Die Anforderungen, die Schule und Leben an das Gedächtnis des Blinden
stellen, sind wesentlich höher als bei dem Sehenden. Dem Sehenden
wird das Festhalten und die Reproduktion der Vorstellungen, seien
es nun sachliche oder sprachliche, besonders durch zwei Umstände
erleichtert: Die meisten Dinge und Erscheinungen, die er kennen lernt,
+begegnen ihm wiederholt+, manche unendlich oft, so daß ihr Wesen und
ihr Verhältnis zueinander sich dem Geiste mühelos einprägen; sodann
findet er eine überaus wirksame Gedächtnishilfe in den verschiedensten
Arten der +graphischen Darstellung+, in der Schrift, der Abbildung,
der zeichnerischen Skizze, der Karte, dem graphischen Symbol. Wie
sehr steht hier der Blinde dem Sehenden nach! Der blinde Schüler
hat im Unterricht einen Pflug kennen gelernt, ein kleines Modell,
mit dem er einige dürftige Furchen im Sande zieht. Später aber wird
er mit einem Pfluge wahrscheinlich nie mehr in Berührung kommen; im
naturgeschichtlichen Unterricht wird der Fuchs betrachtet; mit dem
Schluß der Stunde sagt er ihm Lebewohl auf Nimmerwiedersehn; ein
geographischer Name ist ihm entfallen, aber seine Reliefkarte ist
stumm; er möchte ein Musikstück, das ihm gefallen hat, spielen, aber
die Noten, die sein sehender Freund mit fliegendem Blick in die Praxis
überträgt, existieren für ihn nicht. Was er sein eigen nennen soll,
muß er im Gedächtnis haben, und muß es so festhalten, daß es auch in
späteren Zeiten ihm zur Verfügung steht. Wohl fehlt es auch dem Blinden
nicht ganz an Gedächtnishilfen: Bücher zum Nachlesen und Nachschlagen
besitzt er ebenfalls; auch er kann sich in seiner tastbaren Schrift
Notizen machen; zur Darstellung von Skizzen und einfachen geometrischen
Zeichnungen besitzt er geeignete Apparate -- aber wie überaus dürftig
ist das alles gegen den Reichtum, über den der Sehende verfügt.
Die hervorragende Bedeutung, die das Gedächtnis für den Blinden hat,
macht es notwendig, daß dem Merken und Einprägen des Unterrichtsstoffes
besondere Sorgfalt gewidmet wird. In erster Linie ist zu fordern, daß
man dem Gedächtnis nicht zu viel zumutet, daß man es also nicht zum
Festhalten von unwichtigen, für die Bildung des Blinden bedeutungslosen
Stoffen zwingt. Was ohne Schaden vergessen werden kann, soll überhaupt
nicht erst gelehrt und behandelt werden. Hält man an diesem Grundsatz
fest, so wird in den bestehenden Lehrplänen der Blindenanstalten noch
vieles gestrichen werden müssen; auf den geographischen Reliefkarten
wird noch mancher Punkt, manche Flußlinie, manche Gebirgserhöhung
verschwinden; im Sprachunterricht wird manche tote Regel, manche
Definition, manche Übungsreihe als des Behaltens nicht wert fallen
gelassen werden. Dann wird im Unterricht auch genügende Zeit zur
gründlichen Behandlung des wirklich Wichtigen und Notwendigen
verbleiben. Denn daran muß man festhalten: was gelehrt wird, ist
dem Gedächtnis so fest einzuprägen, daß die Erinnerungsbilder nicht
sobald wieder verblassen und verlöschen. Dazu trägt in erster Linie
die +konkrete Gestaltung des Unterrichtes bei+. Was +sinnlich+ erfaßt
wird, prägt sich ein, was als bloßer +Wortklang+ das Ohr berührt,
entschwindet dem Gedächtnis bald. Die Einprägung soll ferner, soweit
dies durchführbar ist, +verstandesmäßig+ erfolgen. So wird man z. B.
einen Abschnitt aus einem Musikstück nicht so lange vorspielen, bis der
Schüler ihn mechanisch aufgefaßt hat und ihn wiedergeben kann, sondern
man wird vom Schüler die Gliederung herausfinden, die Melodieführung
erkennen, den Fingersatz feststellen lassen. Bei den geographischen
Namen wird man möglichst ihren sinnlichen Hintergrund erkennen lassen;
dasselbe wird man bei der Sprache überhaupt tun; bei dem Blinden ist
die Aufdeckung ihres konkreten Gehaltes um so notwendiger, als er
sie zum Teil mechanisch braucht, da er sie nicht der eigenen Welt,
sondern der des Sehenden entlehnt. Im gesamten Unterricht wird ferner
alles rein Schönrednerische, alles Phrasenhafte zu verbann sein. Mag
in der Schule der Sehenden manches Unklare, gefühlsmäßig Erfaßte
in der mündlichen und schriftlichen Darstellung durchgehen, in der
Blindenschule muß daran festgehalten werden, daß nur das, was wirklich
erkannt und das, was tatsächlich erlebt ist, ausgesprochen wird.
Man spricht vom +primären und sekundären Gedächtnis+ und versteht
unter der ersten Bezeichnung +das unmittelbare Behalten+ eines Stoffes
bei nur +einmaliger+ Darbietung, während der zweite Ausdruck das
durch +wiederholte+ Darbietung und wiederholte Reproduktion bewirkte
+dauernde Festhalten+ eines Stoffes bezeichnet. Das unmittelbare
(primäre) Gedächtnis tritt bei der Frage, beim Diktat, beim Kopfrechnen
(Behalten der Aufgabe) in Wirksamkeit. Wenn es auch im allgemeinen
richtig ist, daß solche Stoffe tatsächlich nur einmal dargeboten
werden, daß also ein diktierter Satz, eine Rechenaufgabe nicht zwei-
oder dreimal vom Lehrer vorgesprochen wird, so ist doch zu bedenken,
daß bei der rein akustischen Auffassung, wie sie für Blinde in Betracht
kommt (der sehende Schüler verfolgt auch die Mundbewegung und die
Mienen des Lehrers), leicht Irrtümer entstehen können. In vielen Fällen
wird daher eine sofortige Wiederholung des zu schreibenden Satzes,
der zu lösenden Rechenaufgabe durch einen Schüler notwendig sein. Zur
Regel darf eine solche Wiederholung allerdings nicht werden. Kommt
die +dauernde+ Einprägung eines Stoffes in Frage, so ist eine öftere
Reproduktion desselben geboten; sie wird da, wo es sich um Namen,
Regeln und Merksätze handelt, die nur mit dem Ohr aufgefaßt werden,
durch Nachsprechen seitens einzelner Schüler und durch Chorsprechen
ihren Ausdruck finden. Damit das Nachsprechen nicht ein mechanisches
bleibt, empfiehlt es sich, den zu merkenden Namen oder Satz in
verschiedener Verbindung auftreten zu lassen. Wir nehmen z. B. an, die
Schüler haben auf der Karte die Warthe als einen rechten Nebenfluß der
Oder entdeckt. Der Name ist ihnen noch unbekannt. Nachdem der Lehrer
ihn genannt hat, folgen etwa die nachstehenden Übungen, die eine
Einprägung des Namens im Zusammenhange mit den gewonnenen sachlichen
Erfahrungen bezwecken: Wiederhole den Namen. Du auch. Sprecht im Chor.
Der Name wird mit th geschrieben. Buchstabiere ihn also (mehrere
Schüler). Sprich aus, daß die Warthe ein Nebenfluß der Oder ist. Gib
an, auf welcher Seite er in die Oder mündet und gebrauche dabei das
Wort Nebenfluß. Setze die Warthe in Beziehung zu der Provinz Posen und
gebrauche dabei die Bezeichnung Hauptfluß. Gib an, welche preußischen
Provinzen die Warthe durchströmt.
Bei der Einprägung von +Gedichten+, die auf der Anfangsstufe
ausschließlich durch Vorsprechen erfolgt, ist zu beachten, daß nach
neueren Versuchen das Memorieren in kleinen Abschnitten unökonomisch
ist; man arbeitet mit dem geringsten Kraftaufwande, wenn man
Memorierstoffe von nicht zu großem Umfange im +ganzen+ zur Einprägung
darbietet, bei Gedichten also nicht einzelne Zeilen, auch nicht zwei
oder drei Zeilen zusammenfassend, sondern eine Strophe im ganzen. Auf
der Mittel- und Oberstufe sollten nur solche Gedichte gelernt werden,
die in den Lesebüchern enthalten sind, damit das Memorieren ohne Hilfe
des Lehrers erfolgen kann. Daß hier wie dort dem Memorieren eine
Betrachtung des Gedichtes voraufgeht, versteht sich von selbst.
Jede Gedächtnisleistung erfordert eine straffe Konzentration der
Geisteskräfte; jede Ablenkung der Aufmerksamkeit beeinträchtigt die
Einprägung. Der Blinde ist akustischen Störungen besonders leicht
ausgesetzt; irgend ein Geräusch, das der Sehende kaum beachtet,
lenkt ihn von der Sache ab. Darum wird man auf eine ruhige Lage der
Klassenzimmer bedacht sein müssen; namentlich darf herüberklingende
Musik die Unterrichtsarbeit nicht stören.
Die wenigen +äußeren Gedächtnishilfen+, die für den Blinden in Betracht
kommen, sollen ihm selbstverständlich nicht vorenthalten werden.
So wird der Lehrer im erdkundlichen Unterricht die neu auftretenden
Namen in Punktschrift niederschreiben und das Blatt als Hilfe für
die häusliche Wiederholung und Einprägung aushängen. Wichtige Regeln
und Merksätze werden von sämtlichen Schülern aufgezeichnet, am
besten in ein besonderes „Merkheft“, das über die Schulzeit hinaus
im Besitz der Zöglinge bleibt. Für die Einprägung von Bibelsprüchen,
Kirchenliedern, biblischen Geschichten und Bibellesestoffen sollen die
Schüler Hilfsbücher in den Händen haben, die aber verständig benutzt
werden müssen. Darüber, ob besondere Hilfsbücher für den grammatischen
und orthographischen Unterricht notwendig sind, gehen die Meinungen
auseinander. Tatsächlich kann man ohne diese Hilfsmittel auskommen;
auch liegt bei ihrem Gebrauch die Gefahr nahe, daß das +lebendige+,
+gesprochene+ Wort, das für den Blinden eine noch höhere Bedeutung
hat als für den Sehenden, durch allerlei Regelwerk und schriftliche
Übungen eine Beeinträchtigung erfährt. Zudem ist es aus den eingangs
erwähnten Gründen nicht ratsam, das Gedächtnis mit grammatischen
Regeln und Übungsstoffen zu belasten. Unbedingt entbehrlich sind
Hilfsbücher für den Unterricht in den Realien. Im Musikunterricht wird
bei fortgeschrittneren Schülern die ausschließliche Auffassung nach dem
Gehör zurücktreten gegenüber dem Unterricht nach Noten. Für erwachsene
Blinde ist die sofortige schriftliche Fixierung mancher Gedanken nicht
selten wichtig und notwendig; durch eine kleine Taschen-Notiztafel für
Punktschrift wird die schriftliche Aufzeichnung an jedem Orte möglich.
Der blinde Geschäftsmann wird ebenfalls ohne Notizen über sein Soll und
Haben nicht auskommen. -- +Künstliche Hilfen+ für die Einprägung von
Namen und die Lage geographischer Objekte haben im Blindenunterricht
nur dann Wert, wenn sie rein akustischer Natur sind und sich fernhalten
von mnemotechnischen Künsteleien (z. B. Wasserstraßen und Inseln des
Stettiner Haffs: P=e=ene-W=e=sten; Sw=i=ne-M=i=tte; Diven=o=w-=O=sten;
Us=e=dom-W=e=sten; W=o=llin-=O=sten). Für die Einprägung von
Braille-Buchstaben und Schriftkürzungen kann als Merkhilfe öfters die
Umkehrung und Stellung eines Buchstabens usw. vorteilhaft gebraucht
werden, z. B. äu = umgekehrtes au; ein = umgekehrtes n; ver = c
unten. Die Tasten der Schreibmaschine merkt der Blinde leicht, wenn
er die Buchstaben einer Reihe zu Worten zusammenfügt, event. unter
Einschiebung von Vokalen, oder wenn er mit den Buchstaben der Tasten
Wörter bildet und sie zu einem sinnvollen Satze vereinigt. (Die obere
Tastenreihe der Blickensderfer Schreibmaschine enthält z. B. die
Buchstaben P F L O H; Merksatz: =P=eter =f=indet =l=eicht =o=ffene
=H=erzen).
Das dauernde Festhalten der erworbenen Vorstellungen und Kenntnisse
wird durch +öftere Wiederholung+ am besten gesichert. Die Wiederholung
kann sehr verschieden geschehen. Überaus wichtig ist die erneute
sinnliche Vorführung früher betrachteter Objekte; sie kann durch
keine sprachliche Wiederholung ersetzt werden. Besonders intensiv
gestaltet sie sich, wenn sie mit Aufgaben zur Darstellung des Objekts
Hand in Hand geht. Sind z. B. im naturgeschichtlichen Unterricht die
wichtigsten Arten der Fische behandelt worden, so kann mit einer
wiederholenden Vorführung der präparierten Exemplare ein Formen
derselben verbunden werden. Oder die Schüler zeichnen von sämtlichen
Fischen den Körperumriß, oder sie bringen an dem Modell eines
Fischkörpers die Stellung der Flossen bei den verschiedenen Arten zur
Darstellung. Die höchste Leistung ist das Formen aus dem Gedächtnis,
ohne erneutes Betasten des Objekts. Besonders notwendig ist die öftere
Wiederholung im +geographischen Unterricht+; wird das Kartenbild im
Geiste des Schülers nicht immer wieder erneuert, so verblaßt es sehr
bald, und mit ihm gehen die geographischen Kenntnisse verloren. Die
Wiederholung wird sich also neben einer Auffrischung des erdkundlichen
Sachinhalts insbesondere auch auf die Wiederbelebung des Kartenbildes
erstrecken müssen. Dies kann zunächst durch mehrfaches Aufsuchen der
gemerkten Flüsse, Gebirge, Städte usw. geschehen, dann aber auch durch
Zeichnen von Umrissen der Länder, von Fluß- und Gebirgsskizzen und
durch schematische Darstellungen: Hauptsache ist hier wie bei allen
Wiederholungen die Vermeidung einer abstumpfenden Gleichförmigkeit.
+Zech+, Befestigung und Wiederholung der realistischen Stoffe.
(Teil III der Abhandlung „Aus der Praxis des Blindenunterrichts“.)
Bldfrd. 1899 S. 209.
Derselbe. Brauchen wir ein Reallesebuch? Bldfrd. 1900 S. 206.