2. Die Ausstattung der Anstalt.

Unter den Austattungsgegenständen einer Blindenanstalt sind

vorzugsweise die Lehr- und Lernmittel charakteristisch; die mit

dem Internatsleben im Zusammenhange stehende innere Einrichtung

der Wohn- und Schlafräume unterscheidet sich kaum von der anderer

Erziehungsanstalten. Die Besprechung kann sich daher auf die

Ausstattung der Schulräume und die Beschaffenheit der Unterrichtsmittel

beschränken.

+Subsellien+ sind für blinde Schüler aus mehreren Gründen nicht zu

empfehlen. Bei der vielfachen Beschäftigung des Lehrers mit dem

einzelnen Schüler ist es notwendig, daß er bequem und ohne Umweg zu

jedem Schüler gelangen kann. Das ist bei Subsellien, selbst bei

zweisitzigen, nicht möglich; der Lehrer bleibt daher in denjenigen

Unterrichtsstunden, die ein häufiges Führen der Hand und eine öftere

Korrektur dessen, was der Schüler darstellt, erfordern (Erdkunde,

Formen, Fröbelarbeit usw.), fortwährend im Wandern. Dadurch entstehen

Zeitverluste, auch leidet die Ruhe des Unterrichts, zudem tritt ein

Kraftverbrauch des Lehrers ein, der vermieden werden kann. Subsellien

sind auch deswegen nicht brauchbar, weil sie eine schräge Tischplatte

besitzen. Wenn diese auch für das +Lesen+ bequem ist, so ist sie

doch für alle übrigen Arbeiten des Schülers störend, da auf ihr die

Gegenstände nicht senkrecht, sondern schräge stehen. Die Ausführung

von Fröbelschen Bauübungen, das Arbeiten mit den geometrischen Körpern

und manche physikalischen Experimente lassen sich an einer schrägen

Platte überhaupt nicht vornehmen. Es empfiehlt sich daher, in den

Schulklassen gewöhnliche Tische mit wagerechter Platte aufzustellen,

dazu Bänke mit Lehne oder Stühle. An solchen Tischen kann +jede+

Arbeit ausgeführt werden, sie können, je nach Bedürfnis, auf einer

oder beiden Seiten besetzt werden, können einzeln benutzt oder zu

einer langen Tafel zusammengestellt werden. Die Tische besitzen einen

Doppelboden, der durch Querbrettchen in Fächer eingeteilt ist, die

zur Aufbewahrung der Bücher, Hefte und Schreibgeräte dienen. Die

Schüler arbeiten, je nach Erfordernis, sitzend oder stehend. Für die

Schüler der Unterstufe erhalten die Tische eine Höhe von 64 cm, für

die Mittelstufe eine solche von 67 cm, für die Oberstufe 72 cm. Die

Länge ist mit 2,50 m, die Breite mit 90 cm anzunehmen. Besetzt man

beide Seiten mit drei bis vier Schülern, so genügen zwei Tische für

ein Klassenzimmer. Vorteilhafter ist es jedoch, wenn man noch einen

dritten Tisch aufstellt und dann nur die Außenseiten benutzen läßt;

die Aufstellung der Tische wäre dann diese [Skizze] Der Lehrer kann

von dem Eingange des offenen Vierecks aus alle Schüler übersehen und

ohne bedeutende Änderung seines Standortes die Arbeit jedes einzelnen

Schülers kontrollieren. Wählt man diese Anordnung, so empfiehlt sich

eine um 20 cm geringere Breite der Platte. Die Bänke (zweisitzig mit

Lehne) oder Stühle (kräftige, sog. Bockstühle mit Rohrsitz) sind

in ihrer Sitzhöhe den Tischen angepaßt, nämlich für Schüler der

Unterstufe 40 cm, der Mittelstufe 43 cm, der Oberstufe 46 cm. Die

übrigen Ausdehnungen entsprechen der Sitzhöhe[12]. Ein Tritt ist

entbehrlich; der Lehrertisch sei mäßig groß und leicht transportabel.

Ein Klassenschrank und ein Regal, das zur Aufbewahrung von Büchern und

zur Unterbringung der täglich gebrauchten Anschauungsmittel dient,

darf nicht fehlen. Wenn die großen Wandkarten, die früher in den

Klassenzimmern zu finden waren, auch mehr und mehr verschwinden, so

ist doch das Vorhandensein einer Wandkarte des Vaterlandes (geprägte

Papierkarte) in zweckmäßiger Größe in den für die Schüler der Mittel

und Oberstufe bestimmten Räumen wünschenswert; es wird davon noch

weiter unten die Rede sein. Außerdem dürfen größere abnehmbare Polster

(Filz- oder Torfplatten) an den Wänden nicht fehlen, um Blätter mit

Notizen in Punktschrift (geographische und geschichtliche Namen,

Wiederholungsaufgaben usw.) daran feststecken zu können; sie werden vom

Lehrer auch zur Darstellung von linearen und flächenmäßigen Skizzen,

wie sie besonders im realistischen Unterricht sich ergeben, benutzt.

Ein wichtiges Ausstattungsstück des Klassenzimmers ist der Sandkasten.

Er dient im Anschauungsunterricht, in der Heimat- und Erdkunde, im

Physikunterricht, zuweilen auch in den übrigen Gegenständen zur

darstellenden Veranschaulichung vieler Dinge und Verhältnisse; er ist

in gewissem Sinne ein universelles Lehrmittel. Für die Lehrzimmer der

Unterstufe hat er eine Ausdehnung von etwa 2 m Länge, 50 cm Breite und

30 cm Tiefe. (Sämtliche Maße im Lichten.) Innen ist er mit Zinkblech

ausgeschlagen, damit ein Durchsickern des Wassers verhütet wird. Durch

zwei Querbretter kann er in drei gleich große Abteilungen zerlegt

werden. Er ruht auf drei kräftigen Brettfüßen; seine Gesamthöhe

beträgt ca. 70 cm. Zwei Schubladen, die zwischen den Füßen angebracht

sind, dienen zur Aufbewahrung der erforderlichen Werkzeuge (Spatel,

Kelle, kleines Brett zum Festklopfen des Sandes, Holzhammer, kleine

Eisenharke, Pfählchen, Bleidraht, Blechhäuschen usw.). Der Kasten ist

bis auf ⅘ seiner Tiefe mit feinem, etwas lehmigem Sande gefüllt, der

durch kräftiges Anfeuchten (Gießkanne) fest und formfähig wird. Für die

oberen Klassen empfehlen sich Kästen, die kürzer, aber etwas breiter

sind, etwa 85 × 63 cm.

Zur Aufbewahrung der für den Unterricht erforderlichen Lehrmittel muß

ein besonderes Zimmer vorhanden sein, das von den Klassenräumen aus

bequem erreichbar ist. Die Lehrer sind dafür verantwortlich, daß solche

Gegenstände, die im Unterricht nicht dauernd gebraucht werden, wieder

in das Lehrmittelzimmer zurückgebracht werden, damit sie anderweitig

zur Verfügung stehen. Ausrangierte Unterrichtsmittel sollte man

nicht radikal beseitigen, sondern wenigstens ein Stück von jeder Art

aufbewahren, um sie zu einem kleinen +Unterrichtsmuseum+ vereinigen zu

können. Eine solche Sammlung gibt den neu eintretenden Lehrern manche

Anregung, sie bietet auch einen Überblick über die Entwickelung der

Anstalt nach der unterrichtlichen Seite hin, hat also historischen Wert.

Über die Auswahl und Beschaffenheit der Lehrmittel für die einzelnen

Unterrichtszweige sollen hier nur einige allgemeine Bemerkungen gemacht

werden. Am reichsten ist in den Blindenanstalten wohl die Gruppe der

Lehrmittel für den Anschauungsunterricht bedacht. Wie in einem späteren

Kapitel gezeigt werden wird, liegt hier der Segen nicht in der Fülle,

sondern darin, daß man solche Gegenstände auswählt und anschafft, die

geeignet sind, dem Schüler eine Grundlage für das Verständnis der ihm

zugänglichen Verhältnisse zu vermitteln. Dabei ist zu beachten, daß sie

dauerhaft gearbeitet sind und daß sie das in ihnen verkörperte Prinzip

klar zur Darstellung bringen. In Spielwarengeschäften wird man nicht

allzuviel brauchbare Sachen finden; am wertvollsten werden diejenigen

sein, welche die Lehrer der Anstalt fertigen, weil sie dem speziellen

Zweck angepaßt sind.

Lehrmittel +Fröbelscher Art+ werden in verschiedener Form und

Ausführung von mehreren Blindenanstalten in den Handel gebracht, z.

B. von denen in Wien, Nürnberg und Danzig. Es ist in neuester Zeit

gelungen, die Fröbelschen Holzbausteine usw. derart zu präparieren,

daß sie durch einen leichten Druck fest aneinanderhaften und ebenso

leicht auf einer Unterlage befestigt werden können. Dadurch ergibt

sich die Möglichkeit, diese Lehrmittel in gleicher Mannigfaltigkeit zu

verwerten, wie in der Schule der Sehenden. Es ist natürlich darauf zu

achten, daß für jedes Kind ausreichendes Fröbelmaterial vorhanden ist.

Den Lehrmitteln für den Unterricht in der +Erdkunde+ ist von den

ersten Zeiten der Blindenbildung an besondere Sorgfalt zugewendet

worden. Schon Klein und Zeume haben Reliefkarten angefertigt, der

letztere, selber ein tüchtiger Geograph, stellte auch den ersten

Reliefglobus her, der heute noch existiert und eine Zierde des Museums

der Königlichen Blindenanstalt zu Steglitz ist. Fast in jeder Anstalt

sind noch einige der älteren Blindenkarten vorhanden, meist große

Holztafeln, auf denen die Flüsse durch Drähte oder Rinnen, die Gebirge

durch Kittauflagen, die Orte durch Stifte bezeichnet sind. Diese Karten

werden heute wohl kaum noch benutzt; sie machen einen Klassenunterricht

auch nahezu unmöglich. Seitdem Kunz-Illzach das Prägen von Reliefkarten

in Papier zur größten Vollkommenheit ausgebildet hat, sind Papierkarten

fast durchweg eingeführt. Jedes Kind erhält ein Exemplar, und damit

wird der Unterricht zum Klassenunterricht. Für die Karten ist ein

solcher Maßstab zu fordern, daß die auf ihnen dargestellten Zeichen

sich nicht gegenseitig stören und die schnelle und sichere Einprägung

des Kartenbildes beeinträchtigen. Für die Karte von Deutschland dürfte

der Maßstab von 1 zu 1500000 angemessen sein. Dabei ergibt sich eine

Kartengröße von ca. 85 × 68 cm. Da diese Ausdehnung für eine Handkarte

wesentlich zu groß ist, wird eine Zerlegung der Hauptkarte in drei bis

vier Teilkarten notwendig. Der dabei sich ergebende Übelstand, daß der

Zusammenhang verloren geht und die Schüler kein +einheitliches+ Bild

des Vaterlandes gewinnen, kann dadurch beseitigt werden, daß neben den

Teilkarten auch eine Gesamtkarte in dem gleichen Maßstabe geprägt wird,

die als Wandkarte zu benutzen wäre. Für die Karten der europäischen

Länder wird im allgemeinen ein gleichmäßiger Maßstab von 1: 4500000,

für Länder von geringerem Umfange ein entsprechend größerer, für die

fremden Erdteile ein solcher von 1: 30000000 zu wählen sein. Die Karten

erhalten bei diesem Maßverhältnis das bequeme Format von etwa 43 × 36

cm[13]. Aus hygienischen Rücksichten und aus Gründen der Haltbarkeit

empfiehlt sich ein mehrmaliger, gleichmäßiger Anstrich der Oberseite

mit dickflüssiger Schellacklösung.

Was den auf einer Blindenkarte darzustellenden erdkundlichen Stoff

betrifft, so gilt auch hier der bekannte Grundsatz: Nur leer scheinende

Karten prägen sich dem Gedächtnis ein. Eine Blindenkarte, die dem

+Schulunterricht+ dient, sollte nur diejenigen Objekte enthalten, die

tatsächlich gemerkt werden.

+Reliefgloben+ liefert ebenfalls Professor Kunz-Illzach und die

Lehrmittelhandlung von Schotte-Berlin. Wegen ihres hohen Preises wird

man sich meist mit der Anschaffung einiger Exemplare begnügen. Reliefs

einzelner Teile der Alpen (aus plastischer Masse) stellt Seminarlehrer

Dinges in Amberg her.

Für den Unterricht in der +Tierkunde+ werden in erster Linie einige

Tierarten in gut gestopften Exemplaren zu beschaffen sein. Von einer

Art genügen ein bis zwei Stück. Jede größere Naturalienhandlung,

z. B. die von Schlüter-Halle, kann sie liefern. Die Konservierung

darf nicht durch Arsenik geschehen, weil durch das Betasten der

Tierkörper Gesundheitsstörungen hervorgerufen werden könnten. Übrigens

wird man in jedem Falle darauf halten, daß sich die Schüler nach

dem Betasten eines präparierten Tierkörpers die Hände gründlich

waschen. Tiermodelle aus Gipsmasse liefern die Firmen Victor Dürfelds

Nachfolger-Freiberg in Sachsen, Hermann Krauß in Rodach bei Coburg

und Richard Fugmann in Sonneberg (Thüringen); bei den letztgenannten

Tiermodellen kommen als Bedeckung natürliche Felle zur Verwendung.

Für den Unterricht in der Menschenkunde werden einige Skelett-Teile,

event. ein vollständiges Skelett nicht zu entbehren sein. Modelle von

Pflanzen und Pflanzenteilen können fehlen, da hier die Natur das beste

Anschauungsmaterial liefert. Wo die Vergrößerung und schematische

Darstellung eines Pflanzenteils notwendig wird, mag der Lehrer Modelle

aus Wachs formen. Die wichtigsten Pflanzen liefert der Schulgarten,

der bei keiner Anstalt fehlen sollte. Hier lernen die Schüler die

Entwickelung der Pflanzen kennen, sie sind auch bei der Aussaat und

Ernte und bei der Pflege der Gewächse beteiligt. Wo der Raum es

gestattet, kann einzelnen Zöglingen auch ein Beet für die persönliche

Blumenpflege überlassen werden.

Hier mag auch einiges über +Reliefbilder+ gesagt sein. Solche sind in

technisch einwandfreier Weise von Kunz-Illzach geprägt worden, und zwar

für den botanischen und zoologischen Unterricht. Für die Schaffung der

Bilder war der Gedanke maßgebend, daß der Blindenlehrer nicht selten in

die Lage kommt, von Tieren und Pflanzen zu sprechen, die er dem Schüler

nicht in natura oder in körperlicher Nachbildung vorführen kann. Das

Reliefbild soll nun die Möglichkeit bieten, wenigstens eine +ungefähre+

Auffassung des Objekts zu erlangen. Die Bilder sind also von vornherein

als Notbehelf gedacht; sie sollen nicht etwa die körperlichen

Anschauungsobjekte ersetzen. Man wird zu ihnen nur dann greifen, wenn

auf andere Weise die erforderliche konkrete Unterlage nicht zu gewinnen

ist. Freilich soll man es sich in solchen Fällen überlegen, ob eine

zwingende Notwendigkeit zur Erwähnung und Betrachtung des Objekts dann

überhaupt vorhanden ist. Es liegt beim Gebrauch von Reliefbildern

immerhin die Gefahr nahe, daß man durch Worte zu ersetzen sucht, was

der tastende Finger nicht ergründen kann.

In der Anschaffung von Apparaten für die +Arbeitskunde+ (Physik) sei

man vorsichtig. Die meisten käuflichen Gegenstände sind zu kompliziert

und vertragen ein Hantieren mit kräftig zugreifenden Händen nicht. Mit

den bekannten feinen Geräten zur Veranschaulichung der Hebelgesetze z.

B. werden die Schüler wenig anfangen können. Ein derber Hebebaum, mit

dem praktische Arbeit geleistet werden kann, solide eiserne Rollen,

eine brauchbare Krämerwage, eine kräftige Winde u. dergl. sind viel

wertvoller. Hier findet der praktisch veranlagte Lehrer ein reiches

Feld der Betätigung. Bei dem weiten Gebiet der Elektrizität wird man

Blinde nur in die elementarsten Grundlagen einführen können, weil

einmal die meisten elektrischen Apparate ein Betasten nicht zulassen

(Leitungsfähigkeit) und weil die Wirkungen nur zum kleinsten Teile

von dem Ohr und dem Tastgefühl wahrgenommen werden können. Eine

Elektrisiermaschine mag man immerhin anschaffen; da aber auch sie

ihre Gebrauchsfähigkeit nahezu einbüßt, wenn sie vielfach betastet

wird, empfiehlt es sich, neben einer Maschine, die ausschließlich der

Anstellung von Versuchen dient, noch eine zweite zu beschaffen, die zum

Betasten Verwendung findet.

Unter der großen Zahl von +Schreibapparaten+ für die Punkt- und

Flachschrift dürfte die Auswahl schwer sein. In erster Linie wird man

neben einem mäßigen Preise möglichste Haltbarkeit fordern. Letztere ist

wohl am meisten bei den Schreibtafeln ohne Holzteile gewährleistet.

Derartige Tafeln liefern die Blindenanstalten in Berlin, Wien,

Illzach und Hamburg; doch hat auch die Tafel von Bürger-Dresden,

die einen Holzrahmen besitzt, einen Vorzug, und dieser liegt in dem

verschiebbaren Lineal; dadurch wird die Tafel auch für das schriftliche

Rechnen brauchbar[14]. Für die Schüler der Unterstufe empfiehlt sich

die Anschaffung von sog. Trichterapparaten mit weitem Zeilenabstand;

sie nötigen das Kind zu einer korrekten und gleichmäßigen Punktsetzung.

Für die Oberstufe können sog. Rillenapparate gewählt werden, die

ein schnelleres Schreiben ermöglichen. Das für den Schulgebrauch

angemessene Format der Tafel ist etwa 25 × 18 cm; zum Schreiben

für Bibliothekzwecke werden am besten größere Apparate, etwa in

der Ausdehnung von 34 × 26 cm (Maß der Wiener großen Schreibtafel)

verwendet. Was die Flachschrift betrifft, so lassen sich manche

Braille-Tafeln durch Anwendung eines besonderen Lineals auch hierfür

benutzen (Tafeln von Kunz u. Bürger), andere haben auf der Rückseite

eine Deckplatte für Flachschrift (Berliner Tafel). In Dänemark ist der

Guldberg-Apparat eingeführt, der eine schöne Schrift liefert, aber

in der Handhabung umständlich ist. In Österreich ist der Kleinsche

Stacheltypenapparat noch vielfach im Gebrauch, der die lateinischen

Großbuchstaben in erhabenen Punktlinien erzeugt. In neuerer Zeit

treten mit den einfachen Apparaten für Braille- und Flachschrift die

verschiedenen +Schreibmaschinen+ in Wettbewerb (Wiener Maschine,

Picht-Maschinen für Punkt- und Flachschrift, Nürnberger Apparate

von Schleußner). Die allgemeine Einführung solcher Maschinen im

Schulunterricht wird sich vorläufig wohl noch durch den hohen Preis

verbieten; doch sind in einigen Anstalten die Oberklassen der Schule

bereits mit Maschinen ausgestattet. Dabei mag auch erwähnt werden, daß

es gut sein wird, wenn eine gewöhnliche Schreibmaschine, wie sie in

jedem Kontor zu finden ist, zum allgemeinen Gebrauch für solche Blinde,

die ihre Handhabung erlernt haben, im Geschäftszimmer der Anstalt zur

Verfügung steht.

Das für die Punktschrift erforderliche +Papier+ soll kräftiges, zähes

Leinenpapier sein. Viel gebraucht wird das „Blindenschriftpapier“

der Firma Ferdinand Flinsch-Berlin. Es ist auch für den +Punktdruck+

vorzüglich geeignet. Für die täglichen Schreibübungen genügt das

wesentlich billigere Zellulose-Packpapier, das von der genannten Firma

ebenfalls geliefert wird.

Die ersten Leseübungen werden in vielen Anstalten mit Hilfe von sog.

+Lesekästchen+ betrieben. Sie ermöglichen das Entstehenlassen der

Braille-Buchstaben mit Hilfe von Stiften, die in sechslöcherige Formen

gesteckt werden. Bei der Berliner Lesetafel werden Blechtypen auf

einer Leiste aneinandergereiht. Solche Leseapparate können, wenn sie

verständig gehandhabt werden, gute Dienste leisten; für jeden Schüler

muß ein Kästchen vorhanden sein.

+Fibel+ und +Lesebuch+ müssen selbstverständlich in soviel Exemplaren

angeschafft werden, daß jedes Kind im Besitz eines Buches ist.

Wünschenswert sind ferner Hilfsbücher für den Religionsunterricht, die

dem Schüler das Einprägen der Memorierstoffe erleichtern.

Für die +Punktschrift-Bibliothek+ wird man in erster Linie die Werke

anschaffen, die von den verschiedenen Reliefdruckereien (z. B. in

Steglitz, Berlin, Hannover, Düren, Paderborn, Frankfurt a. M., Illzach,

Leipzig, Breslau, Danzig, Wien usw.) herausgegeben sind. Daneben wird

man auch die von Freunden der Anstalt handschriftlich hergestellten

Bücher gern annehmen. Für solide Einbände sollte stets gesorgt

werden. Im Interesse der Übersicht und einer schnellen Erledigung des

Bücherwechsels ist eine nach sachlichen Gesichtspunkten durchgeführte

Ordnung der Schriftwerke notwendig.

Den Stoff für das abendliche +Vorlesen+ seitens der aufsichtführenden

Lehrer bietet eine Büchersammlung, die eine gute Schüler- und

Volksbibliothek darstellt. In dem Katalog wird zu vermerken sein, für

welches Alter die einzelnen Bücher geeignet und wann sie vorgelesen

sind. Dieser Sammlung werden in der Regel auch diejenigen Bücher

entnommen, die handschriftlich in die Punktschrift übertragen werden

sollen.

Natürlich darf auch eine +Lehrerbibliothek+ nicht fehlen. Sie wird

in erster Linie solche Schriften enthalten, die den Blindenlehrer

auf seinem Spezialgebiet orientieren und ihn darin fördern und

weiterbilden. Außerdem werden in ihr wichtige Werke der allgemeinen

Pädagogik und Methodik, sowie die besten Schriften aus den Gebieten

der einzelnen Unterrichtsfächer zu finden sein. Auch einige gute

pädagogische Zeitschriften dürfen nicht vergessen werden.

Für die Übungen im +Formen+ (Modellieren) ist Ton, Plastilin oder

Wachs anzuschaffen. Ton ist wegen seiner leichten Bildsamkeit für

die Unterstufe gut geeignet; leider ist das Hantieren mit ihm eine

unsaubere Sache, so daß man ihn von den Klassenzimmern fern halten

und die Tonarbeiten in einem besondern, für diesen Zweck eigens

eingerichteten Zimmer ausführen lassen wird. Plastilin ist immer

gebrauchsfertig und wegen seiner Weichheit ebenfalls in den unteren

Klassen verwendbar. Da seine Verarbeitung nicht besondere Unsauberkeit

verursacht, kann es von jedem Schüler ohne weiteres an seinem Platze

benutzt werden. Als Unterlage dient eine Linoleumplatte. Modellierwachs

hat vor den beiden anderen plastischen Stoffen den Vorzug der größeren

Festigkeit bei vorzüglicher Bildsamkeit; selbst allerlei Feinheiten

lassen sich beim Formen in Wachs ausprägen. Es ist darum der gegebene

Stoff für die Schüler der oberen Stufen. Leider macht seine Erweichung

einige Schwierigkeit, besonders im Winter. Nötigenfalls muß man

einen Wärmeapparat zu Hilfe nehmen. Gutes Modellierwachs liefern die

Wachswarenfabriken von Guthmann-Dresden und Berta-Fulda.

+Zeichenapparate+ werden von mehreren Anstalten in verschiedener

Ausführung hergestellt. Das Wiener Zeichenkissen mit Roßhaarfüllung

erfordert als Material für die Darstellung von Linien Gummischnüre,

desgleichen die Filztafel. Schleußner-Nürnberg verwendet Wachsfäden,

die auf eine Linoleumplatte gedrückt werden. Die Königsthaler

Zeichentafel besteht aus einer mit Tuch überzogenen Torfplatte, auf

welche feine Kernrohrfäden festgesteckt werden. Für die Wahl eines

Apparates werden längere praktische Versuche entscheidend sein.

Für den Unterricht in der +Raumlehre+ sind Modelle der geometrischen

Körper in erster Linie erforderlich. Sie sollen aus Buchenholz

sauber gearbeitet und wesentlich größer sein als die bekannten

Fröbelbausteine. (Ausdehnung des Würfels etwa 5 cm.) Alle müssen das

gleiche Größenverhältnis aufweisen, damit sie je nach Erfordernis

zusammengestellt werden können. Die Modelle wird man selbstverständlich

in einer solchen Zahl anschaffen, daß jeder Schüler ein Exemplar

erhält. Man läßt sie am besten von einem geschickten Tischler

anfertigen. Für das geometrische Zeichnen ist die Heboldsche

Kreisscheibe, die neuerdings von Menzel-Hamburg verbessert ist,

vielfach im Gebrauch. Ihr Vorzug ist die Schnelligkeit, mit der man

eine Figur entstehen lassen kann, ihr Nachteil der, daß sie leicht zu

mechanischem Gebrauch führt. Die oben genannten Zeichenapparate sind im

geometrischen Unterricht ebenfalls vielseitig verwendbar.

Welche Hilfsmittel man für den +Rechenunterricht+ anzuschaffen hat,

wird davon abhängen, wie hoch man das Zifferrechnen (Rechnen mit

Ansätzen) für den Blinden einschätzt. Für den grundlegenden Unterricht

leistet die hundertlöcherige Tafel mit Benutzung von Korken und die

russische Rechenmaschine gute Dienste. Der Aufbau des Zahlensystems

läßt sich an der Neunertafel veranschaulichen. Für das Zifferrechnen

kommt der Wiener Rechenkasten (arabische oder Braille-Typen) die

Schleußnersche Tafel für Punktziffern und der Taylor-Apparat (Berliner

Anstalt) mit besondern Zifferzeichen in Betracht. Übrigens läßt sich,

wie bereits angedeutet, auch die gewöhnliche Braille-Schreibtafel

für das schriftliche Rechnen verwenden, am bequemsten die mit

verschiebbarem Lineal.

Der Vollständigkeit halber mögen noch die für den +Musikunterricht+

erforderlichen Instrumente genannt werden. Mehrere Klaviere,

Geigen nebst den für ein kleines Streichorchester nötigen

Ergänzungsinstrumenten, ein Satz Blechinstrumente für Blasorchester

und eine gute Orgel mit Pedal und zwei Manualen werden zum

Lehrmittelbestande einer größeren Blindenanstalt zu rechnen sein.

Die Orchesterinstrumente sind im Musiksaal in geeigneten Schränken

aufzubewahren. Wo in einer Anstalt das Klavierstimmen gelehrt wird,

dürfen auch einige für diesen ausgesprochenen Zweck bestimmte Pianos

und ein Flügel nicht fehlen; es können ältere, gebrauchte Instrumente

sein.

Schließlich muß ein Lehrmittel erwähnt werden, das nicht für ein

einzelnes Fach bestimmt ist, sondern dem +ganzen+ Unterricht zugute

kommt: das sogenannte +Allerlei+. Es ist dies eine Sammlung der

verschiedensten Kleinigkeiten, wie sie zumeist als Abfälle in

Natur, Haus und Werkstatt vorkommen, dort kaum beachtet werden,

für den Blindenunterricht aber wichtig und wertvoll sind. Einige

dieser Kleinigkeiten mögen genannt sein: Moos, Flechten, Zähne,

Schieferstücke, Torfsteine, Schneckenhäuser, Kieselsteine, Seesand,

Vogelnester, Gewehrkugeln, Schrot, Rindenstücke, Früchte von

Waldbäumen, Tierhörner, Klauen von Huftieren, Rohwolle, Gänsefedern,

Sämereien, Ofenkacheln, Ziegelsteine, Fliesen, Lederstücke, Feilspäne,

Petroleum, Öl, Schreibkreide, Schieferstifte usw. Diese Dinge werden

am besten in einem Schrank untergebracht, der mit Schubfächern

versehen ist. Wird im Unterricht ein derartiger Gegenstand oder Stoff

erwähnt, so hat man ihn gleich bei der Hand, und der Name gewinnt

konkrete Gestalt. Die Vermehrung und Ergänzung des „Allerlei“ wird der

Blindenlehrer sich recht angelegen sein lassen.

+Ferchen+, Bericht der Kommission für Veranschaulichungsmittel im

Blindenunterricht. Kongr.-Ber. Kiel 1891.

+Kunz+, Das Bild in der Blindenschule. Wie vor.

+Hecke+, Wie verschaffen wir uns die wichtigsten

Veranschaulichungsmittel? Kongr.-Ber. Berlin-Steglitz 1898.

+Zech+, Der Schulgarten. Bldfrd. 1900 S. 53.

+Conrad+, Die Tafel im Blindenunterricht. Kongr.-Ber. Halle a. S.

1904.

+Kunz+, Der Karten- und Bilderdruck. Geschichte der Blindenanstalt

zu Illzach-Mülhausen i. E. Engelmann, Leipzig 1907. S. 229 ff. und

Blindenfreund 1906 S. 145.

Lehrmittelverzeichnisse der Blindenanstalten in Wien, Berlin und

Nürnberg.

Verzeichnis von Büchern, die sich in deutschen und österreichischen

Blindenanstalten beim Vorlesen bewährt haben und zum Übertragen

in Punktschrift eignen. Gesammelt, ausgewählt und aufgestellt

von der Lektüre-Kommission. Hannover, Verein zur Förderung der

Blindenbildung.

Verzeichnis der geschriebenen Punktschriftbücher in der Bibliothek

der Kgl. Blindenanstalt zu Steglitz. Hauptverzeichnis mit 5

Nachträgen.

Erziehung und Unterricht der Blinden · 第 18 / 37 题