Endlich am Mittag des fünften Tages — ich hatte all die Zeit über von

Kaffee und Thee gelebt — erschien mein »≈Gardien-chef≈« (Bourgaut), um

mir mitzutheilen, daß ich am nächsten Morgen nach Besançon transportirt

werden würde. Er hielt eine lange Rede, noch länger als gewöhnlich. Ich

konnte nicht völlig folgen und bat ihn, mir den Inhalt aufzuschreiben.

Er war bereit. Zum Unglück schrieb er aber ebenso rasch wie er sprach,

und ich war wenig gebessert. In dieser Verlegenheit blieb mir, nach dem

Verschwinden des Papas, nur der Appell an ≈cher Louis≈. »≈Louis, dites

moi, qu’est c’est que ça?≈« Der Junge las, las wieder, drehte das

Papier, endlich schüttelte er den Kopf und sagte ruhig: »≈ce n’est pas

français≈«. In naiver Weise, ohne Beimischung von eigentlicher

Unbescheidenheit, sprach sich darin das Gefühl jener Ueberlegenheit

aus, das immer die Söhne über den Vater haben. Nach Scheiterung beim

Sohne mußte ich am Ende, wohl oder übel, an die erste Instanz zurück.

Papa Bourgaut nahm die Anfrage weiter nicht übel und faßte nunmehr

epigrammatisch die Situation dahin zusammen: »≈renvoyé dans votre pays

par la Suisse, ou autorisation supérieure pour séjourner en France≈«.

In diesen paar Worten lag ein ganzer Himmel. Das »≈Renvoyé≈« ergab sich

danach als das stärkste Strafmaß, das mir zudiktirt werden konnte, wohl

aber war mir die Möglichkeit gegeben, im Lande bleiben und meine

Schlachtfelder-Studien fortsetzen zu können. Ich war wie genesen,

betrachtete mich als frei und hundert freundliche Bilder des

Wiedersehens stürmten auf mich ein. Das Gefühl des Glückes war so groß,

daß ich die Frage, »ob ich unter diesen Umständen wohl geneigt sei, ein

ordentliches Abendmahl einzunehmen«, sofort mit einem herzlichen »ja«

beantwortete. Acht Uhr wurde festgesetzt und Seitens der Familie

Bourgaut der Wunsch ausgesprochen, daß ich das Mahl in ihrem

Familienzimmer einnehmen möchte. Ich rüstete mich also mit aller

möglichen Feierlichkeit, klopfte meinen Rock an allen vier Bettpfosten

aus, streichelte den hart mitgenommenen Sammtkragen und knöpfte die Uhr

ein, die bis dahin, ordnungsmäßig deponirt, nur für diese feierliche

Gelegenheit wieder eingehändigt worden war.

Punkt 8 Uhr trat ich in den Salon, ein großes Hinterzimmer, das sich

bis dahin meinen Blicken verborgen hatte. Es war sehr sauber gehalten,

auf der Heerdstelle brannten große Scheite Buchenholz; während über dem

Kamin, in einer Art von Aureole, die Photographien aller derer hingen,

die dem Hause Bourgaut anverwandt oder zugethan waren. Ich musterte sie

alle und versuchte mich in Hypothesen über Charakter und

Lebensstellung. Wir nahmen endlich Platz, ≈cher Louis≈, der etwas

neckisch und übermüthig war, wurde ein paar Mal mit »≈ce n’est pas

poli≈« zur Ruhe verwiesen, die gute Laune erlitt aber durch solche

Zwischenfälle keine Einbuße, und die Riesentaube, die mir endlich durch

Madame Bourgaut vorgesetzt wurde und freilich einer ganz anderen

Geflügelgattung anzugehören schien, als jener furchtbare

Sperlingsbraten, der bei uns zu Lande unter diesem Namen servirt zu

werden pflegt, war nur im Stande, die gute Laune zu steigern. Das Fest

stand auf seiner Höhe, als beim dritten oder vierten Glase Wein eine

mittelalterliche Dame eintrat, die den Namen »Tante« führte. Sie war

sehr stark, unverheiratet und von heiteren Gesichtszügen. Wir sprachen

von »≈cher Louis≈«, dessen Pathe sie war, und die Bemerkung drängte

sich mir auf, ob ihr Liebling, eben unser Freund Louis, nie Geschwister

gehabt habe? Als dies verneint wurde, ging ich zu der heiklen, übrigens

von der Statistik oft aufgeworfenen Frage über: wie es nur komme, daß

die Franzosen meist 2, die Deutschen meist 4 und die Engländer meist 14

Kinder hätten? Diese letztere Zahl, mit der ich es nicht allzu genau zu

nehmen bitte, gab nun das Signal zu allgemeiner Heiterkeit. Die Tante,

die zu fühlen schien, daß sie es wohl verdient hätte in England geboren

zu sein, befand sich ≈au comble du bonheur≈ und ihr Lachen fing an mich

mehr oder weniger zu beunruhigen. Es war nur möglich, durch irgend eine

Diversion weiterem Unheil vorzubeugen; ich brachte also ein halbes

Dutzend Toaste aus, gleichviel was, ließ Frieden, Freiheit, Völkerglück

leben, stieß mit Allen an, mit der Tante dreimal, und trat dann, etwas

abrupt, meinen Rückzug an, ohne das Ende der Festlichkeit abgewartet zu

haben.

Oben rollte ich meine paar Sachen in die Reisedecke hinein und warf

mich aufs Bett. In 12 Stunden hoffte ich in Besançon, in 24 Stunden in

Freiheit zu sein.

Es war anders beschlossen.

4. Von Langres bis Besançon.

Ei, wie geputzt! das schöne junge Blut!

Wer soll sich nicht in euch vergaffen?

Faust.

Besançon, wie schon angedeutet, erschien mir lediglich als Etappe

zurück in die Freiheit. Ganz abgesehen von den direkten Zusicherungen

Mr. Bourgauts, glaubte ich, nach einem gewissen ästhetischen Gesetz,

die Lösung des Konflikts innerhalb der nächsten 24 Stunden erwarten zu

müssen. Mein Leben hatte mir bis dahin immer den Gefallen gethan, sich

nach künstlerischen Prinzipien abzurunden, derart, daß ich nicht nur

Exposition, Schürzung und Lösung des Knotens jederzeit bequem

verfolgen, sondern auch in einem gewissen Verwickelungsstadium genau

vorhersagen konnte: nun kommt noch #das#, dann dämmert es wieder und

dann wird es Tag. So, guter Dinge, stand ich auch vor #diesem#

Erlebniß. Der dritte Akt, der tragisch werden wollte, schien mir mit

allen Fährlichkeiten überwunden, selbst der vierte Akt (die Tante und

der Taubenbraten) lag glorreich hinter mir und ich blickte auf Besançon

wie auf ein bloßes Schlußtableau, in dem, nach dem Vorbilde des

Fürsten, der plötzlich seinen Stern zeigt und alles glücklich macht,

ein alter wohlwollender General auftreten und mir sagen würde: »≈Mr.

F.≈, wir beklagen die Ungelegenheiten, die wir Ihnen gemacht haben; Sie

sind ein lieber Mensch; reisen Sie glücklich.« Es ging aber diesmal

alles verquer; von regelrechter Entwicklung keine Rede. Immer neues

Wirrsal. Erst als ich ganz resignirt war, wurd’ es besser.

Ich fahre jetzt in Darstellung meiner Erlebnisse fort. Sechs Uhr früh

am anderen Morgen trat ich in den Hof des Gefängnisses; die Gensdarmen

warteten schon. Ein kurzer Abschied; dann ging es im Geschwindschritt

bis an den Bahnhof. Diesmal #bergab#. Die frühe Morgenstunde sicherte

einigermaßen vor der Zudringlichkeit der Bevölkerung.

Es war naßkalt; ein heftiger Regen hatte erst gegen Morgen aufgehört;

alle Thüren des Wartesaals standen offen. Ich fand hier Gesellschaft,

die gleich mir ins Land hinein transportirt werden sollte, aber nicht

nach Besançon. Einer von ihnen war ein gefangener Unteroffizier vom 32.

Regiment (Meiningen). Wir fröstelten alle, die Gensdarmen in ihren

Mänteln nicht ausgenommen. Nach etwa halbstündigem Warten setzten wir

uns in ein Coupé (immer 2. Klasse) und fuhren südwärts. Ich fragte, ob

ich mich mit meinem Landsmann in deutscher Sprache unterhalten könne,

was ohne Weiteres zugestanden wurde. In welche Lebensschicksale man in

solchen Zeiten Einblick gewinnt! Dieser gefangene Unteroffizier, seines

Zeichens eigentlich ein kleiner Kaufmann aus Cöslin, war 24 Jahre alt

und seit zwei Jahren verheirathet. Mit dem Moment seiner Einberufung

hatte er seinen Kramladen geschlossen und seine Frau den

Schwiegereltern zurückgeschickt; er selbst war zum 32. Regiment

beordert worden. Bei Wörth am Knie verwundet, hatte er nach seiner

Wiederherstellung sich mit einigen Kameraden durchzuschlagen und die

preußischen Marschlinien wieder zu gewinnen gesucht, war aber auf

diesem Wege »beim Absuchen eines Dorfes« (denn die armen Kerle hatten

nichts) von Franctireurs umstellt und nach kurzem Kampfe, wobei ihm die

linke Hand zerschmettert wurde, als »Marodeur« eingefangen worden. Da

saß er mir nun gegenüber, keinen Pfennig in der Tasche, blaß,

rothblond, mager, ein krankes Eichkätzchen, nur weniger warm bekleidet.

Er hatte nichts als seinen Waffenrock, seine zerschossene Hand und eine

Photographie seiner Frau, die er mir zeigte. Ich gab ihm etwas Geld,

was er anfangs nicht nehmen wollte; »er brauche nichts, allabendlich

werde er in ein französisches Hospital abgeliefert, wo ihn die

»Schwestern« bis diesen Tag gütig gepflegt und verbunden hätten.« Es

kam kein Klagelaut über seine Lippen; man transportirte ihn nach

Marseille. »Da ist es wärmer« setzte er hinzu, während ihn die

Morgenfrische kalt überlief.

Mein Gespräch mit dem landsmännischen Unteroffizier mochte eine

Viertelstunde gedauert haben; es war nun Zeit mich meinen eigentlichen

Begleitern zu widmen. Sie ließen mir auch keine Wahl; namentlich der

eine, ein alter Chasseur d’Afrique, der 20 Jahre in Algier gewesen war,

bemächtigte sich meiner. Wie ein Sturzbach brach es über mich herein.

Wer dabei geneigt sein möchte anzunehmen, daß solche Passivität, solch

bloßes Stillhalten, zu dem ich mich verurtheilt sah, am Ende nicht als

große Anstrengung betrachtet werden könne, der irrt. Ein taubes,

#theilnahmloses# über sich ergehen lassen wird von dem Sprecher sehr

bald als solches erkannt und als persönliche Beleidigung empfunden; es

handelte sich also für mich darum, immer auf dem ≈qui vive≈ zu sein und

jeden Augenblick zu wissen, was obenauf schwamm. Ich wurde ganz

erschöpft und mit eigenthümlichen Empfindungen gedachte ich einer

Strachwitz’schen Douglas-Ballade.

Sie ritten vierzig Meilen fast

Und sprachen Worte nicht vier.

Beneidenswerther Douglas! Wir hatten noch nicht vier Meilen gemacht und

waren längst in die Tausende hinein.

Endlich heuchelte ich Schlaf, schloß mit krampfhafter Gewalt die Augen,

als vermöcht’ ich durch gesteigertes Zudrücken auch eine größere

Garantie der Ruhe zu gewinnen, und rasselte nun in wachen Träumen ins

Land hinein. Etwa halben Wegs erreichten wir Gray, einen größeren Ort,

wo angehalten wurde. Es gab ein wirres Durcheinander, dem ich mich,

durch Ausharren auf meinem Platze, zu entziehen suchte; aber ich sollte

nichtsdestoweniger in die bunte Scene, als eine Art Mitspieler,

hineingezogen werden. Das Coupé stand offen, Hunderte, die ein

Unterkommen suchten, starrten hinein und verschwanden wieder, sobald

sie die Plätze belegt oder besetzt sahen, bis plötzlich aus einer

dieser auf und ab wogenden Gruppen ein herzliches Lachen und zugleich

die Worte zu mir herklangen: ≈Bon jour, Monsieur; vous souvenez-vous de

Domrémy?≈ Einen Augenblick, weil ich das Wort »Domremy« nicht deutlich

gehört und #ohne# dies Wort keinen Schlüssel zum Verständniß hatte,

starrte ich wie verwirrt in die beständig grüßende und nickkopfende

Soldatengruppe hinein, bis es mir endlich wie Schuppen von den Augen

fiel. Der Vorderste, in rother Schärpe und Hahnenfeder war einer jener

Herren, die meine Verhaftung vor dem Hause der »Pucelle« herbeigeführt,

hinterher aber freilich die Rechnung wie quitt machend, durch ihren

Beistand mich vor den Insulten des Dorfpöbels gerettet hatten. Gerade

eine Woche war seitdem vergangen. Die ganze Franctireursschaft von

Domremy zog jetzt südwärts, um sich dem großen, unter Garibaldi zu

bildenden Freicorps anzuschließen. Unser Wiederzusammentreffen, so weit

von dem Schauplatz unserer ersten Begegnung entfernt, weckte allgemeine

Heiterkeit, auch bei denen, die blos flüchtig davon hörten, und alles

drängte herbei, um die augenblickliche Bahnhofs-Sehenswürdigkeit von

Gray wie einen alten Bekannten zu grüßen.

Hier in Gray ging auch der 32er Unteroffizier auf eine andere Bahnlinie

über; wir anderen fuhren, unter Beschreibung einer Curve, zunächst auf

Auxonne zu. Dies ist abermals ein Kreuzungspunkt; wir mußten die Wagen

wechseln und hatten eine halbe Stunde Zeit, um ein kleines Dejeuner zu

bestellen. Ein interessanteres Frühstück hab’ ich all mein Lebtag nicht

eingenommen. Es traf sich, daß wir unter den Ersten im Wartesalon

waren, also einen guten Platz und einen Imbiß erhalten konnten, eh’ der

Rest, der, von einer Seitenlinie her, ziemlich gleichzeitig mit uns

eintraf, seinen Sturm auf das Büffet ausführen konnte. Es waren etwa

500 Soldaten, die sich alle auf Dijon, Belfort und Besançon zu

dirigirten. Wenn ich sage 500 Soldaten, so giebt dies freilich eine nur

sehr unvollkommene Vorstellung von dem »Wallenstein’s Lager«, das sich

auf 10 Minuten hier in Scene setzte. Theaterhaft bunt drängten sich

Linie, Gardes mobiles und Legionaire; die Hauptmasse bildeten die

Franctireurs. Ich konnte sie nicht ansehen, ohne immer wieder an einen

lesenswerten Aufsatz Hugo v. Blomberg’s zu denken: »Ueber das

Theatralische im französischen Volkscharakter.« Welche natürliche

Begabung sich zurecht zu machen, sich zu drapiren und ornamentiren! Es

war nicht Einer unter ihnen, von dem man nicht hätte sagen können:

seht, welch ein Bild! Bei jedem ein Ueberschuß von Roth, aber immer

kleidsam, als Gürtel, Schärpe, Aufschlag. Viele hatten ein Gefühl

davon, wie hübsch sie aussahen, und schritten an dem breiten

Pfeilerspiegel des Wartesalons nie vorüber, ohne einen Blick

hineinzuthun und sich »befriedigend« zu finden. Alle Jahrgänge waren

vertreten und neben rothbäckigen jungen Leuten, die kaum die

Kinderschuhe ausgezogen, bewegten sich Weißköpfe, alte Troupiers, die

ersichtlich froh waren, aus dem langweiligen Alltagsleben heraus und

wieder in frisches Wasser hinein zu kommen. An Haß oder Hohn gegen den

»Prussien«, als den sie mich natürlich sofort erkannten, war gar nicht

zu denken; sie waren zu gutmüthig dazu, vielleicht auch zu sehr mit

sich selbst beschäftigt. Eine Frage aber drängte sich mir beständig

auf: Wer regiert diese Truppe? Sie schienen absolut führerlos zu sein.

Nach halbstündigem Aufenthalt ging es weiter auf Besançon zu. Wir kamen

bald in seine Nähe und fuhren gegen 2 Uhr in den weiten Kessel hinein,

in dem die Stadt gelegen ist. Die Befestigungen derselben umgürten

nicht unmittelbar die Stadt, sondern sind auf den einschließenden

Bergen gelegen. Bis zum Ausbruch des Krieges, vielleicht bis zur

Kapitulation von Sedan, war »≈la Citadelle de Besançon≈« das eigentlich

beherrschende Fort. Von dem Augenblick an aber, wo es feststand, daß

der Krieg auch hier seinen Schauplatz suchen werde, mußte man sich wohl

oder übel überzeugen, daß die Citadelle zwar die Stadt beherrsche,

ihrerseits aber von den nahegelegenen Kuppen #höherer# Berge beherrscht

#werde#. Man schritt denn auch sofort zur Befestigung und Armirung

dieser eigentlich dominirenden Punkte und in diesem Augenblicke mag

Besançon als eine der am besten befestigten Festungen des Landes

gelten.

Der Weg vom Bahnhof bis zur Kommandantur war wieder so weit wie

möglich; wir mußten durch die ganze Stadt hindurch. Ich habe Besançon

nachher noch öfter passirt (beispielsweise wenn die Verhöre

stattfanden) und ich fasse gleich an dieser Stelle zusammen, wie es

sich mir #überhaupt# präsentirte. Daß es zur Hälfte aus Uhrmachern

besteht (20,000) und als der eigentliche Konkurrenzort von Genf zu

betrachten ist, setze ich als bekannt voraus. Die Stadt macht einen

sehr guten Eindruck, wohl zumeist deshalb, weil sie einen bestimmten

Charakter, ein Gesicht für sich hat. Alle charakteristischen Städte

wirken viel anheimelnder, als die architektonisch-korrekten; ja die

#malerische# Schönheit — ich erinnere nur an Kopenhagen — ist so

entschieden siegreich über die #bauliche#, daß wir zuletzt jede Stadt

schön nennen, die wie ein reizendes #Bild# uns berührt.

Als eine solche präsentirt sich auch Besançon. Seine Quaderhäuser, mit

keinem anderen Façadenschmuck als einem Balkon oder einem Bogen am

Fenster, sind freilich weder sonderlich originell, noch pittoresk;

desto mehr jedoch sind es seine Kirchen. Vor allem die alte Kathedrale.

Aber nicht sie allein. In der Mitte der Stadt erhebt sich ein moderner

Bau, die Johannis- oder Magdalenenkirche. Ich bin, was den Namen

angeht, meiner Sache nicht sicher. Desto sicherer steht das Bild vor

meinem Auge. Pfeiler mit korinthischem Kapitell schaffen eine

griechische Front, aus der zugeschrägt ein tumulusartiger Thurm

aufwächst, der gewiß der Schrecken jedes geschulten Architekten ist.

Aber nicht des Malers. Man verweilt mit Interesse bei dieser

Baumeisterlaune und ein goldenes, weithin leuchtendes Kreuz, das aus

Stäben reich geflochten wie eine Riesen-Filigranarbeit das Ganze

bedeutungsvoll abschließt, adelt es und giebt ihm den kirchlichen

Charakter.

Wir hatten endlich die Kommandantur, die hier den Namen »≈la Division≈«

führt, erreicht und nahmen in einem Vorzimmer auf einem

Armensünderbänkchen Platz. Ein beständiges Kommen und Gehen von

Adjutanten und Ordonnanzen; so vergingen fast zwei Stunden. Die

Gensdarmen, die nach ihrem Mittagbrod verlangten, wurden ungeduldig.

Endlich erschien ein blasser Herr, dessen ausgearbeiteter, beinahe

kahler Schädel in einem argen Größen-Mißverhältniß zu dem kleinen

Gesichte stand. Die Augen waren klug und lebhaft. Er musterte mich

scharf und rasch mit einem bloßen Streifblick, wie Leute das thun, die

für das Beleidigende des Anstarrens eine feine Empfindung haben. Er

überreichte dann dem Gensdarmerie-Brigadier mehrere Papiere; ich hörte

meinen Namen und gleich darauf die ruhige Weisung: »≈à la Citadelle≈«.

5. Die Citadelle von Besançon.

≈Misery acquaints a man with strange

bedfellows.≈

≈Shakespeare (Tempest).≈

Ich hatte dies »≈à la Citadelle≈« keineswegs erwartet, vielmehr von

unmittelbarer Freilassung und Unterbringung in einem Hotel geträumt;

nichtsdestoweniger erschreckte mich diese Ordre nicht geradezu. Ich

entsann mich eines Besuches, den ich vor vielen Jahren einmal auf der

Spandauer Citadelle gemacht hatte, und knüpfte an Festungshaft, die für

mich ohnehin nur 24 Stunden dauern konnte (so wähnte ich), die

Vorstellung von Nachmittagskaffee und einer Partie Sechsundsechszig.

Welche Illusionen!

Der Berg war wieder sehr hoch. Wir passirten zunächst im Hinaustreten

aus der Stadt ein triumphbogenartiges, höchst pittoreskes Portal,

hinter dem sich (schon am Abhange des Citadellberges) die Kathedrale,

eine mächtige Jesuiterkirche, erhob. Ich suchte mir ihr Bild

einzuprägen, reckte den Hals und stieg immer höher; alles im

Geschwindschritt. In Freiheit — bei attestirter Herz- und

Lungenschwäche — hätte ich geglaubt, auf dem Platze bleiben zu müssen;

#hier# ging es. Auf dem niedrigen aber breiten Mauerwerk, das den Weg

einfaßte, streckten sich die dienstfreien Mannschaften der Citadelle

und schliefen in den allerwunderlichsten Positionen. Die meisten lagen

auf dem Bauch und hatten ein oder auch beide Beine rechtwinklig in die

Höhe. An ihnen vorbei, über eine Zugbrücke hin, mündete der Weg endlich

auf einen Vorplatz, den allerhand Bauten unregelmäßig umstanden. An der

einen Steinwand, dicht neben einem schmalen Thorwege, hing ein Brett

mit verwaschener Inschrift: ≈Prison militaire≈.

Das sah nicht sehr einladend aus; meine Hoffnungen sanken jetzt rapide,

wie das Wetterglas bei Erdbeben. Die Ablieferung erfolgte unter den

üblichen Formalitäten und ein alter Sergeant führte mich an ein

langgestrecktes Haus mit fünf Thüren, deren Inschriften auf ≈Prévenus≈,

≈Disciplinaires≈ und ≈Condamnés≈ lauteten. Es hatte aber mit diesen

Unterschieden nichts auf sich, alles wurde durch einander geworfen.

Nachdem wir in die verschiedenen Thüren hineingeguckt, kehrten wir

endlich zur ersten zurück, und der Sergeant belehrte mich dahin, daß

ich hier zu wohnen haben werde. Es war ein gewölbter Raum von

bedeutender Tiefe, in dem damals 12 Pritschen standen; auf der zwölften

befand sich ein Berg von Strohsäcken; ein Dutzend Gefangene gingen im

Zimmer auf und ab oder saßen auf den Bettständen umher. Mein Eintreten

machte nicht das geringste Aufsehen; man war an solche Erscheinungen

gewöhnt. Ich legte mein kleines Bündel (mein Reisegepäck war in Toul

geblieben) auf ein Wandbrett und setzte mich, um mich von der

Anstrengung des Bergsteigens zu erholen. Die erste Anfrage, die an mich

erging, war: »ob ich mich für die »Abendsuppe« einschreiben lassen

wolle«, was ich ohne Weiteres ablehnte, da ich doch mindestens

dieselben Ansprüche wie in Neufchateau und Langres auch an #dieser#

Stelle glaubte erheben zu können. Ich begab mich denn auch in das

Büreau des Vorstandes, welcher letztere den Titel »≈Monsieur le

Principal≈« führte und stellte ihm mein Anliegen vor, das auf ein

Zimmer und selbstständige Beköstigung lautete, aber rundweg

abgeschlagen wurde. Dies sei unmöglich. In einem ≈prison militaire≈

existire dergleichen nicht.

Gut. Ich kehrte auf meinen Bettplatz zurück, kreuzte die Hände über’m

Knie und starrte in’s Blaue, soweit dies an diesem Orte möglich war.

Nach einer halben Stunde, auf ein Signal, das mir entgangen war,

stürzte alles auf den Hof und kehrte nach 2 Minuten mit der schon

erwähnten »Abendsuppe« zurück, die ich so stolz abgelehnt hatte. Ich

sollte indeß nicht zu kurz kommen. Ein junger badischer Gefreiter, mit

dem ich mich gleich in den ersten Minuten bekannt gemacht hatte,

stellte einen glücklich eroberten Kübel vor mich hin und forderte mich

auf zu kosten. Ich mußte es schon Artigkeits halber. Es war heißes

Wasser, mit Brot und Kartoffel, durch etwas Salz und Zwiebel

schmackhaft gemacht. Ich aß und nahm von da ab an der allgemeinen

Gefangenenkost Theil. Sie bestand in einer Fleischsuppe Morgens und

einem halben Laib Brod. Wein, Käse und die Abendsuppe waren erlaubte

Extras, für die aber gezahlt werden mußte. Mir wurde später (als ich

leicht erkrankte) #Thee# bewilligt; aber dabei blieb es. Ich habe dies

ohne besonderes Herzeleid ertragen und an mir selber wieder die alte

Wahrnehmung gemacht, daß die sogenannten »verwöhnten Leute«, wenn sie

nicht absolute Gecken sind, sich in den Wechsel der Glücksumstände am

leichtesten finden. Die Bekanntschaft mit den Finessen und Delikatessen

des Lebens macht zuletzt ziemlich gleichgiltig dagegen; ihr Werth ist

ein relativer, oft geradezu ein imaginairer, und die flüchtigste

Erkenntniß davon macht es einem verhältnißmäßig leicht, #diese# Art von

Opfer zu bringen.

Es hatte freilich bei #dieser# Art von Opfern nicht sein Bewenden;

Härteres, #sehr# Hartes wurde mir zugemuthet. Indessen es sei drum. Die

Dinge liegen hinter mir, und es thut nicht gut, ja es schädigt einen

geradezu, die ganze ≈petite misère≈ eines solchen Daseins auf den Tisch

zu legen. Misère weckt Mitleid, aber auch ≈dégoût≈. Es ist, als ob es

auch von #diesen# Dingen hieße: ≈aliquid haeret≈. Ich lasse Gras

darüber wachsen und führe lieber Erlebnisse vor, über die leichter und

lachender zu berichten ist. Ich beginne mit Schilderung einzelner

Persönlichkeiten, die mir das Schicksal zu Bettgenossen gab. Mit

einigen war ich die ganze Zeit über, volle 18 Tage, zusammen, andere

schieden früher, theils um ihre Freiheit wiederzufinden, theils um in

Kriegsgefangenschaft landeinwärts geführt zu werden.

Ich lasse dem #deutschen# Elemente, das anfangs ziemlich stark

vertreten, zuletzt nur noch in einzelnen Exemplaren vorhanden war, den

Vortritt. An der Spitze desselben, nicht seinen Jahren, aber allem

andern nach, stand der junge badische Gefreite, »≈le caporal badois≈«,

dessen ich schon erwähnt habe. Wir schlossen eine Freundschaft, soweit

dies der Altersunterschied zuließ.

Kriegsgefangen · 第 2 / 13 段