hat es aber doch ermöglicht, in diesen »Marais« eine eigene Industrie
groß zu ziehen, die nicht nur vielfach die Bevölkerung nährt, sondern
auch landschaftlich diesen Gegenden einen besondern Stempel aufdrückt.
Das ist die Seesalzfabrikation. In große flache Teiche wird, mit Hülfe
der Fluth wenn ich nicht irre, das Seewasser geleitet und durch den
einfachen Prozeß der Verdunstung auf Seesalz hin bearbeitet. Mit großen
Krücken, den »≈râbles≈«, werden die Krystalle herausgefischt und dann
in daneben befindlichen, meist backofenartigen Strohhütten aufbewahrt.
Auf Meilen hin sieht das Auge nichts wie Wiesen, Teiche und
Strohdächer. Sehr monoton, aber sehr eigenthümlich.
Nach abermals anderthalb Stunden erreichten wir eine scharfe Biegung
der Chaussee, die Straße begann ein wenig zu steigen und der Thurm von
Marennes, eine hohe gothische Spitze, wurde sichtbar. Wir hatten von
dieser Wegebiegung aus nur noch eine gute halbe Stunde; das belebte
wieder. Die etwas aus Schritt und Tritt gekommene Colonne ordnete sich,
die Gensdarmen, die sich nach deutschen Kommandos erkundigt hatten,
kommandirten unter Lachen: »links, rechts, links, rechts«, und von der
Front her erscholl jetzt der Ruf: #singen#. Ich drehte mich um und
nickte ihnen zu, wurde aber in demselben Augenblick von dem bangen
Gedanken erfaßt: was wird es jetzt geben? was wird gesungen werden?
Richtig, die Wahl überstieg noch meine kühnsten Erwartungen; ein
Badenser intonirte: »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten«, und die
Matrosen fielen sofort heiser und wehmuthsvoll ein: »daß ich so traurig
bin«. Sie waren aber alles andere eher wie traurig; namentlich der
eine, ein bildhübscher Kerl, der unserem Steffeck in seinen besten
Tagen wie ein Zwillingsbruder ähnlich sah, hatte in St. Agnair dem
»≈vin blanc≈« erheblich zugesprochen und hin und her wankend machte er
jetzt allerdings den Eindruck einer gewissen Auflösung, aber nicht in
Schmerz.
Endlich war man mit allen Versen durch, eine kleine Räusperungspause
trat ein, die uns bis auf 1000 Schritt an die im Mittagslichte hell
daliegende Stadt führte. Ein Wäldchen, Birken und Eichen, eine sauber
gehaltene »Plantage«, lag uns bereits zur Rechten und schon begannen
einzelne Spaziergänger sich unserem Zuge anzuschließen. Das gab neuen
Künstlermuth, und siehe da, ein alter anhaltiner Marketender, der beim
Butteraufkauf in der Nähe von Laon von Franctireurs gefangen genommen
worden war, kommandirte jetzt mitten aus der Colonne heraus: »Die Wacht
am Rhein.« Ich mußte laut auflachen. Eine auf die größte Dummheit
gesetzte Prämie hätte keine bessere Wahl zu Stande bringen können. Die
Colonne war aber so unkritisch wie möglich; ein halbes Dutzend Stimmen
unterstützten die Forderung, und unter der in jeder Strophe auf’s Neue
abgegebenen Versicherung, daß »lieb Vaterland ruhig sein könne«, zogen
wir, hundert Meilen westwärts des Rheins, als #Kriegsgefangene# in
Marennes ein. Die halbe Stadt hatte sich schon vorher uns zugesellt. Es
war, wie wenn die Puppenspieler irgendwo einziehen. Ich als Direktor.
Mein Alter mit der Ziegenfell-Pellerine sah aus wie der Zauberer der
Gesellschaft. Unzweifelhaft erstes Mitglied.
Das Gefängniß nahm uns auf; Besuche kamen, wir waren weit mehr eine
Sehenswürdigkeit, als wie Feinde. Der Souspräfekt begrüßte mich; ein
feiner, blaß und kränklich aussehender Herr, der mich lebhaft an Mr.
Cialandri, den Souspräfekten in Neufchateau, erinnerte. Was lag alles
dazwischen! Tod und Leben.
Wir hatten ziemlich freie Bewegung, jede kleine Annehmlichkeit wurde
gewährt, freilich für Summen, die an’s Lächerliche grenzten. Ich
bezahlte ein Hammelcotelett wie ein Diner bei Very. Gegen Abend
erschienen der Maire und sein erster Secretair in meiner Zelle. Es kam
Licht; die beiden Herren nahmen auf einer Bank Platz, ich auf dem
Bettrand; so plauderten wir. Sie waren, als #Schäfer verkleidet#, bei
Sedan von den Preußen gefangen genommen worden und hatten beide auf dem
Punkte gestanden, ihre Schlachten-Amateurschaft mit dem Leben zu
bezahlen. Herzog Wilhelm von Mecklenburg hatte sie gerettet und
freigegeben. Da waren sie nun wieder in Marennes. Als Dritter im Bunde
saß ich daneben! Meine Amateurschaft für romantische Plätze hatte mich
auf französischer Seite in dieselbe bedrohliche Situation gebracht. Wir
tauschten unsere Erlebnisse aus, zugleich unsere Befriedigung
#darüber#, daß wir es überhaupt noch konnten.
Dann trennten wir uns, der Schließer entschuldigte sich, daß er
»schließen« müsse; eine halbe Stunde später schloß ich die Augen.
In der Nacht horchte ich auf, ob ich nicht den Wogengang des »Atlantic«
hörte, dem ich jetzt auf eine halbe Stunde nahe war. Mitunter schien es
mir, als rausche und grüße es herüber.
Aber es war nur der Wind, der durch den Kamin fuhr.
[Illustration]
≈Ile d’Oléron.≈
1. Die Insel Oléron.
Auf dem erhöhteren Fels erscheint ein zerfallenes Vorwerk,
Mit Schießscharten versehn, sei’s, daß hier immer ein Wachtthurm
Ragte, den offnen Strand vor Algiers Flagge zu hüten,
Sei’s, daß gegen den Stolz Englands und erfahrene Seekunst
Erst in der jüngeren Zeit es erbaut der Napoleonide.
Platen.
Zwischen den Mündungen der Loire und Gironde, aber mehr in Nähe dieser
letzteren, buchtet der atlantische Ocean ziemlich tief ins Land hinein
und schafft hier eine Küstenformation, die eine Landung des Feindes
begünstigt. Es handelte sich also seit lange darum, das Land an dieser
verwundbaren Stelle fest zu machen. La Rochelle und Rochefort, die an
dieser Bucht gelegen sind, wurden Festungen. Dies genügte aber nicht.
Die #Annäherung# mußte bereits erschwert werden und hierzu boten die
vorgelegenen Inseln die beste Gelegenheit. Die kleineren wurden ihrem
ganzen Umfange nach in Forts verwandelt, die größeren wurden mit einem
Kranz von Werken umgeben. Dieser größeren Inseln waren zwei: Isle Ré
und Isle d’Oléron, von denen man jene als ein Außenfort von La
Rochelle, diese von Rochefort ansehen kann. Zwischen beiden, als ein
Punkt von besonderer Wichtigkeit, liegt noch die kleine Insel Aix. Zu
allen Zeiten hatte diese Inselgruppe eine Bedeutung in der Geschichte
des Landes; schon das Mittelalter kannte ein »#Oleronisches# Seerecht«
(ich glaube das älteste), und was die Befestigungswerke angeht, so
fügte jede neue Regierung seit den Tagen Ludwigs XIV. das eine oder
andre hinzu.
Eine ganz besondere Wichtigkeit gewannen diese Inseln während des
25jährigen Kampfes Englands gegen die Republik und das Empire. Hier
spielte der letzte Akt des Kaiserreichs. Zwischen Isle Ré und Isle
d’Oléron, die Ausgänge schließend, lag die englische Escadre unter
Admiral Hotham, die Auftrag hatte, eine Flucht des Kaisers zur See zu
hindern; in vorderster Reihe der Bellerophon, Capitain Maitland. Am 3.
Juli war der Kaiser in Rochefort, am 12. Juli auf Isle d’Aix, wo er am
14. die berühmt gewordenen Zeilen an den Prinz-Regenten richtete: »≈En
butte aux factions qui divisent mon pays, et à l’inimitié des plus
grandes puissances de l’Europe, j’ai consommé ma carrière politique. Je
viens, comme Thémistocle, m’asseoir sur le foyer du peuple britannique;
je me mets sous la protection de ses lois, que je réclame de Votre
Altesse Royale, comme celle du plus puissant, du plus constant, du plus
généreux de mes ennemis.≈«
Den Tag darauf begab sich der Kaiser an Bord des Bellerophon, um
Frankreich nicht wiederzusehen. Am 26. Juli lag er auf der Rhede von
Plymouth, am 16. Oktober, am Jahrestage der Schlacht von Leipzig,
landete er auf St. Helena.
Seit 1815 wurde die Inselgruppe vor Rochefort und La Rochelle nur immer
als Detentionsort genannt, zumal während der ununterbrochenen Kriege
jenes zweiten Kaiserreichs, das sich mit den Worten introducirt hatte,
der Friede sein zu wollen. Anno 54 und 55 waren Russen, Anno 59
Oesterreicher hier in Gefangenschaft; im Winter 70 auf 71 machte die
Insel die Bekanntschaft der Preußen und Bayern.
Isle d’Oléron ist 4½ Quadratmeile groß, also ebenso groß wie Wollin,
etwas größer wie Fehmarn. Die Bevölkerung, ziemlich zahlreich und
wohlhabend, hat sich in zwei Städten und vier Dörfern concentrirt. Die
beiden Städte sind Chateau und St. Pierre. St. Pierre ist um etwas
größer, steht aber an Bedeutung hinter Chateau zurück. Hier ist die
Citadelle, hier sind die Forts und Kasernen, hier wohnen die Behörden;
es ist der beherrschende Punkt, während St. Pierre, als behagliche
Ackerstadt, inmitten der Insel liegt. Der Boden von Isle d’Oléron
wechselt zwischen großer Fruchtbarkeit und Sterilität; weite Strecken
sind Sumpfland wie die Marais zwischen Rochefort und der Küste, und
hier wie dort hat man diese unfruchtbaren, wenn auch jetzt trocken
gelegten Sümpfe zur Gewinnung von Seesalz hergerichtet, ganz in der
Art, wie ich es in dem Kapitel Marennes beschrieben habe. Der ärmste
Theil der Bevölkerung lebt von dieser Salz-Industrie; andere sind
Schiffer, Fischer und versorgen den inländischen Markt mit Fischen und
Austern, von denen sich die letzteren (sie sind grünlich und von einem
aparten Wohlgeschmack) der besonderen Geneigtheit der Pariser Gourmands
erfreuen. Die Wohlhabenden auf Isle d’Oléron sind die Ackersleute;
einige Wenige treiben Handel.
Dies war die Insel, für die wir bestimmt waren, der wir jetzt zufuhren.
2. Ankunft.
Steige, Insel, aus dem blauen
Reinen Wogenbad empor,
Hell ist schon die Stadt zu schauen
Und das weiße Haus am Thor.
B. v. Lepel. (Die Wittwe von Capri.)
Marennes liegt nicht so unmittelbar am Meere, daß sich von hier aus die
Ueberfahrt nach der Insel ermöglicht hätte; es bedurfte also noch eines
kurzen Marsches, um die eigentliche Fährstelle zu erreichen. Diese ist
ein einzeln stehendes Gehöft, das nach der Seeseite zu einen Quai
bildet. An diesem Quai liegt das Dampfschiff, das den bescheidenen
Dienst einer Fähre versieht.
Es regnete, als wir in das Fährhaus eintraten, und so hatten es denn
die hohen, durchwärmten Räume mit ihren flackernden Feuern
verhältnißmäßig leicht, einen anheimelnden Eindruck auf uns zu machen.
Es war aber nicht blos der Gegensatz von draußen und drinnen, der uns
hier mit einem lebhaften Behagen erfüllte, die Ordnung, die Sauberkeit,
die Wohlhabenheit, die hier unverkennbar zu Hause waren, trugen das
Ihrige dazu bei. Inmitten des großen Gastzimmers standen zwei riesige
Betten von Nußbaumholz mit grünen Decken und Vorhängen von derselben
Farbe. Das Holz war spiegelblank und gab einen ordentlichen Glanz durch
das ganze Zimmer hin.
Die Beherrscherin dieser Räume war eine Frau von Mitte siebzig, klein,
aber mit großen, klugen Augen voll unerloschenen Feuers, unverkennbar
eine Person, die vor 50 Jahren allen jungen Männern zwischen Marennes
und Isle d’Oléron die Köpfe verdreht hatte. Sie wählte mich gleich aus
der Gruppe heraus, um mir in einer liebenswürdigen, kleidsamen und
ihrem Alter entsprechenden Weise den Hof zu machen. Dabei beherrschten
ihre Augen mitten im Geplauder den ganzen Haushalt, nichts entging ihr
und man sah, daß alles ängstlich nach ihr hinüber fragte.
Es ist sehr interessant, derartige Frauen zu beobachten; sie bilden
eine ganze Gruppe. Von Jugend auf gewöhnt zu gefallen, Aufmerksamkeit
zu erregen und eine #Macht# auszuüben, bleibt ihnen eine gewisse
Koketterie (die nach den Jahren sich #modelt#) bis in ihr höchstes
Alter hinein, während zugleich ihre Siegergewohnheit sich zu jener
absoluten Herrschergewalt ausbildet, von der die Haushaltungen und ihre
#nominellen# Vorstände zu erzählen wissen. Diese Alte, die mir mit
Eleganz, Schelmerei und mütterlichem Wohlwollen den Kaffeetisch
arrangirte, während ihr Augenzwinkern durch drei Stuben hin dirigirte,
war ein Musterstück ihrer Gattung. Ein Haus- und Eheherr, den ich in
Verdacht hätte haben können, der zeitige Bewohner einer jener blanken
Nußbaumbettstellen zu sein, war nicht sichtbar; — ich vermuthe #längst#
seinem Geschick erlegen.
Der Regen legte sich, der Dampfer zischte, die Gensdarmen mahnten zum
Aufbruch; eine Viertelstunde später schwammen wir zwischen Festland und
Insel; noch zehn Minuten (durch die übliche Unterhaltung, die mich am
Beobachten hinderte, leider getrübt) und wir lagen an dem Quaderdamm
von Isle d’Oléron. Im Geschwindschritt, durch Neugierige wenig
belästigt, ging es auf die Commandantur zu.
Sie lag am andern Ende der Stadt; wir hielten vor einem Gartenzaun,
über dessen Spitzen allerhand Baum- und Strauchwerk hinüberwuchs; das
Ganze mehr idyllisch, nach Art einer Pfarrerwohnung, als
kommandanturhaft-militairisch. So war auch das spalierumhegte Haus, in
das wir jetzt eintraten. Wir wurden rangirt; ich, in einigem Abstand,
erhielt den rechten Flügel; es fehlte mir nur noch der Sponton des
Unteroffiziers. Dann erschien ein freundlicher Herr in Civil mit dem
üblichen Ponceau im Knopfloch, das aber diesmal eine rothgefärbte
beinerne Rosette war und aussah wie eine kleine Schachfigur. Der Herr
selbst war Capitain Forot, Bataillonschef, Kommandant von Isle
d’Oléron. Er musterte uns, entließ die Colonne und bat mich, ihm in
sein Zimmer zu folgen. Hier wurde ich den Damen vorgestellt, unter
denen sich, neben der Frau vom Hause, eine hübsche blonde, eben erst
verheiratete Elsässerin befand, deren eigentliche, stillschweigend
verabredete Aufgabe dahin ging, im Verkehr mit den täglich
eintreffenden Gefangenen den Interpreten zu machen; eine Aufgabe, deren
sie sich aber nach Möglichkeit entschlug, indem sie, wie mir Capitain
Forot vertraulich versicherte, ihre Zeit lieber dahin anlegte,
»Vormittags Briefe zu schreiben und Nachmittags zu weinen.« Er setzte
hinzu: »So ein Krieg, der in die Flitterwochen fällt, ist allerdings
das Empörendste, was man sich denken kann.«
Wir plauderten das Uebliche, und der Friede (wie immer) wurde wieder
auf Tag und Stunde durch mich festgestellt. Inzwischen waren einige
Flaschen Straßburger Bier erschienen, die junge Elsässerin präsentirte
das vaterländische Gebräu und ich letzte mich nach 6 Wochen zum ersten
Male wieder an einer Art Gerstensaft. Es war ein sehr mäßiges Produkt,
aber, wie immer auch, es war doch #Bier#, hatte etwas von jenem
nervenstärkenden Bitterstoff, der die Hauptsache bleibt, und so kam es
mir vor, als ob ich Gesundheit tränke. Capitain Forot ließ bald die
Politica fallen und ging in den Ton über, der seiner feinen und
liebenswürdigen Natur der entsprechendste war, in humoristische
Neckerei. Sein Hauptstichblatt war die junge Blondine mit ihrem
antecipirten Wittwenschmerz; aber auch ich erhielt meinen Theil und
mußte mir Scherze über die Gefahren des Romanticismus gefallen lassen.
Ich that es nur zu gern. Es waren doch wieder verwandte, anheimelnde
Töne. »≈Enfin≈, so schloß er, ich sehe die Tage heraufziehen, wo Sie
die Gefangenschaft auf Isle d’Oléron segnen werden; Sie werden einen
guten Stoff gewinnen und Ihr zukünftiger Biograph einen noch besseren.«
3. Die Citadelle.
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden.
Th. Storm.
≈Thy fire, thy wine,
All is mine.≈
Inzwischen wurde gemeldet, daß der »Fournisseur« eingetroffen sei, eine
behäbige Person mit rothblondem Bart und Klapphut, etwas Engländer,
etwas Hecker-Struve und ganz Fournisseur. Unter seinem Beistand sollte
eine Wohnung für mich gesucht werden, und zwar auf der »Citadelle«. Wir
schritten zu Dritt dieser zu, passirten ein Glacis, dann ein paar
Brücken und Thore und standen nunmehr auf einem Triangel-Hof, dessen
drei Seiten von eben so vielen kasernenartigen Gebäuden umstellt waren.
Zwei davon waren bereits mit Gefangenen belegt; die dritte Seite, die
die Offiziersquartiere enthielt, war noch frei.
Wir traten in diese dritte Seite ein. »Ich muß nun schon ein Uebriges
für Sie thun«, sagte der Kommandant, »wie könnten Sie Ihre Tage besser
verbringen, als angesichts des ewigen Meeres!« damit wurde ein Zimmer
aufgeschlossen, das die prosaische Inschrift trug: »≈No. 7:
Lieutenant≈«, das aber allerdings durch seine großen Fenster hindurch
einen entzückenden Blick auf das Meer gestattete. Ich schwankte einen
Augenblick; dann hatte ich meine Wahl getroffen und erwiderte ihm
lachend, daß ich nicht gern zum zweiten Male als Opfer des
Romanticismus fallen möchte; Aussicht sei viel, aber Comfort sei mehr.
»Nehmen wir ein anderes.« Damit traten wir in einen Nebenraum, der den
Eindruck machte, als müsse die Heerdplatte hier noch warm sein, als sei
das »Camp« an dieser Stelle vor wenig Stunden erst abgebrochen.
Vielleicht war es so. Aber es konnte mich auch hier nicht halten, denn
die Fensterscheiben, bis zu beträchtlicher Höhe, waren mit lauter, aus
rothem Papier geschnittenen Teufelchen beklebt, die sich unter einander
neckten, Gesichter schnitten und unanständige Geberden ausführten.
Beneidenswerther, der hier in einer Art Mischgattung von
Höllenbreughels und Struwelpeter sich verewigt hatte! #Meine# Nerven
wären diesem Anblick nicht gewachsen gewesen, und so schieden wir denn
auch von diesem Raume. Ein drittes Zimmer »≈No. 9: Capitaine≈«
entsprach endlich meinen Wünschen; der Kommandant empfahl sich und der
Fournisseur fing an seine Notizen zu machen. Eine Stunde später wurde
ein Karren abgeladen; Matratzen, Decken, Gardinen erschienen in buntem
Durcheinander, sogar eine endlose gelbe Fahne mit einer Grecque-Borte,
die den Anspruch erhob (er blieb unerfüllt), als Betthimmel installirt
zu werden.
Beinah gleichzeitig war aus der benachbarten Cantine ein alter, dort
beschäftigter Invalide bei mir eingetreten, um seine vorläufigen
Dienste anzubieten. Ich bat ihn, mir Holz und Cognac zu bringen, um
meinem Frösteln, denn es regnete und stürmte wieder, auf doppeltem Wege
beikommen zu können. Der Alte lächelte. Ich hätte nichts fordern
können, das ihm lieber gewesen wäre. Eine Viertelstunde später — ich
war inzwischen allein geblieben und lief auf und ab, um mich zu
erwärmen — erschien er mit einer unglaublichen Menge Holz und einer
Quartflasche ≈Eau de vie≈. Ich kann wohl sagen, daß ich erschrak. Das
Ganze, in seiner Massenhaftigkeit, hatte etwas, wie wenn sich ein
Caraiben-Fest vorbereiten solle. Auf viel was Besseres lief es auch
wirklich nicht hinaus. Das Holz waren gespaltete Eichenrippen eines
gestrandeten Schiffes, in dem noch die großen rostigen Nägel steckten,
rostig vom Seewasser und langem Liegen im Regen. Der Alte packte einen
wahren Scheiterhaufen auf, schob einige Strohwische drunter und
verschwand mit der Versicherung, »daß es gleich brennen würde«. Es
brannte auch, aber wie. Große Massen Rauch schlugen in das Zimmer
hinein; ich begann zu blasen und zu pusten, opferte eine ganze
Schachtel Streichhölzer; alles umsonst; es blieb ein Schwelfeuer, die
Augen fingen an zu thränen und ich nahm endlich den Wasserkrug, um
dieser Herrlichkeit ein Ende zu machen. Mir blieb nichts als der
Cognac. Ich stürzte ein viertel Glas voll hinunter. Furchtbar. Wer aber
will dies blinde Vertrauen tadeln.
Nach einer Stunde kam der Alte. Er sah listig genug aus; wenigstens
schien es mir so. Ich lehnte entrüstet jeden Conversationsversuch ab,
stellte die grünglasige dicke Bouteille auf den Scheiterhaufen, der
eigentlich nie gebrannt hatte, und forderte ihn auf, persönlich und
sachlich zu verschwinden.
Das war es, was er gewollt hatte. Er nickte, packte alles auf seinen
Arm, steckte die Flasche in seinen weitabstehenden Westenflügel und
empfahl sich unter den landesüblichen Höflichkeitsformen.
Ich höre noch sein »≈bon soir, Monsieur≈«.
4. Rasumofsky.
Hier fragt niemand, was Einer glaubt,
Was nicht verboten ist, ist erlaubt.
Wallensteins Lager.
Bequartiert war ich nun; alles war da, nur die oberste Dienstcharge,
die zu besetzen war, war noch unbesetzt geblieben, — der Bursche fehlte
noch. Aber auch darüber wurde ich beruhigt. »≈Demain matin≈«.
≈Demain matin≈ kam und beinahe gleichzeitig mit ihm erschien ein
Hausbeamter, um mir, vorbehaltlich meiner Zustimmung, meinen
zukünftigen Burschen, den Verwalter meiner Wirtschaft, vorzustellen,
Max Rasumofsky. Er gefiel mir auf der Stelle; daß er ein schwarzer
Husar war, besagten die Ueberreste seiner Uniform, daß er ein Pole war,
entnahm ich seinem Namen, daß er ein Schneider war, ergaben die ersten
Recherchen. Ich hatte also alles in ihm vereinigt, was man von einem
Burschen Tüchtiges erwarten kann: Husar, Pole, Schneider. Ich griff zu
und hatte meine Wahl nicht zu bereuen. Er war, was der militairische
≈terminus technicus≈ #schneidig# und #findig# nennt. Unschätzbare
Eigenschaften überhaupt; im Besondern auch hier.
Seine »Schneidigkeit« fiel natürlich in die Zeit #vor# seiner
Gefangenschaft, und was die Beweise dafür angeht, so bin ich zum besten
Theile auf seine eigene Berichterstattung angewiesen. Wer aber viele
Leute hat erzählen hören, weiß bald, ob er Dichtung oder Wahrheit vor
sich hat. Rasumofsky war als »Spitze« in einen Wald eingeritten, hatte
Feuer bekommen und den Fehlschuß des nächststehenden Franctireurs mit
einem Treffer aus seinem Karabiner erwidert, aber dies erste Lächeln
des Sieges war auch das letzte gewesen. Wie aus einem Bienenkorb
schwärmten die feindlichen Schützen aus, hundert Kugeln pfiffen um ihn
her, eine riß ihm den Stiefelhacken weg und schlug klirrend den
Steigbügel in Stücke, er selbst war ungetroffen und die Möglichkeit der
Rettung lag noch vor ihm; da traf eine zweite Kugel die Kruppe seines
Schimmels, Pferd und Reiter stürzten und im nächsten Moment war er
umringt, gefangen. Ein junger deutsch sprechender Offizier, mit breiter
rother Schärpe, sprang auf ihn ein: »Warum hast Du geschossen?« »Wozu
hab’ ich denn meinen Karabiner? Wir kriegen die Waffen, um sie zu
gebrauchen.« Der Offizier lachte. »Was wird nun aus Dir.« »Nun, ich
werde todtgeschossen.« »Sei kein Narr; Du bist ein guter Husar und kein
Haar soll Dir gekrümmt werden.« Die Franctireurs nahmen ihn in die
Mitte, wickelten die lange Hängetasche um eine ihrer Flinten und
schleppten den Todtenkopf-Husaren im Triumphe fort.
Wenn mir nun die Schneidigkeit Rasumofskys so gut wie gewiß war, so war
ich seiner #Findigkeit# ganz und gar sicher. Es war ganz unglaublich,
was er alles »gefunden« hatte, namentlich in den Tagen, die dem Siege
von Wörth unmittelbar folgten. Mehrere Spiele Karten, eine
Straußenfeder, ein schwarzer Schleier mit Goldsternchen, eine Flasche
Anisette. Diese war das Beste. Ein paar französische
Generals-Epauletten begleiteten ihn mehrere Tage und bildeten noch in
Oléron den Lichtpunkt seiner militairischen Erinnerungen, aber er
brachte es mit ihnen nicht über einen idealen Genuß hinaus, der zuletzt
zu einer freiwilligen Trennung führte. »Wo haben Sie sie denn
gelassen?« »Ich habe sie wieder weggeworfen.« Dabei klang nichts von
Klage oder Betrübniß mit ein; nur die Freude lachte ihm aus den Augen,
das blanke Spielzeug ’mal besessen zu haben. Das ist die echte
Findigkeit. Die Freude auch an dem, was man nicht brauchen kann.