Bedeutsamer freilich als alle diese Erwägungen, die sich nur auf

äußere Beziehungen stützen und die daher lediglich hypothetischen

Wert besitzen, sind alle jene Momente, die in Kleists ~Schriften~

auf ein näheres Verhältnis zur Philosophie und insbesondere zur

idealistischen Lehre hinweisen. Daß er der Entwicklung dieser Lehre

gefolgt ist, ja daß er in sie mit einer eigenen und originalen

gedanklichen Wendung eingegriffen hat: dafür enthalten namentlich

Kleists spätere Abhandlungen aus den »Berliner Abendblättern«

mancherlei Belege. »Du schreibst mir« -- so heißt es z. B. in dem

bekannten »Brief eines Malers an seinen Sohn« -- »daß du eine

Madonna malst und daß dein Gefühl dir, für die Vollendung dieses

Werkes, so unrein und körperlich dünkt, daß du jedesmal, bevor du

zum Pinsel greifst, das Abendmahl nehmen möchtest, um es zu heiligen.

Laß dir von deinem alten Vater sagen, daß dies eine falsche, dir

von der Schule, aus der du herstammst anklebende Begeisterung ist ...

Der Mensch, um dir ein Beispiel zu geben, das in die Augen springt,

gewiß, er ist ein erhabenes Geschöpf; und gleichwohl in dem Augenblick,

da man ihn macht, ist es nicht nötig, daß man dies mit vieler Heiligkeit

bedenke. Ja derjenige, der das Abendmahl darauf nähme, und mit dem

bloßen Vorsatz ans Werk ginge, ~seinen Begriff davon in der Sinnenwelt

zu konstruieren~, würde unfehlbar ein äußerliches und gebrechliches

Wesen hervorbringen; dagegen derjenige, der in einer heitern Sommernacht

ein Mädchen ohne weitere Gedanken küßt, zweifelsohne einen Jungen zur

Welt bringt, der nachher auf rüstige Weise zwischen Erde und Himmel

herumklettert und den Philosophen zu schaffen gibt.« Hier ist neben dem

Spott über eine verfehlte Tendenz in der bildenden Kunst die ironische

Wendung gegen ~Fichtes~ Philosophie unverkennbar; wie denn in der Abwehr

des Versuchs »den Begriff vom Menschen in der Sinnenwelt konstruieren«

zu wollen, sogar die Fichte'sche ~Terminologie~, in parodistischer

Nachahmung, sich vernehmen läßt. Bestimmter und in einem weit

positiveren Sinne tritt sodann der Zusammenhang mit der gleichzeitigen

Philosophie zutage, wenn Kleist, in der gedanklich-tiefsten und

originellsten Abhandlung, die er geschaffen, in dem Aufsatz »Ueber das

Marionettentheater« seine eigene ästhetische Grundansicht entwickelt. Es

sind Motive und Grundzüge der Kantischen und der Fichte-Schellingschen

Philosophie, die hier überall die latente Voraussetzung bilden und denen

Kleist freilich in der Anwendung auf das ästhetische Sonderproblem, das

ihn beschäftigt, eine neue Bedeutung und eine überraschende Konsequenz

abgewinnt.[6] Kants »Analytik des Schönen«, wie sie sich in der »Kritik

der Urteilskraft« darstellt, findet ihren letzten Abschluß in der Lehre

vom Genie. Das »Genie« ist für die transzendentale Kritik der Ausdruck

der ästhetischen Gesetzlichkeit selbst. In ihm herrscht nicht Willkür,

sondern die höchste Regel; aber eine Regel, die nicht in der Reflexion

und im abgezogenen Wissen, sondern nur im Schaffen selbst hervortritt.

Es waltet unbewußt gleich der Natur selbst -- während das, was es

hervorbringt, doch ein in jedem kleinsten Teile zweckvolles Ganze ist

und daher als Werk der höchsten künstlerischen »Absicht« erscheint. Es

herrscht in ihm eine eigene ~Notwendigkeit~ -- aber diese Notwendigkeit

wird sofort zerstört, sobald wir versuchen, sie in die Form des

~Begriffs~ zu bringen und sie in abstrakt-allgemeinen Vorschriften

auszusprechen. So treten in ihm Individualität und Allgemeingültigkeit,

Freiheit und Notwendigkeit, Bewußtes und Unbewußtes in ein durchaus

neues Verhältnis. Die Lehre, die Kant hier in methodischer Absicht

aufstellt, um die transzendentale Eigengesetzlichkeit des Schönen und

der Kunst von der Gesetzlichkeit der Erkenntnis und des Willens kritisch

abzugrenzen, wird für Schelling sodann zum eigentlichen Anfangs- und

Endpunkt, zum A und O der idealistischen Spekulation. Er verknüpft sie

mit dem Gedanken der »produktiven Einbildungskraft«, aus dem heraus

Fichte den Gegensatz von »Ich« und »Nicht-Ich« zu deduzieren und in all

seiner Bestimmtheit genetisch zu entwickeln versucht hatte. Auch das,

was wir das Sein, was wir die Welt der Dinge nennen, entsteht uns nach

Fichte nur in einer unbewußten Schöpfertätigkeit. Diese Tätigkeit ist

notwendig, sofern sie in unbedingten Gesetzen der Intelligenz gegründet

ist und jegliche Einmischung der Willkür, die nur im eingeschränkten

empirischen Ich ihre Stelle hat, schlechterdings ausschließt: -- aber

sie ist zugleich im höchsten Sinne als frei zu bezeichnen, da es nur

das eigene ursprüngliche Wesen der Intelligenz ist, das sich in ihr

ausprägt. In einer gesetzlichen Stufenfolge entsteht auf diese Weise für

das Ich der Inhalt seiner Empfindungswelt, entstehen die Formen von Raum

und Zeit, entsteht die Welt der Körper, als der materiellen Objekte und

die Mannigfaltigkeit der empirisch-psychologischen Subjekte. Fichte

selbst hatte bereits -- wenngleich nur in einem gelegentlichen Aperçu

-- von diesem Punkte aus eine Brücke zur ästhetischen Spekulation

zu schlagen versucht. Die Eigenart der Kunst -- so spricht es eine

Bemerkung im »System der Sittenlehre« aus --[7] besteht darin, daß sie

»den transzendentalen Standpunkt zum gemeinen« (d. h. zum natürlichen)

macht. In der Kunst ist das, was auf dem Gebiete der Theorie und

der begrifflichen Erkenntnis, auf dem Gebiet der eigentlichen

Wissenschaftslehre, das eigentliche ~Problem~ bildet, unmittelbar

aufgedeckt und aufgelöst. Die Eigentümlichkeit des ~theoretischen~ Ich,

die die Wissenschaftslehre als solche zu begreifen und die sie als

notwendig einzusehen sucht, besteht darin, daß sich ihm sein unbewußtes

~Produzieren~ in das fertige ~Produkt~ einer Welt verwandelt: in ein

Produkt, das uns, so lange die transzendentale Reflexion uns noch nicht

über seinen Ursprung aufgeklärt hat, als ein absolut selbständiges und

fremdartiges Sein erscheinen muß. In der Kunst hingegen stellen wir zwar

gleichfalls eine Welt der Anschauung objektiv vor uns hin: aber dies

geschieht derart, daß wir sie dabei zugleich als die unsere, als ein

Werk der produktiven Einbildungskraft wissen. Und von hier führt nun

unmittelbar der Weg zu jener spekulativen Umgestaltung des Geniebegriffs

weiter, die wir in Schellings »System des transzendentalen Idealismus«

vollzogen sehen. Die genetische Methode des Schellingschen Idealismus

zeigt uns, wie die »Natur« sich stufenweise zum »Geist« entfaltet, wie

das »Unbewußte« zum »Bewußtsein« sich emporringt. Aber nachdem nun

dieser Gesamtprozeß durchlaufen ist, stellt sich auf der obersten Stufe

des Geistes selbst wieder eine eigentümliche Rückwendung ein. Die

höchste geistige Tätigkeit erhebt sich ebenso hoch über das bloß

reflektierende Bewußtsein, wie dieses reflektierende Bewußtsein sich

über die bewußtlose Natur erhob. Das Ende des Prozesses kehrt zum

Anfang zurück: das Schaffen des Genies steht, als unbewußtes, wieder

der Natur gleich, während es sich als vollendeter Ausdruck des

spezifisch-geistigen Tuns von ihr zugleich charakteristisch

unterscheidet. --

[6] Die nahen Beziehungen, die zwischen dem spekulativen

Grundgedanken des Aufsatzes über das Marionettentheater

und der romantisch-idealistischen Philosophie bestehen,

sind in der interessanten und gehaltvollen Schrift von

~Hanna Hellmann~ über Kleist (H. v. Kleist, Darstellung

des Problems, Heidelberg 1911) eingehend dargelegt worden.

Als Vertreter dieser romantischen Philosophie wird jedoch

hier im wesentlichen nur ~Schelling~, ~Novalis~ und

~Friedrich Schlegel~ genannt, während ~Fichte~, auf dessen

Wissenschaftslehre doch auch Novalis' und Schlegels

Spekulationen durchweg basieren, fast völlig übergangen

wird. Was den Versuch betrifft, den Grundgedanken des

Aufsatzes über das Marionettentheater als das Symbol zu

erweisen, aus dem auch die ~Dichtung~ Kleists durchgängig

zu verstehen und zu deuten sei, und die »drei Stufen vom

Schema des Marionettentheaters« im Amphitryon, in der

Penthesilea, im Käthchen und im Prinzen von Homburg

wiederzufinden, so gestehe ich freilich, daß ich von ihm

nicht überzeugt worden bin. Daß Kleist »Metaphysiker«

gewesen ist, wie es nur je ein Dichter war, scheint mir

durch Hanna Hellmanns Darstellung nicht erwiesen: zum

mindesten handelt es sich hier um eine »Metaphysik«, die

selbst so rein künstlerischer Art ist, daß sie sich in

die Grundbegriffe und Grundgegensätze der romantischen

Philosophie (wie in den Gegensatz des »Ideellen« und

»Reellen«) nicht ohne Zwang einfügen läßt.

[7] ~Fichte~, Sämtl. Werke hg. von J. H. Fichte, IV, 353.

Von diesen allgemeinen Prämissen aus begreift man erst ganz die

besondere These, die Kleists Aufsatz über das Marionettentheater

durchführt. Auch Kleist scheidet das Wesen der künstlerischen Tätigkeit

scharf und bestimmt von allem begrifflichen, allem bloß reflektierenden

Bewußtsein. Dieses letztere wirkt freilich, so lange wir uns gleichsam

in der ~Mitte~ des ästhetischen Gebiets halten, so lange wir das

künstlerische Durchschnittstalent und seine Leistung betrachten, überall

als Faktor mit. Aber weit entfernt, den eigentlichen Gehalt der

künstlerischen Leistung zu begründen, greift es in sie vielmehr störend

und verwirrend ein. Alle echte künstlerische »Grazie« beruht auf der

Naivität, beruht also auf dem Ausschluß der Reflexion. Wir müssen

unter oder über ihr stehen, wir müssen die Reflexion entweder noch nicht

erreicht oder sie wieder hinter uns gelassen haben, um der höchsten

ästhetischen Forderung zu genügen. Das mechanisch-unbewußte Tun und die

höchste geistige Spontaneität, -- die Marionette und das Genie, sind in

dieser Hinsicht für uns Ausprägungen ein und derselben Wahrheit. In dem

Maße, als in der organischen Welt die Reflexion dunkler und schwächer

wird, tritt die Grazie darin immer strahlender und herrschender hervor.

»Doch so wie sich der Durchschnitt zweier Linien, auf der einen Seite

eines Punkts, nach dem Durchgang durch das Unendliche plötzlich wieder

auf der andern Seite einfindet, oder das Bild des Hohlspiegels, nachdem

es sich in das Unendliche entfernt hat, plötzlich wieder dicht vor uns

tritt: so findet sich auch, wenn die Erkenntnis durch ein Unendliches

gegangen ist, die Grazie wieder ein; so daß sie zu gleicher Zeit in

demjenigen menschlichen Körperbau am reinsten erscheint, der entweder

gar keins oder ein unendliches Bewußtsein hat; d. h. in dem Gliedermann

oder in dem Gott.« Hier liegt der Punkt, wo die beiden Enden der

ringförmigen Welt ineinander greifen. Wir müssen vorwärts, wir müssen

die ganze Bahn der Erkenntnis durchmessen, um zuletzt wieder in den

Stand der Unschuld zurückzukehren. »Das Paradies ist verriegelt und der

Cherub hinter uns; wir müssen die Reise um die Welt machen, und sehen,

ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist«. --

Freilich mußte sich in eben dieser epigrammatischen Wendung für Kleist

wiederum das Unbefriedigende zeigen, das jeder bloß dialektischen

Bezeichnung und Lösung der fundamentalen geistigen Probleme anhaftet.

Die Antithese zur Reflexion, die hier aufgestellt ist, gehört selber

noch ganz dem Gebiet und den Mitteln der Reflexion an. Ueber dies Gebiet

scheinen wir uns erst wahrhaft erheben zu können, indem wir die Frage

vom Denken in das Tun verlegen. Immer bestimmter nimmt Kleist, von dem

Augenblick an, als die großen politischen Aufgaben der Zeit ihn

ergreifen, diese Richtung. An die Stelle des Grübelns und Spekulierens,

an die Stelle der theoretischen Besinnung über allgemeine Ziele und

Aufgaben, soll das entschlossene, auf das nächste praktische Ziel

gerichtete Handeln treten. Hier wenn irgendwo muß die eigentliche Lösung

der Konflikte des Daseins gesucht werden. Immer wieder wird in den

»Berliner Abendblättern« dieses Thema variiert: es findet sich ebenso

in den »Betrachtungen über den Weltlauf«, wie in der Paradoxe »von der

Ueberlegung«, in der parodistischen Aufstellung eines »allerneusten

Erziehungsplans« wie in der Betrachtung über »Wissen, Schaffen,

Zerstören, Erhalten« wieder.[8] Im Tun allein liegt die Rettung; das

Tun aber kann nicht warten, bis das Wissen mit seinen Erwägungen und

Bedenken zu Ende gelangt ist. Es muß glauben und wagen; es muß in den

Gang der Dinge eingreifen, unbekümmert darum, ob sich die Wirkung und

der Erfolg dieses Eingreifens im voraus ~berechnen~ läßt. Das aber ist

eben das Grundübel der Deutschen, daß sie dieses unmittelbar befreiende

Tun mehr und mehr verlernt haben. Ihr Verstand hat -- wie es im

»Katechismus der Deutschen« heißt --, durch einige scharfsinnige Lehrer

einen Ueberreiz bekommen; sie reflektieren, wo sie empfinden oder

handeln sollten. Daß auch diese Bemerkung Kleists -- so befremdlich dies

vielleicht auf den ersten Blick erscheinen mag -- in erster Linie auf

~Fichte~ zielt, kann kaum zweifelhaft sein; es wird durch die Epigramme,

die Kleist im »Phoebus« gegen den »Pädagogen« Fichte und seinen Plan

einer neuen Nationalerziehung gerichtet hat, unmittelbar bestätigt. Alle

»Pädagogik« erschien Kleist jetzt nur noch wie ein beschwerlicher Umweg.

Der Mensch braucht nicht erst durch eine ausgeklügelte Erziehung

»gebildet«, er braucht nicht durch irgendwelches philosophische System,

das doch stets von fragwürdigem Wert bleibt, künstlich gemodelt zu

sein: es genügt, ihm die Bahn des entschlossenen Handelns zu weisen

und ihn alsdann getrost den eigenen Kräften zu überlassen. Auf welch

schwankender Grundlage stünde auch das Gebäude des menschlichen Glückes

und die Zukunft des menschlichen Geschlechts, wenn es auf der Wahrheit

irgendwelcher abstrakter Theorien beruhte! »Wie mißlich würde es mit der

Sittlichkeit aussehen, wenn sie kein tieferes Fundament hätte, als das

sogenannte gute Beispiel eines Vaters oder einer Mutter, und die platten

Ermahnungen eines Hofmeisters oder einer französischen Mamsell. -- Aber

das Kind ist kein Wachs, das sich in eines Menschen Händen zu einer

beliebigen Gestalt kneten läßt: es lebt, es ist frei; es trägt ein

unabhängiges und eigentümliches Vermögen der Entwicklung und ein Muster

aller innerlichen Gestaltung in sich.« Man sieht, bis zu welchem Grade

Kleist, der einst selbst ein so fanatischer Pädagoge gewesen war, jetzt

allen Theorien gram geworden ist, sofern sie beanspruchen, den Vorrang

vor dem Leben und Tun zu besitzen und beides nach ihrem Muster zu

bilden. Daher bot ihm auch die so energische und aktive Richtung der

Fichteschen Lehre kein Genüge. Fichtes System wollte im eigentlichen und

radikalen Sinne Philosophie der Tat sein, aber es schien eben darum die

Tat wieder durch die Philosophie zu ersetzen; es schien das Reflektieren

über das Tun zum Ausgangspunkt und zur Bedingung des Tuns selbst zu

machen. Der Politiker Kleist war es, der sich jetzt gegen diese

Forderung des Theoretikers einer nationalen Politik wandte. Nehmen wir

übrigens an, daß Kleist schon früher mit Fichte bekannt geworden war --

daß die »Bestimmung des Menschen« es gewesen war, die einst in ihm die

entscheidende geistige Krise hervorgerufen hatte, so würde dadurch auch

auf seine spätere Haltung gegen Fichte neues Licht fallen. Er hätte dann

an sich selbst die zerstörende Kraft erfahren, die der theoretische

Radikalismus besitzt, wenn er unmittelbar ins Leben eingreift und die

Gesamtrichtung des Lebens zu bestimmen sucht: -- und aus diesem Erlebnis

heraus wandte er sich nun immer energischer gegen die bloße Spekulation

und verwies ihr gegenüber, auf den unmittelbaren praktischen Entschluß

und die praktische Tat als einziges Heilmittel.

[8] Vgl. Reinh. ~Steigs~ Ausg. der Kleist'schen Prosaschriften;

Werke hg. von Erich Schmidt, IV, S. 163, 180, 182, 210,

265, 276.

Aber eben die nationalen und politischen Tendenzen, die Kleist jetzt

ganz erfüllten, scheinen ihm nun auf der andern Seite ein neues

Verständnis für die Ethik ~Kants~ und für ihren entscheidenden

Grundgedanken: für die Gleichsetzung von ~Autonomie und Freiheit~

eröffnet zu haben. Für diese letzte eingreifende Wandlung, die Kleists

Verhältnis zu Kant erfahren zu haben scheint, läßt sich freilich aus den

Briefen Kleists kein unmittelbares Zeugnis anführen. Aber die ~Dichtung~

Kleists spricht hier eine um so deutlichere und überzeugendere Sprache.

Nur wer den Stil und Charakter dieser Dichtung völlig verkennt, könnte

freilich daran denken ihr irgendwelche allgemeine philosophische »Ideen«

unterlegen und sie aus ihnen »erklären« zu wollen. Aber wie der »Prinz

von Homburg« verglichen mit Kleists früheren dramatischen Werken, mit

dem Guiscard und den Schroffensteinern, mit Käthchen und Penthesilea,

einen völlig eigenen und neuen Stimmungsgehalt besitzt -- so spricht

sich in ihm unverkennbar auch eine neue ~geistige~ Gesamthaltung aus.

Die tragische Problematik selbst hat sich hier vertieft und erweitert.

Auch die Tragik des Prinzen von Homburg geht, wie die aller Kleistischen

Gestalten, auf die »Verwirrung des Gefühls« zurück, die er in sich

erlebt. In dem Augenblick, in dem er sich im höchsten Triumphgefühl des

Sieges und in leidenschaftlicher Liebe und Hingebung dem Kurfürsten

naht, sieht er sich von diesem zurückgestoßen -- sieht er sich der

starren und fühllosen Strenge des Gesetzes überantwortet. Vergebens

versucht er, in der Unterredung mit Hohenzollern, dem Unbegreiflichen

den Glauben zu versagen, -- versucht er, den Tatsachen zum Trotz, sich

auf sein innerstes Gefühl vom Kurfürsten zurückzuziehen: im Anblick des

offenen Grabes bricht die Selbstgewißheit dieses Gefühls zusammen. Und

nun ist alles andere, was seinem Leben Wert und Gehalt gab, zugleich

vernichtet. Es ist ein tragisches Paradoxon, aber ein Moment von

höchster psychologischer Wahrheit und Kraft, daß in diesem Augenblick,

in welchem er allen ideellen Gehalt des Daseins versinken sieht, das

Gefühl des Daseins selbst, der bloße Lebenstrieb als solcher in ihm um

so mächtiger hervorbricht. Er klammert sich an die nackte Existenz, als

das einzige, was ihm geblieben ist; er begehrt nur noch das Leben, ohne

Inhalt und Zweck, im Kreis herumzujagen, bis es am Abend niedersinkt und

stirbt. Denn noch begreift er die Macht, die ihm gegenübersteht, nur

als eine ~physische~ Macht, der er seinen ungebrochenen und unbedingten

physischen Lebenswillen entgegenstellt. Der Brief des Kurfürsten erst

bringt die Peripetie. In dem Moment, da der Prinz sich selber zur

Entscheidung aufgerufen fühlt, ist diese Entscheidung bereits gefallen.

Denn jetzt naht ihm sein Geschick nicht mehr als ein dunkler Zwang,

gegen den er sich mit allen Kräften des individuellen Seins und der

individuellen Empfindung zur Wehr setzt. Er versteht die Gewalt, der

er unterliegt; und dieses Verständnis ist mit ihrer freien Anerkennung

gleichbedeutend. In dem Gegensatz zwischen Ich und Welt, wie er sich

sonst in der Dichtung Kleists darstellte und entfaltete, ist jetzt ein

neues Motiv zur Geltung gelangt. Den Kleist'schen Helden war, gleichviel

ob sie diesen Gegensatz leidend oder tätig auffaßten, ob sie sich gegen

die »Einrichtung der Welt« leidenschaftlich erhoben oder sich ihr

unterwarfen, dennoch der eine Zug gemeinsam: daß sie sich der Welt als

einem durch und durch Rätselvollen und Irrationalen gegenüber fanden.

Sie konnten sich ihr mit ihrem Verstand gefangen geben und sich ihr in

schweigender Duldung unterordnen; aber der unbedingten Klarheit und

Sicherheit des Innern blieb doch stets das Aeußere, blieben Schicksal

und Welt als dumpfe und unbegriffene Mächte, die den Menschen bestimmen,

gegenüberstehen. Im Prinzen von Homburg aber stellt sich ein neues

Verhältnis der Grundmomente her, aus denen der tragische Gegensatz

und die tragische Entscheidung hervorwachsen. Auch hier steht die

individuelle Welt des Gefühls gegen eine »objektive« Macht; aber diese

Macht gehört selbst einer anderen Ordnung, als bisher, an. Es ist nicht

die Objektivität des Seins und Geschehens, sondern die des Sollens, die

den einzelnen bestimmt und bindet. Diese Objektivität aber kann nicht

anders überwunden werden, als indem das Individuum sie frei anerkennt

und sie damit in ihrem wahrhaft notwendigen Grunde begreift. »Des

Gesetzes strenge Fessel bindet nur den Sklavensinn, der es verschmäht«:

wo die Forderung, die an den Willen des Individuums ergeht, in diesen

Willen selbst aufgenommen wird, da hat sie ihre äußerliche zwingende

Gewalt verloren.

Und nicht nur im Prinzen von Homburg selbst, sondern auch im

Kurfürsten vollzieht sich eine analoge, wenngleich entgegengerichtete

Entwicklung: und aus dem Gegeneinander dieser beiden inneren

Bewegungen geht erst der eigentliche dramatische Grundprozeß hervor.

Wie der Kurfürst zuerst dem Prinzen gegenübertritt, -- da ist er

nichts anderes als der Hüter und der Vollstrecker des objektiven

Gesetzeswillens. Nur von dem reinen Inhalt des Gesetzes selbst, nur

von seiner unbedingten und unbeugsamen Forderung ist die Rede; --

nicht von dem Subjekt, an welches die Forderung ergeht. Nun aber,

in dem Gespräch mit Natalie, offenbart sich mit einem Male, wie in

dieser rein-sachlichen Haltung, in diesem Richterspruch, der ohne

Ansehen der ~Person~ ergeht, auch der Anspruch und das tiefere Recht

der freien ~Persönlichkeit~ verletzt ist. Und von dieser Einsicht

erfährt nun auch die so geschlossene und festgefügte Welt des

Kurfürsten eine innere Erschütterung. »Verwirrt« und »im äußersten

Erstaunen« hört er den Bericht Nataliens an. In diesem Moment

begreift und fühlt er, wie die Aufgabe des Rechts erst zur Hälfte

erfüllt ist, wenn nur die objektiv rechtliche Ordnung als solche

hergestellt und ihrem Gebot genügt wird. Wie er den Sieg verwarf, den

Zufall und Willkür ihm errungen haben, so verwirft er jetzt auch eine

Form des Rechtsspruchs, die auf Willkür gegründet scheint, weil sie

sich an den passiven Gehorsam, statt an die eigene Einsicht und an

das subjektive Gefühl des Rechts selbst wendet. Hier erfaßt er die

neue Aufgabe, die er von jetzt ab sich selbst und dem Prinzen

gegenüber durchführt. Der eigentlich sittliche, nicht der physische

Vollzug des Gesetzes liegt nicht in der tatsächlichen Vollstreckung

des Urteilsspruches; er gehört nicht der Welt des Geschehens und

Daseins, sondern der Welt des ~Bewußtseins~ an. Sobald im Bewußtsein

des Prinzen die klare und sichere Entscheidung gefallen ist, bedarf

es keiner weiteren rechtlichen Zurüstungen mehr: denn nur aus dem

Mittelpunkt des ~Willens~ und der freien Persönlichkeit geht der

wahrhafte, der eigentlich gesicherte Bestand der Gesetzesordnung

selbst hervor.

Zwischen dem Kurfürsten und dem Prinzen aber steht Kottwitz, -- und

für ihn freilich gilt jene dialektisch-dramatische Entwicklung nicht,

die sich in beiden vollzieht. Denn er ist ganz aus einem Guß: er

ist am Anfang, was er am Ende ist. Für ihn gibt es keinen Gegensatz

zwischen dem, was sein Gefühl, was sein Herz und dem, was das Gesetz

ihm gebietet: denn was er als seine Pflicht erkennt, das ist zugleich

der Inhalt seiner Liebe und seiner freien Hingabe. So stellt sich

hier, in der unmittelbar-konkreten Einheit der Persönlichkeit,

die wahrhafte Synthese zwischen der objektiven Notwendigkeit des

Pflichtgebots und dem Recht der freien Subjektivität her. Das Gesetz

stellt die allgemeine Regel des Handelns auf; aber die Anwendung

dieser Regel, die letzte Entscheidung darüber, was sie im gegebenen

einzelnen Fall erheischt, kann nur aus der Kraft und aus der

Selbstverantwortung des Individuums heraus erfolgen. Kein bloßes

Schema, keine ein für allemal feststehende Schablone kann das Ich

dieser ursprünglichen selbstverantwortlichen Entschließung entheben.

Die Szene, in der Kottwitz vor dem Kurfürsten diese Grundanschauung

verteidigt, ist ganz individuell, ganz dramatisch gestaltet; --

sie entspringt aus der konkreten Anschauung der Situation und der

besonderen Charaktere. Aber nichtsdestoweniger gewinnt diese Szene

zugleich eine allgemeine ideelle Prägung. Die Rechtfertigung des

Prinzen und seiner Tat geht wie von selbst in die Darlegung jenes

»spitzfindigen Lehrbegriffs der Freiheit« über, den Kottwitz nun vor

dem Kurfürsten entfaltet. Von neuem zeigt sich darin, wie stark und

einheitlich das dramatische Grundthema des »Prinzen von Homburg« in

den mannigfachsten Variationen durch alle besonderen Gestalten

hindurchwirkt:

»Willst du das Heer, das glühend an dir hängt,

Zu einem Werkzeug machen, gleich dem Schwerte

Das tot in deinem goldnen Gürtel ruht?

Der ärmste Geist, der in den Sternen fremd,

Zuerst solch eine Lehre gab! Die schlechte,

Kurzsicht'ge Staatskunst, die, um eines Falles,

Da die Empfindung sich verderblich zeigt,

Zehn andere vergißt, im Lauf der Dinge,

Da die Empfindung einzig retten kann!

Schütt' ich mein Blut dir, an dem Tag der Schlacht,

Für Sold, sei's Geld, sei's Ehre, in den Staub?

Behüte Gott, dazu ist es zu gut!

Was! meine Lust hab', meine Freude ich,

Frei und für mich, im stillen, unabhängig,

An deiner Trefflichkeit und Herrlichkeit,

Am Ruhm und Wachstum deines großen Namens!

Das ist der Lohn, dem sich mein Herz verkauft!«

Worte dieser Art, die ganz aus der unmittelbaren leidenschaftlichen

Empfindung hervorquellen, wird man gewiß nicht als bloße dramatische

Umschreibung irgendwelcher abstrakten »philosophischen« Grundüberzeugungen

deuten wollen. Und doch ist unverkennbar, daß Kleist jetzt, mitten in

der Reinheit der künstlerischen Gestaltung, zugleich in einer neuen

~Gedankenwelt~ steht, die ihn bestimmt und bewegt. Der Name Kants drängt

sich hier unwillkürlich auf. Denn wer außer Kant hatte in dieser Schärfe

und Klarheit den Gegensatz zwischen »Willen« und »Willkür«, zwischen den

wechselnden Antrieben des »subjektiven« Affekts und der Objektivität

und Notwendigkeit des allgemeinen und allgemeingültigen Gesetzes

verkündet? Es braucht hier kaum der besonderen Hinweise: denn es handelt

sich hier um das einheitliche immer wiederkehrende intellektuelle Motiv,

aus dem das Ganze der Kantischen Ethik hervorgegangen ist. »Verstand,

Witz und Urteilskraft« -- so heißt es in der »Grundlegung zur Metaphysik

der Sitten« -- »und wie die Talente des Geistes sonst heißen mögen, oder

Mut, Entschlossenheit, Beharrlichkeit im Vorsatze, als Eigenschaften

des ~Temperaments~, sind ohne Zweifel in mancher Absicht gut und

wünschenswert; aber sie können auch äußerst böse und schädlich werden,

wenn der Wille, der von diesen Naturgesetzen Gebrauch machen soll und

dessen eigentümliche Beschaffenheit darum ~Charakter~ heißt, nicht

gut ist.« Dieser sittliche Grundwert des »Charakters« kann nur im

Widerstreit zu dem Spiel der Affekte und Gefühle gewonnen werden, die,

so edel, so erhaben sie sich auch dünken mögen, sich doch zuletzt als

bloße »Anwandlungen« und »Aufwallungen« ohne dauernde und fortwirkende

Kraft erweisen. Von hier aus nimmt Kant den Kampf gegen die Willkür, den

Ueberschwang und die Schwärmerei jeder bloßen Gefühlsbestimmung auf,

durch den er -- wie ~Goethe~ geurteilt hat -- die Moral, die vor ihm

schlaff und knechtisch geworden war, wieder in ihrer übersinnlichen

Bedeutung aufrichtete und die Epoche von der Weichlichkeit zurückbrachte,

in die sie versunken war.[9] »Das ist noch nicht die echte moralische

Maxime unseres Verhaltens, die unserem Standpunkte unter vernünftigen

Wesen, als Menschen, angemessen ist, wenn wir uns anmaßen, gleichsam als

Volontäre, uns mit stolzer Einbildung über den Gedanken von Pflicht

hinwegzusetzen und als vom Gebote unabhängig bloß aus eigener Lust das

tun zu wollen, wozu für uns kein Gebot nötig wäre. Wir stehen unter

einer ~Disziplin~ der Vernunft und müssen in allen unseren Maximen der

Unterwürfigkeit unter derselben nicht vergessen, ihr nichts zu entziehen

oder dem Ansehen des Gesetzes (ob es gleich unsere eigene Vernunft

gibt) durch eigenliebigen Wahn dadurch etwas abkürzen, daß wir den

Bestimmungsgrund unseres Willens, wenngleich dem Gesetze gemäß, doch

worin anders, als im Gesetz selbst und in der Achtung für dieses

Gesetz setzten.« Hier ist das Moment bezeichnet, das für Kant,

nach der ~psychologischen~ Seite hin, als die eigentliche Lösung der

grundlegenden Antithese zwischen der Objektivität und Unbedingtheit

des reinen Gesetzes und den subjektiven, menschlichen Triebfedern des

Handelns erscheint. Die Achtung vor dem Gesetz gehört selbst der Sphäre

des Gefühls an: aber sie ist kein »pathologisches« sondern ein rein

»praktisches« Gefühl. Sie geht nicht aus der sinnlichen Rezeptivität,

sondern allein und ausschließlich aus der intellektuellen und sittlichen

Spontaneität hervor. Kraft dieses ihres Ursprungs geht sie niemals auf

~Sachen~, sondern jederzeit nur auf ~Personen~. Und in diesem ethischen

Grundbegriff der Person entdeckt Kant nun das neue Korrelat zum reinen

Gesetzesbegriff: ein Korrelat, kraft dessen dieser selbst erst seinen

vollen Gehalt und seine spezifische Eigenart gewinnt. Im Prinzip der

Autonomie des Handelns geht der Gedanke des Selbst mit dem Gedanken des

Gesetzes in eins zusammen. »Der Mensch und überhaupt jedes vernünftige

Wesen existiert als Zweck an sich selbst, nicht bloß als Mittel zum

beliebigen Gebrauche für diesen oder jenen Willen ... Der praktische

Imperativ wird also folgender sein: handle so, daß du die Menschheit

sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit

zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.«

[9] Goethe zu Kanzler v. Müller. 29. April 1818.

Heinrich von Kleist und die Kantische Philosophie · 第 4 / 5 段