Bei der Bezeichnung „Unterrichtsform“ ist an zweierlei zu denken: an
das unterrichtliche +Tun+ und an das Unterrichts+gespräch+. Was das
letztere betrifft, so gelten für seine Anwendung im Blindenunterricht
dieselben Forderungen, wie sie die Didaktik für die Schule allgemein
aufgestellt hat. Doch ist zu bemerken, daß in der Blindenklasse
das reine Lehrgespräch seltener auftreten wird als in der Schule
der Sehenden, da überall da, wo es sich um die Erkenntnis realer
Verhältnisse handelt, die mündliche Unterweisung +ohne gleichzeitige
Handbetätigung+ für den Blinden geringen Wert hat. Lehrgespräch
und unterrichtliches Tun greifen in der Blindenklasse fortwährend
ineinander.
Wie in der Schule der Sehenden, wird auch im Blindenunterricht die
+entwickelnde+ Form des Lehrgesprächs vorherrschen. Natürlich kann auch
die reine Mitteilung nicht entbehrt werden; man beschränke sie aber auf
das Mindestmaß; jedenfalls darf eine Mitteilung nicht dort eintreten,
wo man fragend-entwickelnd vorgehen kann. Der mündlichen Darstellung
des Schülers gestatte man möglichste Freiheit; man unterbreche sie,
wenn irgend angängig, nicht durch Fragen und Aufdrängen bestimmter
Wendungen und Ausdrücke. Da der Blinde die Mundbewegungen und das
Mienenspiel des Sprechenden nicht beobachten kann, fehlt ihm ein
wichtiges Vorbild für die Muskeleinstellung der Sprachwerkzeuge. Dieses
Manko kann einigermaßen durch häufiges Chorsprechen ausgeglichen
werden. Namentlich sollen Merksätze, Regeln, Gesetze, geographische und
geschichtliche Namen durch Chorsprechen geläufig gemacht werden. Da
die beginnende Zerstreutheit und Unaufmerksamkeit bei blinden Schülern
nicht so leicht zu erkennen ist wie bei sehenden, ist das Chorsprechen
auch ein vortreffliches Mittel, um die Beteiligung der trägen und
unachtsamen Geister am Unterricht zu sichern. Der +Lehrton+ soll frisch
und lebhaft sein. Es ist zu bedenken, daß alle die äußeren Mittel, die
in der Schule der Sehenden die aufmerksame Teilnahme am Unterricht
fördern helfen (der belebende Blick des Lehrers, die das Lehrgespräch
begleitenden Gesten, das Vorführen von Abbildungen, das Vormachen und
Zeigen des Lehrers usw.), im Blindenunterricht entweder ganz wegfallen
oder nur für den einzelnen Schüler wirksam sind. Um so mehr muß der
Blindenlehrer durch die Wärme und Lebendigkeit des Lehrtons seine
Schüler fortzureißen verstehen.
Am schwierigsten wird sich in der Blindenklasse das unterrichtliche
+Tun+ gestalten. Es wurde früher schon darauf hingewiesen, daß die
Tastbetätigung sich nicht auf die eigentlichen Unterrichtsstunden
beschränken darf. Eine allseitige und fruchtbare Erkenntnis der
Dinge und Tätigkeiten läßt sich nur durch freie Schülerübungen
erreichen, in denen der Lehrer zurücktritt und seine Mitwirkung nur
darauf beschränkt, die Bedingungen herbeizuführen, unter denen die
Übungen und Versuche erfolgreich vorgenommen werden können. In einer
solchen Stunde brauchen die Schüler nicht alle in gleicher Weise
tätig zu sein: der eine macht sich vielleicht mit einer erdkundlichen
Darstellung im Sandkasten bekannt, ein anderer beschäftigt sich mit
Untersuchungen der Krämerwage, die der Lehrer demnächst behandeln will,
ein dritter hantiert mit den dabeistehenden Gewichten, ein vierter
formt einen bestimmten Teil der Wage, ein fünfter benutzt verschiedene
Werkzeuge als Hebel usw. Solche Übungsstunden bilden die unerläßliche
Vorbereitung des eigentlichen Unterrichts. In der Unterrichtsstunde
selbst wird zunächst die durch die Eigenarbeit gewonnene Erfahrung
und Erkenntnis festgestellt, und dann setzt das schaffende Lernen in
wohlüberlegter Folge und Ordnung ein. Erlaubt die Art der Arbeit nicht
eine praktische Beteiligung +sämtlicher+ Schüler, so muß man sich damit
begnügen, einzelne Handgriffe von diesem und jenem ausführen zu lassen,
gleichzeitig aber die nicht unmittelbar Beteiligten zur aufmerksamen
Verfolgung der Vorgänge durch das Ohr anzuregen. Soll z. B. das Sieden
des Wassers beobachtet werden, so würde sich die Behandlung etwa so
gestalten: der Lehrer bläst in die Kochflasche hinein; die Schüler
merken: wir brauchen zu dem Versuche eine Flasche. Sie beurteilen
nach der Höhe des Tones auch die Größe derselben. Drei Schüler werden
beauftragt, die Flasche zur Hälfte mit Wasser zu füllen. Der erste
umfaßt die obere Hälfte der Flasche mit der Hand, der zweite setzt
den Trichter ein und hält ihn fest, der dritte gießt das Wasser in
den Trichter. Der erste merkt an der aufsteigenden Kälte, wann es
die gewünschte Höhe erreicht hat und unterbricht die Tätigkeit des
Füllens durch ein Halt! Der Lehrer läßt eine Streichholzschachtel
auf den Tisch fallen; die Kinder erkennen sie und vermuten, daß
die Spirituslampe angezündet werden soll. Ein Schüler besorgt das
Anzünden, ein anderer setzt den Dreifuß über die Lampe, ein dritter
stellt die Flasche darauf, ein vierter beobachtet mit seiner Hand die
zunehmende Erwärmung der Flasche, bis ihn die Hitze zwingt, die Hand
zurückzuziehen. Nun kommt die Beobachtung durch das Ohr: das Singen des
Wassers und das brodelnde Geräusch des Kochens. So sind die Schüler
nicht nur beobachtend tätig gewesen, sondern jeder von ihnen hat sich
auch praktisch am Unterricht beteiligt, wenn auch nur mit einigen
Handgriffen. Wo die Zahl der Lehrmittel und die Art der Arbeit einen
+geschlossenen+ Klassenunterricht ermöglicht (Fröbelarbeit, Raumlehre,
Erdkunde, Formen, Zeichnen, Pflanzenkunde), da wäre es natürlich ein
unverzeihlicher Fehler, wenn man ihn nicht strikte durchführen wollte.
Das unterrichtliche Tun findet seinen weiteren Ausbau in den der
Lehrstunde +folgenden+ Schülerübungen. Haben die vorbereitenden
Untersuchungen mehr oder weniger den Charakter des Zufälligen, so
gestalten sich die nachfolgenden Übungen zur Lösung +ganz bestimmter
Aufgaben+. Wurde etwa für die Vorbereitung einer geographischen Stunde
die Aufgabe gestellt: macht euch nach der Karte mit der Provinz Posen
bekannt, so heißt es am +Ende+ der Unterrichtsstunde: Zum nächsten
Male will ich Genaueres über die eigenartige Grenzlinie der Provinz
hören; die vereinfachte Darstellung im Sandkasten wird euch in der
Untersuchung unterstützen; A. und B. werden versuchen, den Umriß mit
Wachsfäden nachzuzeichnen; die andern sollen aus dem im Sandkasten
liegenden Bleidraht die Warthe und Netze darstellen usw.
Da es eine Hauptaufgabe des Unterrichts ist, den Blinden in die Dinge
und Verhältnisse einzuführen, wie sie sich in der Wirklichkeit, in
der Natur darstellen, wird eine öftere +Verlegung des Unterrichts+
aus dem Schulzimmer +ins Freie+ notwendig sein. Bei der geringen
Schülerzahl einer Klasse läßt sich diese Forderung ohne Schwierigkeit
durchführen. Namentlich der Anschauungsunterricht, die Arbeitskunde,
der heimatkundliche und naturgeschichtliche Unterricht müssen sich
zum Teil in Hof, Garten, Feld und Wald abspielen, wenn die Bildung
des Blinden nicht ausschließlich an toten Modellen, sondern im Umgang
mit den wirklichen Dingen erworben werden soll. Wie früher bereits
hervorgehoben, ist es wünschenswert, daß der Anstaltsgarten, oder
wenigstens ein Teil desselben, dem Unterricht dienstbar gemacht
wird. Wo dies aus zwingenden Gründen nicht möglich ist, muß die
+Schulwanderung+ als Ersatz eintreten; freilich gestaltet sich dann der
Unterricht umständlicher und zeitraubender. Der Unterricht im Freien
wird von dem im Klassenzimmer betriebenen insofern abweichen, als das
Wort des Lehrers und auch die sprachliche Darstellung des Schülers
stärker zurücktritt; es kommt in erster Linie darauf an, den Schüler
an die Dinge heranzubringen, ihn zum tätigen Umgehen mit denselben zu
veranlassen. Damit ergibt sich ganz von selbst eine freiere Art des
Lehrtons und eine weniger gebundene Form der Disziplin. Die sprachliche
Durcharbeitung und Vertiefung des praktisch Erworbenen geschieht später
in der Ruhe des Klassenzimmers.
Zuweilen wird es notwendig sein, den Gang des Unterrichts zu
unterbrechen, nämlich dann, wenn eine auffällige Erscheinung die
Schüler ablenkt oder wenn sich ungesucht eine Gelegenheit zu einer
nicht alltäglichen Beobachtung ergibt.
Von einer +gegenseitigen Hilfe und Unterstützung der Schüler+ wird der
Unterricht öfters Gebrauch machen. Namentlich dann, wenn es sich um
die Einübung von Handgriffen und Tätigkeiten handelt, kann ein Blinder
dem anderen wertvolle Dienste leisten. Es kommt dabei gar nicht selten
vor, daß der Blinde einen einfacheren und zweckmäßigeren Arbeitsweg
einschlägt wie der Lehrer. Jedenfalls bietet das Suchen, Probieren,
Experimentieren und Einüben zu zweien viel Anregung.
+Froneberg+, Die Exkursionen im Dienste des Blindenunterrichts.
Bldfrd. 1892 S. 143.
+Mell+, Über den Kontakt des blinden Kindes mit der Natur. Bldfrd.
1896 S. 135.