Mr. Palazot rückte seinen Stuhl vom Kamin an den Tisch, stel

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Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt, fremdsprachige Passagen in

Antiqua.

Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der

folgenden Symbole gekennzeichnet:

gesperrt: #Raute#

fremdsprachige Passagen: ≈Doppelwelle≈

Einige wenige offensichtliche Druckfehler wurden stillschweigend

korrigiert.

Fußnoten sind an das jeweilige Kapitelende gestellt.

Detaillierte Hinweise zu Änderungen gegenüber dem Original am

Textende

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Kriegsgefangen.

Erlebtes 1870.

[Illustration]

Kriegsgefangen.

[Illustration]

Erlebtes 1870

von

Th. Fontane.

[Illustration:]

Berlin, 1871.

Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei

(R. v. Decker).

Das Uebersetzungsrecht ist vorbehalten.

Meinen Freunden

dankbar gewidmet.

Inhalt.

[Illustration]

I. Abtheilung. Seite

„In’s alte, romantische Land” 1

1. Domremy 3

2. Neufchateau 19

3. Langres 32

4. Von Langres bis Besançon 53

5. Die Citadelle von Besançon 65

6. Rückblicke 90

II. Abtheilung.

„≈Comme officier supérieur≈” 103

1. Von Besançon bis Lyon 105

2. Lyon 115

3. Moulins 126

4. Gueret 141

5. Poitiers-Rochefort 154

6. Marennes 162

III. Abtheilung.

≈Ile d’Oléron≈ 175

1. Die Insel Oléron 177

2. Ankunft 182

3. Die Citadelle 188

4. Rasumofsky 193

5. Blanche 202

6. ≈Le Rempart≈ 207

7. Mittag 212

8. Theestunde 216

9. Regentage 229

10. Der Ueberfall von Ablis 244

11. Drei von den 3. Garde-Ulanen 256

12. Fünf vom 14. Jäger-Bataillon 265

13. Begräbniß 275

14. Sturm im Glase Wasser 280

15. „≈Sentinelle, prenez garde à vous.≈” 288

IV. Abtheilung.

Frei 293

1. Unverhofft kommt oft 295

2. Der letzte Sonntag 303

3. Der letzte Abend 311

4. Abschied 321

5. Rückreise 327

[Illustration]

„In’s alte, romantische Land.”

1. Domremy.

Wie heißt der Ritter?

Baudricourt. Er steht

Kaum einen Tagesmarsch von #Vaucouleurs#.

* * *

Ich bin nur eines Hirten niedre Tochter

Aus meines Königs Flecken #Domremy#,

Der in dem Kirchensprengel liegt von Toul.

(Jungfrau von Orleans.)

Am 2. Oktober war ich in Toul. Ich kam von Nancy. Nancy ist eine

Residenz, Toul ist ein Nest. Es machte den Eindruck auf mich wie

Spandau vor dreißig Jahren. Die Kathedrale ist bewunderungswürdig, das

Innere einer zweiten Kirche (St. Jean, wenn ich nicht irre) von fast

noch größerer Schönheit, aber von dem Augenblick an, wo man mit diesen

mittelalterlichen Bauten fertig ist, ist man es mit Toul überhaupt.

In 2 Stunden hatt’ ich diese Sehenswürdigkeiten hinter mir und dennoch

war ich gezwungen, 2 Tage an dieser Stelle auszuhalten. Dies hatte

darin seinen Grund, daß unmittelbar südlich von Toul das Jeanne

d’Arc-Land gelegen ist, und daß es, Dank dem Kriege und den

Requisitionen, unmöglich war, in der ganzen Stadt einen Wagen

aufzutreiben. Die Partie selber aufzugeben schien mir unthunlich, ich

hätte jede Mühe und jeden Preis daran gesetzt. Endlich, am Nachmittage

des zweiten Tages, hieß es: Madame Grosjean hat noch einen Wagen. Ich

athmete auf. In einem schattigen Hinterhause, dicht neben der

Kathedrale, fand ich die genannte Dame, die bei zurückgeschlagenen

Gardinen in einem großen Himmelbette saß. Sie war krank, abgezehrt,

hatte aber die klaren, klugen Augen, die man so oft bei hektischen

Personen findet, und die nie eines Eindrucks verfehlen. Wir

unterhandelten in Gegenwart zweier Gevatterinnen, die mindestens eben

so gesund waren, wie Madame Grosjean krank. Das Geschäftliche

arrangirte sich leicht; nur ein Uebelstand blieb, an dem auch jetzt

noch die Partie zu scheitern drohte: das einzig vorhandene Gefährt, ein

≈char à banc≈, war nämlich zerbrochen und Mr. Jacques, Schmied und

Stellmacher, hatte erklärt, überbürdet mit Arbeit, die Reparatur nicht

machen, keinesfalls aber den Wagen abholen lassen zu können. In diesen

letzten Worten schimmerte doch noch eine Hoffnung. Ich eilte also auf

die Straße, engagirte zwei Artilleristen vom Regiment

»Feldzeugmeister«, spannte mich selbst mit vor, und im Trabe jagten wir

nun mit der leichten Kalesche über das holprige Pflaster hin, in den

Arbeitshof des Mr. Jacques hinein. Dieser war ein Hüne, also gutmüthig

wie alle starken Leute. Meine Beredsamkeit in Etappen-Französisch

amüsirte ihn ersichtlich und wir schieden als gute Freunde, nachdem er

versprochen hatte, bis Sonnenuntergang die Reparatur machen zu wollen.

Er hielt auch Wort.

In der Dämmerstunde klopfte es an meine Thür. Ein Blaukittel trat ein,

theilte mir mit, daß er der »Knecht« der Madame Großjean sei, und daß

wir am andern Morgen 7 Uhr fahren würden. Soweit war Alles gut. Aber

der Blaukittel selbst flößte mir wenig Vertrauen ein, am wenigsten, als

er schließlich versicherte: die Partie sei in einem Tage nicht zu

machen, wir würden nach Vaucouleurs fahren, von dort nach Domremy und

von Domremy wieder zurück nach Vaucouleurs, aber mehr sei nicht zu

leisten; in Vaucouleurs müßten wir übernachten. Er berief sich dabei

auf einen russischen Grafen, mit dem er vor Jahresfrist dieselbe Partie

gemacht habe, und begleitete seine Rede, die mir aus nichts als aus den

vollklingenden Worten ≈»Kilometer«≈ und ≈»quatre-vingt-douze«≈ zu

bestehen schien, mit den allerlebhaftesten Gesten. Ein starker Verdacht

schoß mir durch den Kopf; wer indessen viel gereist ist, weiß aus

Erfahrung, daß auf solche Anwandlungen nicht allzuviel zu geben ist,

und ich entließ ihn ohne Weiteres mit einem kurzen: ≈Eh bien, demain

matin 7 heures≈. Ich freute mich sehr auf diesen Ausflug. Das

Mißtrauen, das so plötzlich in mir aufgestiegen war, galt mehr dem

Blaukittel in Person, als der Gesammtsituation, und dieser Person

glaubte ich schlimmsten Falls Herr werden zu können. Ich lud meinen

Lefaucheux Revolver und wickelte ihn derart in meine Reisedecke, daß

ich durch einen Griff von rechts her in die nun muffartige Rolle

hinein, den Kolben packen und eine »Gefechtsstellung« einnehmen konnte.

Ich #muß# dies erwähnen, weil es zu einer späteren Stunde von

Wichtigkeit für mich wurde. Daß ich den Revolver nicht mit mir führte,

um etwa auf eigene Hand Frankreich mit Krieg zu überziehen, brauch ich

wohl nicht erst zu versichern; man hat aber die Pflicht, sich gegen

≈mauvais sujets≈ und die Effronterien des ersten besten Strolches zu

schützen.

7 Uhr früh rasselte der Wagen über das Pflaster und hielt vor meinem

Hotel. Ich war fertig; eine Viertelstunde später lag Toul hinter uns.

Bis Vaucouleurs sind 3 Meilen. Von rechts her traten mächtige

Weingelände, in der Mitte des Abhangs mit hellleuchtenden Dörfern

geschmückt, bis an die Straße heran; nach links hin dehnten sich

Fruchtfelder, dahinter Bergzüge, oft in blauer Ferne verschwimmend. Es

war eine entzückende Fahrt; die Chaussee bergansteigend und wieder sich

senkend, dann und wann ein Flußstreifen, eine Wassermühle, dazu rund

umher das Herbstlaub in hundert Farben schillernd. Ehe wir noch die

erste große Biegung des Weges erreicht hatten, erfüllte sich, was sich

immer zu erfüllen pflegt: ein Fußgänger stand am Wege und bat,

aufsteigen zu dürfen. Der Kutscher stellte ihn mir als einen seiner

»Freunde« vor. Ich kann nicht sagen, daß er mir dadurch besonders

empfohlen worden wäre, und ich rückte meine Reisedecke unwillkürlich

etwas zurecht. Ich hatte aber unrecht. Der neue Fahrgast erwies sich

als ein freundlicher, angenehmer Mann; plaudernd über Krieg und Frieden

fuhren wir um 10 Uhr in Vaucouleurs hinein.

Ein reizender kleiner Ort. Der Kutscher hatte zwei Stunden dafür

festgesetzt, Zeit genug, die alte Kapelle und das leidlich

wohlerhaltene Schloß des »Ritters Baudricourt«, das die Stadt

beherrscht, zu besuchen. Ueber diese Erinnerungsstätte zu berichten,

ist hier nicht der Ort. Um 12 Uhr weiter nach Domremy.

Domremy — das von den Bewohnern dortiger Gegend immer nur Dórmy

ausgesprochen wird — liegt noch drittehalb Meilen südlich von

Vaucouleurs. Das Terrain verändert sich hier etwas und nimmt mehr und

mehr den Charakter eines Defilees an. Die Höhenzüge zur Rechten bleiben

dieselben, aber von gegenüber treten die Berge näher heran, während

unmittelbar zur Linken ein breites Wiesenthal sich zieht, drin die

Meuse fließt; das Ganze nicht ohne Reiz, aber ein wenig kahl und

verbrannt, voll frappanter Aehnlichkeit mit dem Nuthethal, das sich von

Potsdam aus, an Saarmund vorbei, bis hinauf an die alte sächsische

Grenze zieht. Halben Wegs erreicht man Burey en Vaux, das Dörfchen,

wohin Jeanne d’Arc zu ihrem Oheim Durand Laxart ging, als sie im

elterlichen Hause nicht länger wohlgelitten war; dann (zur Linken) ein

mittelalterliches, halb schloßartiges Gehöft, bis endlich, bei einer

Biegung des Weges, Domremy selbst mit einzelnen seiner blitzenden

Dächer sichtbar wird. #Nicht# mit seiner Kirche. Es hat nur eine

Kapelle, die, etwas tief gelegen, sich hinter Pappeln und anderem

Baumwerk versteckt.

Die letzten zehn Minuten vor Einfahrt in das Dorf waren die schönsten.

Es war, als ob die Reisegötter hier noch einmal den Zweck verfolgten,

ein Uebriges für mich thun und die ganze Scene künstlerisch abrunden zu

wollen. Ein Geistlicher in weißem Haar und breitkrämpigem Hut kam des

Weges; wir grüßten einander. Ein Hirt folgte; strickend schritt er

seiner Heerde vorauf. Durch die herbstlich klare Luft zogen Tausende

von Sommerfäden, und auf meine neugierige Frage, welchen Namen diese

weißen Fäden in Frankreich führten, antwortete mein Kutscher: ≈les

cheveux de la St. Vierge≈. War es denkbar, unter glücklicherer

Vorbedeutung in das Dorf der Jeanne d’Arc einzuziehen? Und doch

täuschten alle diese Zeichen.

Um 3 Uhr etwa fuhren wir in die Hauptstraße von Domremy hinein. Es ist

ein Dorf von mittlerer Größe, eher klein. Der Eindruck, trotz hellen

Sonnenscheins und des weißen Anstrichs der Häuser, war ein düsterer;

Alles schien auf Verfall und Armuth hinzudeuten. In der Mitte des

Dorfes hielten wir vor einem rußigen, anscheinend herabgekommenen

Gasthause, das in verwaschenen Buchstaben die Inschrift trug: ≈Café de

Jeanne d’Arc≈. Es war unheimlich. Ich hatte dieselbe, mich direkt ins

Herz treffende Empfindung wie am Abend vorher, wo der Blaukittel mich

besucht und seine Botschaft ausgerichtet hatte.

Ich eilte, mich diesem Eindruck zu entziehen; die geweihte Stätte, wo

»la Pucelle« geboren wurde, schien mir der geeignetste Platz dazu. Ich

brach also unverzüglich auf. Es waren nur 150 Schritt; in einem Stück

Gartenland lag das ehrwürdige Gemäuer. Ich zog die Glocke an einem

sauberen drahtgeflochtenen Gitterthor, das den Garten von der Straße

schied. Eine »Religieuse« öffnete und machte die Führerin. Und siehe

da, als ich erst in der Nische über der niederen Eingangsthür das in

Stein gemeißelte Bild der gewappneten Jungfrau, innerhalb des Hauses

selbst aber den alten eichenen Wandschrank sah, der ihr Jahre lang als

Truhe gedient hatte, fiel alles Mißtrauen wieder von mir ab und ich

fühlte mich ganz dem Zauber dieser Stunde hingegeben. Ich machte meine

Notizen, trat dann zurück in den Garten und versenkte mich noch einmal

in den Anblick dieses in Geschichte und Dichtung gleich gefeierten

Ortes. Convolvulus rankte sich um die Stämme einiger Cypressen;

Resedabeete füllten die Luft mit ihrem Duft, die Religieuse sprach

leise freundliche Worte; — alles war Poesie.

In unmittelbarer Nähe des Hauses »de la Pucelle« liegt die Kapelle. Sie

ist gothisch. Einige Glasfenster, namentlich eines, dessen bunte

Scheiben das Wappen der Jeanne d’Arc aufweisen, deuten auf das 15.

Jahrhundert zurück; das meiste aber ist modern. Ich verweilte wohl eine

Viertelstunde an dieser Stelle, mir jedes Kleinste einprägend, und trat

dann wieder vor das Portal der Kapelle, zu deren Linken sich eine

Statue der Pucelle erhebt. Diese kniet im Gebet, preßt die linke Hand

aufs Herz, während sie die rechte gen Himmel hebt; — eine wohlgemeinte,

aber schwache Arbeit.

Ich klopfte eben mit meinem spanischen Rohr an der Statue umher, um

mich zu vergewissern, ob es Bronce oder gebrannter Thon sei, als ich

vom Café de Jeanne d’Arc her eine Gruppe von 8 bis 12 Männern auf mich

zukommen sah, ziemlich eng geschlossen und unter einander flüsternd.

Ich stutzte, ließ mich aber zunächst in meiner Untersuchung nicht

stören und fragte, als sie heran waren, mit Unbefangenheit: aus welchem

Material die Statue gemacht sei? Man antwortete ziemlich höflich: »aus

Bronce«, schnitt aber weitere kunsthistorische Fragen, zu denen ich

Lust bezeugte, durch die Gegenfrage nach meinen Papieren ab. Ich

überreichte ein rothes Portefeuille, in dem sich meine

Legitimationspapiere befanden, selbstverständlich nur #preußische#. Man

suchte sich darin zurecht zu finden, kam aber nicht weit und forderte

mich nunmehr auf, zu besserer Feststellung sowohl meiner Person, wie

meiner Reiseberechtigung ihnen in das Wirthshaus zu folgen.

Die ganze Scene, so peinlich sie war, hatte, der Gesammthaltung der

Dorfbewohner nach, nicht gerade viel Bedrohliches gehabt und schien

nach unserem Eintreten in das Wirthshaus, wo bald Wein und Reimser

Biscuit herumgegeben wurden, ein immer helleres Licht gewinnen zu

wollen. Ich machte alle Umstehenden, deren Zahl von Minute zu Minute

wuchs, mit dem Inhalt meiner Legitimationspapiere bekannt und setzte

ihnen offen den Zweck meiner Reise und dieser speziellen Excursion nach

Domremy auseinander, was alles wohl aufgenommen wurde. Aber der kleine

Lichtstrahl, der eben durchbrechen wollte, sollte bald wieder

schwinden. Ich war eben noch im besten Peroriren, als ein junger Bauer,

der sich mit meinem Stock zu thun gemacht hatte, die Krücke aus der

Stockscheide zog und mit einem »≈ah, un poignard≈« die mir zuhörende

Gesellschaft überraschte. Es durchfröstelte mich etwas, weil ich klar

einsah, was jetzt nothwendig kommen mußte. Ich faßte mich aber schnell

und zur Initiative greifend, die allein einem Schlimmeren vorbeugen

konnte, sagte ich mit Ruhe: ≈Naturellement, Messieurs, je suis armé≈.

Ich sprach es so, daß man heraushören #mußte#: mit diesem Poignard

allein ist es nicht gethan. Man verstand mich auch sofort und von

mehreren Seiten hieß es jetzt: »≈ah, ah! sans doute un revolvèr≈«,

während Andere dazwischen riefen: »≈où est-il? où sont ses effets?

cherchez! apportez!≈« Man brachte alsbald meine Reisedecke und bestand

seltsamerweise darauf, daß ich sie selber öffnen solle. Es war, als

hätt’ ich sie mit Torpedos geladen. Ich konnte mich selbst in diesem

Augenblicke eines Lächelns nicht erwehren, löste die Riemen, wickelte

die Decke auseinander und überreichte meinen Revolver. Er ging von Hand

zu Hand; ich konnte wahrnehmen, daß er mit sehr verschiedenen Gefühlen

betrachtet wurde.

Die Situation war bereits heikel genug, aber schlimme Momente kommen

nie allein; so auch hier. In eben diesem Augenblick, wo die Stimmung

gegen mich ziemlich hoch ging, drängte sich durch den dichtesten Haufen

ein wüst aussehender Geselle, der, gedunsen und kurzhalsig, seiner

apoplektischen Anlage durch 6 Litre Wein täglich zu Hülfe zu kommen

schien, stellte sich sperrbeinig vor mich hin, schlug mit der Faust auf

seine Brust und erklärte mit lallender Zunge: »≈Je suis le Maire.≈«

Dies kam mir #sehr# ungelegen. Ich griff zu einem verzweifelten Mittel

und sagte ihm unter Verbeugung, »daß ich erfreut sei, ihn zu sehen«,

was bei Einzelnen (ich hatte also richtig gerechnet) sofort eine

gewisse Heiterkeit zu meinen Gunsten erweckte und die Gebildeteren

veranlaßte, die Dorfobrigkeit, die noch allerhand faselte, bei Seite zu

schieben. Dies war sehr wichtig für mich. Solch trunkener Imbecile, an

dem Alles, was Vernunft und Wahrheit ist, nothwendig scheitern mußte,

war das Schlimmste, was mir in solchem Momente begegnen konnte.

Einer aus dem Kreise der Minorität trat jetzt an mich heran und fragte

ruhig: ob ich damit einverstanden sei, daß man mich nach Neufchateau

auf die Souspräfektur führe? Ich mußte lächeln; ebenso gut hätte er

mich fragen können, ob ich damit einverstanden sei, gehängt zu werden?

Ich mußte eben tragen, was über mich beschlossen wurde.

Meine Einwilligung war kaum ausgesprochen, als man meinen Kutscher, der

mich übrigens #nicht# verrathen hatte, antrieb, seinen Braunen wieder

einzuspannen. Ich bezahlte meine Zehrung, die Wirthin nahm das Geld und

sah mich theilnahmsvoll an. Sie schien sagen zu wollen: die Welt ist

toll geworden. Im Moment, wo ich auf den Flur hinaustrat, legte ein

hübsch aussehender, rothblonder Mann seine Hand auf meine Schulter und

flüsterte mir zu: »≈Monsieur, encore un moment!≈« Er wies auf ein

großes Hinterzimmer, in das er voranschritt; ich folgte. Als wir allein

waren, zeigte er mir ein Papier, das an seiner Spitze ein umstrahltes

Dreieck und in dem Dreieck, soviel ich erkennen konnte, einige

hebräische Zeichen trug. »≈Connaissez vous cela?≈« Es schien mir ein

Freimaurer-Papier. Ich antwortete: »Nein«, hinzusetzend, daß ich die

Bedeutung allerdings zu kennen glaubte. »≈Ah! c’est bon!≈« Er steckte

sein Papier wieder ein und ich war entlassen. Ob er wirklich meine

Freilassung durchsetzen wollte, oder ob das Ganze umgekehrt nur eine

Falle war, darüber kann ich bloß Vermuthungen hegen. Das Eine ist so

gut möglich, wie das Andere.

Wir stiegen auf. Rechts der Kutscher, links ein Franctireur, ich

eingeklemmt zwischen beiden; hinter uns, auf einem Strohbündel, lagen

zwei Blousenmänner. Die Sonne war im Niedergehen, der Abend klar und

schön; so ging es auf Neufchateau zu.

2. Neufchateau.

≈What may this mean,

That thou

Revisit’st thus the glimpses of the moon?≈

* * *

≈How now! a rat?≈

Hamlet.

Die Blousenmänner schliefen; mein Nachbar der Franctireur aber

plauderte und rauchte seine Cigarrette. Er war frisch, patriotisch,

bescheiden; meine Situation flößte ihm eine gewisse Theilnahme ein. Ich

fragte nach dem Souspräfekten. Der Franctireur nannte mir den Namen:

Mr. Cialandri, ein #Corse#. Ich kann nicht sagen, daß mir bei diesem

Zusatz besonders wohl geworden wäre. Ein Corse! Die Engländer haben ein

Schul- und Kinderbuch, das den Titel führt: »Peter Parley’s Reise um

die Welt, oder was zu wissen noth thut.« Gleich im ersten Kapitel

werden die europäischen Nationen im Lapidarstyl charakterisirt. Der

#Holländer# wäscht sich viel und kaut Tabak; der #Russe# wäscht sich

wenig und trinkt Branntwein; der #Türke# raucht und ruft Allah. Wie oft

habe ich über Peter Parley gelacht. Im Grunde genommen stehen wir aber

allen fremden Nationen gegenüber mehr oder weniger auf dem

Peter-Parley-Standpunkt; es sind immer nur ein, zwei Dinge, die uns,

wenn wir den Namen eines fremden Volkes hören, sofort entgegentreten:

ein langer Zopf, oder Schlitzaugen, oder ein Nasenring. Unter einem

Corsen hatte ich mir nie etwas anderes gedacht als einen kleinen

braunen Kerl, der seinen Feind meuchlings niederschießt und drei Tage

später von dem Bruder seines Feindes niedergeschossen wird. Man kann

daraus abnehmen, welcher Trost mir aus der Mittheilung erwuchs, daß Mr.

Cialandri ein Corse sei.

Es dunkelte schon, als wir in Neufchateau einfuhren. Die Straßen waren

wenig belebt; nach einigem Hin- und Herfragen hielten wir vor der

Souspräfektur. Der Anblick war der freundlichste von der Welt. Ein

Gitter, ein kiesbestreuter Vorhof, dahinter eine Villa, im

italienischen Castell-Styl aufgeführt. Das Baumaterial war rother

Ziegel; Wein und Pfirsich rankten am Spalier. Nach erfolgter Anmeldung

wurde ich Trepp’ auf geführt. In einem mit türkischem Teppich

ausgelegten Salon saßen die Damen des Hauses; ein Diener brachte eben

die Lampen; ich verneigte mich. Mr. Cialandri empfing mich an der

Schwelle des dahinter gelegenen Zimmers, das dieselbe Eleganz zeigte:

Marmorkamin, breite Spiegel, Fauteuils. Auf einem derselben wurde ich

gebeten, Platz zu nehmen. Mr. Cialandri setzte sich mir gegenüber. Das

Kaminfeuer beleuchtete seine Züge.

Es war ein schmächtiger Mann, von vollkommen weltmännischer Tournüre,

dabei augenscheinlich krank. Er entschuldigte sich, daß er im

Flüstertone sprechen müsse. Sein Auge war dunkel, sein Teint erdfahl;

wenn sich irgend eine Blutrache an ihm vollzogen hatte, so konnte sie

nur den Charakter anhaltender Aderlässe gehabt haben. Er drückte sein

Bedauern aus, bei den Zeitläuften, die leider herrschten, mich nicht

ohne Weiteres in Freiheit setzen zu können; der Capitain der

Gensdarmerie, nach dem er bereits geschickt habe, werde das Weitere

veranlassen.

Die Situation, Alles in Allem genommen, schien mir nicht hoffnungslos;

aber sie sollte sich bald verändern. Der Capitain trat ein, verbeugte

sich leicht und nahm dann den mit leiser Stimme gegebenen Bericht des

Souspräfekten entgegen. Dann und wann warf er ein kurzes Wort ein und

blickte, scharf musternd, mit seinen dunklen Augen zu mir herüber. Ich

hasse im Allgemeinen nichts mehr als diese thörichten Augenkämpfe, die,

aus einer falschen Vorstellung von Muth und Mannhaftigkeit

hervorgehend, schon so viel Unheil angerichtet haben; #diese# Blicke

aber hielt ich aus. Woher mir, bei sonstiger Scheuheit, die Kraft dazu

kam, weiß ich nicht. Gleichviel, ich hielt aus. Gefühl der Unschuld,

Abwehr gegen offenbare Provokation, endlich die ruhige Ueberzeugung,

daß man durch sich Kleinmachen noch nie das Herz eines Feindes erobert

hat — all’ das mochte zusammenwirken.

Der Capitain wandte sich jetzt an mich:

≈Vous êtes officier prussien?≈

≈Non!≈

≈Vous avez fait une „excursion” à Domremy?≈

≈Oui!≈

≈Vous suivez votre armée?≈

≈Oui et non! En tout cas je n’en dépends pas.≈

≈Ah, ah! — Vous avez été à Toul?≈

≈Oui!≈

≈A Nancy!≈

≈Oui!≈

≈Vous êtes médecin?≈

≈Non.≈

≈Mais vous portez la croix rouge!≈

≈Oui; comme légitimation.≈

≈Ah, ah!≈

Nun folgte wieder ein Geflüster und eine Seitenmusterung, worauf ich

gebeten wurde, ihm zu folgen. Ich verbeugte mich gegen den

Souspräfekten, die Damen im Salon erwiederten höflich meinen Gruß und

ich stieg rasch in den Flur des Hauses nieder. Im Hinaustreten auf den

Vorhof besann sich der Capitain (wofür ich ihm danke) plötzlich eines

Besseren, ließ eine Hinterpforte öffnen und führte mich auf abgekürztem

Wege und durch Straßen, wo Niemand unserer achtete, in das Gefängniß

der Stadt.

Es war ein weitschichtiges Gebäude, Corridore, ein Gewirr von Treppen;

endlich öffneten wir ein Zimmer, darin der Greffier von Neufchateau

seine Wohnung hatte. Im Kamin knackten die großen Scheite; die Flamme

schlug hoch auf und gab dem niedrigen aber geräumigen Gemach mehr

Licht, als die kleine Lampe, die auf dem Tische stand. Im Moment

unseres Eintretens erhob sich der Greffier, nahm die Lampe, schlug den

Schirm zurück und schritt uns entgegen. Ich war wie vom Donner

getroffen; das leibhaftige Ebenbild meines Vaters stand vor mir. Wir

schrieben den 5. Oktober; vor drei Jahren, fast um dieselbe Stunde, war

er gestorben; — hier sah ich ihn wieder, frisch, lebensvoll, hoch

aufgewachsen, mit breiten Schultern und großen Augen, im Auge selbst

jene Mischung von Strenge und Gutmüthigkeit, wie sie ihm eigenthümlich

gewesen war.

Der Capitain übergab mich dem Greffier, der den vollklingenden Namen

Mr. Palazot führte, verbeugte sich gegen mich mit einem Anflug von

Ironie und ließ mich mit meinem Hüter allein. Ich war jetzt Gefangener.

Mr. Palazot rückte seinen Stuhl vom Kamin an den Tisch, stellte die

üblichen Fragen und machte einige Notizen, nachdem ich Uhr und Geld und

ein kleines Perlmuttermesser, das gerade ausgereicht haben würde, einen

Maikäfer zu ermorden, bei ihm deponirt hatte. Nachdem so alles

Dienstliche abgemacht worden war, glättete sich die Stirn des Alten! er

warf ein neues Scheit in die Flamme und forderte mich auf, an seiner

Mahlzeit teilzunehmen. Es waren Carotten in einer Petersiliensauce. Ich

lehnte dankend ab, bat aber um ein Glas Wasser und einen Löffel Cognac.

Mein alter Gascogner nickte, gab in die Küche hinaus die Ordre und

alsbald erschien Madame Palazot, um mir das Gewünschte zu bringen. Wir

saßen nun zu dritt um den runden Tisch und sprachen von Krieg und

Frieden. Die üblichen Trivialitäten wurden ausgetauscht und aufs Neue

festgestellt, daß Krieg eine sehr böse und Friede eine sehr schöne

Sache sei. Nachdem wir uns innerhalb dieses Glaubensbekenntnisses

gefunden, wurden die Herzen immer offener. »Madame«, eine herzensgute

Frau, holte das Bild ihres Sohnes, eines hübschen Husaren-Offiziers,

dessen Regiment die großen Kavalleriechargen bei Mars la Tour

mitgemacht hatte und von dem seit der Einschließung von Metz keine

Nachrichten mehr eingetroffen waren. »≈Il est mort≈«, — dabei liefen

der Alten die Thränen über das Gesicht; der Alte sah starr vor sich

hin, spießte eine Carotte auf, legte aber die Gabel wieder nieder, ohne

gegessen zu haben. Ein braunfleckiger, weißer Hühnerhund, der dem Sohn

gehörte, stimmte winselnd in die Familientrauer mit ein. Eine halbe

Stunde später kam Besuch, ein junger Advokat, natürlich Republikaner.

Mr. Palazot war Orleanist. Die Debatte wurde immer lebhafter, der

Advokat sprach sich mehr und mehr in Feuer und Flamme hinein:

»≈L’Alsace et la Lorraine à l’Allemagne?! jamais, jamais! Vous voulez

une guerre d’extermination, une guerre à outrance, — eh bien vous

l’aurez.≈« Mir schwindelte der Kopf. Die furchtbaren Aufregungen dieses

Tages, die sich immer wieder aufdrängende Frage: »was wird?« die

Diskussionen in einer fremden Sprache, — eine völlige Erschöpfung kam

über mich und ich bat, mich in mein Zimmer zu führen. Ich glaube, ich

sagte wirklich #Zimmer#.

Es mochte 9 Uhr sein. Mad. Palazot, auf meine Bitte, gab mir vier

wollene Decken mit; der Alte selbst nahm ein Licht und führte mich in

mein »Zimmer« hinüber. Es trug die Inschrift »≈cachot≈«. Wir sagten

einander gute Nacht, der Bolzen wurde vorgeschoben.

Ich kann nicht sagen, daß mich ein Schrecken angewandelt hätte; im

Gegentheil, ich hatte das Gefühl einer innerlichen Befreiung; ich war

#allein#. In diesem Wort liegen Himmel und Hölle. Ich empfand zunächst

nur jenen. Der übliche Gefängnißapparat, der Schemel, der Wasserkrug,

das eiserne Bett machten mich lächeln. Ich sprach vor mich hin: alles

ächt. Das Ganze hatte zudem nichts Abschreckendes. Die Wände waren

weiß, die Laken sauber, durch das breite Gitterfenster fiel das

Mondlicht bis in die halbe Tiefe des Zimmers, drunten, in weißem

Schimmer, lag die Stadt. Ich schritt eine Viertelstunde lang auf und

ab; dann entkleidete ich mich und wickelte mich in die Decken. Ich war

todmüde und hoffte »einen guten Schlaf zu thun«.

Es war anders beschlossen. Ich mochte 5 Minuten geschlafen haben, als

mich ein lautes Nagen und Knabbern weckte. Ich fuhr auf und horchte.

Kein Zweifel, Ratten. Wie mir dabei zu Muthe wurde, kann ich nicht

beschreiben. Ich wußte sofort: einen Schlaf giebt es in dieser Nacht

nicht mehr für dich. Hätt’ ich auch anders darüber gedacht, die

Bewohner hinter Wand und Diele hätten mich bald eines andern belehrt.

Nie hab’ ich diese Thiere mit solcher Frechheit sich gebehrden sehen;

sie waren überall; zupften und zerrten an den Decken, ließen sich durch

mein Husten und Zurufen nicht im Geringsten stören und machten, wenn

sie unter dem Fußboden geschwaderartig und mit stampfendem Gepolter

hinjagten, den Eindruck einer infernalen Kavallerie auf mich. Jeden

Augenblick mußt’ ich fürchten, daß sie mein Bett mit Sturm nehmen

würden.

Der erste Seufzer kam aus meiner Brust. Bis dahin hatt’ ich mich

gehalten. Ich stand auf, kleidete mich an, wickelte mich in meine

Reisedecke und setzte mich auf das Fensterbrett, das gerade breit genug

war, meinem Körper Platz zu geben. In solcher Stellung, nur mal rechts,

mal links meine Rückenlehne suchend, durchwachte ich die Nacht, zählte

ich die Viertelstunden. Das höllische Gethier, das mich einfach als

einen Eindringling betrachtete, ließ übrigens auch jetzt nicht von mir

ab; sie drängten sich an den Schemel, den ich als eine Art Treppenstufe

an das Fenster geschoben hatte und suchten diesen zu erklettern; als

sie aber ihre Anstrengungen scheitern und mich beständig auf Wache

sahen, gaben sie endlich ihre Chargen auf. Um 4 Uhr wurde es still; um

5 Uhr dämmerte es.

Um 7 Uhr erschien Mr. Palazot. Ich sagte ihm, daß ich nicht geschlafen

hätte und weshalb nicht. Er lächelte. »Ja, ja.« Am Kaminfeuer sollten

jetzt die Gespräche vom Abend vorher wieder aufgenommen werden; aber,

trotz angeborner Höflichkeit, — ich konnte nicht. Eine Viertelstunde

lang, während ich wieder ein wenig Wasser und Cognac trank, hielt ich

es aus; dann fragte ich ihn, ob er mir wohl erlauben wolle, in seinem

Sorgenstuhl den versäumten Schlaf der Nacht nachzuholen? Er nickte, gab

mir sein bestes Kissen und ich rückte mich zurecht. An Schlaf war

natürlich nicht zu denken, auch lag mir nur an Ruhe, an der

Möglichkeit, mir selber anzugehören.

So saß ich eine Stunde; das Feuer knisterte, der Hühnerhund gappste

nach den Fliegen, der Alte las, Mad. Palazot ging leise, wie auf

Socken, auf und ab. Mit dem Schlage neun wurde es draußen laut; schwere

Schritte klangen auf der Treppe; drei Gensdarmen, große schöne Leute,

traten ein. Unter ihrer Eskorte, so erfuhr ich jetzt, sollte ich nach

der Festung Langres, zum Brigadegeneral gebracht werden. Abschied war

bald genommen: meiner freundlichen Wirthin sprach ich die Hoffnung aus,

daß sie ihren Sohn wiedersehen möge. Sie weinte: ≈jamais, jamais!≈

Der Bahnhof lag an der entgegengesetzten Seite der Stadt. Ich mußte

also die Hauptstraße der ganzen Länge nach passiren. Es war eine Art

Volksfest; die Nachricht von meiner Verhaftung hatte sich schon am

Abend vorher in allen Schichten der Bevölkerung verbreitet. Als ich so

Haus bei Haus, an den Gruppen Neugieriger vorüber mußte, ging mir die

Strophe eines alten Liedes durch den Sinn:

Mary Hamilton schritt die Straß entlang,

Alle Mädchen schauten herfür,

Die Männer und die Frauen

Standen fragend in der Thür.

So das Lied. Mary Hamilton schritt auf einen Hügel zu, um dort zu

sterben. #Wohin schritt ich?#

3. Langres.

Was schüttelt Dich nun? was erschüttert den

Sinn? Ein innrer Schauer durchfährt mich.

Egmont.

Von Neufchateau bis Langres werden 12 Meilen sein. Wir machten die

Fahrt in vier Stunden, im Allgemeinen durch Neugier, oder Schlimmeres,

wenig belästigt. Die einzige Klasse von Personen, die sich hier, wie

auch späterhin, durch eine gewisse feindselige Zudringlichkeit

auszeichnete, waren Beamte niedern Grades, die in noch junger Beziehung

zum »rothen Bändchen« standen, kleine Carrièremacher, die auf diese

Weise ihrer nationalen, aber mehr noch ihrer persönlichen Eitelkeit

fröhnen wollten. Sie traten an das Coupéfenster, unterwarfen mich einem

Kreuzverhör, musterten mich, und verschwanden wieder. Sie waren nicht

geradezu unhöflich, nur das ganze Verfahren überhaupt bildete eine

Unart.

Es war gegen 2 Uhr, als wir Langres erreichten. In halbstündiger

Entfernung vom Bahnhof, auf einem Bergrücken, lagen Stadt und Festung;

dort mußten wir hinauf. Trotz Oktober war eine glühende Hitze; die

Sonne stach. Halben Wegs bat ich, einen Augenblick rasten zu dürfen;

man war sogleich bereit, und stellte mir anheim, diese Berg-Ersteigung

in so viel Etappen zu machen, wie mir bequem sei. Endlich waren wir

oben, das Festungsthor nahm uns auf.

Gefängnisse und Verhörslokale, zu meinem nicht geringen Leidwesen,

lagen hier, wie an allen anderen Orten, die ich zu passiren hatte,

immer am entgegengesetzten Ende der Stadt, so daß ich das

Spießruthenlaufen durch eine feindlich gesinnte Bevölkerung gründlich

kennen lernte. Ich erweiterte auf die Weise zwar meine Städtekenntniß,

aber ich hätte auf diesen Wissenszuwachs gern Verzicht geleistet. Die

Straßenjugend, auch hier in Langres, war ziemlich arg hinter mir her,

namentlich in den engeren Gassen, und wenn mir von den Zurufen auch

vieles entging, so hatte ich doch gerade Ohr genug, um das immer

wiederkehrende »≈pendre≈« und »≈fusiller≈« sehr deutlich herauszuhören.

Endlich standen wir vor dem Verhörslokal; die Militairgerichtsbarkeit

der Brigade hatte hier ihren Sitz. Man führte mich in ein niedriges

Büreau-Zimmer, an dessen großem Doppel-Schreibtisch zwei Capitaine

beschäftigt waren. Der Gensdarmerie-Wachtmeister entlud seine

Ledertasche und legte allerhand Papiere, darunter auch die

Legitimationskarten, Briefe und Notizbücher, die man mir in Domremy

abgenommen hatte, auf den Tisch. Der scharfe Gang bergan (der

eingebüßten Nachtruhe ganz zu geschweigen) hatte mich so angestrengt,

daß ich einer Ohnmacht nahe war. Da ich aber zugleich empfand, daß es

auf die Antworten, die ich hier zu geben haben würde, sehr erheblich

ankommen müsse, so bat ich zuvor um ein Glas Wasser. Man brachte mir

Wein. Ich stürzte es herunter und war nun wie neubelebt. Die Fragen,

die an mich gerichtet wurden, waren dieselben wie in Neufchateau, aber

ruhiger, weniger feindselig. Man wollte auch hier einen Offizier aus

mir herauspressen, um so mehr als das vom Gensdarmeriecapitain

ausgestellte Begleitpapier mich ohne weiteres als einen solchen

angemeldet hatte, meine Erscheinung und Sprachweise aber, vor allem die

Notizen meines Taschenbuchs, die ein Interprete rasch durchfliegen

mußte, schienen im Ganzen die Situation zu meinen Gunsten zu ändern. Es

kam nur darauf an, ob dieser Eindruck dauern oder durch irgend etwas

anderes paralysirt werden würde.

Das ganze Verhör hatte kaum 10 Minuten gedauert; ich wurde entlassen

und durch meine Begleiter einige Straßen weiter in ein graues

schloßartiges Gebäude geführt. Ich betrat es mit einer gewissen

Zuversicht, die sich darauf gründen mochte, daß ich, am Schluß meines

Zwiegesprächs mit den beiden Capitainen, das Wort »Kaserne« gehört zu

haben glaubte, ein Wort, das mir in der Lage, in der ich mich befand,

schon halb wie Freiheit klingen mußte. Ich sollte indeß nicht lange in

diesem Irrthum bleiben. Ein kleiner, schwarzäugiger Franzose (Monsieur

Bourgaut, wie ich später erfuhr) nahm mich in Empfang, stellte die

üblichen Fragen und führte mich dann Trepp’ auf, über lange Corridore

hin, in ein geräumiges, in allem übrigen aber meinen Erwartungen wenig

entsprechendes Zimmer. Mr. Bourgaut selbst war ungemein beweglich und

geschäftig, plapperte mit halblauter Stimme lange Sätze vor sich hin,

die ich nicht verstand und verschwand dann rasch, nachdem er sich wie

ein Kreisel verschiedene Male umgedreht hatte. Das Ganze gefiel mir

nicht allzu sehr. Mit einer Art Sehnsucht dachte ich an meinen alten

Palazot zurück.

Ich war nun allein und suchte mich mit meiner neuen Behausung bekannt

zu machen. Die Thür war auf geblieben, das schien mir ein gutes

Zeichen, aber freilich auch das einzige. Das breite Fenster war dicht

vergittert, der Deckenkalk in großen Stücken herabgestürzt, die Dielen

zernagt oder durchgetreten. An den weißen Wänden war nichts sichtbar

als breite, braune Flecke, wo es durchgeregnet, und lange schmale

Streifen, mal grau, mal roth, wo ein Vorbewohner ein Zündholz probirt

hatte. Der Kamin war zugemauert, nur ein zweihandgroßes Loch hatte man

gelassen, das jetzt durch einen rostigen Eisenschieber geschlossen war.

Der Zugwind machte, daß dieser Schieber beständig hin und her

klapperte, was mir alsbald unerträglich wurde. Ich wollte also durch

eingeklemmtes Papier nach Möglichkeit Ruhe schaffen und zog den

Schieber in die Höhe. In dem dunklen Loch dahinter lagen abgenagte

Knochen. Es war nichts Aengstliches, nur Ueberreste eines Mahls, das

ein Gefangener von besserem Appetit als ich selber, an dieser Stelle

eingenommen hatte; aber ich kann doch nicht sagen, daß ich angenehm

dadurch berührt worden wäre.

Ich trat nun an das Fenster und durch die Gitterstäbe hinunterblickend,

mußte ich jetzt den letzten Rest der Vorstellung aufgeben, daß ich mich

in einer Kaserne befände. Aus dem von allen vier Seiten

eingeschlossenen Hofe, zum Theil unter den Säulen, die ihn

colonnadenartig umstanden, saßen 20 oder 30 Graujacken und zupften

Wolle. Ich wußte nun wo ich war. Auch an der allerdirektesten

Bestätigung sollte es alsbald nicht fehlen. Monsieur Bourgaut erschien

mit einem Tische in der Thür, drehte sich mit demselben wieder dreimal

herum, schob ihn in eine der Ecken und sagte dann, als er meiner in der

Fensternische gewahr wurde: »≈Retirez vous; vous ne connaissez pas ces

gens là bas; ce sont des Condamnés≈«. Es überlief mich ein wenig. Im

Verlaufe meiner Kriegsgefangenschaft bin ich später Tag um Tag mit

»Condamnés« zusammengewesen und habe dabei erfahren, daß auch ein wegen

Trunkenheit oder Disciplinarvergehen zu drei Tagen Gefängniß

Verurteilter diesen für unser Ohr entsetzlichen Namen führt. Damals

aber waren mir die Condamnés noch einfach »Verdammte« und ich hatte

durchaus das Gefühl mich »≈tra la perduta gente≈« zu befinden.

Ich wurde gefragt, welches Nachtessen ich zu nehmen wünsche? Ich bat

nur um etwas Thee. Mr. Bourgaut äußerte sich zustimmend (leider wieder

in längerer Rede) und empfahl sich. Es begann nun zu dämmern; in ihren

schweren Holzschuhen klappten und polterten die Condamnés über alle

Treppen und Gänge des ehemaligen Schlosses hin; die Riegel wurden

vorgeschoben; nur mein Zimmer blieb zunächst noch offen. Die Thür war

leise angelegt. Ich schritt in der Diagonale auf und ab, überlegte,

berechnete, balancirte, ein letzter Tagesschimmer leuchtete noch einmal

über den Dachfirst gegenüber; dann wurd’ es dunkel. Ich setzte meine

Marschübungen fort. Plötzlich stutzte ich, als ich von der Thür her

zwei feurige Punkte auf mich gerichtet sah. Ich erschrak, aber nur, um

im nächsten Momente mich desto freier zu fühlen. Eine prächtige Katze

hatte ihren halben Körper durch die Thürklinse geschoben und folgte

unter leisem Spinnen, mit dem Ausdruck der Verwunderung, meinem

endlosen Auf und Ab. Ich rief »Miß, Miß«, besann mich dann aber rasch,

daß die französischen Katzen eine andere Anrede verlangen und legte in

das landesübliche »≈mimi≈« meinen allerzärtlichsten Ton. Ich hatte wohl

Grund dazu. Der Anblick meines liebsten Freundes hätte mir nicht so

viel Trost gegeben. Ich wußte jetzt, daß ich die nächste Nacht schlafen

würde. Und danach vor allem stand mein Sinn.

Selbst Mr. Bourgaut, der noch einmal wiederkam, um mir meinen

Abend-Thee zu bringen, konnte mich in diesem Vorsatz und dieser

Hoffnung nicht stören, so wenig auch die Worte, mit denen er sich mir

empfahl, geeignet waren, meiner Nachtruhe Vorschub zu leisten. Er nahm

nämlich eine gewisse feierliche Haltung an und erklärte dann, um vieles

deutlicher und accentuirter als gewöhnlich: ≈Demain matin, Mr. le

Général, en présence des autorités civiles et militaires, #décidera

votre sort#≈.

Dies »≈décidera votre sort≈« hatte einen ziemlich finstern Klang, und

ein nahe liegendes Reimwort antwortete in mir darauf; aber das

Physische war doch in diesem Augenblicke mächtiger, als alles andere;

ich trank meinen Thee und 5 Minuten später schlief ich fest.

Ich weiß nicht wie lange. Aber mitten in der Nacht fuhr ich auf. Der

Körper hatte sich ein Genüge gethan und die unruhige Seele, die bis

dahin vergeblich den wie todt Schlafenden gerüttelt und geschüttelt

hatte, hatte ihn jetzt plötzlich ins Leben zurückgeweckt. Es war

»≈demain matin≈«. Ich hörte nur eins: »≈décidera votre sort≈«. Welches?

Eine furchtbare Angst ergriff mich und mit übergeschäftiger Phantasie

fing ich an zusammen zu addiren, was alles gegen mich sprach. Es gab

eine hübsche Summe. Luneville, Nancy, Toul waren die drei Punkte, von

woher man die Preußen erwartete. Ich #kam# von Toul. Der ganze Weg, den

ich gemacht, war ein Defilee. Man hatte Waffen bei mir gefunden. Das

rothe Kreuz, das an meinem Arm prahlte, war ich nicht befugt zu tragen,

wenigstens nicht nach Anschauung unserer Feinde. Meine

Legitimations-Papiere, die alle mehr oder weniger auf Anrufung der

preußischen Militair-Autoritäten zu meinem Schutz und zu meiner

Unterstützung hinausliefen, sprachen mehr gegen als für mich. Wie

federleicht wogen dagegen die paar Aufzeichnungen meines Notizbuches,

die alles waren, was ich direkt und unverzüglich zu meiner

Vertheidigung beibringen konnte! Ich sah nur schwarze Kugeln in die

Urne fallen und — ≈mon sort #fut# décidé≈. Eine halbe Stunde lag ich

so, oder vielleicht länger, ich weiß es nicht. Dann hatt’ ich mich mit

der Gewißheit meines Schicksals auch wieder gefunden. Eine Fassung kam

über mich, deren ich mich nicht für fähig gehalten hätte. Ich war

fertig mit Allem und bat Gott, mich bei Kraft zu erhalten und mich

nicht klein und verächtlich sterben zu lassen. Genug davon. War es

Erschöpfung, oder war es die Ruhe vollster Ergebung, — ich schlief

wieder ein.

Mit dem Morgengrauen war ich wach. Ob mir’s ein Traum eingegeben,

gleichviel, es stand plötzlich für mich fest, daß #Alles# davon

abhänge, einen wenigstens vorläufigen Beweis zu führen, daß ich nicht

preußischer Offizier sei. Von dem Momente ab, wo es mir geglückt sein

würde, diese Annahme zu erschüttern, werde man nichts mehr übereilen,

und erst über die nächsten 24 Stunden hinweg, müsse sich, bei

Nachforschung und ruhiger Ueberlegung, meine absolute Unschuld wie von

selbst ergeben. Um 6 Uhr saß ich an dem langen Tisch, den Mr. Bourgaut

am Abend vorher zurecht gerückt hatte, um 8 Uhr war ich in Brouillon

und Abschrift mit einem langen Memoire fertig, das bereits um 9 Uhr auf

dem Büreau des Generals lag. »≈Donnez-moi du temps et vous me donnez

tout≈« hieß es darin. Den Beweis meiner Nicht-Militairschaft hatte ich

bis zur Evidenz geführt. Woher mir in einer fremden Sprache, die ich

stets über Gebühr vernachlässigt hatte, die Möglichkeit kam, ohne

Diktionnair oder sonstiges Hilfsmittel, ein solches Memoire zu

schreiben, weiß ich nicht. Oder sag’ ich lieber: ich weiß es.

Der Vormittag verging, der Nachmittag, der Abend. ≈Les autorités

civiles et militaires≈ waren nicht zusammengetreten. Es fiel mir wie

eine Last von der Brust, ich athmete auf und als mir mein

zappelmännischer Mr. Bourgaut, mit dem ich mich, trotz seiner

schießenden schwarzen Augen, mehr und mehr auszusöhnen begann, am Abend

den Thee brachte, flüsterte er mir freundlich zu: ≈Tout va bien,

tranquillisez-vous≈! »≈Tranquillisez-vous≈«. Das klang besser als

»≈Décidera votre sort≈«. Ich schlief fest. Auch der nächste Tag verging

ohne Kriegsgericht. Ich durfte jetzt annehmen, daß ich gerettet sei.

Ich fühlte mich dem Leben wiedergegeben.

Ich blieb noch eine kurze Zeit in Langres, während welcher Epoche hin

und her verhandelt wurde, was man eigentlich mit mir machen solle?

Meine vollkommenste Unschuld war evident, dennoch konnte man sich nicht

entschließen, mir ohne Weiteres die Freiheit zurückzugeben. Es geschah,

was immer in solchen Fällen zu geschehen pflegt: #eine# Autorität schob

einer #andern# die Verantwortlichkeit zu. Es wurde beschlossen, mich

von der Brigade an die Division zu verweisen. Ehe dies aber ausgeführt

wurde oder auch nur bestimmt zu meiner Kenntniß gelangte, vergingen

noch drei Tage. Diese waren mein Idyll zu Langres.

An dem ersten dieser drei Tage wurde mir in aller Morgenfrühe »Monsieur

Louis«, der Sohn des Hauses, durch Papa Bourgaut vorgestellt und von

diesem Moment an war ich nicht mehr Alleinbewohner meines Gefängnisses,

sondern theilte es mit »≈mon cher Louis≈«. Es war ein allerliebster

Junge, dreizehnjährig, frisch, naiv, voller Begabung, namentlich nach

der Seite des Künstlerischen hin. Der Umstand, daß gerade die großen

Ferien waren, machte es ihm möglich, 12 Stunden des Tages mein

Gesellschafter zu sein. Ich gewann den Jungen lieb, aber 12 Stunden war

doch fast zu viel.

Wunderbares Leben, das in solchem Gefängniß, wenigstens zeitweilig, an

der Tagesordnung ist. Sehr viel anders, als es der Draußenstehende sich

ausmalt. Wir begannen in der Regel mit einer Stunde deutschen

Unterricht. Er hatte Lesebücher, darin auch viele deutsche Gedichte

eingestreut waren, unter andern Claudius’ »Abendlied«. Und so lasen wir

denn:

Der Mond ist aufgegangèn,

Die goldenen Sterne prangèn,

immer mit dem Accent auf der letzten Sylbe, was einen unendlich

komischen Eindruck machte. Nach dem deutschen Unterricht kamen Räthsel

und Rebus an die Reihe, worin er mir unendlich überlegen war. Dann

schritten wir zu den verschiedensten Gesellschaftsspielen; wir

arrangirten mit großen Zwei-Sousstücken eine Art Boccia, die darauf

hinauslief, das ausgeworfene Zwei-Sousstück zu treffen, oder ihm

möglichst nahe zu kommen; dann gingen wir zum ≈jeu au bouchon≈ über,

das, dem eben absolvirten Boccia verwandt, die Pointe verfolgte, einen

mit Sousstücken belegten #Pfropfen# zu treffen, bis zuletzt jenes

bekannte Geduldspiel, das im Französischen ≈junchets≈, im Englischen

und Holländischen »Spilleken«, im Deutschen aber #Zitterspiel# heißt,

alles andere in den Hintergrund drängte. Wir spielten es mit

Schwefelhölzern, oft mehrere Stunden lang; an einem dicken Exemplar,

das eigentlich aus drei, durch Phosphormasse zusammengeklebten Hölzchen

bestand, hing in der Regel der Sieg. Es galt als Zehner.

Waren wir dann ermüdet von dem vielen Spielen, so wußte cher Louis

durch eine Art ernsteren Sport die Nerven wieder zu beleben. Er hatte

ein kleines Pistolet, dessen Lauf nur etwa die Dicke einer Rabenfeder

besaß, und gegen welches die rostigen Schlüsselbüchsen meiner Jugend

wahre Monstrekanonen waren. Dieses Pistolet handhabte ≈cher Louis≈ nun

mit eben soviel Kühnheit wie Geschick. Er holte eine Schachtel mit

Amorces, d. h. also mit Knallpapieren, deren jedes nur die Größe eines

kleinen Stückchens englischen Pflasters hatte. Diese Amorces verwendete

er doppelt: zunächst als #Zünd#pulver, indem er eins der Stückchen

Papiere auf die #Pfanne# legte, dann aber namentlich auch als

eigentliche Explosionsmasse, indem er aus etwa 6 oder 8 Amorces die

Knallsubstanz sandkorngroß herausschälte und mit diesen 6 oder 8

Körnchen die Waffe lud. Ein Schrotkorn, das dem Kaliber entsprach,

wurde aufgesetzt. Nun hefteten wir eine Papierscheibe an die Wand, und

während Papa Bourgaut unten in seinem entlegenen Büreauzimmer Listen

schrieb und revidirte, standen wir hier oben mit unserer Mordwaffe und

feuerten auf 5 Schritt ins Schwarze, daß der Kalk von den Wänden flog.

Kriegsgefangen · 第 1 / 13 段