Der Blindenlehrer.
Von dem Blindenlehrer ist in erster Linie zu wünschen, daß er aus
+Neigung+, nicht aus äußeren Gründen in seinen Beruf eintritt. Es
ist mancherlei, was diesen Beruf anziehend macht und die Neigung
zu ihm begünstigt. Dem +Menschenfreunde+ wird es als eine edle und
befriedigende Aufgabe erscheinen, zum Helfer besonders unglücklicher,
schwer geprüfter Brüder und Schwestern ausersehen zu sein. Den +Lehrer+
wird es reizen, den oft vielverschlungenen Pfaden nachzuspüren, auf
denen dem Geiste des blinden Kindes Licht und Erkenntnis zugeführt
werden kann. Der +Erzieher+ wird seine Freude an dem frischen,
fröhlichen Leben der großen Anstaltsfamilie haben, wo er Vertrauen,
Anhänglichkeit und Dankbarkeit in reichem Maße findet.
Demgegenüber steht manches, was bedenklich stimmen kann und den
Entschluß zum Eintritt in den Dienst der Blindenanstalt schwer macht.
Die Blindenanstalt ist ein +Internat+, und ein solches fordert von
dem Lehrer Dienste, die in reinen Unterrichtsanstalten nicht verlangt
werden: Inspektionspflicht, Unterhaltung der Zöglinge in schulfreien
Stunden durch Vorlesen, Spielen u. dergl., Verwaltung von Ämtern, die
im Institutsleben begründet sind (Kassen-, Kleiderverwaltung usw.)
und manche andern Dienste. Der +Blindenunterricht+ ist mühsamer als
der Unterricht sehender Schüler; er erfordert eine Vorbereitung, die
nicht bloß am Schreibtisch geleistet werden kann, sondern auch eine
vielfache manuelle Betätigung des Lehrers außerhalb der Unterrichtszeit
notwendig macht. Die Lehrmittel muß der Blindenlehrer teilweise selber
schaffen und instand halten; die Korrektur der schriftlichen Arbeiten
ist zeitraubend und anstrengend. Der Unterricht verlangt in besonderem
Maße Geduld und Ausdauer und bereitet dem eifrig vorwärtsstrebenden
Lehrer oft Hemmnisse, die er schmerzlich empfindet. Endlich muß der
Blindenlehrer sich manche +Kenntnisse+ und +Fertigkeiten+ aneignen, die
einem andern Lehrer fernliegen, und diese Kenntnisse und Fertigkeiten
und seine Befähigung zum Blindenlehrer überhaupt muß er meist in einer
+Prüfung+ nachweisen.
Wer also vor die Frage gestellt wird, ob er sich dem Dienste der
Blinden widmen will, wird sich ernstlich prüfen müssen, ob Kraft und
Neigung dazu ausreichen. Wer mit frischem Mut und mit innerer Teilnahme
das Amt eines Blindenlehrers übernimmt, der wird allerdings bald
erkennen, daß es ein köstlicher und wahrhaft befriedigender Beruf ist,
den er erwählt hat, und sein Amt wird ihm, je länger desto mehr, ans
Herz wachsen.
Im Nachfolgenden sollen diejenigen Eigenschaften zusammengestellt
werden, die von dem Blindenlehrer zu wünschen und zu verlangen sind.
+Der Blindenlehrer muß seinem Wesen und seinem Charakter nach in den
Kreis der Blinden hineinpassen.+
Es gibt weichgestimmte Leute, die keinen Blinden sehen können, ohne
in ihrem ganzen Gefühl aufs tiefste erregt zu werden. Ein dauernder
Umgang mit Blinden würde ihnen zur seelischen Qual werden. Andere
werden durch das häufig entstellte Gesicht der Blinden oder durch
manche häßliche Angewohnheit einzelner unangenehm berührt, und ein
Zusammensein mit solchen würde ihnen große Selbstüberwindung kosten.
Der Blindenlehrer muß nach der einen und der andern Seite hin frei sein
von Empfindlichkeit, frei von Gefühlsweichheit und frei von Gefühlen
der Abneigung. Nicht als ob zu wünschen wäre, daß er gleichgültig und
unempfindlich im Kreise der Blinden sich bewegte, sondern nur dies wird
notwendig sein, daß er sich durch das Elend, das ihm mit der Blindheit
vor Augen tritt, in der Ausübung seines Amtes nicht stören läßt. Ein
+mitfühlendes Herz+ braucht er ganz gewiß, und eine +barmherzige
Gesinnung+, die auch dem entstellten und von der Natur stiefmütterlich
bedachten Blinden sich nicht entzieht, ebenso. Vor einem Lehrer mit
hartem Gemüt und kaltem Gefühl sollen die Blinden bewahrt bleiben.
Ein +freundliches Wesen+ wird dem Blindenlehrer das Herz seiner
Zöglinge öffnen. Freundlichkeit zeigt sich dem Blinden gegenüber vor
allem in dem Ton der Stimme. Durch eine harte, scharfe, übermäßig
laute Stimme wird der Blinde abgestoßen; ein weicher, ruhigfester,
modulationsreicher Stimmton berührt ihn angenehm. Selbstverständlich
darf die Freundlichkeit nicht in süßliches Wesen ausarten, noch weniger
darf sie sich in Liebkosungen äußern. Das blinde Kind empfindet die
Freundlichkeit des Lehrers am tiefsten, wenn sie sich mit Würde
und Stetigkeit paart. Freundlich sei auch der Unterrichtston. Es
wird ja bei der Umständlichkeit des Unterrichts und bei der öfteren
Notwendigkeit, sich mit einer Sache an jeden einzelnen Schüler zu
wenden, die Geduld und Ausdauer des Lehrers oft auf eine harte Probe
gestellt, zumal wenn es sich um schwache Schüler handelt; aber mit
heftigen Gefühlsausbrüchen, mit Klagen, Drohungen und Strafen wird
der Unterricht nicht gefördert. Ein heftiger Lehrton erschreckt die
Schüler und bringt doppelten Ärger und Verdruß. Eine gleichmäßige
Heiterkeit, die über dem Unterricht ausgebreitet ist, öfters ein
Wort der Anerkennung, selten ein Wort des Tadels, zuweilen, wo sie
angebracht erscheint, eine humoristische Bemerkung, innere Wärme in der
Darbietung des Stoffes, Lebendigkeit des Lehrgesprächs: das alles wird
die glücklichste Stimmung für den Unterricht erzeugen.
Von dem Blindenlehrer ist ferner zu wünschen, daß er eine +bewegliche
Natur+ sei. Die Blinden neigen infolge ihres Gebrechens vielfach zur
Ruhe, zum passiven Verhalten. Es kommt darauf an, sie zur Aktivität,
zur lebendigen Teilnahme, zum tätigen Erfassen der Wirklichkeit zu
erziehen. Ein Lehrer, der einen beweglichen Sinn hat, wird die Schüler
durch die ganze Art, wie er sich gibt, fortreißen und wird auch
die langsamen und trägen Naturen munter machen. Ein phlegmatischer
Lehrer mit träger, matter Sprache, wird in einer Blindenklasse leicht
langweilig und erzielt Träumer. Namentlich für die unteren Klassen ist
ein solcher Lehrer unbrauchbar.
+Der Blindenlehrer soll eine durch Beobachtung und Studium
tiefgegründete Kenntnis von dem Wesen und der Natur des blinden Kindes
besitzen.+
Dazu wird zunächst notwendig sein, daß er eine genaue Kenntnis der
Kindesnatur überhaupt besitzt. Der Blinde ist in seinem Wesen und in
seiner Entwickelung dem Sehenden gleich; eine besondere +Psychologie
des Blinden+ gibt es nicht; es zeigen sich bei ihm nur bestimmte, in
dem Fehlen des Augenlichtes begründete +Abweichungen+ der seelischen
Entwickelung. Die Grundlage für das Verständnis der Natur des Blinden
wird also immer die allgemeine Psychologie sein. Ein sorgfältiges
Studium derselben ist für den Blindenlehrer unerläßlich. Es ist hier
nicht der Ort, für ein besonderes psychologisches System einzutreten,
aber soviel darf gesagt sein, daß die von Wundt begründete neuere
Psychologie gerade dem Blindenlehrer außerordentlich viel Anregung
bietet. Da mit der Blindheit häufig auch geistige Defekte verbunden
sind, ist ein Studium der pädagogischen Pathologie ebenfalls geboten.
Außer dem Studium der allgemeinen Kinderpsychologie wird der
Blindenlehrer sich in der Spezialliteratur seines Gebietes fleißig
umschauen müssen. Die deutsche Blindenliteratur ist bei der kaum
ein Jahrhundert umfassenden Entwickelung des Blindenbildungswesens
noch wenig umfangreich und umfaßt in der Hauptsache die Berichte der
Blindenlehrer-Kongresse, die Fachzeitschrift „Der Blindenfreund“ und
einige Werke biographischer Art. Doch enthalten diese Werke eine
Fülle von wichtigen Aufsätzen und Abhandlungen, die besonders deshalb
so wertvoll sind, weil die meisten von ihnen aus der unmittelbaren
Beobachtung der Blinden und aus der Praxis des Unterrichts und der
Erziehung heraus entstanden sind. Auf das groß angelegte Werk von
Mell, „Encyklopädisches Handbuch des Blindenwesens“ muß noch besonders
hingewiesen werden[16].
Neben das Studium der Pädagogik im allgemeinen und das der
Blindenpädagogik im besonderen tritt die +Beobachtung+ des Blinden.
Dieses lebendige Studium hat, wenn es in rechter Weise geschieht,
einen hohen Wert und einen besondern Reiz; es führt dazu, daß der
Lehrer sich mehr und mehr in die Lage des Blinden, in sein Denken und
Fühlen hineinversetzen lernt. Damit gewinnt er das rechte Verständnis
für die Bedürfnisse des Blinden und einen Blick für das Notwendige
und Erreichbare im Unterricht. Zu einer solchen Beobachtung reichen
freilich die Schulstunden allein nicht aus, schon deshalb nicht, weil
das Kind durch die Unterrichtsdisziplin zu einer gewissen Zurückhaltung
gezwungen wird. Aber im Umgange mit den Kameraden, beim Spiel, bei den
Mahlzeiten, in den Stunden der stillen Selbstbeschäftigung, bei den
Gesprächen der Blinden untereinander, bei den kleinen Arbeiten in der
Flechtwerkstätte, bei den Vorlese- und Unterhaltungsstunden, zeigen
sich die Zöglinge in ihrem wahren Wesen und geben dem beobachtenden
Lehrer oft Aufschlüsse über manches, was ihm im Unterricht rätselhaft
und unklar an ihnen erscheint. Hier besonders wird er, wie in einem
späterm Kapitel noch hervorgehoben werden wird, erkennen, daß ein
Kind, welches im Unterricht stumpf und teilnahmslos erscheint, doch
nicht ganz interesselos ist und noch manche schätzenswerte praktische
Leistung vollbringt. So führt die Beobachtung des Zöglings zu
einer gerechten Beurteilung desselben. Beim Spiel und der stillen
Beschäftigung kann der Lehrer oft für den +Unterricht+ viel lernen,
besonders für die Art der Veranschaulichung, die Art der Orientierung
und die Weise, wie der Blinde die Dinge sich dienstbar machen kann. Mit
Rücksicht auf die Beobachtung der Zöglinge (und auch aus erziehlichen
Gründen) ist es wünschenswert, daß die Blindenlehrer nicht außerhalb
der Anstalt wohnen, sondern ihre Wohnung auf dem Anstaltsgrundstück
haben. Andernfalls müssen sie ihre Inspektionstage gewissenhaft dazu
benutzen, die Zöglinge gründlich zu beobachten.
+Der Blindenlehrer soll auch in bezug auf den Lehrstoff ein Mann von
gründlichem Wissen sein.+
Es ist bekannt, daß die tüchtigsten und kenntnisreichsten Männer einen
besonders geschärften Blick für das Wichtigste und Grundlegende eines
Wissengebietes besitzen. Ein Lehrer, der aus dem Vollen schöpft, wird
die Stoffe zweckmäßig auswählen; er wird sich auf +das+ beschränken,
was dem Blinden verständlich gemacht werden kann und was notwendig ist,
damit er einen Einblick in das Wesen einer Sache gewinnt. Ein Lehrer
mit dürftigen Kenntnissen wird dagegen meist geneigt sein, auch viel
Unwesentliches zu bieten, so daß die Schüler das, was für sie besondern
Wert hat, nicht mit voller Klarheit erfassen und aufnehmen. Gründliches
Wissen befähigt aber auch, mit den +einfachsten Hilfsmitteln+ im
Unterricht zu operieren. Es sei an Helmholtz erinnert, der nach seinem
eigenen Geständnis die tiefsten physikalischen Probleme mit Hilfe
von ganz einfachen Dingen, wie Garnrollen u. dergl., ergründete.
Und Wundt, der große Meister der Psychologie, hat erst kürzlich an
der Hand eines einzigen einfachen Instruments, des Metronoms, eine
tiefgehende Einführung in sein Spezialgebiet gegeben. Von einem
Blindenlehrer, der großen Wert auf die Anschaffung von vielen und
teuren Anschauungsmitteln und Apparaten legt, ist zu vermuten, daß
seine Herrschaft über den Stoff keine souveräne ist.
Es ist wünschenswert, daß der Blindenlehrer sich +in einige Gebiete
besonders vertieft+ und hier Spezialstudien, auch nach der methodischen
Seite hin, treibt. Wie in dem Abschnitt über den Unterrichtsbetrieb
gezeigt wird, ist auf der oberen Stufe der Blindenschule
+Fachunterricht+ zu empfehlen. Die Vertiefung des Blindenlehrers in
einige Spezialfächer ist die Vorbedingung hierzu. Sehr erwünscht ist
bei allen Lehrern eine gute +musikalische Befähigung+; diejenigen
von ihnen, die den Gesangunterricht auf der oberen Stufe und den
Instrumentalunterricht an fortgeschrittene Schüler erteilen, sollen
eine +gründliche musikalische Bildung+ besitzen, die event. auf einem
Konservatorium ihren Abschluß gefunden hat.
+Der Blindenlehrer muß technische Begabung und Handgeschicklichkeit
besitzen.+
Der Blindenunterricht fordert in weit höherem Maße eine manuelle
Betätigung des Lehrers als jeder andere Unterricht. Schon die
körperliche Veranschaulichung des Lehrstoffes nötigt den Lehrer
fortwährend zum Gebrauch seiner Hände. Mit wenigen Griffen muß er eine
plastische Gruppe, eine technische Vorrichtung des täglichen Lebens
darstellen; die Lehrmittel Fröbelscher Art muß er in vielseitiger
Weise verwenden können; Stäbchen, Brettchen, Linoleumstreifen,
Wachs und Draht sollen in seinen Händen die Rolle spielen, die in
der Schule der Sehenden der Kreide zukommt; allerlei Abfallstoffe
aus dem Haushalt und aus handwerklichen Betrieben können ihm im
Unterricht wichtige Dienste leisten. Ein Lehrer, der wenig technische
Begabung besitzt, wird trotz allen Fleißes in einer Blindenklasse
oft ratlos dastehen und dann versuchen, mit Worten zu erklären, was
einzig durch den Tastsinn aufgefaßt werden kann. Zudem ist es ja
eine Hauptaufgabe des Blindenunterrichts, die Hände der Schüler zur
größtmöglichen Tastfähigkeit auszubilden; das kann aber, wie später
gezeigt wird, nur durch häufige Betätigung der Hände im Umgang mit
den Dingen und durch manuelle Darstellung geschehen. Hier soll
der Lehrer vorbildlich wirken; beim Formen, Zeichnen, Bauen und
Experimentieren muß er frisch zugreifen, nachhelfen und berichtigen,
dann werden auch die Schüler Interesse an der Arbeit finden. Merkt der
Blindenlehrer, daß sein technisches Können nicht ausreicht, so mag
er einen Handfertigkeitskursus durchmachen oder noch besser in der
Lehrmittelwerkstätte der Anstalt nach der Anleitung eines erfahrenen
Kollegen tätig sein. Leider gibt es für Blindenlehrer noch keine
technischen Kurse, welche die speziellen Bedürfnisse der Blindenanstalt
berücksichtigen; ihre Einführung würde von großem Nutzen sein. Die
Handgeschicklichkeit des Lehrers kommt auch der Lehrmittelsammlung
der Anstalt zugute, denn nicht alle Anschauungsmittel können käuflich
erworben werden; ein großer Teil wird von dem Blindenlehrer selbst
hergestellt werden müssen, wie denn wohl in fast allen Anstalten die
wertvollsten und zweckmäßigsten Lehrmittel für den Blindenunterricht
ihre Entstehung den fleißigen und geschickten Händen technisch begabter
Lehrer verdanken.
So wird der Blindenlehrer bei allen tüchtigen Kenntnissen doch
nicht ein Gelehrter, sondern ein Mann des praktischen Lebens sein.
Insbesondere wird er das in unserer Zeit so vielgestaltige und in
verwirrender Hast sich abspielende Kulturleben in seinen Grundlagen und
einfachen Formen aus praktischer Anschauung heraus kennen gelernt haben
müssen. Ist er als Knabe im Elternhause zu den Dingen des täglichen
Lebens in nähere Beziehung getreten, hat er in der Hauswirtschaft
gar selbst Hand angelegt, so ist damit ein überaus wertvolles
Erfahrungsmaterial sein persönliches Eigentum geworden; es wird ihm im
Unterricht die schätzbarsten Dienste leisten und ihn befähigen, die
blinden Schüler zum nutzbringenden Umgang mit den Dingen anzuleiten.
+Der Blindenlehrer soll ein Meister der Methode sein.+
Das wäre freilich von +jedem+ Lehrer zu wünschen; aber bei
sehenden Schülern kann der Unterricht doch auch bei mangelhafter
methodischer Begabung des Lehrers, sofern dieser nur treu arbeitet,
immer noch Erfreuliches leisten. Die gründliche Anschauung durch
das Auge, die Anregung durch Abbildungen und gute Lehrmittel, die
Hilfe durch Lehrbücher und Leitfäden bilden doch eine ins Gewicht
fallende Ergänzung zu einem methodisch ungeschickten Verfahren. Im
Blindenunterricht dagegen steht und fällt alles mit der methodischen
Begabung des Lehrers. Ein bloßes Einüben von Kenntnissen und
Fertigkeiten, ein „Aufgeben“ aus einem Lehrbuche und ein Abhören des
Gelernten wäre das Traurigste, was in der Blindenschule geschehen
könnte: die gesamte Bildung des Schülers wäre totes Gedächtniswerk.
Dagegen hat der Unterricht lebendige Kraft, wenn der Lehrer den
Stoff methodisch meistert. Die Meisterschaft wird sich besonders
zeigen in der Angleichung des Stoffes und des Lehrverfahrens an
den Standpunkt des Schülers, in der anschaulichen und anregenden,
die Kraftentwickelung des Zöglings fördernden Darbietung, in dem
wohlabgemessenen Wechsel zwischen geistiger und manueller Betätigung,
in dem Bestreben, das rechte Verhältnis zwischen dem Klassenunterricht
und der Beschäftigung mit dem Einzelnen zu finden, in der weisen
Verwertung der besondern Gaben und Kräfte jedes einzelnen Schülers, in
der Förderung der Schwachen und Zurückgebliebenen.
+Dem Blindenlehrer soll ein treues Zusammenwirken mit den Mitarbeitern
und die Gewinnung eines friedlichen und freundlichen Verhältnisses zu
ihnen am Herzen liegen.+
Es ist zu bedenken, daß die Anstalt mit allen ihren Insassen eine große
Familie bildet, in der Einigkeit und Friede herrschen muß, wenn sie
gedeihen soll. Diese Einigkeit wird aber schwer gefährdet, wenn das
Verhältnis der Lehrer zu einander ein gespanntes und unfreundliches
ist, wenn Eifersüchteleien zu einem ängstlich-lieblosen Beobachten
untereinander führen, wenn ein Kollege den anderen zu verdächtigen und
herabzusetzen sucht. Die Zöglinge merken solche Unstimmigkeiten sehr
bald und kommen dabei in Verlegenheit und Bedrängnis in ihrem Verhalten
zu den einzelnen Lehrern. In jedem Falle leidet die Erziehung schwer.
Am schlimmsten ist es, wenn die Uneinigkeit im Kollegium dazu führt,
daß sich unter den Zöglingen Cliquen bilden, die gegeneinander eifern.
Auch der Unterricht wird geschädigt, wenn das Band der Eintracht im
Lehrerkollegium zerrissen ist, denn der Blindenunterricht fordert eine
so häufige Beziehung der Lehrfächer zu einander (man denke z. B. an
die Verbindung des Formens und Zeichnens mit +allen+ Disziplinen),
eine so innige Verknüpfung des Lehrstoffes der verschiedenen Gebiete
(man denke an Anschauungsunterricht und Heimatkunde, Geographie und
Arbeitskunde, Raumlehre und Zeichnen), daß gegenseitige Erkundigungen
und Besprechungen der Lehrer miteinander nicht entbehrt werden können.
Sollen noch die +ethischen Qualitäten+ des Blindenlehrers hervorgehoben
werden, so wäre zunächst zu sagen, daß er +ein humaner Mann+ sein
muß, ein Mann von Herz und Gemüt, dem es eine Lust und ein Bedürfnis
ist, den Blinden zu helfen, ein Mann mit hohem Sinn, der den blinden
Zöglingen mit Vertrauen entgegenkommt, von dem Friede und Freude
ausgeht. Endlich muß gewünscht werden, daß er +eine in Gott gegründete
Persönlichkeit+ ist, daß er sein Amt als ihm von dem Höchsten gegeben
betrachtet und es im Aufblick zu ihm mit aller Treue verwaltet. Nur ein
solcher Lehrer kann die Blinden zu jener Lebensfreudigkeit anleiten,
die im Vertrauen auf Gottes Führung ihre Wurzel hat.
+Wulff+, Des Blindenlehrers Trost und Zuversicht. Kongr.-Ber.
Frankfurt a. M. 1882.
+Lembcke+, Welche Anforderungen stellt der Beruf an den
Blindenlehrer? Kongr.-Ber. Steglitz-Berlin 1898.
+Merle+, Die Blindenlehrerprüfungen. Kongr.-Ber. Breslau 1901.