Ich hob schon hervor, wie gleichgültig mich der Wechsel der äußern

Glücksumstände, der Wegfall des sogenannten Comfort berührte; ich fand

bald heraus, daß sich bei einer dünnen Fleischbrühe, einem Glase

Landwein und einigen Schnitten Weißbrod sehr wohl leben lasse, im

Grunde genommen besser als bei Majonnaisen und Nußtorte. Beiläufig eine

furchtbare Zusammenstellung, die durch einen zwischengeschobenen

Rehrücken nicht besser wird. Tag um Tag wurde ich an den Ausspruch

eines gefeierten Wiener Arztes erinnert, der mir vor Jahren

versicherte, »daß er erst Herr seiner Zeit und seines Geistes geworden

sei, seitdem er von einer Tasse Bouillon, etwas Brod und einigen Rüben

oder Erdäpfeln lebe.« Ich meinerseits trank viel #Thee#, aber nur um

mich zu erwärmen und durch Wärme gesund zu erhalten; von Wohlgeschmack

konnte bei dem seltsamen Gebräu, das auf der Citadelle von Besançon den

Namen »Thee« usurpirte, keine Rede sein.

So gleichgültig wie gegen allerhand »Lebensbedürfnisse«, die

schließlich eben #keine# Lebensbedürfnisse sind, beobachtete ich mich

auch gegen gewisse Ansprüche und Feinfühligkeiten des #Ehrenpunktes#.

Was mir, vier Wochen früher, ganz speziell auch auf #diesem# Gebiete

als eine Lebens-Unerläßlichkeit erschienen wäre, erschien mir jetzt als

Luxus und weil als Luxus auch als entbehrlich und abthubar. Dies

überraschte mich, als ich erst dazu kam, über diese Dinge nachzudenken,

am meisten; doch haben mir andere seitdem versichert, daß sie dieselbe

Gleichgültigkeit gegen all diese mannigfachen Formen und Scenen der

Erniedrigung, die eben keinem Gefangenen erspart werden, empfunden

hätten. Das durch die Straßen Geschleppt-, das Angegafft- und

Angestarrtwerden, das Geschrei und Gejohle des Pöbels, die

zudringlichen Fragen, das Hutabziehen- und Geradestehenmüssen, das

Abgezählt werden bei erhobener Laterne, all das war lästig,

bedrücklich, zu Zeiten #sehr# unangenehm; ich kann mich aber keines

Momentes entsinnen, wo ich all dies als ehrenrührig empfunden hätte.

Die Gefangenen, auf ihrem Transporte quer durchs Land, wurden meistens

gekettet; ich wartete ruhig auf den Moment, wo mir ein gleiches Loos

zufallen würde. Es blieb aus, es blieb mir erspart. Ich weiß aber, daß

auch #das# mich in meinem Gleichmuth wenig gestört haben würde. Man hat

das Gefühl des völligen Preisgegebenseins, des Ueberantwortetseins auf

Gnade und Ungnade und empfindet deutlich, daß die Uebergriffe, die sich

der Machthaber erlaubt, wohl die #Ehre dieses Machthabers, nicht aber

die eigene treffen können#. Vieles zudem, was Flitter ist, wird in

solchen Momenten als Flitter erkannt. Das Meiste, worin wir stecken,

ist #konventionell#! Der Stein des Gassenbuben, der gegen uns erhoben

wird, mag alles treffen, nur unsere Ehre nicht. Wie eine Zauberformel,

die hieb- und schußfest macht, schützt uns das alte: ≈Sancta

simplicitas.≈

Ich litt nicht unter dem Wegfall dessen, was man mit größerem oder

geringerem Recht als die künstlich gesteigerten Ansprüche einerseits

des Wohllebens, andererseits eines gewissen Gefühls-Luxus, ansehen

kann, aber ich litt dafür unter dem Wegfall #solcher# Dinge, die sich

der gebildete Mensch recht- und #pflicht#mäßig zur zweiten Natur

gemacht hat, unter dem Wegfall der Sauberkeit und alles dessen, was zum

geistigen Bedürfniß gehört.

Die Unmöglichkeit einer gewissen, wenn auch bescheidentlichen Pflege

des Körpers wurde peinlich genug von mir empfunden, und diese

Empfindung glaub ich, hat man nicht als etwas künstlich

Hinaufgeschraubtes anzusehen. Es ist Pflicht, auf eine Reihenfolge,

oder eine bestimmte Zubereitung von Schüsseln, wie bescheiden diese

immerhin sein mögen, auf launenhafte, unmotivirte Angewöhnungen, vor

allem auf alles, was den Charakter der #Verwöhnung# trägt, verzichten

zu können, aber es ist #nicht# Pflicht, #nicht# in der Ordnung, sich

gegen die Wasch- und Wasserfrage in allen ihren Stadien, in gleicher

Weise gleichgültig zu stellen. Es giebt freilich, und dies ist nicht

ironisch gemeint, einen äußersten Erhabenheits-Standpunkt, wo auch

#dies# wieder als ein Aeußerliches und Gleichgültiges abfällt, wie die

Geschichte der Märtyrer und der Heiligen lehrt, aber mit diesem Maße

hat der moderne Mensch nicht Anspruch gemessen zu werden. Für uns

liegen die Dinge so, daß mit dem Gefühl des äußerlichen Unsauberseins

mehr und mehr auch die Vorstellung einer gewissen innerlichen

Unreinheit über uns kommt, ein Gefühl, das uns gradatim allen Muth und

alle Zuversicht raubt, und uns schließlich dahin bringt, im tiefsten

Mißtrauen gegen uns selbst, jede Unbill als etwas Selbstverständliches

und Wohlverdientes hinzunehmen.

Ich litt hierunter, während der ersten Wochen in Besançon, wie schon

angedeutet, ziemlich erheblich; worunter ich aber doch noch mehr litt,

das war, daß auch meinem Geiste alles frische Wasser genommen wurde,

sich drin zu erlaben; die Berührung mit geistig Ebenbürtigem hörte auf

und ich verfiel der Phrase, dem Geschwätz, der Trivialität. Es bildete

sich eine Conversationsform aus, die ich als Greffier-, Schließer- und

Gensdarmen-Unterhaltung bezeichnen möchte, eine unsagbar schreckliche

Form geistigen Verkehrs, immer dasselbe, so daß ich zuletzt genau

berechnen konnte: »jetzt kommt das«. Der Wiederkäuungsprozeß erreichte

Grade, daß man sich das Leben hätte wegwünschen mögen. Das Aufsagen

meines auswendig gelernten Spruches von: »Reise auf den

Kriegsschauplatz, Anwesenheit in Toul und Verhaftung in Domremy«, weil

es sich hierbei um #Tatsächliches# handelte, um Realitäten, die Niemand

besser kannte, als ich, war dabei lange nicht das Schlimmste. Das

Schlimmste war die Conjectural-Strategie und die in den Wolken

schwebende hohe Politik, die ich ≈nolens volens≈ treiben mußte! Fragen,

über die sich Generalstab und Cabinet bis diese Stunde den Kopf

zerbrechen, hatte ich längst gelöst. Ich ließ beständig Armeen

marschiren, diese Armeen immer neue Curven und Schleifen bilden,

hunderttausende von Franzosen wurden bald hier, bald dort

gefangengenommen und nur drei Generale ließ ich als widerstandsfähig

und selbst gefahrdrohend für uns gelten, die alten Wintergenerale:

Dezember, Januar und Februar. So viel als Stratege. Meine

eigentlichsten Unthaten verübte ich aber doch als Taschen-Bismarck. Ich

schrieb die Waffenstillstands-Paragraphen, entwarf Präliminarien,

setzte den Tag des Friedens-Abschlusses auf 24 Stunden ganz genau fest

und zog die künftige Grenzlinie zwischen Frankreich und Deutschland mit

einer Sicherheit, die nur durch meine genaue Berechnung der

Kriegskosten übertroffen wurde. Ich habe (sonst gewissenhaft und

beinahe peinlich in Sachen der Unterhaltung) während dieser

Gefängnißwochen wahre Berge von Schwatzsünden auf mein Haupt geladen

und muß dennoch schließlich mich selber wieder dahin rechtfertigen, daß

ich nicht gut anders konnte, wenn ich nicht durch kühle Reservirtheit

alle Wohlgeneigtheit meiner Machthaber einbüßen wollte. Ich hatte

beständig ein Gefühl der Scham und des Unwürdigen, das in diesem

Auftischen vager, fundamentloser Hypothesen und willkürlicher

Redensarten lag, und dennoch

... war es Sünde,

So es noch einmal vor mir stünde,

Ich thät es wieder, thät es doch.

[Illustration]

»≈Comme officier supérieur.≈«

1. Von Besançon bis Lyon.

An der duftverlornen Gränze

Jener Berge tanzen hold

Abendwolken ihre Tänze.

* * *

Trübe wirds, die Wolken jagen

Und der Regen niederbricht.

Lenau.

Die letzten dreimal 24 Stunden meiner Gefangenschaft in Besançon

hatten, wie zu Eingang des vorigen Kapitels bereits bemerkt, ein

heitereres Kleid getragen als die vorausgehenden Wochen, freundlichere

Tage bereiteten sich für mich vor, wenngleich ich, in demselben Moment,

in dem sie begonnen, die bis dahin immer noch gehegte Hoffnung auf das

Bourgautsche »≈renvoyé dans votre pays≈« zu Grabe tragen mußte. Meine

#Freisprechung# erfolgte, aber nicht meine #Freilassung#. Ich habe bei

diesen Vorgängen noch einen Augenblick zu verweilen.

Am 15. Tage meiner Gefangenschaft erschien der Citadell-Kommandant,

mein besonderer Freund und Fürsprecher, in der großen Kasematten-Halle,

um mir mitzutheilen, daß sich das Kriegsgericht inzwischen von der

Wahrheit meiner Aussagen, will also sagen von meiner vollständigen

Unschuld, überzeugt habe. Der General indessen sei nichts destoweniger

der Ansicht, daß ich als Kriegsgefangener im Lande verbleiben müsse.

Wie aus meinem Notizbuche, meinen Papieren und meinen eigenen Angaben

hervorgehe, sei ich nicht nur mit vielen preußischen Offizieren

bekannt, sondern habe auch »militairische Augen«, denen die Zustände

und Vorgänge im Lande, die Befestigungen und Truppenbewegungen nicht

entgangen sein würden. Darauf hin sei es unmöglich, mich in meine

Heimath zu entlassen; ich würde vielmehr, mit einer Anzahl badischer

Gefangener, nach der Insel Oléron im atlantischen Ocean transportirt

werden.

So freundlich diese Worte gesprochen wurden, so trafen sie mich doch

zunächst sehr hart. Ich hatte mich eben immer noch mit Illusionen

getragen. Der Kommandant nahm dies wahr und gütigen Sinnes fuhr er

fort: »ich bin im Uebrigen erfreut, die böse Nachricht, die ich Ihnen

bringen mußte, durch eine gute einigermaßen balanciren zu können. Se.

Eminenz der Cardinal hat sich für Sie verwandt. Sie werden in Folge

dieser Verwendung als ≈officier supérieur≈ angesehen und bei ihrem

Eintreffen auf ≈île Oléron≈ einer relativen Freiheit theilhaftig

werden; Sie werden sich auf der Insel ungehindert bewegen können. Die

Bevölkerung der Westdepartements, besonders der Inseln, ist

liebenswürdig, gastfrei, human. Ich werde Ihnen zudem eine Empfehlung

an einen Freund und Verwandten mitgeben. Ihre Abreise wird sich noch

einige Tage hinausschieben; bis dahin aber werden Sie bereits all der

Vorrechte theilhaftig sein, die Ihnen von diesem Augenblick an

zuständig sind. ≈Mr. le Principal≈ (dies war die euphemistische

Bezeichnung für den Greffier) wird das Weitere veranlassen.« Ich

dankte; ein Soldat nahm mein Bündel und, unter Händeschütteln von

meinen Mitgefangenen Abschied nehmend, übersiedelte ich nunmehr

unverzüglich in das, auf einem anderen Citadellhofe gelegene,

aristokratische Viertel.

Ich blieb hier noch drei und einen halben Tag. Das Leben gewann wieder

Reiz; ich konnte schreiben, Zeitungen lesen, mich sammeln, ungestört

meinen Gedanken nachhängen. Es waren glückliche Tage. Meine besondere

Freude war der Kommandant, dem ich, wie schon erwähnt, von Anfang an so

viele Freundlichkeit zu verdanken gehabt hatte. »≈He took a fancy for

me.≈« Freilich hatte ich für diese Freundlichkeit auch meinerseits

schwer zu zahlen, denn eine Nachmittagsconversation, die nie unter zwei

Stunden, einmal aber volle #vier# Stunden dauerte, war eine Anstrengung

für mich, an die ich mit einem leisen Schauder zurückdenke. Es trat

dabei schließlich, mal für mal, ein Zustand völliger Erschöpfung ein,

in dem ich schon längst nicht mehr einen Gedanken, aber zuletzt auch

kein einzig Wort mehr finden konnte. Wie immer dem sei, es war

wohlgemeint, und ich befand mich genau in einer Lage, in der mir das

Wohlwollen eines Menschen, noch dazu eines Vorgesetzten, #Alles#

bedeuten mußte.

Am 29. Oktober, drei und eine halbe Woche nach meiner Gefangennehmung

in Domremy, wurde ich in meine eigentliche Kriegsgefangenschaft, »≈far

in the West≈« abgeführt. Die Reise quer durchs Land, so lehrreich, so

anregend, so bedeutungsvoll sie war, war doch ein neues Schreckniß. Wer

als Kriegsgefangener durch Frankreich geschleppt worden ist, weiß, was

das sagen will. Die Begegnungen und Erlebnisse auf dieser zehntägigen

Reise gebe ich nun in diesem zweiten Abschnitt.

Sechs Uhr früh (am 29.) traten wir auf dem Hofe an, außer mir noch 5

kriegsgefangene Badenser. Im Geschwindschritt ging es den Berg

hinunter, an Jesuitenkirche und Kommandantur vorbei, auf den Bahnhof

hinaus. Die Bevölkerung ließ uns ruhig ziehen. Der Nebel fiel fast wie

ein Regen.

Von Besançon bis Lyon werden noch nah an 30 Meilen sein. Die Landschaft

bot anfangs nichts Besonderes, nur wo wir Flüsse zu passiren hatten,

zeigten sich Bilder von eigenthümlichem Reiz. An den Ufern hin, oft auf

Landzungen, die sich bis in die Mitte des Stroms erstreckten, erhoben

sich schloßartige Gehöfte mit Rundthurm und Spitzdach; hohe

italienische Pappeln, die alle noch ihr herbstlich gelbes Laub trugen,

bildeten die Avenuen oder standen in Gruppen um das Gehöft umher; es

berührte mich, als wäre ich all diesem auf Gallerien, in breitem

goldenen Rahmen schon mal begegnet.

So ging es 15 oder 20 Meilen weit. Da änderte sich das Bild. Wir hatten

die Jura-Kette blau und duftig zur Linken, nach rechts hin dehnte sich

ein Flachland, eine fruchtbare Niederung, von Waldstreifen und kleinen

Höhenzügen coulissenartig durchzogen. Am fernen Horizont, nach eben

dieser Seite hin, hing der gelbglühende Ball der Sonne und lieh allem

ein entzückendes Licht; es war als sähe man eine der weitgedehnten

Veduten Claude Lorrains. Dann kam eine große Stadt, #Bourg# (Hauptort

im Departement Ain), dessen berühmte Kirche Brou, mit den reichen

Mausoleen des Hauses Savoyen, umblitzt vom Wiederschein der sich

neigenden Sonne, an dem nach Osten hin wolkengrauen Himmel stand.

Von Bourg traten wir ersichtlich in eine mehr südliche Landschaft ein.

Namentlich die Architektur, das Aussehen der Dörfer, gewann einen

abweichenden Charakter, alle Gothik hörte auf und das Flachdach, die

italienische Vigne, wurde allgemein.

Zwischen 4 und 5 gelangten wir in den Bereich der Rhone. Alles Land war

überschwemmt, Häuser und Bäume wuchsen wie aus einem großen See heraus,

bis wir in der Dämmerstunde die aufgeworfenen Erdbefestigungen und bald

darauf auch den ersten, weit vorgeschobenen Bahnhof Lyons erreichten.

Als wir in der #zweiten# Bahnhofshalle hielten, war es dunkel; dazu

regnete es. Dies galt immer als ein Glück. Es war gleichbedeutend mit

Wegfall jeder Volks-Escorte.

Vom Bahnhofe aus ging es zunächst eine Steintreppe hinauf; damit hatten

wir das Niveau der Stadt gewonnen, die in gedämpftem, flackerndem

Lichterglanze vor uns lag. Wir passirten eine Rhonebrücke (so schien es

mir wenigstens), tausend Gasflammen warfen hüben und drüben ihren

Schein in den breiten Strom, einige erleuchtete Pfeiler, wie

Wahrzeichen für die Schiffahrt, schienen daraus hervorzuragen. Dann kam

ein großer Platz; nach links hin schimmerte ein Standbild halb

nebelhaft, und in einiger Entfernung an ihm vorbei marschirten wir in

eine der langen Straßen hinein, die von verschiedenen Seiten her auf

den Platz mündeten. Nach 10 Minuten hielten wir vor dem Gefängniß,

pochten und traten in den Hof.

Es goß jetzt in Strömen. Die Gensdarmen und einige unliebsame

Gestalten, die trotz ihrer Uniformen stark an 1793 erinnerten, sprachen

lebhaft hin und her; endlich wurde ich aufgefordert, einzutreten. Die

armen Badenser wollten folgen, aber man stieß sie unter Geschrei in den

Hof zurück. Ich erachtete jetzt den Augenblick für gekommen, ein

Schreiben vorzuzeigen, das mir, kurz vor meinem Aufbruch von Besançon,

unterschrieben und untersiegelt eingehändigt worden war, und so zu

sagen meine französische Ernennung zum »≈officier supérieur≈«, zugleich

die Aufforderung an alle Militair- und Civilbehörden enthielt, »mir die

meinem Range schuldigen Ehren« (»≈dû à mon rang≈«), zu erweisen. Das

Papier wurde gelesen; der diensttuende Sergeant indeß, ein frecher,

verlebter, verliederter Kerl, hatte wenig Lust, Notiz davon zu nehmen

und erklärte, es sei unmöglich. Inzwischen waren andere Beamte

erschienen, unter ihnen der eigentliche »≈gardien-chef≈«, ein geborner

Pariser, an dem nichts auszusetzen war, als daß er für seine Stellung

zu sanft und zu gebildet sprach. Auch das kann zu einem Fehler werden.

Man denke sich einen Scharfrichter, der seinem Opfer zuflüstert: »Das

Leben ist der Güter Höchstes nicht.« Wie immer dem sei, die

wohlaccentuirte Rede meines neuen »Principal« hat wenigstens das Gute,

daß Platz für mich geschafft und eine Art »Fremdenstube« zu meiner

Aufnahme hergerichtet wurde. In diese trat ich jetzt ein. Im ersten

Augenblick erschrak ich, denn sie war nichts als eine vergrößerte

Alte-Wäschkiste, auf die ganz und gar die Beschreibung paßte, die

Falstaff, in den ≈Merry wives of Windsor≈, von einem solchen

Wirthschaftsstücke entwirft. Eine unglaubliche Lokalität! Bettlaken,

Strümpfe, Chemisen aller Arten und Grade lagen in den Ecken

aufgeschichtet, dazwischen halb-erbrochene Bücherkisten, Koffer von

Seehundsfell, die längst die letzte Borste eingebüßt; an den Riegeln

aber hingen rothe Militairhosen (letzte Garnitur), verstaubte

Uniformstücke, ein verrosteter Degen und Spinnweben in langen Fahnen.

Besonders bedrohlich erschien mir ein großer aufgeplatzter Sack mit

Kalbshaar, der mitten im Zimmer lag und eine Art Gebirgsstock für alles

übrige bildete. Einen ähnlich ängstlichen Eindruck machte das Bett,

aber der ≈gardien-chef≈, der selbst empfinden mochte, wie wenig das

alles zu den Ansprüchen eines ≈officier supérieur≈ stimmte, half aus

eigenen Mitteln nach und erschien mit einem brauncarirten Plumeau, mir

dadurch für meinen Lyoneser Aufenthalt einen Comfort und einen Luxus

schaffend, den ich während all der Wochen meiner Gefangenschaft, weder

vorher noch nachher, gehabt habe. ≈Enfin≈ — ich kauerte mich in meinem

Bett zurecht, zog meinen Körper gerade ausreichend zusammen, um unter

dem etwas knapp bemessenen Federkissen Platz zu finden und schlief ein,

während die Spinneweben leise über mir wehten.

2. Lyon.

Hört ihr’s wimmern hoch vom Thurm?

Das ist Sturm.

* * *

Nicht daß man in schweigende Nacht mich warf,

Macht mir das Herz so schwer,

Als daß ich #Dich# nicht hören darf,

Mein tief aufdonnerndes Meer.

Strachwitz.

In aller Frühe war ich wach, machte meine Toilette und sah alsbald eine

junge Frau, die Besitzerin eines nahe gelegenen Cafés, erscheinen, die

nach meinen Befehlen fragte. Ich bestellte möglichst viel, da ich nach

gerade einzusehen begann, daß der ≈officier supérieur≈ sein Patent

weniger aus dem Portefeuille, als aus dem Portemonnaie zu beweisen habe

und daß überall räthselvoll-geheime Beziehungen zwischen den

Gefängniß-Autoritäten und den nahegelegenen Restaurants beständen. Wer

#diese# für sich hatte, hatte sich alsbald auch die Geneigtheit jener

erworben: mit Liberalität gelangte man fast bis an die Grenzen der

Libertät.

Die Freundlichkeit der jungen Frau, die all die Tage über fast immer

selbst kam und an der fremdländischen Unterhaltungsweise ersichtlich

ein Gefallen fand, that mir wohl und war jederzeit wie ein Lichtschein,

der in den grauen Dämmer meines Gefängnisses fiel. Ich sog mir noch

einen #besondern# Trost daraus, da ich offen bekennen will, die Tage

meines Aufenthalts in Lyon unter einem beständigen Herzschlagen

zugebracht zu haben. Ich war durch lange Unterhaltungen, die ich in

Besançon geführt, noch mehr durch die Lyoner Journale, die ich während

der letzten Tage auf der Citadelle regelmäßig zu lesen pflegte, über

die Stimmung der Rhone-Hauptstadt vollkommen aufgeklärt und hatte mit

allem Fug und Recht das bange Gefühl, mich auf einem Krater zu

befinden. In Besançon hatten die Obrigkeiten geherrscht, hier herrschte

bereits die Masse, oder stand doch jeden Augenblick auf dem Punkt, die

Herrschaft an sich zu reißen. Vor drei Tagen war das Redaktionslokal

des »≈Salut public≈«, vor fünf Tagen die Wohnung des für

imperialistisch geltenden Divisions-Generals vom Volke gestürmt worden;

ich konnte, Angesichts dieser Thatsachen, die Frage nicht los werden:

»was nun, wenn diese Septembriseurs in die Gefängnisse einbrechen und

furchtbar Musterung halten?« Hinterher ist über solche Anwandlungen von

Furcht gut lachen, im Momente selbst aber war die Situation alles

andere eher als lächerlich.

Es geschah überdies allerhand, das nicht gerade angethan war, das

fehlende Gefühl der Sicherheit mir wieder zu geben. Verschiedene Leute

aus der Stadt, vielleicht Freunde des Gefängnißvorstandes, kamen, um

mit mir zu politisiren; sie waren alle artig, fast verbindlich in ihren

Formen, aber ersichtlich aufgeregt und zerstreut.

Endlich sollt’ ich erfahren, was die Ursache war: »#Bazaine hatte

capitulirt#«; die Nachricht drang bis in meine vergitterte Zelle.

Einige Stunden später ward es mir gegenüber wieder bestritten, aber

nur, weil man es bestreiten wollte. Ich war übrigens fast eben so

aufgeregt, wie die Franzosen, die kamen und gingen.

Die letzten Besucher hatten mich eben verlassen und ich suchte es mir

in einer Art Gartenstuhl, während ich die Füße auf den aufgeplatzten

Sack mit Kalbshaar stellte, möglichst bequem zu machen, als draußen,

von den Thürmen der unmittelbar anstoßenden Kathedrale hernieder ein

Läuten begann, wie ich es all mein Lebtag nicht gehört habe, vielleicht

auch nicht wieder hören werde. Eine tiefgestimmte Riesenglocke gab alle

10 Sekunden einen Schlag, eine zweite Glocke, in regelmäßigen

Schwingungen, rollte klangvoll und gewaltig dazwischen; hinein aber in

dies großartig ernste und zugleich melodische Concert klang das

disharmonische Geschrei und Geächz kleiner und allerkleinster Glocken,

wie wenn in Posaunentöne hinein ein halbes Dutzend Pickelflöten

kreischt. Es war tiefe Klage, lauter Hilferuf, leises Gewimmer; eine

unbeschreibliche Angst bemächtigte sich meiner, hörbar schlug mir das

Herz. Was war es? war ein Feuer ausgebrochen? nein! kein Lichtschein

röthete den Himmel, keine Wagen und Spritzen rasselten über das

Pflaster hin; nur ein lautes Geschrei von Menschenstimmen kam die

Straße herauf, immer näher. Ich war ganz sicher, daß sich ein

Volksaufstand vorbereite, daß »≈la terreur≈« heranziehe und seine

Herrschaft proklamire. Was war zu thun? ich sah stumm vor mich hin und

wartete ab. So ging es eine Viertelstunde, dann war alles wie

abgeschnitten; die Glocken schwiegen, das Gekreisch draußen war

vorübergezogen, alles still.

In Fieberhast lief ich alle Möglichkeiten durch, endlich hatt’ ich es:

der andere Tag (2. November) war #Todtentag#. Dies Glocken-Wehklagen

hatte den Tag aller Seelen eingeläutet.

Kriegsgefangen · 第 4 / 13 段