Noch am Sonnabend Abend war mir mitgetheilt worden, daß der Dienstag

als Abreisetag genehmigt worden sei; gleichzeitig erfuhr ich, daß, bei

Ausstellung meiner Liberations-Ordre, Gambetta lediglich dem Andringen

#Cremieux’# (des Justizministers) nachgegeben habe. Ich erkannte in dem

allem leicht die Zusammenhänge mit der Heimath und wußte genau, wohin

ich den #eigentlichsten# Dank für meine Befreiung zu richten hatte.

Heitern Sinnes erwacht’ ich am andern Morgen. In Traum und Gedanken

übersprang ich die Meilen und die Schwierigkeiten, die noch zwischen Le

Château d’Oléron und der Königgrätzer Straße lagen.

Es war der letzte Sonntag. Der Himmel blau, die Luft weich und warm

(wir waren #doch# südlich, trotz Rasumofsky), so trat ich wieder auf

den Rempart hinaus und begann, im Auf- und Abschreiten, die weißen

Steinchen, die mir, wie der Leser sich erinnert, als Mark- und

Rechenpfennige dienten, in meine Tasche sinken zu lassen, als die

gewöhnliche Sonntagsmorgen-Musik mich in meinem Spaziergang und meinen

Betrachtungen störte. Ich hätte sie #heute# weggewünscht und wenn mich

an den Sonntagen vorher die Cachucha, die George Brown-Arie aus der

Weißen Dame, und einige Piècen aus dem Trovatore, die gerade während

der Kirchzeit gespielt wurden, nur etwas sonderbar berührt hatten, so

berührten sie mich heute unangenehm. Die große Trommel, der Triangel

und das Zusammenschlagen der Becken, das den Castagnettenschlag

ersetzen sollte, wollten mir heut nicht passen. Sonntag früh 9 Uhr, wo

wir gewohnt sind, die Glocken zu hören! Meine Stimmung kam hinzu.

Die Franzosen denken anders darüber, über dies, wie über manches

andere.

Ich kehrte bald in mein Zimmer zurück, kramte, arrangirte und

überlegte, als es klopfte und gleich darauf ein kleiner Herr eintrat,

der mich Anfangs in Zweifel darüber ließ, ob ich ihn für einen

kleinstädtischen Doktor oder einen großstädtischen Küster nehmen

sollte. Er entpuppte sich aber bald als ≈Monsieur le prédicateur

Masson≈, reformirter Geistlicher zu Saint-Pierre auf der Insel Oléron.

Ich kann wohl sagen, daß mir diese Begegnung, nachdem ich so viele

Wochen lang immer im Verkehr mit katholischen Geistlichen gewesen war,

ein besonderes Interesse einflößte. Parallelen mußten sich mir

aufdrängen. Ich bat ihn, Platz zu nehmen. Er that es, aber sehr

unvollkommen.

Den Predigerton habe ich niemals so in Blüthe gesehen, als bei diesem

kleinen Manne. Er war unfähig, ein Wort einfach und natürlich zu

sprechen. Alles war Rede, feierliche Ansprache, wie wenn die

Bürgermeister an den Wagenschlag eines reisenden Prinzen treten. Dieser

Eindruck wuchs dadurch, daß er sich, so oft die Reihe des Sprechens an

ihn kam, von seinem Stuhl erhob, um #stehend# und mit berufsmäßigen

Handbewegungen seine Rede zu halten. Man kann sagen, er taufte und

traute beständig.

Seine erste Ansprache, nach erfolgter Vorstellung, ging dahin, daß sein

Freund und Amtsbruder »≈Monsieur Delmas, Pasteur et Président du

Consistoire≈« ihm eine historische Studie »≈L’Église Réformée de la

Rochelle≈« übersandt habe, zugleich mit der Bitte, dieselbe einem

»≈historien prussien≈«, der sich zur Zeit als Kriegsgefangener auf

Oléron befinde, überreichen zu wollen. Nach sorglicher Durchforschung

aller 1000 Gefangenen war, unter Anwendung des Indicien- oder

Wahrscheinlichkeits-Beweises, der Verdacht des »Historikers« an mir,

als an einem schon früher literarisch Betroffenen, haften geblieben und

da stand ich denn nun, den #einen# Geistlichen vor mir, den #andern#

(seinem besseren Theile nach) in Händen haltend und fühlte zugleich,

nicht ohne eine gewisse Verwirrung, den Schatten eines Lorbers auf

meiner Stirn. In Besançon zum »≈officier supérieur≈«, in Oléron zum

»≈historien prussien≈« kreirt, gewann ich erst Fassung wieder in dem

Gedanken, daß die #Fremde# ihren Mann erkennt und der Heimath (die nie

recht ’ran will) die großen Fingerzeige giebt.

Ich that einen Blick auf den Titel des ziemlich umfangreichen Buches,

versicherte Mr. Masson in aller Wahrheit, daß ich ein Interesse nähme

an der Geschichte des Hugenottenthums in der Vendée und bat ihn, seinem

Amtsbruder in La Rochelle meinen besten Dank für die mir erwiesene Ehre

auszusprechen. Wir gingen dann zu einem Gespräch über die Insel Oléron

über, über die kirchlichen Zustände, über das Verhältniß von Katholiken

und Protestanten, der Zahl wie der gegenseitigen Stimmung nach. Er gab

mir über alles Aufschluß, aber doch in einer gewissen aufgeregten

Zerstreutheit, wie man sie bei Personen zu beobachten pflegt, die

zwischen Braten und Compott eine Tischrede zu halten haben. Sie

memoriren beständig, werden durch die harmloseste Frage ihres Nachbars

wie auf einer gedanklichen Unthat ertappt und geben oft Antworten,

darin sich Worte aus der zu haltenden Rede räthselvoll eingesprenkelt

finden. Dies war auch die Situation von Mr. Masson. Er brach denn auch

schließlich durch die immer drückender werdende Zwangsunterhaltung

hindurch, erhob sich, trat, seinen Cylinderhut in der Hand, drei

Schritt zurück und begann mit gesteigerter Feierlichkeit:

≈Monsieur il n’est pas vraisemblable, que nous nous reverrons ici, que

nous nous reverrons dans ce monde. Mais nous avons une patrie, grande

et éternelle, où n’existe pas de guerre, où la haine, l’animosité ont

cessé, où les peuples demeurent en paix par notre Sauveur Jésus Christ,

par lui, qui est la lumière, l’amour, et la grâce. Voilà où nous nous

reverrons. ...... Monsieur, je vous demande pardon ...... Monsieur, je

suis fâché de vous avoir dérangé ..... Monsieur, j’ai l’honneur .....≈

Während dieser Sätze hatte er seinen Rückzug angetreten, ohne sich

umzudrehen, immer Auge in Auge. Unter beständigen Verbeugungen

begleitete ich ihn bis an die Treppe; hier schieden wir.

Es fiel mir wie eine Last von der Brust. Die letzten Minuten hatten

mich einen schweren Kampf gekostet. Bis zu den Worten: »≈voilà, où nous

nous reverrons≈« war ich ihm ernsthaft und aufmerksam gefolgt, als mir

aber plötzlich klar wurde: er predigt, er #citirt# vielleicht, erfaßte

mich das Komische der Situation mit solcher Gewalt, daß ich nur noch

mit Niederkämpfung meines Krampfes beschäftigt, von allem Weiteren

nichts anderes als einzelne Worte hörte. Niemals hab’ ich das Mißliche

der pastoralen Redeweise #so# empfunden wie hier.

Man spricht davon, daß unser modernes Empfinden den Katholicismus

überwunden habe, er sei durchaus #mittelalterlich#. Es mag sein. Aber,

was unser modernes Empfinden gewiß #auch# überwunden hat, das sind

solche öden Redensarten. Jeder kann sie machen, wie jeder einen Baum

zeichnen oder ein Sonett zusammenstellen kann. Man lockt damit keinen

Hund mehr vom Ofen. Man muß diese Dinge schärfer anzufassen wissen.

#Wir# sind wenigstens auf dem Wege dazu; was ich aber in Frankreich vom

#Protestantismus gesehen habe, machte einen unendlich tristen Eindruck

#auf mich. In Lyon gab mir der ≈gardien-chef≈ (Protestant) ein

#Gebetbuch in die Hand, ich glaube in Genf und Toulouse edirt, das

#Gebete auf ein paar hundert Tage und Situationen enthielt, jedes eine

#halbe bis anderthalb Seiten lang, also an und für sich nicht zu lang

#und in dieser Beziehung hinnehmbar. Ich las zehn oder zwölf und ich

#darf sagen, ich habe nie dürreres Reisig in Händen gehabt.

Keine Spur wahren Lebens, alles fromme Phrase. Die #fromme# Phrase aber

ist die schlimmste.

3. Der letzte Abend.

Wünsche, Frohsinn, Freunde, Gäste,

Lichter wie zum Weihnachtsfeste.

* * *

Er hatte Tressen an dem Hut

Und einen Klunker dran.

M. Claudius.

So kam der letzte Abend heran. Er hatte eine besonders festliche

Erscheinung. Bei Vertheilung meiner Wirthschaftsgegenstände hatte sich

nämlich ein ungeahnter Reichthum an Stearinlichten ergeben und da

Rasumofsky, dem natürlich Alles zufiel, hochherzig erklärte, zu Gunsten

einer Illumination auf diesen Erbschaftstheil verzichten zu wollen, so

hatte sich, unter Heranschleppung aller möglichen Blaker und Leuchter,

die überhaupt aufzutreiben waren, eine feenhafte Beleuchtung bei mir

vorbereitet. Selbst in der anstoßenden Kammer, in zwei Sandhaufen

gestellt, brannten zwei Lichter. Es sah aus wie Weihnachten. Der

Christbaum fehlte, aber sein festlicher Glanz war ausgegossen.

Licht giebt Heiterkeit. Ich ordnete meine paar Habseligkeiten, die mich

in die Heimath zurückbegleiten sollten, setzte mich an den

Schreibtisch, um ein paar Abschiedsbriefe zu couvertiren, und sprang

dann wieder auf, um in meiner Lichter-Allee spazieren zu gehen. Ich bin

ein schlechter Sänger und Pfeifer; aber ich glaube, ich versuchte mich

als beides.

Meine gute Laune hatte noch einen besonderen Grund; es war nämlich

unmöglich, auf Rasumofsky zu blicken, ohne von jenem

Empfindungskontrast berührt zu werden, der vielleicht die Wurzel alles

Humors ist. Von den drei Cardinal-Eigenschaften meines Burschen, um

derentwillen ich ihn überhaupt engagirt hatte, hatte ich bisher nur

#zwei# kennen gelernt, den Polen und den schwarzen Husaren; heute, zum

Abschied, hatte er, mir zur Liebe, auch die #dritte# seiner Qualitäten

hervorgesucht: den Schneider. Das rechte Bein über dem linken Knie, so

saß er da, von Lichtern umstrahlt, vom Kaminfeuer beschienen und nähte

mir, aus blauem Futterkattun, einen Reisesack. Er that es gern, weil er

das Bedürfniß hatte, mir seine Liebe zu bezeigen; aber es war ein

Opfer, das er mir brachte. Alle Augenblick kam Besuch; man lächelte,

und ich sah, wie er sich ärgerte. Endlich half er sich auf die beste

Weise. Er stülpte seine Mütze mit dem Todtenkopf keck auf die linke

Seite und sah jeden Eintretenden so herausfordernd an, daß der Spott

verschwand, noch eh’ dieser Zeit gehabt hatte, sich zu entwickeln. Mir

persönlich gönnte er das herzlichste Lachen und stimmte selber mit ein.

Diese Heiterkeit indeß, die in so Vielem um mich her ihre Nahrung fand,

sollte noch auf eine harte Probe gestellt werden; ja es wurde zehn

Minuten lang so dunkel vor meinen Augen, als ob die Lichter um mich her

mit ziemlich langer Schnuppe gebrannt hätten. Der Leser urtheile

selbst.

Unter den Vielen, die kamen und gingen, befand sich auch unser Kölner

Freund mit dem Klapphut und der 25er Achselklappe. Er kam abermals

»dienstlich«, und zwar diesmal, um mir im Auftrage des Kommandanten

meinen »#Reisepaß#« zu überreichen. Ich dankte, so weit das meine große

Ueberraschung zuließ.

Ich hatte nämlich geglaubt, auf dieselbe Weise, wie ich gekommen war,

nun auch meine Rückreise antreten zu können, und mußte mich jetzt von

der alten Wahrheit überzeugen, daß Freiheit theuer ist und ein

beständiges Daransetzen von Gut und Blut erwartet. Nicht in

Gensdarmenbegleitung (langweilig aber #sicher#) sollte ich mich auf den

Rückweg machen, sondern in völliger Freiheit, #mir selber überlassen#.

Das klang sehr gut, war aber in Wahrheit eine heillose Sache, die

dadurch nicht besser wurde, daß mir ein Umweg, der die Meilenzahl

gerade verdoppelte, als Reiseroute vorgeschrieben war. Hier saß ich am

#Atlantischen# Ocean; bis zum #Mittelländischen# Meer (Cette) mußte ich

hinunter, um dann wieder, an der Rhône hin, bis Lyon und Genf aufwärts

zu steigen! Dieser Umweg war nicht angenehm; aber er kam nicht in

Betracht neben der andern Erwägung, daß ich diese Reise durch bis zum

Fanatismus aufgestachelte Provinzen antreten mußte; #allein#, mit

keinem andern Schutz als einem ≈feuille de route≈ in der Tasche. Alle

Städte, die ich zu passiren hatte, hingen nur lose noch am Faden der

Ordnung; was konnte einem rothrepublikanischen Arbeiterhaufen, wie sie

in Bordeaux, Toulouse, Lyon an der Tagesordnung waren, was konnte ihnen

mein, mit Kritzelhand undeutlich geschriebener Reisepaß bedeuten? »≈A

la lanterne≈«! Ich hatte das Gefühl, durch meine Befreiungsordre auf

einen Vulkan gestellt zu sein. Dies Gefühl war so stark, daß ich einen

Augenblick die große Cortez-Arie »ich bleibe hier« sehr ernsthaft in

Erwägung zog. Dann schämt’ ich mich wieder dieses Kleinmuths.

Rasumofsky, an den ich appellirte, faßte sein Endurtheil in die Worte

zusammen: »i, sie werden ja wohl nich«. Er meinte die Franzosen.

Manchem mögen diese Bedenken, wie ich sie hier ausgesprochen habe, als

Zeichen einer besonderen Aengstlichkeit erscheinen. Ich darf aber

versichern, die Situation war #wirklich# heikel. Nur wer als Gefangener

durch Frankreich geschleppt worden ist, hat ein Urtheil darüber. Scham

und Hoffnung gaben endlich den Ausschlag. Zudem trug mein Paß den Namen

#Gambettas#. Dies war #etwas#. Der einzige Name, der selbst der rothen

Populace einigermaßen imponirte. Wenigstens #damals# noch.

Es liegt in meiner Natur, angesichts aller Dinge, über die ich

#ausnahmsweise# nicht gleich hinweg kann, sorglich zu balanciren und

#nur

zögernd zu einem Entschluß zu kommen; #ist# dieser Entschluß aber

einmal gefaßt, so spring’ ich auch sofort wieder mit beiden Füßen in

die alte Sorglosigkeit hinein und vertraue lachend und heiter meinem

guten Stern.

So that ich auch hier. Es wurde mir erleichtert durch einen Besuch, der

mit der Entscheidung, die ich faßte, fast zusammentraf.

Die Lichter waren schon halb niedergebrannt; Rasumofsky that seine

letzten Stiche und schickte sich eben an, eine Zuckerhut-Strippe (als

Schnurre) durch den Reisesack zu ziehen, als es abermals klopfte.

Herein trat ein großer schöner Mann in der Uniform eines

Zuaven-Tambour-Majors. Langer blauer Rock, blanke Knöpfe, mächtige

rothe Epauletten, auf der Brust drei Orden, der schwarze Vollbart

sappeurartig herniederhängend und auf seiner Oberfläche in zwei

Strehnen geflochten, die, nicht viel dicker wie ein Uhrschnur, auf dem

mächtigen dunklen Bart-Untergrunde lagen. Es war der Cantinier. Man

denke sich mein Erstaunen. Die Schönheit dieses wirklich pompösen

Mannes wurde nur noch von dem Komischen seiner Erscheinung übertroffen.

Er blieb drei Schritte vor mir stehn, verbeugte sich, legte seine linke

Hand auf die Brust und begann feierlich: »Mein Herr. Die Verhältnisse

haben es mir versagt, auf mehrere Schreiben, die ich die Ehre hatte von

Ihnen zu empfangen, schriftlich zu erwidern. Es ist mir Bedürfniß,

persönlich Ihre Nachsicht dafür zu erbitten. Zugleich spreche ich Ihnen

in meinem und meiner Dame Namen mein aufrichtiges Bedauern darüber aus,

Sie so früh aus unserer Mitte scheiden zu sehn. #Sie# werden anders

darüber empfinden, aber genehmigen Sie die Versicherung, daß Sie ein

Gegenstand unsres besonderen Respektes waren.«

Hier schwieg er, verneigte sich wieder und wartete ersichtlich auf

meine Antwort. Ich ging also auch los. »Monsieur le Cantinier, es

gereicht mir zu einer ganz besonderen Ehre, daß ich noch Gelegenheit

finde, Sie in dieser prächtigen Erscheinung vor mir zu sehn. Sie sind

ein schöner Mann; verzeihen Sie die Unumwundenheit meiner

Ausdrucksweise (er verneigte sich), aber wenn es etwas giebt, das im

Stande ist, Ihrer Persönlichkeit Vorschub zu leisten, so ist es #diese#

Uniform. Ich sehe zu meiner besonderen Freude, Sie sind #dekorirt#.

Darf ich fragen .....«

Er wartete das Weitere nicht ab, sondern interpretirte jetzt mit immer

lebhafter werdender Stimme: ≈c’est pour la Crimée, — c’est≈ ≈pour le

Mexique, — et la troisième, celle-ci, est une »décoration spéciale«

pour mes productions sur le cornet à piston.≈

Ich drückte ihm nochmals meine Freude aus, einen alten Soldaten zu

sehn, der wahrscheinlich in drei Welttheilen gefochten habe (er nickte

zustimmend), und glaubte nun, nach so vielen Auseinandersetzungen, das

Ende der Feierlichkeit gekommen, als er plötzlich einen Schritt näher

an mich heran trat und mit bewegter Stimme sagte: ≈Monsieur, je ne

crains pas de vous offenser, si je vous prie .....≈

Ich warf unwillkürlich den Oberkörper zurück.

≈Monsieur≈, fuhr er fort, ≈permettez, que je vous embrasse≈.

In solchen Momenten ist ein muthiges Hinein ins Unvermeidliche immer

das Beste. Nur Initiative kann vor größerem Unheil bewahren. Ich warf

mich also auf ihn, drückte die drei Medaillen an meine Brust und schob

erst meine linke, dann meine rechte Backe an den beiden Flanken seines

mächtigen Hauptes vorbei.

Dann ließ ich los. »Rasumofsky, Licht!« Dieser packte den nächsten

Leuchter, riß die Thür auf und beschleunigte dadurch den Rückzug.

Als er heraus war, sagt’ ich mir: ≈Mr.

#Masson#, encore une fois!≈ Nur unterm

Vergrößerungsglas und — mit rothen Epauletten!

4. Abschied.

Hin jagt der Kiel; ....

Und jene Insel voll Erinnerungen

Sinkt in des Meers, sinkt in des Herzens Tiefe.

B. v. Lepel.

Um 7 Uhr früh war ich auf. Es dunkelte noch, aber ein großes

Reisigfeuer gab überall hin Licht und Wärme. Um 9½ ging das Schiff.

Gepackt war. Auf dem unter Rasumofskys Händen rasch arrangirten Bett

lagen meine Habseligkeiten: der Hut, der Ueberzieher, die Reisedecke,

zuletzt der blaue Reisesack, der genau das Ansehen jener kattunenen

Hülse hatte, drin der Dorffiedler seine Violine auf die nächste

Kirchweih trägt. Unten am Bett lag Blanche. Sie hatte noch nicht

ausgeschlafen, reckte und streckte sich und sah halb neugierig, halb

mißgestimmt unsrem Treiben zu.

Es schlug 8, das letzte Frühmahl war genommen, Rasumofsky hatte seine

Erbschaft angetreten. Alles war sein. Vor den Sentimentalitäten des

Abschieds wurden wir durch immer neu eintreffende Besucher bewahrt, die

mir Grüße, Briefe, Bestellungen mit in die Heimath gaben. Einige

drangen in mich, einen großen Lärm wegen schlechter Behandlung der

Gefangenen zu machen, was ich aber ablehnte, ihnen nochmals

auseinandersetzend, sie möchten doch, um ihrer eigenen guten Laune

willen, von der Vorstellung ablassen: daß die französischen Gefangenen

in Deutschland ein glückliches und die deutschen Gefangenen in

Frankreich ein unglückliches Leben führten. Es würde sich wohl hüben

und drüben nicht viel nehmen. Gefangen sein, sei immer unangenehm.

Ergebung sei das Beste; an gutem Willen (wie sie zugeben mußten) fehle

es den Behörden nicht. Im Allgemeinen wurde dies gut aufgenommen. Nur

zwei vom 1. Garde-Ulanen-Regiment wollten nicht viel davon wissen. Sie

deuteten leise an: Du hast gut reden.

So kam 9 Uhr. Blanche hatte sich inzwischen erholt und drängte sich an

mir vorbei, ihre Flanken immer dichter an meinem Stiefel streifend;

Rasumofsky hatte die Decke über den linken Arm gehängt und den blauen

Sack in der Rechten harrte er des Zeichens zum Aufbruch. »Nun mit

Gott.« Auf der Thürschwelle wandte ich mich noch einmal und sah in das

Zimmer zurück, drin das Reisigfeuer eben verglühte. Ich warf, ohne

bestimmte Adresse, eine Kußhand hinein, eine Dankesbezeugung gegen den

≈genius loci≈, der es gut mit mir gemeint hatte. Dann treppab, über

Flur und Hof hin, wo noch wieder die Hände geschüttelt wurden, ging es

am Glacis und der Stadt-Enceinte entlang, auf das Hafen-Bollwerk zu, wo

die Dampfer anzulegen pflegten. Ich löste ein Billet; Rasumofsky legte

Decke und Sack auf einen Mühlstein, der Tisch und Stuhl zugleich

vorstellte. So standen wir einander gegenüber.

Ja, Rasumofsky, so geht es.

Ja, Herr Leutnant.

Nun, sei’n Sie vernünftig und kommen Sie bald nach.

Ach, Herr Leutnant (hier kam er mir näher ans Ohr), am liebsten brennt’

ich gleich mit durch.

Unsinn. Ewig kann es nicht dauern. Gott befohlen.

Es zwinkerte ihm etwas um die Augen; ich gab ihm die Hand; dann machte

er Kehrt und ging stramm auf Stadt und Citadelle zu. An höchster

Wegstelle winkte er noch einmal mit einem alten blauen Schnupftuch, das

nicht mehr recht flattern wollte. Dann bog er rechts ein und war mir

entschwunden.

Das Schiff war noch nicht da. Ich setzte mich auf den Mühlstein und gab

mich dem Zauber dieser Minute hin. Es war wie ein Vorschmack der

Freiheit. Hinter mir und zu meiner Rechten lag das Meer, nach links hin

dehnte sich die Insel, vor mir ein Schiffs-Etablissement, halb Werft,

halb Holzhof. Es nebelte leise und durch die stille, wasserreiche Luft

klang gedämpften Tones der schrille Ton mehrerer Sägen, die, ein Mann

oben, ein Mann unten, große Stämme in Bretter zerschnitten. Das ganze

Bild, so einfach es war, war eigenthümlich und einschmeichlerisch, und

dennoch empfand ich, das alles schon einmal gehabt zu haben. Ich sann

hin und her. Da hatt’ ich es. In Linlithgow, angesichts des Schlosses,

drin Maria Stuart geboren wurde, hatte all’ das schon einmal zu mir

gesprochen: derselbe Nebelmorgen, derselbe durchrümpelte Holzhof, vor

allem derselbe gedämpfte Ton auf- und abgehender Holzsägen. Wenn es

etwas geben konnte, den Zauber dieser Minute zu steigern, so war es

#diese# Erinnerung.

Der Dampfer hatte inzwischen angelegt. Ich war der einzige Passagier,

wenn zwei Pferde nicht mitzählen sollen, die, mit krausem Winterhaar

und klumpigen Füßen, wie heruntergekommene Anverwandte der schönen

Percheron-Raçe, auf dem dritten Platz des Schiffes untergebracht waren.

Mit Leichtigkeit löste sich der Dampfer vom Ufer, der Seewind strich

über Deck und ein leises Frösteln schüttelte mich. Aber ich konnte doch

von dieser Stelle nicht scheiden, ohne bis zuletzt eines freien

Umblicks genossen zu haben. Ich stellte mich also auf die Mitte der

Kajütentreppe und blickte von hier aus, die erhöhte Treppenwand als

Windschirm benutzend, nur den Kopf frei, in die Landschaft hinein. An

Büschen und Bojen hin, die das Fahrwasser bezeichneten, glitt der

Dampfer ruhig seine Straße, der Schleier über Oléron wurde dichter,

nichts als der Citadellthurm und rechts daneben das hohe Fanal ragten

noch wie Schattenbilder aus dem Grau hervor. Auf dem Schiffe herrschte

Stille; lautlos dirigirte der Matrose das Steuer, nur die Maschine

prustete, die Pferde stampften und die großen Holzschuhe des

Schiffsjungen klapperten über Deck.

Nun begann das Hohio und das Rufen in den Maschinenraum hinunter; die

Breitseite des Dampfers legte sich an den Quai.

Ich sprang ans Ufer. Festland unter den Füßen. Drüben auf Oléron

verschwanden die letzten Schatten im Nebel.

5. Rückreise.

Komm mit deinem Scheine

Süßes Engelbild.

M. v. Schenkendorf.

Am Ufer hielten Diligencen und Omnibusse, die bis Marennes und

Rochefort gingen; keins dieser großen Gefährte aber hatte Lust, einen

einzigen Passagier landeinwärts zu schaffen. Ich nahm also eine Art

Postkutsche, nicht billig, aber doch immer noch nicht so theuer, wie

wenn man in Mark Brandenburg von Buckow bis Werneuchen fährt, und

rollte bei immer heller werdendem Wetter, die Hauptstraße von Marennes

hindurch, in die dahinter gelegene Landschaft hinein. Ich erkannte all’

die alten Punkte wieder. Dies war das Wäldchen, wo der Marketender die

»Wacht am Rhein« angestimmt hatte; dies war die Wegebiegung, wo mein

Ziegenfell-Kutscher und ein Telegraphen-Beamter ihren großen Disput

begonnen und eine Viertelmeile lang die Worte wiederholt hatten: »≈vous

êtes un malhonnête« und »vous êtes un grossier≈«,[3] und dies endlich

war das Dorf und die Auberge, wo in das Gewirr der Stimmen und das

Geklapper der Kaffeetassen hinein die Schlagtriller der Kanarienvögel

erklungen waren. War jener Tag schön gewesen, so war dieser doch

schöner, trotz eines leisen Druckes, den ich nach wie vor auf dem

Herzen spürte.

Die französischen Kutscher fahren brillant; schon um 2 Uhr rasselte die

Kutsche über das Vorstadtpflaster von Rochefort. An dem alten

Stadtthor, in Nähe einer großen Esplanade, hielten wir.

Kriegsgefangen · 第 12 / 13 段