Taubstummblinde.
Nach der Volkszählung von 1900 gab es in Preußen neben 21614 Blinden
215 Taubstummblinde; die letzteren machen also etwa 1 Prozent der
Blinden aus. Im Alter von 3-20 Jahren standen 40 Personen.
Daß auch Taubstummblinde bildungsfähig sind, ist im großen Publikum
erst durch die Berichte über die Amerikanerin Helen Keller,
insbesondere durch das von ihr verfaßte Buch „Die Geschichte meines
Lebens“ bekannt geworden.
Helen Keller ist aber nicht die +erste+ Taubstummblinde, die durch
einen besonderen Unterricht dem Schicksal der geistigen Verödung
entzogen wurde. Im Jahre 1837 nahm der Direktor der Blindenanstalt
in Boston, Dr. Samuel Howe, der Begründer des amerikanischen
Blindenbildungswesens, die achtjährige taubstummblinde Laura Bridgman
in seine Anstalt auf und wußte durch geschickte Verwertung des
Tastsinnes den Zugang zu ihrer Seele zu finden. Sie lernte sich
durch das Fingeralphabet verständigen, den damals gebräuchlichen
Unzial-Blindendruck lesen, eignete sich auch einige Kenntnisse
in Religion, Rechnen und den Realien an und erlangte in feinen
Handarbeiten eine ansehnliche Fertigkeit. Sie blieb zeitlebens in
dem Bostoner Blindeninstitut und starb 1889. Über den Unterricht und
die Erziehung der Laura Bridgman hat Dr. Howe genaue Aufzeichnungen
gemacht, und seine Methode wurde vorbildlich für weitere
Unterrichtsversuche in Amerika und andern Ländern.
Bei Helen Keller (geb. 1880) führten Erziehung und Unterricht zu
staunenswerten Resultaten. Diese erklären sich einmal aus der
großartigen Begabung Helens und sodann aus der völligen Hingabe ihrer
genialen Lehrerin, Annie Sullivan, an die Person der taubstummblinden
Schülerin. Es kann hier auf den einzigartigen Fall nicht näher
eingegangen werden; die von Helen Keller verfaßte Lebensgeschichte,
ihre andern Schriften und das Tagebuch der Miß Sullivan (enthalten in
H. K.s Lebensgeschichte) geben über den Werdegang und die geistige Welt
der berühmten Taubstummblinden genauen Aufschluß[36].
In Deutschland sind bisher Unterrichtsversuche an dreisinnigen Kindern
von einzelnen Blinden- und Taubstummenlehrern angestellt worden, so von
Kunz-Illzach, Fischer-Braunschweig, Nießen-Düren und Riemann-Nowawes.
Der Letztgenannte (Lehrer der Königl. Taubstummenanstalt in Berlin)
leitet seit einer Reihe von Jahren den Unterricht der taubstummblinden
Kinder im Oberlinhause des Pastors Hoppe in Nowawes bei Potsdam und hat
auf diesem Gebiet eine besonders fruchtbare Tätigkeit entfaltet.
In Schweden besteht seit 1886 eine Spezialbildungsanstalt für
Taubstummblinde, die staatlich unterstützt wird. Sie befindet sich in
Wenersborg, wird von Frau Anrep-Nordin geleitet und zählte im Jahre
1905 14 taubstummblinde Zöglinge. Der Anstalt ist ein Arbeitsheim für
solche Taubstummblinden angegliedert, die den Schulkursus absolviert
haben, aber aus mancherlei Gründen nicht ins elterliche Haus
zurückkehren können, und ein Asyl, das für diejenigen unglücklichen
Wesen bestimmt ist, „die zu blöde waren, um aus dem Unterricht oder der
Erziehung Nutzen zu ziehen“.
Schweden steht also in der Sorge für die Taubstummblinden an der Spitze
der Kulturstaaten. Preußen hat hierin mit der kleinen Abteilung in
dem bereits genannten Oberlinhause zu Nowawes erst einen bescheidenen
Anfang gemacht; es ist jedoch anzunehmen, daß sich die Abteilung
bald erweitern und zu einer selbständigen Anstalt mit behördlicher
Unterstützung entwickeln wird. Sollte in Preußen die Schulpflicht für
Taubstummblinde eingeführt werden, die, obgleich sehr wünschenswert,
zurzeit weder hier noch in Schweden besteht, so würde die Erweiterung
der bezeichneten Abteilung eine Notwendigkeit sein. Vielleicht wäre
eine einzige Anstalt zur unterrichtlichen Versorgung sämtlicher
bildungsfähigen Taubstummblinden in Preußen ausreichend. Die private
Ausbildung einzelner Dreisinnigen würde dann aufhören, und mit ihr die
bedauerliche Zersplitterung auf diesem Gebiet der Pädagogik[37].
Von den taubstummblinden Kindern ist allerdings +nur ein Teil
bildungsfähig+. Es ist begreiflich, daß die schweren Erkrankungen,
die Taubheit und Blindheit zugleich hervorrufen, vielfach mit
Gehirndefekten im Zusammenhang stehen. Ob Bildungsfähigkeit vorliegt,
können freilich erst längere Unterrichtsversuche bei dem einzelnen
Kinde erweisen, denn anfänglich machen auch die geistig normalen
Taubblinden vielfach den Eindruck von schwachsinnigen oder gar irren
Wesen. Hat man aber erst den Zugang zu ihrem Geiste entdeckt, so findet
meist ein überraschender Fortschritt in der Überwindung der bestehenden
Hemmungen statt.
Der Unterricht sucht die für Taubstumme und die für Blinde geltenden
Methoden in rechter Weise zu verbinden. Er verfährt dabei durchaus
individuell. Er macht vor allem einen Unterschied zwischen solchen
Taubblinden, die ihr Gebrechen von Geburt an besitzen, und solchen, die
es erworben haben. Bei den letzteren kommt es noch darauf an, ob sie
ertaubt sind, nachdem die Sprache bereits gefestigt war oder nicht.
Die geistige Entwickelung des Taubblinden umfaßt, wie auch die jedes
vollsinnigen Kindes, ein Zweifaches: +Das Erleben der Umwelt und die
Darstellung der Wahrnehmungstatsachen durch die Sprache+. Beides ist
gleich wichtig, und beides gehört enge zusammen: Mit der äußeren,
durch den Tastsinn vermittelten Wahrnehmung muß auch die Sprache
gegeben werden. Die sprachliche Verständigung kann erfolgen durch
die Gebärde, das Fingeralphabet und die Lautsprache. Die +Gebärde+
ist die unvollkommenste Sprachart. Sie besteht darin, daß durch
Handbewegungen Zeichen gebildet werden, deren jedes ein +ganzes Wort+
der Lautsprache repräsentiert. Der Gebärdensprache bedient sich der
Taubstumme und auch der Taubblinde schon vor jedem Unterricht. Wegen
ihrer sehr beschränkten Ausdrucksfähigkeit findet sie in den deutschen
Taubstummenanstalten keine oder nur aushilfsweise Verwendung. Auch
bei dem Unterricht der Taubblinden wird sie nur auf der Anfangsstufe
geduldet werden können. Das +Fingeralphabet+ macht ebenfalls die
Hand zum Sprachorgan; aber die verschiedenen Stellungen derselben
bezeichnen +je einen Buchstaben des Alphabets+. Wir haben es hier also
mit einer Allgemeinsprache zu tun, die in ihrer Anwendungsfähigkeit
der Lautsprache entspricht, aber auf einem andern Zeichensystem
beruht. Der sehende Taubstumme faßt sie optisch, der Taubblinde
tastend auf; sie wird ihm in die innere Handfläche appliziert[38].
Die +Lautsprache+, die Sprache der normalen Menschheit, wurde in den
deutschen Taubstummenunterricht durch Samuel Heinicke eingeführt.
Durch ihre Anwendung soll der Taubstumme aus dem engen Kreise seiner
Unglücksgefährten herausgehoben und dem Verkehr mit den Hörenden
zugänglich gemacht werden. Er lernt einerseits das, was andere
sprechen, von deren Lippen ablesen, und er versucht andererseits
durch Hervorbringung der entsprechenden Sprachbewegungen die Laute
und Wörter hervorzubringen, die von den andern verstanden werden.
Das „Ablesen“ von den Lippen geschieht bei den sehenden Taubstummen
auf optischem Wege; der blinde Taubstumme ist auch hier ganz auf den
Tastsinn angewiesen. Helen Keller legt z. B. ihre Finger auf die
Lippen des Sprechenden. Dadurch wird sowohl die eigene Auffassung der
Lautsprache als auch deren Hervorbringung außerordentlich erschwert.
Beides gestaltet sich daher recht unvollkommen. Riemann, der
anfänglich in der Anwendung der Lautsprache das Ziel der sprachlichen
Bildung der Taubblinden sah, hat seine Ansicht insofern geändert,
als er die Lautsprache nur dort entschieden fordert, wo sie vor der
Ertaubung bereits vorhanden war, wo es sich also um die +Erhaltung+
dieses wertvollen Gutes handelt. Bei von Geburt an Taubblinden
wird die Lautsprache nur in günstigen Fällen geübt werden. Für die
+geistige Entwickelung+ der Dreisinnigen ist die +Fingersprache+ (das
Fingeralphabet) entschieden von ausschlaggebender Bedeutung, wenn
auch die Lautsprache für die Verständigung mit der Umgebung große
Vorteile bietet. Selbst bei Helen Keller spielt die Lautsprache eine
untergeordnete Rolle; das eigentliche geistige Werkzeug ist für sie die
Fingersprache.
Das Schwierigste im Unterricht ist die Gewinnung von Assoziationen
zwischen den Tastobjekten und den entsprechenden Zeichen des
Fingeralphabets. Gibt man dem Kinde z. B. wiederholt einen Ball in die
Hand und buchstabiert ihm dabei die Buchstaben b a l l immer wieder
in die Hand, so wird es nach und nach merken, daß ein Zusammenhang
zwischen dem kugelförmigen Spielzeug und den vier Fingerzeichen
besteht: Der Tasteindruck des Balles wird den Tasteindruck der
Fingerzeichen ins Bewußtsein rufen und umgekehrt. Durch viele Übung
wird dem Kinde mit der Zeit die Erkenntnis von der +symbolischen+
Bedeutung der Zeichen und der Möglichkeit ihrer +universellen
Anwendung+ aufgehen. Damit ist der Bann gebrochen, der auf dem
Geistesleben des taubblinden Kindes lastete, und die intellektuelle und
sprachliche Entwickelung geht nun schnell vor sich.
Der Unterricht ist fast immer Einzelunterricht. Die Verständigung
mit dem taubblinden Kinde wird anfangs nur denjenigen Personen
möglich sein, die das Fingeralphabet beherrschen; erlernt der Zögling
später die Brailleschrift, so erweitert sich damit für ihn die
Umgangsmöglichkeit. Viel günstiger liegen die Verhältnisse natürlich
für solche Taubblinden, die noch von früher her im Besitz der
Lautsprache sind.
Die Kenntnisse, die dem Durchschnitt der Dreisinnigen durch den
Unterricht vermittelt werden können, sind immerhin recht bescheidene;
man würde durchaus fehlgehen, wenn man aus dem einzigartigen Fall der
Helen Keller Schlüsse auf die Bildungshöhe und die Bildungsmöglichkeit
+sämtlicher+ Taubstummblinden machen wollte. Hervorzuheben ist noch,
daß auch unter günstigen Umständen immer dafür Sorge zu tragen
sein wird, daß das Erworbene nicht verloren geht und ein solches
Menschenkind in den früheren Zustand zurücksinkt. Die Entlassung eines
taubblinden Kindes in die Heimat wird sich daher nur in Ausnahmefällen
empfehlen; das Kind ist für das spätere Leben am besten in einem mit
der Ausbildungsanstalt verbundenem Heime aufgehoben, wo es geistige
Anregung hat und sich mit geeigneter Handarbeit nützlich beschäftigen
kann.
+Riemann+, Taubstumm und blind zugleich. Berlin 1895.
+Kunz+, Taubstummblinde. Geschichte der Blindenanstalt zu
Illzach-Mülhausen. Leipzig 1907.
+Riemann+, Die Taubstummblinden. Langensalza 1907.
+Schäfer+, Das Taubstummblindenheim in Nowawes. Jahrbuch der
Krüppelfürsorge pro 1907. Hamburg 1908.
+Anrep-Nordin+, Überblick über die Entstehung und Wirksamkeit der
Erziehungsanstalt für Taubblinde und für Schwachsinnigblinde zu
Wenersborg. Göteborg 1910.
+v. Hagen+, Ein Wort zur Förderung der Taubstummblinden-Fürsorge.
Bldfrd. 1912 S. 85.
+Jerusalem+, Laura Bridgman. Bldfrd. 1890 S. 40.