Die Phantasie ist die +wohltätige Himmelsgabe+, die den Blinden
hinaushebt über die Enge seines Daseins. Sie kann aber auch zu einer
+gefährlichen Macht+ für ihn werden, nämlich dann, wenn sie die
Herrschaft über sein Seelenleben erlangt, wenn sie nicht gelenkt und
gezügelt wird durch einen unbeugsamen Wirklichkeitssinn.
An der Geistesbildung des Blinden hat die Phantasie einen bedeutenden
Anteil. Zunächst ist hervorzuheben, daß sie +die unvollkommenen und
beschränkten sinnlichen Wahrnehmungen des Blinden ergänzt+.
Der Blinde betastet einen Baumstamm, und die Phantasie ergänzt ihn zu
einem vollständigen Baume mit Ästen, Zweigen und Blättern. Seine Hand
streift die Mauer eines Hauses und sofort steht das Bild eines Hauses
mit seinen vier Mauern, dem spitzwinkeligen Dache und den Fensterreihen
vor seiner Seele. Er hört einen Kanonenschuß und die Einbildungskraft
zaubert ihm eine Lafette mit dem darauf liegenden Rohre ins Bewußtsein.
Diese ergänzende Tätigkeit der Phantasie zeigt sich selbstverständlich
auch im Geistesleben des Sehenden, aber sie wird bei weitem nicht so
oft in Anspruch genommen wie bei dem Blinden, weil dem Auge die meisten
Dinge als Ganzes erscheinen.
Freilich kann die Phantasie nur dann eine Vorstellung ergänzen, wenn
eine ähnliche Anschauung als Ganzes bereits im Bewußtsein vorhanden
ist. Absolut Neues schaffen kann die Phantasie nicht; sie ist gebunden
an den Vorstellungsschatz der Seele. Hätte der Blinde nicht früher
einen Baum von mäßigen Dimensionen allseitig kennen gelernt, hätte
er also den kleinen Stamm nicht mit den Händen umspannt, ihn mit den
Fingern betastet, mit der Kraft seiner Arme geschüttelt, mit den Händen
in die Krone hineingelangt, die Abzweigung der Äste, die Gabelung
der Zweige, die dichte Belaubung gefühlt: so wäre bei der Begegnung
mit irgendeinem andern Baumstamme die Phantasie entweder gar nicht
in Tätigkeit getreten oder sie hätte in vagen Gedankenläufen ein
Bild geschaffen, das mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt. Bei
dem zweiten und dritten Beispiel besteht die Voraussetzung für die
ergänzende Tätigkeit der Phantasie darin, daß der Blinde ein Haus und
eine Kanone im Modell kennen gelernt hat.
Für den Unterricht ergibt sich daraus die Notwendigkeit, in erster
Linie für allseitige, auf sinnlicher Grundlage ruhenden Vorstellungen
zu sorgen. Besonders der Anfangsunterricht wird seine Hauptaufgabe
darin sehen müssen, einen fest im Bewußtsein haftenden Schatz von
Anschauungen zu vermitteln. Fehlt der Phantasietätigkeit des Blinden
diese reale Grundlage, so gestaltet sie sich zu unfruchtbarer Träumerei
und selbstgefälliger Tändelei.
Aus den angeführten Beispielen geht auch hervor, daß die Phantasie +die
Raumvorstellungen korrigiert+; sie vergrößert oder verkleinert die
Dimensionen. Das ist für den Unterricht von besonderer Wichtigkeit.
Viele Dinge können dem Blinden nur in einem verkleinerten oder
vergrößerten Modell vorgeführt werden. Die Phantasie übernimmt dann
die Vergrößerung bzw. die Verkleinerung desselben zu den Dimensionen
des Originals. Freilich ist die Phantasie nicht ohne weiteres dazu
imstande; wo jede Möglichkeit des Größenvergleiches fehlt, da wird
das Phantasiebild ungenau und nach der einen oder andern Seite hin
übertrieben. Als ein blinder Schüler bei der Behandlung des Wolfes, der
im verkleinerten Modell vorgeführt war, gefragt wurde: „Wie groß denkst
du dir den Wolf?“ antwortete er: „So groß wie das Anstaltsgebäude.“
Hier hätte der Lehrer Anhaltspunkte für die Beurteilung der Größe
geben müssen; er hätte vielleicht sagen können: Der Wolf ist so lang
wie deine ausgebreiteten Arme und so hoch, daß er mit dem Kopfe deine
Schulter berühren würde. In diesem Vergleich zeigt sich übrigens eine
wichtige Regel für den Blindenunterricht. Wenn irgend möglich, sollen
nämlich die Größenbeziehungen zwischen Modell und Original auf den
Körper des Schülers Bezug nehmen, weil der Blinde in seinem Körper
den nächsten, besten und sichersten Maßstab besitzt. Tatsächlich
bringt der Blinde, wo es nur angängig ist, die Ausdehnung eines Dinges
in Beziehung zu seinem Leibe. Wir nehmen an, dem blinden Schüler
wird im heimatkundlichen Unterricht ein Modell des Anstaltsgebäudes
vorgeführt. Er hat das Originalgebäude in seinen einzelnen Teilen
durch die tägliche Erfahrung kennen gelernt; einen Gesamteindruck der
äußeren Gestalt usw. hat er aber wegen der Größe des Objekts nicht
erlangen können. Beim Betasten des Modells wird sich nun etwa folgende
Gedankenreihe im Geiste des Schülers abwickeln: Dies ist ein Fenster
meines Klassenzimmers; es ist hier so schmal, daß mein Finger die
ganze Breite ausfüllt; bei dem „wirklichen“ Fenster muß ich meine Arme
ausbreiten, um es zu umspannen. Dies ist die Vorderseite des Gebäudes;
sie ist hier so lang wie mein Arm; in Wirklichkeit muß ich 150 Schritte
machen, um von einem Ende zum andern zu kommen. Dies ist die Treppe;
auf einer Stufe kann kaum mein Finger ruhen; auf den Steinstufen der
Anstaltstreppe haben meine Füße bequem Platz usw. Hiernach ist es
begreiflich, daß das Messen und die Abschätzung von Größen mittelst
des Finger-, Hand-, Fuß- und Schrittmaßes für den Blinden sehr wichtig
ist. Bei den Übungen im Formen und Zeichnen, beim Messen von Linien
und Flächen sollten diese Maße in erster Linie gebraucht werden.
Ebenso notwendig ist es, daß der Schüler plastische Darstellungen
in vergrößertem oder verkleinertem Maßstabe ausführen lernt; die
raumschaffende Tätigkeit der Phantasie findet in derartigen Übungen
eine wertvolle Hilfe.
Die Phantasie übt aber an einem Gegenstande nicht nur eine vergrößernde
oder verkleinernde Tätigkeit aus, sondern sie umkleidet das Objekt auch
mit allen den Merkmalen, die dem tastenden Finger nicht verständlich
gemacht werden können, +sie verleiht vor allem den toten Modellen Leben
und Bewegung+. Wie öde müßte dem Blinden die Natur vorkommen, wenn er
sie sich mit den steifen, kalten Tiermodellen bevölkert dächte, die
ihm der Unterricht zur Anschauung bietet! Die Phantasie erst macht sie
zu Geschöpfen von Fleisch und Blut, die springend, fliegend, kletternd
die Natur beleben. Freilich, so muß hier wieder gesagt werden, kann sie
dies nicht von selbst, ohne jegliche Übung; der Unterricht muß sie zu
dieser Tätigkeit anleiten. Machen wir uns dies an einem Beispiel klar.
In der Anstalt werden einige Tiere gehalten, unter andern ein Esel,
der vom Gärtner für mancherlei Arbeit im Garten benutzt wird. Die
Schüler lernen ihn kennen; sie besuchen ihn mehrfach im Stalle, auf
der Weide, bei der Arbeit. Sie klopfen seinen Hals, fühlen die Wärme
seiner Haut, bedecken die Augen mit den Händen, spielen mit den großen
Ohren, besteigen seinen Rücken und traben eine Strecke, wobei sie die
Bewegung und Erschütterung seines Körpers spüren usw. Wird ihnen nun
im Unterricht ein Modell des Tieres vorgeführt, so stattet es die
Phantasie mit allen den Merkmalen aus, die das Kind bei dem lebenden
Exemplar wahrgenommen hat. Dasselbe geschieht bei einem Modell, welches
die Schüler aus Wachs formen, ja wird ihnen ein Reliefbild des Esels
gezeigt, so schafft die Phantasie aus der halberhabenen Form den an
der Krippe stehenden oder auf der Weide grasenden Esel. Geschieht eine
derartige Betrachtung vom lebenden Tier bis zum umrißartigen Modell
abwärts, +öfters+ und an verschiedenen Objekten, so gewinnt die Seele
die Fähigkeit, von einem Modell aufwärts schreitend das lebende Objekt
sich vorzustellen. Der Unterricht soll darum den Schüler diese abwärts
und wieder aufwärtsschreitende Vorstellungsreihe oft durchlaufen
lassen. S. Heller nennt eine solche Veranschaulichungsweise +die
Methode der ab- und aufsteigenden Linie+; sie ist die unerläßliche
Vorbedingung für das phantasiemäßige Vorstellen. In dieser
Veranschaulichungsreihe hat, wie eben angedeutet, auch das +Bild+ und
der +Umriß+ seinen Platz, die beide an sich nicht einen besonders
großen Wert haben; hier aber sind sie ein Mittel, um die Beziehungen
zwischen der Nachbildung und dem Original klarzulegen. Ergibt sich dann
einmal die Notwendigkeit, ein Tier durch ein Reliefbild oder einen
Umriß zu veranschaulichen, weil ein Lehrmittel anderer Art nicht zu
beschaffen ist, so kann erwartet werden, daß die Phantasie aus diesen
Andeutungen eine in den Hauptzügen richtige Vorstellung des Originals
schafft. Die abwärtssteigende Reihe bei der Tierbetrachtung wäre also:
Lebendes Tier, Modell, Nachbildung in den Hauptzügen, Reliefbild,
Umriß; bei der Betrachtung eines sog. geometrischen Körpers: Körper,
Abdruck desselben in Sand oder Ton, Halbrelief, Durchschnitt, Umriß.
Ähnlich ist die Veranschaulichungsreihe auch bei Gegenständen, die
im sog. Anschauungsunterricht behandelt werden. Es sei ausdrücklich
gesagt, daß diese Reihe nicht bei +jedem+ Objekt, das betrachtet wird,
durchlaufen zu werden braucht; die Übung tritt nur von Zeit zu Zeit ein.
Die absteigende Anschauungsreihe ergibt in ihrem letzten Gliede das
bloße Zeichen, das Symbol eines Gegenstandes. Wie notwendig es ist, die
Reihe bis hierher durchzuführen, zeigt der geographische Unterricht.
Die gewundenen Linien der Reliefkarte, die größeren und kleineren
Punkte, die unregelmäßigen Erhöhungen sind dem Blinden +nicht Abbilder,
sondern nur Symbole+ für Flüsse, Städte und Gebirge. Die Phantasie
benutzt sie als Anhaltspunkte, um aus ihnen auf Grund früherer
Anschauungen die genannten geographischen Begriffe hervorzurufen. Der
grundlegende erdkundliche Unterricht macht den Schüler auf Wanderungen
mit einem Berge, einem Bach usw. bekannt, gibt dann die verkleinerte
und vereinfachte Nachbildung in Sand, Ton oder Wachs und überträgt
diese mit weiterer Generalisierung auf die Terrainkarte, die trotz
der starken Verkleinerung mit der Wirklichkeit in den Hauptzügen
übereinstimmt. Bei weiterer Beschränkung der Dimensionen, wie sie
notwendig wird, wenn ein größeres Gebiet dargestellt werden soll, läßt
sich an der reinen Nachbildung nicht mehr festhalten; dann treten eben
die +Zeichen+ an die Stelle der verkleinerten Wirklichkeit, und es
beginnt die Tätigkeit der Phantasie.
War bisher von der Phantasie in ihrer Beziehung zum Denken die Rede
-- Wundt bezeichnet die Phantasietätigkeit geradezu als eine Form
des Denkens, „sie ist ein Denken in Bildern“ -- so darf doch auch
noch nicht vergessen werden, daß sie den Blinden eine Quelle reichen
Genusses und erhebender Empfindungen ist. Wir brauchen nur daran
zu denken, daß die Phantasie ihn bei dem Brausen des Sturmes, dem
Säuseln der Blätter, dem Rauschen des Meeres, dem Krachen des Donners
hinausführt über die engen Grenzen seiner Anschauung und ihn eine
Ahnung gewinnen läßt von der Größe und Erhabenheit der Schöpfung. Und
welche lieblichen Bilder zaubert ihm die Phantasie vor, wenn gute Musik
sein Ohr berührt! Mit Recht steht im Musiksaal einer Blindenanstalt das
Dichterwort:
=„Kommst du, Musik, wird’s in uns licht,
Tief in der Brust ein Pfingsten tagt,
Wenn deine Wunderstimme spricht,
Wozu das Wort den Dienst versagt.“=
Wird die Phantasie von dem +Willen+ gelenkt, so daß sie das Denken
beeinflußt, so bezeichnet man sie als +aktive+ Phantasie. Überläßt man
sich aber planlos und ziellos dem Spiele der Vorstellungen, träumt man
sich in Situationen hinein, die nie eintreten können, beschwört man
Bilder herauf, die sich von der Wirklichkeit unnatürlich entfernen,
so ist dies ein Werk der +passiven+ Phantasie. Die passive Phantasie
tritt um so lebhafter in Wirksamkeit, je mehr das logische Denken
zurückgedrängt wird. Der sich selbst überlassene oder oberflächlich
unterrichtete Blinde steht ganz unter ihrem Einfluß; er wird darum
meist ein Träumer und ein für das praktische Leben unbrauchbarer
Mensch. Es bildet sich bei ihm jene psychische Schlaffheit heraus, die
es gar nicht zu dem Verlangen kommen läßt, plastisch und anschaulich zu
denken; er findet in bloßen Klangwirkungen und Wortvorstellungen seine
Befriedigung.
Der Blindenunterricht hat die Pflicht, mit allen ihm zu Gebote
stehenden Mitteln die passive Phantasie zurückzudrängen und sie
in die aktive überzuführen. Wie dies geschieht, ist oben dargelegt
worden. Noch nicht erwähnt ist die hohe Bedeutung des +Spieles+, dessen
Verwertung für die Phantasiebildung nicht hoch genug eingeschätzt
werden kann. Dasselbe gilt von der +praktischen Arbeit+ des Schülers.
Zusammenfassend werden wir sagen dürfen: die aktive Phantasie wird
entwickelt, wenn man den Schüler vor bloßen sprachlichen Mitteilungen
bewahrt und bloße sprachliche Leistungen richtig bewertet, wenn man
den Unterricht auf der ersten Stufe zu einem ausschließlich realen
gestaltet, bei dem Wort und Begriff sich decken, und wenn man der
freien Betätigung des Schülers in Spiel und Arbeit einen solchen Raum
gewährt und ihr eine solche Richtung gibt, daß er durch Selbstprobieren
und Selbstüberzeugen einen Einblick gewinnt in das Wesen der Dinge und
in den logischen Zusammenhang der Erscheinungen.
+Heller+, Das Prinzip der Wechselwirkung in der Blindenschule.
Kongr.-Ber. Amsterdam 1885.
+Schröder+, Die Methode der ab- und aufsteigenden Linie. Bldfrd.
1889 S. 100.