Er war aus Pforzheim, eines reichen Fabrikanten Sohn, und würde,

frischen, braven Herzens wie er war, nach dem Vorbilde der »400

Pforzheimer« gewiß tapfer gefallen sein, wenn ihn das Schicksal in eine

ähnliche Situation gestellt hätte. Aber gleich im ersten Gefecht, das

er mitzumachen hatte, war ihm der Auftrag geworden, nicht in

Gemeinschaft mit 399 andern, sondern #ganz allein#, eine

Munitionscolonne aus Saint-Dié, wenn ich nicht irre, herzubeordern; auf

diesem Einsamkeitsmarsche war er durch ein Dutzend Franctireurs

umstellt und gefangen genommen worden. Seine äußere Erscheinung ließ

ihn im ersten Augenblick kaum als reicher Leute Kind erkennen. Der

badische Waffenrock, den er trug, saß noch schlechter als ein

preußischer (was viel sagen will) und in Folge dicker Leibbinden und

Unterhosen hatte sich das ganze Brust- und Rückenstück des Rockes nach

oben geschoben. Der Eindruck davon verschwand aber in demselben Moment

wo er lachte, und er lachte viel. Er präsentirte dann vier

Schneidezähne, die nur an den Rändern leise lädirt, eine feine kaum

haarbreite Goldeinfassung erhalten hatten. Unverkennbar ein

zahnärztliches Meisterstück und muthmaßlich enorm theuer. Diese vier

Zähne wirkten wie die Visitenkarte eines Banquiersohnes. Wir waren fast

14 Tage zusammen und plauderten das Mannigfachste durch. Er schwärmte

für Preußen, hielt uns ohne Weiteres für ein Heldengeschlecht und hatte

bei seinem ersten Verhör dem Colonel eine Rede in diesem Sinne

gehalten, die freundlich aufgenommen und ein paar Tage später in den

Lokalblättern von Besançon ≈in nuce≈ gedruckt worden war. Ich muß

hinzufügen, daß er geläufig französisch sprach. Dies alles war gut;

aber weitaus am meisten interessirte es mich doch, wenn er leuchtenden

Auges über den Juwelenhandel einen kleinen Vortrag hielt. Dann erschloß

sich mir eine neue Welt. Gerade auf diesem Gebiet hatte ich wenig

Gelegenheit gehabt, mich zu orientiren. So jung er war, so sprach er

doch von Smaragden, wie andere junge Leute von schönen Augen sprechen.

Er schilderte mir einen Besuch in einem Pariser Juwelenladen, den er im

Sommer 1870, kurz vor Ausbruch des Krieges, gemacht hatte, wobei ihm

die Sorglosigkeit, mit der die Besitzer ihr Geschäft betrieben, das

Imponirendste gewesen war. Auf eine bloße Empfehlungskarte hin, hatte

man ihm für 6000 Francs Smaragden mit nach Pforzheim gegeben, alles

rasch und ≈sans phrase≈, während junge und alte Juwelenkäufer (meist

Juden) an den andern Tischen des Lokals standen, die Diamanten aus

ihren Baumwollpacketen herausnahmen, nebeneinander auf die flache Hand

legten und minutenlang sich in den Anblick dieser Herrlichkeit

vertieften; dabei zugleich jede kleinste Werth- und Schönheitsnüance

erkennend. »Das #Bijouterie#-Geschäft«, so schloß er wohl, »hat seine

Reize, aber es ist klein, ärmlich, prosaisch neben dem #Steinhandel#.«

Ein #zweiter# Deutscher unserer Colonie führte den Namen: »≈le cocher

de Bismarck≈«. Er trug ein ächt preußisches Kutscher-Costüm mit

Stulpstiefeln, Wappenknöpfen und breiter Goldborte, und war in der Nähe

von Epinal, auf Spionage hin, verhaftet worden. Eine wunderliche Figur,

gutmüthig und schlau zugleich; bei Fritzlar im Hessischen zu Hause. Was

ihn mir interessant machte, war, daß er 17 Jahre lang als

Kunstreiter-Groom die Loissets, die Franconis, die Cinisellis begleitet

hatte. Ich darf sagen, in jeder Stadt Europas über 50,000 Einwohner war

er gewesen; er wußte in Petersburg, Konstantinopel und Lissabon gleich

vortrefflich Bescheid, sprach ein gutes Französisch, ein leidliches

Englisch und hatte von allen andern Sprachen wenigstens eine

oberflächliche Kenntniß. Ich muß bemerken, daß er niemals den

Gesellschaften als solchen, sondern immer nur einem einzelnen

hervorragenden Mitgliede derselben als Reitknecht und Pferdepfleger

angehört hatte. Die längste Zeit über war er bei einem ungarischen

Schärpen- und Reifenspringer gewesen, von dem er mit ungeheuchelter

Hochachtung sprach. Er betrachtete dies alles als ernsthafte #Kunst#,

lobte die Ordnungsliebe, die Sauberkeit, die Gewissenhaftigkeit seines

Herrn, stellte der Mehrzahl der Damen die glänzendsten Tugendzeugnisse

aus und ließ mich wieder recht empfinden, wie sehr wir Draußenstehenden

auf diesem wie auf ähnlichen Gebieten mit unsern Vorstellungen in die

Irre gehen. Die Welt ist oft schlechter als wir sie nehmen, aber noch

öfter vielleicht ist sie besser.

Der Dritte, zu dem ich in Beziehung trat, war »≈le maître d’école≈«,

ein Deutsch-Franzose. Ich konnte mich anfangs nicht mit ihm befreunden,

theils weil er etwas Sonderbares, beinahe Unheimliches in seinem

tiefliegenden Auge hatte, theils weil ich das Bild des »Schulmeisters«

aus den Geheimnissen von Paris nicht los werden konnte. Es kam dazu,

daß er sich beim Sprechen etwas zierte und durch Correctheit und

obligate Nasaltöne den »≈maître d’école≈« beglaubigen wollte. Er war,

wie so viele andere, denuncirt und verhaftet worden, weil er mit einem

preußischen Offizier gesprochen hatte. Endlich kam der ersehnte Tag der

Freiheit; daheim in Lothringen saß seine Frau mit sechs Kindern. Aber

wie hin kommen? Er fragte mich, ob ich ihm das Reisegeld geben könne.

Ich that es ohne Weiteres. In solchen Zeiten empfindet man doppelt:

gieb, auf daß #Dir# gegeben werde. Dem Manne traten die Thränen in die

Augen und er dankte mir herzlich, übrigens ohne sich das Geringste zu

vergeben. Der eigentliche Gewinner war ohnehin ich. Hatte ich dem Manne

einen Dienst geleistet und seine Dankbarkeit erworben, so war ich ihm

doch ungleich mehr verpflichtet, daß er mir die Gelegenheit dazu

gegeben hatte. Die Kunde von dieser Großthat lief wie ein Feuer durch

die ganze Citadelle von Besançon; ich war auf einen Schlag »etablirt«,

man gab mir ungesucht eine exceptionelle Stellung und der alte

Sergeant, auf den ich wohl noch zurückkomme, adressirte sich immer mit

den Worten an mich »≈un homme comme vous≈«. Ich hatte Ursach, mich

Alles dessen zu freuen; zugleich empfand ich schmerzlich die furchtbare

Macht des Geldes. Wen diese Worte etwas verwunderlich anblicken, der

vergesse nicht, daß unter Blinden der Einäugige König ist. Es schlug

vielleicht manch gütigeres Herz auf der Citadelle von Besançon; aber

was frommte es, so lange sich diese Güte nicht »berechnen« und nicht in

Zahlen ausdrücken ließ.

Neben dem Schulmeister schlief »≈le bon tireur≈«, ein schöner Mann, an

dem nur auszusetzen war, daß er es zu sehr wußte. Er kam aus Rom, hatte

ein Jahr lang der Legion von Antibes angehört, und diente jetzt, wie

viele andere seiner alten Kameraden, in einem Marsch-Bataillon. Die

Geschenke hübscher Frauen, dazu die zahlreichen Prämien, die er sich

als brillanter Schütze erworben (er trug immer einen breiten Leibgurt,

der in Front die Lederhülsen für mindestens 30 Patronen aufwies),

hatten ihn sichtlich verwöhnt und gaben seinem elastischen Gange,

seiner beinahe eleganten Tournure doch ein Maß von Prätension, das zu

seiner Stellung nicht paßte. Er war wegen Hochfahrenheit zahllose Male

bestraft und saß jetzt hier, weil er auf den Zuruf seines Capitains

»≈vous êtes un lâche≈« geantwortet hatte »≈pas plus que vous≈«. Er

machte beständig Vorstellungen an den General, in denen er eine

ähnliche kecke Sprache führte und sich auf sein gutes Recht steifte,

»weil er zuerst beleidigt worden sei«. Auf meine Bemerkung, daß solche

Eingaben, in so selbstbewußtem Tone abgefaßt, in Preußen ganz unmöglich

seien, antwortete er nur mit superiorem Lächeln: »≈Je sais, je sais:

vous avez encore le régime du bâton; nous sommes plus libre en

France.≈« Er ließ sich das auch nicht ausreden.

Eine andere Figur war »≈le raconteur≈«, der Liebling und das Ferment

der ganzen Gesellschaft. Er machte mir das Bett, gab mir sein

Strohkissen, deckte mich mit seiner Decke zu, so daß ich eigentlich

nicht weiß, wie er sich durch die kalten Nächte durchgeschlagen hat. Er

war ein ausgesprochener Humorist und hatte, neben seinem

Spaßmacherthum, vor allem auch jene Herzensgüte, ja jene Feinheit der

Empfindung, die den wirklichen Humoristen allemal charakterisirt. Er

erzählte sehr gern, aber im Erzählen beobachtete er beständig, ob er

vielleicht Anstoß gäbe, oder durch ein Zuviel die Geduld erschöpfe;

glaubte er derartiges wahrzunehmen, so schwieg er sofort und wartete

ab, bis er ermuntert wurde, den Faden wieder aufzunehmen. Er hatte ein

Paar Diensthosen verkauft, um seine Kameraden in Wein freihalten zu

können; darauf hin war er, nachdem ihn eben #diese# Kameraden angezeigt

hatten, zu 6 Monaten verurtheilt worden. Für mich ein offenbarer

Vortheil. Ich liebte ihn förmlich. Bei weiterer Schilderung meiner Tage

in Besançon komme ich auf ihn zurück.

Der letzte, von dem ich zu sprechen gedenke, war »≈le penseur libre≈«,

ein kleiner, kratzbürstiger Kerl, nah an funfzig, seines Zeichens ein

»Kommissionär in Hülsenfrüchten«. Er war eingesperrt worden, weil er

den Preußen eine Ladung Mehl verkauft hatte. In einem scharfen

Gegensatz zu dieser merkantilen Beschäftigung stand sein geistiges

Leben. Er war Philosoph; sein Lieblingsschriftsteller Victor Cousin,

dessen gediegene Uebersetzungen der klassischen Literatur, griechisch

wie lateinisch, er besaß, beziehungsweise auswendig konnte. In einer

Anzahl kleiner blauer Notizbücher, die er als ≈Vademecum≈ auch mit ins

Gefängniß genommen, hatte er sich die Weisheit des Alterthums für den

Hausgebrauch zurecht gemacht. Gleich den zweiten Tag fragte er mich, ob

es mir Recht sei, Seneca’s Betrachtungen über den Tod, über das ruhige

sich schicken ins Unvermeidliche, zu lesen? Ich hielt es für artig,

»ja« zu sagen, und mußte nun zwei Stunden lang meinen Kopf und meine

Augen anstrengen, um mich in diesen »Blaubüchern« zurecht zu finden,

die für mich wenigstens das Schicksal aller ≈blue books≈ theilten,

ziemlich langweilig zu sein. Solche Gedanken aus sich heraus zu

gebären, sie #selbstständig# zu haben, kann Trost verleihen und das

Gemüth adeln; es zurecht gemacht an sich herantreten sehen, ist

mindestens unfruchtbar. Da wirkt ein Gesangbuchvers von Paul Gerhardt

doch anders! Es blieb nun aber nicht blos bei Seneca. Dieser furchtbare

penseur libre hatte, mit Hülfe seines Victor Cousin eine eminente

Kenntniß von Plato, Tacitus, Plutarch und vielen andern noch, und

vielleicht niemals hat ein deutscher ≈homme de lettres≈ vor einem

französischen Hülsenfruchthändler eine so kümmerliche Rolle gespielt,

wie ich. Er wußte Alles, ich wußte nichts. Glücklicherweise war ich

nicht in der Stimmung, über diese constanten Niederlagen mich besonders

zu grämen. Auch bin ich ihm das Zeugniß schuldig, daß er mich nie

ironisch behandelte, und sein offenbares Uebergewicht keinen Augenblick

mißbrauchte.

Ich versuche nun, nachdem ich den Leser mit den »Spitzen der

Gesellschaft« bekannt gemacht habe, ihm im Weiteren einen Tag zu

schildern, wie wir ihn in der Citadelle zuzubringen pflegten.

Um 6 Uhr rasselte draußen das Schlüsselbund, die schwere Thür wurde

geöffnet, der Sergeant trat ein, und das Abzählen begann, um

festzustellen, daß über Nacht nichts von der Heerde verloren gegangen

sei. Wir waren zuletzt 22 in einem ursprünglich für höchstens 12

Personen bestimmten Raum. Dem Ueberwerfen der nothwendigsten

Kleidungsstücke folgte draußen auf dem Hof der Waschprozeß;

abgetrocknet wurde an den Bettlaken, die von der Nacht her noch etwas

Wärme conservirten. Einige Aristokraten der Gesellschaft, zu denen ich

leider nicht gehörte, hatten es bis zu einem Handtuch gebracht. Nur ein

Stück »≈Monstre-Savon≈« war mir von Langres her geblieben.

Nun begann der Morgenspaziergang, und zwar in einem mit Flußkieseln

bestreuten Hofe, der 40 Schritt lang und 15 Schritt breit sein mochte.

Von diesen 15 Schritt in der Breite waren aber wieder 5 Schritt zu

einer Art Terrasse abgeschnitten, welche letztere ein Allerheiligstes

bildete, das von uns nicht betreten werden durfte. Es war die

»Gartenanlage« der Citadelle, auf deren Beeten etwas Kerbel und

Petersilie, an der Wand aber ein wie verkrüppelte Georginen aussehendes

Strauchgewächs wuchs. Es trug Tomaten-Aepfel, die nicht reif werden

wollten.

Wie es für etwa 80 Menschen möglich wurde, auf diesem Stückchen Hof ein

oder zwei Stunden lang spazieren zu gehen, weiß ich nicht; gleichviel

es geschah. Der blaue Himmel, die Morgenfrische thaten meinen Sinnen

wohl, nur wurde dies Behagen, durch unliebsame Töne aus der Ferne her,

häufiger unterbrochen, als mir angenehm sein konnte. Es war in der

Regel 7 Uhr; eine Salve krachte herüber; das Echo antwortete in den

Bergen. Eine Gruppe trat dann zusammen, einer warf den Cigarren-Rest in

die Luft und sagte ruhig: heute werden drei erschossen. Ich konnte

nicht gleichgültig dabei bleiben; wie ein physischer Schmerz ging es

mir oft durch die Brust.

Die Promenade wurde fortgesetzt; die Meisten lachten, plauderten;

wenige trugen schwer. Zwischen 8 und 9 hieß es in viertelstündigen

Pausen: »≈à l’eau≈«, »≈du pain≈«, »≈la commission≈«, Schlachtrufe, die

jedesmal ein halbes Dutzend Personen abriefen, die nun Wasser und Brod

für die Gesammtheit herbeizuschaffen, oder aber (»≈la commission≈«),

die #Extras# in Empfang zu nehmen und zu vertheilen hatten. Alle diese

Rufe waren aber bedeutungslos neben dem Rufe »≈à la soupe≈«, der

ungefähr um 9½ Uhr laut wurde. Nun stürzte Alles der Küche zu und

kam mit Schüsseln und Kübeln zurück, die eine leidlich gute

Fleischbrühe enthielten; die einzig warme Mahlzeit, die

vorschriftsmäßig und gratis verabreicht wurde. Ein gutes Stück Fleisch

war wie ein Gewinn in der Lotterie.

Nach der Suppe begann eigentlich wieder eine mehrstündige

Einschließung, die von 10 Uhr früh bis 4 Uhr Nachmittags zu dauern

hatte. Dies wurde aber nie in voller Strenge inne gehalten, eines

Theils wohl, weil wir ohnehin über alle Gebühr hinaus eingepfercht

waren, andern Theils, weil wir tagelang Regenwetter hatten, und die uns

dadurch auferlegte, totale Einsperrung an den klaren Tagen, schon um

unserer Gesundheit willen, wieder ausgeglichen werden sollte. Ein

starker Bruchtheil der Gesellschaft zog sich aber um 10 oder 11 von

selbst, aus eigenem Antrieb, in die Kasemattenräume zurück, um sich zu

strecken oder Briefe zu schreiben, oder Dame zu spielen. Dies letztere

geschah in ziemlich ingeniöser Weise. Auf jeder Pritsche befand sich

ein mit Bleistift oder Dinte aufgezeichnetes Damenbrett, dessen Steine

einerseits aus den leicht beschaffbaren Kieseln des Hofes, andererseits

aus rund geschnittener Brodkruste bestanden. Alle Franzosen spielten es

gern und mit besonderem Geschick. Mitunter verirrte sich ein

Zeitungsblatt in unsere Mitte; hinter dem letzten Bettstand, der mit

seinen aufgetürmten Strohsäcken wie ein Schirm wirkte, etablirte sich

auch wohl eine geheime Piquetpartie; unbeweglich daneben saß der

≈penseur libre≈ und las Abhandlungen über die Frage: »Wann einer

Zeugenaussage zu trauen sei und wann nicht.«

Endlos waren diese Stunden von 10 bis 4; sie hatten aber doch ihre

Unterbrechungen, einmal, wenn der Kommandant der Citadelle und der

Ronden-Offizier ihren Umgang hielten, namentlich aber, wenn »Neue«

eintrafen oder die in bloßer Untersuchungshaft gehaltenen aus dem

Verhör in der Stadt zurückkamen. Durch diese Elemente hingen wir mit

der Welt zusammen und folgten dem Laufe der Politik und des Krieges. Ob

das Berichtete wahr war oder nicht, war der Mehrzahl völlig

gleichgültig; es unterhielt doch. Den einen Tag war General Moltke

erschossen, den nächsten Tag gefangen, den dritten hatte er einem

Kriegsrathe präsidirt; der König, der Kronprinz, Prinz Friedrich Karl,

alle waren sie einige Tage lang todt, um dann wieder unter den Lebenden

zu erscheinen. Es fiel keinem ein, sich über diese Widersprüche zu

verwundern; man nahm sie als selbstverständlich hin; ja, man war

vielleicht dankbar dafür. Der Stoff wuchs auf diese Weise. Etwa in der

Mitte des Monats erschien Garibaldi in Besançon; drei, vier Tage später

hieß es, »die Preußen rücken an«; mit beiden Nachrichten hatte es

ausnahmsweise seine Richtigkeit. Es wurde viel von »in die Luft

sprengen« gesprochen, und im Großen und Ganzen bemächtigte sich des

deutschen Elements ein wenig behagliches Gefühl bei der Aussicht, von

den eigenen landsmännischen Granaten todtgeschossen zu werden. Ich

machte dem liebenswürdigen Kommandanten der Citadelle, der sich oft

halbe Stunden lang mit mir unterhielt, eine halb scherzhafte

Vorstellung darüber, worauf er ruhig antwortete: »Ja, diese

#Obergewölbe# sind in 5 Minuten weggeblasen«. Der Trost, der uns daraus

erfloß, war begreiflicherweise gering.

Die Preußen (es war die badische Division) hatten sich uns inzwischen

mehr und mehr genähert. Am 23. hieß es: Heute giebt es eine Schlacht; 8

Kilometer von hier, bei Chatillon #müssen# sie zusammenstoßen. Und in

der That, es kam zu einem Gefecht. Wir hörten deutlich den Donner der

Kanonen und von dem Tisch unseres Gefängnisses aus, der uns gestattete,

durch die obersten Scheiben hindurch, über die Festungsmauer

fortzusehen, folgten wir einzelnen Bewegungen nachrückender

französischer Bataillone. Einige von uns schwuren, den Lichtstreifen

fliegender Granaten deutlich an dem schwarzgrauen Regenhimmel gesehen

zu haben. Um 5 Uhr Abends kam Meldung aus der Stadt: »≈1200 Badois sont

captivés, ils arriveront ce soir encore.≈« Zwei Stunden später trafen

auch wirklich die Gefangenen ein. Es waren aber nur fünf. Als ein

echter Oberländer gefragt wurde: »wo denn die 1200 seien«, antwortete

er ruhig: »’s is halt a Trost, wenn mer mit 500 ins Gefecht geht, kann

mer nit 1200 verliere«. Ich übersetzte es, was sofort allgemeine

Heiterkeit erweckte. Von Groll keine Spur.

So war es Sonntag den 23. Oktober. Aehnlich an anderen Tagen. Wir

lebten von Gerüchten. Erst die »Abendsuppe«, die bei Dunkelwerden

servirt wurde, machte regelmäßig der politischen Diskussion und — dem

Tage selbst ein Ende. Mit dem Moment, wo die Blechlöffel wieder hinter

dem Brett steckten, fiel der Vorhang. Die Nacht begann.

Nun rasselte, wie am Morgen, das Schlüsselbund; der Sergeant, ein alter

≈grognard≈, passirte abermals unsere Reihen mit hochgehobener Laterne,

zählte die Häupter seiner Lieben und verschwand dann mit einem

freundlich-bärbeißigen: ≈bon soir, messieurs.≈ Eine halbe Stunde später

lag alles ausgestreckt unter den Decken, jeder mit einer Nachtmütze

über der Stirn und nur »≈le raconteur≈« hockte noch auf seinem

zusammengerollten Zeugbündel und wartete auf das Signal zum Erzählen.

Er war die Scheherezade dieses Kreises, dem die Aufgabe oblag, den

Sultan »Volk« in Schlaf zu erzählen. Es gab ein halbes Dutzend

Lieblingsgeschichten: ≈le dragon vert, le curé et le saint esprit,

Milord à Paris≈, — alle liefen sie auf Liebesabenteuer, auf Spott gegen

die Geistlichkeit und auf Ridikülisirung der Engländer hinaus. Das

letztere war meist das Wirksamste. Unendliche Heiterkeit begleitete

diese Vorträge, und nie hätte ich es für möglich gehalten, in einem

Kasemattengefängniß einem solchen Uebermaß von guter Laune, von Lachen

und Ausgelassenheit zu begegnen. Ich stimmte dann und wann mit ein,

ohne recht zu wissen, um was es sich handelte. Das Lachen selbst war so

herzlich, daß es mit fortriß.

Diese Erzählungen dauerten oft 2 Stunden. Um 8 Uhr hielten dann mehrere

Trommeln und Hörner, eine Art großer Zapfenstreich, ihren Umgang um die

Citadelle, und in dem Moment, wo sie schwiegen, klangen von Besançon

die Abendglocken der Cathedrale herauf. Ein paar leidenschaftliche

Raucher fuhren manchmal mit dem Streichholz über die Wand hin, um die

verglimmende Pfeife neu zu beleben; ein flüchtiges Licht blitzte durch

den dunklen Raum; noch ein paar Züge, dann schliefen auch sie. Alles

still.

Nacht lag über der Citadelle von Besançon.

6. Rückblicke.

So lang der Wirth nur weiter borgt,

Sind sie vergnügt und unbesorgt.

Faust.

Es kann die Ehre dieser Welt

Dir keine Ehre geben,

Was Dich in Wahrheit hebt und hält

Muß in Dir selber leben.

Ich war 18 Tage in Besançon; am 29. Oktober verließ ich es, um, quer

durch Frankreich hindurch, über Lyon und Moulins, dann über Poitiers

und Rochefort nach der Insel Oléron im atlantischen Ocean geschafft zu

werden. Die letzten drei Tage auf der Citadelle waren mir in

verhältnißmäßigem Comfort vergangen; ich hatte sie, in Folge

eingetretener Intervention, im Offizier-Gefängniß zugebracht, wo ich,

in allem was Speis’ und Trank angeht, in der angenehmen Lage gewesen

war, meiner Gewohnheit gemäß oder wie es im Französischen heißt — »im

Einklang mit meinem ≈ancien régime≈« leben zu können. Ein Ausdruck, der

mich jedesmal amüsirte. Ueber diese »guten Tage von Besançon« berichte

ich in aller Kürze im Eingange des nächsten Kapitels; aber #hier#

schon, als am passendsten Platz, versuche ich die Eindrücke

wiederzugeben, die ich in fast dreiwöchentlichem Zusammenleben mit

französischen Soldaten und Civilpersonen verschiedenster Art, von dem

Charakter des Volkes, von den Vorzügen und Schwächen desselben

empfangen habe.

Es ist Pflicht zu sagen, daß diese Eindrücke die allerangenehmsten

waren und daß ich mir keine Nation denken kann, die in #so# vielen,

ihrer aufs Gerathewohl gewählten Repräsentanten im Stande wäre, ein

günstigeres Urtheil hervorzurufen. Im Allgemeinen wird man sagen

können, daß, je nach den Landestheilen, in denen man lebt, auf 10 oder

7 oder 5 Individuen immer ein unleidlicher Mensch kommt; hier lebte ich

mit 70 oder 80 Gefangenen zusammen, die in der Zeit meiner Anwesenheit

zwei oder dreimal wechselten (so daß ich etwa 200 verschiedene Personen

kennen lernte) und nicht die geringste Unannehmlichkeit, geschweige

Unart habe ich zu erfahren gehabt; sie waren alle verbindlich,

rücksichtsvoll, zuvorkommend, dankbar für jeden kleinen Dienst, nie

beleidigt durch Widerspruch, vor allem #ohne Schabernack und ohne

Neid#. Wir könnten, nach #dieser# Seite hin, viel von ihnen lernen. Es

offenbarte sich mir ein unerschöpflicher Schatz von Gutmütigkeit,

leichtem Sinn und heiterer Laune. Lauter Sanguiniker. Viele waren

eitel, andere ruhmredig. Wenn ich aber den Rodomontaden dieser letztern

scherzhaft erwiderte, hatte ich jedesmal die Lacher auf meiner Seite.

Von nationaler Gereiztheit keine Spur, wiewohl sie alle, ohne Ausnahme,

voll lebhaften, patriotischen Gefühls waren. Auch ihr #Bildungsgrad#,

um das noch zu bemerken, hatte mindestens, bei sonst gleichen

Voraussetzungen, das Niveau des unsrigen, wie ich denn überhaupt

glaube, daß wir uns nach #dieser# Seite hin, allzu selbstgefälligen

Vorstellungen hingeben. Wir glauben eine Art #Schul-Monopol# zu

besitzen und es giebt Leute unter uns, die, einen alten »Dieterici« in

der Hand, wo möglich den Beweis führen möchten, daß jenseit der

deutschen Grenze alles Lesen und Schreiben aufhöre, wie etwa 20,000 Fuß

hoch das Athmen aufhört.

Ich #meinerseits# habe indessen immer nur gefunden, daß die Bewohner

anderer Kulturländer, besonders der westlichen, nicht schlechter lesen,

wohl aber erheblich besser schreiben können, als die Menschen bei uns.

So in England, Schottland, Dänemark; so auch wieder in Frankreich. Die

statistischen Zahlen um deshalb zu befehden, fällt mir nicht ein; sie

werden schon richtig sein. Es wird unzweifelhaft, namentlich in England

und Frankreich, ganze Volksschichten geben, die ich nicht kennen

lernte, #unterste# Schichten, die von der Schule unberührt, mithin auch

unerobert blieben; die Zahlen sollen also bestehen bleiben. Aber

gestützt auf eben diese Zahlen wächst für viele unter uns ein falsches

#Gesammtbild# empor, ein Bild, das von vornherein verschoben und immer

ins #Dunkle# retouchirt, schließlich einfach zu einem Zerrbild wird.

Hinterm Berge wohnen auch Leute. — Ich kehre nun zu meinen

Mitgefangenen zurück.

Sie waren liebenswürdig, gutherzig, neidlos (so etwa sagt’ ich); aber

so angenehm der Eindruck war, den sie als Individuen hervorriefen, so

traurig war der Eindruck, den jeder einzelne als Theil des Ganzen

machte. Sie boten das Bild völliger Zerfahrenheit, zu nichts eine

Herzensstellung einnehmend, als zu »≈La France≈« und zur

Ruhmesgeschichte ihres Landes. Dies ist etwas, aber nicht viel; oft

mehr eine Gefahr, als ein Segen. Losgelöst von allem Tieferen wird auch

die Vaterlandsliebe (die #dann# nur eine gewisse Form persönlicher

Eitelkeit ist) leicht zu einer Carrikatur, überschlägt sich und gewinnt

den Charakter des Hohlen, einer schillernden Seifenblase, eines Nichts.

Diese Wahrnehmung hatte ich sehr oft. Ein fester, schöner Glaube

existirte an nichts, weder an die Dinge der sichtbaren noch der

unsichtbaren Welt. Die Geistlichkeit wurde beständig verhöhnt, der

Kaiser war ein Spott, die Marschälle ein Gegenstand der Verachtung; ich

begegnete keiner anderen Ueberzeugung als der einen, daß #alles

käuflich sei#. Sedan war ein »≈job≈« im großen Stil; nur Mac-Mahon

behielt seinen diamantnen Glanz. Der französische Soldat hielt aus bei

ihm, wie der österreichische (1866) bei Benedek. Aber diese eine

leuchtende Ausnahme zeigte nur die Zweifelstrübe, in der man alles

andere erblickte, desto deutlicher. Regierung, Kirche, Gesetz, alle

drei waren nach ihrer Meinung nur da, um das Volk in Banden zu schlagen

und #sich selbst# zu behaupten und zu bereichern. Alles Einzelne sich

selber Zweck, nie im Dienst einer Idee, nie im Dienst des Ganzen! Der

Eindruck war kläglich und zeigte den tiefsten Verfall. Wie oft sprach

es still in mir: glücklich das Land, das diesen Heimsuchungen noch

nicht erlegen ist. Das Furchtbare einer Revolution, sie sei nun

berechtigt gewesen oder nicht, habe ich nie so lebendig empfunden wie

hier. Die klugen Engländer! Sie haben dasselbe gethan, aber sie haben

#eines# vermieden: #das Brechen mit der Tradition#.

So viel über meine Mitgefangenen. Auch noch ein Wort über

Wahrnehmungen, die ich, während der schlimmen Tage (denn sie waren

nicht alle schlimm) an mir selber machte.

Kriegsgefangen · 第 3 / 13 段