A. Das Tasten.
Die äußere Welt lernt der Blinde vorzugsweise durch das Tasten
kennen. Das Tastgefühl vermittelt die Auffassung eines Gegenstandes
hinsichtlich seiner +Temperatur+, seiner +physischen Beschaffenheit+
(hart, weich, glatt, rauh usw.) und seiner +Form und Ausdehnung+.
Demgemäß spricht man von dem +Temperatursinn+, dem +Drucksinn+ (auch
wohl Tastsinn im engeren Sinne) und dem +Raum- oder Ortssinn+. Diese
drei Ausdrücke bezeichnen also eine dreifache Fähigkeit des Tastsinnes.
Für jede Art von Eindrücken sind besondere Nervenbahnen vorhanden. Nach
außen hin verlaufen die Gefühlsnerven entweder frei in der Haut oder
in besonderen Endorganen, die man als Gefühlskörperchen bezeichnet.
Die Gefühlskörperchen liegen vorzugsweise in der Schleimschicht der
Oberhaut und der darunter befindlichen Lederhaut, aber auch in der
Tiefe des Körpers, in den Sehnen, Muskeln und Gelenken.
Es muß ausdrücklich hervorgehoben werden, daß nicht jede Stelle
der Haut ein Universalwerkzeug ist, geeignet für die Aufnahme der
verschiedensten Eindrücke. An einigen Punkten ist die Haut nur
empfänglich für Wärme, an andern nur für Kälte; auf Druck und Berührung
reagieren wieder andere Punkte, d. h. Nervenendigungen. Jedes
Nervenfädchen leitet also nur einen bestimmten Eindruck: +dieses+
Wärme, +jenes+ Kälte, dieses Druck und Berührung. Diese Tatsache, „das
Gesetz der spezifischen Sinnesenergie“, ist von dem großen Gelehrten
Johannes Müller entdeckt worden.
Wie oben gesagt, liegen die Gefühlskörperchen vorzugsweise in der
Schleimschicht der Oberhaut (unmittelbar unter der Hornschicht) und
in der Lederhaut. Letztere besitzt zahlreiche Höckerchen, die in
die Oberhaut eingreifen (Wärzchenschicht). Diese Wärzchen enthalten
entweder Blutgefäßschlingen oder die erwähnten Nervenendapparate. Die
Lage der Wärzchen ist an einigen Stellen der Oberhaut, z. B. an der
Innenfläche der Hand, an dem eigentümlichen Liniengepräge sichtbar. An
den Fingerspitzen, wo die Wärzchen besonders gehäuft sind, erkennen
wir ihre Lage an den bekannten elegant verlaufenden Furchen. Diese
„Tastlinien“ sind so angeordnet, daß sie, wie von Forschern auf Grund
mathematischer Berechnungen nachgewiesen ist, die geringste Dehnung
erfahren, wenn die ganze Tastfläche ausgedehnt wird. Sie sind neutral,
machen die Spannungen und Dehnungen nicht mit und geben daher die
Tasteindrücke sehr genau wieder.
Die Endapparate der Gefühlsnerven (Gefühlskörperchen) haben nicht
alle die gleiche Form. Sie sind zu verschiedenen Zeiten entdeckt
und nach den Entdeckern benannt worden. Man kennt folgende: 1.
Die Merkelschen Tastzellen. 2. Die Krauseschen Endkolben. 3. Die
Meißnerschen Tastkörperchen. 4. Die Vaterschen oder Pacinischen
Körperchen. Diese Tastapparate sind winzig kleine, rundliche, scheiben-
oder kolbenförmige Polster, in welche sich der Nerv in vielfachen
Verschlingungen ausbreitet oder sich baumartig verästelt. Die
ansehnlichste Größe haben die +Vaterschen Körperchen+; sie erreichen
einen Längsdurchmesser von 1,5 bis 4,5 mm und liegen vorzugsweise
an den Kapseln der Gelenke, an Sehnenscheiden und Muskelansätzen.
Die +Meißnerschen Tastkörperchen+ finden sich am häufigsten auf den
Ballen der Finger und Zehen. Die Fingerballen enthalten etwa 50 auf
1 qmm. Die +Krauseschen Endkolben+ haben ihren Sitz besonders in den
Schleimhäuten, welche Tastempfindungen vermitteln: in der Schleimhaut
der Mundhöhle, der Lippen, der Zunge und des weichen Gaumens. Die
+Merkelschen Tastzellen+ werden besonders an solchen Stellen gefunden,
an denen wenige Tastkörperchen vorkommen, am reichlichsten am Bauche
und an den Oberschenkeln.
Außer diesen Nervenendapparaten kommen in der ganzen Oberhaut und in
den Schleimhäuten +freie Endigungen+ feinster Nervenfasern vor. Auch
besitzt der Mensch +Tasthaare+, vorzugsweise im Gesicht, die mit
Nervenfasern in Verbindung stehen; an besonders nervenreichen Stellen
stehen die Wimperhaare der Augen.
Welche der genannten Nervenapparate im Dienste des Temperatur-, des
Druck- und Ortssinnes stehen, ist noch nicht genau festgestellt.
Man nimmt an, daß die Meißnerschen Tastkörperchen in erster Linie
Druckempfindungen vermitteln (auch leise Berührung ist als Druck
aufzufassen), daß sie also Träger des Tastvermögens im engeren
Sinne sind. Die Vaterschen Körperchen sind wahrscheinlich die
Aufnahmeapparate des sogenannten Muskelsinnes, der das Gefühl für die
Lage der Glieder vermittelt und eine wichtige Rolle bei der Beurteilung
von Form und Ausdehnung eines Gegenstandes spielt.
Am reichsten mit Tastnerven ausgestattet sind die Fingerspitzen,
dann folgen die Hohlhand, die Zehen und der Handrücken; die
wenigsten Tastnerven sind im Oberschenkel und im Rücken vorhanden.
Dementsprechend ist das Tastgefühl am feinsten in den Fingerspitzen, am
geringsten auf dem Rücken entwickelt.
+Der Temperatursinn.+ Nicht jede Stelle der Haut ist für Wärme oder
Kälte empfänglich. Der Däne Blix und der Deutsche Goldscheider
machten die Entdeckung, daß die Haut sog. Kältepunkte und Wärmepunkte
besitzt. Die ersteren sind viel zahlreicher vorhanden als die
letzteren; die ganze Haut besitzt etwa 250000 Kältepunkte und nur
etwa 30000 Wärmepunkte. Der Kältesinn ist also beim Menschen viel
stärker entwickelt als der Wärmesinn: wir sind empfindlicher gegen
Wärmeentziehung als gegen Wärmezufuhr. Besonders reich mit Kältepunkten
ausgestattet sind Stirn, Wange und Kinn; daher werden diese Stellen mit
Vorliebe zur Temperaturprüfung eines Gegenstandes benutzt.
Dem Blinden gibt der Temperatursinn manchen Anhalt zur Erkennung
von Dingen und Beurteilung von Eigenschaften derselben. Leicht
werden Gegenstände, die aus wärmeleitenden Stoffen (Metall, Glas,
Stein) bestehen, von solchen aus lockerem Material unterschieden.
Selbst verschiedene Holzarten beurteilt der Temperatursinn auf ihre
Dichtigkeit hin, so daß der Blinde sehr wohl unterscheiden kann, ob
seine Hand auf einer Tischplatte von Eichen- oder Tannenholz ruht.
Der Temperatursinn zeigt ihm an, ob die Blätter einer Pflanze frisch
oder welk sind, ob ein Kleidungsstück aus Linnen oder Wollenstoff
gefertigt ist, ob sein Fuß beim Entkleiden auf einen mit Ölfarbe
gestrichenen oder rohen Bretter-Fußboden oder auf Linoleum tritt. Durch
den Temperatursinn lernt er beurteilen, wie weit eine Flasche oder ein
anderes Gefäß mit einer Flüssigkeit gefüllt ist, lernt auch (durch
Umfassen der äußeren Wand des Gefäßes), dieses bis zu einer bestimmten
Stelle zu füllen. So leistet der Temperatursinn dem Blinden mannigfache
Dienste. Der Unterricht wird ihn daher oft in Anspruch nehmen, um ihn
zu verfeinern und weiter auszubilden. Es kann dies schon in den ersten
Schulwochen geschehen, indem man für die sogenannten Sortierübungen
Gegenstände aus verschiedenem Material wählt, z. B. kugelförmige
Körper aus Holz, Kork, Metall, Glas, Wachs usw. Im weiteren Verlauf
der Schulzeit kann der Temperatursinn besonders im Anschauungs- und
naturgeschichtlichen Unterricht sowie in der Arbeitskunde in den Dienst
der Erkenntnis gestellt werden.
+Der Drucksinn+ ist an die sog. Druckpunkte gebunden; nur an diesen
räumlich getrennten Punkten der Haut werden deutliche Druckempfindungen
wahrgenommen. Durch das Druckgefühl werden die +Veränderungen+ des
Drucks auf der Haut erkannt. Einen gleichmäßigen Druck spürt man
nicht; so empfinden wir nicht den Druck, den die Luft auf unsern
Körper ausübt, nicht den Druck des Wassers beim Baden, auch nicht den
gewaltigen Druck, den die Hand beim Eintauchen in Quecksilber erleidet:
der Drucksinn reagiert eben nur auf Druck+änderungen+. Diese werden
besonders lebhaft an solchen Stellen unseres Körpers empfunden, die mit
Tasthärchen versehen sind. (In der unmittelbaren Nähe der Haarbälge
liegen Druckpunkte.) Man braucht nur ganz leise mit einem Fäserchen
eines Halmes die Haut zu streifen, und sofort wird der feine Druck
gespürt. Die Tasthärchen wirken dabei wie Hebel, die den Eindruck auf
den Nervenkranz, der ihre Wurzel umgibt, übertragen.
Die Empfindlichkeit des Drucksinnes ist von Weber geprüft worden.
Dabei stellte sich heraus, daß die Unterscheidung zweier Gewichte nur
dann wahrgenommen wird, wenn der Unterschied etwa ⅟₃₀ des Gewichts
beträgt, ganz gleichgiltig, wie groß die Gewichte sind; es ist immer
derselbe Bruch, um den ein Druck vermehrt werden muß, um bemerkt
zu werden. Diese Entdeckung Webers ließ sich auch auf Gesichts- und
Gehörseindrücke anwenden und führte zur Aufstellung eines allgemeinen
Gesetzes für die Empfindungslehre (Webersches Gesetz).
Die Haut empfindet aber nicht bloß, daß sie berührt wird, sondern auch
an +welcher Stelle+ die Berührung erfolgt; wir können also den Ort,
an dem der Druckreiz stattfand, mehr oder weniger genau angeben, wir
können die Druckempfindung lokalisieren. Diese Fähigkeit bezeichnet man
mit dem Namen +Raum- oder Ortssinn+. Der Erklärung des Raumsinnes hat
der Philosoph Lotze eingehende Studien gewidmet. Er kam zu der Annahme,
daß jede Berührung, jeder Druck sein besonderes „Lokalzeichen“ im
Gehirn haben müsse oder anders ausgedrückt, daß ein und derselbe Druck
an den verschiedenen Hautstellen eine verschiedene Färbung habe, die
mit wunderbarer Sicherheit und Genauigkeit vom Gehirn erkannt werde.
Dadurch, daß der Raumsinn der Haut die Eindrücke lokalisiert,
unterscheidet er sich wesentlich von dem Raumsinne des Auges; wir
empfinden einen optischen Eindruck nicht in der Netzhaut des Auges,
sondern wir verlegen ihn nach außen in den Sehraum.
Der Raumsinn ist vielfach untersucht worden, am eingehendsten von
Weber und Fechner. Als Maß für die Feinheit desselben nimmt man
den kleinsten Abstand zweier Punkte der Hautoberfläche an, deren
gleichzeitige Reizung noch deutlich verschiedene Ortsvorstellungen
erweckt. Diesen Abstand nennt Fechner „Raumschwelle“. Die Raumschwelle
der verschiedenen Hautpartien wurde mittels des sog. Tastzirkels und
des Aesthesiometers festgestellt. Auf die Versuche selbst soll hier
nicht eingegangen werden; sie ergaben, daß die Raumschwelle für die
verschiedenen Stellen der Haut sehr ungleich ist. Am kleinsten ist sie
auf der Zungenspitze (im Durchschnitt rund 1 mm), auf den Fingerkuppen
(rund 2 mm) und der Lippe (rund 4 mm); am größten ist sie auf der
Rückenhaut (rund 60 mm). Der Raumsinn ist also auf der Zungenspitze 60,
auf der Fingerkuppe 30, auf der Lippe 15 mal feiner entwickelt als auf
dem Rücken[17]. Bei manchen Personen ist die Raumschwelle wesentlich
geringer als oben angegeben; sie empfinden noch Abstände von ½ mm. Das
weibliche Geschlecht ist hier dem männlichen überlegen.
Darüber ob der Raumsinn der Blinden von Natur schärfer sei als der der
Sehenden, ist viel gestritten worden. Im allgemeinen nahm man ersteres
an; doch scheint diese Annahme durch die Untersuchungen Griesbachs
zweifelhaft geworden zu sein; er fand in der Tastschärfe Blinder und
Sehender keinen erheblichen Unterschied, und wo ein solcher vorhanden
war, fiel er zuungunsten der Blinden aus. Durch Übung verfeinert sich
der Ortssinn; die Verfeinerung ist allerdings keine dauernde; bei
Nichtübung sinkt sie auf ihren früheren Wert zurück. Merkwürdig ist
es, daß an der Verfeinerung des Raumsinnes auch die symmetrischen
Hautstellen an der andern Körperhälfte teilnehmen.
Die Empfindlichkeit des Ortssinnes wird herabgesetzt durch Kälte,
Blutleere und Blutstauungen der Haut, starke Dehnungen derselben
(Geschwülste), Ermüdung durch anhaltendes Tasten, Genuß von Alkohol,
Morphium und andern betäubenden Mitteln und durch Einwirkung des
galvanischen Stromes. Steigernd wirken u. a. Feuchtigkeit der Haut
(Schweiß) und der Genuß von Koffeïn.
Der Drucksinn in Verbindung mit dem Raumsinne vermittelt die Auffassung
von Tastobjekten nach verschiedenen Seiten hin: ob glatt oder rauh,
elastisch oder spröde, leicht oder schwer, hart oder weich, trocken
oder naß, fest oder flüssig, eckig oder rund, spitz oder stumpf. Durch
innige Berührung der Haut mit dem Objekt werden die entstehenden
Druckveränderungen genau im Gehirn registriert und in psychische Werte
umgesetzt.
Das Bild eines Gegenstandes, wie es Druck- und Raumsinn (kurz: der
Hautsinn) erzeugen, ist aber doch +kein allseitiges und genaues+. Der
Hautsinn für sich allein ist nicht imstande, klare +Raumvorstellungen+,
d. h. die Auffassung der Form und Ausdehnung eines Objekts, zu
vermitteln. Er ermöglicht nur eine +allgemeine+ Auffassung, im besten
Falle ein +Erkennen+ des Objekts. Das auf der Hautempfindung beruhende
+Tasten+ (+Simultantasten+) reicht also für die Gewinnung klarer
Vorstellungen nicht aus.
Es wurde vorhin von +Tastbewegungen+ gesprochen. Diese Bewegungen
spielen bei der Gewinnung von Raumvorstellungen eine wesentliche Rolle.
Es muß darum auf die +Bewegungsempfindungen+ oder den +Bewegungssinn+
näher eingegangen werden. Einige einfache Experimente mögen zur
Einführung vorangestellt werden.
Ich habe zwei Hölzchen, eines von 5 cm, ein anderes von 10 cm Länge.
Jetzt zwänge ich einer Person, der ich die Augen verbunden habe,
zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand der Länge nach
das kürzere, in die linke Hand das längere Hölzchen. Ohne weiteres
sagt mir die Versuchsperson, daß beide Stäbchen verschieden lang
sind, ja noch mehr: sie sagt, daß das eine doppelt so lang sei wie
das andere, vielleicht auch, daß die Länge etwa 5 cm und 10 cm sei.
Wie weiß sie das? Die kleinen Tastflächen, die an der Kuppe des
Zeigefingers und Daumens die Stäbchen berührten, sind die gleichen;
die Druckempfindungen waren genau dieselben. Es muß dem Menschen also
zum Bewußtsein gekommen sein, wie weit er die +Finger von einander
entfernt+ hat. Das ist tatsächlich der Fall: wenn ich ihn auffordere,
die Finger 10 cm auseinander zu halten, so gelingt es ihm sogleich mit
ziemlicher Genauigkeit.
Ich fordere ihn auf, seinen Arm zu einem rechten, einem spitzen, einem
stumpfen Winkel zu beugen: sofort führt er es aus. Ich lasse ihn mit
der Fingerkuppe den Rahmen eines an der Wand hängenden Bildes umfahren,
und in jedem Augenblick kann er mir sagen, ob sich die Hand rechts
oder links, oben oder unten befindet. Daraus erkennen wir: der Mensch
beurteilt eine Bewegung richtig; er hat ein +Gefühl dafür, in welcher
Lage sich die Muskeln, Gliedmaßen, Knochen und Gelenke befinden, ein
Gefühl für die Zusammenziehung jedes einzelnen Muskels+. Man hat diesen
Sinn +Innensinn, Muskelsinn, Bewegungssinn+ genannt und spricht darum
von motorischen oder +Bewegungsempfindungen+. Die Bewegungsempfindungen
werden durch die in die Gelenke, Bänder, Sehnen und Muskeln
eingelagerten Nerven vermittelt. Die Endapparate dieser Nerven sind
wahrscheinlich die Vaterschen (Pacinischen) Körperchen. Die Reize
entstehen durch Verlagerungen der beweglicheren Körperteile gegen die
festeren (Drehung der Gelenke, Spannung der Sehnen: Gelenkempfindungen,
Spannungsempfindungen), sowie durch Änderungen in der Blutverteilung.
Die Bewegungsempfindungen sind für den Menschen von großer Wichtigkeit:
mit ihrer Hilfe lernt er, seine Muskeln so zu gebrauchen, daß
sie in genau abgestimmtem Einklang für jede gewollte Bewegung
zusammenwirken[18].
Die beim intensiven Tasten auftretenden Bewegungsreize werden zur
Großhirnrinde geleitet und erfahren dort eine psychische Umwandlung,
so daß dem Blinden die Form und Ausdehnung der betasteten Dinge
und ihre Stellung im Raume zum Bewußtsein kommt. Dieses Innewerden
der räumlichen Ausdehnung bezeichnet man eben mit dem Namen
Raumvorstellung. Bei der Gewinnung von Raumvorstellungen wirken also
hauptsächlich die +Bewegungsempfindungen+ mit; die gleichzeitig in
Erscheinung tretenden Druckerscheinungen haben an der Raumvorstellung
geringeren Anteil. Bain nennt darum die Raumvorstellung geradezu
die Qualität des Muskelsinnes. Es ist nicht bloß die +räumliche
Ausdehnung+ einer Bewegung, sondern auch die +Dauer+ der
Muskeltätigkeit, die bei den Bewegungsempfindungen zur Geltung kommt;
es ist in ihnen mithin das räumliche und zeitliche Moment vereinigt.
Um also eine genaue Raumvorstellung zu gewinnen, müssen
Hautempfindungen und Bewegungsempfindungen zusammenwirken. Das auf
dem Hautsinn beruhende Tasten bereitet die Auffassung vor, es erzeugt
ein schematisches Gesamtbild des einwirkenden Objekts. Th. Heller
bezeichnet es darum als +synthetisches Tasten+. Soll das Objekt
+genau+ aufgefaßt werden, so müssen +Tastbewegungen+ hinzutreten: dem
synthetischen Tasten muß das analysierende folgen. Die Tastbewegungen
äußern sich oft nur in +Hand- und Fingerzuckungen+, die von dem
ungeübten Beobachter kaum bemerkt werden[19].
Die Ausübung der analysierenden Tastbewegungen versteht sich bei dem
Blinden nicht von selbst, denn jede Bewegung und jede Kombination
von Bewegungen muß geübt werden, und zwar so lange, bis sie sich mit
Leichtigkeit vollzieht, d. h. bis nur diejenigen Muskeln und Gelenke in
Tätigkeit treten, die gerade zu dieser bestimmten Bewegung erforderlich
sind. Bei dem zum Tasten nicht angeleiteten Blinden versagt die
erforderliche Muskeltätigkeit der Tastorgane ganz oder teilweise, so
daß bei seinem Tasten die +Druckempfindungen+ vorherrschen.
Es wird also notwendig sein, dem Blindenunterricht eine solche Richtung
zu geben, daß der Schüler zu vielseitiger, zweckmäßiger Betätigung des
Bewegungssinnes veranlaßt wird. Wie dies geschehen kann, soll weiter
unten dargelegt werden.
Man hat die Frage aufgeworfen, ob der Gesichtssinn durch den
Tastsinn ersetzt werden kann. Wir kommen damit auf das vielerörterte
„+Sinnenvikariat+“. Die Frage ist mit bezug auf den Blinden die:
kann der Blinde durch Tasten auch solche Anschauungen erlangen, die
sonst durch das Auge gewonnen werden? Und umgekehrt: können haptische
Sinneseindrücke (Tasteindrücke) in optische umgedeutet werden? kann
er durch Tasten z. B. Farbenvorstellungen gewinnen (Farben fühlen)?
Kurz: kann ein Sinn den andern „vikarieren“? Darauf ist zu erwidern,
daß dieser Möglichkeit die anatomisch-physiologische Beschaffenheit der
Sinnesorgane entgegensteht: Jedes Sinnesorgan ist nur für bestimmte
äußere Reize empfänglich, und die Nerven jedes Sinnesorgans leiten
nur diese ganz bestimmten Eindrücke zum Zentralorgan. Die Tastnerven
reagieren also auf Lichteindrücke nicht. Wenn also einzelne Blinde
behaupten, sie könnten Farben +fühlen+, so beruht das entweder
auf Täuschung oder darauf, daß das Auge für Lichteindrücke noch
einige Empfindung besitzt oder endlich darauf, daß die physische
Beschaffenheit des Stoffes Schlüsse auf seine Farbe ermöglicht.
Die haptischen Raumvorstellungen sind also den optischen +nicht
wesensgleich+, wohl aber stimmen sie +relativ+ mit ihnen überein
insofern, als der Blinde sie ebenso als Bausteine seiner Bildung
verwendet wie der Sehende und die gewonnene Raumerkenntnis mit
denselben Mitteln zum Ausdruck bringt wie der Sehende. Seine Tätigkeit
im Formen und Zeichnen, im Anschauungs- und Handfertigkeitsunterricht
sowie in verschiedenen gewerblichen Beschäftigungen beweisen, daß seine
Raumvorstellungen denen der Sehenden gleichwertig sind.
Wie alle Sinne, so kann auch der Tastsinn +halluzinieren+. Man glaubt
Tastreize wahrzunehmen, die tatsächlich nicht vorhanden sind, hat z. B.
das Gefühl von Pelzigsein in den Fingerspitzen und empfindet Schmerzen
ohne objektive Ursache. Auf solche Halluzinationen bauen sich zuweilen
Wahnideen auf über erlittene Mißhandlungen oder unsittliche Berührungen.
Aus den vorstehenden Erörterungen über das Tasten ergeben sich wichtige
Folgerungen für den Blindenunterricht. Sie mögen lose aneinander
gereiht sein.
Erhöhungen sind leichter tastbar als Vertiefungen, da bei ersteren
eine größere Zahl von Drucknerven in Wirksamkeit tritt. Daher ist
die +Blindenschrift erhaben+, darum hat man auch die früher viel
umstrittene Frage, ob bei den Landkarten die Flußläufe vertieft
oder erhöht darzustellen sind, dahin entschieden, daß die Erhöhung
vorzuziehen sei; nur für die Anfänge des geographischen Unterrichts
wählt man die Rinnenform, aber in einer solchen Breite, daß der
tastende Finger bis auf den Grund der Vertiefung reicht.
Ein glattes Relief ist weniger gut tastbar als ein leicht angerauhtes,
da im letzteren Falle die Berührung mit der tastenden Haut eine
innigere ist. Aus diesem Grunde dürfen Papier-Reliefkarten nicht mit
stark glättendem Lack überzogen werden[20]. Ebenso sind lackierte
Tiermodelle für den Unterricht weniger zu empfehlen als solche, die den
bekannten sammetartigen Haarüberzug besitzen. Leicht geriffelte Linien
sind auf Reliefkarten den glatten Linien vorzuziehen.
Th. Heller hat untersucht, wieviel erhöhte Punkte durch den Drucksinn
gleichzeitig wahrgenommen werden und welche Anordnung derselben
die zweckmäßigste ist. Die Frage ist hinsichtlich des Lesens der
Blindenschrift nicht unwichtig. Seine Versuche, denen er jedoch selber
keine volle Beweiskraft zuerkennt, scheinen zu bestätigen, daß die
von Louis Braille eingeführte Sechszahl in zwei senkrechten Reihen
die zweckmäßigste ist. (Der Amerikaner Wait ordnete die 6 Punkte
in zwei wagerechten Reihen; Braille = ⠿ Wait = :::). Beim Lesen der
Punktschrift ist übrigens nicht der Drucksinn allein wirksam. Durch
bloßes Auflegen der Finger auf die Punkt-Buchstaben findet nur ein
langsames, unsicheres Erkennen derselben statt, trotzdem die Entfernung
der einzelnen Punkte voneinander deutlich über der Raumschwelle des
Ortssinnes der Haut (fast 2¼ mm) liegen. Erst wenn die +Bewegung+
der Finger dazutritt (bei dem geübten Leser nur schwache Finger-
und Handzuckungen), werden die Buchstaben schnell erkannt, und das
Lesen geht fließend vor sich. Wir finden also auch beim Lesen das
synthetische und analysierende Tasten vereinigt[21].
Da die +Zungenspitze+ und die +Lippen+ reich an Tastnerven sind und die
Raumschwelle des Ortssinnes hier am kleinsten ist, eignen sie sich zu
feinen Untersuchungen, wie sie öfters in der Pflanzenkunde notwendig
sind. Wo z. B. der tastende Finger die inneren Teile der Blüte nicht
mehr erkennt, da werden sie noch von der Zungenspitze unterschieden,
und die Klebrigkeit der Stempelnarbe wird am sichersten von den Lippen
erkannt. Wichtig ist auch das Tasten mit dem +Fingernagel+. Wo die
fleischige Fingerkuppe nicht eindringen kann, in Ritzen und Fugen, da
gleitet der Fingernagel tastend hinein; feine Unebenheiten einer Fläche
werden mit Leichtigkeit durch kratzendes Tasten erkannt, etwa die
eingeritzte Skala eines Metermaßes oder eines Thermometers. Auch beim
Schreiben der Punkt- und Planschrift, beim Vorfühlen der Schreibzeile
mit der linken Hand, ist der Fingernagel tätig. Man achte also darauf,
daß die Nägel des Blinden nicht zu kurz geschnitten sind und steuere
der häufig vorkommenden Unsitte, die Fingernägel abzunagen[22].
Zuweilen wird der Blindenlehrer in die Lage kommen, auch die +Zähne+
zum Tasten heranzuziehen. So lassen sich z. B. die Schwingungen einer
Stimmgabel am leichtesten dadurch veranschaulichen, daß man einen der
vibrierenden Arme des Instruments an die Zähne des Schülers hält.
(Versuch bei der Einführung in die Lehre vom Schall.)
Das Haupttastwerkzeug, die Hand, bietet dem Blinden das Maß für die
zweckmäßigste Größe des Tastraumes. Die Raumvorstellung muß um so
klarer und genauer werden, je mehr Druck- und Bewegungsempfindungen
beim Tasten gleichzeitig in Aktion treten. Nun ist, wie oben dargelegt
wurde, die Hand besonders reich an Druck- und Bewegungsnerven; ein
einziger Griff der Hand, etwa das Umfassen eines Körpers, setzt eine
große Zahl von Nerven in Spannung. Hat das Objekt eine der Hand
entsprechende Größe, so genügen die Tastbewegungen der Hand und der
Finger allein, um eine allseitige Untersuchung desselben vorzunehmen.
Bei größerer Ausdehnung tritt die Hand in ihren untersuchenden
Bewegungen zurück und die Muskeln und Gelenke +des Armes+ übernehmen
einen Teil ihrer Funktion. Dadurch verliert das Tasten viel von seiner
Genauigkeit; eine Gesamtauffassung des Objekts ist nicht mehr möglich,
da das Tasten sich in eine Reihe von einzelnen Eindrücken auflöst, die
nur durch das +zeitliche+ Moment zusammengehalten werden. Der Blinde
wählt darum von größeren Objekten häufig nur bestimmte Teile aus, die
er dann einer genaueren Untersuchung unterzieht.
Noch schwieriger wird die Raumauffassung bei solchen Objekten, die
über das Maß der ausgebreiteten Arme hinausreichen. In diesen Fällen
ist eine Bewegung des +Gesamtkörpers+ notwendig. Die Ergründung der
feineren Maß- und Formverhältnisse wird dabei zur Unmöglichkeit.
Schreitet der Blinde z. B. mit ausgestrecktem Arm an einem Gebäude
entlang, so gewinnt er dabei nur einen Eindruck von charakteristischen
Teilen der Umfassungsmauern, etwa der Ecken des Hauses, der Ein- und
Vorsprünge, der Lage der Abfallrohre usw. Dagegen vermag er durch das
Abschreiten eine Vorstellung von der +Ausdehnung+ des Gebäudes zu
erlangen. Einmal dient ihm dabei das Schrittmaß als Anhalt, dann aber
bietet ihm auch die Zeitdauer der Bewegung eine Hilfe. Kennt der Blinde
die Länge seiner Schritte genau, so ist er imstande, die Ausdehnung des
Gebäudes in den üblichen Maßeinheiten auszudrücken.
Aus dem Gesagten geht hervor, daß die größte Gewähr für richtige
Raumvorstellungen dann gegeben ist, wenn der Tastraum im Bereich der
ausgestreckten und ausgebreiteten Hände liegt. Die im Unterricht zur
Verwendung kommenden Anschauungsobjekte dürfen daher nicht zu groß
sein. Von der Meinung, daß die Anschauungsmittel im Interesse der
Deutlichkeit erhebliche Dimensionen haben müßten, ist man längst
abgekommen. Die Riesengloben und Riesenlandkarten, die früher die
Unterrichtsräume der Blindenanstalten zierten, sind längst daraus
entfernt. Nun ist es ja freilich aus technischen Gründen nicht immer
möglich, die Anschauungsobjekte dem Tastraum der Hände anzupassen,
und auch die modernen Karten erfordern bei ihrem Gebrauch wenigstens
eine Bewegung der +Unterarme+, aber Regel muß es bleiben, daß für
die Lehrmittel des Blindenunterrichts eine solche Größe gewählt
wird, daß die +Hand+ den Hauptanteil an der Auffassung erhält. Die
Vorstellung großer Objekte kann dadurch erleichtert werden, daß dem
Schüler zunächst verkleinerte Modelle vorgeführt werden und er dann zu
vergleichenden Messungen zwischen Modell und Original angehalten wird.
Umgekehrt muß dem Kennenlernen eines weit ausgedehnten Objekts stets
die verkleinerte Darstellung folgen, also dem Besteigen und Abschreiten
eines Berges die Nachbildung desselben in Sand oder Ton, der Anschauung
der Original-Turngeräte die Vorführung derselben im verkleinerten
Maßstabe. Das Formen in Sand, Ton und Wachs ist ein vortreffliches
Mittel, um dieser Forderung nachzukommen.
Wenn also das Streben des Unterrichts im allgemeinen auch darauf
hinausgehen muß, mit einem nicht zu ausgedehnten Tastfelde zu
operieren, so gibt es doch auch Fälle, wo es notwendig ist, den
Tastraum durch Zuhilfenahme eines Stabes zu +erweitern+, namentlich da,
wo es sich um die Veranschaulichung von Höhen- oder Tiefenverhältnissen
handelt. Die Höhe einer Türöffnung, die eines Zimmers, eines Baumes,
die Abzweigung eines mit dem Arm nicht erreichbaren Astes, die Tiefe
einer Grube, eines Gewässers: Das alles läßt sich mit Hilfe eines
Stabes feststellen[23]. Auch nach der entgegengesetzten Seite hin,
bei zu +geringer+ Ausdehnung der zu betastenden Stelle, muß ein feines
Stäbchen die Hand unterstützen, so bei der Untersuchung von Blüten,
von feinen Öffnungen an physikalischen Instrumenten u. dergl., überall
da, wo der Finger nicht eindringen kann. Beim Schreiben der Punkt-
und Flachschrift wirkt der Schreibstift als Taststäbchen[24]. Beim
Handfertigkeitsunterricht und bei gewerblichen Arbeiten werden die
Werkzeuge: Schere, Messer, Hammer usw., als Tastmittel gebraucht. Da
die geschickte Führung dieser Werkzeuge und das Tasten mit ihnen von
großer Wichtigkeit sind, ist es notwendig, dem Blinden solche einfachen
Instrumente zur Benutzung schon zeitig in die Hand zu geben. Dies kann
im Anschauungsunterricht, beim Formen, beim Handfertigkeitsunterricht,
in der Arbeitskunde und bei den ersten einfachen Flechtarbeiten, wie
sie in jeder Blindenanstalt eingeführt sind, geschehen.
Um die Tastfähigkeit der Hand zu entwickeln und zu vervollkommnen,
hat man die Einführung der +Hand- und Fingergymnastik+ in den
Blindenanstalten empfohlen. (Vergl. Gigerl, Die Hand, ihre Kräftigung
und Schulung durch Finger- und Handgelenk-Gymnastik im Dienste des
Blindenunterrichtes. Bldfrd. Jhrg. 1895 S. 15.) Ihr Wert dürfte aber
ein problematischer sein. Unbestrittene Tatsache ist es ja, daß viele
Schüler mit unentwickelten Händen in die Anstalt eintreten; bei
manchen ist dies sicher eine Folge der argen Vernachlässigung und
Untätigkeit im elterlichen Hause. Bei solchen Schülern werden aber die
vielseitigen Handgriffe und Übungen, wie sie der Unterricht erfordert
und wie sie sich beim Spiel und beim Umgang mit den Dingen von selbst
ergeben, ausreichen, um das Versäumte nachzuholen. Bei der Mehrzahl
aber hängt die unvollkommene Entwickelung der Handgeschicklichkeit
viel weniger von der anatomischen Beschaffenheit der Hand und der
Mechanik ihrer Muskulatur ab als vom +Gehirn+. Denn um eine Bewegung
zu erlernen, müssen ganz bestimmte Gehirnzentren in Betrieb
gestellt und geübt werden, damit sie die geeigneten Muskeln zu der
gewünschten Tätigkeit koordinieren. Dazu gehört aber Auffassungsgabe,
Aufmerksamkeit und Gedächtnis. Wo diese Fähigkeiten infolge
fehlerhafter Gehirnentwickelung nur in geringem Grade vorhanden sind,
da kann auch die eifrigst geübte Handgymnastik die Geschicklichkeit
und Tastfähigkeit der Hand nicht erhöhen. Die Zeit, die für diese
mechanischen und die Schüler nicht interessierenden Übungen gebraucht
wird, kann zur +anregenden Betätigung der Hände+ beim Spiel und bei
kleinen praktischen Arbeiten (vergl. Kap. VI, 2.) nutzbringender
verwendet werden. Der +Klavierspieler+, auch der blinde, mag von der
Fingergymnastik Gewinn haben, der blinde Schüler schlechthin hat ihn
nicht. Übrigens müßte, wenn die Tastfähigkeit der Hand hauptsächlich
von der Entwickelung der Muskulatur, der Lockerung der Sehnen und
Bänder abhinge, der blinde Klavierspieler, der Geigenspieler und
Maschinenschreiber jedem andern Blinden in der Handgeschicklichkeit
weit voraus sein. Das ist aber, wie die Erfahrung lehrt, im allgemeinen
nicht der Fall. Daß der Blinde beim Gehen auf der Straße sein Tastfeld
durch einen Stock vergrößert, der ihm bei der Orientierung wichtige
Dienste leistet, ist bekannt. Auch das +Fußtasten+ hilft ihm bei der
Orientierung; nicht nur, daß der tastende Fuß ihm Hindernisse, wie
Steine, Baumwurzeln und Unebenheiten des Weges anzeigt, sondern er
belehrt ihn auch über die Art des Bodens, auf dem er dahinschreitet:
ob ein fester oder sandiger Weg, ob Steinpflaster, Trottoir oder
Chaussee, ob ein Wiesenpfad oder Wegrain usw. Im Unterricht, besonders
beim Turnen, bei Spielen im Freien und bei Lehrausflügen, bietet sich
Gelegenheit, von dem Fußtasten reichlich Gebrauch zu machen.
Man kann, wie vorhin im physiologisch-psychologischen Sinne, so auch
im +didaktischen+ Sinne von +synthetischem+ und +analytischem+ Tasten
sprechen.
Wir nehmen an, der Blinde will einen bestimmten Baum kennen lernen. Der
Baum ist als Ganzes gegeben. Der Schüler geht nun in der Weise vor, daß
er das Ganze in seine Teile zerlegt und jeden Teil für sich betrachtet:
er umspannt den Stamm, um eine Anschauung von der Dicke desselben
zu bekommen; vielleicht erklettert er ihn, um sich von seiner Höhe
zu überzeugen; er betastet die Rinde und fühlt, ob sie glatt, rauh
oder tiefrissig ist; er sucht mit erhobenen Armen festzustellen, in
welcher Höhe sich die Äste vom Stamme abzweigen; er erfaßt einen Ast
und schüttelt ihn, um seine Festigkeit kennen zu lernen; er sucht die
Zweige, Blätter und Früchte auf usw. Der Blinde hat also eine Analyse
des Objekts vorgenommen. Der Geist bleibt aber bei dem Analysieren
nicht stehen; er fügt die einzelnen Teile wieder zum Ganzen zusammen,
geht nun also synthetisch vor. Analyse und Synthese ergänzen sich. In
dem vorliegenden Beispiel bleiben aber Analyse und Synthese ein +rein
geistiger Akt+ (der sich auf sinnlicher Grundlage vollzieht); denn die
Zerlegung des Baumes in seine Teile und deren Zusammenfügung zum Ganzen
kann nicht +tatsächlich+ vorgenommen werden.
Anders liegt folgender Fall. Der blinde Schüler erhält mehrere
gleichgroße Bausteine und legt sie nach Anweisung des Lehrers so
aufeinander, daß jeder folgende Stein ein wenig zurücktritt. So
entsteht eine Treppe. Ist diese fertig, so wird sie vom Schüler wieder
auseinandergenommen, indem er einen Stein nach dem andern entfernt.
Hier ist also +nicht das Ganze+ gegeben, sondern es sind +die Teile+
vorhanden, die zu einem Ganzen zusammengefügt werden sollen: es wird
das synthetische Verfahren eingeschlagen; der Synthese folgt die
Analyse. Beide Vorgänge bleiben nicht rein geistige Akte, sondern +sie
vollziehen sich tatsächlich, sinnlich+: die +Hand+ fügt zusammen, und
die +Hand+ zerlegt.
Es bedarf nicht langer Überlegung, um zu erkennen, welcher von den
beiden Fällen für die Vorstellungsbildung der günstigere ist, es ist
offenbar der zweite. Hier tritt die Hand zu den einzelnen Teilen des
Objekts in besonders innige Beziehung. Das ganze zusammengesetzte
Tastinstrument muß aufgeboten werden, um die Darstellung auszuführen,
namentlich treten Gelenke und Muskeln in volle Aktion. Arbeitsgefühle
machen sich geltend, und handelnd wird dem Schüler vieles klar, was ihm
entgeht, wenn das Objekt ein starres Ganzes ist, das er nur +im Geiste+
zerlegen und wieder zusammensetzen kann.
Es kommt noch folgendes dazu. Wo sich Synthese und Analyse +sinnlich+
vollziehen, ist die Möglichkeit vielseitiger Übung gegeben. Die aus
Bausteinen dargestellte Treppe kann der Schüler immer wieder von neuem
aus seiner Hand hervorgehen lassen. Dadurch wird der Bewegungssinn
fortwährend in Anspruch genommen und geübt; Muskeln und Gelenke werden
auf eine spezielle Arbeit abgestimmt, so daß nach und nach alle
hierbei unnötigen und erschwerenden Bewegungen der Hand wegfallen.
Das bedeutet aber eine Vervollkommnung des Tastens überhaupt, die der
weitern Entwickelung des Blinden zugute kommt. Gleichzeitig wird durch
die wiederholte Entstehung und Zerlegung des Objekts die Anschauung
vertieft und zu einem unverlierbaren Eigentum des Geistes gemacht.
Ferner kann bei dem darstellenden, aufbauenden Verfahren die
+Phantasie+ in lebhafte Tätigkeit treten. Der Schüler kann, um an das
frühere Beispiel anzuknüpfen, die Treppe hoch und niedrig, schmal
und breit bauen, er kann sie an eine Mauer lehnen oder zwischen zwei
Wände stellen, er kann sie als einfache oder Doppeltreppe ausführen.
Da bei dem Blinden die große Gefahr besteht, daß die Einbildungskraft
ausartet, so wird man die Gelegenheit, die sich hier zur Anknüpfung
phantasierender Tätigkeit an reale Verhältnisse bietet, nicht gering
anschlagen dürfen.
Die ältere Blindenpädagogik begnügte sich vorzugsweise mit der
Betrachtung +fertiger+ Objekte; man beschaffte Modelle und ließ sie
„anfühlen“. In neuerer Zeit sucht man den Unterricht möglichst so
einzurichten, daß die in der Betrachtung geübte Analyse und Synthese zu
+sinnlichen Vorgängen erhoben werden+. Man hat Lehrmittel ersonnen, die
das Bauen und Konstruieren erleichtern, man hat die Ideen Fröbels, die
dem Darstellungstriebe des Kindes entgegenkommen, dem Blindenunterricht
dienstbar gemacht und hat das Formen in Ton und Wachs, das Zeichnen
und den Handfertigkeitsunterricht in den Blindenanstalten eingeführt.
Dieser darstellende Unterricht kann und soll natürlich die Betrachtung
der wirklichen Dinge, wie sie aus Natur und Menschenhand hervorgehen,
nicht ersetzen und überflüssig machen. Das Verständnis der Wirklichkeit
ist immer die Hauptsache, ist das Ziel des Unterrichts; alles andere
ist als Hilfe zur Erreichung desselben anzusehen. So wird, um noch
einmal auf das Beispiel von der Treppe zurückzukommen, die am Hause
befindliche Holz- oder Steintreppe beim Unterricht nicht ausgeschaltet
werden dürfen; sie ist entweder der +Ausgangspunkt+ der Behandlung (in
diesem Falle dient die nachfolgende Darstellung mit Bausteinen als
Erläuterung), oder sie bildet den +Abschluß+ der Betrachtung (in diesem
Falle wird durch die voraufgehende Darstellung das Verständnis für die
Wirklichkeit vorbereitet).
Kann man von einer +Ästhetik des Tastens+ sprechen? Hat der Blinde
einen Genuß vom Berühren schöner Formen, vom Betasten einer Büste
mit edlen Zügen? Dr. Hohenemser, ein Blindgeborener, meint, an
dem Fühlen des kalten Marmors und Metalls können sich keine
ästhetischen Empfindungen entwickeln; dagegen spricht Helen Keller mit
überschwenglichen Worten von dem hohen Genuß, den ihr die schwellenden
Formen, die schön geschwungenen Linien des menschlichen Gesichts und
seiner Nachbildung bereiten. Wir stimmen weder der völligen Verneinung
noch der unbedingten Bejahung zu. Tatsächlich hat der im Tasten geübte
Blinde Freude an der Glätte, dem regelmäßigen Aufbau, der schönen
Linienführung eines Körpers; die Form- und Zeichenarbeiten vieler
Zöglinge der Blindenanstalten und die Leistungen mancher blinden
Handwerker sind der beste Beweis für ästhetisches Empfinden beim
Tasten. Aber dieses hält sich doch in recht bescheidenen Grenzen;
es versagt da, wo es sich um Feinheiten und um die Beurteilung der
Gesamtwirkung handelt. Damit sollen die Angaben von Helen Keller
nicht in Zweifel gezogen werden; das hochbegabte Mädchen ist eben
eine Ausnahme, die in diesem Punkte von dem Gros der Blinden nicht
erreicht wird. Für den Blinden gilt im allgemeinen die Regel: Das
Tastvermögen ist der +klarste+, das Gehör ist der +tiefste+ Sinn, der
Träger des Gemütslebens, der Vermittler des ästhetischen Genießens. --
Im Unterricht wird man, wo sich dazu Gelegenheit bietet (Modellieren,
Zeichnen, Geometrie, Naturgeschichte), auf Schönheit der Formen
hinweisen.
+Heller+, Die psychologische Grundlegung der Blindenpädagogik.
Kongr.-Ber. Köln a. Rh.-Düren 1888.
+Heller+, System der Blindenpädagogik. Kongr.-Ber. Kiel 1891.
+Dr. Theodor Heller+, Studien zur Blindenpsychologie. Leipzig 1904.
+Fischer+, Die Raumvorstellungen des Blinden. Kongr.-Ber. Hamburg
1907.
+Heller+, Zur Einführung in die Lehre vom Tasten. Bldfrd. 1909 S.
265.
+Burde+, Die Plastik des Blinden. Leipzig 1910.
+B. Das Hören.+
Über die Bedeutung von Gehörswahrnehmungen für den Blinden sind bereits
in dem Kapitel „Einfluß der Blindheit auf die geistige Entwickelung“
einige Andeutungen gemacht worden. Hier sollen dieselben ergänzt werden.
Es ist vielfach die Ansicht ausgesprochen worden, daß das Gehör
der +wichtigste+, der +führende+ Sinn des Blinden sei und daß
dementsprechend die Blindenpädagogik sich nicht in erster Linie auf den
Tast-, sondern auf den Gehörssinn gründen müsse. Die Vertreter dieser
Ansicht sind der Meinung, daß auch Schalleindrücke Raumvorstellungen
erzeugen und daß ein Blinder, dem etwa der Tastsinn fehlte, eine
vollständige Raumanschauung auf Grund seiner Gehörseindrücke erlangen
würde.
Tatsächlich gibt der Schall dem Blinden nur Aufschluß über die
+Schallrichtung+ und über die +Entfernung+ des schallerregenden
Objekts; doch kommen Täuschungen auch hierbei recht häufig vor. Th.
Heller hat Versuche mit Blinden angestellt, aus denen hervorging,
daß im allgemeinen die Verstärkung eines Schalles als Annäherung der
Schallquelle und Abschwächung des Geräusches als Entfernung derselben
gedeutet wurde, was doch nicht immer zutrifft. Auch die Schallrichtung
wurde häufig falsch angegeben[25].
Das Gehör des Blinden ist also von Natur nicht feiner als das des
Sehenden und besitzt nicht Qualitäten, die der Sehende nicht auch
besäße, namentlich keine raumbildenden; diese kommen vielmehr
ausschließlich dem Tastsinn zu. Der Vorschlag eines Augenarztes,
Blinde als Schiffsführer anzustellen, da sie auch bei Nebelwetter die
Richtung, aus welcher Signale anderer Schiffe oder vom Landungsplatz
ertönen, genauer anzugeben wüßten als Sehende, kann daher nur ein
Lächeln erregen.
Die Bedeutung des Gehörssinnes für die +Orientierung+ des Blinden
behält natürlich ihre volle Bedeutung; leistet doch das Gehör auch
dem Sehenden bei der Bewegung wichtige Dienste, die erst voll zum
Bewußtsein kommen, wenn man die Unsicherheit beobachtet, die der
Taube auf der Straße zeigt. Das Ohr wird dem Blinden also vielfach
zum Führer, und hat er gelernt, auf jedes Geräusch in seiner Umgebung
zu achten, so wächst bei ihm das Gefühl der Sicherheit. Streckt der
Blinde anfänglich die Arme ängstlich vor, um nicht anzustoßen, und ist
sein Schritt langsam und tastend, so wird, je mehr er das Ohr in den
Dienst der Orientierung stellt, seine Haltung freier und ungezwungener,
die vorgestreckten Arme sinken, das Gesicht verliert den ängstlichen
Ausdruck, und der Schritt beschleunigt sich. Für den Verkehr des
Blinden mit den Sehenden ist diese vorteilhafte Veränderung in der
Körperhaltung und Körperbewegung sehr wichtig: der Blinde wird weniger
auffällig. Man wird also darauf zu halten haben, daß im Unterricht,
beim Spiel und bei Spaziergängen die Bewegung des Blinden möglichst
durch Gehörseindrücke geleitet wird, etwa durch Zuruf, durch Klatschen
in die Hände, durch Hinweis auf den eigenen Schrittklang, durch
Erregung orientierender Geräusche mit einem Stock usw.[26].
Auch auf die von Stoff und Raum abhängige +Schallfärbung+ der
Geräusche und Töne muß der Blinde aufmerksam gemacht werden. Aus der
Art des Schalles kann er erkennen, ob ein geschlossener Raum groß
oder klein, hoch oder niedrig, gefüllt oder leer ist, ob der Fußboden
aus Steinfliesen, Holz oder Linoleum besteht, ob ein Wagen auf einem
sandigen Wege, einer Chaussee oder auf einer gepflasterten Straße
fährt, ob er von zwei oder vier Pferden gezogen wird, ob er auf zwei
oder vier Rädern rollt, ob der Eisenbahnzug durch einen Bergeinschnitt,
durch einen Tunnel oder über eine Brücke fährt, ob er an einem Zaun
oder einem Gebäude vorüber saust. Das Gehör tritt also überall dort an
Stelle des Tastens ein, wo es sich um ein schnelles, orientierendes
Erkennen im weiten Raum handelt. Werden mit vielen dieser
Schalleindrücke auch nur Surrogatvorstellungen verbunden, so sind sie
doch für den Blinden wichtig, da sie ihn mit der Ferne verbinden.
An dieser Stelle mag einiges über den sog. +Fernsinn+ der Blinden
gesagt sein.
Man versteht unter Fernsinn oder Ferngefühl das Vermögen des
Blinden, Gegenstände ohne Zuhilfenahme der tastenden Hände in einer
gewissen Entfernung wahrzunehmen. Das Ferngefühl ist ein Hilfsmittel
des Orientierungsvermögens, das aber von mancher Seite als etwas
Geheimnisvolles und Rätselhaftes hingestellt wird, als ein „+sechster
Sinn+“ des Blinden. Tatsache ist, daß die meisten Blinden, wenn
sie sich einem größeren Gegenstande nähern, diesen aus einiger
Entfernung wahrnehmen; umgekehrt erkennen sie die Annäherung eines
größeren Objekts schon auf 3 bis 4 Meter. Bei der Bewegung entstehen
Luftströmungen. Nähert sich eine Person einem größeren Gegenstande,
so verdichtet sich die Luftsäule vor demselben, und die verdichtete
Luft erfährt eine Reflexion nach der sich bewegenden Person hin.
Der veränderte Luftdruck wird von dieser wahrgenommen, besonders an
der Stirn. Mit der Verdichtung der Luft treten auch zugleich feine
Temperaturschwankungen auf; auch diese wirken auf die Haut ein.
Endlich verändert sich mit der Annäherung an einen größeren Körper das
Schrittgeräusch, so daß auch Schallerscheinungen bei der Wahrnehmung
des entfernten Gegenstandes mitwirken. Zuweilen ist bei diesen
Fernwahrnehmungen auch der Geruch beteiligt.
Da bei Blinden infolge der großen Übung sich der Druck- und
Temperatursinn der Haut und auch das Gehör verfeinert, ist es
begreiflich, daß sie Hindernissen schon in ansehnlicher Entfernung
ausweichen und dadurch das Staunen der Sehenden hervorrufen, die an
sich selbst eine solche Verfeinerung des Haut- und Gehörsinnes nicht
kennen lernen. Es ist deshalb aber nicht notwendig, eine solche auf
Übung und Aufmerksamkeit beruhende Steigerung der Sinnesempfindung
mit dem Namen eines „sechsten Sinnes“ zu belegen; in dem Wesen
der Blindheit liegt diese Steigerung nicht begründet. Von manchen
Blinden wird behauptet, daß das Ferngefühl auch dann wirksam ist,
wenn die Bewegung auf ein ruhendes Objekt hin unterbleibt, so daß
Druckempfindungen für die Wahrnehmung nicht in Frage kommen können.
Wenn hier nicht Täuschung vorliegt, bedarf diese Erscheinung noch der
Klärung und weiteren Untersuchung.
Von dem früheren Blindenlehrer +Truschel+-Straßburg wird die Ansicht
vertreten, daß neben den oben genannten Ursachen auch „unhörbare
Schallwellen“, d. h. solche, die unter der Reizschwelle bleiben,
das Ferngefühl hervorrufen. Sie kommen dem Blinden nicht auf dem
gewöhnlichen Wege durch das Ohr zum Bewußtsein, beeinflussen aber
trotzdem sein Empfinden.
Demgegenüber vertritt Professor +Kunz-Illzach+, und mit ihm die
Mehrzahl der Blindenlehrer, die oben dargelegte Auffassung, daß der
Fernsinn in einer Verfeinerung der Druck- und Gehörsempfindungen seine
Erklärung findet.
Daß Gehörseindrücke keine Raumvorstellungen erzeugen können, wurde
oben bereits gesagt. Wenn also Blinde behaupten, nach der Stimme
einer Person sich ein Bild derselben entwerfen zu können, so beruht
das auf eine Selbsttäuschung. Gewiß lassen sich aus der Stimme manche
körperlichen Eigenschaften und manche Charaktereigentümlichkeiten
des Sprechenden erkennen, aber gerade das, was hier behauptet wird:
eine Vorstellung der Form, der Gestalt, der Gesichtszüge aus der
Stimme zu gewinnen -- das kann das Gehör nicht leisten. Derartigen
Phantasiebildern kommt kein höherer Wert zu als dem beliebten
Vergleich von Tönen und Akkorden mit Farben: es sind und bleiben
Surrogatvorstellungen. +Das Gehör gewinnt nur dann Einfluß auf die
Raumvorstellung des Blinden, wenn es zum Tasten in Beziehung gesetzt
wird.+ Werden Schalleindrücke mit Tastvorstellungen aufs innigste
verbunden, so besteht die Möglichkeit, daß die ersteren die letzteren
reproduzieren, anders ausgedrückt, daß die Gehörseindrücke die durch
den Tastsinn festgestellte Form und Ausdehnung eines Körpers ins
Bewußtsein zurückrufen. Daß dies sehr wichtig ist, liegt auf der Hand:
erst in diesem Falle bleiben die dem Blinden sich darbietenden Töne und
Geräusche keine bloßen Luftgebilde, die dem Spiel der Phantasie dienen,
sondern sie führen ihm einen konkreten Inhalt zu; erst so wird die
Beschränkung des Tastsinnes ausgeglichen: das Gehör erspart dem Blinden
die Wiederholung des Tastens.
Die Möglichkeit, daß Gehörsvorstellungen, die ursprünglich mit
Tastvorstellungen verbunden waren (Tasthören), das Tastbild
reproduzieren, ist physiologisch im Bau des Gehirns begründet.
Die durch Reize verschiedener Sinne hervorgerufenen Nervenregungen
konzentrieren sich an räumlich getrennten Stellen der Großhirnrinde,
oder anders ausgedrückt: die einzelnen Sinneszentren gehören
verschiedenen Teilen der Großhirnrinde an. Die Erregungen lassen in
dieser Spuren zurück (latente Dispositionen), welche es ermöglichen,
daß das gewissermaßen schlummernde Erinnerungsbild psychisch wieder
lebendig wird, wenn ein geeignetes seelisches Erlebnis hinzutritt.
Da die Sinneszentren getrennt sind, darf man auch ein Getrenntsein
der latenten Dispositionen annehmen. Nun sind aber die einzelnen
Regionen des Gehirns durch besondere Nervenleitungsbahnen, die in ihrer
Beschaffenheit von den Empfindungs- und Bewegungsnerven abweichen,
mit einander verbunden; man nennt sie Assoziationsfasern. Es ist
also im Gehirn die Möglichkeit einer Verbindung von Erregungen, die
verschiedenen Sinnesgebieten angehören, gegeben. Darum werden auch
Erregungen, welche verschiedenen Stellen der Großhirnrinde gleichzeitig
zugeleitet werden (simultane Assoziation), in ihrer +Gesamtheit+
wiederholt, wenn auch nur +eine+ Erregung wieder eintritt. Wir
nehmen an, das blinde Kind erlangt durch allseitiges Betasten eines
Gummiballes eine Vorstellung von seiner Gestalt und Größe. Es wirft
auch den Ball zur Erde, so daß ihm der bekannte Schalleindruck des
springenden Balles zum Bewußtsein kommt. Beide Vorstellungen, die
haptische und die akustische, gehen eine Verbindung ein (Assoziation).
Tritt später einmal dem Kinde ein Geräusch entgegen, das dem früher
gehörten gleich oder ähnlich ist, so wird die Vorstellungsverbindung
wieder hergestellt: die Gehörsvorstellung reproduziert das Tastbild des
Balles.
Es ist darum eine Hauptaufgabe des Blindenunterrichts, das „Tasthören“
zu pflegen, die innige Verbindung zwischen Tasten und Hören
herzustellen. Jeder Gegenstand, der durch den Tastsinn erkannt ist,
soll auch durch das Gehör geprüft werden, und bei erneuter Vorführung
desselben soll das Objekt durch das Ohr erkannt werden.
+Dr. Th. Heller+, Studien zur Blindenpsychologie. Leipzig 1904.
+Brandstäter+, Etwas von den Blinden. Bldfrd. 1905 S. 73.
+Dr. Th. Zell+, Die Blinden und der sechste Sinn. Bldfrd. 1905 S.
173.
Das Ferngefühl der Blinden. Bldfrd. 1906 S. 23.
Das Orientierungsvermögen und das sogenannte Ferngefühl der Blinden
und Taubblinden. Vortrag von Professor M. +Kunz+. Kongr.-Ber.
Hamburg 1907. (In der Besprechung dieses Vortrages [Bericht S. 175
ff.] legt Truschel-Straßburg seine Ansichten über den Fernsinn kurz
dar.)
+Kunz+, Weitere Versuche über das Orientierungsvermögen und
Ferngefühl der Blinden und Taubblinden. Leipzig, Engelmann 1908.
+Truschel+, Das Problem des sog. sechsten Sinnes der Blinden.
Leipzig, Engelmann 1909.
+Kunz+, Das Orientierungsvermögen und das sog. Ferngefühl der
Blinden und Taubblinden. Separatabdruck aus dem Int. Archiv für
Schulhygiene IV. Leipzig, Engelmann.