wurde geöffnet, die Badenser traten ein und man wartete ersichtlich, ob
ich folgen würde. Ich folgte aber #nicht#. Dies machte einen Eindruck,
und in rascher Ausnutzung des Moments bat ich jetzt um ein apartes
Zimmer. Man weigerte sich auch nicht, blieb aber der Rolle treu, Alles
der historischen Entwickelung zu überlassen, und ließ mich zunächst,
das Weitere abwartend, in eine nebenangelegene Zelle eintreten. Sie war
absolut kahl. Ich sagte ruhig: ≈ah, c’est bon; seulement la fourniture
là, — elle n’est pas très complète≈. Dieser Hohn wirkte; der
≈gardien-chef≈ lächelte verlegen, und ehe er sich noch besinnen konnte,
schob ich ein: ≈du feu me paraît indispensable; naturellement je le
payerai≈. Das war das erlösende Wort und ohne Säumen wurde ich nunmehr
in ein #drittes# Zimmer geführt, das als Schmuckkästchen der
Gesammtlokalität zu gelten schien. Es war gewiß auch das beste, was man
hatte, aber immer noch trist genug. Das Bett bestand aus einem
Strohsack, der Kamin war ein großes schwarzes Loch und das Geflecht des
Binsenstuhls hing wie ein Strohwisch nach unten. Es wirkte beinahe
unheimlicher als der Nachbar-Raum; dennoch hatte ich nach gerade
Erfahrung genug, um gleich zu erkennen, daß hier die Elemente zur
Entwickelung gegeben waren. Es kam nur auf die rechte Hand an. Ich
stellte mich also vor den Schließer hin, versicherte ihm, daß ich einen
starken Appetit hätte und ihn bitten müsse, mir ein Diner und eine
Flasche vom besten Wein zu bestellen. Ich fügte einen Frank für seine
vorläufige Bemühung hinzu. Ersichtlich betroffen, willigte er ein. In
der Thür rief ich ihn zurück und flüsterte vertraulich: Sie sorgen wohl
für ein #Feuer# und ein gutes #Bett#. Er versprach Alles. Ich hatte
meinen Zweck erreicht. Diner und Wein, die mir gleichgültig waren,
fielen ihm schließlich als gute Prise zu, aber drei wollene Decken sah
ich sich über die Matratze breiten und im Kamin flackerten und
prasselten alsbald die großen Scheite von Kastanienholz. Eine Stunde
später war das Zimmer wie umgewandelt. Ich saß auf dem Stuhl, der sein
Geflecht wieder gewonnen hatte, wiegte mich hin und her und blickte
träumend in die immer ruhiger werdende Flamme. Liebe, freundliche
Gesichter traten mir entgegen; ich sah deutlich die großen klugen Augen
meines Lieblings; es war mir, als spräch’ es lieb und traut in mein
Ohr. So saß ich im Gefängniß zu Gueret, schwere Tage hinter mir,
schwere Tage vor mir, und schrieb Verse in mein Notizbuch.
O trübe diese Tage nicht,
Sie sind der letzte Sonnenschein,
Wie lange, und es lischt das Licht
Und unser Winter bricht herein.
Dies ist die Zeit, wo jeder Tag
Viel Tage gilt in seinem Werth,
Weil man’s nicht mehr erhoffen mag
Daß so die Stunde wiederkehrt.
Die Fluth des Lebens ist dahin,
Es ebbt in seinem Stolz und Reiz,
Und sieh’, es schleicht in unsern Sinn
Ein banger, nie gekannter Geiz;
Ein süßer Geiz, der Stunden zählt
Und jede prüft auf ihren Glanz,
O sorge, daß uns keine fehlt
Und gönn’ uns jede Stunde #ganz#.
Der andere Morgen war hell und sonnig; aber ein scharfer Wind pfiff.
Ich mußte trotzdem in den Hof hinunter, um meine Morgentoilette zu
machen. Es war also immer noch dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in
den Himmel wuchsen. An einem steinernen Brunnentrog badete ich den
Oberkörper; eine »≈Brosse à dents≈« und ein geschliffenes Flacon mit
≈Esprit de Menthe≈ (Souvenirs von Langres her), die ich beide auf den
breiten Rand des Steintrogs legte, nahmen sich in dieser Umgebung
ziemlich wunderlich aus.
Etwa um 10 Uhr erhielt ich Besuch, der dann fast bis zum Moment meiner
Weiterreise keinen Augenblick abriß. Der erste, der erschien, war ein
Arzt, ein Mann von etwa sechszig, klugen Auges, mit Doktorhut und
Doktorstock. Er habe gehört, so führte er sich ein, daß ich aus Berlin
sei; »ob ich den berühmten Professor Wirscho kenne«? Ich stutzte einen
Augenblick, fand mich aber schnell zurecht und erkannte, daß unser
Virchow gemeint sei. Das gab nun ein Hin und Her. Er sprach lebhaft und
voll Verbindlichkeit gegen die Deutschen, deren Wissenschaftlichkeit er
auf allen Gebieten anerkannte. Auch in der Medizin. Nach so viel
empfangenem Lob, glaubte ich schließlich auch ein Uebriges thun zu
müssen und bemerkte, »daß die Pariser Schule wohl ebenbürtig sei«. Dies
machte indessen gar keinen Eindruck auf ihn, und nur zum Zeichen, daß
er meine Worte wohl verstanden habe, begann er seinen nächsten Satz mit
der leichthingeworfenen Bemerkung: »≈naturellement, l’école de Paris
c’est la première du monde≈« und fuhr dann in seinen
Auseinandersetzungen, namentlich in einer Parallele zwischen Virchow
und anderen deutschen Physiologen fort. Es war spezifisch französisch.
Ich bemerke noch, daß er sich lebhaft nach dem ≈Dr.≈ Jacoby in
Königsberg erkundigte, der überhaupt, neben Bismarck und Moltke, die in
ganz Frankreich am meisten besprochene Persönlichkeit war. Jeder kannte
ihn und Jeder knüpfte Hoffnungen an ihn. Der Ertrinkende greift nach
einem Strohhalm.
Sehr bald nach dem Doktor erschien der #Vicar#. Ein großer, schöner
Mann, blond, von den freundlichsten Augen und dem gefälligsten Wesen.
Ueberhaupt war ich von hier ab in keinem Gefängniß mehr, in dem ich
nicht den Besuch eines Geistlichen, oft von zweien, empfangen hätte.
Dies ist eine sehr schöne Sitte. Freilich müssen die Geistlichen danach
sein. Wenn sie kommen, um einem die Hölle heiß zu machen, oder auch
nur, um einen Sermon zu halten, steif, langweilig, salbungsvoll, so
sind sie unerträglich, wenn sie kommen, wie diese französischen
Aumoniers, so kann kein Herz so roh, so verschlossen, so religionslos
sein, daß es nicht Freude empfände an so menschlich schönem Zuspruch.
Dieser Vicar war nun von einer ganz besonderen Liebenswürdigkeit, fein,
klug, unterrichtet. Schade, daß ich erst um eine Stunde später erfuhr,
wer er eigentlich war; unsere Unterhaltung würde sonst einen noch
freieren Verlauf genommen haben. Er lenkte nämlich bald ins Politische
hinüber, verwarf das #Empire# in lebhaften Ausdrücken, ein Bild 20
jähriger Corruption vor mir entrollend, beleuchtete dann die
#Republik#, die in Frankreich eigentlich ohne wahren Boden, vielmehr
abwechselnd ein Schatten oder ein Schrecken sei und versicherte mich
dann einmal über das andere, daß alles Heil lediglich in
Wiederanknüpfung an den abgerissenen Faden, lediglich in Legitimismus,
in #≈Henri-quint≈# zu finden sei; der Orleanismus werde dann #später#
(durch die Verhältnisse legitim geworden) die große Erbschaft antreten.
Wie mir das im Ohr klang! Nach dem wüsten Geschrei in Lyon und Moulins
endlich wieder eine Menschenstimme! Ich fühlte mich wie mir selbst
zurückgegeben und vergaß fast, daß ich in einem Gefängniß sei. Ich sage
»fast«. Es wäre besser gewesen, ich hätt’ es #ganz# vergessen; neue
weitere Aufschlüsse würden der Lohn gewesen sein. Aber ich konnte das
alles in jenem Augenblick nicht wissen! Neben dem lebhaftesten
Interesse, mit dem ich folgte, lief doch immer wieder die Frage her:
Wer ist es, der diese Sprache führt. Will man dich aushorchen? Sollen
sich neue Verlegenheiten für dich bereiten! So blieb ich vorsichtig,
abwägend, auf meiner Huth, ich bekämpfte sogar einzelne seiner Sätze,
Auslassungen über ≈Henri-quint≈, die ich wenigstens #prinzipiell# ohne
Weiteres hätte unterschreiben müssen. Wie gesagt, ich hätt’ es
rückhaltlos wagen können. Der junge Vikar, der anderthalb Stunden lang
die Grundsätze der Legitimität vor mir verfochten hatte, war ein
Vicomte d’Ussel, ein jüngerer Sohn der gleichnamigen, im Departement la
Creuze begüterten Grafen-Familie. Der Legitimismus der Familie war
übrigens kein Geheimniß; ihr Ansehn nur um #so größer#. Der Respekt,
mit dem ich, noch am andern Tage, ein halbes Dutzend Personen darüber
sprechen hörte, war sehr unrepublikanisch.
Dem Besuche des Vicars folgte der des Geistlichen selbst, eines Mannes
von funfzig, heiter wie jener (der Vicomte), aber von ersichtlich
anderer politischer Richtung. Er kam vorwiegend, um mir mitzutheilen,
daß er seit 3 Monaten einen Berliner Gast auf seiner Pfarre beherberge:
den Pater Rouard, Prior des Dominikanerklosters zu Moabit. Bei Ausbruch
des Krieges habe derselbe Berlin verlassen, um nicht das von
#Confessions# wegen bereits Erlebte, von #Nationalitäts# wegen noch
einmal zu erleben. Wie gern hätte ich ihn gesehen! In solchen Momenten
wiegt nicht das was trennt, sondern nur das, was verbindet. Aber es war
zu spät. Ehe sich eine Annäherung ermöglichte, waren wir bereits auf
dem Wege nach Poitiers.
5. Poitiers-Rochefort.
#Jetter#. #Diese# Kerle sind wie Maschinen,
in denen ein Teufel sitzt.
#Vansen#. Sie sehen nicht aus, als wenn
sie so bald Brüderschaft mit uns trinken
würden.
Egmont.
Um 4 Uhr nach Poitiers. Wie schön der Name in meinem Ohre klang! Aber
seitdem Moulins meine Erwartungen so arg getäuscht hatte, hatt’ ich den
Muth verloren, meiner alten Neigung zu leben und auf Namen und
Namensklang zu bauen.
Wir hatten eine stärkere Begleitung als gewöhnlich. Die Folge war, daß
#ein# Coupé (oder wie es in Frankreich heißt, ein »Compartiment«) für
die Gesammtheit von Gefangenen und Gensdarmen nicht ausreichte und eine
Theilung vorgenommen werden mußte. Der »Brigadier« und ich sonderten
uns aus und bezogen ein Nachbar-Coupé. Dies war zunächst sehr angenehm;
man hatte freie Bewegung, konnte rechts und links in die Landschaft
hineinblicken und rechts und links die Stationen mustern. Dazu kam ein
direktes Angewiesensein auf einen Begleiter, der nach Sprache, Haltung,
Benehmen eher ein »Brigadier« in #unserem#, als in französischem Sinne
war. Er hatte etwas Distinguirtes, war leicht, gefällig, unterrichtet,
dabei ohne alle Renommisterei, weder persönliche noch nationale. Unter
allen Gensdarmen, die ich in Frankreich kennen gelernt habe (wenigstens
40 an der Zahl), war er unstreitig der Sanspareil; die ganze Klasse
verdient es aber, daß ich ihr an dieser Stelle, wo ich ohnehin bald von
ihr Abschied nehmen werde, eine warme Lobrede halte. Sie waren alle
gut. Im ersten Moment in der Regel nüchtern, steif, selbst ein wenig
schroff, kehrten sie nach 10 Minuten regelmäßig die gemüthliche Seite
heraus, waren mittheilsam, ertrugen Widerspruch, luden mich zu ihrem
Frühstück ein (was ich auch in der Regel annahm), und erwiesen sich als
absolut unbestechlich, selbst in Kleinigkeiten. Sie mieden,
klugerweise, auch den Schein. So oft ich einen Versuch machte, mich am
Buffet zu revanchiren, meine Anerbietungen wurden stets artig aber
entschieden abgelehnt. Ich war #ihr# Gast, nicht sie die meinigen. Dazu
ein wahres Elite-Corps. Große, schöne Männer zwischen dreißig und
vierzig, vielfach aus den Kürassier-Regimentern, am liebsten aus der
Artillerie genommen; alles Leute, die in der Krim, in Italien und
Mexiko mitgefochten hatten, von Algier und Kabylien gar nicht zu
sprechen. Wenige, die #nicht# die Solferino-Medaille trugen. Alle die
liebenswürdigen Züge des alten Soldaten waren bei ihnen heimisch; nie
verstimmt, nie feindselig, immer ein Schutz, immer zu Zuspruch geneigt;
— dabei (vielleicht ihr hervorstechendster Zug) von einer unsagbaren
Verachtung gegen die Populace und gegen die Militairspielerei, die sich
vor ihren Augen breit machte. Möglich, daß sie #später#, als sich die
aus dem Boden gestampften Armeen mit rühmlicher Bravour in den Tod
stürzten, eine veränderte Stellung zu dieser Frage einnahmen; im
Dezember lagen die Dinge anders als im Oktober.
Ich kehre nunmehr zu meinem »Brigadier« zurück. Er erzählte mir viel
von der Familie des Vicomte d’Ussel, dessen älterer Bruder sein
Escadronchef gewesen war, lobte die Gesinnung und Noblesse des alten
Adels und that mir durch die Einfachheit und Leichtigkeit seiner
Unterhaltung geradezu wohl. Er war auch der einzige, der Verstand und
Takt genug besaß, sich in große politische Gespräche gar nicht
einzulassen.
All dies machte die Fahrt nach Poitiers zu einer sehr angenehmen; aber
sie hatte doch auch ihre unangenehme Seite. Bis dahin immer warm
zusammengepfercht, mußte hier die freiere Bewegung und die frischere
Luft mit einer sehr empfindlichen Kälte bezahlt werden, die nur wuchs,
wenn ich auf die mondbeschienene fast wie in einem dünnen
Schneeschleier daliegende Landschaft sah. Ich wurde der Schönheit
dieser Bilder nicht recht froh und segnete die Stunde, als wir endlich
zwischen 10 und 11 durch die glitzernden Felsmassen hindurchfuhren, auf
deren Höhe sich Poitiers erhebt. Das allgemeine Frösteln spornte zur
Eile; im Geschwindschritt ging es, über wohl 100 Steinstufen, die
Berglehne hinan, bis wir, durch ein Gewirr von Gassen hindurch
(natürlich völlig unbelästigt) das Gefängniß erreichten.
Es war 11 Uhr; alles schlief. Die verschiedenen Beamten in zum Theil
fragwürdigen Costümen erschienen staffelförmig, nach dem Grade ihres
Ranges; der vornehmste zuletzt. Die üblichen Fragen und Schreibereien
erfolgten rasch; ich bat um ein Kaminzimmer, wurde geschäftsmäßig nach
der Ausreichendheit meiner Kassenbestände befragt und erhielt das
Gewünschte ohne Weiteres, nachdem ich die ausreichenden Garantieen
gegeben hatte. Diese nüchtern-geschäftsmäßige Behandlung, wie immer in
Geldsachen, war auch hier das beste. Daran muß ich noch, wie vorhin ein
Lob der französischen Gensdarmerie, so hier ein Lob der französischen
Beamten knüpfen, so weit ich sie kennen gelernt habe, sowohl hier in
Poitiers, wie #überhaupt#. Sie waren nämlich nie ärgerlich und gereizt,
nie #schlechter Laune# und sind mir nach #dieser# Seite hin geradezu
als ein Muster erschienen. Es spricht sich darin entweder eine gewisse
#Wohlerzogenheit# oder ein tiefgehender, längst Allgemeingut gewordener
#humaner Zug#, oder aber drittens eine richtige Vorstellung vom
#Metier#, von der Beamtenpflicht aus. Wahrscheinlich wirkt alles drei
zusammen. Alle diese Beamten wurden unseretwegen aus dem ersten Schlaf
geholt, die Unbequemlichkeit war groß; aber ich habe keine
unfreundliche Miene, keine gerunzelte Stirn gesehen. Im Gegentheil, man
war artig und zeigte eine gewisse Theilnahme. Es war #Dienst# und damit
abgemacht.
Unser Gefängniß zu Poitiers war das besteingerichtete unter allen die
ich kennen lernte; es hatte etwas von der Opulenz eines großen Bahnhofs
oder eines Musterkrankenhauses. Am andern Morgen erschien ein
Mitgefangener, um ein Kohlenfeuer zu machen und überhaupt auf 8 Stunden
in meinen Dienst zu treten. Es war ein Pariser, ein allerliebster Kerl,
der sich auf die Kunde hin, »daß ich aus Berlin sei«, zu diesem Dienst
gemeldet hatte. Wir wurden bald gute Freunde. Er hatte nämlich in
Constantine, ich glaube ein halbes Jahr lang (von 1864 auf 65)
Offiziers-Burschendienste beim Ulanen-Lieutenant v. Prittwitz gethan,
der damals nach Paris kommandirt, auch nach Algier gegangen war, um die
Kämpfe gegen Kabylien mitzumachen. Von diesem seinem ehemaligen Herrn
sprach er nun mit der größten Anhänglichkeit, betrachtete jene Wochen
als die beste Zeit seines Militärdienstes und schilderte mir in
lebhaften Farben das Aufsehn, das sein »Lieutenant« gemacht habe, als
er das erste Mal, in vollem Ulanen-Aufputz durch die Straßen von
Constantine gegangen sei, um sich dem General zu präsentiren. Ich
versprach, bei meiner Rückkehr nach Berlin, seinem Herrn von ihm zu
erzählen. Vielleicht lösen diese Zeilen mein Wort ein. Sein Name war
Louis Charbault, Voltigeur im 93. Regiment.
Die anderen Begegnungen in Poitiers waren die herkömmlichen, so daß ich
— und um so lebhafter, als der schlechtziehende Kamin meine Zelle mehr
und mehr mit Kohlengas zu füllen begann — mit wahrer Freude die
Nachricht begrüßte: um 4 Uhr nach #Rochefort#. Die Fahrt war der vom
Tage vorher sehr ähnlich, nur mit dem einen Unterschiede, daß wir
diesmal wieder »gekeilt in drangvoll fürchterliche Enge« saßen, was
ich, als das kleinere von zwei Uebeln, freudig willkommen hieß. Um 11
Uhr Ankunft. Rochefort ist noch 2 Meilen von der Küste entfernt, aber
die Fluth dringt bis hierher vor und macht es zu einer Seestadt. An den
Brücken, am Bollwerk hin, lagen Briggs und Dreimaster; ihr Raaen- und
Spierenwerk schimmerte phantastisch im Mondenlicht. Im Gefängniß
wiederholten sich die Scenen vom Tage zuvor. Es war bitterkalt. Der
Schließer, trotz später Stunde, brachte mir noch ein Abendbrot, das aus
Landwein, großen Birnen und einigen Nüssen bestand. Gut gemeint, aber
wenig geeignet mich zu erwärmen. Ich wickelte mich in mein Reiseplaid,
ganz dicht und fest wie man ein Kind wickelt, und schob mich vorsichtig
unter die Decken, aus meinem Ueberzieher gleichzeitig eine Art Koppel
aufbauend, die sich über Brust und Kopf wölbte. So schlief ich endlich
ein, träumend von Schneestürmen, und daß ich am Wege eingeschlafen und
erfroren sei.
6. Marennes.
Es rauscht kein Wald, mit hartem Schrei
Nur fliegt die Wandergans vorbei,
Am Strande weht das Gras.
Th. Storm.
Gebt uns ein Lied!
»Wenn ihr begehrt, die Menge.«
Nur auch ein #nagelneues# Stück.
Faust.
Bedrückend, wie der Traum, war das Erwachen. Bleiern lag es um meine
Stirn; als ich mich erheben wollte, fiel ich kraftlos zurück, das
Gespenst des Nervenfiebers stand vor mir. Wer einmal das Heraufziehen
dieses schweren Gewitters an sich beobachtet hat, behält eine
Erinnerung davon auf Lebenszeit. Ich kam aber drüberhin; wahrscheinlich
hatte mich der Kohlendampf vom Tage vorher nur betäubt und ließ meinen
Zustand schlimmer erscheinen als er war. Es war Mittag, als ich in den
Hof hinunterstieg, um mich in frischer Luft zu erholen.
Ich mochte während dieses Spaziergangs auf alle die mich sahen einen
ziemlich tristen Eindruck gemacht haben, denn bei meiner Rückkehr in
den großen Corridor überraschte mich die Meldung, daß ich umquartiert
worden sei. Der Direktor habe es so angeordnet. Ich ging, um zunächst
meinen Dank auszusprechen und stieg dann treppauf in meine neue
Behausung. Es war das Arbeits- und Wohnzimmer des Sohnes (jetzt bei der
Armee in Paris), das man mir eingeräumt hatte und der langentbehrte
Anblick des Wohnlichen that mir in diesem Augenblick der Erschöpfung
und des Kleinmuths unendlich wohl. Der Gesunde kann diese Dinge leicht
entbehren, dem Kranken sind sie ein Labsal. Ein Schreibtisch, ein
Bücherbrett, ein paar Bilder, über die Fliesen waren Teppichstreifen
gelegt; im Kamin brannte ein hohes Feuer, auf dem Sims standen ein paar
Vasen, dazwischen ein Spiegel. Ich sah hinein. Das erste Mal seit 5
Wochen! Ich konnte nicht finden, mich verbessert zu haben.
Zu Seiten des Kamins stand ein breiter Stuhl, ein gesticktes Kissen war
in die Rückenlehne gelegt. Ich suchte unter den Büchern, wählte eine
»≈Archéologie chrétienne≈« und rückte nun vor das Feuer. Von Notre-Dame
und der Reimser Kathedrale lesend, vergingen die Stunden; ehe noch der
Abend kam, war ich genesen. Der Direktor erschien, um nach meinem
Befinden zu fragen. Wir sprachen von unseren Söhnen, der seine #in#
Paris, der meine #davor#; die Väter saßen hier friedfertig bei
einander. Wir kamen auch auf das Gefängnißwesen. »Das Reglement ist
gut, aber kein Reglement erschöpft alle Fälle und Möglichkeiten; es
heißt eben auch da: der Buchstabe tödtet, der Geist macht lebendig.«
Wie sehr empfand ich die Wahrheit alles dessen. Einer solchen ideellen
Auffassung ihres schweren und wichtigen Berufs bin ich bei den
französischen Gefängnißvorständen #mehrfach# begegnet. Sie erkannten
ihre Pflicht darin, zu erheben, nicht niederzudrücken; keine
Sentimentalität, aber Humanität. Alle diese Männer #empfanden sich als
Träger einer Aufgabe# und nahmen eine Stellung zu dieser.
Die Insel Oléron, für die wir, meine badischen Mitgefangenen wie ich
selbst, bestimmt waren, konnte von Rochefort aus zu #Schiff#, die
Charente hinunter, ohne weitere Zwischenstationen in höchstens vier,
fünf Stunden erreicht werden; die Behörden zogen es aber vor, uns —
unter Ausschluß dieses Flußweges — so weit wie möglich den #Land#weg
machen zu lassen, d. h. also, bis zu einem äußersten, vorspringenden
Punkte hin, dem dann die Insel auf kaum Kanonenschußferne gegenüber
liegt. Diese Bevorzugung des Landweges vor dem Wasserwege schuf uns
noch eine Etappe. Diese Etappe war #Marennes#.
Der Weg von Rochefort bis Marennes betrug wenig über zwei Meilen; es
war also eine gute Gelegenheit gegeben, unser durch Eisenbahnfahrten
nur mäßig in Circulation gehaltenes Blut durch einen vierstündigen
Marsch wieder frisch und umlaufslustig zu machen. Die Nachricht davon
wurde auch mit allgemeinem Jubel aufgenommen; ich als »≈officier
supérieur≈« indeß erhielt die Zusicherung eines Wagens, womit ich denn
auch, trotz aller Wertschätzung energischen Blutumlaufs, schließlich
sehr einverstanden war.
Um 9 Uhr setzte sich die Colonne in Bewegung. Ich sage absichtlich die
Colonne, denn wir waren am Tage vorher durch zwölf andere Gefangene,
meist Matrosen und Schiffsjungen, verstärkt worden und musterten jetzt
im Ganzen 18 Mann. Es war ein vollständiger Zug. Erst 2 berittene
Gensdarmen, dann mein Fuhrwerk, dann die Colonne, dann wieder
Gensdarmen, dann Volk. So ging es bei schönstem Wetter aus Rochefort
hinaus; die Luft war frisch, aber nicht scharf, die Sonne fiel auf die
generalsartigen Wachstuchhüte der Gensdarmen und ließ diese hell
erglänzen. Die Stimmung aller war wie der Morgen.
Ich marschirte eine Viertelmeile mit, weil ich, zunächst wenigstens,
wie alle anderen das Bedürfniß nach Bewegung hatte, dann nahm ich
meinen Platz auf dem Gefährte ein. Es war ein zweirädriger Bau, von dem
ich unentschieden lasse, ob der Verbrecherkarren oder die norwegische
Carriolpost in ihm vorwog; was das Balancirbrett anging, das dem
Kutscher und mir als Sitz diente, so war es ganz und gar skandinavisch,
nur der Skudsjunge fehlte. Statt dessen hatte auf dem rechten
Brettflügel ein Alter in einem Schafpelz mit langhaariger
#Ziegenfell#-Pellerine Platz genommen. Dies sah unendlich komisch aus.
Er plauderte viel, aber sehr geschickt und suchte namentlich alle
langen Sätze zu vermeiden, ganz ersichtlich, um mir die Conversation zu
erleichtern.
So ging es fast eine Meile, wo wir in einem großen Dorfe, ich glaube
St. Agnair, eine erste Rast machten. Die Auberge hatte ganz den
Charakter einer spanischen Posada; alles war räucherig und geschwärzt,
ein Hängekessel über dem Feuer, Heiligenbilder, die Weiber alt und
häßlich, und inmitten dieser Wüstheit ein großes Bauer mit
Canarienvögeln, deren hellgelbes Gefieder wunderbar kontrastirte mit
dieser Fülle von Schwarz und Rauch. Ich bestellte Kaffee und gerieth
beim Anblick einer großen Kaffeemühle, die herbeigeschleppt wurde, in
solche Freudigkeit, daß ich auf einem Schemel am Feuer Platz nahm und
energisch zu drehen begann, während in das Gesumm des brodelnden
Wassers hinein die Scheite knackten und die Canarienvögel sangen.
Nach einer guten halben Stunde ging es weiter, immer in demselben
Aufzuge. Das landschaftliche Bild aber wurde von hier ab ein völlig
anderes. Bis St. Agnair hin waren wir durch eine einfache
Flachlandsgegend gezogen, die ebenso gut auch bei Alt-Landsberg oder
Jüterbog hätte liegen können; jetzt erst traten wir in ein Terrain ein,
das diesen Küsten eigentümlich ist, in die »Marais« (Meersümpfe),
angeschwemmtes, dem Meere entwachsenes Land, das aber immer noch
zweilebig geblieben ist und in seinem Luch- und Sumpfcharakter nicht
recht weiß, wozu es sich halten soll. In anderen Gegenden ist dies
angeschwemmte Land, wie beispielsweise an der schleswig-holsteinischen
Westküste, ein vorzüglicher, die besten Ernten gebender Boden, hier
aber erweist er sich als stumpf, lehmarm, unfruchtbar und trägt nur
eine kümmerliche Kruste, gerade stark genug, um ein mittelmäßiges Gras
zu produciren und eine ziemlich ausgedehnte Viehzucht zu gestatten.
Dabei ungesund wie alle Sumpfgegenden.