die Vergangenheit stellen und übersehen wollte, daß dieselbe auch bis
in die Gegenwart hineinragt. Auch hier noch, unter den erschwerendsten
Umständen, »findet« er beständig, und zwar in echter Burschentreue
nicht für sich, sondern #mir# zu Liebe. Es tauchen Schuhbürsten,
Theelöffel, Lichtscheeren auf, deren Ursprung nachzuforschen ich
wohlweislich unterlasse; seine eigentlichste Begabung zeigt er aber im
Anfahren von Holz. Ich habe hierüber längere Unterredungen mit ihm
gehabt, in denen wir die feinsten Fragen berührt haben. Er hat mir
schließlich mit siegreicher Beredsamkeit auseinandergesetzt, daß mir
Holz geliefert werden #müsse#, daß eine bloße Verschwörung existire,
mich um täglich einen Franken zu bringen, und daß er die Verpflichtung
habe, diesen im Dunkel wühlenden Mächten entgegen zu arbeiten. Ich habe
endlich geschwiegen, was er als Zustimmung gedeutet hat. Seitdem
verfolgt er mit scharfem Auge jede morsche oder durchgetretene Diele,
das handbreite Loch durch einen raschen Griff um das Doppelte oder
Dreifache erweiternd; wer will in diesen dunklen Korridoren am Ende
nachweisen, ob der Schwamm oder die Ratten oder Rasumofsky dem ohnehin
immer geschäftigen Zahn der Zeit vorgegriffen haben? Die Asche im Kamin
ist schließlich stumm wie das Grab. Die Dielenausbeute verschwindet
aber neben dem, was die Fensterladen liefern. Rasumofsky hat nämlich
entdeckt, daß von den drei Querhölzern, die dem ganzen Fensterladenbau
erst Halt geben, mindestens eins entbehrt werden könne, und dies eine
(immer das schrägstehende, weil es das längste ist) ist dem Kamine
rettungslos verfallen. Wie die Laden selbst sich halten werden, wenn
erst die großen Stürme kommen, muß abgewartet werden. Vielleicht
erblüht uns aus ihrem völligen Zusammenbrechen eine neue Ernte.
Es geht ein leiser Zug von Incorrektheit durch unsern gesammten Wandel
hier, und so kann es nicht überraschen, daß in dem Verhältniß zwischen
Rasumofsky und mir manches blos auf den Schein gestellt ist. Eine
gesellschaftliche Lüge, wie so vieles andere! Dieser Schein tritt in
nichts so hervor wie in der Kleiderreinigungsfrage. Jeden Morgen, wenn
das Feuer angezündet und das Theewasser in die ersten Kohlen gestellt
ist, tritt Rasumofsky mit einer gewissen Adrettheit an mein Bett, um
von der Stuhllehne den Rock, den Ueberzieher, die Beinkleider zu nehmen
und damit im Flur, wo sich auch wirklich ein großer Kleiderriegel
befindet, zu verschwinden. In kürzester Zeit ist er wieder da, so daß
ich mich überzeugt halte, daß er der gesammten Kleiderdreiheit nur eine
frische Brise und den Anblick der Morgensonne gönnt. Mit komischer
Sorglichkeit breitet er, bei seinem Wiedererscheinen, die drei
Kleidungsstücke über dieselbe Lehne aus, von der er sie eben entführte.
Dies wiederholt sich jeden Tag. Ich war einen Augenblick geneigt,
dieser Komödie ein Ende zu machen, aber ich habe mich eines Besseren
besonnen. Es ist ganz gleichgültig hier, ob der Rock blank ist oder
nicht, aber das #Prinzip# muß gewahrt und die Verpflichtung immer neu
anerkannt werden. So hat denn das Schauspiel seinen Fortgang. Zwei
Stunden später ≈mutatis mutandis≈ erlebt es seine Wiederholung. Ich
werde dann gebeten, eine halbe Stunde spazieren zu gehen, um durch die
Zimmerreinigungs-Procedur nicht gestört zu werden. Aber auch hier kommt
es ausschließlich zu einer Lüftung; dann ziehe ich in die alten lieben
Räume wieder ein. Die Ordnung der Dinge ist inzwischen durch keine
übergeschäftige Hand gestört worden.
Wir leben gut, einträchtig, friedfertig mit einander, ich theile meine
Neuigkeiten und meine Mahlzeiten mit ihm, und mein Cognac-Conto bei Mr.
Vimenet, dem kleinen freundlichen Kaufmann in der Stadt, wird lediglich
ihm zu Liebe mit immer neuen Francs beschwert; aber all dies hat ihn
doch nicht veranlassen können, mir eine angemessene #Rang#stufe
anzuweisen. Er nennt mich »Herr Leutnant«. »Gleich, Herr Leutnant«, »zu
Befehl, Herr Leutnant«, damit muß ich mich begnügen. Meine Jugend kann
es nicht sein, die ihn hindert, mich avanciren zu lassen, ja er macht
nach #dieser# Seite hin völlig entgegengesetzte Bemerkungen, die auch
wieder weit über das Wünschenswerthe hinausgehen; es muß also irgend wo
anders fehlen. Ich habe dieser Thatsache gegenüber den einzigen,
leidigen Trost, daß sich alle Dinge im Leben nach einem
Ausgleichungsprinzip reguliren, und daß ich, vom Feinde ohne Verdienst
und Würdigkeit zum ≈Officier supérieur≈ ernannt, in dieser Degradirung
sich nur ein Gesetz ewiger Gerechtigkeit vollziehen sehe.
In unsern politischen Anschauungen sind wir einig. Sie finden immer
wieder in dem Satze Ausdruck, daß der Friede unterzeichnet werden
müsse, damit wir Weihnachten zu Hause sind. Ob dabei Straßburg und Metz
wieder an Deutschland kommen, oder nur eins von beiden, hat uns noch
nicht lebhaft beschäftigt, am wenigsten entzweit. Ich habe ihn in
Verdacht, daß er eine mehr als ruhige Position zu dieser Frage
einnimmt.
Sei’s drum. Das »Weihnachten zu Hause« steht wohl noch manchem
Gefangenen und Nichtgefangenen im Vordergrund. Die diesen Egoismus
abgethan haben und in großem Empfinden über sich selbst hinauswachsen,
#ihre# Zahl ist klein.
Warum sollte Rasumofsky unter diesen Wenigen sein!
5. Blanche.
Jung,
Auf dem Sprung,
Nicht bös,
Graziös.
Auch ein weibliches Wesen ist um mich her, das in meinem Haushalt die
Ergänzung zu Rasumofsky bildet. Es ist, um mich in Rückertschen
Anklängen zu bewegen, eine feine Reine, schlanke Kleine, die ich mit
Rücksicht auf ihre Erscheinung #Blanche# getauft habe. Sie ist ganz
weiß und nur auf der Stirne, als Zeichen edelster Abstammung, hat sie
einen braunen und schwarzen Tigerstreifen. Sie ist noch ganz Kind, ganz
unbefangen, faßt das Leben von der heiteren und Vergnügungs-Seite auf
und betrachtet sich selbst als bloßes Ornament des Daseins. Sie kennt
keine andere Pflicht als die, sich zu putzen und sich streicheln zu
lassen; sie könnte nach allem eine Engländerin sein. Nur ihrer Grazie
nach ist sie Französin.
Ich engagirte sie zunächst aus bloßen Nützlichkeitsrücksichten und
erwartete von ihr, wie jetzt das Modewort lautet, einen »≈guerre
d’extermination≈« gegen den Erbfeind; aber niemals ist eine Erwartung
gründlicher getäuscht worden. Sie scheint kaum zu wissen, daß es Feinde
giebt, geschweige Erbfeinde; sie führt ihren Exterminations-Krieg gegen
Gardinenkanten, gegen alles, was Puschel oder Quaste heißt; über Nacht
aber, wenn der Feind seine Vorposten schickt, horcht sie auf, spinnt
dann einen Augenblick vergnüglich und schläft wieder ein. Dennoch —
dies Anerkenntniß bin ich ihr schuldig — übt sie einen gewissen
Einfluß, aber freilich ohne die geringste Ahnung davon; sie wirkt wie
das #Bild# des Tigers, das die Chinesen, zum Schrecken für den Feind,
an die Außenwand des Hauses stellen.
Sie ist ganz Spielzeug und ich habe es längst aufgegeben, Ernsteres von
ihr zu erwarten. Es liegt nicht in ihr. Sie ist mir Schauspiel,
Augenweide, Circus-Schönheit, im Hoch- und Weitsprung gleich
ausgezeichnet, und den Tag über an der Klingelschnur zu Hause. Sie
behandelt dieselbe als Trapez, was sie ungehindert kann, da die
betreffende, aus Bast geflochtene Corde, das Schicksal der meisten
ihrer Schwestern theilt, eine bloße höchst fragwürdige Stubendekoration
zu sein.
Blanche, wie gesagt, ist die Ergänzung zu Rasumofsky; was jener meinem
Geiste ist, ist diese meinen Sinnen. Wenn ich mit dem erstern, in jener
Simplicität, die alles Große begleitet, die Tagesangelegenheiten
behandle, also in rascher Reihenfolge die Fragen stelle: Wie ist das
Wetter? Was macht Paris? Nichts von Frieden? — so gehört mein #Auge#
ganz der kleinen Weißen, die wie ein alabasterner Briefbeschwerer auf
meinem Schreibtisch neben mir liegt. Nun erhebt sie sich, um zwischen
Uhr, Theetasse und Dintenfaß jene Spaziergänge auszuführen, die eben
nur jenem Geschlechte möglich sind, dem Blanche angehört. Werde ich
endlich ungeduldig, so weiß sie diese Ungeduld zu sänftigen. Der Tisch
hat einen Aufsatz von sechs Fächern, jedes nur so groß, um eine Hand
hineinzulegen. In alle sechs Fächer duckt sie sich der Reihe nach
hinein und blickt mich aus dieser Umrahmung schelmisch an. Das sind die
letzten Mittel, denen nicht zu widerstehen ist.
Um 8 Uhr, nachdem wir unsern Thee genommen, für den sie eine
distinguirte Vorliebe zeigt, gehen wir zu Bett; sie ist aber noch nicht
müde und unterhält mich eine Viertelstunde lang durch die wunderbarsten
Capriolen. Um halb neun endlich, wo abwechselnd ein Trompeter von den
Schleswiger Husaren und den Garde-Ulanen auf den Kasernenhof tritt, um
die preußischen Cavallerie-Signale zu blasen, wird Blanche stiller und
schiebt sich, wie zu einer letzten Liebkosung, an meinen Hals zwischen
Kopf und Schulter. So vergehen Minuten. Eine Viertelstunde später tritt
aus dem Kasernenflügel gegenüber ein #französischer# Trompeter auf den
Hof hinaus und antwortet dem Preußen oder besiegelt den Appell.
Nun weiß Blanche, daß es Zeit ist. Sie erhebt sich summend und spinnend
und legt sich am Fußende des Bettes auf die vierfach zusammengefaltete
Reisedecke.
Das Feuer im Kamin erlischt. So schlafen wir bis die Reveille uns
weckt.
6. ≈Le Rempart.≈
Schon geht es, buntgeschuppt, in seiner Pracht einher;
Dem Goldfisch ist es gleich, dem blitzenden, das #Meer#.
Freiligrath.
Um 8 Uhr früh, oder wenig später, trat ich allmorgendlich auf den
Wallgang (»≈le Rempart≈«) hinaus, der sich auf dem 15 Schritt breiten
Terrain zwischen meiner Kaserne und dem Meere hinzog. Zehn Schritt von
diesen 15 gehörten einem langen, in zahllose Beete getheilten
Gartenstreifen an; auf dem 5 Schritt breiten Rest erhob sich der
»≈Rempart≈« selber. Dieser war nicht ein gewöhnlicher zugeschrägter
Wall mit Grasdossirung und einem Fußsteig oben, sondern ein aus
senkrechten Quadern aufgeführtes Mauerwerk, das, wahrscheinlich noch
aus der Vauban-Zeit stammend, mit Steinbrüstung und ausbuchtenden
Banknischen zwischen zwei Bastionen hinlief. Die Entfernung zwischen
diesen, also die ganze Länge des ≈Rempart≈, betrug 150 Schritt. Das
Bewegungs-Minimum, das ich mir Tag für Tag zum Gesetz gemacht hatte,
bestand in einem zehnmaligen auf und ab, wodurch ich es auf 3000
Schritt brachte. Um nicht immer zählen zu müssen, hatte ich mir an
einem Ende des Ganges zehn weiße Steinchen auf die Brüstung gelegt, von
denen ich jedesmal eines zu mir steckte, bis ich durch war.
Diese Morgenspazierzüge, denen ich, bei schönem Wetter, noch eine kurze
Mittags- oder Nachmittags-Promenade folgen ließ, waren meine besondere
Freude, und ich darf sagen, die schönsten und poetischsten Stunden
meiner Oléron-Tage auf diesem prächtigen ≈Rempart≈ zugebracht zu haben.
Je nach der Stunde, zu der ich heraustrat, fand ich Fluth oder Ebbe,
begrüßte ich das steigende oder das schwindende Meer. War Ebbe, so lag
der Wasserarm, der unsere Insel vom Festlande trennte, zur Hälfte wie
eine Sandbank da; die Boote und Luggerschiffe standen wie Spielzeug auf
dem von Rinnen und Wasserlachen durchzogenen Schlick; über diese
Schlickfläche hin aber, die Rinnen und Tümpel mit allerhand Bretterwerk
überbrückend, schritten die Schiffer und Schifferfrauen, ihren Fang
heimtragend oder zu neuem Fange sich rüstend. Mehr dem Ufer zu,
unmittelbar zu Füßen des Rempart, trieben die hochbeinigen Strandläufer
ihr possirliches Spiel; mit weißer Brust und schwarzen Flügeln,
trippelnd, pfeifend und nahrungsuchend, liefen sie heerdenweise über
den lehmigen Grund hin.
Das war ein eigenthümliches Bild; aber groß und erhebend war es, wenn
nun die Fluth unhörbar herankam, immer wachsend, immer steigend, bis
die erste leise Brandungswelle das Mauerwerk des vorspringenden
Bastions und eine Minute später den Quadernfuß des zurückgelegenen
≈Rempart≈ traf. War nun ein grauer Tag, oder kämpften noch die
Morgennebel mit dem Licht, so zeigte das Meer, das in beständigem
Kommen und Gehen den Schlick aufrührte, eine gelbe, wenig anmuthende
Farbe, und die #Schönheit# des Bildes begann erst #jenseit# der
Wasserfläche, dort wo das Ufer drüben in leiser Windung einen Kranz von
Dünen und Dörfern und eingestreuten Kirchen flocht; zog aber die Sonne
siegreich herauf, so begannen nun jene Licht- und Farbenwunder, wie sie
nur der kennt, der von Stunde zu Stunde dem kaleidoskopischen Spiel des
Meeres und dem Beleuchtungswechsel seiner Ufer folgt.
Die Landschaft drüben, graublau am Morgen, schimmerte Mittags wie in
Gold, bis sie bei untergehender Sonne tief in Roth sich tauchte; das
Meer selber aber, in noch rascherem Changiren, lief alle Töne der
Farbenskala durch, wenn diese Töne nicht gar (wie auch wohl geschah)
regenbogenartig #nebeneinander# lagen; chamoisfarben, grasgrün,
tiefdunkelblau glitzerte dann, wie eine Schlange, die leis sich hebende
Fluth.
Nicht müde wurde ich dieser Farben und Bilder, und selbst an
Regentagen, die auch ihren Zauber hatten, versuchte ich es, auf kurze
Minuten hin, an dieser bevorzugten Stelle auszuhalten; nur die
#Sturmtage#, an denen im Monat November nicht eben Mangel war, fegten
mich gewaltsam vom ≈Rempart≈ hinunter, und zwangen mich, meinen
Morgenspaziergang unten auf dem zehn Schritt breiten Gartenstreifen zu
machen. Der Sturm heulte dann über mich hin. Aber auch sein bloßes
Drüberhingehen reichte schon aus, alles was hier unten noch grünte,
erzittern zu machen. Die letzte Malve, losgerissen vom Stock, schwankte
hin und her, die gelbe Studentenblume duckte sich noch ängstlicher
unter die in Samen geschossenen Salatstauden als an andern Tagen, und
der zarte Duft verspäteter Levkojen verflog unbeachtet in der
vibrirenden, oft wie vom Donner durchrollten Luft. Die Blumen lebten
hier Tag um Tag wie Gefangene, aber wenn der Sturm über sie hinfuhr,
waren sie vollends wie niedergetreten.
Ein Gefangener ist empfindlich gegen solche Eindrücke. Sie los zu
werden, trat ich dann über die Treppenstufen rasch auf den Rempart
hinaus. Es wetterte; ich hielt den Hut mit beiden Händen, und der
Gischt sprang bis über die Brüstung. Aber ich athmete auf und sah nach
Osten hin, wo mir die Heimath lag und die Freiheit.
7. Mittag.
Ein Schornstein raucht, der Wind steht her,
Ein warmes Dach, was braucht man mehr!
Mittag.
Scherenberg.
Der Vormittag, der dem Morgenspaziergang folgte, gehörte der Arbeit.
Himmlische Ruhe! Wie leicht, wie behaglich es aus der Feder floß! So
kam Mittag heran.
Um 12 Uhr präcis klopfte es, und auf mein nach Gutdünken abgegebenes
»≈Entrez≈« oder »Herein«, erschien Madame la Cantinière, eine
freundliche, bleichsüchtige Frau, die nach unendlichen Knixen und
Begrüßungen und unter einem Schwall von Redensarten, aus denen ich mir
nur die Stichworte aussuchte, meine Hauptmahlzeit servirte. Diese
führte abwechselnd den Namen Dejeuner oder Diner, ohne daß die
wechselnde Bezeichnung den geringsten Einfluß auf die Sache selbst
geübt hätte. Ein Tisch existirte nicht; der Schreibtisch war
sakrosankt; so blieb denn nur die Kommode, die zum Zeichen ihrer
Doppelbestimmung, und so zu sagen als »Tischtuch in Permanenz«, eine
auseinandergefaltete Serviette trug. Einen Wechsel derselben hab ich
nicht erlebt. Auf diese Unterlage nun stellte Madame la Cantinière das
zusammengeklappte Tellerpaar, das wie eine große Muschel aussah, aber
in der Regel einen Kern barg, der, seinem ganzen Gefüge nach, alles
andere eher war als eine Molluske. An vier Tagen von fünf war es ein
Stück in die Pfanne geworfenes Rinderfleisch, ein Rundstück, mit
gedörrten Kartoffeln und Seesalz garnirt, an das ich nun ≈coûte qu’il
coûte≈ heran mußte. Ich zwang es auch in der Regel, wiewohl ich sagen
muß, daß es für das, was man mit funfzig Jahren von Zähnen noch übrig
hat, eine Schule und eine Prüfung war. Die genaue Vertheilung von einem
Korn Seesalz auf je ein Stück Kartoffel, etwa wie ein Conditor die
Törtchen mit Kirsche oder Pistazie belegt, gewährte mir dabei eine
kleine Unterhaltung. Ich machte es sorglich und gewissenhaft, das
jedesmalige Größenverhältniß wohl abwägend. Dazu trank ich Landwein,
der einen unglaublich schönen Namen hatte, aber nach dumpfem Faß
schmeckte und dem ich durch Zucker und Wasser aufzuhelfen suchte.
Was die Arrangements angeht, so darf ich wohl hinzusetzen, daß ich
meine Mahlzeit nothgedrungen im Stehen einnahm, da die Kommodenkästen
keinen Stuhl gestatteten und daß ich (man erhält in gewöhnlichen
Lokalen immer nur eine #Gabel#) dies unvollkommene Besteck durch ein in
Besançon erobertes Klappmesser vervollständigte, dessen Klinge sich wie
Blech bog. Wie man es stellte, so stand es.
Dies alles war die gebrechliche Seite des Diners, aber das Dessert
brachte alles wieder ins Reine. Ich schälte sorglich, nachdem das
Klappmesser in der Kaminasche einen Läuterungsprozeß durchgemacht
hatte, eine große Goldreinette, und begann nun, Scheibe auf Scheibe,
mit immer erneuter Freudigkeit zu genießen, während Blanche mit den
Schalen spielte und neben mir bereits das Wasser brodelte, das 10
Minuten später braun und duftig in das von dem Landwein desinfizirte
Glas floß. Im Schlurfen des geliebten Trankes vergaß ich vieles, und
vieles stieg lächelnd und grüßend herauf.
Die gebauchte Blechkanne aber, von einfach sinnreicher Construktion,
aus der mir so viele freundliche Minuten erblühten, ich habe sie als
Erinnerungsstück mit heimgenommen.
8. Theestunde.
Den Erzähler indessen umwimmelt es, übers Knie
Beide Hände gefaltet in horchender Wißbegier;
Roland singt er, er singt das gefabelte Schwert Rinalds.
Platen. (Bilder Neapels.)
Von sechs bis acht war Theestunde und — Empfang. Man wußte das
schließlich in der ganzen Kaserne und so hatt’ ich denn meist um diese
Zeit Besuch. Mitunter drängte es sich, und in diesem Falle war es
nichts Kleines, mit drei Gläsern und einer Zuckerdüte das leibliche,
und mit Hülfe einer Unterhaltung, die vom Hundertsten aufs Tausendste
sprang, das geistige Bedürfniß der Gäste zu bestreiten. Aber dies alles
geschah doch im Ganzen nur selten, so selten, daß ich beinah glaube, es
unterblieb aus Rücksicht, und sobald Neu-Ankommende merkten »es ist
schon Besuch da«, kehrten sie einfach um.
In der Regel kam man zu zweien, so daß wir uns zu Dritt an den Kamin
setzen konnten; Rasumofsky als dienender Bruder im Hintergrunde. Das
Hauptpaar waren zwei Einjährige, ein Bayerscher Chevauxlegers, Graf A.,
und ein Frankfurter Dragoner, eines Großweinhändlers Sohn. Sie waren
sehr verschieden, aber jeder angenehm und tüchtig in seiner Art. Der
Dragoner, ein stattlicher Rheinfranke, hatte das Breite, Männliche des
ganzen Stammes; jener, der Chevauxlegers, war heiter, liebenswürdig,
und vor allem ganz blond, was mich bei seinem italienischen Namen und
seiner italienischen Mutter immer am meisten verwunderte. Beide
sprachen vollkommen französisch[1] und hatten, wie die sprachliche
Fähigkeit, so auch den moralischen Muth, jederzeit für die Interessen
ihrer Mitgefangenen einzutreten. Das machte sie natürlich beliebt. Bei
dem jungen Grafen kam noch hinzu, daß er keine Spur von Standesdünkel
zeigte; er half, unterstützte, interpretirte, aber in allem Uebrigen
war er einfacher Reitersmann, wie jeder andere. Es waren sehr
liebenswürdige junge Männer, fein, rücksichtsvoll, unterrichtet, aber
eines werden sie mir nicht übel nehmen: sie waren keine brillanten
Unterhalter, so daß ich mitunter einen schweren Stand hatte. Die
Conversation begann immer mit den Tagesfragen, die theils ihrer
Einfachheit, theils ihrer geringen Zahl halber, schnell erledigt waren.
Der Mensch wird in solchen Zeiten auf einen gewissen Naturstandpunkt
herabgedrückt; aller Luxus fällt ab; es handelt sich für Vornehm und
Gering um dieselben Dinge, und so nimmt auch die Unterhaltung
entsprechende Formen an. Es war kein Unterschied, ob ich mit Rasumofsky
oder mit diesen beiden feingebildeten Herren sprach; es wurden
dieselben Fragen gestellt, dieselben Bedenken, Klagen und Hoffnungen
laut. Es ist begreiflich, daß ein solches Fünf-Minuten-Material für
anderthalb Stunden nicht ausreichte, die Rede stockte, und da ich kein
Freund der »Ausschweige-Soiréen« bin, so fiel mir, wie schon
angedeutet, die nicht leichte Aufgabe zu, wie für den Thee so auch für
den Unterhaltungsstoff zu sorgen. Alle meine alten Steckenpferde mußten
aus dem Stall und nie hab ich in Völkerpsychologie und vergleichender
Stamm- und Racenforschung so geschwelgt, als an meinem Kamine in
Oléron. Wenn ich dann über die Weltherrschafts-Qualität der
germanischen Race, über die Nicht-Gefahr des Panslavismus, über die
Wellenbewegungen im Volksleben, über die eigentlichen und
uneigentlichen Demokratien meine freien Vorträge gehalten und der Graf
(darin ganz Graf) mit völligster Ungenirtheit sich ausgegähnt hatte,
zogen sich gegen acht die beiden Herren zurück und ließen mich mit
Rasumofsky und eine halbe Stunde später mit Blanche allein.
Diese zwei Volontairs waren die Aristokratie der Gesellschaft. Es kamen
aber auch andre, gewöhnlich paarweise, ein Preuße und ein Bayer; immer
beste Freunde.
Das #erste# Paar war Sergeant Polzin von den Schleswigschen Husaren und
Unteroffizier Vollnhals vom 11. bayrischen Regiment. Sie hatten den
Ueberfall von Ablis gemeinschaftlich durchgemacht und sich bei jener
Gelegenheit bewährt und gefunden. Es waren ein paar Typen Norddeutscher
und Süddeutscher Soldatenschaft. Polzin, wie schon sein Name angiebt,
ganz Pommer, stammte im dritten oder vierten Gliede aus einer
Sergeanten-, Gensdarmen- und Steueraufseher-Familie (auch eine Art
Adel), soldatisches Vollblut nach Abstammung und Trainirung. Wie so
viele Kinder solcher Beamten war er in #Annaburg# erzogen. Das sind die
Plätze, die, wie sie aus einer Eigenart heraus entstanden, nun diese
Eigenart auch weiter fortbilden. »Scharf aber jut«, dahin faßte Polzin
selber sein Urtheil über diese Militair-Erziehungsanstalt zusammen. Mit
Vorliebe sprach er vom Jahre 48, wo er, damals zehn Jahre alt, jedesmal
mit dem Gefühl auf Wache gezogen sei, daß sich die ganze Demokratie der
Nachbarschaft an seiner kleinen Bajonettspitze brechen werde. Seitdem
waren viele Jahre ins Land gegangen; er hatte Provinzen und Armeecorps
gewechselt; jetzt stand er in #Schleswig#. Er war stolz auf sein
Regiment, aber doch noch stolzer auf #Preußen#. »Diese Schleswiger — so
sagte er wohl, wenn er ans Fenster trat, und unten seine eignen
stattlichen Leute in hellblau und weiß über den Kasernenhof
hinschreiten sah — diese Schleswiger, sehen Sie, ein richtiger Preuße
is in solchen Kerl nicht ’reinzukriegen; nichts Adrettes, Strammes.
Aber das muß wahr sein, tapfer sind sie; sie stehen wie die Mauern. So
recht Kerle auf die man sich verlassen kann. Sie halten aus bis
zuletzt.« Uebrigens hielt sich Polzin, auch darin alt-preußischen
Traditionen huldigend, nur selten mit
#Thee# auf. Die Theestunde war für ihn ein bloßer Name. — Aus ganz
andrem Holze war Unteroffizier Vollnhals. Diese Bayern, wenn man sie zu
nehmen versteht und ihren kleinen Schwächen etwas nachsieht, vor allem
sich nicht über sie erheben will, sind überhaupt entzückend. Von ihrem
Muth red’ ich nicht erst. Er ist auch in diesem Kriege wieder
sprüchwörtlich geworden. Neben diesem Muthe aber haben sie noch etwas
Naives, das den Verkehr mit ihnen sehr angenehm macht. Sie haben alle
etwas Männliches, individuell Freiheitliches, und sind auf jede Gefahr
hin widerstandsbereit, wenn man das Letzte in ihnen herausfordert; aber
#bis dahin# sind sie wie die Kinder und haben vor jeder Potenz des
Lebens, es sei Amt, Wissen, Vermögen, einen ungeheuchelten Respekt.
Dies alles trat auch bei meinem Vollnhals hervor. Er wußte recht gut,
daß er sich bei Ablis wie ein Held geschlagen hatte und erzählte mir
lächelnd, daß die französischen Offiziere sich unter einander
angestoßen und sich zugeflüstert hätten »das ist er«, aber bei allem
Heldenthum und aller naiven Freude darüber, war er bescheiden und
dankbar für jeden Beweis von Aufmerksamkeit.