicht genau, war eben aus England zurückgekommen; #Lübbe#,
Apotheker; #Jahn#, Mediciner. Sie waren all aus gutem Hause und
konnten parliren. Jahn am besten. Fritsche war aus Rostock, Sohn des
Professors; Jahn aus Schwerin, Sohn des Hofpredigers. Ich für mein
Theil wußte nichts. Es muß auch solche geben.
Der erste Tag verging ohne Störung. Wir fuhren bei guter Zeit in
#Mormant# ein; vier Meilen waren gemacht. Wir befanden uns hier noch im
Bereich unserer Armeen; Alles war dienstfertig und bereit. So verging
die Nacht.
Sechs Uhr früh saßen wir wieder auf unserem Wagen, die Büchse im Arm,
und trabten auf Nogent zu. Wir hatten am Abend vorher Information
eingezogen und in Erfahrung gebracht, daß wir über #Provins# fahren
müßten. »Immer #ostwärts# die Chaussee hinunter; noch drei Meilen bis
Provins, noch sechs Meilen bis Nogent.« Das schien zu stimmen;
Entfernung und Himmelsgegend waren richtig. Es war aber dennoch falsch.
Wir fuhren auf Nogent #sur Seine#, statt auf Nogent #sur Marne#; das
Marne-Nogent (Eisenbahnstation zwischen Chateau-Thierry und La Ferté)
lag unterm Schutz der Preußischen Bajonete, das Seine-Nogent unterm
Schutz der Franctireurs. Unser Schicksal wollte es, daß wir auf das
#Franctireur#-Nogent zufuhren. Ob uns der Wirth von Mormant (Mormant
#war
Gabelpunkt für beide Wege) absichtlich in die falsche Direktion
schickte? Ich glaub’ es kaum.
Es war ein kostbarer Tag dieser 18. Oktober und heiter wie der Tag
gings in die Landschaft hinein. Fritsche richtete sich hoch auf,
schwenkte seine Büchse und rief, als wir das nächste Dorf passirten:
»Hoch Deutschland; #heut ist der 18. Oktober#!« Wir stimmten jubelnd
ein; die Chaussee hinauf, hinunter, ging es durch die schönen lachenden
Dörfer. So kamen wir nach Provins. Es war gerade Mittag.
Provins ist eine reizend gelegene Stadt am Fuß und Abhang eines Berges;
beinah einsam, vom Berge herab, grüßt eine alte Kirche; durch die Stadt
hin aber schlängelt sich ein Fluß mit Lohmühlen und Gerbereien, und
dazwischen — Rosengärten. Einzelne Stämme standen noch in Blüthe.
Wir fuhren auf den Markt, hielten vor einem Gasthaus um zu futtern und
begannen eben Fragen zu stellen, wie man wohl thut, wenn man sicher und
guter Dinge ist, als wir plötzlich den Marktplatz mit Hunderten von
Menschen sich füllen sahen, viele blos neugierig, aber die meisten
ersichtlich feindselig. Die Antworten auf unsere Fragen wurden immer
kürzer; ein Murmeln begann, ein Andrängen auf unsern Wagen zu, so daß
Ellis, der Ordre hatte alle Häkeleien zu vermeiden, uns schnell
entschlossen zurief »aufsitzen«, und im nächsten Moment schon rasselte
der Wagen wieder über das Pflaster hin, mitten durch die
auseinanderstiebende Menschenmenge hindurch, zur andern Seite der Stadt
hinaus. Ein Gespräch mit dem Wirth hatte uns schon vorher genau die
Richtung angegeben. Die Richtung auf das #falsche# Nogent. Es war noch
drittehalb Meilen.
Das Geschrei der Menge folgte uns, starb aber bald, und der ganze
Vorgang, dem wir bis dahin wenig Bedeutung beigelegt hatten, da wir uns
auf völlig gesichertem Boden glaubten, war schon halb wieder vergessen,
als wir, dreiviertel Meilen hinter Provins, in den Forêt de Sordun
eintraten, der, mehrere Stunden groß, das halbe Terrain zwischen
Provins und Nogent mit seinen Wald- und Berg-Coulissen ausfüllt. Wir
mußten jetzt durch Schluchtenwege hindurch, die zu beiden Seiten sich
bald zu beleben anfingen; hinter jedem Baum trat ein Blaukittel hervor,
einige bewaffnet, andere nicht; auch Frauen und Kinder. Diese begannen
ein Gejohle und Geschrei; alles aber folgte und hing sich wie eine
Heerde Wölfe, die auf den richtigen Moment wartet, an unser Gefährt.
»Nicht umsehen«, kommandirte Ellis und nahm selber die Leinen in die
Hand. Er war ein guter Fahrer und die beiden dampfenden Pferde, die in
Provins ohnehin um ihre volle Ration gekommen waren, griffen jetzt aus
mit ihrer #letzten# Kraft. Das half zunächst; der Wald lag alsbald
hinter uns; nur die besten Läufer hatten Schritt mit uns gehalten;
Nogent konnte keine Stunde mehr ab sein; #wenn# die Pferde aushielten
...?! In diesem Augenblick fuhren wir in ein Dorf hinein; in Mitte
desselben standen die beiden Braunen still; sie konnten nicht weiter.
Ellis warf die Zügel aus der Hand und sprang vom Wagen; wir andern
folgten.
Nur Fritsche blieb oben stehen; er hatte die angeborene Heldennatur und
schrie in das Geschrei des andrängenden Menschenhaufens hinein:
»≈Qu’est c’est-que ça? que voulez-vous?≈« Sie blieben ihm die Antwort
nicht schuldig: »≈Vos fusils! vous êtes prisonniers≈« und im selben
Augenblick stürmten sie auf ihn ein; ein Franctireur, ein schöner
junger Kerl mit Klapphut und rother Schärpe, an ihrer Spitze. Ich seh
ihn noch. Fritsche schlug an und der Franctireur stürzte zu Boden. Ich
habe nie so viel Blut an einem Menschen gesehen. Aber dies Blut kam
über uns. Eh uns noch klar war, was geschehen, waren wir entwaffnet.
Fritsche, der sich auch jetzt noch zur Wehr setzte, wurde vom Wagen
gezerrt und an die Wand des nächsten Hauses gestellt: »≈meurs chien
prussien!≈« Er wußte jetzt, daß er vor dem Tode stand, richtete sich in
die Höh, riß Rock und Weste auf und schrie: ≈tirez≈. Im selben Moment
lag er todt am Boden. Ellis, in Verzweiflung, machte sich gewaltsam
los, um die Hand des Todten noch einmal zu fassen; aber eh er zehn
Schritt gemacht hatte, trafen ihn drei Kugeln in Kinnbacke, Brust und
Schenkel; er kroch jetzt heran und umarmte zärtlich die am Boden
liegende Leiche des Freundes. Selbst die Feinde hielten einen
Augenblick inne und sahen dem grausig-rührenden Schauspiel zu. Aber im
nächsten Augenblick war Lübbe auf den Tod getroffen, und Jahn und ich
wurden an die Bäume der Chaussee gestellt, um hier das Schicksal
Fritsches zu theilen. Ich war fertig und hatte nur noch ein Flimmern
vor den Augen; aber Jahn (Gott segne jede französische Privatstunde,
die er gehabt) sprang jetzt vor und haranguirte die tobende Volksmasse.
Ich weiß nicht mehr, was er sagte, er wird es selber kaum wissen, aber
als er schwieg, setzten sie die Gewehre ab und erklärten uns als
Gefangene. Wir mußten uns jetzt auf die Bank des Wagens setzen, zwei
Franctireurs dicht neben uns; dann wurden die beiden Verwundeten
aufgeladen, zwischen ihnen die Leiche Fritsches. So ging es auf Nogent
zu.
Ellis litt unsäglich. Er beschwor die Franzosen, seiner Qual ein Ende
zu machen. Umsonst. Im Trabe ging es weiter. Als wir Schritt fuhren,
eine Berglehne aufwärts, kam ein Bauer uns nachgelaufen, der den
anstoßenden Acker pflügte. Er verwünschte uns Alle; dann nahm er seinen
Peitschenstock und schlug den sterbenden Ellis ins Gesicht. Das war den
Franctireurs denn doch zu viel; sie sprangen vom Wagen und stießen das
blaukittlige Scheusal in den Chausseegraben hinein.
Um 3 Uhr waren wir in Nogent. Welch Einzug! So hatten wir den »Tag von
Leipzig« gefeiert.
Am 2. November kamen wir hier auf der Insel an. Es war Todtenfest. Das
paßte schon besser.
13. Begräbniß.
Sie hüllten ihn ein in weißes Lein
Und trugen ihn dann zur Ruh,
Die Mönche sangen die Todtenmess’
Und Litaneien dazu.
W. Scott.
Arbeit und Lektüre kürzten die Zeit, aber für Jeden, der weder das Eine
noch das Andere hatte, waren es langweilige Tage, #nichts geschah#, und
Sergeant Genzel, wenn er seinen Heine so gut kannte wie seinen
Schiller, durfte citiren:
Nur wenn sie einen begraben, Bekommen wir was zu sehn.