Der transzendentale Idealismus bildet auch an diesem Punkte die

Grenzscheide der Zeiten und die Grenzscheide der Geister. Wie er

in theoretischer Hinsicht eine »Revolution der Denkart« in sich

schließt, so entzieht er auch dem praktisch-metaphysischen Begriff

der »Vollkommenheit«, der bisher die gemeinsame Grundlage der

philosophischen Systeme gebildet hatte, den Boden. Beide Leistungen

gehören in ihrer allgemeinen geistesgeschichtlichen Tendenz zusammen.

Der Kritik der theoretischen Erkenntnis entspricht die Kritik der

theoretischen Gottesbeweise, insbesondere des bekanntesten und

populärsten unter ihnen: des teleologischen Beweises. Das »Mißlingen

aller philosophischen Versuche in der Theodizee« ist damit ein für

allemal festgestellt. Die theoretische Vernunft kann sich mit ihren

Begriffen nicht mehr vermessen, ein Bild der »besten Welt« zu

entwerfen und dem Ich seine Stelle in dieser Welt anzuweisen. Diese

Konsequenz der kritischen Lehre ist Kleist freilich, als er mit den

Schriften Kants zuerst bekannt wurde, nicht sogleich zu deutlichem

Bewußtsein gekommen. Er entnimmt aus diesen Schriften -- aus der

»Anthropologie« und der »Religion innerhalb der Grenzen der bloßen

Vernunft« -- bezeichnender Weise zunächst diejenigen Lehrstücke,

in denen Kant eher als der Vollender, wie als der Zerstörer der

Aufklärungsphilosophie erscheinen konnte. Kants Lehre vom »praktischen

Vernunftglauben« und seine Abweisung aller transzendenten Begründung

der sittlichen Gebote schienen in dieser Richtung zu liegen. Aber in

dem Maße, als Kleist nun weiterhin -- gleichviel von welcher Seite her

und auf wessen Anregung hin -- zu dem eigentlichen originalen Sinn

und Gehalt des kritischen Idealismus vordrang, mußte auch die Kluft

zwischen dieser Lehre und seiner bisherigen Welt- und Lebensansicht

ihm deutlich werden. Was jetzt von ihm gefordert wurde, war der

Verzicht auf jene unmittelbare Einheit des Theoretischen und

Praktischen, des Denkzusammenhangs und des sittlichen Weltzusammenhangs,

die bisher die naive Voraussetzung all seines Denkens gebildet hatte.

Man begreift, wie diese Forderung, nachdem er sie einmal in ihrer

vollen Schärfe erfaßt hatte, Kleist aufs tiefste erschüttern mußte.

Denn nun war für ihn die moralische Begreiflichkeit der Welt überhaupt

aufgehoben. Die »Wahrheit«, die wir mit unserem Verstande theoretisch

einzusehen vermögen, hatte zum mindesten ihren universellen, ihren

~kosmischen Sinn~ eingebüßt. Die Struktur des Alls, der »Plan der

Vorsehung« bleibt für uns in undurchdringliches Dunkel gehüllt. Der

Geist, der über die Welt herrscht -- so schreibt Kleist später einmal

an Rühle -- kann im tiefsten Grunde seines Wesens kein böser Geist

sein; aber er ist und bleibt ein unbegriffener Geist. Die Last dieser

Unbegreiflichkeit hat Kleist von nun ab tiefer und tiefer empfunden.

Der traditionelle Optimismus seiner Jugendphilosophie wandelt sich

jetzt in die ihm eigene dichterische, in die eigentlich ~tragische~

Weltanschauung. In allen seinen Dichtungen, in den Schroffensteinern

und im Kohlhaas, in der Penthesilea, in der Marquise von O ..., im

Erdbeben von Chili ist dieser neue Ton vernehmbar. Die Menschen bei

Kleist, die dichterischen Gestalten, in denen er sein eigenes Wesen

am tiefsten ausgeprägt hat, streben alle leidenschaftlich nach Klarheit;

-- sie ~fordern~ diese Klarheit als ihr sittliches Grundrecht. »Gott

der Gerechtigkeit« -- so ruft Sylvester in den »Schroffensteinern«

aus -- »Sprich deutlich mit dem Menschen, daß er 's weiß auch, was er

soll!« Aber dieser Ruf bleibt ungehört, Sylvester muß erfahren, daß

ein grausiger Zufall, ein sinnlos-tückisches Geschick mit ihm gespielt

hat: »'s ist abgetan, wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen!«

... Die Welt wird dem Menschen, der Mensch wird sich selbst zum Rätsel,

weil Gott es ihm geworden ist. Keine Anstrengung des Denkens vermag

dieses Rätsel zu entwirren: wir können nur versuchen, ins Unbewußte

hinabzugleiten und in ihm Vergessenheit zu finden, »Sonst waren die

Augenblicke« -- so schreibt Kleist in der Zeit der intellektuellen

Krise, im Mai 1801 -- »wo ich mich meiner selbst bewußt ward, meine

schönsten -- jetzt muß ich sie vermeiden, weil ich mich und meine

Lage fast nicht ohne Schaudern denken kann.« Aber dieses Bestreben,

ins Unbewußte unterzutauchen und in ihm vor den unlöslichen Widersprüchen

des Seins und des Denkens Rettung zu finden, bleibt bei Kleist von den

eigentlich ~romantischen~ Tendenzen nichtsdestoweniger klar geschieden.

Auch die Romantik verkündet die Lehre von der Irrationalität des Seins,

von der Ohnmacht des Denkens, die Wirklichkeit zu erfassen. Aber was

Kleist als einen harten Verzicht empfand, der ihn im Innersten

erschütterte: -- das bedeutet für sie nur die Gelegenheit, sich in

freier Ironie über die Welt der Dinge und ihre angebliche Notwendigkeit

zu erheben. Sie schwelgt in dem Gefühl der Unbegreiflichkeit des Seins,

sie sucht es auf und steigert es, -- weil sie darin erst der ganzen

Macht der künstlerischen Phantasie bewußt zu werden glaubt. Von

solchem ästhetischen Illusionismus ist Kleist weit entfernt. Was den

Romantikern nur die willkommene Handhabe zu einem überlegenen Spiel der

Einbildungskraft war: -- das führt ihn zu einem tragischen Zusammenbruch

seiner selbst und seiner inneren Welt. Es ist bezeichnend, daß die

Romantik, trotz aller theoretischen Bemühungen und Spekulationen über

die Tragödie, kein wahrhaft großes tragisches Kunstwerk geschaffen

hat. Sie liebte es auf die unergründliche Dialektik des Seins, auf

die »Lehre vom Gegensatz« hinzuweisen; aber sie hat eben durch diese

ihre ironisch-skeptische Gesamthaltung dem Gegensatz selbst seine

Schärfe und seinen tragischen Ernst genommen. Kleist hingegen ist

ganz erfüllt von diesem Ernst. Er sucht nicht die mystischen Schauer

des Unbegreiflichen, nicht das Ineinanderspielen und das Verschwimmen

aller Formen der äußeren und inneren Welt: sondern er stellt beide

Welten in klarem und scharfen Umriß gegeneinander, um darin freilich

ihre Unvereinbarkeit und Unversöhnlichkeit um so tiefer und leidvoller

zu empfinden. In diesem Verhältnis des Innern und Aeußern, in dieser

Stellung von »Seele« und »Welt«, liegt erst der abschließende Zug von

Kleists gedanklicher und dichterischer Gesamtansicht. Die romantische

Phantasie drängt dahin, nicht nur das objektive, sondern auch das

subjektive Sein aufzulösen; nicht nur die reale Bestimmtheit der Welt,

sondern auch die Bestimmtheit des Ich preiszugeben. Wie in einer

schwebenden und traumhaften Dämmerung gehen hier die Gestalten des

Außen und Innen, die Bilder des Seins und die Bilder des seelischen

Geschehens ineinander über. Die Bestimmtheit des Tragischen aber

fordert die volle Bestimmtheit des Ich, fordert die Einheit und

Geschlossenheit des Charakters und der Persönlichkeit. Diese

Geschlossenheit ist es, die der Dichtung Kleists ihre Eigenheit

gibt. Gegenüber aller Verwirrung des Weltlaufs, gegenüber aller

unbegriffenen und im letzten Grunde unbegreiflichen Gewalt des

Schicksals behauptet sich hier die ~innere~ Welt in ihrer Klarheit,

ihrer Reinheit und Sicherheit. In dieser Hinsicht stellen alle

dichterischen Gestalten Kleists den Kampf dar, den er selbst unablässig

gegen Welt und Schicksal geführt hat. Von ihnen allen gilt, was er

einmal von der Penthesilea gesagt hat: daß in ihr sein innerstes Wesen,

der ganze Schmerz zugleich und der ganze Glanz seiner Seele liege. Die

unbedingte und unbeirrbare Gewißheit des Gefühls, das sich niemals

völlig im Wirrsal des äußeren Geschehens verliert, sondern sich aus

diesem Chaos immer wieder in seinem eigenen unverbrüchlichen Gesetz

herstellt, gibt die durchgängige und einheitliche Richtung des

tragischen Grundprozesses bei Kleist. Auch der Erzähler Kleist

verweilt mit Vorliebe bei dieser Dialektik; bei diesem Gegensatz

zwischen der Verwirrung der äußeren und der unaufheblichen und

unzerstörbaren Ordnung der inneren Welt. Als ~Kohlhaas~ die letzte

Bestätigung des Unrechts, das ihm widerfahren ist, erhalten hat, da

zuckt in ihm »mitten durch den Schmerz die Welt in einer so ungeheuren

Unordnung zu erblicken, die innerliche Zufriedenheit empor, seine

eigene Brust nunmehr in Ordnung zu sehen«. Die tragische Rückwendung

aber liegt darin, daß er in dem Augenblick, da er dieser inneren

Ordnung äußere Geltung zu verschaffen sucht, wieder der Gewalt, dem

Unrecht und der unbegreiflichen Verkettung des Aeußeren verfällt.

Statt die Welt zu retten und einzurenken, verwirrt und vernichtet er

das eigene innere Sein. Sein Rechtgefühl, »das einer Goldwage glich«

wird jetzt zu einer »Schwärmerei krankhaftester und mißgeschaffener

Art«, die ihn und die Welt um ihn her zerstört.

Von einer anderen Seite her erblicken wir den gleichen tragischen

Prozeß dort, wo er sich uns nicht im Tun, sondern im Leiden darstellt

-- wo die innere Welt, statt zu versuchen, ihre Regel dem äußeren

Sein und Geschehen aufzuprägen, sich rein in sich selbst zurückzieht

und sich damit in sich selbst herstellt. Wir legen diesen Gegensatz

nicht bloß durch eine äußerliche begriffliche Reflexion in die

dichterischen Gestalten Kleists hinein: sondern er selbst hat ihn

empfunden und mit überraschender Schärfe ausgesprochen. Vom Käthchen

von Heilbronn sagt er einmal, daß es die »Kehrseite der Penthesilea«

sei: ein Wesen, das eben so mächtig sei durch gänzliche Hingebung,

als jene durch Handeln. Und er wiederholt diese Aeußerung und gibt

ihr eine noch bestimmtere begrifflich-epigrammatische Zuspitzung

in einem Briefe an Collin: »wer das Käthchen liebt, dem kann die

Penthesilea nicht ganz unbegreiflich sein; sie gehören ja wie das

+ und - der Algebra zusammen und sind ein und dasselbe Wesen, nur unter

entgegengesetzten Bezeichnungen gedacht«. Diese Entgegensetzung ist

keine einmalige und zufällige, sondern sie geht durch die gesamte

Kleistische Dichtung hindurch. So gewinnt die Marquise von O ... bei

allem Unbegreiflichen, das sie umgibt, die innere Ruhe und Sicherheit

wieder, indem ihr Verstand, »stark genug, in ihrer sonderbaren

Lage nicht zu reißen, sich ganz unter der großen, heiligen und

unerklärlichen Einrichtung der Welt gefangen gibt«. Hierin erst

offenbart sich ihr wahrhaftes, rein innerlich gerichtetes Heldentum.

Und derselbe Zug ist es, der offenbar ein Grundmotiv für Kleists

Konzeption der Erzählung »der Zweikampf« gebildet hat. Den Stoff für

diese Novelle hat Kleist aus der Chronik Froissards geschöpft -- und

er hat ihn in der »Geschichte eines merkwürdigen Zweikampfs«, in

den »Berliner Abendblättern« in wesentlich unveränderter Gestalt

nacherzählt. Aber eigentliche dichterische Form gewann für ihn

dieser Stoff erst durch das neue Moment, das die Kleistische

Erzählung hinzubringt: durch die Kraft, mit der Littegarde das

Gefühl, das in ihrer Brust lebt, »wie einen Felsen emportürmt« und

es gegen Himmel und Erde, gegen den vernichtenden Schuldbeweis des

göttlichen Urteils selbst behauptet. Auch das Gottesurteil gewährt

keine zweifellose und sichere Antwort; sondern es wird, als Rekurs

auf ein äußeres Beweismittel, selbst in die Fragwürdigkeit und

Zweideutigkeit alles Aeußeren verstrickt. Aber indem, auch dieser

höchsten Macht und Autorität gegenüber, die innere Welt nicht an sich

selber irre wird, entdeckt sich ihr damit der wahrhafte Mittelpunkt

von dem aus sich nun die Klarheit über Inhalt und Sinn des Geschehens

wiederherstellt. Nicht dem Verstande, nicht der Abwägung der

»Beweisgründe«, gibt sich der unbegriffene Geist, der in der Welt

waltet, zu erkennen. »Wo liegt die Verpflichtung der höchsten

göttlichen Weisheit« -- so sagt Friedrich im >Zweikampf< zu Littegarde

-- »die Wahrheit, im Augenblick der glaubensvollen Anrufung selbst,

anzuzeigen und auszusprechen?« Die geheimnisvolle innere Ordnung

läßt sich durch kein zudringliches Fragen und Forschen enträtseln;

-- dem Menschen muß es genügen, wenn er, indem er sich unter sie

gefangen gibt, die Sicherheit des eigenen Selbst bewahrt. Auch

Alkmenes Gestalt und Alkmenes Geschick stellt sich für Kleist im

Lichte dieser Gesamtanschauung dar: -- und von ihr aus empfängt seine

Behandlung des Amphitryon-Stoffes erst ihr unverkennbar eigenes Gepräge,

gewinnt sie dasjenige, was Kleist von Molière scheidet und was den

Kleist'schen »Amphitryon« zum Werk eines großen ~tragischen~ Dichters

macht.

Auch das Verhältnis Kleists zu ~Goethe~ und der Gegensatz zwischen

beiden läßt sich von diesem Punkt aus genauer verstehen. Wenn

Nietzsche sagt, daß Goethe sich von Kleist abgewandt habe, weil er an

ihm das Tragische, die »unheilbare Seite der Natur« empfand, während

er selbst »konziliant und heilbar« war, so ist in diesem Urteil nur

der Gegensatz selbst, nicht das geistige Motiv, aus dem er zuletzt

stammt, bezeichnet. Dieses Motiv liegt vielleicht darin, daß Goethe

nicht nur in der Zeit des vollendeten Klassizismus, sondern von den

ersten Anfängen seiner dichterischen Entwicklung an der Welt und der

»Natur« von einer ganz anderen Seite her naht, als Kleist. Ihm wird

die Welt im pantheistischen Naturgefühl des Lyrikers lebendig und von

innen her verständlich: -- und was dieses Gefühl ihm gegeben hat, das

wird ihm später in der Arbeit der wissenschaftlichen Forschung, in

der fortschreitenden Vertiefung der »_scientia intuitiva_« die er vom

Ganzen des Seins und Werdens erringt, Zug für Zug bestätigt. So

empfindet er alles, was ihm als Dichter oder als Forscher gelingt,

als die unmittelbare Bewährung jenes ersten Grundgefühls: als eine

»aus dem Innern am Aeußern sich entwickelnde Offenbarung, die den

Menschen seine Gottähnlichkeit erahnen läßt. Es ist eine Synthese

von Welt und Geist, welche von der ewigen Harmonie des Daseins die

seligste Versicherung gibt«. Und diese Harmonie des Goetheschen

Weltgefühls wird nun in der klassischen Zeit zu einer Forderung, zu

einem unbedingten Postulat der ästhetischen Theorie Goethes erhoben.

Die Kraft und Größe, wie die sachliche Schranke dieser Theorie liegt

in diesem Zusammenhang begründet. »Suchet in euch« -- so ruft Goethe

einmal den jungen Künstlern zu -- »so werdet ihr alles finden,

und erfreut euch, wenn da draußen, wie ihr es immer heißen möget,

eine Natur liegt, die Ja und Amen zu allem sagt, was ihr in euch

gefunden habt!« Eine solche Natur, ein »Draußen« zu finden, das

seiner inneren Forderung wahrhaft entsprochen hätte: dies bleibt

Kleist versagt. Er sieht, seit er auf die ersten unreifen Versuche

einer theoretischen Theodizee verzichtet hat, nur die unüberbrückbare

Kluft zwischen dem Gesetz der inneren und dem der äußeren Welt,

zwischen dem Gefühl und der »gebrechlichen Einrichtung der Welt«.

Denn was ihn fesselt, ist nicht das Bild der Natur, zu deren

Fülle und deren »großartiger Konsequenz« sich Goethe aus aller

Verworrenheit des menschlichen, des sozialen Seins immer wieder

geflüchtet hatte; sondern ihn bewegt von Anfang an das menschliche

Geschick in seiner Unbegreiflichkeit, in seiner Irrationalität und

seinem Widerspruch. Mit so vollendeter gegenständlicher Deutlichkeit

Kleist in seinen Briefen und seinen Erzählungen jeden Zug seiner

Menschen und jeden kleinsten Zug des objektiven Geschehens hervortreten

läßt, so sparsam, so verschlossen und kärglich ist er mit jedem

Ausdruck unmittelbarer lyrischer Naturempfindung. Wenn er einmal

-- wie im Erdbeben von Chili -- ein vollendetes landschaftliches

Gemälde schafft, so soll auch dies ihm nur einen augenblicklichen

lichten Hintergrund bilden, von dem sich die tragische Verwirrung

menschlicher Schicksale um so schärfer abhebt. Aber wenn Goethe sich

von diesem Kleistischen Bilde des Seins abwandte, -- wenn er in ihm

nur Hypochondrie und selbstquälerische Störung der »ewigen Harmonie

des Daseins« sah, so war dieses Urteil freilich einseitig und ungerecht;

denn es ahnte nichts von dem seelisch-geistigen Gesamtzusammenhange,

aus welchem die dichterische Welt Kleists herauswuchs und durch den

sie bestimmt bleibt.

Wir betrachten indes hier diese Grundform der Kleistschen Dichtung

nur insoweit, als sich in ihr zugleich der fundamentale Wandel in

seiner theoretischen Grundanschauung widerspiegelt. Man begreift

jetzt, was die Erschütterung, die Kleist durch die Kantische

Philosophie erfahren hat, auch für seine dichterische Entwicklung

bedeuten mußte. Hier erst war er an dem einheitlichen Telos der Welt,

das seine erste jugendliche Philosophie noch unbekümmert vorausgesetzt

hatte, irre geworden: hier erst sah er sich, auch von der Seite der

theoretischen Reflexion her, zu jenem durchgängigen Dualismus geführt,

der bei ihm das tragische Grundmotiv bildet. Seine Gedankenwelt wird

erst jetzt zum adäquaten Ausdruck seiner ursprünglichen seelischen

Stimmungswelt. Auch seine Sprache und sein Stil gewinnen von nun ab

eine neue Prägung. Noch verwertet er in seinen Briefen, in den Bildern,

die er braucht, die Aufzeichnungen seines »Ideenmagazins«; aber die

bewußte verstandesmäßige Absichtlichkeit, mit der er zuvor versucht

hatte, wissenschaftlich-theoretisches Material in Material der Anschauung

und der bildenden Phantasie umzumünzen, tritt von jetzt ab mehr und

mehr zurück. In dem Maße, als das Gefühl sich des eigenen Gesetzes

und der eigenen Unergründlichkeit bewußt wird, gewinnt es auch seine

eigene Sprache und Ausdrucksform. Was Kleist erfahren hatte, schien

den völligen Zusammenbruch seiner intellektuellen Welt zu bedeuten:

aber aus ihm rang sich nun seine Gefühls- und Phantasiewelt erst

wahrhaft durch und stellte sich in ihrer Bestimmtheit und individuellen

Eigentümlichkeit in objektiven künstlerischen Gestalten dar.

3.

Ist Kleist nach der Epoche, in der er enttäuscht und verzweifelt

alles Wissen von sich warf, nochmals zu Kant und seinen Schriften

zurückgekehrt? Es gibt dafür, soviel ich sehe, keinen unmittelbaren

und zweifellosen Beweis; aber eine Reihe äußerer und innerer

Anzeichen deutet in der Tat darauf hin. Die Briefe Kleists werden

freilich in bezug auf allgemeine theoretische Fragen immer schweigsamer

und bieten immer geringeren Ertrag. Die breite Diskussion theoretischer

Einzelprobleme, die den ersten Jugendbriefen Kleists eigentümlich ist,

verschwindet in dem Maße, als Kleist sich mehr und mehr als Dichter

erkennt und die neuen künstlerischen Pläne und Aufgaben von ihm Besitz

nehmen. Immerhin zeigen seine kleineren Prosa-Aufsätze -- von denen

insbesondere die in Königsberg verfaßte Abhandlung »Ueber die allmähliche

Verfertigung der Gedanken beim Reden« auch ein wahrhaft theoretisches

Meister- und Kabinettstück ist, -- daß allgemein-psychologische und

philosophische Fragen ihn noch vielfach beschäftigen. Eine Stelle

des letzteren Aufsatzes, in der, unter Berufung auf Kant, auf die

Sokratische »maieutische« Kunst, auf die »Hebeammenkunst der Gedanken«

hingewiesen wird, zeigt, daß Kleist damals die kurz zuvor erschienenen,

von ~Rink~ herausgegebenen Kantischen Vorlesungen über Pädagogik gelesen

haben muß.[3] Später wird in einer Rezension der »Berliner Abendblätter«

eine Kantische, angeblich der »Kritik der Urteilskraft« entnommene

Aeußerung erwähnt, daß der menschliche Verstand und die Hand des

Menschen zwei auf notwendige Weise zueinander gehörige und aufeinander

berechnete Dinge seien. Reinhold ~Steig~ hat in seiner Ausgabe von

Kleists kleinen Schriften, dieser Stelle, die in der »Kritik der

Urteilskraft« tatsächlich nicht aufzufinden ist, die Kantische

Herkunft überhaupt absprechen wollen: -- in Wahrheit handelt es sich

jedoch um eine bekannte Aeußerung Kants in der Anthropologie, die

Kleist hier in freier Weise wiedergibt.[4] Das Zitat ist daher als

solches freilich irrig; aber schon dieser Irrtum spricht dafür, daß

Kleist die »Kritik der Urteilskraft« wirklich gekannt haben muß. Auch

aus seinem äußeren Lebensgang wird man es für sehr wahrscheinlich

halten müssen, daß er zur Kantischen Lehre im einzelnen und im ganzen,

noch oft zurückgeführt wurde. Der Kreis, in den er, im Jahre 1805, in

Königsberg eintrat, mußte für ihn eine solche Rückkehr fast unvermeidlich

machen. Kant selbst war im Jahre zuvor gestorben; aber noch lebten

diejenigen, die bis in sein höchstes Alter hinein, mit ihm in vertrautem

Verkehr gestanden und die seine Persönlichkeit und Lehre noch aus

unmittelbarer eigener Anschauung kannten. Mit dem Kriegsrat ~Scheffner~

trat Kleist, wie in Scheffners Selbstbiographie berichtet wird, kurz

nach seiner Ankunft in Königsberg in näheren Verkehr; -- und sein

Studium der Staats- und Kommunalwissenschaften führte ihn dem Manne

zu, der von allen Freunden Kants das tiefste Verständnis für sein

geistiges Wesen und für das Ganze seiner Lehre besaß. Christian Jakob

~Kraus~ war von Kant selbst stets als eines der ersten spekulativen

Genies geschätzt worden; Kants Biographen berichten, daß er ihn an

Schärfe und Tiefe des Geistes mit Kepler zu vergleichen liebte. Nur

Kraus' peinliche Gründlichkeit und die bis zum Hypochondrischen

gesteigerte Gewissenhaftigkeit, mit der er alle seine Arbeiten immer

von neuem nachprüfte und umformte, ehe er sich zu ihrer Herausgabe

entschloß, haben ihn an der Abfassung größerer theoretischer Werke

gehindert und ihn schließlich ganz ins praktische Feld gedrängt.

Gewohnt auf intellektuellem Gebiet stets mit den höchsten Maßstäben

zu messen, war er für sich selbst mehr und mehr jener »Misologie«

verfallen, die Kant schon frühzeitig an ihm bemerkt und beklagt

hatte.[5] Immerhin wird man annehmen dürfen, daß Kleist aus den

Vorlesungen eines solchen Lehrers auch manche tiefere und allgemeinere

intellektuelle Anregung empfangen hat. Auch zu dem Manne, der jetzt in

Königsberg den philosophischen Lehrstuhl Kants inne hatte, war Kleist,

kurz nachdem er dort eingetroffen, in nahe Beziehungen getreten. Durch

eine eigentümliche Verkettung der Umstände fand er in ~Traugott Wilh.

Krug~ den Gatten seiner früheren Verlobten, Wilhelminens v. Zenge; --

und nach Ueberwindung der ersten Befangenheit kam es zwischen ihm

und dem Krug'schen Hause bald zu einem täglichen vertrauten Verkehr.

Daß hierbei zwischen Kleist und Krug auch philosophische Fragen zur

Sprache kamen und daß Kleist dadurch mehr als bisher in die Einzelheiten

der Kantischen Lehre eingeführt wurde, darf man vielleicht vermuten.

Denn Krug war zwar in keiner Hinsicht ein selbständiger und schöpferischer

Denker; aber er war immerhin ein getreuer Hüter des Kantischen geistigen

Erbguts, das er festzuhalten und als Ganzes gegenüber den Spekulationen

der Nachfolger zu behaupten suchte.

[3] Vgl. die Bemerk. von ~Reinhold Steig~ in seiner Ausgabe

der Kleistschen Prosaschriften: Kleists Werke, hg. v.

Erich Schmidt, Bd. IV, 80 u. 249.

[4] Kants Anthropologie, Akad.-Ausg., VII, 323 vgl. R.

~Steig~, a. a. O. S. 129 u. 260 f.

[5] Kant an Marcus Herz, 4. Februar 1779.

Heinrich von Kleist und die Kantische Philosophie · 第 3 / 5 段