Denken wir uns Kleist als Leser dieser Sätze -- welchen Eindruck

mußte er von ihnen empfangen! Sein Schmerz, seine Verzweiflung

und Vernichtung wären jetzt völlig erklärt. In der Vorrede zur

»Bestimmung des Menschen« hatte sich Fichte einen Leser gewünscht,

der alles, was in der Schrift gesagt werde, nicht nur historisch

fasse, sondern der wirklich und in der Tat während des Lesens

mit sich selbst rede, hin und her überlege, Resultate ziehe,

Entschließungen fasse und durch eigene Arbeit und Nachdenken, wie

aus sich selbst, diejenige Denkart entwickle und sie in sich aufbaue,

deren bloßes Bild ihm im Buche vorgelegt werde. Wenn es irgend einen

Leser gab, der dazu bestimmt war, diese Forderungen bedingungslos zu

erfüllen, so war es Heinrich von Kleist. Er hat niemals einen

Gedanken, der ihm nahe trat, bloß historisch aufgenommen; er lebte in

den großen gedanklichen Entscheidungen, in die er die ganze Glut und

die ganze Kraft seiner Seele hineinlegte. Und er drang überall auf

unbedingte Wahrhaftigkeit: auf ein rücksichtsloses Entweder -- Oder.

Wenn wirklich das Wissen als solches absolut leer, wenn es ein

»System bloßer Bilder ohne alle Realität, Bedeutung und Zweck« war,

so hatte es für ihn jeglichen, auch nur relativen und mittelbaren

Wert, mit dem sich ein weniger aufs Unbedingte gestellter Geist hätte

begnügen und trösten können, verloren. »Ich habe mich zwingen wollen

zur Arbeit« -- so schreibt er an die Schwester -- -- »aber mich ekelt

vor allem, was Wissen heißt. Ich kann nicht einen Schritt tun, ohne

mir deutlich bewußt zu sein, wohin ich will?« -- Zwar war die

Vernichtung des Wissens bei Fichte selbst nicht das letzte Ergebnis,

mit dem er seine Schrift beschloß; zwar war hier, wie wir gesehen

haben, auf ein anderes geistiges »Organ« hingedeutet, kraft dessen

die Welt des Seins, die soeben durch die philosophische Reflexion

zerstört worden war, auf einer neuen Grundlage und mit neuen Mitteln

wieder aufgebaut werden sollte. Aber selbst wenn wir annehmen,

daß Kleist diesen weiteren Entwicklungen noch mit der gleichen

gedanklichen Intensität und Energie gefolgt ist, so begreifen wir

doch, daß sie ihm keine wahrhafte Beruhigung und Befriedigung zu

geben imstande waren. Die besondere Form und Eigenart von Fichtes

~Glaubensbegriff~, der hier als die letzte Lösung erschien, vermochte

er zweifellos nicht völlig zu durchschauen. Dieser Begriff ist in den

Darlegungen des Schlußteils der »Bestimmung des Menschen« noch nicht

zu wahrhafter Schärfe und Klarheit entwickelt: -- auch der moderne

Leser würde Mühe haben, ihn nach seiner Eigentümlichkeit zu würdigen,

wenn er nicht Fichtes spätere religionsphilosophischen Werke zum

Vergleich und zur Erläuterung heranziehen könnte. So mochte Kleist in

Fichtes Entscheidung, die die Frage dem Wissen entzog, um sie dem

»Glauben« zuzuweisen, nur eine Flucht in das religiöse Gefühl sehen,

die er als bloßes Kompromiß verschmähte und von sich wies. Gewiß:

sein Wunsch und seine Sehnsucht weisen auch ihn, nachdem er einmal

den Zusammenbruch des Wissens in sich erfahren hatte, oft genug

auf einen solchen Ausweg hin. »Ach, Wilhelmine,« so schreibt er

kurz darauf aus Dresden, indem er von seiner Teilnahme an einem

katholischen Gottesdienst erzählt -- »~unser~ Gottesdienst ist

keiner. Er spricht nur zu dem kalten Verstande, aber zu allen Sinnen

ein katholisches Fest. Mitten vor dem Altar, an seiner untersten

Stufe, kniete jedesmal, ganz isoliert von den andern, ein gemeiner

Mensch, das Haupt auf die höheren Stufen gebückt, betend mit

Inbrunst. Ihn quälte kein Zweifel, er ~glaubt~. -- Ich hatte eine

unbeschreibliche Sehnsucht mich neben ihm niederzuwerfen und zu

weinen. -- Ach, nur einen Tropfen Vergessenheit, und mit Wollust

wollte ich katholisch werden.« Aber der unbedingte Wahrheitssinn

und der unbedingte Wahrheitsmut, den Kleist bis zur inneren

Selbstvernichtung festhält, siegt immer wieder über jede derartige

Stimmung und Anwandlung. Auch als Wilhelmine ihn auf seinen ersten

Brief hin mit Gefühlsgründen zu trösten versuchte, weist er dies

ruhig und bestimmt von sich. Er weiß, daß der Konflikt, der auf dem

Boden des Denkens entstanden ist, auch auf eben diesem Boden gelöst

und zum Austrag gebracht werden muß. »Ich ehre dein Herz und deine

Bemühung mich zu beruhigen« -- so erwidert er -- »aber der Irrtum

liegt nicht im Herzen, er liegt im Verstande und nur der Verstand

kann ihn heben. -- -- Liebe Wilhelmine, ich bin durch mich selbst in

einen Irrtum verfallen, ich kann mich auch nur ~durch mich selbst~

wieder heben.« Und in der Tat: welche innere Beruhigung hätte es

Kleist gewähren können, wenn die Lösung des Problems einfach vom

Gebiet des Wissens ins Gebiet des Glaubens verschoben wurde? Das

Verdikt über die Nichtigkeit des Wissens selbst blieb dem ungeachtet

in aller Schärfe bestehen. Auf das Wissen aber, auf die rein

theoretische Erkenntnis war der »Lebensplan« Kleists, wie er ihn

damals begriff, ausschließlich gestellt. Wenn dieses Wissen für das

höchste Ziel der menschlichen Bestimmung als unzulänglich erkannt

war, so hatte, so bedurfte er kein anderes Ziel mehr. Er warf es von

sich, da ihm sein wesentlicher Gehalt verloren war. Wir stehen hier

vor einem Prozeß, der nicht nur als ein äußerliches Schicksal Kleists

zu begreifen und zu beurteilen ist, sondern der tief in seinem

Charakter und seiner ganzen seelischen Grundrichtung wurzelt. Wir

finden hier die gleiche typische Form wieder, die allen großen

innerlichen Krisen im Leben Kleists eigentümlich ist. Wie hier vor

dem Wissen, so stand er später, als er nach jahrelangem Ringen den

»Guiscard« endgültig verworfen hatte, vor seinem dichterischen Beruf.

Und wie später, so kannte er hier keine Schranke, kein Begnügen mit

einem Mehr oder Weniger. »Ich habe in Paris -- so schreibt er -- mein

Werk, so weit es fertig war, durchlesen, verworfen und verbrannt; und

nun ist es aus. Der Himmel versagt mir den Ruhm, das größte der Güter

der Erde; ich werfe ihm, wie ein eigensinniges Kind, alle übrigen

hin.« Für eine Natur wie diese gab es im Denken so wenig wie im Leben

ein bloßes Kompromiß, gab es, wenn er über eine bestimmte Grenze des

Begreifens vorgedrungen war, kein Zurück mehr, wie zerstörend auch

die Folgen sein mochten, die er für sich selbst voraussah. --

Noch auf ein äußeres Moment kann hier zuletzt hingewiesen werden,

das immerhin im Ganzen unserer Betrachtung nicht ohne Bedeutung ist.

In dem ersten Brief an Wilhelmine berichtet Kleist, daß er sich in

seiner Verzweiflung über das Ergebnis, zu welchem er sich durch die

»Kantische Philosophie« hingeführt sah, zuerst seinem Freunde ~Rühle~

mitgeteilt und anvertraut und daß dieser ihn auf einen vor kurzem

erschienenen Roman »Der Kettenträger« verwiesen habe. »Es herrscht

in diesem Buche -- so sagte er ihm -- eine sanfte freundliche

Philosophie, die Dich gewiß aussöhnen wird mit allem, worüber Du

zürnst«. »Es ist wahr -- so fährt Kleist in seiner Erzählung fort --

er selbst hatte aus diesem Buche einige Gedanken geschöpft, die ihn

sichtbar ruhiger und weiser gemacht hatten. Ich faßte den Mut, diesen

Roman zu lesen. Die Rede war von Dingen, die meine Seele schon längst

selber bearbeitet hatte. Was darin gesagt ward, war von mir schon

längst im voraus widerlegt ... Und das soll die Nahrung sein für

meinen brennenden Durst?« Der sehr seltene »Kettenträger« ist mir

bisher leider nicht zugänglich gewesen: aber nach einem Referat, das

~Minde-Pouet~ in seiner Ausgabe von Kleists Briefen von ihm gegeben

hat, handelt es sich in ihm um einen »krausen, mit unmöglichen

Geister-, Zauber- und Liebesgeschichten durchsetzten Roman, der

dartun will, daß jedes Menschen Bestreben, sein Schicksal zu lenken,

fruchtlos sei, da wir unfrei und gebunden sind.« Und eine solche

Schrift konnte Rühle Kleist als Heilung gegen die Wirkung der Lektüre

der »Kritik der reinen Vernunft« empfehlen? Was in aller Welt hatte

die »freundliche Philosophie« dieses »Kettenträgers« mit der

Kantischen Erkenntniskritik, mit der transzendentalen Aesthetik und

der transzendentalen Analytik zu tun? Nimmt man dagegen an, daß

Kleist von Fichtes »Bestimmung des Menschen« herkam und daß er den

Inhalt und Gedankengang dieses Buches in großen Zügen vor Rühle

entwickelte -- so würde auch dieser Umstand sich klären. Denn wir

erinnern uns, daß alle Deduktionen Fichtes über Wert und Unwert der

Erkenntnis vom Problem der Willensfreiheit ihren Ausgang genommen

hatten. Um die Möglichkeit der menschlichen Freiheit zu retten, mußte

die Welt der Dinge in eine Welt der Bilder aufgelöst werden, die der

Verstand nach eigenen Gesetzen selbsttätig entwirft. Wie aber, wenn

man auf dieses Ziel verzichtete; -- wenn es einen Weg gab, sich mit

den Gedanken der Willensunfreiheit zu versöhnen und ihn in einem

milderen und freundlicheren Lichte erscheinen zu lassen? Dann fiel

-- so schien es -- mit dem Ziel auch das Mittel fort; dann konnte

die realistische Ansicht behauptet und mit ihr auch dem Wissen die

Rolle, ein Ausdruck der absoluten Wirklichkeit zu sein, erhalten

werden. Kleist freilich war bereits zu tief in den Kern des Problems

eingedrungen, als daß er sich mit einer derartigen Scheinlösung hätte

begnügen können. Immer tiefer grübelte er gerade in dieser Zeit nicht

nur der Möglichkeit des Wissens, sondern auch der Möglichkeit des

Wollens, der freien sittlichen Entscheidung nach. Und auch hier

sah er sich alsbald vor eine Grenze des Begreifens geführt. Wir

glauben frei zu sein -- aber ist nicht auch dieser Glaube eine

leere Illusion? Werden wir nicht hin- und hergetrieben von dem

unberechenbarsten Zufall, der täglich und stündlich in unser Geschick

eingreifen und ihm eine völlig neue Wendung geben kann? Als Kleist,

weil Ulrike ihm halb wider seinen Willen ihre Begleitung nach Paris

angeboten hat, gezwungen ist, Pässe für sich und die Schwester zu

fordern; als er, um diese Pässe zu erhalten, wissenschaftliche

Studien als Zweck der Reise angeben und sie zum Teil wirklich auf

sich nehmen muß, während er entschlossen war, der Wissenschaft auf

dieser Reise für immer zu entfliehen, da wird in ihm wieder die

Empfindung mächtig, wie das blinde Verhängnis mit dem Menschen

spielt. »Ach Wilhelmine -- so schreibt er -- wir dünken uns frei

und der Zufall führt uns allgewaltig an tausend feingesponnenen

Fäden fort. --« Auch in den Briefen von der Reise kehrt fort und fort

diese Reflexion und die Stimmung, die sie in ihm weckt, wieder. Mit

Recht hat man hier einen der frühesten wesentlichen Keime zu der

ersten tragischen Dichtung Kleists, zu der Konzeption der »Familie

Schroffenstein« gesehen.[2] Und auch weiterhin wurzelt die Tragik bei

Kleist in diesem seinen Grundgefühl. Was Goethe in seiner Straßburger

Rede von Shakespeare gesagt hat, daß alle seine Dichtungen sich um

den »geheimen Punkt« drehen, an dem die Eigentümlichkeit unseres Ich,

die prätendierte Freiheit unseres Willens, mit dem notwendigen Gang

des Ganzen zusammenstößt: das gilt auch für die Dichtung Kleists. Von

diesem »geheimen Punkt« aus lassen sich die Kleistschen Gestalten,

lassen sich Alkmene und Robert Guiscard, Penthesilea und Käthchen,

Kohlhaas und die Marquise von O ... erst wahrhaft deuten. Wenn

wirklich Fichtes Schrift es gewesen ist, die das Problem der

Willensfreiheit zuerst in seiner ganzen Schärfe und Klarheit

vor Kleist hingestellt hat, so ließe sich begreifen, daß sie

für Kleist von Anfang an mehr als eine abstrakte theoretische

Spekulation bedeuten mußte: denn die abstrakte begriffliche

Erörterung berührte hier in ihm selbst ein seelisches Motiv, das

für seine gesamte dichterische Gefühlsauffassung des Welt- und

Lebenszusammenhangs entscheidend war. --

[2] S. ~Otto Brahm~, Heinrich v. Kleist, Berlin, 1885,

S. 75 f.

2.

Wichtiger jedoch als die Frage, aus welcher ~Quelle~ Kleist seine

Kenntnis vom Lehrbegriff des transzendentalen Idealismus geschöpft

hat, ist die andere Frage, welche innere Wendung sich, unter dem

Einfluß dieses Lehrbegriffs, nunmehr in Kleist vollzieht und welche

Bedeutung die intellektuelle Krise, die er hier durchlebt hat, für

das Ganze seiner ~Künstlerschaft~ gewinnt. Und hier läßt sich -- so

paradox es zunächst erscheinen mag -- in der Tat behaupten, daß

Kleist in dieser Krise nicht nur zu einer neuen theoretischen

Weltansicht gelangt ist, sondern daß er erst in ihr und durch sie

seine künstlerische Grundrichtung wahrhaft begriffen hat. Das ist das

Eigentümliche in Kleists Entwicklung, was in dieser Form vielleicht

in der Lebensgeschichte keines anderen großen Dichters wiederkehrt,

daß es ein gedankliches Erlebnis ist, das gleichzeitig die produktiven

dichterischen Kräfte in ihm gelöst und befreit und das ihm selbst erst

zum vollen Bewußtsein dieser Kräfte verholfen hat.

Die theoretische und ethische Lebensansicht des jungen Kleist ist

vor der entscheidenden Einwirkung des transzendentalen Idealismus

durch die Grundanschauungen des achtzehnten Jahrhunderts, durch die

Philosophie der deutschen Aufklärung bestimmt. Mit altkluger Weisheit

entwickelt der erste philosophische Aufsatz, den wir von Kleist

besitzen, seine Anweisung »den sicheren Weg des Glücks zu finden

und ungestört, auch unter den größten Drangsalen des Lebens, ihn

zu genießen,« diese Auffassung. Man hat schon in dieser Abhandlung

und in den Spekulationen über das Verhältnis von Glück und Tugend,

die sie enthält, Anklänge an Kant und Spuren einer ersten Lektüre

Kantischer Schriften zu finden geglaubt: -- aber im Ganzen ist die

unbedingte und unmittelbare Identität von Glück und Tugend, von

Glückseligkeit und Glückwürdigkeit, die hier gelehrt wird, den

ethischen Grundlehren Kants weit eher entgegengesetzt als verwandt.

Will man hier nach irgend einer literarischen Quelle und Anregung

suchen, so könnte sie nur in der durch Kant bekämpften und verdrängten

Popularphilosophie des achtzehnten Jahrhunderts oder aber in antiken,

insbesondere in stoischen Lehren gefunden werden. Reminiszenzen an

solche Lehren, an Ciceros oder Senecas moralphilosophische Schriften

sind in dem Aufsatz unverkennbar -- und auch sein Gesamtergebnis

fällt mit dem klassischen Resultat der stoischen Ethik, mit dem

Gemeinspruch, daß das wahre Glück keine ~Folge~ der Tugend, sondern

daß es vielmehr die Tugend ~selbst~ sei, zusammen. In jedem Fall

bedeutet dieser Aufsatz des Zweiundzwanzigjährigen kaum mehr als

eine verspätete Schulübung, die aber noch keinerlei Hinweis auf die

spätere originale Grundanschauung enthält. Auch die pädagogischen

Bildungsideale, die Kleist in den ~Briefen~ dieser Zeit entwickelt,

greifen über diesen Kreis nicht hinaus. Daß auch alle sittliche,

alle Persönlichkeits- und Charakterbildung im wesentlichen durch die

Aufklärung des Verstandes bedingt sei, gilt hier überall als feststehend.

Nur von einer derartigen Ansicht aus erklärt sich die Pedanterie, der

trockene Ernst und die abstrakte Gründlichkeit, mit denen Kleist in

seinen Briefen die »Fragen zu Denkübungen« für die Schwester und

für die Braut formuliert und sie unerbittlich bis zur vollständigen

befriedigenden Lösung durchnimmt. Ueberall herrscht die Ueberzeugung,

daß nur durch solche bewußte Arbeit des abstrakten Denkens der Mensch

zu seinem eigentümlichen, ihm wahrhaft zukommenden Wert emporgehoben

werden kann. »Welcher andern Herrschaft« -- so apostrophiert Kleist

die Schwester -- »bist du unterworfen, als allein der Herrschaft der

Vernunft? Aber dieser sollst du dich auch vollkommen unterwerfen.

~Etwas~ muß dem Menschen heilig sein. Uns beiden, denen es die

Zeremonien der Religion und die Vorschriften des konventionellen

Wohlstandes nicht sind, müssen um so mehr die Gesetze der Vernunft

heilig sein ... Wer sichert uns .. unser inneres Glück zu, wenn die

Vernunft es nicht tut?« Nur kraft der fortschreitenden Aufklärung des

Verstandes und der immer weitergehenden »Verdeutlichung« der Begriffe

vermag das Ich die Stelle, die ihm im großen Plan der Welt zugewiesen

ist, zu erkennen und zu erfüllen, -- vermag es weiterhin, sich über

sich selber zu einer höheren Stufe der Geistigkeit zu erheben.

»~Dich~, mein geliebtes Mädchen ~ausbilden~« -- so schreibt Kleist an

Wilhelmine, indem er ihr seinen Entschluß mitteilt, frei von jeder

äußeren amtlichen oder gesellschaftlichen Bindung zu leben, --

»ist das nicht etwas Vortreffliches? Und dann, ~mich selbst~ auf

eine Stufe ~näher~ der Gottheit zu stellen -- -- o laß mich, laß

mich! Das Ziel ist gewiß hoch genug und erhaben, da gibt es gewiß

Stoff genug zum handeln -- und wenn ich auch auf dieser Erde nirgends

meinen Platz finden sollte, so finde ich vielleicht auf einem anderen

Sterne einen um so besseren.«

In alledem ist nichts enthalten, was nicht Gemeingut der deutschen

Geistesbildung des achtzehnten Jahrhunderts gewesen wäre. Ueberall

klingt jene metaphysische Ansicht von der Stellung des Ich zur Welt

und zur Gottheit hindurch, die ihren vollendeten systematischen

Ausdruck in der Leibnizischen Monadologie gefunden hatte. Weit über

den Kreis der philosophischen Schulen hinaus hatte diese Ansicht

sich als wirksam erwiesen. Sie bildet für Lessings »Erziehung des

Menschengeschlechts« das eigentliche gedankliche Fundament, wie sie

andererseits in der dithyrambischen Jugendphilosophie Schillers, in

den Gedichten der »Anthologie« und in der »Theosophie des Julius«

fortwirkt. Alles, was wir das Sein, was wir die Wirklichkeit der

Dinge nennen, löst sich für die Betrachtung der Vernunft in ein

einziges Geisterreich auf, das nach Stufen intellektueller Klarheit

und Vollkommenheit geordnet ist. Aus dem Kelch dieses Geisterreiches

schäumt auch dem höchsten göttlichen Wesen erst seine wahrhafte

Unendlichkeit: es erkennt und weiß sich selbst, indem es sich in der

Fülle und Mannigfaltigkeit der »geschaffenen Geister« als ebensoviel

lebendigen Spiegeln seiner selbst beschaut. Das Universum bildet

einen einzigen großen ~Zweckzusammenhang~, der sich der menschlichen,

sinnlich-eingeschränkten und sinnlich-»verworrenen« Ansicht zwar

nur fragmentarisch und unvollkommen darstellt, der sich aber der

fortschreitenden Einsicht des Verstandes immer reiner und bestimmter

offenbart. Was wir von unserem beschränkten Standpunkt aus Mängel

der ~Welt~ zu nennen pflegen, das sind daher in Wahrheit nur Mängel

unserer ~Einsicht~ in die Welt und ihre teleologische Gesamteinheit.

Sie würden verschwinden, wenn wir es vermöchten, unser Auge -- ebenso

wie es Copernicus für seine Umbildung der gewöhnlichen kosmologischen

Ansicht gefordert hatte -- ganz in die Sonne, in das Licht der reinen

Vernunfterkenntnis zu stellen. ~Leibniz~ stellt es einmal als

Grundsatz dieses intellektualistischen Optimismus auf: daß die Dinge,

je mehr sie in ihre wahrhaften Grundelemente zerlegt werden, dem

Verstand um so mehr Genüge bieten. Die gleiche Grundüberzeugung gibt

auch der frühesten Philosophie des jungen Kleist ihr Gepräge. Die

wahre Fähigkeit des »Weisen« -- so führt der Aufsatz den sicheren Weg

des Glücks zu finden aus -- besteht darin, »Honig aus jeder Blume zu

saugen«; »er kennt den großen Kreislauf der Dinge, und freut sich

daher der Vernichtung, wie des Segens, weil er weiß, daß in ihr wieder

der Keim zu neueren und schöneren Bildungen liegt.«

Auch durch den Einfluß ~Rousseaus~, den Kleist offenbar früh erfahren

hat, ist in seiner Gesamtansicht zunächst keine entscheidende

Aenderung eingetreten. Mit Berufung auf Rousseau kämpft er jetzt

gegenüber den einseitigen und konventionellen Forderungen des

Verstandes für die unveräußerlichen Rechte des Gefühls und des

Herzens -- aber die geistige Struktur seines Weltbildes und sein

intellektualistischer Unterbau werden dadurch nicht berührt. Dies

ist geschichtlich durchaus verständlich: denn Rousseaus Kritik des

Verstandes ist politisch und sozial, nicht aber erkenntnistheoretisch

und metaphysisch gerichtet. Sie wendet sich gegen willkürliche

gesellschaftliche Satzungen; -- aber es ist das Recht der »Natur«,

es ist das ursprüngliche Recht der »Vernunft« selbst, das sie gegen

diese Satzungen ins Feld führt. Auf der Grundlage der Vernunft soll

eine neue soziale Ordnung errichtet werden, wie andererseits die

innere Welt des Einzelnen von der Gebundenheit durch das religiöse

Dogma befreit werden und sich aus sich selbst heraus nach eigenem

Gesetz gestalten soll. Wenn Kleist, in seinem Würzburger Religionsbrief

an Wilhelmine ausführt, daß die Gottheit zwar das ~Tun~ des Menschen

in Anspruch nehmen, nicht aber gerechter Weise von ihm einen ~Glauben~

an Dinge fordern könne, deren Erkenntnis sie selbst ihm ein für allemal

versagt habe --: so spricht aus der Gesamtheit dieser Betrachtungen

nicht nur die Kantische Religionsansicht, sondern es ist zugleich

das »Glaubensbekenntnis des savoyischen Vikars«, das hier ersichtlich

nachwirkt. Dieses Glaubensbekenntnis ordnet sich der Gesamtheit seiner

Weltbetrachtung lückenlos ein. Denn der Satz »_Le tout est bien_« gilt

für Rousseau, wie er für Leibniz gegolten hatte. Auch er glaubt an

einen durchgängigen teleologischen Grundplan der »Vorsehung«, den

die Vernunft seinem Bestand und seinen inhaltlichen Hauptzügen nach

zu erfassen vermag; auch er glaubt an die ursprüngliche, durch keine

»Erbsünde« befleckte Güte der menschlichen Natur -- und dieser

doppelte Glaube bildet die Voraussetzung, von der aus er die Enge und

Beschränktheit der gesellschaftlichen Kultur, der willkürlichen

menschlichen Satzungen bekämpft.

Heinrich von Kleist und die Kantische Philosophie · 第 2 / 5 段