4. Das Gedächtnis.

Die Anforderungen, die Schule und Leben an das Gedächtnis des Blinden

stellen, sind wesentlich höher als bei dem Sehenden. Dem Sehenden

wird das Festhalten und die Reproduktion der Vorstellungen, seien

es nun sachliche oder sprachliche, besonders durch zwei Umstände

erleichtert: Die meisten Dinge und Erscheinungen, die er kennen lernt,

+begegnen ihm wiederholt+, manche unendlich oft, so daß ihr Wesen und

ihr Verhältnis zueinander sich dem Geiste mühelos einprägen; sodann

findet er eine überaus wirksame Gedächtnishilfe in den verschiedensten

Arten der +graphischen Darstellung+, in der Schrift, der Abbildung,

der zeichnerischen Skizze, der Karte, dem graphischen Symbol. Wie

sehr steht hier der Blinde dem Sehenden nach! Der blinde Schüler

hat im Unterricht einen Pflug kennen gelernt, ein kleines Modell,

mit dem er einige dürftige Furchen im Sande zieht. Später aber wird

er mit einem Pfluge wahrscheinlich nie mehr in Berührung kommen; im

naturgeschichtlichen Unterricht wird der Fuchs betrachtet; mit dem

Schluß der Stunde sagt er ihm Lebewohl auf Nimmerwiedersehn; ein

geographischer Name ist ihm entfallen, aber seine Reliefkarte ist

stumm; er möchte ein Musikstück, das ihm gefallen hat, spielen, aber

die Noten, die sein sehender Freund mit fliegendem Blick in die Praxis

überträgt, existieren für ihn nicht. Was er sein eigen nennen soll,

muß er im Gedächtnis haben, und muß es so festhalten, daß es auch in

späteren Zeiten ihm zur Verfügung steht. Wohl fehlt es auch dem Blinden

nicht ganz an Gedächtnishilfen: Bücher zum Nachlesen und Nachschlagen

besitzt er ebenfalls; auch er kann sich in seiner tastbaren Schrift

Notizen machen; zur Darstellung von Skizzen und einfachen geometrischen

Zeichnungen besitzt er geeignete Apparate -- aber wie überaus dürftig

ist das alles gegen den Reichtum, über den der Sehende verfügt.

Die hervorragende Bedeutung, die das Gedächtnis für den Blinden hat,

macht es notwendig, daß dem Merken und Einprägen des Unterrichtsstoffes

besondere Sorgfalt gewidmet wird. In erster Linie ist zu fordern, daß

man dem Gedächtnis nicht zu viel zumutet, daß man es also nicht zum

Festhalten von unwichtigen, für die Bildung des Blinden bedeutungslosen

Stoffen zwingt. Was ohne Schaden vergessen werden kann, soll überhaupt

nicht erst gelehrt und behandelt werden. Hält man an diesem Grundsatz

fest, so wird in den bestehenden Lehrplänen der Blindenanstalten noch

vieles gestrichen werden müssen; auf den geographischen Reliefkarten

wird noch mancher Punkt, manche Flußlinie, manche Gebirgserhöhung

verschwinden; im Sprachunterricht wird manche tote Regel, manche

Definition, manche Übungsreihe als des Behaltens nicht wert fallen

gelassen werden. Dann wird im Unterricht auch genügende Zeit zur

gründlichen Behandlung des wirklich Wichtigen und Notwendigen

verbleiben. Denn daran muß man festhalten: was gelehrt wird, ist

dem Gedächtnis so fest einzuprägen, daß die Erinnerungsbilder nicht

sobald wieder verblassen und verlöschen. Dazu trägt in erster Linie

die +konkrete Gestaltung des Unterrichtes bei+. Was +sinnlich+ erfaßt

wird, prägt sich ein, was als bloßer +Wortklang+ das Ohr berührt,

entschwindet dem Gedächtnis bald. Die Einprägung soll ferner, soweit

dies durchführbar ist, +verstandesmäßig+ erfolgen. So wird man z. B.

einen Abschnitt aus einem Musikstück nicht so lange vorspielen, bis der

Schüler ihn mechanisch aufgefaßt hat und ihn wiedergeben kann, sondern

man wird vom Schüler die Gliederung herausfinden, die Melodieführung

erkennen, den Fingersatz feststellen lassen. Bei den geographischen

Namen wird man möglichst ihren sinnlichen Hintergrund erkennen lassen;

dasselbe wird man bei der Sprache überhaupt tun; bei dem Blinden ist

die Aufdeckung ihres konkreten Gehaltes um so notwendiger, als er

sie zum Teil mechanisch braucht, da er sie nicht der eigenen Welt,

sondern der des Sehenden entlehnt. Im gesamten Unterricht wird ferner

alles rein Schönrednerische, alles Phrasenhafte zu verbann sein. Mag

in der Schule der Sehenden manches Unklare, gefühlsmäßig Erfaßte

in der mündlichen und schriftlichen Darstellung durchgehen, in der

Blindenschule muß daran festgehalten werden, daß nur das, was wirklich

erkannt und das, was tatsächlich erlebt ist, ausgesprochen wird.

Man spricht vom +primären und sekundären Gedächtnis+ und versteht

unter der ersten Bezeichnung +das unmittelbare Behalten+ eines Stoffes

bei nur +einmaliger+ Darbietung, während der zweite Ausdruck das

durch +wiederholte+ Darbietung und wiederholte Reproduktion bewirkte

+dauernde Festhalten+ eines Stoffes bezeichnet. Das unmittelbare

(primäre) Gedächtnis tritt bei der Frage, beim Diktat, beim Kopfrechnen

(Behalten der Aufgabe) in Wirksamkeit. Wenn es auch im allgemeinen

richtig ist, daß solche Stoffe tatsächlich nur einmal dargeboten

werden, daß also ein diktierter Satz, eine Rechenaufgabe nicht zwei-

oder dreimal vom Lehrer vorgesprochen wird, so ist doch zu bedenken,

daß bei der rein akustischen Auffassung, wie sie für Blinde in Betracht

kommt (der sehende Schüler verfolgt auch die Mundbewegung und die

Mienen des Lehrers), leicht Irrtümer entstehen können. In vielen Fällen

wird daher eine sofortige Wiederholung des zu schreibenden Satzes,

der zu lösenden Rechenaufgabe durch einen Schüler notwendig sein. Zur

Regel darf eine solche Wiederholung allerdings nicht werden. Kommt

die +dauernde+ Einprägung eines Stoffes in Frage, so ist eine öftere

Reproduktion desselben geboten; sie wird da, wo es sich um Namen,

Regeln und Merksätze handelt, die nur mit dem Ohr aufgefaßt werden,

durch Nachsprechen seitens einzelner Schüler und durch Chorsprechen

ihren Ausdruck finden. Damit das Nachsprechen nicht ein mechanisches

bleibt, empfiehlt es sich, den zu merkenden Namen oder Satz in

verschiedener Verbindung auftreten zu lassen. Wir nehmen z. B. an, die

Schüler haben auf der Karte die Warthe als einen rechten Nebenfluß der

Oder entdeckt. Der Name ist ihnen noch unbekannt. Nachdem der Lehrer

ihn genannt hat, folgen etwa die nachstehenden Übungen, die eine

Einprägung des Namens im Zusammenhange mit den gewonnenen sachlichen

Erfahrungen bezwecken: Wiederhole den Namen. Du auch. Sprecht im Chor.

Der Name wird mit th geschrieben. Buchstabiere ihn also (mehrere

Schüler). Sprich aus, daß die Warthe ein Nebenfluß der Oder ist. Gib

an, auf welcher Seite er in die Oder mündet und gebrauche dabei das

Wort Nebenfluß. Setze die Warthe in Beziehung zu der Provinz Posen und

gebrauche dabei die Bezeichnung Hauptfluß. Gib an, welche preußischen

Provinzen die Warthe durchströmt.

Bei der Einprägung von +Gedichten+, die auf der Anfangsstufe

ausschließlich durch Vorsprechen erfolgt, ist zu beachten, daß nach

neueren Versuchen das Memorieren in kleinen Abschnitten unökonomisch

ist; man arbeitet mit dem geringsten Kraftaufwande, wenn man

Memorierstoffe von nicht zu großem Umfange im +ganzen+ zur Einprägung

darbietet, bei Gedichten also nicht einzelne Zeilen, auch nicht zwei

oder drei Zeilen zusammenfassend, sondern eine Strophe im ganzen. Auf

der Mittel- und Oberstufe sollten nur solche Gedichte gelernt werden,

die in den Lesebüchern enthalten sind, damit das Memorieren ohne Hilfe

des Lehrers erfolgen kann. Daß hier wie dort dem Memorieren eine

Betrachtung des Gedichtes voraufgeht, versteht sich von selbst.

Jede Gedächtnisleistung erfordert eine straffe Konzentration der

Geisteskräfte; jede Ablenkung der Aufmerksamkeit beeinträchtigt die

Einprägung. Der Blinde ist akustischen Störungen besonders leicht

ausgesetzt; irgend ein Geräusch, das der Sehende kaum beachtet,

lenkt ihn von der Sache ab. Darum wird man auf eine ruhige Lage der

Klassenzimmer bedacht sein müssen; namentlich darf herüberklingende

Musik die Unterrichtsarbeit nicht stören.

Die wenigen +äußeren Gedächtnishilfen+, die für den Blinden in Betracht

kommen, sollen ihm selbstverständlich nicht vorenthalten werden.

So wird der Lehrer im erdkundlichen Unterricht die neu auftretenden

Namen in Punktschrift niederschreiben und das Blatt als Hilfe für

die häusliche Wiederholung und Einprägung aushängen. Wichtige Regeln

und Merksätze werden von sämtlichen Schülern aufgezeichnet, am

besten in ein besonderes „Merkheft“, das über die Schulzeit hinaus

im Besitz der Zöglinge bleibt. Für die Einprägung von Bibelsprüchen,

Kirchenliedern, biblischen Geschichten und Bibellesestoffen sollen die

Schüler Hilfsbücher in den Händen haben, die aber verständig benutzt

werden müssen. Darüber, ob besondere Hilfsbücher für den grammatischen

und orthographischen Unterricht notwendig sind, gehen die Meinungen

auseinander. Tatsächlich kann man ohne diese Hilfsmittel auskommen;

auch liegt bei ihrem Gebrauch die Gefahr nahe, daß das +lebendige+,

+gesprochene+ Wort, das für den Blinden eine noch höhere Bedeutung

hat als für den Sehenden, durch allerlei Regelwerk und schriftliche

Übungen eine Beeinträchtigung erfährt. Zudem ist es aus den eingangs

erwähnten Gründen nicht ratsam, das Gedächtnis mit grammatischen

Regeln und Übungsstoffen zu belasten. Unbedingt entbehrlich sind

Hilfsbücher für den Unterricht in den Realien. Im Musikunterricht wird

bei fortgeschrittneren Schülern die ausschließliche Auffassung nach dem

Gehör zurücktreten gegenüber dem Unterricht nach Noten. Für erwachsene

Blinde ist die sofortige schriftliche Fixierung mancher Gedanken nicht

selten wichtig und notwendig; durch eine kleine Taschen-Notiztafel für

Punktschrift wird die schriftliche Aufzeichnung an jedem Orte möglich.

Der blinde Geschäftsmann wird ebenfalls ohne Notizen über sein Soll und

Haben nicht auskommen. -- +Künstliche Hilfen+ für die Einprägung von

Namen und die Lage geographischer Objekte haben im Blindenunterricht

nur dann Wert, wenn sie rein akustischer Natur sind und sich fernhalten

von mnemotechnischen Künsteleien (z. B. Wasserstraßen und Inseln des

Stettiner Haffs: P=e=ene-W=e=sten; Sw=i=ne-M=i=tte; Diven=o=w-=O=sten;

Us=e=dom-W=e=sten; W=o=llin-=O=sten). Für die Einprägung von

Braille-Buchstaben und Schriftkürzungen kann als Merkhilfe öfters die

Umkehrung und Stellung eines Buchstabens usw. vorteilhaft gebraucht

werden, z. B. äu = umgekehrtes au; ein = umgekehrtes n; ver = c

unten. Die Tasten der Schreibmaschine merkt der Blinde leicht, wenn

er die Buchstaben einer Reihe zu Worten zusammenfügt, event. unter

Einschiebung von Vokalen, oder wenn er mit den Buchstaben der Tasten

Wörter bildet und sie zu einem sinnvollen Satze vereinigt. (Die obere

Tastenreihe der Blickensderfer Schreibmaschine enthält z. B. die

Buchstaben P F L O H; Merksatz: =P=eter =f=indet =l=eicht =o=ffene

=H=erzen).

Das dauernde Festhalten der erworbenen Vorstellungen und Kenntnisse

wird durch +öftere Wiederholung+ am besten gesichert. Die Wiederholung

kann sehr verschieden geschehen. Überaus wichtig ist die erneute

sinnliche Vorführung früher betrachteter Objekte; sie kann durch

keine sprachliche Wiederholung ersetzt werden. Besonders intensiv

gestaltet sie sich, wenn sie mit Aufgaben zur Darstellung des Objekts

Hand in Hand geht. Sind z. B. im naturgeschichtlichen Unterricht die

wichtigsten Arten der Fische behandelt worden, so kann mit einer

wiederholenden Vorführung der präparierten Exemplare ein Formen

derselben verbunden werden. Oder die Schüler zeichnen von sämtlichen

Fischen den Körperumriß, oder sie bringen an dem Modell eines

Fischkörpers die Stellung der Flossen bei den verschiedenen Arten zur

Darstellung. Die höchste Leistung ist das Formen aus dem Gedächtnis,

ohne erneutes Betasten des Objekts. Besonders notwendig ist die öftere

Wiederholung im +geographischen Unterricht+; wird das Kartenbild im

Geiste des Schülers nicht immer wieder erneuert, so verblaßt es sehr

bald, und mit ihm gehen die geographischen Kenntnisse verloren. Die

Wiederholung wird sich also neben einer Auffrischung des erdkundlichen

Sachinhalts insbesondere auch auf die Wiederbelebung des Kartenbildes

erstrecken müssen. Dies kann zunächst durch mehrfaches Aufsuchen der

gemerkten Flüsse, Gebirge, Städte usw. geschehen, dann aber auch durch

Zeichnen von Umrissen der Länder, von Fluß- und Gebirgsskizzen und

durch schematische Darstellungen: Hauptsache ist hier wie bei allen

Wiederholungen die Vermeidung einer abstumpfenden Gleichförmigkeit.

+Zech+, Befestigung und Wiederholung der realistischen Stoffe.

(Teil III der Abhandlung „Aus der Praxis des Blindenunterrichts“.)

Bldfrd. 1899 S. 209.

Derselbe. Brauchen wir ein Reallesebuch? Bldfrd. 1900 S. 206.

Erziehung und Unterricht der Blinden · 第 26 / 37 题