3. Die Bedeutung der Phantasie für die Geistesbildung.

Die Phantasie ist die +wohltätige Himmelsgabe+, die den Blinden

hinaushebt über die Enge seines Daseins. Sie kann aber auch zu einer

+gefährlichen Macht+ für ihn werden, nämlich dann, wenn sie die

Herrschaft über sein Seelenleben erlangt, wenn sie nicht gelenkt und

gezügelt wird durch einen unbeugsamen Wirklichkeitssinn.

An der Geistesbildung des Blinden hat die Phantasie einen bedeutenden

Anteil. Zunächst ist hervorzuheben, daß sie +die unvollkommenen und

beschränkten sinnlichen Wahrnehmungen des Blinden ergänzt+.

Der Blinde betastet einen Baumstamm, und die Phantasie ergänzt ihn zu

einem vollständigen Baume mit Ästen, Zweigen und Blättern. Seine Hand

streift die Mauer eines Hauses und sofort steht das Bild eines Hauses

mit seinen vier Mauern, dem spitzwinkeligen Dache und den Fensterreihen

vor seiner Seele. Er hört einen Kanonenschuß und die Einbildungskraft

zaubert ihm eine Lafette mit dem darauf liegenden Rohre ins Bewußtsein.

Diese ergänzende Tätigkeit der Phantasie zeigt sich selbstverständlich

auch im Geistesleben des Sehenden, aber sie wird bei weitem nicht so

oft in Anspruch genommen wie bei dem Blinden, weil dem Auge die meisten

Dinge als Ganzes erscheinen.

Freilich kann die Phantasie nur dann eine Vorstellung ergänzen, wenn

eine ähnliche Anschauung als Ganzes bereits im Bewußtsein vorhanden

ist. Absolut Neues schaffen kann die Phantasie nicht; sie ist gebunden

an den Vorstellungsschatz der Seele. Hätte der Blinde nicht früher

einen Baum von mäßigen Dimensionen allseitig kennen gelernt, hätte

er also den kleinen Stamm nicht mit den Händen umspannt, ihn mit den

Fingern betastet, mit der Kraft seiner Arme geschüttelt, mit den Händen

in die Krone hineingelangt, die Abzweigung der Äste, die Gabelung

der Zweige, die dichte Belaubung gefühlt: so wäre bei der Begegnung

mit irgendeinem andern Baumstamme die Phantasie entweder gar nicht

in Tätigkeit getreten oder sie hätte in vagen Gedankenläufen ein

Bild geschaffen, das mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt. Bei

dem zweiten und dritten Beispiel besteht die Voraussetzung für die

ergänzende Tätigkeit der Phantasie darin, daß der Blinde ein Haus und

eine Kanone im Modell kennen gelernt hat.

Für den Unterricht ergibt sich daraus die Notwendigkeit, in erster

Linie für allseitige, auf sinnlicher Grundlage ruhenden Vorstellungen

zu sorgen. Besonders der Anfangsunterricht wird seine Hauptaufgabe

darin sehen müssen, einen fest im Bewußtsein haftenden Schatz von

Anschauungen zu vermitteln. Fehlt der Phantasietätigkeit des Blinden

diese reale Grundlage, so gestaltet sie sich zu unfruchtbarer Träumerei

und selbstgefälliger Tändelei.

Aus den angeführten Beispielen geht auch hervor, daß die Phantasie +die

Raumvorstellungen korrigiert+; sie vergrößert oder verkleinert die

Dimensionen. Das ist für den Unterricht von besonderer Wichtigkeit.

Viele Dinge können dem Blinden nur in einem verkleinerten oder

vergrößerten Modell vorgeführt werden. Die Phantasie übernimmt dann

die Vergrößerung bzw. die Verkleinerung desselben zu den Dimensionen

des Originals. Freilich ist die Phantasie nicht ohne weiteres dazu

imstande; wo jede Möglichkeit des Größenvergleiches fehlt, da wird

das Phantasiebild ungenau und nach der einen oder andern Seite hin

übertrieben. Als ein blinder Schüler bei der Behandlung des Wolfes, der

im verkleinerten Modell vorgeführt war, gefragt wurde: „Wie groß denkst

du dir den Wolf?“ antwortete er: „So groß wie das Anstaltsgebäude.“

Hier hätte der Lehrer Anhaltspunkte für die Beurteilung der Größe

geben müssen; er hätte vielleicht sagen können: Der Wolf ist so lang

wie deine ausgebreiteten Arme und so hoch, daß er mit dem Kopfe deine

Schulter berühren würde. In diesem Vergleich zeigt sich übrigens eine

wichtige Regel für den Blindenunterricht. Wenn irgend möglich, sollen

nämlich die Größenbeziehungen zwischen Modell und Original auf den

Körper des Schülers Bezug nehmen, weil der Blinde in seinem Körper

den nächsten, besten und sichersten Maßstab besitzt. Tatsächlich

bringt der Blinde, wo es nur angängig ist, die Ausdehnung eines Dinges

in Beziehung zu seinem Leibe. Wir nehmen an, dem blinden Schüler

wird im heimatkundlichen Unterricht ein Modell des Anstaltsgebäudes

vorgeführt. Er hat das Originalgebäude in seinen einzelnen Teilen

durch die tägliche Erfahrung kennen gelernt; einen Gesamteindruck der

äußeren Gestalt usw. hat er aber wegen der Größe des Objekts nicht

erlangen können. Beim Betasten des Modells wird sich nun etwa folgende

Gedankenreihe im Geiste des Schülers abwickeln: Dies ist ein Fenster

meines Klassenzimmers; es ist hier so schmal, daß mein Finger die

ganze Breite ausfüllt; bei dem „wirklichen“ Fenster muß ich meine Arme

ausbreiten, um es zu umspannen. Dies ist die Vorderseite des Gebäudes;

sie ist hier so lang wie mein Arm; in Wirklichkeit muß ich 150 Schritte

machen, um von einem Ende zum andern zu kommen. Dies ist die Treppe;

auf einer Stufe kann kaum mein Finger ruhen; auf den Steinstufen der

Anstaltstreppe haben meine Füße bequem Platz usw. Hiernach ist es

begreiflich, daß das Messen und die Abschätzung von Größen mittelst

des Finger-, Hand-, Fuß- und Schrittmaßes für den Blinden sehr wichtig

ist. Bei den Übungen im Formen und Zeichnen, beim Messen von Linien

und Flächen sollten diese Maße in erster Linie gebraucht werden.

Ebenso notwendig ist es, daß der Schüler plastische Darstellungen

in vergrößertem oder verkleinertem Maßstabe ausführen lernt; die

raumschaffende Tätigkeit der Phantasie findet in derartigen Übungen

eine wertvolle Hilfe.

Die Phantasie übt aber an einem Gegenstande nicht nur eine vergrößernde

oder verkleinernde Tätigkeit aus, sondern sie umkleidet das Objekt auch

mit allen den Merkmalen, die dem tastenden Finger nicht verständlich

gemacht werden können, +sie verleiht vor allem den toten Modellen Leben

und Bewegung+. Wie öde müßte dem Blinden die Natur vorkommen, wenn er

sie sich mit den steifen, kalten Tiermodellen bevölkert dächte, die

ihm der Unterricht zur Anschauung bietet! Die Phantasie erst macht sie

zu Geschöpfen von Fleisch und Blut, die springend, fliegend, kletternd

die Natur beleben. Freilich, so muß hier wieder gesagt werden, kann sie

dies nicht von selbst, ohne jegliche Übung; der Unterricht muß sie zu

dieser Tätigkeit anleiten. Machen wir uns dies an einem Beispiel klar.

In der Anstalt werden einige Tiere gehalten, unter andern ein Esel,

der vom Gärtner für mancherlei Arbeit im Garten benutzt wird. Die

Schüler lernen ihn kennen; sie besuchen ihn mehrfach im Stalle, auf

der Weide, bei der Arbeit. Sie klopfen seinen Hals, fühlen die Wärme

seiner Haut, bedecken die Augen mit den Händen, spielen mit den großen

Ohren, besteigen seinen Rücken und traben eine Strecke, wobei sie die

Bewegung und Erschütterung seines Körpers spüren usw. Wird ihnen nun

im Unterricht ein Modell des Tieres vorgeführt, so stattet es die

Phantasie mit allen den Merkmalen aus, die das Kind bei dem lebenden

Exemplar wahrgenommen hat. Dasselbe geschieht bei einem Modell, welches

die Schüler aus Wachs formen, ja wird ihnen ein Reliefbild des Esels

gezeigt, so schafft die Phantasie aus der halberhabenen Form den an

der Krippe stehenden oder auf der Weide grasenden Esel. Geschieht eine

derartige Betrachtung vom lebenden Tier bis zum umrißartigen Modell

abwärts, +öfters+ und an verschiedenen Objekten, so gewinnt die Seele

die Fähigkeit, von einem Modell aufwärts schreitend das lebende Objekt

sich vorzustellen. Der Unterricht soll darum den Schüler diese abwärts

und wieder aufwärtsschreitende Vorstellungsreihe oft durchlaufen

lassen. S. Heller nennt eine solche Veranschaulichungsweise +die

Methode der ab- und aufsteigenden Linie+; sie ist die unerläßliche

Vorbedingung für das phantasiemäßige Vorstellen. In dieser

Veranschaulichungsreihe hat, wie eben angedeutet, auch das +Bild+ und

der +Umriß+ seinen Platz, die beide an sich nicht einen besonders

großen Wert haben; hier aber sind sie ein Mittel, um die Beziehungen

zwischen der Nachbildung und dem Original klarzulegen. Ergibt sich dann

einmal die Notwendigkeit, ein Tier durch ein Reliefbild oder einen

Umriß zu veranschaulichen, weil ein Lehrmittel anderer Art nicht zu

beschaffen ist, so kann erwartet werden, daß die Phantasie aus diesen

Andeutungen eine in den Hauptzügen richtige Vorstellung des Originals

schafft. Die abwärtssteigende Reihe bei der Tierbetrachtung wäre also:

Lebendes Tier, Modell, Nachbildung in den Hauptzügen, Reliefbild,

Umriß; bei der Betrachtung eines sog. geometrischen Körpers: Körper,

Abdruck desselben in Sand oder Ton, Halbrelief, Durchschnitt, Umriß.

Ähnlich ist die Veranschaulichungsreihe auch bei Gegenständen, die

im sog. Anschauungsunterricht behandelt werden. Es sei ausdrücklich

gesagt, daß diese Reihe nicht bei +jedem+ Objekt, das betrachtet wird,

durchlaufen zu werden braucht; die Übung tritt nur von Zeit zu Zeit ein.

Die absteigende Anschauungsreihe ergibt in ihrem letzten Gliede das

bloße Zeichen, das Symbol eines Gegenstandes. Wie notwendig es ist, die

Reihe bis hierher durchzuführen, zeigt der geographische Unterricht.

Die gewundenen Linien der Reliefkarte, die größeren und kleineren

Punkte, die unregelmäßigen Erhöhungen sind dem Blinden +nicht Abbilder,

sondern nur Symbole+ für Flüsse, Städte und Gebirge. Die Phantasie

benutzt sie als Anhaltspunkte, um aus ihnen auf Grund früherer

Anschauungen die genannten geographischen Begriffe hervorzurufen. Der

grundlegende erdkundliche Unterricht macht den Schüler auf Wanderungen

mit einem Berge, einem Bach usw. bekannt, gibt dann die verkleinerte

und vereinfachte Nachbildung in Sand, Ton oder Wachs und überträgt

diese mit weiterer Generalisierung auf die Terrainkarte, die trotz

der starken Verkleinerung mit der Wirklichkeit in den Hauptzügen

übereinstimmt. Bei weiterer Beschränkung der Dimensionen, wie sie

notwendig wird, wenn ein größeres Gebiet dargestellt werden soll, läßt

sich an der reinen Nachbildung nicht mehr festhalten; dann treten eben

die +Zeichen+ an die Stelle der verkleinerten Wirklichkeit, und es

beginnt die Tätigkeit der Phantasie.

War bisher von der Phantasie in ihrer Beziehung zum Denken die Rede

-- Wundt bezeichnet die Phantasietätigkeit geradezu als eine Form

des Denkens, „sie ist ein Denken in Bildern“ -- so darf doch auch

noch nicht vergessen werden, daß sie den Blinden eine Quelle reichen

Genusses und erhebender Empfindungen ist. Wir brauchen nur daran

zu denken, daß die Phantasie ihn bei dem Brausen des Sturmes, dem

Säuseln der Blätter, dem Rauschen des Meeres, dem Krachen des Donners

hinausführt über die engen Grenzen seiner Anschauung und ihn eine

Ahnung gewinnen läßt von der Größe und Erhabenheit der Schöpfung. Und

welche lieblichen Bilder zaubert ihm die Phantasie vor, wenn gute Musik

sein Ohr berührt! Mit Recht steht im Musiksaal einer Blindenanstalt das

Dichterwort:

=„Kommst du, Musik, wird’s in uns licht,

Tief in der Brust ein Pfingsten tagt,

Wenn deine Wunderstimme spricht,

Wozu das Wort den Dienst versagt.“=

Wird die Phantasie von dem +Willen+ gelenkt, so daß sie das Denken

beeinflußt, so bezeichnet man sie als +aktive+ Phantasie. Überläßt man

sich aber planlos und ziellos dem Spiele der Vorstellungen, träumt man

sich in Situationen hinein, die nie eintreten können, beschwört man

Bilder herauf, die sich von der Wirklichkeit unnatürlich entfernen,

so ist dies ein Werk der +passiven+ Phantasie. Die passive Phantasie

tritt um so lebhafter in Wirksamkeit, je mehr das logische Denken

zurückgedrängt wird. Der sich selbst überlassene oder oberflächlich

unterrichtete Blinde steht ganz unter ihrem Einfluß; er wird darum

meist ein Träumer und ein für das praktische Leben unbrauchbarer

Mensch. Es bildet sich bei ihm jene psychische Schlaffheit heraus, die

es gar nicht zu dem Verlangen kommen läßt, plastisch und anschaulich zu

denken; er findet in bloßen Klangwirkungen und Wortvorstellungen seine

Befriedigung.

Der Blindenunterricht hat die Pflicht, mit allen ihm zu Gebote

stehenden Mitteln die passive Phantasie zurückzudrängen und sie

in die aktive überzuführen. Wie dies geschieht, ist oben dargelegt

worden. Noch nicht erwähnt ist die hohe Bedeutung des +Spieles+, dessen

Verwertung für die Phantasiebildung nicht hoch genug eingeschätzt

werden kann. Dasselbe gilt von der +praktischen Arbeit+ des Schülers.

Zusammenfassend werden wir sagen dürfen: die aktive Phantasie wird

entwickelt, wenn man den Schüler vor bloßen sprachlichen Mitteilungen

bewahrt und bloße sprachliche Leistungen richtig bewertet, wenn man

den Unterricht auf der ersten Stufe zu einem ausschließlich realen

gestaltet, bei dem Wort und Begriff sich decken, und wenn man der

freien Betätigung des Schülers in Spiel und Arbeit einen solchen Raum

gewährt und ihr eine solche Richtung gibt, daß er durch Selbstprobieren

und Selbstüberzeugen einen Einblick gewinnt in das Wesen der Dinge und

in den logischen Zusammenhang der Erscheinungen.

+Heller+, Das Prinzip der Wechselwirkung in der Blindenschule.

Kongr.-Ber. Amsterdam 1885.

+Schröder+, Die Methode der ab- und aufsteigenden Linie. Bldfrd.

1889 S. 100.

Erziehung und Unterricht der Blinden · 第 25 / 37 题