IV.

Der Blindenlehrer.

Von dem Blindenlehrer ist in erster Linie zu wünschen, daß er aus

+Neigung+, nicht aus äußeren Gründen in seinen Beruf eintritt. Es

ist mancherlei, was diesen Beruf anziehend macht und die Neigung

zu ihm begünstigt. Dem +Menschenfreunde+ wird es als eine edle und

befriedigende Aufgabe erscheinen, zum Helfer besonders unglücklicher,

schwer geprüfter Brüder und Schwestern ausersehen zu sein. Den +Lehrer+

wird es reizen, den oft vielverschlungenen Pfaden nachzuspüren, auf

denen dem Geiste des blinden Kindes Licht und Erkenntnis zugeführt

werden kann. Der +Erzieher+ wird seine Freude an dem frischen,

fröhlichen Leben der großen Anstaltsfamilie haben, wo er Vertrauen,

Anhänglichkeit und Dankbarkeit in reichem Maße findet.

Demgegenüber steht manches, was bedenklich stimmen kann und den

Entschluß zum Eintritt in den Dienst der Blindenanstalt schwer macht.

Die Blindenanstalt ist ein +Internat+, und ein solches fordert von

dem Lehrer Dienste, die in reinen Unterrichtsanstalten nicht verlangt

werden: Inspektionspflicht, Unterhaltung der Zöglinge in schulfreien

Stunden durch Vorlesen, Spielen u. dergl., Verwaltung von Ämtern, die

im Institutsleben begründet sind (Kassen-, Kleiderverwaltung usw.)

und manche andern Dienste. Der +Blindenunterricht+ ist mühsamer als

der Unterricht sehender Schüler; er erfordert eine Vorbereitung, die

nicht bloß am Schreibtisch geleistet werden kann, sondern auch eine

vielfache manuelle Betätigung des Lehrers außerhalb der Unterrichtszeit

notwendig macht. Die Lehrmittel muß der Blindenlehrer teilweise selber

schaffen und instand halten; die Korrektur der schriftlichen Arbeiten

ist zeitraubend und anstrengend. Der Unterricht verlangt in besonderem

Maße Geduld und Ausdauer und bereitet dem eifrig vorwärtsstrebenden

Lehrer oft Hemmnisse, die er schmerzlich empfindet. Endlich muß der

Blindenlehrer sich manche +Kenntnisse+ und +Fertigkeiten+ aneignen, die

einem andern Lehrer fernliegen, und diese Kenntnisse und Fertigkeiten

und seine Befähigung zum Blindenlehrer überhaupt muß er meist in einer

+Prüfung+ nachweisen.

Wer also vor die Frage gestellt wird, ob er sich dem Dienste der

Blinden widmen will, wird sich ernstlich prüfen müssen, ob Kraft und

Neigung dazu ausreichen. Wer mit frischem Mut und mit innerer Teilnahme

das Amt eines Blindenlehrers übernimmt, der wird allerdings bald

erkennen, daß es ein köstlicher und wahrhaft befriedigender Beruf ist,

den er erwählt hat, und sein Amt wird ihm, je länger desto mehr, ans

Herz wachsen.

Im Nachfolgenden sollen diejenigen Eigenschaften zusammengestellt

werden, die von dem Blindenlehrer zu wünschen und zu verlangen sind.

+Der Blindenlehrer muß seinem Wesen und seinem Charakter nach in den

Kreis der Blinden hineinpassen.+

Es gibt weichgestimmte Leute, die keinen Blinden sehen können, ohne

in ihrem ganzen Gefühl aufs tiefste erregt zu werden. Ein dauernder

Umgang mit Blinden würde ihnen zur seelischen Qual werden. Andere

werden durch das häufig entstellte Gesicht der Blinden oder durch

manche häßliche Angewohnheit einzelner unangenehm berührt, und ein

Zusammensein mit solchen würde ihnen große Selbstüberwindung kosten.

Der Blindenlehrer muß nach der einen und der andern Seite hin frei sein

von Empfindlichkeit, frei von Gefühlsweichheit und frei von Gefühlen

der Abneigung. Nicht als ob zu wünschen wäre, daß er gleichgültig und

unempfindlich im Kreise der Blinden sich bewegte, sondern nur dies wird

notwendig sein, daß er sich durch das Elend, das ihm mit der Blindheit

vor Augen tritt, in der Ausübung seines Amtes nicht stören läßt. Ein

+mitfühlendes Herz+ braucht er ganz gewiß, und eine +barmherzige

Gesinnung+, die auch dem entstellten und von der Natur stiefmütterlich

bedachten Blinden sich nicht entzieht, ebenso. Vor einem Lehrer mit

hartem Gemüt und kaltem Gefühl sollen die Blinden bewahrt bleiben.

Ein +freundliches Wesen+ wird dem Blindenlehrer das Herz seiner

Zöglinge öffnen. Freundlichkeit zeigt sich dem Blinden gegenüber vor

allem in dem Ton der Stimme. Durch eine harte, scharfe, übermäßig

laute Stimme wird der Blinde abgestoßen; ein weicher, ruhigfester,

modulationsreicher Stimmton berührt ihn angenehm. Selbstverständlich

darf die Freundlichkeit nicht in süßliches Wesen ausarten, noch weniger

darf sie sich in Liebkosungen äußern. Das blinde Kind empfindet die

Freundlichkeit des Lehrers am tiefsten, wenn sie sich mit Würde

und Stetigkeit paart. Freundlich sei auch der Unterrichtston. Es

wird ja bei der Umständlichkeit des Unterrichts und bei der öfteren

Notwendigkeit, sich mit einer Sache an jeden einzelnen Schüler zu

wenden, die Geduld und Ausdauer des Lehrers oft auf eine harte Probe

gestellt, zumal wenn es sich um schwache Schüler handelt; aber mit

heftigen Gefühlsausbrüchen, mit Klagen, Drohungen und Strafen wird

der Unterricht nicht gefördert. Ein heftiger Lehrton erschreckt die

Schüler und bringt doppelten Ärger und Verdruß. Eine gleichmäßige

Heiterkeit, die über dem Unterricht ausgebreitet ist, öfters ein

Wort der Anerkennung, selten ein Wort des Tadels, zuweilen, wo sie

angebracht erscheint, eine humoristische Bemerkung, innere Wärme in der

Darbietung des Stoffes, Lebendigkeit des Lehrgesprächs: das alles wird

die glücklichste Stimmung für den Unterricht erzeugen.

Von dem Blindenlehrer ist ferner zu wünschen, daß er eine +bewegliche

Natur+ sei. Die Blinden neigen infolge ihres Gebrechens vielfach zur

Ruhe, zum passiven Verhalten. Es kommt darauf an, sie zur Aktivität,

zur lebendigen Teilnahme, zum tätigen Erfassen der Wirklichkeit zu

erziehen. Ein Lehrer, der einen beweglichen Sinn hat, wird die Schüler

durch die ganze Art, wie er sich gibt, fortreißen und wird auch

die langsamen und trägen Naturen munter machen. Ein phlegmatischer

Lehrer mit träger, matter Sprache, wird in einer Blindenklasse leicht

langweilig und erzielt Träumer. Namentlich für die unteren Klassen ist

ein solcher Lehrer unbrauchbar.

+Der Blindenlehrer soll eine durch Beobachtung und Studium

tiefgegründete Kenntnis von dem Wesen und der Natur des blinden Kindes

besitzen.+

Dazu wird zunächst notwendig sein, daß er eine genaue Kenntnis der

Kindesnatur überhaupt besitzt. Der Blinde ist in seinem Wesen und in

seiner Entwickelung dem Sehenden gleich; eine besondere +Psychologie

des Blinden+ gibt es nicht; es zeigen sich bei ihm nur bestimmte, in

dem Fehlen des Augenlichtes begründete +Abweichungen+ der seelischen

Entwickelung. Die Grundlage für das Verständnis der Natur des Blinden

wird also immer die allgemeine Psychologie sein. Ein sorgfältiges

Studium derselben ist für den Blindenlehrer unerläßlich. Es ist hier

nicht der Ort, für ein besonderes psychologisches System einzutreten,

aber soviel darf gesagt sein, daß die von Wundt begründete neuere

Psychologie gerade dem Blindenlehrer außerordentlich viel Anregung

bietet. Da mit der Blindheit häufig auch geistige Defekte verbunden

sind, ist ein Studium der pädagogischen Pathologie ebenfalls geboten.

Außer dem Studium der allgemeinen Kinderpsychologie wird der

Blindenlehrer sich in der Spezialliteratur seines Gebietes fleißig

umschauen müssen. Die deutsche Blindenliteratur ist bei der kaum

ein Jahrhundert umfassenden Entwickelung des Blindenbildungswesens

noch wenig umfangreich und umfaßt in der Hauptsache die Berichte der

Blindenlehrer-Kongresse, die Fachzeitschrift „Der Blindenfreund“ und

einige Werke biographischer Art. Doch enthalten diese Werke eine

Fülle von wichtigen Aufsätzen und Abhandlungen, die besonders deshalb

so wertvoll sind, weil die meisten von ihnen aus der unmittelbaren

Beobachtung der Blinden und aus der Praxis des Unterrichts und der

Erziehung heraus entstanden sind. Auf das groß angelegte Werk von

Mell, „Encyklopädisches Handbuch des Blindenwesens“ muß noch besonders

hingewiesen werden[16].

Neben das Studium der Pädagogik im allgemeinen und das der

Blindenpädagogik im besonderen tritt die +Beobachtung+ des Blinden.

Dieses lebendige Studium hat, wenn es in rechter Weise geschieht,

einen hohen Wert und einen besondern Reiz; es führt dazu, daß der

Lehrer sich mehr und mehr in die Lage des Blinden, in sein Denken und

Fühlen hineinversetzen lernt. Damit gewinnt er das rechte Verständnis

für die Bedürfnisse des Blinden und einen Blick für das Notwendige

und Erreichbare im Unterricht. Zu einer solchen Beobachtung reichen

freilich die Schulstunden allein nicht aus, schon deshalb nicht, weil

das Kind durch die Unterrichtsdisziplin zu einer gewissen Zurückhaltung

gezwungen wird. Aber im Umgange mit den Kameraden, beim Spiel, bei den

Mahlzeiten, in den Stunden der stillen Selbstbeschäftigung, bei den

Gesprächen der Blinden untereinander, bei den kleinen Arbeiten in der

Flechtwerkstätte, bei den Vorlese- und Unterhaltungsstunden, zeigen

sich die Zöglinge in ihrem wahren Wesen und geben dem beobachtenden

Lehrer oft Aufschlüsse über manches, was ihm im Unterricht rätselhaft

und unklar an ihnen erscheint. Hier besonders wird er, wie in einem

späterm Kapitel noch hervorgehoben werden wird, erkennen, daß ein

Kind, welches im Unterricht stumpf und teilnahmslos erscheint, doch

nicht ganz interesselos ist und noch manche schätzenswerte praktische

Leistung vollbringt. So führt die Beobachtung des Zöglings zu

einer gerechten Beurteilung desselben. Beim Spiel und der stillen

Beschäftigung kann der Lehrer oft für den +Unterricht+ viel lernen,

besonders für die Art der Veranschaulichung, die Art der Orientierung

und die Weise, wie der Blinde die Dinge sich dienstbar machen kann. Mit

Rücksicht auf die Beobachtung der Zöglinge (und auch aus erziehlichen

Gründen) ist es wünschenswert, daß die Blindenlehrer nicht außerhalb

der Anstalt wohnen, sondern ihre Wohnung auf dem Anstaltsgrundstück

haben. Andernfalls müssen sie ihre Inspektionstage gewissenhaft dazu

benutzen, die Zöglinge gründlich zu beobachten.

+Der Blindenlehrer soll auch in bezug auf den Lehrstoff ein Mann von

gründlichem Wissen sein.+

Es ist bekannt, daß die tüchtigsten und kenntnisreichsten Männer einen

besonders geschärften Blick für das Wichtigste und Grundlegende eines

Wissengebietes besitzen. Ein Lehrer, der aus dem Vollen schöpft, wird

die Stoffe zweckmäßig auswählen; er wird sich auf +das+ beschränken,

was dem Blinden verständlich gemacht werden kann und was notwendig ist,

damit er einen Einblick in das Wesen einer Sache gewinnt. Ein Lehrer

mit dürftigen Kenntnissen wird dagegen meist geneigt sein, auch viel

Unwesentliches zu bieten, so daß die Schüler das, was für sie besondern

Wert hat, nicht mit voller Klarheit erfassen und aufnehmen. Gründliches

Wissen befähigt aber auch, mit den +einfachsten Hilfsmitteln+ im

Unterricht zu operieren. Es sei an Helmholtz erinnert, der nach seinem

eigenen Geständnis die tiefsten physikalischen Probleme mit Hilfe

von ganz einfachen Dingen, wie Garnrollen u. dergl., ergründete.

Und Wundt, der große Meister der Psychologie, hat erst kürzlich an

der Hand eines einzigen einfachen Instruments, des Metronoms, eine

tiefgehende Einführung in sein Spezialgebiet gegeben. Von einem

Blindenlehrer, der großen Wert auf die Anschaffung von vielen und

teuren Anschauungsmitteln und Apparaten legt, ist zu vermuten, daß

seine Herrschaft über den Stoff keine souveräne ist.

Es ist wünschenswert, daß der Blindenlehrer sich +in einige Gebiete

besonders vertieft+ und hier Spezialstudien, auch nach der methodischen

Seite hin, treibt. Wie in dem Abschnitt über den Unterrichtsbetrieb

gezeigt wird, ist auf der oberen Stufe der Blindenschule

+Fachunterricht+ zu empfehlen. Die Vertiefung des Blindenlehrers in

einige Spezialfächer ist die Vorbedingung hierzu. Sehr erwünscht ist

bei allen Lehrern eine gute +musikalische Befähigung+; diejenigen

von ihnen, die den Gesangunterricht auf der oberen Stufe und den

Instrumentalunterricht an fortgeschrittene Schüler erteilen, sollen

eine +gründliche musikalische Bildung+ besitzen, die event. auf einem

Konservatorium ihren Abschluß gefunden hat.

+Der Blindenlehrer muß technische Begabung und Handgeschicklichkeit

besitzen.+

Der Blindenunterricht fordert in weit höherem Maße eine manuelle

Betätigung des Lehrers als jeder andere Unterricht. Schon die

körperliche Veranschaulichung des Lehrstoffes nötigt den Lehrer

fortwährend zum Gebrauch seiner Hände. Mit wenigen Griffen muß er eine

plastische Gruppe, eine technische Vorrichtung des täglichen Lebens

darstellen; die Lehrmittel Fröbelscher Art muß er in vielseitiger

Weise verwenden können; Stäbchen, Brettchen, Linoleumstreifen,

Wachs und Draht sollen in seinen Händen die Rolle spielen, die in

der Schule der Sehenden der Kreide zukommt; allerlei Abfallstoffe

aus dem Haushalt und aus handwerklichen Betrieben können ihm im

Unterricht wichtige Dienste leisten. Ein Lehrer, der wenig technische

Begabung besitzt, wird trotz allen Fleißes in einer Blindenklasse

oft ratlos dastehen und dann versuchen, mit Worten zu erklären, was

einzig durch den Tastsinn aufgefaßt werden kann. Zudem ist es ja

eine Hauptaufgabe des Blindenunterrichts, die Hände der Schüler zur

größtmöglichen Tastfähigkeit auszubilden; das kann aber, wie später

gezeigt wird, nur durch häufige Betätigung der Hände im Umgang mit

den Dingen und durch manuelle Darstellung geschehen. Hier soll

der Lehrer vorbildlich wirken; beim Formen, Zeichnen, Bauen und

Experimentieren muß er frisch zugreifen, nachhelfen und berichtigen,

dann werden auch die Schüler Interesse an der Arbeit finden. Merkt der

Blindenlehrer, daß sein technisches Können nicht ausreicht, so mag

er einen Handfertigkeitskursus durchmachen oder noch besser in der

Lehrmittelwerkstätte der Anstalt nach der Anleitung eines erfahrenen

Kollegen tätig sein. Leider gibt es für Blindenlehrer noch keine

technischen Kurse, welche die speziellen Bedürfnisse der Blindenanstalt

berücksichtigen; ihre Einführung würde von großem Nutzen sein. Die

Handgeschicklichkeit des Lehrers kommt auch der Lehrmittelsammlung

der Anstalt zugute, denn nicht alle Anschauungsmittel können käuflich

erworben werden; ein großer Teil wird von dem Blindenlehrer selbst

hergestellt werden müssen, wie denn wohl in fast allen Anstalten die

wertvollsten und zweckmäßigsten Lehrmittel für den Blindenunterricht

ihre Entstehung den fleißigen und geschickten Händen technisch begabter

Lehrer verdanken.

So wird der Blindenlehrer bei allen tüchtigen Kenntnissen doch

nicht ein Gelehrter, sondern ein Mann des praktischen Lebens sein.

Insbesondere wird er das in unserer Zeit so vielgestaltige und in

verwirrender Hast sich abspielende Kulturleben in seinen Grundlagen und

einfachen Formen aus praktischer Anschauung heraus kennen gelernt haben

müssen. Ist er als Knabe im Elternhause zu den Dingen des täglichen

Lebens in nähere Beziehung getreten, hat er in der Hauswirtschaft

gar selbst Hand angelegt, so ist damit ein überaus wertvolles

Erfahrungsmaterial sein persönliches Eigentum geworden; es wird ihm im

Unterricht die schätzbarsten Dienste leisten und ihn befähigen, die

blinden Schüler zum nutzbringenden Umgang mit den Dingen anzuleiten.

+Der Blindenlehrer soll ein Meister der Methode sein.+

Das wäre freilich von +jedem+ Lehrer zu wünschen; aber bei

sehenden Schülern kann der Unterricht doch auch bei mangelhafter

methodischer Begabung des Lehrers, sofern dieser nur treu arbeitet,

immer noch Erfreuliches leisten. Die gründliche Anschauung durch

das Auge, die Anregung durch Abbildungen und gute Lehrmittel, die

Hilfe durch Lehrbücher und Leitfäden bilden doch eine ins Gewicht

fallende Ergänzung zu einem methodisch ungeschickten Verfahren. Im

Blindenunterricht dagegen steht und fällt alles mit der methodischen

Begabung des Lehrers. Ein bloßes Einüben von Kenntnissen und

Fertigkeiten, ein „Aufgeben“ aus einem Lehrbuche und ein Abhören des

Gelernten wäre das Traurigste, was in der Blindenschule geschehen

könnte: die gesamte Bildung des Schülers wäre totes Gedächtniswerk.

Dagegen hat der Unterricht lebendige Kraft, wenn der Lehrer den

Stoff methodisch meistert. Die Meisterschaft wird sich besonders

zeigen in der Angleichung des Stoffes und des Lehrverfahrens an

den Standpunkt des Schülers, in der anschaulichen und anregenden,

die Kraftentwickelung des Zöglings fördernden Darbietung, in dem

wohlabgemessenen Wechsel zwischen geistiger und manueller Betätigung,

in dem Bestreben, das rechte Verhältnis zwischen dem Klassenunterricht

und der Beschäftigung mit dem Einzelnen zu finden, in der weisen

Verwertung der besondern Gaben und Kräfte jedes einzelnen Schülers, in

der Förderung der Schwachen und Zurückgebliebenen.

+Dem Blindenlehrer soll ein treues Zusammenwirken mit den Mitarbeitern

und die Gewinnung eines friedlichen und freundlichen Verhältnisses zu

ihnen am Herzen liegen.+

Es ist zu bedenken, daß die Anstalt mit allen ihren Insassen eine große

Familie bildet, in der Einigkeit und Friede herrschen muß, wenn sie

gedeihen soll. Diese Einigkeit wird aber schwer gefährdet, wenn das

Verhältnis der Lehrer zu einander ein gespanntes und unfreundliches

ist, wenn Eifersüchteleien zu einem ängstlich-lieblosen Beobachten

untereinander führen, wenn ein Kollege den anderen zu verdächtigen und

herabzusetzen sucht. Die Zöglinge merken solche Unstimmigkeiten sehr

bald und kommen dabei in Verlegenheit und Bedrängnis in ihrem Verhalten

zu den einzelnen Lehrern. In jedem Falle leidet die Erziehung schwer.

Am schlimmsten ist es, wenn die Uneinigkeit im Kollegium dazu führt,

daß sich unter den Zöglingen Cliquen bilden, die gegeneinander eifern.

Auch der Unterricht wird geschädigt, wenn das Band der Eintracht im

Lehrerkollegium zerrissen ist, denn der Blindenunterricht fordert eine

so häufige Beziehung der Lehrfächer zu einander (man denke z. B. an

die Verbindung des Formens und Zeichnens mit +allen+ Disziplinen),

eine so innige Verknüpfung des Lehrstoffes der verschiedenen Gebiete

(man denke an Anschauungsunterricht und Heimatkunde, Geographie und

Arbeitskunde, Raumlehre und Zeichnen), daß gegenseitige Erkundigungen

und Besprechungen der Lehrer miteinander nicht entbehrt werden können.

Sollen noch die +ethischen Qualitäten+ des Blindenlehrers hervorgehoben

werden, so wäre zunächst zu sagen, daß er +ein humaner Mann+ sein

muß, ein Mann von Herz und Gemüt, dem es eine Lust und ein Bedürfnis

ist, den Blinden zu helfen, ein Mann mit hohem Sinn, der den blinden

Zöglingen mit Vertrauen entgegenkommt, von dem Friede und Freude

ausgeht. Endlich muß gewünscht werden, daß er +eine in Gott gegründete

Persönlichkeit+ ist, daß er sein Amt als ihm von dem Höchsten gegeben

betrachtet und es im Aufblick zu ihm mit aller Treue verwaltet. Nur ein

solcher Lehrer kann die Blinden zu jener Lebensfreudigkeit anleiten,

die im Vertrauen auf Gottes Führung ihre Wurzel hat.

+Wulff+, Des Blindenlehrers Trost und Zuversicht. Kongr.-Ber.

Frankfurt a. M. 1882.

+Lembcke+, Welche Anforderungen stellt der Beruf an den

Blindenlehrer? Kongr.-Ber. Steglitz-Berlin 1898.

+Merle+, Die Blindenlehrerprüfungen. Kongr.-Ber. Breslau 1901.

Erziehung und Unterricht der Blinden · 第 20 / 37 题