3. Die Unterrichtsform.

Bei der Bezeichnung „Unterrichtsform“ ist an zweierlei zu denken: an

das unterrichtliche +Tun+ und an das Unterrichts+gespräch+. Was das

letztere betrifft, so gelten für seine Anwendung im Blindenunterricht

dieselben Forderungen, wie sie die Didaktik für die Schule allgemein

aufgestellt hat. Doch ist zu bemerken, daß in der Blindenklasse

das reine Lehrgespräch seltener auftreten wird als in der Schule

der Sehenden, da überall da, wo es sich um die Erkenntnis realer

Verhältnisse handelt, die mündliche Unterweisung +ohne gleichzeitige

Handbetätigung+ für den Blinden geringen Wert hat. Lehrgespräch

und unterrichtliches Tun greifen in der Blindenklasse fortwährend

ineinander.

Wie in der Schule der Sehenden, wird auch im Blindenunterricht die

+entwickelnde+ Form des Lehrgesprächs vorherrschen. Natürlich kann auch

die reine Mitteilung nicht entbehrt werden; man beschränke sie aber auf

das Mindestmaß; jedenfalls darf eine Mitteilung nicht dort eintreten,

wo man fragend-entwickelnd vorgehen kann. Der mündlichen Darstellung

des Schülers gestatte man möglichste Freiheit; man unterbreche sie,

wenn irgend angängig, nicht durch Fragen und Aufdrängen bestimmter

Wendungen und Ausdrücke. Da der Blinde die Mundbewegungen und das

Mienenspiel des Sprechenden nicht beobachten kann, fehlt ihm ein

wichtiges Vorbild für die Muskeleinstellung der Sprachwerkzeuge. Dieses

Manko kann einigermaßen durch häufiges Chorsprechen ausgeglichen

werden. Namentlich sollen Merksätze, Regeln, Gesetze, geographische und

geschichtliche Namen durch Chorsprechen geläufig gemacht werden. Da

die beginnende Zerstreutheit und Unaufmerksamkeit bei blinden Schülern

nicht so leicht zu erkennen ist wie bei sehenden, ist das Chorsprechen

auch ein vortreffliches Mittel, um die Beteiligung der trägen und

unachtsamen Geister am Unterricht zu sichern. Der +Lehrton+ soll frisch

und lebhaft sein. Es ist zu bedenken, daß alle die äußeren Mittel, die

in der Schule der Sehenden die aufmerksame Teilnahme am Unterricht

fördern helfen (der belebende Blick des Lehrers, die das Lehrgespräch

begleitenden Gesten, das Vorführen von Abbildungen, das Vormachen und

Zeigen des Lehrers usw.), im Blindenunterricht entweder ganz wegfallen

oder nur für den einzelnen Schüler wirksam sind. Um so mehr muß der

Blindenlehrer durch die Wärme und Lebendigkeit des Lehrtons seine

Schüler fortzureißen verstehen.

Am schwierigsten wird sich in der Blindenklasse das unterrichtliche

+Tun+ gestalten. Es wurde früher schon darauf hingewiesen, daß die

Tastbetätigung sich nicht auf die eigentlichen Unterrichtsstunden

beschränken darf. Eine allseitige und fruchtbare Erkenntnis der

Dinge und Tätigkeiten läßt sich nur durch freie Schülerübungen

erreichen, in denen der Lehrer zurücktritt und seine Mitwirkung nur

darauf beschränkt, die Bedingungen herbeizuführen, unter denen die

Übungen und Versuche erfolgreich vorgenommen werden können. In einer

solchen Stunde brauchen die Schüler nicht alle in gleicher Weise

tätig zu sein: der eine macht sich vielleicht mit einer erdkundlichen

Darstellung im Sandkasten bekannt, ein anderer beschäftigt sich mit

Untersuchungen der Krämerwage, die der Lehrer demnächst behandeln will,

ein dritter hantiert mit den dabeistehenden Gewichten, ein vierter

formt einen bestimmten Teil der Wage, ein fünfter benutzt verschiedene

Werkzeuge als Hebel usw. Solche Übungsstunden bilden die unerläßliche

Vorbereitung des eigentlichen Unterrichts. In der Unterrichtsstunde

selbst wird zunächst die durch die Eigenarbeit gewonnene Erfahrung

und Erkenntnis festgestellt, und dann setzt das schaffende Lernen in

wohlüberlegter Folge und Ordnung ein. Erlaubt die Art der Arbeit nicht

eine praktische Beteiligung +sämtlicher+ Schüler, so muß man sich damit

begnügen, einzelne Handgriffe von diesem und jenem ausführen zu lassen,

gleichzeitig aber die nicht unmittelbar Beteiligten zur aufmerksamen

Verfolgung der Vorgänge durch das Ohr anzuregen. Soll z. B. das Sieden

des Wassers beobachtet werden, so würde sich die Behandlung etwa so

gestalten: der Lehrer bläst in die Kochflasche hinein; die Schüler

merken: wir brauchen zu dem Versuche eine Flasche. Sie beurteilen

nach der Höhe des Tones auch die Größe derselben. Drei Schüler werden

beauftragt, die Flasche zur Hälfte mit Wasser zu füllen. Der erste

umfaßt die obere Hälfte der Flasche mit der Hand, der zweite setzt

den Trichter ein und hält ihn fest, der dritte gießt das Wasser in

den Trichter. Der erste merkt an der aufsteigenden Kälte, wann es

die gewünschte Höhe erreicht hat und unterbricht die Tätigkeit des

Füllens durch ein Halt! Der Lehrer läßt eine Streichholzschachtel

auf den Tisch fallen; die Kinder erkennen sie und vermuten, daß

die Spirituslampe angezündet werden soll. Ein Schüler besorgt das

Anzünden, ein anderer setzt den Dreifuß über die Lampe, ein dritter

stellt die Flasche darauf, ein vierter beobachtet mit seiner Hand die

zunehmende Erwärmung der Flasche, bis ihn die Hitze zwingt, die Hand

zurückzuziehen. Nun kommt die Beobachtung durch das Ohr: das Singen des

Wassers und das brodelnde Geräusch des Kochens. So sind die Schüler

nicht nur beobachtend tätig gewesen, sondern jeder von ihnen hat sich

auch praktisch am Unterricht beteiligt, wenn auch nur mit einigen

Handgriffen. Wo die Zahl der Lehrmittel und die Art der Arbeit einen

+geschlossenen+ Klassenunterricht ermöglicht (Fröbelarbeit, Raumlehre,

Erdkunde, Formen, Zeichnen, Pflanzenkunde), da wäre es natürlich ein

unverzeihlicher Fehler, wenn man ihn nicht strikte durchführen wollte.

Das unterrichtliche Tun findet seinen weiteren Ausbau in den der

Lehrstunde +folgenden+ Schülerübungen. Haben die vorbereitenden

Untersuchungen mehr oder weniger den Charakter des Zufälligen, so

gestalten sich die nachfolgenden Übungen zur Lösung +ganz bestimmter

Aufgaben+. Wurde etwa für die Vorbereitung einer geographischen Stunde

die Aufgabe gestellt: macht euch nach der Karte mit der Provinz Posen

bekannt, so heißt es am +Ende+ der Unterrichtsstunde: Zum nächsten

Male will ich Genaueres über die eigenartige Grenzlinie der Provinz

hören; die vereinfachte Darstellung im Sandkasten wird euch in der

Untersuchung unterstützen; A. und B. werden versuchen, den Umriß mit

Wachsfäden nachzuzeichnen; die andern sollen aus dem im Sandkasten

liegenden Bleidraht die Warthe und Netze darstellen usw.

Da es eine Hauptaufgabe des Unterrichts ist, den Blinden in die Dinge

und Verhältnisse einzuführen, wie sie sich in der Wirklichkeit, in

der Natur darstellen, wird eine öftere +Verlegung des Unterrichts+

aus dem Schulzimmer +ins Freie+ notwendig sein. Bei der geringen

Schülerzahl einer Klasse läßt sich diese Forderung ohne Schwierigkeit

durchführen. Namentlich der Anschauungsunterricht, die Arbeitskunde,

der heimatkundliche und naturgeschichtliche Unterricht müssen sich

zum Teil in Hof, Garten, Feld und Wald abspielen, wenn die Bildung

des Blinden nicht ausschließlich an toten Modellen, sondern im Umgang

mit den wirklichen Dingen erworben werden soll. Wie früher bereits

hervorgehoben, ist es wünschenswert, daß der Anstaltsgarten, oder

wenigstens ein Teil desselben, dem Unterricht dienstbar gemacht

wird. Wo dies aus zwingenden Gründen nicht möglich ist, muß die

+Schulwanderung+ als Ersatz eintreten; freilich gestaltet sich dann der

Unterricht umständlicher und zeitraubender. Der Unterricht im Freien

wird von dem im Klassenzimmer betriebenen insofern abweichen, als das

Wort des Lehrers und auch die sprachliche Darstellung des Schülers

stärker zurücktritt; es kommt in erster Linie darauf an, den Schüler

an die Dinge heranzubringen, ihn zum tätigen Umgehen mit denselben zu

veranlassen. Damit ergibt sich ganz von selbst eine freiere Art des

Lehrtons und eine weniger gebundene Form der Disziplin. Die sprachliche

Durcharbeitung und Vertiefung des praktisch Erworbenen geschieht später

in der Ruhe des Klassenzimmers.

Zuweilen wird es notwendig sein, den Gang des Unterrichts zu

unterbrechen, nämlich dann, wenn eine auffällige Erscheinung die

Schüler ablenkt oder wenn sich ungesucht eine Gelegenheit zu einer

nicht alltäglichen Beobachtung ergibt.

Von einer +gegenseitigen Hilfe und Unterstützung der Schüler+ wird der

Unterricht öfters Gebrauch machen. Namentlich dann, wenn es sich um

die Einübung von Handgriffen und Tätigkeiten handelt, kann ein Blinder

dem anderen wertvolle Dienste leisten. Es kommt dabei gar nicht selten

vor, daß der Blinde einen einfacheren und zweckmäßigeren Arbeitsweg

einschlägt wie der Lehrer. Jedenfalls bietet das Suchen, Probieren,

Experimentieren und Einüben zu zweien viel Anregung.

+Froneberg+, Die Exkursionen im Dienste des Blindenunterrichts.

Bldfrd. 1892 S. 143.

+Mell+, Über den Kontakt des blinden Kindes mit der Natur. Bldfrd.

1896 S. 135.

Erziehung und Unterricht der Blinden · 第 30 / 37 题