Ich habe ihn in spätern Jahren kennenlernen, umgeben von einer

zahlreichen, wohlgebildeten Familie. Er hat mir seine Geschichte

selbst erzählt, und wie es Menschen zu gehen pflegt, denen irgend

etwas Bedeutendes in früherer Zeit begegnet, so hatte sich auch jene

Geschichte so tief bei ihm eingedrückt, daß sie einen großen Einfluß

auf sein Leben hatte. Selbst als Mann und Hausvater pflegte er sich

manchmal etwas, das ihm Freude würde gemacht haben, zu versagen, um

nur nicht aus der übung einer so schönen Tugend zu kommen, und seine

ganze Erziehung bestand gewissermaßen darin, daß seine Kinder sich

gleichsam aus dem Stegreife etwas mußten versagen können.

Auf eine Weise, die ich im Anfang nicht billigen konnte, untersagte er

zum Beispiel einem Knaben bei Tische, von einer beliebten Speise zu

essen. Zu meiner Verwunderung blieb der Knabe heiter, und es war, als

wenn weiter nichts geschehen wäre.

Und so ließen die ältesten aus eigener Bewegung manchmal ein edles

Obst oder sonst einen Leckerbissen vor sich vorbeigehen; dagegen

erlaubte er ihnen, ich möchte wohl sagen, alles, und es fehlte nicht

an Arten und Unarten in seinem Hause. Er schien über alles

gleichgültig zu sein und ließ ihnen eine fast unbändige Freiheit, nur

fiel es ihm die Woche einmal ein, daß alles auf die Minute geschehen

mußte. Alsdann wurden des Morgens gleich die Uhren reguliert, ein

jeder erhielt seine Ordre für den Tag, Geschäfte und Vergnügungen

wurden gehäuft, und niemand durfte eine Sekunde fehlen. Ich könnte

Sie stundenlang von seinen Gesprächen und Anmerkungen über diese

sonderbare Art der Erziehung unterhalten. Er scherzte mit mir als

einem katholischen Geistlichen über meine Gelübde und behauptete, daß

eigentlich jeder Mensch sowohl sich selbst Enthaltsamkeit als andern

Gehorsam geloben sollte, nicht um sie immer, sondern um sie zur

rechten Zeit auszuüben."

Der Prokurator

Erzählung aus Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten

(1795)

In einer italienischen Seestadt lebte vorzeiten ein Handelsmann, der

sich von Jugend auf durch Tätigkeit und Klugheit auszeichnete. Er war

dabei ein guter Seemann und hatte große Reichtümer erworben, indem er

selbst nach Alexandria zu schiffen, kostbare Waren zu erkaufen oder

einzutauschen pflegte, die er alsdann zu Hause wieder abzusetzen oder

in die nördlichen Gegenden Europens zu versenden wußte. Sein Vermögen

wuchs von Jahr zu Jahr um so mehr, als er in seiner Geschäftigkeit

selbst das größte Vergnügen fand und ihm keine Zeit zu kostspieligen

Zerstreuungen übrigblieb.

Bis in sein funfzigstes Jahr hatte er sich auf diese Weise emsig

fortbeschäftigt und ihm war von den geselligen Vergnügungen wenig

bekannt worden, mit welchen ruhige Bürger ihr Leben zu würzen

verstehen; ebensowenig hatte das schöne Geschlecht, bei allen Vorzügen

seiner Landsmänninnen, seine Aufmerksamkeit weiter erregt, als

insofern er ihre Begierde nach Schmuck und Kostbarkeiten sehr wohl

kannte und sie gelegentlich zu nutzen wußte.

Wie wenig versah er sich daher auf die Veränderung, die in seinem

Gemüte vorgehen sollte, als eines Tages sein reich beladen Schiff in

den Hafen seiner Vaterstadt einlief, eben an einem jährlichen Feste,

das besonders der Kinder wegen gefeiert wurde. Knaben und Mädchen

pflegten nach dem Gottesdienste in allerlei Verkleidungen sich zu

zeigen, bald in Prozessionen, bald in Scharen durch die Stadt zu

scherzen und sodann im Felde auf einem großen freien Platz allerhand

Spiele zu treiben, Kunststücke und Geschicklichkeiten zu zeigen und in

artigem Wettstreit ausgesetzte kleine Preise zu gewinnen.

Anfangs wohnte unser Seemann dieser Feier mit Vergnügen bei; als er

aber die Lebenslust der Kinder und die Freude der Eltern daran lange

betrachtet und so viele Menschen im Genuß einer gegenwärtigen Freude

und der angenehmsten aller Hoffnungen gefunden hatte, mußte ihm bei

einer Rückkehr auf sich selbst sein einsamer Zustand äußerst auffallen.

Sein leeres Haus fing zum erstenmal an, ihm ängstlich zu werden, und

er klagte sich selbst in seinen Gedanken an:

"O ich Unglückseliger! warum gehn mir so spät die Augen auf? Warum

erkenne ich erst im Alter jene Güter, die allein den Menschen

glücklich machen? Soviel Mühe! soviel Gefahren! Was haben sie mir

verschafft? Sind gleich meine Gewölbe voll Waren, meine Kisten voll

edler Metalle und meine Schränke voll Schmuck und Kleinodien, so

können doch diese Güter mein Gemüt weder erheitern noch befriedigen.

Je mehr ich sie aufhäufe, desto mehr Gesellen scheinen sie zu

verlangen; ein Kleinod fordert das andere, ein Goldstück das andere.

Sie erkennen mich nicht für den Hausherrn; sie rufen mir ungestüm zu:

"Geh und eile, schaffe noch mehr unsersgleichen herbei! Gold erfreut

sich nur des Goldes, das Kleinod des Kleinodes." So gebieten sie mir

schon die ganze Zeit meines Lebens, und erst spät fühle ich, daß mir

in allem diesem kein Genuß bereitet ist. Leider jetzt, da die Jahre

kommen, fange ich an zu denken und sage zu mir: Du genießest diese

Schätze nicht, und niemand wird sie nach dir genießen! Hast du jemals

eine geliebte Frau damit geschmückt? Hast du eine Tochter damit

ausgestattet? Hast du einen Sohn in den Stand gesetzt, sich die

Neigung eines guten Mädchens zu gewinnen und zu befestigen? Niemals!

Von allen deinen Besitztümern hast du, hat niemand der Deinigen etwas

besessen, und was du mühsam zusammengebracht hast, wird nach deinem

Tode ein Fremder leichtfertig verprassen.

O wie anders werden heute abend jene glücklichen Eltern ihre Kinder um

den Tisch versammeln, ihre Geschicklichkeit preisen und sie zu guten

Taten aufmuntern! Welche Lust glänzte aus ihren Augen, und welche

Hoffnung schien aus dem Gegenwärtigen zu entspringen! Solltest du

denn aber selbst gar keine Hoffnung fassen können? Bist du denn schon

ein Greis? Ist es nicht genug, die Versäumnis einzusehen, jetzt, da

noch nicht aller Tage Abend gekommen ist? Nein, in deinem Alter ist

es noch nicht töricht, ans Freien zu denken, mit deinen Gütern wirst

du ein braves Weib erwerben und glücklich machen, und siehst du noch

Kinder in deinem Hause, so werden dir diese spätern Früchte den

größten Genuß geben, anstatt daß sie oft denen, die sie zu früh vom

Himmel erhalten, zur Last werden und zur Verwirrung gereichen."

Als er durch dieses Selbstgespräch seinen Vorsatz bei sich befestigt

hatte, rief er zwei Schiffsgesellen zu sich und eröffnete ihnen seine

Gedanken. Sie, die gewohnt waren, in allen Fällen willig und bereit

zu sein, fehlten auch diesmal nicht und eilten, sich in der Stadt nach

den jüngsten und schönsten Mädchen zu erkundigen; denn ihr Patron, da

er einmal nach dieser Ware lüstern ward, sollte auch die beste finden

und besitzen.

Er selbst feierte so wenig als seine Abgesandten. Er ging, fragte,

sah und hörte und fand bald, was er suchte, in einem Frauenzimmer, das

in diesem Augenblick das schönste der ganzen Stadt genannt zu werden

verdiente, ungefähr sechzehn Jahre alt, wohlgebildet und gut erzogen,

deren Gestalt und Wesen das Angenehmste zeigte und das Beste versprach.

Nach einer kurzen Unterhandlung, durch welche der vorteilhafteste

Zustand sowohl bei Lebzeiten als nach dem Tode des Mannes der Schönen

versichert ward, vollzog man die Heirat mit großer Pracht und Lust,

und von diesem Tage an fühlte sich unser Handelsmann zum erstenmal im

wirklichen Besitz und Genuß seiner Reichtümer. Nun verwandte er mit

Freuden die schönsten und reichsten Stoffe zur Bekleidung des schönen

Körpers, die Juwelen glänzten ganz anders an der Brust und in den

Haaren seiner Geliebten als ehemals im Schmuckkästchen, und die Ringe

erhielten einen unendlichen Wert von der Hand, die sie trug.

So fühlte er sich nicht allein so reich, sondern reicher als bisher,

indem seine Güter sich durch Teilnehmung und Anwendung zu vermehren

schienen. Auf diese Weise lebte das Paar fast ein Jahr lang in der

größten Zufriedenheit, und er schien seine Liebe zu einem tätigen und

herumstreifenden Leben gegen das Gefühl häuslicher Glückseligkeit

gänzlich vertauscht zu haben. Aber eine alte Gewohnheit legt sich so

leicht nicht ab, und eine Richtung, die wir früh genommen, kann wohl

einige Zeit abgelenkt, aber nie ganz unterbrochen werden.

So hatte auch unser Handelsmann oft, wenn er andere sich einschiffen

oder glücklich in den Hafen zurückkehren sah, wieder die Regungen

seiner alten Leidenschaft gefühlt, ja er hatte selbst in seinem Hause

an der Seite seiner Gattin manchmal Unruhe und Unzufriedenheit

empfunden. Dieses Verlangen vermehrte sich mit der Zeit und

verwandelte sich zuletzt in eine solche Sehnsucht, daß er sich äußerst

unglücklich fühlen mußte und zuletzt wirklich krank ward.

"Was soll nun aus dir werden?" sagte er zu sich selbst. "Du erfährst

nun, wie töricht es ist, in späten Jahren eine alte Lebensweise gegen

eine neue zu vertauschen. Wie sollen wir das, was wir immer getrieben

und gesucht haben, aus unsern Gedanken, ja aus unsern Gliedern wieder

herausbringen? Und wie geht es mir nun, der ich bisher wie ein Fisch

das Wasser, wie ein Vogel die freie Luft geliebt, da ich mich in einem

Gebäude bei allen Schätzen und bei der Blume aller Reichtümer, bei

einer schönen jungen Frau eingesperrt habe? Anstatt daß ich dadurch

hoffte, Zufriedenheit zu gewinnen und meiner Güter zu genießen, so

scheint es mir, daß ich alles verliere, indem ich nichts weiter

erwerbe. Mit Unrecht hält man die Menschen für Toren, welche in

rastloser Tätigkeit Güter auf Güter zu häufen suchen; denn die

Tätigkeit ist das Glück, und für den, der die Freuden eines

ununterbrochenen Bestrebens empfinden kann, ist der erworbene Reichtum

ohne Bedeutung. Aus Mangel an Beschäftigung werde ich elend, aus

Mangel an Bewegung krank, und wenn ich keinen andern Entschluß fasse,

so bin ich in kurzer Zeit dem Tode nahe.

Freilich ist es ein gewagtes Unternehmen, sich von einer jungen,

liebenswürdigen Frau zu entfernen. Ist es billig, um ein reizendes

und reizbares Mädchen zu freien und sie nach einer kurzen Zeit sich

selbst, der Langenweile, ihren Empfindungen und Begierden zu

überlassen? Spazieren diese jungen, seidnen Herren nicht schon jetzt

vor meinen Fenstern auf und ab? Suchen sie nicht schon jetzt in der

Kirche und in Gärten die Aufmerksamkeit meines Weibchens an sich zu

ziehen? Und was wird erst geschehen, wenn ich weg bin? Soll ich

glauben, daß mein Weib durch ein Wunder gerettet werden könnte? Nein,

in ihrem Alter, bei ihrer Konstitution wäre es töricht zu hoffen, daß

sie sich der Freuden der Liebe enthalten könnte. Entfernst du dich,

so wirst du bei deiner Rückkunft die Neigung deines Weibes und ihre

Treue zugleich mit der Ehre deines Hauses verloren haben."

Diese Betrachtungen und Zweifel, mit denen er sich eine Zeitlang

quälte, verschlimmerten den Zustand, in dem er sich befand, aufs

äußerste. Seine Frau, seine Verwandten und Freunde betrübten sich um

ihn, ohne daß sie die Ursache seiner Krankheit hätten entdecken können.

Endlich ging er nochmals bei sich zu Rate und rief nach einiger

überlegung aus: "Törichter Mensch! du lässest es dir so sauer werden,

ein Weib zu bewahren, das du doch bald, wenn dein übel fortdauert,

sterbend hinter dir und einem andern lassen mußt. Ist es nicht

wenigstens klüger und besser, du suchst das Leben zu erhalten, wenn du

gleich in Gefahr kommst, an ihr dasjenige zu verlieren, was als das

höchste Gut der Frauen geschätzt wird? Wie mancher Mann kann durch

seine Gegenwart den Verlust dieses Schatzes nicht hindern und vermißt

geduldig, was er nicht erhalten kann! Warum solltest du nicht den Mut

haben, dich eines solchen Gutes zu entschlagen, da von diesem

Entschlusse dein Leben abhängt?"

Mit diesen Worten ermannte er sich und ließ seine Schiffsgesellen

rufen. Er trug ihnen auf, nach gewohnter Weise ein Fahrzeug zu

befrachten und alles bereit zu halten, daß sie bei dem ersten

günstigen Winde auslaufen könnten. Darauf erklärte er sich gegen

seine Frau folgendermaßen:

"Laß dich nicht befremden, wenn du in dem Hause eine Bewegung siehst,

woraus du schließen kannst, daß ich mich zu einer Abreise anschicke!

Betrübe dich nicht, wenn ich dir gestehe, daß ich abermals eine

Seefahrt zu unternehmen gedenke! Meine Liebe zu dir ist noch immer

dieselbe, und sie wird es gewiß in meinem ganzen Leben bleiben. Ich

erkenne den Wert des Glücks, das ich bisher an deiner Seite genoß, und

würde ihn noch reiner fühlen, wenn ich mir nicht oft Vorwürfe der

Untätigkeit und Nachlässigkeit im stillen machen müßte. Meine alte

Neigung wacht wieder auf, und meine alte Gewohnheit zieht mich wieder

an. Erlaube mir, daß ich den Markt von Alexandrien wiedersehe, den

ich jetzt mit größerem Eifer besuchen werde, weil ich dort die

köstlichsten Stoffe und die edelsten Kostbarkeiten für dich zu

gewinnen denke. Ich lasse dich im Besitz aller meiner Güter und

meines ganzen Vermögens; bediene dich dessen und vergnüge dich mit

deinen Eltern und Verwandten! Die Zeit der Abwesenheit geht auch

vorüber, und mit vielfacher Freude werden wir uns wiedersehen."

Nicht ohne Tränen machte ihm die liebenswürdige Frau die zärtlichsten

Vorwürfe, versicherte, daß sie ohne ihn keine fröhliche Stunde

hinbringen werde, und bat ihn nur, da sie ihn weder halten könne noch

einschränken wolle, daß er ihrer auch in der Abwesenheit zum besten

gedenken möge.

Nachdem er darauf verschiedenes mit ihr über einige Geschäfte und

häusliche Angelegenheiten gesprochen, sagte er nach einer kleinen

Pause: "Ich habe nun noch etwas auf dem Herzen, davon du mir frei zu

reden erlauben mußt; nur bitte ich dich aufs herzlichste, nicht zu

mißdeuten, was ich sage, sondern auch selbst in dieser Besorgnis meine

Liebe zu erkennen."

"Ich kann es erraten", versetzte die Schöne darauf; "du bist

meinetwegen besorgt, indem du nach Art der Männer unser Geschlecht ein

für allemal für schwach hältst. Du hast mich bisher jung und froh

gekannt, und nun glaubst du, daß ich in deiner Abwesenheit

leichtsinnig und verführbar sein werde. Ich schelte diese Sinnesart

nicht, denn sie ist bei euch Männern gewöhnlich; aber wie ich mein

Herz kenne, darf ich dir versichern, daß nichts so leicht Eindruck auf

mich machen und kein möglicher Eindruck so tief wirken soll, um mich

von dem Wege abzuleiten, auf dem ich bisher an der Hand der Liebe und

Pflicht hinwandelte. Sei ohne Sorgen; du sollst deine Frau so

zärtlich und treu bei deiner Rückkunft wiederfinden, als du sie abends

fandest, wenn du nach einer kleinen Abwesenheit in meine Arme

zurückkehrtest."

"Diese Gesinnungen traue ich dir zu", versetzte der Gemahl, "und bitte

dich, darin zu verharren. Laß uns aber an die äußersten Fälle denken;

warum soll man sich nicht auch darauf vorsehen? Du weißt, wie sehr

deine schöne und reizende Gestalt die Augen unserer jungen Mitbürger

auf sich zieht; sie werden sich in meiner Abwesenheit noch mehr als

bisher um dich bemühen, sie werden sich dir auf alle Weise zu nähern,

ja zu gefallen suchen. Nicht immer wird das Bild deines Gemahls, wie

jetzt seine Gegenwart, sie von deiner Türe und deinem Herzen

verscheuchen. Du bist ein edles und gutes Kind, aber die Forderungen

der Natur sind rechtmäßig und gewaltsam; sie stehen mit unserer

Vernunft beständig im Streite und tragen gewöhnlich den Sieg davon.

Unterbrich mich nicht! Du wirst gewiß in meiner Abwesenheit, selbst

bei dem pflichtmäßigen Andenken an mich, das Verlangen empfinden,

wodurch das Weib den Mann anzieht und von ihm angezogen wird. Ich

werde eine Zeitlang der Gegenstand deiner Wünsche sein; aber wer weiß,

was für Umstände zusammentreffen, was für Gelegenheiten sich finden,

und ein anderer wird in der Wirklichkeit ernten, was die

Einbildungskraft mir zugedacht hatte. Werde nicht ungeduldig, ich

bitte dich, höre mich aus!

Sollte der Fall kommen, dessen Möglichkeit du leugnest und den ich

auch nicht zu beschleunigen wünsche, daß du ohne die Gesellschaft

eines Mannes nicht länger bleiben, die Freuden der Liebe nicht wohl

entbehren könntest, so versprich mir nur, an meine Stelle keinen von

den leichtsinnigen Knaben zu wählen, die, so artig sie auch aussehen

mögen, der Ehre noch mehr als der Tugend einer Frau gefährlich sind.

Mehr durch Eitelkeit als durch Begierde beherrscht, bemühen sie sich

um eine jede und finden nichts natürlicher, als eine der andern

aufzuopfern. Fühlst du dich geneigt, dich nach einem Freunde

umzusehen, so forsche nach einem, der diesen Namen verdient, der

bescheiden und verschwiegen die Freuden der Liebe noch durch die

Wohltat des Geheimnisses zu erheben weiß."

Hier verbarg die schöne Frau ihren Schmerz nicht länger, und die

Tränen, die sie bisher zurückgehalten hatte, stürzten reichlich aus

ihren Augen. "Was du auch von mir denken magst", rief sie nach einer

leidenschaftlichen Umarmung aus, "so ist doch nichts entfernter von

mir als das Verbrechen, das du gewissermaßen für unvermeidlich hältst.

Möge, wenn jemals auch nur ein solcher Gedanke in mir entsteht, die

Erde sich auftun und mich verschlingen, und möge alle Hoffnung der

Seligkeit mir entrissen werden, die uns eine so reizende Fortdauer

unsers Daseins verspricht. Entferne das Mißtrauen aus deiner Brust

und laß mir die ganze reine Hoffnung, dich bald wieder in meinen Armen

zu sehen!"

Nachdem er auf alle Weise seine Gattin zu beruhigen gesucht, schiffte

er sich den andern Morgen ein; seine Fahrt war glücklich, und er

gelangte bald nach Alexandrien.

Indessen lebte seine Gattin in dem ruhigen Besitz eines großen

Vermögens nach aller Lust und Bequemlichkeit, jedoch eingezogen, und

pflegte außer ihren Eltern und Verwandten niemand zu sehen, und indem

die Geschäfte ihres Mannes durch getreue Diener fortgeführt wurden,

bewohnte sie ein großes Haus, in dessen prächtigen Zimmern sie mit

Vergnügen täglich das Andenken ihres Gemahls erneuerte.

So sehr sie aber auch sich stille hielt und eingezogen lebte, waren

doch die jungen Leute der Stadt nicht untätig geblieben. Sie

versäumten nicht, häufig vor ihrem Fenster vorbeizugehen, und suchten

des Abends durch Musik und Gesänge ihre Aufmerksamkeit auf sich zu

ziehen. Die schöne Einsame fand anfangs diese Bemühungen unbequem und

lästig, doch gewöhnte sie sich bald daran und ließ an den langen

Abenden, ohne sich zu bekümmern, woher sie kämen, die Serenaden als

eine angenehme Unterhaltung sich gefallen und konnte dabei manchen

Seufzer, der ihrem Abwesenden galt, nicht zurückhalten.

Anstatt daß ihre unbekannten Verehrer, wie sie hoffte, nach und nach

müde geworden wären, schienen sich ihre Bemühungen noch zu vermehren

und zu einer beständigen Dauer anzulassen. Sie konnte nun die

wiederkehrenden Instrumente und Stimmen, die wiederholten Melodien

schon unterscheiden und bald sich die Neugierde nicht mehr versagen,

zu wissen, wer die Unbekannten und besonders wer die Beharrlichen sein

möchten. Sie durfte sich zum Zeitvertreib eine solche Teilnahme wohl

erlauben.

Sie fing daher an, von Zeit zu Zeit durch ihre Vorhänge und Halbläden

nach der Straße zu sehen, auf die Vorbeigehenden zu merken und

besonders die Männer zu unterscheiden, die ihre Fenster am längsten im

Auge behielten. Es waren meist schöne, wohlgekleidete junge Leute,

die aber freilich in Gebärden sowohl als in ihrem ganzen äußern

ebensoviel Leichtsinn als Eitelkeit sehen ließen. Sie schienen mehr

durch ihre Aufmerksamkeit auf das Haus der Schönen sich merkwürdig

machen als jener eine Art von Verehrung beweisen zu wollen.

"Wahrlich", sagte die Dame manchmal scherzend zu sich selbst, "mein

Mann hat einen klugen Einfall gehabt! Durch die Bedingung, unter der

er mir einen Liebhaber zugesteht, schließt er alle diejenigen aus, die

sich um mich bemühen und dir mir allenfalls gefallen könnten. Er weiß

wohl, daß Klugheit, Bescheidenheit und Verschwiegenheit Eigenschaften

eines ruhigen Alters sind, die zwar unser Verstand schätzt, die aber

unsre Einbildungskraft keinesweges aufzuregen noch unsre Neigung

anzureizen imstande sind. Vor diesen, die mein Haus mit ihren

Artigkeiten belagern, bin ich sicher, daß sie kein Vertrauen erwecken,

und die, denen ich mein Vertrauen schenken könnte, finde ich nicht im

mindesten liebenswürdig."

In der Sicherheit dieser Gedanken erlaubte sie sich immer mehr, dem

Vergnügen an der Musik und an der Gestalt der vorbeigehenden Jünglinge

nachzuhängen, und ohne daß sie es merkte, wuchs nach und nach ein

unruhiges Verlangen in ihrem Busen, dem sie nur zu spät zu

widerstreben gedachte. Die Einsamkeit und der Müßiggang, das bequeme,

gute und reichliche Leben waren ein Element, in welchem sich eine

unregelmäßige Begierde früher, als das gute Kind dachte, entwickeln

mußte.

Sie fing nun an, jedoch mit stillen Seufzern, unter den Vorzügen ihres

Gemahls auch seine Welt--und Menschenkenntnis, besonders die Kenntnis

des weiblichen Herzens zu bewundern. "So war es also doch möglich,

was ich ihm so lebhaft abstritt", sagte sie zu sich selbst, "und so

war es also doch nötig, in einem solchen Falle mir Vorsicht und

Klugheit anzuraten! Doch was können Vorsicht und Klugheit da, wo der

unbarmherzige Zufall nur mit einem unbestimmten Verlangen zu spielen

scheint! Wie soll ich den wählen, den ich nicht kenne? Und bleibt

bei näherer Bekanntschaft noch eine Wahl übrig?"

Mit solchen und hundert andern Gedanken vermehrte die schöne Frau das

übel, das bei ihr schon weit genug um sich gegriffen hatte. Vergebens

suchte sie sich zu zerstreuen; jeder angenehme Gegenstand machte ihre

Empfindung rege, und ihre Empfindung brachte, auch in der tiefsten

Einsamkeit, angenehme Bilder in ihrer Einbildungskraft hervor.

In solchem Zustande befand sie sich, als sie unter andern

Stadtneuigkeiten von ihren Verwandten vernahm, es sei ein junger

Rechtsgelehrter, der zu Bologna studiert habe, soeben in seine

Vaterstadt zurückgekommen. Man wußte nicht genug zu seinem Lobe zu

sagen. Bei außerordentlichen Kenntnissen zeigte er eine Klugheit und

Gewandtheit, die sonst Jünglingen nicht eigen ist, und bei einer sehr

reizenden Gestalt die größte Bescheidenheit. Als Prokurator hatte er

bald das Zutrauen der Bürger und die Achtung der Richter gewonnen.

Täglich fand er sich auf dem Rathause ein, um daselbst seine Geschäfte

zu besorgen und zu betreiben.

Die Schöne hörte die Schilderung eines so vollkommenen Mannes nicht

ohne Verlangen, ihn näher kennenzulernen, und nicht ohne stillen

Wunsch, in ihm denjenigen zu finden, dem sie ihr Herz, selbst nach der

Vorschrift ihres Mannes, übergeben könnte. Wie aufmerksam ward sie

daher, als sie vernahm, daß er täglich vor ihrem Hause vorbeigehe; wie

sorgfältig beobachtete sie die Stunde, in der man auf dem Rathause

sich zu versammeln pflegte! Nicht ohne Bewegung sah sie ihn endlich

vorbeigehen, und wenn seine schöne Gestalt und seine Jugend für sie

notwendig reizend sein mußten, so war seine Bescheidenheit von der

andern Seite dasjenige, was sie in Sorgen versetzte.

Einige Tage hatte sie ihn heimlich beobachtet und konnte nun dem

Wunsche nicht länger widerstehen, seine Aufmerksamkeit auf sich zu

ziehen. Sie kleidete sich mit Sorgfalt, trat auf den Balkon, und das

Herz schlug ihr, als sie ihn die Straße herkommen sah. Allein wie

betrübt, ja beschämt war sie, als er wie gewöhnlich mit bedächtigen

Schritten, in sich gekehrt und mit niedergeschlagenen Augen, ohne sie

auch nur zu bemerken, auf das zierlichste seines Weges vorbeiging.

Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten · 第 2 / 3 段