äußerlich wahrnehmbar; nur im Gefängniß selber belebte sich’s über den
Alltagsverkehr hinaus. Das machte, sieben norddeutsche Schiffscapitaine
waren von Marseille her als Gefangene eingetroffen und warteten in
einem kleinen Büreauzimmer auf den Bescheid des Lyoner
Divisions-Generals, der über ihren weiteren Verbleib entscheiden
sollte. Man schwankte zwischen Tours, Clermont und Moulins. Es war um
die Mittagsstunde, als ich, durch freundliche Vermittlung des
≈gardien-chef≈, Gelegenheit fand, meinen Landsleuten mich vorzustellen.
Wir verplauderten eine angenehme halbe Stunde, gegenseitig unsere
Herzen ausschüttend. Es waren sämmtlich Pommern und Mecklenburger, der
Mehrzahl nach große, breitschultrige Leute, aber alle von jenem
sentimalen Zug, dem man bei starken Naturen, namentlich auch bei
Seeleuten, so oft begegnet. Sie hatten alle etwas Trauriges,
Verschleiertes im Auge und nur die Wahrnehmung beruhigte mich (sie
waren eben beim zweiten Frühstück), daß ihr frischer, meerentstiegener
Appetit unter dieser Stimmung keinen Augenblick gelitten habe. Mehrere
Limburger Käse, die sie in flachen runden Schachteln, genau so wie man
Feigen verschickt, mit sich führten, verschwanden im Umsehn. Einer, ein
Kleiner, mit genirtem Blick, nahm an der allgemeinen Sentimentalität
nicht Theil; er war offenbar der Klügste und hatte sich, auf mir
unerklärliche Weise, sogar mit #neuen# deutschen Zeitungen auszurüsten
gewußt. Vielleicht ein kühner Griff in ein Marseiller Lesecabinet! Als
die Reihe des Erzählens an mich kam und mein herkömmliches Sprüchel:
»Toul, Jungfrau von Orleans, Vaucouleurs und Domremy« diesmal in
deutscher Sprache von mir aufgesagt worden war, fragte der Kleine nach
meinem Namen. Ich nannte ihn. Er lächelte listig-vertraulich und
überreichte mir gleich darauf eine neueste, höchstens 5 oder 6 Tage
alte Nummer der »Hamburger Börsenhalle«, worin ich in einer Berliner
Correspondez die Geschichte meiner Verhaftung las. Ich kann wohl sagen,
daß das einen sonderbaren Eindruck auf mich machte.
Wir politisirten auch ein wenig. Das Hauptgespräch drehte sich
natürlich um die Capitulation von Metz. Ich sagte ihnen, »die Sache
würde neuerdings wieder bestritten«, worauf der Kleine mir zuflüsterte:
»wir wissen nur zu gut, daß es wahr ist; wir haben es, so zu sagen, an
uns selber erfahren. Die Nachricht war noch keine 2 Stunden in
Marseille bekannt, als wir von Oran her landeten und durch die Stadt
mußten. An diesen Marsch will ich denken. Die Aufregung war furchtbar;
das Hafenvolk drohte uns, drängte sich an uns, warf mit Steinen, neben
uns her aber, in dichten Colonnen, zogen die Mobil- und Nationalgarden
und trugen große schwarze Fahnen, zum Zeichen der Trauer. Wir waren
froh, als wir unter Dach und Fach waren.«
Einer der Capitaine, ein großer, schöner Mann, mit einem langen
schwarzen Sappeurbarte, war nicht nur verheirathet, sondern hatte auch
seine kleine blonde Frau, eine Rostockerin, mit auf die Fahrt genommen;
eine »Hochzeitsreise nach Konstantinopel« in glücklicher Mischung des
Nützlichen mit dem Angenehmen. Die Frau regierte natürlich, und zwar
nicht nur #ihren# Mann, sondern auch die sechs andern, was bei der
besondern Stellung, die sie einnahm, keinen Augenblick zu verwundern
war. Sie sprach ein leidliches Französisch, machte deshalb den
Interpreten und focht für die #Gesammtheit# alle Kämpfe siegreich
durch. Ihr Ehegespons war ihr eigentlich nur »beigegeben«. Dies hatte
seine gute Seite, aber doch auch seine schlimme. Ueberall wo die 7
Capitaine eintrafen, wurden 6 in’s Militairgefängniß abgeführt, der
siebente aber, der junge Gemahl, folgte seiner Frau in das beste Hotel
der Stadt und bezog Zimmer mit ihr. Er war ihr ≈ad latus≈. Dies, um es
zu wiederholen, hatte unzweifelhaft sein Angenehmes, aber ebenso wenig
ließ sich verkennen, daß der so Bevorzugte seiner Königin gegenüber
einer gewissen hofstaatlichen Abhängigkeit bereits völlig verfallen
war. Er wußte es übrigens selbst und trug es mit ritterlichem Anstand.
Wir trennten uns, nachdem wir einen gemeinschaftlichen ≈Café noir≈
eingenommen hatten, der, in richtiger Rollenvertheilung, meinerseits
aus Kaffee und Cognac, seitens der Capitaine aus Cognac und Kaffee
hergerichtet worden war.
Unter allen Gefangenen, mit denen ich durch Monate hin in Berührung
gekommen bin, waren die Schiffscapitaine (diese wie andere, denen ich
später begegnete) immer die behäbigsten, die am besten situirten, und
dennoch flößten sie mir stets eine ganz besondere Theilnahme ein. Dies
mochte darin seinen Grund haben, daß jeden Einzelnen sein Schicksal
völlig unvorbereitet, wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen
hatte. Selbst #ich#, bei aller Friedfertigkeit meines Berufs, war doch
immerhin mit dem Bewußtsein in Frankreich eingerückt, daß eben Krieg
sei und daß ich die Chancen und Gefahren des Krieges bis zu einem
gewissen Grade zu theilen haben werde. Anders diese Capitaine. Sie
hatten in tiefem Frieden ihren heimatlichen Hafen verlassen, in tiefem
Frieden Gibraltar und die Dardanellen passirt, und sahen sich, ohne die
geringste Kenntniß von dem, was sich inzwischen in der Welt zugetragen
hatte, plötzlich unter Breitseiten genommen und fortgeführt. Man kann
sagen, sie waren noch eher Kriegs#gefangene#, als sie vom Kriege selber
wußten.
Noch am Abend des Allerseelentages theilte mir mein ≈gardien-chef≈ mit,
daß ich am andern Morgen weiter escortirt werden würde, wahrscheinlich
nach Moulins. Er lud mich zugleich ein, ihn auf eine halbe Stunde in
seiner Wohnung zu besuchen. Ich folgte der Einladung und erfuhr die
Auszeichnung, daß mir zu Ehren eine große papperne Kathedrale, die von
einem Zellengefangenen angefertigt worden war, durch ein kleines
Wachslicht erleuchtet wurde. Ich bewunderte alles, verbreitete mich
ausführlicher über Architekturformen, Wachslichte und Isolirhaft und
nahm dann Abschied von meinem freundlichen Wirth und Chef.
Ich kroch zum letzten Male unter das Plumeau und schlief wie in meinen
besten Tagen.
3. Moulins.
Was ist das?! Deutlich (nur getrübt
Vom Dunst der hin und wieder schiebt)
Ein Tisch, ein Licht, in Thurmes Mitten,
Und nun, nun kömmt es hergeschritten,
Ganz wie ein Schatten an der Wand,
Es hebt den Arm, es regt die Hand, —
Nun ist es an den Tisch geglitten.
Annette Droste-Hülshoff.
Sieben Uhr am andern Morgen nach Moulins. Die Stadt (Lyon) war noch
ziemlich still; auf dem großen Platze, an dessen einer Seite unsere
Straße mündete, sah ich jetzt das Reiterbild des ersten Kaisers im
Morgenlichte aufragen; an der Stelle aber, wo ich bei meiner Ankunft
tausend im Wasser sich spiegelnde Lichter gesehen zu haben glaubte,
exercirte jetzt eine ganze Brigade Mobilgarde in breiten Zugfronten;
was mir bei Dunkel und niederfallendem Regen als das Bett der Rhone
erschienen war, war eine breite, mit Bäumen und Obelisken besetzte
Esplanade. Man achtete unserer wenig; einige Hälse drehten und reckten
sich nach uns, ein paar Minuten später hatten wir unsere Plätze im
Coupé eingenommen.
Das Land war ziemlich reizlos auf viele Meilen hin. Ich begann schon
die Ursache davon in mir selber zu suchen und einfach anzunehmen, daß
das Auge des Gefangenen todt sei für die Schönheiten der Natur, als ich
plötzlich, etwa an der Grenze des Departements Allier, gewahr wurde,
daß es doch an der Landschaft und nicht an mir selber gelegen haben
müsse. Wir traten mehr und mehr in ein entzückendes Stück Natur ein,
das ich vielleicht am besten als das »Land um Vichy« bezeichne, denn an
diesem berühmten Brunnen- und Badeort kamen wir auf Entfernung von
wenigen Stunden vorüber.
Ich muß die Scenerie dieses Departements Allier, die mir ganz
eigenthümlich zu sein schien, näher zu beschreiben suchen. Alle
Landschaft, die ich bis dahin in Frankreich gesehen hatte, in
Lothringen, Champagne, Franche Comté, war durch wenige Linien
wiederzugeben: weite Höhenzüge und weite Thäler dazwischen. Eine
Landschaft derart entbehrt nicht eines gewissen großen Stils, aber
immer wiederkehrend, immer in derselben Weise mit Wein oder Laubholz
besetzt, wirkt sie zuletzt monoton und giebt sich — weil alles große
Flächen bietet, selbst die Berghänge — um vieles öder, trister, als sie
in Wahrheit ist. Hier plötzlich nun traten wir in ein Gebiet ein, das
sich vorgesetzt zu haben schien, diese bisherigen Eindrücke alle auf
einen Schlag zu balanciren. Die Hügel schoben und #drängten# sich so
#dicht# aneinander, als wären sie aus einer Riesenspielzeugschachtel
genommen, während sie in Zahl und Form mich beständig an die endlosen
Kuppen und Kegel des historischen Dreiecks zwischen Main und Tauber
erinnerten. Aber diese #Gedrängtheit# der Landschaft war doch nur
#eine# Seite derselben; schöner und charakteristischer noch berührte
mich der tiefe, flußdurchschlängelte Wiesengrund, der sich um jeden
Hügel sorglich herumlegte und diesen, wie mit Bewußtsein, zu einer
kleinen Berginsel gestaltete. Dazu hatte alles einen satten,
#braungrünen# Ton, der mich mehr als einmal an Ruysdael erinnerte, von
dem ich noch 4 Wochen vorher einiges Treffliche in Nancy gesehen hatte.
Bei St. Marie des Fosses war ein längerer Aufenthalt; wahrscheinlich
die Station, von wo aus in ruhigen Zeiten die Diligencen und
Journalieren nach Vichy hinüberfahren; riesige, halb abgerissene
Affichen deuteten darauf hin. Eine Stunde später fuhren wir in den
Bahnhof des Bischöflichen Moulins ein.
Ein Bischofssitz! das war eins. Vor allem aber heimelte der Name mich
an; was konnte reizender klingen als #Moulins#. Ich stellte es mir vor
als von Wind- und Wassermühlen umgeben, die einen still und lauschig,
die andern rasch und plauderhaft, und dazwischen eine Bevölkerung von
Klosterschülern und Mühlknappen, die einen schwarz, die andern weiß,
aber alle gleichmäßig heiter, ihr Leben theilend zwischen Singen und
Angeln. Nie war eine Vorstellung falscher gewesen.
Schon auf dem Bahnhofe (es war 4 Uhr Nachmittags) wurden wir umringt.
Der Weg führte durch eine Vorstadt, die zu gutem Theile aus dem
Stadtpark und ähnlichen Anlagen bestand; hier, auf zahllosen Bänken,
war die Kindermuhme und ihr Anhang zu Hause, hier tobte der Gamin statt
des erwarteten stillen Klosterschülers, und ehe 5 Minuten um waren,
hatten wir ein Gefolge, das nach Hunderten zählte. Allerhand Blaukittel
gesellten sich hinzu, drohende Worte aussprechend, und während wir
sonst daran gewöhnt waren, unsere Gensdarmen das neugierig andrängende
Volk bei Seite schieben zu sehen, zeigten sie hier eine unverkennbare
Verlegenheit und ließen den tobenden Menschenhaufen gewähren. So ging
es in die Stadt hinein, ein paar steile Gassen hinan, dann hatten wir
die Straßenfront des Gefängnisses, ein Stück Mauer mit einem
eingebauten Conciergenhaus, erreicht. Unter Gezische und den üblichen
Schmeichelworten verschwanden wir in dem niedrigen Portal.
Hier war kaum Aufenthalt. Wir traten alsbald auf einen Hof hinaus, der
von verschiedenen Baulichkeiten, kreuz und quer und hoch und niedrig,
umstellt war und warteten unseres Looses. Der
Gensdarmerie-Wachtmeister, dem ich meine mehrerwähnte »Bestallung«
schon vorher überreicht hatte, machte inzwischen vor dem
Büreau-Personal meinen Anwalt; einer der Herren zuckte verlegen die
Achseln, kam mir aber bis zur Schwelle entgegen und bat mich
einzutreten. Ich folgte. Es zog auf dem Hofe empfindlich; nichts
destoweniger wär’ ich lieber draußen geblieben, so stickig war die Luft
des kleinen Zimmers, in dessen einer Ecke ich Platz nahm. Ein eiserner
Ofen, gegen dessen ganzes Geschlecht ich eine Todfeindschaft
unterhalte, stand glühend in der Mitte und das Kohlengas legte sich wie
betäubend um meine Sinne. Ich wurde aber mit Gewalt aus diesem Zustand
gerissen; ein elegant gekleideter Herr, stark, kurzhalsig, das Bild des
Apoplektikus, erschien in der Thür und trat auf mich zu. Er musterte
mich; das Kinn saß ihm in einem türkisch geblümten Shawl, das bekannte
rothe Band blühte im Knopfloch; so entspann sich folgende knappe
Unterhaltung:
≈Vous êtes arrêté?≈
≈Oui.≈
≈Où donc?≈
≈A Domremy.≈
≈Comme espion?≈
≈Oui.≈
≈Que vous êtes?!≈
Ich hatte nicht Geistesgegenwart genug, einfach zu schweigen, sondern
lehnte diese Bezeichnung kurz ab. Dies war offenbar ein Fehler.
Indessen man ist klüger, wenn man vom Rathhause kommt. Die Unterredung
selbst habe ich hierher gesetzt, weil sie die #einzige# Insolenz ist,
der ich während der ganzen Zeit meiner Gefangenschaft ausgesetzt
gewesen bin. Ich hatte viel zu ertragen, auf noch mehr zu verzichten,
aber nach #dieser# Seite hin wurde ich geschont.
Inzwischen hatten die Beamten, denen mein Patent wieder viel Sorge
gemacht hatte, über mich »befunden« und waren schlüssig geworden, daß
ich, in meiner Eigenschaft als »≈officier supérieur≈«, in der
Infirmerie des Hauses untergebracht werden solle. Man entschuldigte
sich einigermaßen, daß man nichts Besseres habe; das ganze Gefängniß
sei ein alter Donjon der Grafen von Bourbon; sehr mittelalterlich, eine
Art »Bastille«. »≈Tout-à-fait dans le style #avant# 1793≈«, setzte der
Eine lächelnd hinzu.
Wir stiegen nun eine Art Wendeltreppe hinauf, wie sie alle alten Thürme
haben, geriethen auf einen holprigen Steinflur, der von der Seite her
durch ein kleines rundes Thürfenster ein spärliches Licht erhielt, und
tappten nun auf eben diese Lichtstelle zu. Es war die »Infirmerie«. Der
Schließer schob einen Riegel zurück und wir traten ein. Ich konnte im
ersten Augenblick, bei dem Dunkel, das auch #hier# noch vorherrschte,
nur wahrnehmen, daß wir uns in einem ungewöhnlich großen Raum befanden;
ob Saal, Halle, oder Kornboden war zunächst nicht zu unterscheiden.
Schreck und Heiterkeit wechselten in meiner Stimmung; alles war
gespenstisch und lächerlich zugleich. E. T. A. Hoffmann hätte hier eine
glückliche Stunde feiern können. Auch in mir überwog bald ein gewisses
poetisches Interesse jede andere Regung. Der Schließer führte mich an
einen Bettstand, der für mich hergerichtet worden war, legte mein
Gepäck zu Füßen und wünschte mir gute Nacht.
Ich setzte mich neben mein Bündel auf die Eisenkante des Bettes, um
zunächst einige Orientirung zu gewinnen. Dies dauerte auch nicht lange.
Es war eine mächtige, quadratische Halle, in der ich mich befand, mit
tiefen Fensternischen und zahlreichen Bettständen; alle mit dem
Kopfende der Wand zu. Mitten durch den Raum, nach Art einer Brücke, war
ein großer Bogen gespannt, der ein zweites Stock trug. Unter diesem
Bogen, genau im Centrum des Ganzen, stand ein flacher Kochofen, aus
dessen drei Löchern ein Lichtschein aufstieg, derselbe, der uns, als
wir noch draußen umhertappten, den Weg hierher gezeigt hatte. Jetzt sah
ich, bei eben diesem Schimmer, daß drei vermummte Gestalten um den Ofen
her saßen. Mitunter, wenn einer der drei mit einem Schüreisen in die
Gluth fuhr, wurd’ es auf einen Moment etwas heller und ich konnte dann
erkennen, daß es blutjunge Leute waren, die hier fröstelnd und
zusammengekauert sich an der spärlichen Gluth zu wärmen suchten. Ich
trat jetzt an sie heran. Einer erhob sich, um mir seinen Stuhl
anzubieten, was ich auch annahm. Ich versuchte nun eine Conversation;
die Antworten blieben aber einsilbig, bis aus einer Ecke am Fenster her
endlich meine Unterhaltungsversuche aufgenommen und ich verbindlich
eingeladen wurde, »doch mehr ins Licht zu rücken«.
Dies hätt’ ich nun wohl gleich bei meinem Eintreten gethan, wenn die
Ecke am Fenster damals schon eine Lichtecke gewesen wäre; sie war es
aber erst während der letzten Minute geworden, wo, nach mehreren
gescheiterten Versuchen, eine Art Küchenlampe glücklich in Brand
gesetzt worden war. Ich dankte jetzt dem Sprecher zunächst und rückte
dann in den Lichtkreis ein, der einen Durchmesser von 4 Schritt haben
mochte; alles andere lag nach wie vor in Dämmer.
Ich befand mich nunmehr in dem Westend der Infirmerie, in dem
»aristokratischen Viertel«, das, wie ich bald erfahren sollte,
ausschließlich aus den beiden »≈cuisiniers≈« des Gefängnisses bestand.
Im ersten Augenblicke wußte ich nicht, ob sie Haus-Beamte oder
Mitgefangene wären, doch ließen ihre eigenen Mittheilungen mich nicht
lange in Zweifel darüber. Mein- und Dein-Fragen, falsche Wechsel,
unmotivirte Schwüre, so schien es mir, hatten sie hierher geführt. Es
war ein Junger und ein Alter. Der #Junge# war Koch von Fach, hatte in
Homburg, Aachen, Baden-Baden die große Schule durchgemacht und peinigte
mich durch lange Schilderungen des Koch- und Bade-Lebens, die er mit
Fistelstimme und einer unheimlich geschraubten Begeisterung vortrug.
Gemüthlicher war der #Alte#. Er war über sechszig, trug eine Brille mit
ungewöhnlich großen Gläsern und war seines Zeichens ein lateinischer
Sprachlehrer aus Moulins. Seit Jahr und Tag kochte er nun als
Auxiliar-cuisinier die Gefangenensuppe und behandelte den Wechsel der
Dinge ≈en philosophe≈. Dabei republikanisirte er scharf. Ich mußte
immer an »Vater Karbe« denken. Den Verdacht, daß er eigentlich ein
verkleidetes altes Weib sei, was das Gespenstische steigerte, bin ich
übrigens nie ganz los geworden. Doch mag das auf sich beruhn.
Dieser Alte dirigirte nun die Infirmerie. Er hatte Streichhölzer, Salz,
zwei Handtücher und ähnliche Luxusartikel; sein eigentliches Ansehn
beruhte aber doch auf seiner »Bibliothek« und vor allem auf jener
Küchenlampe, die ich ihn eben hatte anzünden sehen. Diese Lampe wurde
denn auch von ihm selber, wie von allen Mitgefangenen gehegt und
gepflegt; alles putzte an ihr herum, um sie hübsch blank zu erhalten,
und rührend war es geradezu, mit welcher Liebe und Zartheit ihr
defekter Cylinder behandelt wurde. Anderthalb Stunden lang, wie ich
mich am andern Tage überzeugen konnte, drehte sich alles um ihn. Der
Cylinder (ein sogenannter Bauchcylinder) hatte nämlich außer den ihm
rechtmäßig zustehenden zwei Löchern oben und unten, noch zwei
Seitenlöcher gerade an der Bauchstelle und diese Havarie immer wieder
auszubessern war die Aufgabe aller Insassen der Infirmerie, besonders
der beiden Cuisiniers. Es wurden zwei Stückchen Papier geschnitten von
der Größe einer Kartoffelscheibe und am Rande hin mit angefeuchteten
Oblatenschnitzeln besetzt. Dies kunstvoll hergerichtete Pflaster wurde
dann auf die große Wunde gelegt, der gestörte Luftzug war nun wieder
hergestellt und alles drängte sich an den Tisch, um das abermals
gelungene Werk zu begrüßen. So war es am zweiten Tag.
Auch gleich der erste Abend, trotzdem alles schon geschehen war, ließ
mich noch Einblick gewinnen in eine »Reparatur«. Der Alte, der (schon
von Metier wegen) an Klassizität meinem ≈penseur libre≈ in Besançon
wenig nachstand, unterhielt mich eingängig noch eine halbe Stunde; dann
ging ich zu Bett. Am Fenster brannte das Lämpchen und hatte seinen
Lichtkreis. In diesem Lichtkreis saß der lateinische Lehrer und
Auxiliar-Koch und las in Rabou’s »≈La grande Armée≈«. Weißhaarig, die
große Brille auf der großen Nase, sah er aus wie eine Eule. In dem
weiten Rest des Zimmers herrschte Dämmerung. Das Feuer in dem Kochofen
wurde immer kleiner; wenn einer der drei Umsitzenden aufstand und auf
und ab schritt, tanzten riesige Schatten an Wand und Decke hin. Es war
wie die Laterna magica in Kindertagen. Das Getrappel über uns, wo
Gefangene auf und ab liefen, um sich zu erwärmen, hörte endlich auf;
alles wurde still. Nur die Cylinderlampe brannte dankbar die Nacht
hindurch.
Als ich aufstand, waren die Cuisiniers nicht mehr zugegen; der
Küchendienst hatte sie bereits abgerufen. Statt ihrer machten sich
jetzt die Drei, die am Abend vorher beim Kochofen so tapfer ausgehalten
hatten, im Zimmer zu schaffen, wuschen, fegten, lüfteten und beeilten
sich, mir meine Wünsche zu erfüllen, mein Leben erträglich zu machen.
Ich ließ Wein und Cognac kommen, und half dadurch ihrem Eifer nach. Sie
versicherten sämmtlich, daß ihre Krankheit (wir waren ja in einer
»Infirmerie«) darunter nicht leiden würde. Der eine, ein Luxemburger,
hatte die Gelbsucht. Ich lasse dahin gestellt sein, ob der Hausarzt
später die Zustände gerade #dieses# Patienten verbessert gefunden hat.
Um 10 Uhr war ich so weit, mich, ein Buch in der Hand, in eine der
großen Fensternischen setzen zu können. Diese Nischen hatten über 7 Fuß
Tiefe. Zu Füßen des alten Donjon lag Moulins, jetzt so schön und
lachend, wie ich es mir vordem gedacht hatte. Um die goldenen Spitzen
seiner Cathedrale spielte das Frühlicht und durch den Schimmer hin
flogen die Tauben.
Ich begann zu blättern. Es war das Buch, das der Alte bis spät in die
Nacht hinein emsig studirt hatte: »≈La grande Armée≈«. Ich las 50
Seiten: das Lager bei Boulogne, die Capitulation von Ulm, Austerlitz,
zuletzt Jena, — nach diesem hatte ich genug; ich war verstimmt. Und ich
glaube mit Grund. »Solche Bücher,« sagt’ ich mir, »schreibst Du selbst.
Sind sie #ebenso#, so taugen sie nichts. Die bloße Verherrlichung des
Militairischen, ohne sittlichen Inhalt und großen Zweck, ist
widerlich.« Damit klappte ich das Buch zu und sah wieder auf die
Cathedrale hinüber.
Dann machte ich meinen Spaziergang von Thür zu Fenster und von Fenster
zu Thür, bis um Mittag die ersehnte Nachricht kam, »morgen früh weiter
ins Land hinein«.
Wohin, wußte Niemand.
4. Gueret.
Der König, der nie stirbt, soll aus der Welt
Verschwinden? der dem Schwachen beisteht,
Der den #Neid# nicht kennet, denn er ist der Größte!
(Jungfrau von Orleans.)
Nach meiner Berechnung mußte die Weiterreise auf #Tours# gehen, also
nach dem Sitz der »provisorischen Regierung«. Ich wünschte dies, und
hatte bereits eine Anrede an den Minister Cremieux fertig, der dann,
dacht’ ich, seinem Collegen Gambetta ein paar Worte zuflüstern und nach
zustimmendem Kopfnicken dieses letztern, meine Freilassung anordnen
würde. All dies scheiterte aber vorweg an #einer# unerbittlichen
Thatsache: es ging #nicht# auf Tours. Die nächste Etappe hieß #Gueret#.
Die Fahrt dorthin war insoweit eine höchst angenehme, als das
Landschaftsbild, das ich zum Beginn des vorigen Kapitels zu beschreiben
versucht habe, sich fortsetzte. Dicht in einander geschobene Berg- und
Hügelpartien, schmale Wiesengründe, Wasserläufe, dazwischen Tunnel,
Brücken, Viadukte, die Kuppen und Abhänge mit Kastanien, Nußbaum und
den verschiedensten Obstarten, aber #nicht# mit Weingeländen besetzt, —
so ging es durch diese schönen, aber verhältnißmäßig wenig fruchtbaren
Landschaften hin, die den Namen des Departements »≈La Creuze≈« führen.
Am Mittag schon, bald nach 1 Uhr, trafen wir in Gueret ein. »Ein
freundliches Städtchen«, hatten uns die Gensdarmen gesagt, die ihrer
Sache selbst so sicher waren, daß sie die Karabiner, die mir immer mehr
fürs Volk als für uns da zu sein schienen, auf dem Bahnhof ließen, also
uns nahezu unbewaffnet in die Stadt begleiteten. Diese steckte reizend
in den Bergen; hier und dort wuchs ein Thurm, eine Esse über die
Pappeln hinaus und graue Rauchwolken lagen wie schwebend, fast
unbeweglich, in der stillen, regenschweren Luft. Wir passirten eine
Plantage, einzelne Gehöfte, Niemand zeigte sich; mit dem Eintreten in
die Stadt aber gestaltete sich das Bild wie immer. Hunderte von Jungen,
die in dem scheinbar menschenleeren Ort wie Pilze aus der Erde wuchsen,
umdrängten uns im Nu, alte Weiber, von denen jedes einzelne in eine
beliebige Macbeth-Aufführung ohne die geringste Kostüm-Veränderung
hätte eintreten können, erschienen in allen Thüren und unter dem
Geschrei: Bismaarck, Bismaarck (immer mit langgezogenem a) verschwanden
wir endlich im Gefängnißthore. Ich muß übrigens hinzufügen, daß das
Ganze doch mehr den Charakter einer Volksbelustigung hatte. Gueret
bezeichnete in dieser Beziehung die Grenze. Von da ab wurde es immer
besser, bis zuletzt, auf dem Küstenstriche des Westens, jeder Beisatz
von Verbissenheit aufhörte.
Das »Büreau« des Gefängnisses bestand aus drei Personen, aus dem
Schließer, dem ≈gardien-chef≈ und der Frau dieses letzteren, einer
großen braunäugigen Person von etwa sechsunddreißig, die nach der Art,
wie sie uns musterte, eine Vergangenheit haben mußte. Selbst mit einer
Lücke neben dem einen Augenzahn wußte sie geschickt zu kokettiren; sie
gehörte eben zu denen, denen #alles# dienen muß, die oberen und die
unteren Mächte. Ihr Beistand schien mir gewichtig. Ich machte einen
Versuch, mich ihrer zu versichern, doch hatte sie Verstand und
Erfahrung genug, um einen jungen Badenser mit Vollbart und rothen
Backen vorzuziehen.
Inzwischen war mein vielcitirtes Beglaubigungspapier (»≈comme officier
supérieur≈«) wieder vorgezeigt worden und schuf hier eine völlige
Verwirrung. Man wußte offenbar nicht, was man daraus machen sollte. Die
ganze Scene erinnerte mich lebhaft an die Vorgänge, die sich in kleinen
Badeörtern mit Filial-Apotheken regelmäßig zu wiederholen pflegen, wenn
Lehrling, Gehülfe, Prinzipal das aus der großen Stadt kommende Rezept
nicht entziffern, das neueste Modemittel nicht errathen können und nach
langem Getuschel und Aufwand einiger Fremdwörter endlich erklären: ein
solcher Arzneikörper existire nicht. So schien auch der ≈gardien-chef≈
entschlossen, nicht geradezu die Existenz eines officier supérieur,
aber doch die Verpflichtung seinerseits bestreiten zu wollen, in
#seinem# Gefängnisse einen solchen unterzubringen. Man kam endlich
überein, gar nichts zu thun und mir die Initiative zu überlassen.