Lewes schreibt: „Hunger ist das wahre Lebensfeuer, von dem alle

Anregung zur Arbeit und Thätigkeit ausgeht, und wir mögen hinblicken,

wohin wir wollen, wir finden in ihm die bewegende Kraft, welche die

unermeßliche Kette menschlichen Treibens und Schaffens in Thätigkeit

und Bewegung setzt. Laßt Nahrung im Überfluß vorhanden sein und leicht

zu erringen -- und die Zivilisation wird unmöglich werden.“ Das paßt

hierher; die Notdurft ist vorhanden oder doch leicht zu beschaffen, und

Ehrgeiz oder Erwerbssinn (portugiesisch heißt beides mit dem gleichen

Wort ~ambiçaõ~), die ihn zu persönlichen Anstrengungen geneigt

machen könnten, liegen dem Sklaven und selbst dem Freigelassenen

mit seltenen Ausnahmen fern; warum sollten sie sich also plötzlich

in seinen vollkommen müßig aufgewachsenen Kindern finden? Und der

geistreiche Fernando Schmidt (Dranmor), der 40jährige Beobachter

brasilianischer Verhältnisse, sagt in einem seiner Leitartikel: „Keiner

menschlichen Kreatur ist Feldarbeit verhaßter, als dem freien Neger.

Nicht wie in den Südstaaten der amerikanischen Union heißt es bei

uns, „wenn Dir die Sonne auf den Scheitel brennt, erringe im Schweiße

deines Angesichts das, womit Du Deines Körpers Blöße bedecken kannst,

wenn eisiger Frost sich über den Erdboden lagert“ -- in dem gesegneten

Brasilien, in jenen Distrikten wenigstens, wo zur Zeit noch leider nur

Zwangsarbeit die großen tropischen Handelsartikel erzeugt, ist uns

die afrikanische Race darin überlegen, daß sie Jahr aus, Jahr ein dem

ihren Aspirationen angemessenen Schlaraffenleben zu fröhnen versteht,

und sobald sie der Zucht entrinnt, sich für die tägliche, leicht

zu beschaffende Atzung keine großen Sorgen zu machen braucht. Eine

geistige Regeneration kommt nicht in Betracht.“

Es geht eben hier in Brasilien, wie es nach einer Notiz in einer

älteren Nummer des „~Economiste français~“, die mir neulich

in die Hände fiel, in Jamaica seiner Zeit gegangen ist. Das Blatt

sagt: „Neben der Aufhebung der Differentialzölle hat besonders die

Sklaven-Emancipation die Prosperität der früher blühenden englischen

Besitzung Jamaica vernichtet. Die Neger ergaben sich der Faullenzerei,

und noch heute verdienen sie ihren Unterhalt nicht in den Pflanzungen;

die Insel bedarf hunderttausend Kulies.“

Ich habe nach meinen Beobachtungen den Eindruck, daß auch Brasilien

zunächst furchtbar leiden wird durch die Aufhebung der Sklaverei, zumal

da man sich immer noch nicht entschließt, europäischen und besonders

den nützlicheren germanischen Einwanderern günstigere Bedingungen

zu stellen. Es wird nach zwei Seiten hin leiden, einmal durch den

Wegfall der Arbeitskräfte auf dem Lande und dann durch die plötzliche

Überschwemmung seiner Städte mit faulen und im besten Falle unnützen

Bevölkerungs-Elementen.

Man sieht ja jetzt schon so ziemlich, was Brasilien wenigstens von den

ersten beiden Generationen seiner freien schwarzen Mitbürger erwarten

und hoffen darf. Von den Männern bleibt nur ein verschwindend kleiner

Teil auf dem Lande als freie Feldarbeiter; nur ein geringer Prozentsatz

von Allen wurde bisher, wenn auch nicht zu besonders fördernden, so

doch auch nicht zu störenden oder schädlichen Mitgliedern der freien

Gesellschaft. An ein Plus von Arbeit und Schaffen der schwarzen

Bevölkerung aber, über die eigenen bescheidensten Bedürfnisse hinaus,

ein Plus, das also indirekt dem Lande zugute käme, sei es was

Bodenkultur, sei es was Industrie anbetrifft, ist wohl noch in vielen

Jahrzehnten nicht, wenn überhaupt zu denken.

Von den alten, verbrauchten Freigelassenen schrieb ich Dir schon,

daß sie oft dem größten Elend ausgesetzt sind; von einer alten

Negerin las ich einmal, daß sie in der Nacht nach ihrer Freilassung

aus Mangel an Obdach in einem hochgelegenen Bergstädtchen erfroren

sei, und mit was für einer Unzahl von Bettlern beiderlei Geschlechts

die Sklaven-Emancipation die Städte beglückt hat, ist gradezu

überwältigend. Ich weiß nicht, ob es Selbstironie sein sollte, was in

Saõ Paulo die Polizei bewog, die dortigen -- mit Nummern zu versehen!!

Die jüngeren Frauen, besonders die Mulattinnen, sind zum großen Teil

moralisch verkommen und rühren gewiß keine Arbeit an, wenn sie anders

existieren können. Die älteren Weiber schmarotzern sich so durch, essen

heute bei der früheren Herrschaft, morgen bei deren Eltern, einmal in

der Küche befreundeter Sklavinnen, ein ander Mal wird das Mittagbrot

aus einigen Bananen und etwas Brot billig zusammengesetzt. Wer die

Schlafstelle einer Negerin kennt, weiß, daß sie überall aufzuschlagen

ist: eine Matte und ein Tuch über dem Kopf ist leicht irgendwo gewährt.

Das wenige Geld, dessen sie doch etwa noch benötigen, verdienen sie

meistens durch Waschen oder Nähen, öfter noch durch Früchte- oder

Konfekt-Verkauf in den Straßen; doch darf bei ihrer Arbeit nicht im

entferntesten an eine regelmäßige und angestrengte Thätigkeit gedacht

werden. Selbst wenn sie in einen Dienst treten, so ist ein ewiges

Wechseln desselben die Hauptsache dabei.

Und zu alledem giebt es jetzt (1882) etwa noch eine Million Sklaven

in Brasilien. Wie werden die Zustände nun erst werden, wenn die alle

auch noch frei sind! Und dieser Zeitpunkt wird nicht mehr allzu

fern sein, denn die Emanzipation schreitet täglich vorwärts. Der

staatliche Fonds reicht ja allerdings nicht entfernt aus, aber die

provinziellen Verbände helfen, und unzählige Sklaven werden frei durch

Privat-Initiative.

Ein Verwandter von Herrn de Souza, der sehr reich ist, hat alle seine

Sklaven, deren gegen 300 waren, freigegeben und sie mit enormen Kosten

durch „Kolonisten“ aus der Schweiz und Tyrol ersetzt; und dies Beispiel

ist nicht das einzige seiner Art. Auch manch deutschen Namen sieht man

unter der Zahl solch edelmütiger Herren. Bei besonders erfreulichen

Familienereignissen oder sonstigen Anlässen ist es jetzt allgemein

Brauch, seiner Freude durch Befreiung eines oder mehrerer Sklaven

Ausdruck zu geben; bei der Geburt eines Kindes, bei der glücklichen

Rückkehr eines in Europa erzogenen Sohnes, bei einer besonders günstig

ausgefallenen Ernte oder Spekulationen erhält mancher Sklave seine

„Carta“. Wenn Maricotas Bruder Bento aus Cassel zurückkommt, erhält das

hiesige Factotum, Cäsario, die seine, wurde mir neulich anvertraut.

Eine Menge Sklaven werden frei durch testamentarische Verfügung, doch

wird von den Besitzern ein derartiges Testament streng geheim gehalten,

da sie sonst fürchten, vergiftet zu werden.

Alleinstehende Leute machen sogar manchmal ihre Sklaven zu, natürlich

freien, Erben ihrer Pflanzung, doch scheint mir diese Art von Humanität

recht wenig angebracht, da die Schwarzen in solchem Falle gewöhnlich

schon nach kurzer Zeit Besitzer einer Wildnis sind und dieselbe

sämtlich verlassen, um in den Städten ein mäßiges Vagabundenleben zu

führen, das ihren Neigungen weit mehr entspricht, als ein geordnetes,

arbeitsvolles Dasein. Daher wußte eine kürzlich verstorbene Dame aus

Minas geraes auch wohl, was sie that, wenn sie bestimmt hatte, daß

eine ihrer Pflanzungen nur für eine bestimmte Anzahl von Jahren ihren

32 freizulassenden Negern zur Nutznießung überlassen werden und dann an

zwei milde Stiftungen fallen solle.

Von dem eklatantesten Fall aber, wie gefährlich unbedachte Humanität

wirken kann, erzählte mir neulich Dona Maria Louisa. Eine alte

Schwarze, die ihr früher einmal gehört hatte, war vor einiger Zeit zu

ihr gekommen, um ihre Not zu klagen. Sie war bei ihrer neuen Herrin

nach deren Tode auch Miterbin der Pflanzung geworden und erzählte

nun, daß auf derselben ein schrecklicher Zustand herrsche. Einige der

früheren Sklaven und jetzigen Besitzer arbeiteten und ernteten, die

Faulen verlangten dann, von deren Mühen mitzuleben, was ihnen jene

natürlich weigerten. Darüber käme es dann oft zu blutigen Raufereien,

bei denen schon fast die Hälfte der Neger um’s Leben gekommen sei.

„Nein“, hat sie ganz überzeugt geschlossen, „damit hat unser Senhor

keinen Segen gestiftet, daß er uns die Fazenda hinterlassen hat,

dafür kommt er in die Hölle!“ Das scheint mir nun allerdings für

den seligen Sklavenbaron und sein gewiß gutgemeintes Testament ein

etwas gar zu hartes Prognostikon, aber es liegt thatsächlich eine

enorme Ungeschicklichkeit darin, ohne Übergang den Sklaven zum Herrn

zu machen, so durchaus abhängig erzogene Wesen plötzlich mündig zu

erklären. Aber das Ganze „mutet an“, nicht wahr? Die Zustände sind so

recht behaglich und vertrauenerweckend? Ich kann Dir nur sagen, Grete,

daß ich auf einer großen Sklavenpflanzung jetzt nicht sein möchte.

Aber nun wirst Du wohl genug haben von Negern und Sklaverei, und da

kommt auch Albertina, mich zu holen, damit ich das längste Zuckerrohr

ansähe, das ich je gesehen hätte!

Adieu, mein Herzensgretel, schreibt mir nur ja rechtzeitig zu

Weihnachten; nächste Woche müßten Eure Briefe dazu schon abgehen; ob

Ihr wohl daran denkt?

Deine alte +Ulla+.

[Illustration]

Saõ Sebastiaõ, den 5. Dezember 1882.

+Meine liebe Grete!+

„Das längste Zuckerrohr, das ich je gesehen“, steht in der Veranda

in einer Ecke; das feierliche Herbeibringen des längsten Rohres ist

hier, was bei uns der Erntekranz. Die Zuckerernte ist in vollem Gange

und -- alles klebt. Es ist scheußlich. Die Kinder kauen von Morgen

bis zum Abend „~canna~“, das sie manchmal hübsch abschälen und

in Stückchen schneiden lassen, gewöhnlich aber einfach aussaugen, so

gut es die Rohrschale erlaubt, und die Reste um sich herum spucken.

Die kleinen Neger konntest Du die letzten Tage absolut nicht anders

erblicken, als mit Zuckerstöcken in den Mündern, über deren mögliche

Bewältigung einen nur die Verhältnismäßigkeit ihrer Kauwerkzeuge

beruhigte. Jetzt ist die rohe ~canna~-Periode vorbei, und wir

sind in das Zeichen des Syrups eingetreten, ein recht zweifelhafter

Fortschritt.

Gestern wurde die Maschine aufgestellt, die das Rohr zermalmt und

auspreßt, und heute Morgen vor dem ersten Frühstück brachten die

Kinder mir triumphierend einen großen Becher Zuckersaft, wie er

unmittelbar den ausgepreßten Stangen entquillt. Er ist dann grünlich,

verhältnismäßig klar und dünnflüssig wie Wasser und schmeckt

merkwürdigerweise lange nicht so ekelhaft süß, wie man vermuten

sollte; Klein und Groß vertilgt ihn literweise.

Dieser Saft läuft durch Röhren in große Kessel, wo er gekocht wird und

sich so zu Melasse verdickt, die, abgesehen von einem etwas feineren

Geschmack, völlig unserem Syrup entspricht. Heute Mittag brach diese

„Melado“-Periode an, wir hatten welchen zu Tisch mit ~canjica~

(gekochtem Mais) zusammen, und seitdem sind die Kinder schon zwei Mal

umgezogen worden. Alles schwelgt in der Zuckerernte, sogar, oder vor

allem, die Schweine, die die ausgepreßten Rohre bekommen und dabei

zusehends an Umfang zunehmen.

Die ganze Natur rings um die Fazenda riecht, aber nicht unangenehm,

nach dem gekochten Saft. Wenn die Melasse dick genug ist, kommt

sie in große hölzerne Behälter zum Krystallisieren, und damit dies

schneller und besser vor sich gehe, wird sie mit -- Kuhmist bedeckt! So

wenigstens machen es die meisten kleinen Pflanzer, sagte mir Dona Maria

Louisa; hier wird glücklicherweise statt dessen eine besonders fette

Lehmsorte genommen, die sie auf der Pflanzung haben.

Im Großen wird die Zuckerbereitung in Brasilien eigentlich nur vom

Staat betrieben, und in dem fiskalischen Etablissement sind die ganzen

Einrichtungen auch modernerer Art; die Pflanzer bauen meistens nur, was

sie zum eigenen Verbrauch benötigen, und wer die Rohrkultur in größerem

Maßstabe betreibt, der verkauft gewöhnlich die rohe ~canna~ an den

Staat.

Den 11. Wir sind in eine neue Zuckerphase getreten; die Melasse hat

regelrecht ihre Metamorphose zum gelben Streuzucker durchgemacht, und

dieser liegt nun in hellen Haufen auf Matten im Hofe aufgeschüttet,

um zu trocknen. Grete, weißt Du, worüber ich mich bei der ganzen Sache

am meisten freue? -- Daß ich nicht immer dabei bin, denn sonst wäre

ich wahrscheinlich nicht im Stande, hier noch irgend etwas Süßes zu

genießen. Von den unzähligen Mosquiten, Fliegen, Wespen, Bienen und

Ameisen, die sich ihr Scherflein von dem Zuckerhaufen holen, will ich

noch garnicht einmal reden, aber da keinerlei Umzäumung diese süßen

Berge schützt, so kommen auch Katzen und Hunde zu Gaste und wollen

ihr Teil an der allgemeinen Zuckerfreude von Saõ Sebastiaõ. Diesen

ersten, noch ziemlich dunkeln Zucker bekommen allerdings nur die Neger

zu ihrem Kaffee, aber ich habe so meinen leisen Verdacht, als würde er

zum Kochen doch auch für uns in die Küche geschmuggelt. Der für die

Herrschaft bestimmte Zucker wird raffiniert, aber auch nur hier auf

der Pflanzung und auf die ursprünglichste Manier. Ganz hell wird er

überhaupt nicht, und absolut weißen Zucker sieht mancher Brasilianer

nicht, so alt er wird. Du siehst auch in den besten Häusern hier keinen

Brodzucker, und die Kinder amusierten sich neulich höchlich darüber,

daß in ihrem französischen Lesebuch von einem „Stück“ Zucker die Rede

war; sie hielten das für einen wunderbaren schriftstellerischen Lapsus.

Weißt Du, Gretele, im Ganzen, glaube ich, können wir mit unserem

Runkelrübenlande zufrieden sein -- etwas appetitlicher scheint es mir

denn doch da zuzugehen. Schließe sie mit in das bewußte Glas Bowle ein:

Deutschland und -- seine Runkelrübe!

Deine +Ulla+.

_Saõ Sebastiaõ, den 18. Dez. 1882._

_Gretele, Herzensgretele, denke Dir, ich reise zu Weihnachten nach

Saõ Paulo! Schaumanns haben mich eingeladen, und ich gehe am 22.

hin. Ich kann mich gar nicht fassen vor Glück! Wie anders wird es

sein als im vorigen Jahr! Und ich werde sie alle wiedersehen, die

lieben Menschen, Schaumanns vor allem und Fräulein Meyer und die

kleine Harras und -- und -- alle!_

_Ach, Grete, ich bin ja_

_Deine so glückliche_

_Ulla!_

[Illustration]

Saõ Paulo, den 28. Dezember 1882.

+Meine einzige Grete!+

Ist das eine hübsche Weihnachtszeit mit deutschen Menschen,

deutschen Liedern, deutschem Festtagskuchen! Nur daß die Tropensonne

dreinleuchtet und sengt, als wolle sie sich rächen für unser Versenken

in die Bräuche der kalten nordischen Heimat, und die Bananen draußen

scheinen unzufrieden zu rascheln, und die Palmen schütteln die Häupter,

wie wenn sie sagen wollten: „Wie könnt ihr bei unserem Anblick an

düstere Tannen denken!“ Und doch -- und doch, Grete! Dranmors „einzige,

schneebehang’ne Tanne“, sie hat mich diese ganzen Tage über verfolgt,

denn der Christbaum fehlte, wenn auch sonst alles weihnachtlich war,

und man mit überreichen Gaben freundlich auf den Gast bedachte. Was

doch an solch einem Baum für eine Poesie haften kann! Mein Bruder

behauptete immer, ihm wäre nicht eher weihnachtlich zu Mute, als bis

diverse Wachsflecke den Fußboden zierten und es durch alle Stuben nach

versengten Tannennadeln röche. Ich wußte auch früher, daß er auf dem

Grunde dieser immer halb spöttisch vorgebrachten Äußerung die Poesie

der Weihnachtszeit mehr empfand, als er es je Wort haben wollte,

aber wie viel daran war, merke ich erst jetzt, wo ich vergeblich den

„Weihnachtsduft“ in den Zimmern suche.

Und selbst draußen -- ach Grete, wie viel schöner ist doch solch’ ein

weißer, schneeiger Platz in Berlin, auf dem in langen Reihen die Tannen

stehen, als dieser sonnengetränkte südliche Garten mit seinen Rosen und

Palmen...

Ich bin undankbar, wirklich, ich muß es sein, denn die Menschen sind so

unendlich lieb zu mir, und das Land ist so märchenhaft schön, und dabei

kann ich es nicht ändern, daß mir immer der Refrain des Liedes durch

den Kopf summt, das wir neulich sangen:

„’S ist zwar schön im fremden Lande,

Doch zur Heimat wird es nie!“

Gestern war ich nämlich bei einer Erzieherin, die ein Klavier im

Schulzimmer hat und ein deutsches Volkslieder-Album besitzt; wir waren

im ganzen 6 deutsche Mädchen und haben das Album bis auf das letzte

bekannte Lied durchgesungen, so daß ich heute noch heiser bin. O grüße

es mir, grüße mir mein schönes Deutschland und seinen frohen Sang!

+Den 29. Abends.+ Soeben komme ich von der englischen Familie,

mit der ich zur Zeit meines klassischen Römertums bekannt geworden

war, und die mich zum Christmas-Pudding eingeladen hatten. Mr. Hall

hat mich nach Hause gebracht, denn er war auch da, wie er überhaupt

sehr befreundet mit Emersons ist. Aber ich weiß garnicht, Grete, was

mit ihm vorgegangen ist, seitdem er damals mit nach Santos hinunter

fuhr: er hat kein Wort gesprochen den ganzen Weg über, so daß wir

völlig stumm neben einander hergeschritten sind, denn ich sagte auch

nichts. Und hier vor der Thür war er noch sonderbarer. Erst hielt

er meine Hand eine Zeitlang fest und sah mich an (er hat wirklich

bezaubernde blaue Augen!) als ob er etwas sagen wolle, dann ließ er

sie rasch los, stieß hastig ein kurzes „~Good night~“ hervor und

war so unartig, davonzulaufen, ehe ich die Thür aufgeschlossen hatte.

Was sagst Du dazu, und was soll ich davon denken? Ob er verletzt war,

daß ich garnicht gesprochen habe auf dem Wege? Aber es war doch seine

Sache, von irgend etwas zu beginnen, und ich wußte auch wirklich nichts

zu sagen, Grete. Es war ganz komisch; ich schwatze doch manchmal das

Blaue vom Himmel herunter, aber vorhin fiel mir absolut nichts ein, was

ich hätte sagen können, oder was mir einfiel, war dumm. Nun, die ganze

Sache ist ja auch gleichgültig, und ich brauche ja nicht mehr daran zu

denken.

Morgen sollte ich eigentlich mit Emersons nach dem Maschinenlager

gehen, wo er uns einige interessante Sachen zeigen wollte, aber jetzt

werde ich +nicht+ hingehen, sondern dafür mein verwichenes

klassisches Altertum aufsuchen, von dem ich allerdings wohl nur die

kleineren Heldinnen vorfinden werde; die großen werden wohl in den

~collegios~ geblieben sein, die Brasilianer machen sich ja nichts

aus Weihnachten.

Adieu für heute, mein Gretel.

Deine +Ulla+.

~P. S.~, +den 30. früh+. Soeben bringt die Post aus Santos

eine Einladung zum Sylvesterball in der dortigen „Germania“ für

Fräulein Schaumann und Bruder und „Besuch.“ Das bin ich, und so ist

das Blauseidene denn doch nicht vergebens von Saõ Sebastiaõ hierher

gewandert! Wie drollig kommt mir’s vor, hier zu einem Ball und sogar zu

einem +deutschen+ Ball gehen zu können. Nur warm wird’s werden!

[Illustration]

Santos, den 2. Januar 1883.

Liebe Grete! Der Ball ist gewesen und das Blauseidene auch. Wir haben

viel getanzt, und es war furchtbar staubig und heiß in dem kleinen

Saal. Was soll ich Dir sonst noch davon erzählen -- Du weißt ja, wie

ein Ball ausschaut. Es ist eigentlich ein kindisches Vergnügen, nicht

wahr, Grete? Ich habe mich im Grunde gelangweilt.

Von Saõ Paulo war außer uns nur noch ein einziger deutscher Kaufmann

da; ich hatte geglaubt, man würde sehr Viele von dort einladen. Ach

Grete, manche Vergnügungen der Jugend sind doch recht thöricht! Ich

werde jetzt verständig werden und mich so allmählich in die alte

Jungfer hineinkapseln, das ist doch das einzig Richtige!

Wie geht es Dir? Hoffentlich besser als

Deiner +Ulla+.

Das heißt, mir fehlt eigentlich nichts. --

[Illustration]

Saõ Sebastiaõ, den 9. Januar 1883.

Greteherz -- er war hier! Mr. Hall! Herr de Souza hat neue Maschinen

gekauft, und da war er so gewissenhaft, selbst ihre Aufstellung zu

überwachen. Ich war so überrascht und erschrocken! Aber ich muß Dir die

ganze Geschichte erzählen, es war zu drollig! Wundre Dich nur nicht,

wenn eine Melone die Hauptrolle in meiner Geschichte spielt -- sie

verdient es!

Wie ich von Saõ Paulo zurück- und in Santa Barbara auf der Station

ankam, stand Cäsario schon da mit seinem Wagen. Ich wäre eigentlich

lieber geritten, aber da ich Gepäck hatte, so mußten wir fahren. Santa

Barbara ist berühmt wegen der prachtvollen Wassermelonen, die dort von

nordamerikanischen Ansiedlern gezogen werden, und weil der Wagen nun

doch einmal da war, so kaufte ich die größte, die ich bekommen konnte.

„Die wiegt gut ihre 12 bis 15 Pfund“, grinste der Jüngling, von dem ich

sie erhandelte, und der mir sie an den Wagen trug.

„Nun, Cäsario“, sagte ich, vergnügt über meinen famosen Handel, „wo

bringen wir denn diesen zierlichen Gegenstand noch unter? Er ist für

die Kinder.“

Cäsario kraute sich das schwarze Wollhaar.

„Hm, Senhora, es ist nirgend Platz.“

„Was“, rief ich, „ein ganzer Wagen und kein Platz für eine Melone --

hier ist ja ein Kasten unter dem Sitz.“

„Darin ist Senhoras Handköfferchen und Fleisch aus dem Dorf und etwas

Weißbrot, es geht nichts mehr hinein.“

„So nimm die Melone auf den Bock.“

„Ja, Senhora, gern, Senhora, aber sie wird hinunterfallen, denn ich

habe die vier Maultiere und die Peitsche.“

„Nun, so wird sie stolz neben mir auf dem Sitz fahren, gieb her“,

entschied ich, als in der That der Wagen keinen weiteren Raum für die

schöne Frucht zu haben schien.

Das kleine offene Gefährt hatte auf einem höckerigen Rasenplatze hinter

dem Stationsgebäude gehalten, aus dessen Höhen und Tiefen ihn jetzt

wieder herauszuarbeiten, keine kleine Aufgabe war. Aber Cäsario wußte

seine Tiere zu nehmen.

Er verfügt über eine erstaunliche Menge ermunternder Zurufe und

illustriert sie auf das Geschickteste durch kleine geeignete

Peitschenbewegungen. Die Maulesel faßten endlich einen Entschluß und

zogen an.

„Hoho“, schrie ich zu gleicher Zeit, denn -- die Melone war zum Wagen

hinaus. Alles, was ich bei dem plötzlichen Ausbruch von Eselsenergie

hatte thun können, war, meinen Hut auf dem Kopf zu behalten, meinen

Regenschirm aufzufangen, als er eben auf seinem Wege zum Wagen hinaus

war, und selber darin zu bleiben, was ich auch nur mit Hülfe der

verwickeltsten equilibristischen Kunststücke fertig brachte... „Halt,

Cäsario, meine Melone!“

Glücklicherweise lag sie unversehrt in einer der Untiefen des höckrigen

Rasens; Cäsario kletterte vom Bocke herunter und brachte sie wieder

heran. „’S ist schlimm damit, Senhora“, sagte er, die große Frucht

ratlos angrinsend. Aber ich war zuversichtlich: „O, ich werde sie jetzt

schon besser festhalten“, behauptete ich, und Cäsario stieg wieder auf.

Die ganze Serie von Schmeicheleien, Drohungen und Ermunterungen für die

Maulesel wurde wiederholt; als diese dann aber wiederum einen Entschluß

faßten, brachten sie den Wagen mit seinem ganzen Inhalt, Regenschirm

und Wassermelone eingerechnet, glücklich aus dem Bereich des fatalen

Rasenplatzes heraus.

Eine mächtige Pfütze unter dem Schlagbaum, der das Bahnhofsterrain

abgrenzt, brachte die glatte Frucht nochmals in nicht unerhebliche

Gefahr, der sie nur dadurch entging, daß ich aufopfernd die rechte

Seite meines Kattunkleides dem Einfluß der spritzenden Räder preisgab

und der Melone beide Hände widmete. Aber nun sah der Weg vor uns

friedlich aus. Ich versuchte es, die große grüne Kugel jetzt nur mit

einer Hand zu stetigen und der Erfolg war zufriedenstellend, obgleich

mir das Vergnügen, das große Ding vier Stunden lang festhalten zu

sollen, bereits anfing, in zweifelhaftem Glanze zu erscheinen.

Wenigstens wollte ich den Schirm aufspannen, ich brauchte mich wegen

der dummen Melone doch nicht zum Mohren brennen zu lassen! Grete, ich

sehe mich selbst noch, wie ich langsam, langsam den festen Griff, mit

dem ich sie gepackt, ein wenig lockerte, dann vorsichtig die Hand

emporhob und wachsam mit den Augen die Bewegungen der Frucht verfolgte,

die unter meinen gespreizten Fingern immerhin noch mißtrauenerweckend

genug wackelte. Aber es ging wirklich! Man konnte sie einen Augenblick

loslassen!

Der Schirm war aufgespannt und die Melone sich selbst überlassen

-- wie erleichtert ich war! Nur beobachten muß man sie noch ein

Weilchen... Ein Seitenblick: -- alles in Ordnung.

Ob sie aber auch nicht nach vorn wegrutscht? Wieder ein Blick -- nein,

da ist sie ja auf derselben Stelle...

Aber sie konnte von der Seite unter dem Armgeländer wegschlüpfen... ein

dritter Blick! Ach, da kann sie ja gar nicht durch....

In der Gegend, wo wir grade fuhren, wird die Landschaft sehr hübsch;

einzelne Palmen auf den welligen Hügeln heben sich sehr malerisch

gegen den südlichen Himmel ab und -- +nur+ eine rasche Wendung

nach links: ja, sie ist da -- und dort die kleine Ansiedlung, das

weidende Vieh -- Herrjeh, die Melone! Ach was, sie ist ja auf derselben

Stelle....

Da hast Du einen Begriff, wie mich das lästige Ding quälte, das ewige

Hin- und Herdrehen des Kopfes war nicht zu ertragen, lieber hielt ich

sie wieder fest!

Leid und Freud einer Erzieherin in Brasilien · 第 12 / 13 段