2. Die Anschauung als Fundament des Blindenunterrichts.

Die Fähigkeit des Wahrnehmens durch Tasten und Hören ist bei dem

Blinden vorhanden; mit dieser Grundlage ist, sofern der Blinde geistig

normal ist, die Möglichkeit gegeben, die +Wahrnehmungen zu Anschauungen

zu erheben+[27].

Es dürfte kein Zweifel darüber sein, daß der Blindenunterricht sich wie

der Unterricht der Sehenden unbedingt auf die Anschauung zu gründen

hat. Nicht durch Wort und Buch soll der Blinde die Welt kennen lernen,

sondern durch Betrachtung der Dinge selbst; eine gründliche Bildung

erlangt er nicht durch überredende Mitteilungen, sondern allein durch

sachliche Erfahrungen. Wir können darum +Hitschmann+ nicht zustimmen,

wenn er meint: „Auf die Anschaulichkeit der durch den Unterricht

vermittelten Vorstellungen braucht man nur geringes Gewicht zu

legen.“[28].

Hitschmann (ein Blinder) behauptet, „daß der Blinde nur äußerst selten

in Bildern denkt, auch in solchen nicht, welche ihm die Erfahrungen des

Tastsinnes an die Hand geben könnten, sondern daß er sich fast immer

eigenartiger Surrogatvorstellungen bedient, die so unanschaulich sind,

daß sie in dieser Hinsicht an die abstrahierten Begriffe des Sehenden

erinnern.“ Er ist auch der Meinung, daß sich diese Surrogate den

Anforderungen des praktischen Lebens gegenüber als vollkommen brauchbar

und ausreichend erweisen; der Blindenlehrer sei daher berechtigt, sie

unbedenklich zur Grundlage seines Unterrichtes zu machen.

Ob der Blinde tatsächlich fast immer mit unanschaulichen

Surrogatvorstellungen operiert, muß bezweifelt werden; wo es geschieht,

da hat es der Unterricht wahrscheinlich an der erforderlichen konkreten

Gestaltung fehlen lassen; er hat sich vielleicht hauptsächlich auf

sprachliche Mitteilungen und Gehörseindrücke gegründet. In diesem Falle

bleibt dem Blinden allerdings nichts anderes übrig, als mit Hilfe

der Phantasie sich Ersatzvorstellungen zu bilden. Es fragt sich dann

aber, ob diese Ersatzvorstellungen bei allen Blinden übereinstimmen

oder ob es nicht so ist, daß jeder sich für ein und dasselbe Objekt

ein +besonderes+ Surrogat schafft. Sicher ist das letztere der Fall.

Damit wird aber die geistige Gemeinschaft der Blinden untereinander

und die der Blinden mit den Sehenden aufgelöst: alle brauchen dieselbe

sprachliche Bezeichnung für eine Sache, von der sich jeder ein anderes

Bild macht; dort sind es wunderliche Phantasiebilder, die wenig oder

nichts mit der Wirklichkeit gemein haben, hier sind es konkrete

Vorstellungen, an denen nichts zu drehen und zu deuteln ist. Es mag

sein, daß ein Denken in unanschaulichen Phantasiebildern den Blinden

+für seine Person+ befriedigt; er ist aber ein Glied der menschlichen

Gesellschaft und auf das Leben inmitten derselben angewiesen. Sein

Streben wird auch, sofern es nicht krankhaft ist, stets dahin gehen,

immer inniger in diese Gemeinschaft hineinzuwachsen. Das ist aber nur

dann denkbar, wenn seine Anschauungen und Vorstellungen sich denen der

anderen Menschen möglichst nähern[29].

Wir sagen also: Je anschaulicher, je konkreter der Blindenunterricht

ist, desto größer ist sein Wert. Es wird darum notwendig sein,

festzustellen, unter welchen Bedingungen die Wahrnehmungen des Blinden

sich zu Anschauungen erheben können. Es ist dabei unvermeidlich, auf

früher Gesagtes zurückzukommen.

+Der Unterricht muß sich, soweit er die Gewinnung realer Kenntnisse zum

Ziele hat, auf den Tastsinn, nicht auf Gehörswahrnehmungen gründen.+

Nach den Ausführungen, die in den voraufgehenden Abschnitten über

das Tasten und Hören gemacht wurden, ist eine Begründung dieser

Forderung nicht notwendig. Tatsächlich ist aber ihre Erfüllung

nicht immer leicht, zumal dann nicht, wenn während des Unterrichts

eine nicht vorausgesehene Veranschaulichung durch Tasten notwendig

wird. Vielleicht ist ein passendes Anschauungsobjekt in der

Lehrmittelsammlung nicht vorhanden, oder sein Herbeischaffen ist

umständlich, vielleicht fürchtet man eine unliebsame Unterbrechung

des Unterrichts durch Umherreichen des Objekts, vielleicht hält man

die Sache für so einfach, daß man sie mit einem erklärenden Worte

glaubt abtun zu können, vielleicht beruhigt man sich mit dem Vorsatz,

die Veranschaulichung nachträglich eintreten zu lassen. So greift

man zu sprachlichen Mitteilungen, die scheinbar auch mit Verständnis

aufgenommen werden, und schnell kommt man über die unangenehme

Situation hinweg. Wie oft wird der Blindenlehrer in eine ähnliche Lage

geführt! Wie beneidenswert ist in einem solchen Falle der Lehrer der

Sehenden, der durch eine schnell herbeigeschaffte Abbildung oder durch

ein paar Kreidestriche die konkrete Unterlage zu geben vermag.

Nur ein zartes pädagogisches Gewissen und ein unbeugsamer

Wirklichkeitssinn können den Blindenlehrer davor bewahren, das

umständliche, aber einzig wirksame Tasten hintenan zu setzen. Bei der

Vorbereitung auf eine Lektion wird er alle Möglichkeiten, die während

des Unterrichts eintreten könnten, erwägen und dementsprechend die

Lehrmittel auswählen. Versagt aber einmal seine Voraussicht, so mag

er den Unterricht lieber für kurze Zeit unterbrechen, um konkretes

Material herbeizuschaffen. Allerdings muß dann verlangt werden,

daß die Lehrmittelsammlung so gelegen und so eingerichtet ist, daß

ihm dies ohne großen Zeitverlust möglich ist. Übrigens wird es sich

empfehlen, einige vielseitig verwendbare plastische Materialien:

Wachs, Stäbe, Nägel, Draht, Schnüre, Bleistreifen usw., immer in

nächster Nähe zu haben, um sie analog der Kreide verwenden zu können.

Für unvorhergesehene sofortige Veranschaulichung leistet auch der

neuerdings eingeführte Sandkasten vortreffliche Dienste. Wie dem

immer sei: das Tasten ist das A und O im Blindenunterricht; ein

Blindenlehrer, der mit der Formel operiert: „+denkt euch...+“ verdient

nicht den Namen eines solchen.

+Der Unterricht darf nur wenige Wahrnehmungen gleichzeitig bieten.+

Das ist besonders für den Unterricht auf der Anfangsstufe zu beachten.

Man bedenke, wie ungeübt und wenig leistungsfähig der Tastsinn des

sechs- bis achtjährigen Kindes noch ist, wie namentlich Muskeln und

Gelenke die Tastbewegungen nur ganz mangelhaft auszuführen imstande

sind. Es empfiehlt sich daher, zunächst nur ganz einfache Objekte

dem Kinde darzubieten und dabei die Aufmerksamkeit nur auf +ein

Merkmal+ hinzulenken. So wird man z. B. bei den im Anfangsunterricht

vorzunehmenden „Sortierübungen“ zuerst nur +große und kleine+ Kugeln,

etwa Erbsen und Marmeln, unterscheiden lassen, das folgende Mal

vielleicht kleine und große +Bohnen+. Das in beiden Fällen vom Kinde

einzig zu beachtende Merkmal ist die +Größe+ des Objekts. Bei einer

späteren Übung wird die Aufmerksamkeit auf die Abweichung in der

+Form+ der Erbse und Bohne gelenkt: „Lege die kugelrunden Erbsen in

diese, die länglichrunden Bohnen in jene Schale.“ Sodann bringt man

vielleicht den Unterschied im +Stoff+ zur Geltung: Holz-, Glas-,

Korkkugeln usw. So sind es immer nur wenige Merkmale, deren Ergründung

durch den Tastsinn gefordert wird. -- Oder wir denken an den ersten

geographischen Unterricht. Die Pläne und Karten, die man von dem Kinde

darstellen läßt oder die ihm vorgelegt werden, können nicht einfach

genug sein: einige Bausteine zur Bezeichnung der Anstaltsgebäude, ein

paar Wachsfäden zur Darstellung der Hauptwege -- das ist genug. Nur

nicht jeden Baum, jeden Rasenplatz und jede Bank darstellen wollen,

sonst entsteht Verwirrung. Auch auf den höheren Stufen sind Karten

bedenklich, die nach der Art der für Sehende bestimmten möglichst

viel Stoff enthalten: zahlreiche Städte, ein genaues Flußnetz, feine

Terrainabstufungen, Eisenbahnlinien, Kanäle, politische Grenzen, das

Gradnetz und vielleicht noch Namenandeutungen in Punktschrift. Das ist

zuviel, weil es über die Leistungsfähigkeit des Tastsinnes hinausgeht.

+Dem Schüler muß ausreichende Zeit zur Untersuchung der Objekte gewährt

werden.+

Bei flüchtiger Vorführung des Objekts erreichen wegen der Enge des

Bewußtseins die Vorstellungen nicht die Klarheitsstufe, sondern sie

kommen der Bewußtseinsschwelle nur nahe, oder, um Wundts Ausdruck zu

brauchen: sie treten wohl in das innere Blick+feld+, aber nicht in

den Blick+punkt+ des Bewußtseins. Zum Tasten gehört Zeit. Darum wird

der Flüchtigkeit der Wahrnehmung Vorschub geleistet, wenn man die

Veranschaulichung ausschließlich während des Unterrichts auftreten

läßt. Nehmen wir einen bestimmten Fall an: es soll ein Tier, etwa der

Maulwurf, behandelt werden. Ein präpariertes Exemplar desselben wird

dem ersten Schüler in die Hand gegeben. Das Lehrgespräch kann aber

noch nicht beginnen, weil eben nur +ein+ Schüler in der Lage ist,

Wahrnehmungen zu machen. Man läßt also etwa 10 Minuten verstreichen,

während dieser Zeit wandert das Objekt von Hand zu Hand. Nehmen wir

an, daß die Abteilung 10 Schüler umfaßt, so steht jedem eine Minute

für die Betrachtung zur Verfügung. In einer so kurzen Zeit ist aber

der tastenden Hand eine gründliche Untersuchung unmöglich. Der Schüler

gewinnt nur einen ganz flüchtigen Eindruck des Tieres, etwa von der

walzenförmigen Gestalt des Körpers, dem spitzen Kopf und den kurzen

Beinen. Und auf solche flüchtigen, unzureichenden Wahrnehmungen soll

sich die Behandlung stützen? Wohl kommt das Objekt nach dem ersten

Umlauf wieder zum ersten Schüler zu erneuter Untersuchung zurück,

aber der alte Übelstand bleibt bestehen: Das Tier kann immer wieder

nur eine ganz kurze Zeit dem einzelnen Schüler überlassen werden.

Dieser Nachteil fällt fort, wenn das Objekt +vor+ dem Unterricht

den Schülern mit der Weisung übergeben wird, es gründlich zu

untersuchen. Es geschieht dies am zweckmäßigsten in besondern Stunden,

„Vorbereitungsstunden“, die vom Lehrer wohl kontrolliert werden,

die aber nicht eigentliche Unterrichtsstunden sind; es genügt, daß

eine Wärterin oder eine ältere Schülerin die äußere Ordnung aufrecht

erhält. In diesen Vorbereitungsstunden hat sich jeder Schüler mit den

Objekten, deren Behandlung in Aussicht genommen ist, gründlich und

mehrfach zu beschäftigen. Durch Hinweis des Lehrers auf bestimmte

Teile des Objekts werden diese herausgehoben und vom Schüler besonders

beachtet. Setzt dann der Unterricht ein, so befindet er sich sofort

auf festem Boden; wohl wandert das Objekt auch jetzt noch von Hand zu

Hand, aber nur zum Zweck der Kontrolle und Ergänzung der Wahrnehmungen.

Natürlich stehen die Vorbereitungsstunden im Dienste des +gesamten+

Unterrichts, nicht bloß des naturgeschichtlichen; im Interesse der

Gründlichkeit der Anschauung ist ihre Einrichtung durchaus notwendig.

-- Manchmal bietet sich dem Blindenlehrer Gelegenheit, seinen Schülern

+ganze Kollektionen+ von Gegenständen zum Betasten darzubieten, wie

denn zuweilen die Verwaltungen von Museen und Sammlungen in löblicher

Absicht ihre Schätze den Blinden „zum Kennenlernen“ zur Verfügung

stellen. In solchen Fällen wolle man sich daran erinnern, daß von

einem flüchtigen Antasten der verschiedenen Dinge durchaus kein Gewinn

für die Geistesbildung des Schülers zu erwarten ist; es entsteht

im Gegenteil Schaden für ihn, da er zu der Meinung kommt, er kenne

nun diese Dinge und könne sich ein Urteil über sie erlauben; solche

„Museumsgänge“ würden also der Oberflächlichkeit Vorschub leisten.

+Die Anschauung soll vielseitig sein.+

Das will sagen: der Unterricht soll die verschiedensten

Tastmöglichkeiten herbeiführen und verwerten, und mit diesen

verschiedenen Tastuntersuchungen sollen sich tunlichst Eindrücke aus

den Gebieten des Gehörs, des Geruchs und Geschmacks verbinden. Ein

Beispiel möge diese Forderung erläutern.

In der naturgeschichtlichen Unterrichtsstunde wird die Sonnenrose

behandelt; die Vorführung geschieht im Schulgarten an lebenden

Exemplaren. Dabei werden, um eine allseitige Anschauung der

Pflanze zu gewinnen, etwa folgende Anschauungsübungen vorzunehmen

sein: Feststellung, daß die Blüten von Insekten umschwärmt werden

(Gehörseindrücke). Messen der Höhe der Pflanze am eigenen Körper

(Bewegungsempfindungen der Arme). Prüfung der Dicke des Stengels

(umschließende Spannungsbewegung der Hand) und der Rauhigkeit der

Blätter (Druckempfindungen der Handfläche). Blatt an die Wange

halten (genauerer Eindruck der Rauhigkeit infolge der größeren

Druckempfindlichkeit der Wangenhaut; gleichzeitig tritt der

Temperatursinn in Tätigkeit). Beurteilung der Blattgröße durch

Vergleich mit der Handfläche (Spannungsempfindungen der gespreizten

Hand). Zerschneiden des Stengels, Untersuchung des Markes mit den

Fingern hinsichtlich der Elastizität und Schwere (Druckempfindungen

der gegenübergestellten Finger und Gewichtsempfindungen der

Hand). Untersuchungen des Markes durch die Zähne, Kaubewegungen

(charakteristische Druckreize). Beurteilung des Blütenkorbes nach Größe

und Zusammensetzung (Spannungsempfindungen beider Hände, zupfende

Druckbewegungen der gegenübergestellten Finger). Auffassung des Duftes

der Blüten (Geruchsempfindungen). Prüfung der Zungen- und Röhrenblüten

in bezug auf Form und innere Beschaffenheit (Tastbewegungen der

Finger, der Zunge und Lippen, Temperaturempfindungen der Lippen

und Wange). Beurteilung der Früchte nach Größe, Form und Geschmack

(Bewegungsempfindungen der Finger, Geschmacksempfindungen).

So entstehen bei der Auffassung der Pflanze Teilvorstellungen,

die den verschiedensten Sinnesgebieten angehören. Die Verbindung

dieser Teilvorstellungen ergibt eine sogenannte Komplikation, die zu

den simultanen Assoziationen gehört. Wie früher angedeutet wurde,

vermittelt das Assoziationssystem der Großhirnrinde (die Gesamtheit der

Assoziationsfasern) den psychischen Prozeß der Vorstellungsverbindung.

Sucht der Unterricht also Komplikationen herbeizuführen, so gestaltet

sich, weil eben die Glieder der Komplikation sich assoziieren, die

Anschauung kräftig und fest. Treten dann später einige Glieder

der Komplikation wieder als Erinnerungsbilder ins Bewußtsein,

so wecken sie infolge der früheren festen Verbindung auch die

andern Partialvorstellungen, und alle zusammen ergeben dann die

Gesamtvorstellung in ihrer ursprünglichen Klarheit[30].

+Die Anschauung soll sich bei aller Gründlichkeit doch vorwiegend auf

das Wesentliche erstrecken.+

Es ist zu bedenken, daß der Tastsinn in der Schnelligkeit der

Auffassung hinter dem Auge wesentlich zurücksteht; der Unterricht

kann darum nur langsam fortschreiten; für das Eingehen auf unwichtige

Einzelheiten, für die Verfolgung von Nebenwegen bleibt keine Zeit.

Es muß auch noch einmal an die Enge des Bewußtseins erinnert werden.

Wenn auf die tastende Hand und das aufmerkende Ohr eine größere

Menge von Sinnesreizen und Vorstellungen einstürmt, so können sich

nur +einige+ zur Klarheit durchringen; viele von ihnen, und zwar

manchmal die bedeutungsvollsten, kommen nur bis zu der äußersten

Grenze des inneren Blickfeldes. Der Unterricht kann sich daher auf

die Veranschaulichung von komplizierten Objekten, auf die Betrachtung

von Lehrmitteln mit verwirrenden Feinheiten nicht einlassen. Der

Blindenlehrer muß deshalb in höherem Maße als der Lehrer der

Sehenden zu generalisieren verstehen, er muß das +Typische+ eines

Objekts oder eines Vorganges herauszuheben wissen. Namentlich im

Anschauungsunterricht und in der Arbeitskunde (Physik) wird er hierzu

gezwungen sein. Soll z. B. der Bau des Hauses veranschaulicht werden,

so wird er nicht auf die verschiedenen Stein- und Holzverbindungen der

Maurer und Zimmerer eingehen dürfen, nicht auf die technisch korrekte

Konstruktion des Daches, des Fußbodens usw. Bei der Besprechung des

Glockengusses wird er die Idee des Vorganges zunächst ganz einfach an

zwei übereinander gestellten Blumentöpfen im Sandkasten darstellen, bei

Behandlung der Dampfmaschine sich nicht auf eine Veranschaulichung der

komplizierten Schiebersteuerung einlassen. Selbstverständlich ist es

möglich, solche Dinge auch den Blinden zu erklären, aber es geschieht

auf Kosten anderer, für ihn bedeutungsvolleren Erkenntnisse. Aus diesem

Grunde ist es auch verkehrt, die Lehrmittel für den Blindenunterricht

nach den Abbildungen und Mustern für Sehende herzustellen; sie müssen

in den meisten Fällen wesentlich einfacher sein und nur das enthalten,

was gerade nötig ist, um das +Prinzip+ zu erkennen, nach denen sie

wirken.

+Der Unterricht soll in der Verwertung von Wahrnehmungen, welche die

Schüler im elterlichen Hause gemacht haben, vorsichtig sein.+

Die blinden Schüler sind mit der Behauptung, sie hätten diesen oder

jenen Gegenstand zu Hause kennen gelernt, diesen oder jenen Vorgang

beobachtet, schnell bei der Hand. Sieht man genauer zu, so merkt man,

daß die angeblichen Wahrnehmungen sich entweder zu einem „+gehört+

haben“ verflüchtigen oder daß die Wahrnehmungen sehr dürftig und

lückenhaft waren. Bedenkt man dazu, daß derartige Beobachtungen immer

nur von +einzelnen+ Schülern gemacht worden sind, so wird man einsehen,

daß ihnen eine wesentliche Bedeutung für den +Gesamtunterricht+ nicht

zukommt. In keinem Falle können sie die tatsächliche Anschauung im

Unterricht ersetzen. Gewiß hat der bekannte pädagogische Grundsatz:

„der Unterricht soll an die Erfahrungen des Kindes anknüpfen,“ auch

für den Blindenunterricht Geltung, und der geschickte Lehrer wird die

vorhandenen Anschauungen der Schüler im Unterricht berücksichtigen

und verwerten. Trotzdem wird man gut tun, beim Eintritt der Schüler

in die Anstalt auch selbstverständlich erscheinende Wahrnehmungen und

Erfahrungen nicht vorauszusetzen. Um so notwendiger ist die Beachtung

der folgenden Forderung:

+Dem blinden Schüler muß in weitgehendem Maße Gelegenheit gegeben

werden, auch außerhalb des Unterrichts Anschauungen und sachliche

Erfahrungen zu gewinnen.+

Die Erfahrung bereitet dem Unterricht den Boden; ohne diese Zubereitung

kann er keine Wurzeln schlagen und Kraft gewinnen. Das Erfahrungswissen

ist in viel höherem Maße persönliches Eigentum des Schülers, es ist

mit seinem Ich viel inniger verknüpft, als die durch den Unterricht

erworbenen Kenntnisse. Mit der Gelegenheit Erfahrungen zu sammeln,

wird ferner die in der Blindheit liegende Neigung zu verbaler Bildung

bekämpft. Endlich muß hervorgehoben werden, daß durch Erwerbung von

Erfahrungswissen sich die geistige Entwickelung des blinden Kindes

+natürlich+ gestaltet, sie nähert sich der des sehenden Kindes, das

unausgesetzt seinen Geist und Körper nach der Regel betätigt: Probieren

geht über Studieren. Deshalb ist bei weitem nicht alles vom +direkten

Unterricht+ zu erwarten. Darum ist auch nicht +die+ Blindenanstalt die

beste, deren Schüler sich immer schön abgemessen auf den Korridoren

des Hauses und in den Gängen des Gartens bewegen, die in Reihe und

Glied spazieren geführt und in den Freistunden ängstlich beaufsichtigt

werden. Wenn irgendwo, so muß in der Blindenanstalt das Wort des

Comenius in seiner Mutterschule beherzigt werden: „Laßt die Kinder

Ameislein werden, welche immer herumkriechen, tragen, schleppen,

einlegen, umlegen.“ Auf unsere Verhältnisse übertragen, heißt das: Laßt

die blinden Kinder, besonders die jüngeren, im Freien graben, bauen,

fahren, karren; gebt ihnen Gelegenheit, an einem größeren Wassergefäß

oder einem kleinen flachen Teich Studien über das Verhalten der Körper

zum Wasser zu machen, laßt sie Hühner, Tauben, Kaninchen pflegen, gebt

ihnen Brettchen, Nägel, Bohrer, Hammer, Zange und andere Werkzeuge in

die Hand und stärkt den Robinsontrieb, der auch in dem blinden Kinde

vorhanden ist. Dann wächst sich die Bildung des Blinden nicht zu einer

bloßen Schulbildung aus, sondern sie erhält von vornherein die Richtung

auf die Wirklichkeit, auf das praktische Leben.

+Neben die =betrachtende= Anschauung muß die Anschauung durch

=Betätigung= treten.+

In dem Kapitel über das Tasten wurde auf die hohe Bedeutung der

Bewegungsempfindungen für die Vorstellungsbildung hingewiesen: wir

wissen, daß sie bei der Gewinnung von Raumanschauungen eine wichtige

Rolle spielen. Der Unterricht darf sich daher nicht mit einem bloßen

Betasten der Objekte begnügen; es wird mit diesem, ebenso wie mit

dem bloßen Ansehen, wenig erreicht. +Das Kind soll an und mit den

Gegenständen etwas erleben, es soll in Beziehung zu ihnen treten.+

Es ist dies für die Klarheit der Anschauung von höchster Bedeutung.

Indem das Kind sich an einem Gegenstand betätigt, lernt es nicht

bloß neue Seiten desselben kennen, sondern es wird in einer ganz

eigenartigen, für das praktische Leben geradezu unentbehrlichen Art

des Untersuchens, des Selbstüberzeugens, des Probierens geübt. So wäre

z. B. bei der Betrachtung des Wagens (sog. vierräderiger Sportwagen)

dieser nicht bloß zu betasten, und nach seinen Teilen und dem Stoffe,

aus dem diese hergestellt sind, zu beschreiben, sondern es wären

auch etwa folgende in Stichworten angedeutete Tätigkeiten von den

blinden Schülern auszuführen: den Wagen auseinander nehmen, die Achsen

schmieren (Schmierseife); die Teile wieder zusammensetzen; den Wagen

mit verschiedenen Stoffen (Steinen, Holz, Heu) beladen, ziehen, und

zwar 1. auf ebenem Wege, 2. bergan und 3. bergab; ein Pferd (größeres

Modellpferd, Schaukelpferd) einspannen. Sodann würden die Schüler

aus Brettchen, Stäbchen, Garnrollen usw. einen Wagen in einfachster

Form aufzubauen versuchen. Schließlich würde die Nachbildung des

Wagens oder einzelner Teile desselben in Wachs auszuführen sein. --

Auch bei Objekten, die scheinbar eine Betätigung des Schülers nicht

zulassen, findet man bei einigem Nachdenken immer noch die Möglichkeit,

verschiedene Übungen an und mit ihnen ausführen zu lassen. In den

ersten Schulwochen wird die Gewinnung von Anschauungen durch Betätigung

einen Hauptteil des Unterrichts ausmachen. Man könnte diese einfachen

Arbeiten „Handgriffe und Elementarübungen“ nennen. Nachstehend seien

einige genannt und zwar zunächst solche, die im Freien, sodann solche,

die im Hause ausgeführt werden können.

Korb, mit einigen Steinen oder Holzstückchen gefüllt, tragen, und zwar

zu zweien, ferner einzeln in der Hand und auf der Schulter (Hilfe des

Lehrers!).

Reisig sammeln, dünnes Reisig zerbrechen. Ein trockenes Ästchen vom

Baume brechen.

Gras, Blätter, Blumen pflücken. Einfaches Sträußchen binden.

Unter dem Regenschirm gehen; die Geschicktesten versuchen den Schirm zu

öffnen und zu schließen.

Ein Säckchen mit Sand füllen. Sack zubinden, auf der Schulter tragen.

Sand ausstreuen.

Übungen an der Pumpe: Tätigkeit des Pumpens, Wasser über die Hände

rieseln lassen, Eimer mit Wasser füllen, Wasser durch eine Holzrinne in

eine Wanne laufen lassen.

Türschlüssel ausziehen, einstecken, Tür zuschließen.

Stühle an eine bestimmte Stelle tragen. Stühle neben- und

hintereinander aufstellen.

Teller ineinanderstellen, auseinandertragen, Teller umdrehen.

Schnur aufwickeln, und zwar um die Hand, um einen runden Stab, um ein

Brettchen.

Geld in eine Sparbüchse legen. Einige Geldstücke kennen lernen.

Etwas in Papier ein- und auswickeln. Papier zusammenballen und

auseinanderzupfen. Papier zur Hälfte zusammenfalten. Tüte mit Steinchen

füllen.

Flasche zu- und aufkorken, auch Korke verwenden, die zu klein oder zu

groß sind, so daß der passende Kork ausgesucht werden muß.

Schwamm ins Wasser tauchen, ausdrücken. Mit dem Schwamm die

Fensterscheiben putzen usw.

Als Anschauung durch Betätigung ist natürlich auch alles Darstellen mit

Bausteinen und den übrigen Lehrmitteln Fröbelscher Art, das Formen und

Zeichnen und der sog. Handfertigkeitsunterricht anzusehen. Es erübrigt

sich, auf diese Disziplinen näher einzugehen, da von ihnen bereits

gesprochen wurde. Nur eine Bemerkung soll hier noch gemacht werden.

Nicht selten fällt die Nachbildung eines Gegenstandes durch den

Schüler so unvollkommen aus, daß man meinen könnte, ihr Wert für die

Vorstellungsbildung sei sehr gering. Diese Meinung ist unzutreffend.

Der geistige Prozeß, der sich bei der Darstellung vollzieht, ist

der gleiche, ob das manuelle Produkt mehr oder weniger vollkommen

wird. Häufig hat die Unvollkommenheit ihren Grund nur in einer

geringen technischen Begabung des Schülers, die sich nach und nach

hebt. Jedenfalls muß es Grundsatz bleiben: lieber eine unvollkommene

Darstellung als gar keine.

+Der Anschauung muß die sprachliche Darstellung folgen.+

Was der Schüler angeschaut, erlebt und nachgebildet hat, soll er

mündlich darstellen. Die mündliche Darstellung bildet den Abschluß

des Anschauungsprozesses; nur was der Schüler sprachlich wiedergeben

kann, ist Eigentum seines Geistes geworden. Zu verwerfen ist aber

trockene und schablonenmäßige Beschreibung. Besonders bildend und der

Form nach einfach ist die mündliche Darstellung dann, wenn man sie in

das genetische Gewand kleidet. Die Aufgabe wird also nicht, um ein

Beispiel zu wählen, lauten: Beschreibe den Tisch! -- Dann erscheint

das unvermeidliche „besteht aus“ mit seiner trockenen Aufzählung der

Teile -- sondern: Wie macht der Schreiner den Tisch? Oder: Wie baust

du den Tisch? Überhaupt ist die Beschreibung von Tätigkeiten, die das

Kind ausführt oder ausgeführt hat, sehr wichtig, nicht bloß, weil

sie das Kind an Genauigkeit in der mündlichen Darstellung gewöhnt,

sondern auch, weil sie eine Kontrolle dafür ist, ob die Tätigkeit mit

Überlegung ausgeführt worden ist.

+Die gewonnenen Anschauungen müssen öfters erneuert werden.+

Dem sehenden Schüler begegnen die Dinge, die er kennen gelernt hat,

immer wieder; bei jedem Gange durch die Straßen, durch Wald und

Flur, beim Durchblättern eines Buches mit Abbildungen, im häuslichen

und im Schulleben machen sich ihm die gewonnenen Anschauungen von

neuem bemerkbar. Dadurch wird die Anschauung vertieft, ergänzt und

zu einem unverlierbaren Besitz gemacht. Dem Blinden entschwinden die

betrachteten Objekte gewöhnlich für einen langen Zeitraum oder gar für

immer. Wir denken z. B. daran, daß der Schüler im Physikunterricht

die Rolle und ihre Anwendung kennen gelernt hat. Hat er jemals

Gelegenheit, beim Bau eines Hauses die Rolle und den Flaschenzug zu

betasten und damit die frühere Anschauung zu erneuern? Oder wird ihm

der im naturgeschichtlichen Unterricht vorgeführte Hase jemals wieder

begegnen? So ist es vielfach: +es fehlt die Wiederholung der gewonnenen

Anschauungen durch das Leben+. Die Folge ist, daß die Anschauung

verblaßt und schließlich zu einem bloßen Wortklang herabsinkt.

Dieser Möglichkeit kann dadurch begegnet werden, daß dem Schüler die

besprochenen Objekte von Zeit zu Zeit zur Wiederholung vorgeführt

werden. Es bedarf dabei keiner neuen „Behandlung“; meist wird es

genügen, dem Schüler das Objekt eben darzubieten und durch einige

wiederholende und erweiternde Fragen und Aufgaben die früher gewonnene

Anschauung aufzufrischen und zu ergänzen. Als Wiederholungsmittel

kann auch das Formen benutzt werden; dabei stellt es sich heraus, ob

die Anschauung noch in völliger Klarheit vorhanden ist oder nicht. Am

wenigsten zu empfehlen ist eine bloße Wiederholung durch Wort und Buch.

+Heller+, Die Blindenbildung in ihrer Beziehung zum Leben.

Kongr.-Ber. Frankfurt a. M. 1882.

+Wulff+, Vorbedingungen für eine fruchtbringende Blindenbildung.

Kongr.-Ber. Amsterdam 1885.

+Merle+, Der Anschauungsunterricht, die Grundlage alles

Blindenunterrichts. Bldfrd. 1889 S. 38.

+Zech+, Vorschläge für die praktische Gestaltung des

Anschauungsunterrichts in der Blindenschule. Kongr.-Ber. Halle a.

S. 1904.

+Zech+, Forderungen der neueren Pädagogik mit Bezug auf den

Blindenunterricht. Kongr.-Ber. Hamburg 1907.

Erziehung und Unterricht der Blinden · 第 24 / 37 题