(Altenburger), dessen Namen ich vergessen habe, und Sergeant Genzel von
den 10. Ulanen. Der Gefreite war ein guter, umgänglicher Mensch, aber
doch ein wahres Kreuz für mich. Man urtheile selbst. Ich liebe die
Sachsen, bin dankbar für glückliche Tage und Jahre, die ich unter ihnen
verlebte und habe vor ihrer Energie, Zähigkeit und
#Durchschnittsgebildetheit# allen möglichen Respekt; aber in dieser
letztern Eigenschaft steckt doch auch wiederum ihr Schreckniß. Lebhaft
und intelligent von Natur, gut erzogen und von Jugend auf mit
Zeitungslektüre und Kannegießer-Weisheit vollgestopft, treten sie mit
der größten Ungenirtheit an all und jede Frage heran und wissen ganz
genau, daß Freiheit der Kirche vom Staat, oder Freiheit der Schule von
beiden, oder Confessionslosigkeit, oder Kindergärtnerei einzig und
allein noch die Menschheit retten können. Sie haben immer eine
≈Revalenta arabica≈ oder einen Hoffschen Malz-Bonbon ≈in petto≈, womit
alle Schäden der Gesellschaft kurirt werden können. Während es in
Norddeutschland, namentlich an den Küsten hin, immer noch eine
Bauernweisheit giebt, giebt es in Sachsen einen allgemeinen
Winkeladvokatenschnack, der nach unten hin imponirt, nach oben hin aber
nervös macht. Von diesem Schnack leistete auch mein 96er sein
vollgewogen Theil. Er hatte in dem Reisebündel eines später
eingetroffenen Gefangenen ein »Dresdener Journal« vom 27. September
gefunden und mit Hülfe dieses zwei Monate alten Zeitungsblattes
terrorisirte er seine Mitgefangenen und löste alle schwebenden Fragen.
— Desto brillanter war Sergeant Genzel. Er war ein Halberstädter, also
#auch# sehr gebildet, aber denn doch aus ganz anderem Holze
#geschnitten.
Schon physisch. Ein großer, schöner Mann, breitschultrig, bärtig, der
immer, um Hauptes Länge alle anderen überragend, wie ein Halbgott über
den Kasernenhof hinschritt. Als ich ihn das erste Mal bei mir sah,
sprach er wenig und erzählte nur, wie er gefangen nach Orleans
hineingeschleppt worden sei. »Man warf mit Steinen, man spie vor mir
aus, und #Damen#, #nicht# Weiber, stürzten auf mich los und hielten
ihre kleinen weißen Fäuste mir drohend ins Gesicht. Ich schritt ruhig
weiter, aber in mir dacht’ ich unwillkürlich an unsern unsterblichen
Schiller und sprach halblaut vor mich hin: #da werden Weiber zu
Hyänen#.« Dies Citat hatte er wie eine Visitenkarte bei mir abgegeben,
und ich wußte nun, woran ich war. Er war von der höhern Ordnung. — An
anderen Abenden, die jenem ersten Besuche folgten, kam er dazu, seine
Schicksale, seine Gefangennehmung und die Gefechte, die dieselbe
begleiteten oder ihr vorausgingen, ausführlicher zu erzählen. Er that
dies ganz wie ein vornehmer Mann und legte in allem was er vortrug den
Accent immer auf die #Gesinnung#, nicht auf die That. Das bloße
Todtschlagen imponirte ihm gar nicht, im Gegentheil, alles Massacre
verletzte nur sein ästhetisches Gefühl. Er hatte einen Einzelkampf mit
einem Turco gehabt, der in eine Schmiede retirirte und sich hier mit
außerordentlicher Bravour vertheidigte. Endlich packte ihn Genzel und
spaltete ihm den Nacken. Aber in seinem Vortrag ging er rasch drüber
hin. Er liebte es nicht, auch noch seine Erzählungen roth zu färben.
Wie unser Schicksal übrigens so oft an unsrer Gesinnung hängt, so auch
bei ihm; — sein chevalereskes Empfinden hatte ihn in Gefangenschaft
geführt. Ein junger Offizier des Regiments verlor in der Attacke sein
Pferd. Genzel, verbindlich wie immer, sprang aus dem Sattel und
präsentirte das seine. Ein Dank, und weiter ging es in den Feind. Aber
nach fünf Minuten schon riefen die Signale zurück; man war in
Kartätschfeuer hineingerathen; kehrt, rückwärts! und der mächtige
Genzel trabte nun zu Fuß nebenher. Endlich verließ ihn die Kraft; unter
einem Blutsturz brach er zusammen. Er hatte in jener Unglücksstunde wie
seine Freiheit so auch seine Stimme eingebüßt; er sprach heiser
seitdem. Man schleppte ihn nach Orleans hinein, Frauen insultirten ihn
(wie schon erzählt), endlich trat ein Elsässer Offizier an ihn heran
und rief ihm zu: »wißt Ihr, was wir jetzt mit Euch machen könnten?!«
»Mit mir machen?« schrie der empörte Genzel, »#gar nichts# könnt Ihr
mit mir machen; #todtschießen# könnt Ihr mich und dafür will ich Euch
noch dankbar sein. Geht erst hin und lernt wie man einen anständigen
Soldaten behandelt.« Das half. Solche Anreden halfen immer. Wer zu
reden verstand, war durch. Das Wort ist in Frankreich eine größere
Macht als bei uns.
Das #dritte# Paar, das Abends zum Thee kam, war Unteroffizier #Janeke#
von den Garde-Ulanen und Sergeant #Heglmaier# vom 6. oder 9.
Bayerischen Jäger-Bataillon. Doch bin ich der Zahl nicht sicher. Diese
waren ≈Inséparables≈ geworden, liebten sich schwärmerisch und machten
beständig Pläne, wie sie sich gegenseitig in München und Potsdam
besuchen würden. Janeke, persönlich äußerst bescheiden, hatte doch,
wenn er #Potsdam# nannte und seinem Freunde den großen Springbrunnen in
Aussicht stellte, ein ungeheures Gefühl von Superiorität, etwa wie wenn
er in der Lage wäre, den Vorhang von einer neuen Welt wegziehen zu
können. Heglmaier, ein oberbayrischer, rothblonder Mann, von besondrer
Gutmüthigkeit, ließ sich das alles gefallen. Er mochte denken: »der
Preuß ist fünfmal so stark als der Bayer, muß auch Berlin-Potsdam
fünfmal so schön sein als München.« Vielleicht aber dacht’ er auch gar
nichts, ja, ich halte dies für das Wahrscheinlichere. Er war nämlich
ein musikalisches Genie, und neben seiner Liebe zu Unteroffizier Janeke
füllten nur Virtuosenträume und Concertpassionen seine Seele aus. Ich
wurde durch eine feierliche Morgenvisite, die mir Janeke noch in den
letzten Tagen meiner Gefangenschaft machte, in diese Zustände seines
Freundes eingeweiht. Nach einer Vorrede hieß es: »ich sei mit dem
Kommandanten so gut wie befreundet; derselbe würde mir gewiß etwas zu
Gefallen thun. Heglmaier könne es nicht mehr aushalten; ich möchte also
den Antrag stellen, daß die #Insel Oléron nach einer Zither durchsucht
würde#. Heglmaier wolle dann ein Concert für die Verwundeten geben.«
So waren die Paare, die sich abwechselnd zum Thee bei mir versammelten.
Mit herzlichem Vergnügen denke ich an jene Stunden zurück. Sie gönnten
mir Einblick in das Leben unsres Volks, in seine Kraft und seine Güte.
[1] Unter den Gefangenen, auch schon in Besançon, befanden sich stets
sehr viele, die französisch sprachen. Dies hatte darin seinen Grund,
daß die Meisten weggefangene Patrouillen waren und daß zum Patrouillen-
und Recognoscirungs-Dienst, so lang es sich ermöglichte, immer
wenigstens
#ein# Französischsprechender genommen wurde.
9. Regentage.
Du strebst vergebens des Menschen
Schon entschiedenen Hang und seine Neigung zu wenden,
Aber bestärken kannst du ihn wohl in seiner Gesinnung.
Göthe. (Episteln.)
Sturm- und Regentage, und ihrer waren nicht wenige, unterbrachen den
gewöhnlichen Tagesgang und gehörten vorwiegend der Arbeit und der
#Lektüre#.
Der Lektüre! Unter gewöhnlichen Verhältnissen freilich hätt’ es
nothwendig schlecht damit stehen müssen, da ich nichts besaß als ein
kleines unterwegs aufgekauftes Eisenbahn-Coursbuch und eine drei Jahr
alte Nummer des Witzblattes »≈La Lune≈«, die ich in einem
Kommodenkasten leidlich wohlerhalten vorgefunden hatte. Der Leser mag
sich berechnen, wie weit das reichte. Es hätte aber keinen Kommandanten
aus Oléron geben müssen, wenn diese Verlegenheit eine dauernde hätte
sein sollen; — Capitain Forot hatte kaum von meinem Wunsche gehört, als
auch schon Rasumofsky erschien, um mir, mit Gruß und besten
Empfehlungen, drei Bücher zu überreichen, ein kleines, ein großes und
ein #sehr# großes.
Mit dem kleinen wollt’ es nicht gehen. Ich glaube, es hieß »eine Reise
ins Freie« und schilderte in unangenehm pointirter Sprache eine rasche
Reihenfolge von Coupé-Aventuren: auflodernde Leidenschaft (natürlich
immer von unwiderstehlicher Gewalt), intervenirende Gatten,
≈high-life≈-Duelle, todtgeschossene Grafen etc. Noch ehe ich bis Seite
100 gekommen war, warf ich das Zeug in die Ecke. Es war mir um einen
Grad #zu# Französisch.
Ich ging nun an das #große# Buch. Es war das »Memorial von St. Helena«,
das bekannte Tagebuch des Grafen Las Cases. Ich sage »bekannt«, aber
freilich wohl den meisten Menschen (wie mir selber) nur dem Namen nach.
Man muß gefangen sein, um dergleichen nachzuexerciren. Ich las mit dem
größten Interesse. Gleich die ersten Kapitel (die Einschiffung
Napoleons auf dem Bellerophon und die vorhergehenden Verhandlungen mit
dem englischen Capitain Maitland) versetzten mich genau in jene Insel-
und Städte-Gruppe, innerhalb deren ich mich jetzt befand; Einzelnes,
was ich auf den ersten Seiten dieses dritten Abschnitts über Oléron
gesagt habe, ist diesen Las Cases-Memoiren entnommen. Die Lektüre,
neben manchem anderen, hatte den besonderen Reiz für mich, daß sie in
einem gewissen, übrigens höchst pikanten Durcheinander des Stoffs, zu
einer Art General-Revue meines historischen Wissens wurde, zu einer
großen Repetition, bei der ich die Befriedigung hatte, leidlich gut zu
bestehen. Dieser Reiz steigerte sich noch dadurch, daß ich mich fähig
fühlte, mit Kritik zu lesen; selbst diesem #Quellen#buche gegenüber
glückte es mir, die Fehler, die Illusionen, die absichtlichen
Täuschungen zu erkennen. Nicht Frankreich hatte diesen 25jährigen
Riesenkampf verschuldet, sondern England. #Pitt# hatte diesen Brand
entzündet, halb aus nationalem Egoismus, halb aus
Legitimitäts-Donquixoterie. Das alles war so ruhig, so bestimmt gesagt,
durch Las Cases so überzeugungsvoll bestätigt, daß ich Tage lang in
meinem Innersten wie beunruhigt war. Ich mußte, während draußen Sturm
und Regen an die Fenster schlugen und Rasumofsky ein Scheit nach dem
andern auf den Herd legte, förmliche Kämpfe in mir durchmachen, hatte
aber die Freude, mit gestärkter Ueberzeugung zu meinen alten Fahnen
zurückkehren zu können. Das Nationalitätsprinzip hatte gegen den
Napoleonischen #Weltmonarchie#-Gedanken gestritten; — es wird noch auf
lange hin ein Ruhm Pitts bleiben, #jenes# siegreich vertheidigt zu
haben.
Meine eigentlichste Freude war aber doch das »#sehr# große Buch«, in
dem sich nicht eigentlich lesen, sondern nur naschen ließ. Es war in
reicher Schale das süßeste Dessert. Wenn mir Las Cases anfing etwas zu
substantiell zu werden, so schob ich dies ≈pièce de résistance≈ bei
Seite, um von dem Confektteller und seinen Knallbonbons zu nehmen.
Dieses »sehr große Buch« hieß Autographen-Album, war in rothen Maroquin
gebunden und enthielt, in Facsimiles, die handschriftlichen
Aufzeichnungen von mehr als tausend Personen, Celebritäten aus aller
Welt Enden, zu elf Zwölftel natürlich Franzosen. Deutsche fast gar
nicht. Ich gebe Einiges aus diesem Schatz. Die Personen, die jene
Aufzeichnungen gemacht, theilen sich, wie mir scheinen will, in sieben
Gruppen: die Historischen, die Ernsthaften, die Heiter-Graziösen, die
Falsch-Bescheidenen, die Bequemen, die Geistreichen und die bedenklich
Geistreichen.
#Die Historischen#. Den Reigen eröffnet hier Louis Napoleon selbst, mit
einem am 5. Dezember 1848 geschriebenen Briefe. Es heißt am Schlusse
desselben: ≈Lorsque une révolution est dans le vrai elle produit de
grands hommes et de grandes choses, lorsqu’elle est dans le faux elle
ne produit que #du bruit et des larmes#.≈ Das war drei Jahre vor dem
Staatsstreich. Was lag alles dazwischen! Ich mußte unwillkürlich auch
an die #jüngste# Phase französischer Entwicklung denken: ≈Lorsqu’elle
est dans le faux, elle ne produit que #du bruit et des larmes#≈. Neben
diesen Zeilen des Vaters befindet sich eine leicht hingeworfene
Federzeichnung Lulus: alte Troupiers, die auf Wache ziehen. Darunter in
schöner, fast schon ausgeschriebener Handschrift: Louis Napoleon.
Das nächste Blatt bringt Folgendes von der Hand des Bürgerkönigs:
≈J’abdique cette couronne que la voix nationale m’avait appelé à
porter, en faveur de mon petit-fils le Comte de Paris. Puisse-t-il
réussir dans la grande tâche qui lui échoit aujourd’hui. 24 Février
1848. #Louis Philippe#.≈ Dies »≈aujourd’hui≈«, 23 Jahre vertagt, ist
vielleicht
#heute#.
Unmittelbar darunter: ≈Soldati. Ciò che offro a quanti vogliono
seguirmi eccolo: fame, freddo, sole, non pane, non caserne, non
munizioni, ma avvisaglie continue, stenti, battaglie, marcie forzate e
fazioni alla bajonetta. Chi ama la patriami seguite. #Garibaldi#.≈ So
schrieb er 1849. Der Zauber auch #dieses# Namens ist verblaßt.
#Die Ernsthaften#. ≈La #modestie# est
une grande lumière, elle laisse l’esprit toujours
ouvert et le coeur toujours docile à
la vérité. #Guizot#.≈
≈#Le rationalisme#! c’est l’homme fait
Dieu à la place du Dieu fait homme. #Molé#.≈
≈Je ne puis refuser ma signature. Quant
à la prose et aux vers, n’y comptez pas.
J’adore Homère, Sophocle, Euripide, mais
les ingrats ne m’ont rien révélé. J. #Ingres#.≈
≈Sancta Maria, mater Dei, ora pro nobis
peccatoribus, nunc, et in hora mortis nostrae.
#Louis Veuillot#.≈
Dieser Anruf an die heilige Jungfrau ist mir in einem Autographen-Album
fast zu ernsthaft erschienen; das ostensive Karte-Abgeben als »Katholik
quand même« verstößt gegen den guten Geschmack.
Viel beweglicher als diese Worte aus der kirchlichen Welt wirken die
nachstehenden aus der Bühnenwelt. Das Profane schlägt das Heilige.
≈Lorsqu’on a mis le pied une fois dans
la fatale carrière du théâtre, il faut la parcourir
jusqu’au bout, épuiser ses joies et
ses douleurs, vider sa coupe et son calice,
boire son miel et sa bile; il faut finir comme
on a commencé, mourir comme on a vécu,≈
≈mourir comme est mort Molière, au bruit
des applaudissements, des sifflets et des
bravos! Mais lorsqu’il est encore temps de
ne pas prendre cette route, lorsqu’on n’a
pas franchi sa barrière, il faut n’y pas
entrer. Croyez-moi sur mon honneur,
croyez-moi. #Frédérick Lemaître#.≈
Hieran reihen sich noch zwei Aufzeichnungen Duclercs und Odilon
Barrots, in denen sich zugleich eine tiefe politische Verstimmung, ein
Haß gegen das kaiserliche Gouvernement ausspricht:
≈Les meilleurs gouvernements tombent,
mais — #les pires aussi#. #Duclerc#.≈
≈Silence, on nous écoute! l’an de grâce
1852. #Odilon Barrot#.≈
Das Album erschien Anfang der 60er Jahre, als das Kaiserthum auf der
Höhe seines Ansehens stand. Der Herausgeber hielt es deshalb für
nöthig, diesen Hohn Odilon Barrots mit einer spöttischen Bemerkung
seinerseits zu begleiten und fügte deshalb ziemlich witzig hinzu: »Mr.
Odilon Barrot ist bekanntlich der einzige #Odilon# in Frankreich, der
Herrn #Barrot# für ernsthaft nimmt.«
#Die Heiter-Graziösen#. In dieser Gruppe
habe ich nur #einen# Namen zu verzeichnen: Eugène Scribe. Auf den
verschiedensten Blättern des Albums fand ich seine Signatur; fast immer
waren es vierzeilige Verschen, immer Ausdrücke des liebenswürdigsten
Naturells.
≈#Sur un parapluie#.
Ami commode, ami nouveau
Qui, contre l’ordinaire usage,
Reste à l’écart, quand il fait beau,
Et se montre les jours d’orage!≈
Seiner in der Nähe von Paris erbauten Villa hatte er folgende, in
diesem Album von ihm wiedercitirte Inschrift gegeben:
≈Le théâtre a payé cet asyle champêtre,
Vous qui passez, merci! je vous le dois peut-être.≈
#Die Falsch-Bescheidenen#. Hier begegnen wir einigen Namen und
Berühmtheiten ersten Ranges:
≈Mon nom n’est point digne de figurer
dans un recueil. #V. Broglie#.≈
≈Ni le mien non plus. #George Sand#.≈
≈Ni le mien non plus. #Eugène Sue#.≈
Alle drei finden aber rasch ihre Verurtheilung. Gleich der folgende
(Viennet) schreibt unter die drei Bescheidenen: ≈O triple orgueil≈, und
Charles Filipon geht noch einen Schritt weiter und fügt hinzu:
≈Farceurs!≈
#Die Bequemen#. Die Gruppe dieser ist
sehr groß. Sie besteht zunächst aus solchen, die, kritiklos und
mittelmäßig beanlagt, sich keinen Augenblick geniren, den allergrößten
Gemeinplatz niederzuschreiben. Hier befindet sich denn auch der einzige
Deutsche, der gewürdigt worden ist, einen Platz in diesem Album
einzunehmen, #Johannes Ronge#. Er schrieb: #Saarbrücken#, den 8.
Februar 1863. Keine Verdammung, keine Ketzer mehr. Es giebt nur einen
Gott für alle Kirchen und alle Völker. Es ist nicht leicht möglich,
trivialer zu sein. Einem Franzosen gelingt es aber schließlich #doch#:
≈Aimons-nous les uns les autres. #Havin#.≈ Hoffen wir, daß diese Worte
wenigstens in Damengesellschaft geschrieben wurden.
≈L’esprit n’est jamaix vieux tant que le
coeur est jeune. #Paul Lacroix#.≈
≈La jeunesse n’a pas assez souffert pour
savoir consoler. #Legouvé#.≈
Zu dieser Gruppe der »Bequemen« gehören aber vor Allem auch diejenigen,
die (weil beständig in Autographen-Contribution genommen) ihren
bestimmten Album-Vers ein für allemal bei sich führen und jahraus
jahrein mit denselben Vierzeilen debütiren.
≈Au clair de la lune,
Mon ami Pierrot,
Prête-moi ta plume
Pour écrire un mot.≈
≈#Jules Sandeau#.≈
≈C’était, dans la nuit brune
Sur le clocher jauni,
La Lune
Comme un point sur un J.[2]≈
≈#Alfred de Musset#.≈
≈La cigale ayant chanté
Tout l’été
Se trouva fort dépourvue
Quand la bise fut venue.≈
#≈Jules Janin.≈#
Der Herausgeber fügt in Betreff dieser drei scherzhaft hinzu: »≈Se sont
donné le mot pour ne pas perdre de #copie#.≈«
Wir haben solche Album-Versler, die das »Copie-Recht nicht verlieren
wollen«, namentlich auch in Deutschland. Einfälle, Impromptus sind
nicht unsere starke Seite.
#Die Geistreichen#. Es hätte kein #französisches#
Album sein müssen, wenn diese Gruppe nicht am stärksten vertreten
gewesen wäre. Vieles war entzückend.
≈Je me résigne et je signe.≈
≈#Montalembert#.≈
≈Je ne sais quoi dire et j’en fais l’aveu.≈
≈A. #Thiers#.≈
≈Le goût est le sentiment prompt d’un
esprit bien fait.≈
≈Le Duc #de Noailles#.≈
≈L’esprit qu’on veut avoir, gâte celui
qu’on a.≈
≈Le prince #de la Moskowa#.≈
≈J’en fais moi-même en ce moment la
triste expérience.≈
≈#de Persigny.#≈
≈Ce n’est pas la fortune qui vient en
dormant, c’est le terme.≈
≈Emile Marco #de St. Hilaire.#≈
≈Les hommes se suivent et ne se ressemblent
pas.≈
≈#Carnot#≈ (Sohn des alten).
≈L’or est une chimère pour celui qui
n’a pas le Sou.≈
≈#Peupin#≈, Uhrmacher,
später Tresorier der Kaiserin.
≈Quelle est la femme qui ne fait pas ce
qu’elle dit? Celle qui jure de n’aimer jamais,
ou d’aimer toujours.≈
≈#Charles Briffault.#≈
Also etwa:
Welche Frau hält gewiß nicht, was sie verspricht? Die, die da schwört,
niemals zu lieben oder immer.
≈L’amour est comme l’opéra. On s’y
ennuie, mais on y retourne.≈
≈#Gustave Flaubert#.≈
(Verfasser von »Madame Bovary« und »Salambo«.)
≈Il est plus facile de #faire# ce qu’on
doit, que de le #payer#.≈
≈#Jacques Herz#, frère de Henri.≈
≈#Rêver#, c’est le bonheur; #attendre#
c’est la vie.≈
≈#Victor Hugo#.≈
Die Auswahl, die ich hier getroffen, ließe sich verzehnfachen. Nur sehr
selten überschlägt sich die Geistreichigkeit. Ein Schriftsteller
dritten Ranges schreibt einfach seinen Namen und fügt hinzu: ≈Mon nom
est assez≈. Noch weniger angenehm berühren die Worte der Rachel:
≈Oh, réclames!! Avis aux lecteurs. Je rentrerai à la comédie française
Samedi≈ ≈prochain par le rôle de Phèdre. Paris, 18. Novembre 1849.≈
Die Rachel, deren häßliche, vor #nichts# zurückschreckende Gewinnsucht
ein öffentliches Geheimniß war, durfte solchen Scherz nicht wagen.
Ich schließe mit den handschriftlichen Aufzeichnungen zweier Engländer:
≈All that I could say of my books, I have said in them.
#Charles Dickens#.≈ Wie liebenswürdig!
In derselben Gesellschaft befand sich auch der »Vater der Friedens- und
Manchester-Schule«. Aufgefordert, sich ebenfalls einzutragen, schrieb
er einfach:
≈Richard Cobden. Paris, 30. Auguste 1849.≈
Ganz charakteristisch. In allem der ≈Matter-of-fact≈-Mann!
[2] In #Freiligraths# vorzüglicher Uebersetzung, die fast das Original
schlägt:
Den Mond durch Nebel scheinen
Hoch überm Thurme sieh’,
Wie einen
Punkt über einem i!
10. Der Ueberfall von Ablis.
#Schleswiger Husaren und elf vom 11. Bayrischen
Regiment.#
Wir standen, keines Ueberfalls gewärtig,
Bei Neustadt schwach verschanzt in unsrem Lager,
Als gegen Abend, unser Vortrab fliehend
Ins Lager stürzte, rief, der Feind sei da.
(Wallenstein.)
Von 6 an war Plauderstunde. Dann kamen, wie schon in einem früheren
Kapitel erzählt, die Avantageure, Sergeanten und Unteroffiziere (meist
Cavalleristen), um, ein Glas Thee in der Hand und die Füße am Kamin,
die Tagesereignisse durchzusprechen: wer krank sei? wer gestorben sei?
ob es noch lange dauern werde? ob der Cantinier den Cours des
Papierthalers abermals um 5 Sgr. herabgedrückt habe? ob die angesagten
Oefen und Strohsäcke eine Wirklichkeit werden oder eine Mythe bleiben
würden? Es waren nicht gerade welterschütternde Fragen, die uns
beschäftigten und die an zweiten und dritten Abenden mit derselben
Hingebung behandelt wurden, wie am ersten; die Hauptunterhaltung
blieben aber doch die Kriegsabenteuer, namentlich die Momente der
#Gefangennehmung#, und aus der Fülle von Stoff, der damals vor mir
ausgeschüttet wurde, geb ich das Nachstehende.
Sergeant #Polzin# erzählt:
Unsere Division (Herzog Wilhelm von Mecklenburg) lag in Rambouillet.
Wir waren 5 Regimenter stark: Brandenburgsche Kürassiere, Fürstenwalder
Ulanen, Zieten-Husaren, — das waren die alten; dazu zwei neue: die 15.
Ulanen und die 16. Husaren, beides Schleswig-Holsteiner. Ich stand bei
den 16. Husaren, 3. Eskadron.
Am 7. Oktober Mittags wurden wir allarmirt und auf einer der nach
Chartres führenden Chausseen (nicht auf der Hauptstraße) bis zum Dorfe
#Ablis# vorgeschoben. Wir waren die äußerste Spitze. In Chartres stand
der Feind.
Es mochte 5 Uhr sein, als wir in Ablis einrückten; es dämmerte schon.
Wir suchten das Dorf ab, fanden nirgends Verdächtiges, besetzten die
nach Süden zu gelegenen Gehöfte und stellten Doppelposten an die vier
Ausgänge des Dorfes. Das sah sehr gut aus und konnte einen Rekruten
beruhigen, aber nicht einen Alten. Es war ein Fehler von Grund auf.
Unser Rittmeister behandelte uns wie Infanterie; wir waren aber nicht
hierher geschickt worden, um Schützen oder Jäger zu spielen. Wir waren
#Husaren#; wir mußten Spielraum haben. Statt dessen hatten wir
#Barrikaden#. Unsinn. Sie kamen uns später theuer genug zu stehen.
Um 9 Uhr — wir lagen schon bei unseren Pferden —rückte noch eine
Unterstützung für uns ein: 60 Mann vom 11. Bayrischen Regiment. Nun
sicherlich wär’ es an der Zeit gewesen, unsere Husaren wieder zu
Husaren zu machen und nach allen vier Seiten hin Vedetten zu stellen
und Recognoscirungspatrouillen auszuschicken; aber nichts von dem allen
geschah. Wir sollten als »Infanterie« zu Grunde gehen.
Eine halbe Stunde später nach Einrücken der Bayern schlief alles fest.
Ich allein wachte. Ich hatte in dem Gehöft, in dem wir lagen, den
ganzen Abend über ein Kommen und Gehen bemerkt, ein Tuscheln und
Flüstern und dann wieder ein rasches Abbrechen, wenn sie sich
beobachtet glaubten; — das ganze Nest war mir unheimlich vorgekommen;
es stand fest in mir, daß es was geben müsse. Bei jedem Geräusch
horcht’ ich auf; aber es war nichts. Ich hört’ es noch Mitternacht
schlagen; dann fiel ich in tiefen Schlaf wie die andern.
Es mochte 3 Uhr sein, als es an die Stallthür pochte; klick, klack. Ich
sprang auf und rief noch in halbem Schlaf: »gleich, gleich«; aber
während ich noch auf die Stallthüre zutappte, steigerte sich das
Klopfen so, daß es kein Klopfen sein konnte; klick, klack; wie wenn
Steine aufs Dach fallen. Jetzt wußt ich was los war; ’raus Kerls, wir
sind überfallen«.
In meinem Stall lagen 10 Mann. Wie ein Wetter waren sie auf; aller
Schlaf wie weggeblasen; Karabiner in Hand stürzten wir hinaus. Als wir
in die Dorfgasse traten, stand schon alles im Gefecht. Von rechts her,
aus der Mitte des Dorfs, wo die beiden Gassen sich schneiden, hörten
wir das Commando der Bayrischen Offiziere, von links her blitzten die
Karabinerschüsse der Unseren, oder leuchtete mitunter das Blau und Weiß
der Uniformen. Der Feind schien überall. Im Einverständniß mit den
Bewohnern drang er weniger durch die Eingänge des Dorfs, als durch die
Häuser und Gärten vor; aber noch war nicht alles verloren. Die Bayern,
ersichtlich, hielten Stand; ja, wir konnten hören, daß sie Terrain
gewannen. Wir riefen uns einander zu. Wenn wir jetzt als richtige
Husaren, unsere Pferde unterm Leibe, in die zerstreut kämpfenden Feinde
hineingefahren wären und in immer wiederholtem Auf- und Niederjagen die
beiden Dorfstraßen leer gefegt hätten, während die Bayern die vier
Eckhäuser am Kreuzungspunkt besetzt hielten, so wären wir vielleicht
durch gewesen. Aber die verd... Barrikaden! Keine 50 Schritt freie
Bewegung. Wir scheiterten, weil wir uns statt auf die Pferde, auf den
Karabiner verlassen mußten. Jeder kann nicht jedes.