Aber wir +gehen+ auch viel spazieren, bei welchen Gelegenheiten

ich meine „Naturalien“-Sammlung zu vervollständigen suche. Neulich fand

ich eine ganze Anzahl riesengroßer leerer Häuser von Erdschnecken, und

von Schlangen könnte ich schon eine ganze Collection haben, wenn ich

alle aufheben wollte, die hier getötet werden. Vor einigen Tagen habe

ich selber mit meinem Regenschirm ein kleineres Exemplar von diesen

Unholden totgeschlagen, und das Kindermädchen bringt, wenn sie mit den

Kleinen spazieren geht, öfters solche ekelhafte Reptilienleichen an,

für die wir uns ein besonderes „Massengrab“ eingerichtet haben. Meine

Käfersammlung aber habe ich in ihren Anfängen verkümmern lassen müssen;

ich konnte das Morden nicht mehr aushalten, Grete. Wenn ich sie eben

mit Chloroform getötet zu haben glaubte und sie dann vor das Fenster

in die Sonne zum Trocknen legte, dann lebten sie nach einer Stunde oft

wieder auf und krochen schwerfällig umher. Das war mir zu ekelhaft,

meine Kaltblütigkeit scheint sich nur auf Baraten und Schlangen zu

beschränken. Von ersteren haben wir hier, Gott sei Dank, so gut wie

gar keine, wie denn überhaupt das Insect auf dieser hochgelegenen

Pflanzung glücklicherweise nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt.

Worunter wir am meisten leiden, ist die auch hier herrschende große

atmosphärische Feuchtigkeit, deren Regiment jetzt mit der heißen Zeit,

wo es fast jeden Tag regnet oder gewittert, wieder beginnt. Da werde

ich denn wohl von Zeit zu Zeit eine Trödelbude aus meinem Zimmer machen

müssen, wenn mir nicht alles verstocken soll. Übrigens habe ich jetzt

als vortreffliches Mittel gegen Stockflecke in Handschuhen gelernt,

diese in einer Schachtel mit Hirschhornholz aufzubewahren, wobei man

nur die Knöpfe zu umwickeln hat, da diese sonst anlaufen.

Heute fördert’s schlecht mit meinem Briefe, Herzensgretel, denn

vor meinem Fenster auf dem freien Platz werden schwarze Bohnen

ausgedroschen. Sechs Neger stehen einander zu je dreien gegenüber und

schlagen mit langen Bambusstöcken auf die Bohnen los; das eintönige,

taktmäßige Geräusch geht nun schon seit heute Morgen um 7 Uhr vor

sich und hat uns auch durch sämtliche Schulstunden begleitet. Das

gelegentliche Singen unserer Drescher daheim wird hier ersetzt durch

einen beliebigen aber rhythmischen, oft allerdings ganz blödsinnigen

Satz, den der erste Drescher erfindet oder doch vorspricht, und den

die anderen mitsprechen, und nach dessen Takt gearbeitet wird. „~Que

bom chà, que bom~“ (Welch’ guter Thee, welch’ guter) ist Cäsarios

geistreiche Erfindung, nach der hier die schwarzen Bohnensträucher

geprügelt werden, und ich darf wohl mit Wahrheit behaupten, daß ich

diesen imaginären Thee heute wohl einige tausend Mal habe loben hören.

Übrigens trinke ich hier jetzt keinen chinesischen Thee mehr, weil

er mir Schlaflosigkeit verursacht, sondern ich nehme des Abends auf

Dona Maria Louisas Rat statt dessen Thee von Kopfsalat zu mir, der mir

anfangs natürlich schauderhaft schmeckte, an den ich mich jetzt aber

sehr gewöhnt habe, zumal er in der That eine leicht beruhigende Wirkung

hat.

Was gäbe ich um ein kleines Fläschchen Bier hier am Abend! Aber

das ist auf den Pflanzungen nicht zu halten und kostet schon an den

Hafenplätzen einen Milreis, also 2 Mark die Flasche! Mit Getränken

ist man überhaupt schlecht daran in Brasilien! Mittags wird von den

Brasilianern ein kleines Glas Portwein getrunken, wie wir es zum

Frühstück nehmen, aber die Sorte ist gewöhnlich so schlecht, daß wir

daheim sie verschmähen würden, und dann ist das doch auch kein Wein,

der in größeren Mengen als Tischwein genossen werden kann. Unser Wasser

hier in Saõ Sebastiaõ ist recht schlecht und oft ganz gelb und lehmig,

und den roten Lissabon-Wein, den mir Herr de Souza aus Saõ Paulo hat

kommen lassen, trinke ich nur aus Courtoisie. Der Brasilianer ist kein

Weinkenner und trinkt überhaupt wenig außer Wasser und Kaffee, von

welchen beiden Flüssigkeiten er allerdings tagsüber erstaunliche Mengen

zu sich nimmt.

Widme mir das erste Glas Bowle, Gretele, das Du nach Empfang dieses

Stoßseufzers zu Dir nimmst, und verurteile nie mehr einen Studenten,

wenn er singt: „Ein Bursch wie ich, säuft ganze Fässer aus -- Fässer

aus“ -- vielleicht will er nach Brasilien gehen und trinkt Vorrat,

+woran er recht thut+!

Mit welchem höchst forschen und schneidigen Ausspruch ich für heute

schließe.

Deine +Ulla+.

[Illustration]

Saõ Sebastiaõ, den 27. Oktober 1882.

+Meine süße Grete!+

Heute muß ich Dir eine vollständige kleine Geschichte erzählen, und

hoffentlich wirst Du sie nicht allzu unsympatisch finden, weil sie von

einem -- Aussätzigen handelt. Die ganze Sache hat mich so beschäftigt

und erinnerte mich zugleich unwillkürlich an die rührende Erzählung

Xavier de Maistre’s: „~Le lépreux d’Aoste~“, daß ich nicht umhin

kann, sie meiner Grete mitzuteilen.

Es ist schon eine Zeitlang her und war vor unsrer Reise nach Santos,

da ging ich eines Abends mit den Kindern langsam dem berittenen Neger

entgegen, der die Briefe für die Pflanzung von der Station holte. „Da

kommt er“, rief ich freudig aus, als sich vor uns in der Dämmerung

etwas bewegte.

„Ach, das ist ja gar kein Reiter“, lachte die kleine Albertina, „das

ist Ignacio.“

„Wer ist Ignacio?“

„Nun -- Ignacio, wissen Sie.“

„Ist er ein Neger der Pflanzung?“

„O ja, aber er arbeitet nicht, er ist krank.“

„Was fehlt ihm denn?“

„Weiß nicht, er hat ein Loch unterm Fuß und an der Hand auch eins, und

das will gar nicht heilen.“

Du weißt ja, Greteherz, daß ich einen fast krankhaften Ekel gegen alle

Hautleiden habe, und so bog ich etwas seitwärts ab, als wir dem Neger

nahe kamen.

Eine große und durchaus nicht unkräftige Gestalt stand, als wir

vorbeigingen, mit dem Hute in der Hand still, grinste und murmelte

„~Soss kiss~“, um dann aber auf der Kinder freundliches „Guten

Abend, Ignacio, wie geht’s, Ignacio?“ uns ein wiederholtes „danke,

danke, Senhora; guten Abend, meine kleine Herrin, gelobt sei Jesus

Christus“ nachzurufen.

Die entsetzlich zerlumpte und schmutzige Kleidung des Schwarzen,

das verwilderte Wollhaar und der große, struppige, für einen Neger

ungewöhnlich starke Bart gaben dem auf seinen Stock Gestützten und

sich mühsam weiter Schleppenden ein so abstoßendes Aussehen, daß der

Widerwille in mir das Mitleid bei weitem überwog, und die Kinder nicht

so ganz unrecht hatten, als sie nachher lachend zu Hause verkündeten,

Mademoiselle habe sich vor Ignacio „gefürchtet.“

„Was fehlt ihm?“ fragte ich wieder statt aller Verteidigung.

„~Quem sabe!~“ machte Dona Mara Louisa, „er hat überall am Körper

Löcher und wunde Stellen, gegen welche auch die bewährtesten Blätter

und Kräuter nicht helfen, so daß wir jetzt fast glauben, er ist

lazaruskrank.“

Das wurde so ruhig hingesagt, als wenn man erzähle, es habe jemand

einen Schnupfen. Grete, es überlief mich kalt. Ein Gefühl unsäglichen

Jammers für den Unglücklichen, den die Schickung nicht tief genug

demütigen zu können schien, überkam mich. Neger -- Sklave -- aussätzig!

Es war fast eine Erleichterung zu denken, daß ihn nun nichts

Schlimmeres mehr treffen könne. Was seine eignen Gedanken wohl darüber

waren? Ob er um Hülfe rufen würde, wenn er in’s Wasser fiele? Ob er uns

haßte, die wir gesund waren? Ich grübelte den ganzen Tag über diesen

unglücklichen, vom Geschick gezeichneten Paria, und sein Bild ängstigte

mich im Traum.

Einige Tage später erzählte man mir, Ignacio sei aus der nächsten

Umgebung des Hofes verbannt und der Verkehr mit ihm den Negern

untersagt, damit er niemanden mit seiner traurigen Krankheit anstecke.

Wie erbärmlich selbstisch ist doch der Mensch! Mein erstes unbewachtes

und wie instinktives Gefühl war das der Erleichterung, daß ich die

verwilderte, hinkende Gestalt des zerlumpten Aussätzigen nicht

wiedersehen sollte, dann erst dachte ich an +sein+ Elend und --

suchte schließlich auch das zu vergessen.

Bald darauf machte ich eines Morgens meinen gewohnten Frühspaziergang.

Dabei schmetterte ich im Frohgefühl meiner Gesundheit und Kraft ein

vergnügtes deutsches Lied in die brasilianische Landschaft hinein....

Plötzlich aber brach der Ton in meiner Kehle ab -- da kam ja der

Aussätzige auf mich zugehinkt!

Dem ersten blitzartigen Impuls gehorchend, kehrte ich jäh um und maß

bereits mit eiligen Schritten meinen Weg zurück, als ich zur Besinnung

kam.

„Edel sei der Mensch, hülfreich und gut“ -- ich wagte es garnicht,

Grete, diesen unseren Lieblingsspruch auszudenken, als er mir einfiel.

Pfui ob meiner verletzenden Hast!... Dann war eine Stimme da, die

mich entschuldigen wollte: die Erscheinung war so plötzlich gewesen,

ich hatte auch gar nicht an den verkommenen Neger gedacht. -- -- Aber

wiederum nein, nein, es half nichts, ich schämte mich, o wie sehr!

Am folgenden Morgen ging ich zur gleichen Stunde denselben Weg. Das

war meine Buße. An der nemlichen Stelle, wie am Tage vorher, traf

ich den Aussätzigen. Sein unbedecktes Haar stand im Morgenwind, die

Kleider umhingen zerlumpt den großen Körper, die dick umwickelten Füße

erinnerten an seine Krankheit. Ein Schauer überlief mich, doch zwang

ich mich, weiterzugehen. Da, als er ungefähr zehn Schritte von mir

entfernt war, bog der Schwarze seitwärts in das wegelose Gestrüpp ein

und schritt so, sich in ziemlicher Entfernung haltend, mit dem Gruße:

„Gelobt sei Jesus Christus“ an mir vorüber. Mir brannte das Gesicht vor

Scham in Gedanken an meine gestrige Flucht -- wie unsäglich klein war

das gewesen! Ob er das wohl auch gedacht hatte? Ich wünschte, er wäre

mir nicht so sorgfältig ausgewichen.

Auf meinem Rückwege sah ich ihn nicht, aber der Lazaruskranke begann,

fortan in meinem Gemütsleben eine Rolle zu spielen. Ich quälte mich

mit dem Gedanken an ihn herum, fand mich jetzt klein und erbärmlich in

meiner Scheu, dann wieder läppisch und überspannt in meinem Kampf gegen

einen Ekel, den jedermann offen zur Schau trug, und dessen Berechtigung

sein unglücklicher Gegenstand offenbar selbst anerkannte. Warum sollte

ich allein mich überwinden, einem Menschen zu begegnen, den jedes

glückliche Geschöpf floh!

Ohne Ergebnis jedoch in diesem Gedankenstreit fand mich der folgende

Morgen zunächst wieder auf dem alten Wege. Wie an den beiden anderen

Tagen traf ich den Aussätzigen. Wieder bog er tief in das Gestrüpp

ein, als wir an einander vorüberschritten, aber es fiel mir auf, daß

er reinere Kleider trug und einen Hut auf dem Kopfe, den er lebhaft

abzog, als er mir zweimal eifrig sein „~Soss kiss~“ zurief. Der

Gedanke kam mir, als könne der arme Ausgestoßene diesem Austausch eines

Morgengrußes mit einem der glücklicheren Wesen, aus deren Nähe ihn sein

Elend bannte, mit einer gewissen Freude entgegen gesehen haben, und

der Streit in mir war beendet. Ich beschloß, er solle dieses kleinen

Trostes nun nie mehr entbehren.

Da mich der folgende Morgen ein wenig früher als gewöhnlich

hinausführte, so traf ich erst auf Ignacio, als derselbe eben aus

einer kleinen Hütte von Bambus und Lehm trat, die zwischen Farren und

Gesträuch lag. Als er mich sah, blieb er zurück.

„Ist das Deine Hütte, Ignacio?“ rief ich ihm zu.

„Ja, Senhora, meine“, rief er mit strahlendem Gesicht zurück.

„Wohin gehst Du jeden Morgen?“

„Wasser holen zum Kaffee, Senhora.“

Seit wieviel Tagen, vielleicht Wochen mochten dies seine ersten Worte

wieder sein!

Jeden Morgen brachte ich nun dem Unglücklichen seinen Gruß aus der

Welt der Menschen, und es war mir jedesmal eine Befriedigung, in der

Entfernung sein Gesicht freudig aufleuchten zu sehen hinter dem hohen

Ginster hervor, durch den er sich allmählich einen vollständigen Weg

gemacht hatte. Dennoch blieben meine Morgenspaziergänge, die früher der

schönste Teil des Tages gewesen, noch lange eine Überwindung -- vor

allen Dingen sang und jubelte ich nicht mehr unterwegs.

Dann kam unser Aufenthalt in Santos, und der Gedanke an den Aussätzigen

wurde in den Hintergrund gedrängt. Kurz nach unserer Rückkehr sollte

ich wieder an ihn erinnert werden. Eines Tages sah ich nämlich, wie

Dona Maria Louisa verschiedene große Papierdüten mit Kaffee, Reis,

Zucker und schwarzen Bohnen füllte.

„Für wen ist das?“ fragte ich.

„Die Lazaruskranken sind da“, war die Antwort.

„Ignacio?“

„Nein, die Aussätzigen von Santa Barbara, eine ganze Anzahl dieser

Kranken, die dort in der Nähe eine Art von Kolonie bilden und ihren

Unterhalt erbetteln, um nicht durch das Geld[8] und den Eintritt in

die Venden[9] ihr schreckliches Leiden zu übertragen. Die mittellosen

Kranken sind auf diese Weise besser daran als in einsamer Verbannung,

und wer daher z. B. einen lazaruskranken Sklaven hat, schickt ihn

gewöhnlich dorthin. Sie leiden keine Not, denn jeder giebt ihnen

reichlich.“

„Warum lassen Sie Ignacio sich ihnen nicht anschließen?“

„Er will nicht, weil er seine Tochter hier hat; wir haben es ihm oft

vorgeschlagen.“

Trauriger und rührender Gedanke, diese Familie von Parias, die,

durch einen gemeinsamen Fluch von der übrigen Welt geschieden, sich

zu gegenseitiger Samariterschaft verbrüderte -- die Freimaurer des

Elends....

Ich blickte der weiterziehenden Schar der Kranken nach, und ihr

dankbares „Gelobt sei Jesus Christus“ schnitt mir ins Herz.

Am folgenden Tage traf ich Ignacio nicht, so daß ich annahm, er sei ein

Stück Weges mit seinen Leidensgenossen einhergezogen; als man ihn aber

dann auch am anderen Tage bei der Rationenverteilung auf seinem Posten

hinter der Barriere vermißte, wurde ein alter Neger hingeschickt, um

nach ihm zu sehen. Der Auftrag war wohl ein unliebsamer, der Bericht

jedenfalls ein liebloser: Ignacio behaupte, krank zu sein, hieß es,

doch könne er nicht sagen, wo es ihm fehle, und demnach würde wohl das

ganze Übel nichts weiter als Trägheit sein, er wolle bedient werden und

scheue gar die kleine Mühe des Kochens. Ich war erstaunt und verletzt

zu sehen, ein wie bereitwilliges Echo diese lieblose Äußerung fand, und

sann nach, was zu thun sei, wenn dies fortdauere.

Am nächsten Morgen traf ich jedoch den Aussätzigen, der aber schmutzig

und nachlässig aussah, und dessen unglücklicher Gesichtsausdruck und

matter Gruß mir das größte Mitleid abnötigten.

Derselbe Tag brachte einen Regen, der mich durch seine Heftigkeit

und Dauer mehrere Tage am Ausgehen hinderte. Ich dachte während der

Zeit öfter an Ignacio, und ob er genügenden Mundvorrat und trocknes

Brennholz in seiner Hütte haben werde; bei der Rationenverteilung

fehlte er wiederum, und so oft ich täglich nach der Richtung seiner

Hütte blickte, nie sah ich dort ein Rauchwölkchen aufsteigen. Grete,

da kämpfte ich mit einem schweren Entschluß: sollte ich eintreten in

die Hütte des Aussätzigen?! Ein Grauen schüttelte meinen ganzen Körper

bei dem bloßen Gedanken daran. Aber: „Edel sei der Mensch, hülfreich

und gut“ mahnte es wieder in mir. Was hatte ich denn bisher gethan für

den Unglücklichen, was war mein Samaritertum gewesen? Ich errötete bei

dem Gedanken, wie viel Überwindung mir das Wenige gekostet hatte, und

mehr noch, da ich mir sagen mußte, daß meine Scheu vor dem Kranken weit

weniger auf der Furcht vor Ansteckung beruhe, die bei mir immer sehr

gering ist, vielmehr fast einzig in einem rückhaltlos groß gezogenen

Ekel zu suchen sei. Um so mehr glaubte ich, mich überwinden zu müssen,

und wiederholte mir, daß ich nichts gethan habe, wenn ich nicht dies

eine thäte. Der Kampf war hart, und das erbitterte Ringen gegen mich

selbst machte mich fast fieberisch. Einen Augenblick wies ich die Idee,

bei dem Aussätzigen einzutreten, als eine wahnsinnige von mir und

verspottete mich selbst ob meiner eingebildeten Samariterpflichten da,

wo der Priester und der Levit vorübergingen; mochten doch seine Herren

für den Leibeigenen sorgen, was ging er mich an! Dann wieder graute mir

vor meiner eigenen Lieblosigkeit, und ich hatte ein Gefühl, als hätte

mir die Vorsehung diesen Unglücklichen so recht besonders in den Weg

geführt, als ginge er mich sehr viel an, mich vor allen andern, und als

würde ich mehr als irgend jemand freveln, wenn ich ihn am Wege liegen

ließe....

Ich faßte endlich den Entschluß, in die Hütte des Aussätzigen

einzutreten, aber Grete -- ich will es Dir gestehen -- ich hatte

am Abend vorher eine wilde, fieberhafte Hoffnung, in der Nacht zu

sterben...!

Früh am nächsten Morgen pochte es an die Hausthür. Einer der

Holzfäller, die von der nächsten Kolonie hierher kommen, meldete, er

habe aus der Hütte des Ignacio im Vorbeigehen ein vernehmliches Stöhnen

hervordringen hören, habe sich jedoch gegraut, hineinzugehen, der arme

Teufel sei gewiß recht krank. Ein Neger wurde hingeschickt, um nach

dem Unglücklichen zu sehen und ihn mit Stärkungsmitteln zu versorgen.

Ich begann meine Stunden, konnte aber meine Aufregung kaum bemeistern!

Grade als wir Pause hatten, kam der Bote zurück. Er hatte einen

+Toten+ gefunden.

Gretele, da drang mir ein Erlösungsschrei aus der immer doch

menschlichen Brust hervor, und „~homo sum~“ mußte ich mit

Beschämung erkennen. Als aber dann ein heftiges Weinen mir die

angespannten Nerven gelöst hatte, konnte ich ohne selbstischen

Nebengedanken dem unglücklichen Paria die ewige Ruhe gönnen, und ich

konnte nicht anders als mir vorstellen, wie das Wort, das fast das

einzige war, das ich aus seinem Munde gehört, gewiß auch sein letztes

gewesen sei: „Gelobt sei Jesus Christus.“

Ein alter, fast unbrauchbarer Ochsenwagen wurde bespannt, und, in

eine Hängematte gelegt, fuhren zwei Neger den Toten zu seiner letzten

Ruhestatt. Es war schon stark dämmerig gewesen, als sie im Dorfe

anlangten und vor der Wohnung des Kaplans hielten, um diesen um

Beerdigung der Leiche in einem der immer bereiten Gräber zu ersuchen.

Aber so spät eine Beerdigung, und nun gar eines Schwarzen -- eines

Sklaven -- eines Aussätzigen -- unverschämtes Ansinnen! Rauh war ihnen

bedeutet worden, bis zum anderen Morgen zu warten. „Es geht nicht,

wir müssen heim, Herr, wo sollen wir auch die Nacht über bleiben?“

hatten die Neger remonstriert. „Erlaubt denn, daß wir die Leiche in

den Kirchhof stellen und selber umkehren.“ Auch dies war ihnen barsch

verweigert worden, so daß die aufgebrachten Leute endlich gedroht

hatten, die Leiche des Aussätzigen dem christlichen Geistlichen auf die

Schwelle zu legen. Da befahl ihnen der Priester, die Aussätzigen der

Kolonie herbeizuholen und von diesen die Leiche während der Nacht vor

dem Kirchhofsthor hüten zu lassen. Die stille Krankenbrüderschaft ist

dann gekommen, und es haben dem früheren Genossen ihres Elends, den die

Menschen selbst über den Tod hinaus aus ihrer Gemeinschaft stießen,

diese Paria der Menschheit die nächtliche Totenwacht gehalten.

Ich erinnere mich, daß in jener Nacht hellglänzend das Sternbild des

Kreuzes am Himmel stand. Aber jetzt muß ich oft denken bei dem heiligen

Zeichen: Warum bescheint es +die Erde+! Ich will heute nichts mehr

hinzufügen mein Gretele, aber ich schicke dieses erst mit dem nächsten

Briefe zusammen ab.

[8] In Brasilien zirkuliert fast nur Papiergeld.

[9] Krämereien.

[Illustration]

Saõ Sebastiaõ, den 17. November 1882.

Heute ging es mir und den Kindern wie dem Reiter über’n Bodensee; wir

haben einen tüchtigen nachträglichen Schreck davongetragen. Bei unserem

Spaziergange, den wir, durch das prächtige Wetter verlockt, ziemlich

weit ausdehnten, kamen wir auch an einer großen Zuckerrohrplantage

vorbei, wo wir an einer Stelle das kaum reife Rohr in einem großen

viereckigen Stück herausgeschnitten fanden. Wir wunderten uns alle über

diese merkwürdige stückweise Ernte und erzählten davon zu Hause. „O,

das sind Maraõs, Senhor“, sagte Cäsario, der dabei stand, „ich habe

in dieser Zeit auch manchmal geglaubt, spät Abends da drüben im Walde

Rauch aufsteigen zu sehen, aber es war zu dunkel und neblig, um es

genau zu unterscheiden.“

Du magst Dir meinen Schreck vorstellen, als mir auf meine Frage „was

sind Maraõs?“ geantwortet wurde:

„O, vor denen müssen Sie sich sehr in Acht nehmen und dürfen jetzt

nie mehr allein so weit gehen. Maraõs nennen wir entlaufene und

verwilderte Sklaven, die sich in die Wälder geflüchtet haben und dort

wie die Wilden leben, die Nachbarschaft plündernd, wo sie können. Sie

stehlen ihren Unterhalt meist auf den Pflanzungen zusammen, seltener

bauen sie selbst im Walde etwas Bohnen und Mais; sie sind gefürchteter

als die Indianer. In letzter Zeit gesellen sich auch manchmal

+freigelassene+ Neger zu ihnen, die zu faul sind, um zu arbeiten.

Diese Banden sind eine schlimme Wunde für Brasilien und würden dies

noch mehr sein, wenn sie nicht durch das wilde Leben häufig zu Grunde

gingen oder überhaupt sich mehr fortpflanzen könnten; Frauen gehen sehr

selten mit, und so hoffen wir, wird dies mit einer Generation abgethan

sein.“

Von jetzt ab werde ich wohl kaum den Mut haben, mehr zu thun, als feige

ein wenig um’s Haus zu schleichen, denn diese Maraõs haben mir die

Freude an unseren weiteren Spaziergängen auf’s Gründlichste verdorben.

Was überhaupt diese schwarze Race für ein Druck auf Brasilien ist,

und daß die Sklaverei schließlich ein weit größerer Fluch für die

Sklaven+halter+ als für die Neger ist, das zeigt sich jetzt so

recht, wo sie aufgegeben werden soll. Was, um Gotteswillen, soll aus

den Millionen von freien Schwarzen hier werden! Bei uns in Deutschland,

wo man die inneren Verhältnisse Brasiliens so gut wie garnicht

kennt, wird man vielfach denken (und ich hätte das wahrscheinlich

dort auch behauptet), sie würden gewiß meistens auf den Pflanzungen

ihrer bisherigen Herren bleiben und dort als freie und bezahlte Leute

weiter arbeiten, schon die Not würde sie lehren, tüchtige Menschen

und nützliche Staatsbürger zu werden! Hier sehe ich aber, daß

nichts dergleichen der Fall sein wird. Selbst ein Vergleich mit den

Verhältnissen in der nordamerikanischen Union ist unangebracht. Erstens

haben sie hier nicht das Beispiel der Tüchtigkeit vor sich wie dort.

Der Nordamerikaner achtet die Arbeit und den Arbeitenden; er schafft

selber und legt ungeniert mit Hand an; er verachtete in dem Schwarzen

nur die untergeordnete Race. Der Brasilianer, weniger peinlich, aber

anderseits hochmütiger und doch wieder ungebildeter, verachtet gradezu

die Arbeit und den Arbeitenden. Er selbst arbeitet nicht, wenn er es

irgend vermeiden kann, er sieht das Nichtsthun als ein Attribut des

Freien an, und woher will man denn erwarten, daß der in tierischer

Unwissenheit erzogene Sklave sich über solche Ansichten hinwegsetze,

sich eine selbständige philosophische Ansicht gebildet habe oder bilden

werde?! Er wird’s ruhig der weißen Race nachmachen und so wenig wie

möglich arbeiten, und +wie+ wenig dieses „Mögliche“ ist, kann

man nur hier an Ort und Stelle angesichts der Freundlichkeit der

Tropennatur und der schier unglaublichen Anspruchslosigkeit jener Leute

ermessen. Ich habe, seitdem ich hier bin, natürlich unendlich viel mehr

als früher Interesse für diese Dinge genommen, lese auch viel darüber,

und da sehe ich denn, daß manch ein geistreicher Tropenkenner zu den

gleichen Ansichten gekommen ist, wie sie sich mir hier aufdrängen.

Absolut das Gleiche, was ich eben behauptete, sagt Smarda, in seinem

Ausspruche: „In den Tropen arbeitet niemand zum Vergnügen -- warum

sollte es der bedürfnißlose Neger thun?“

Leid und Freud einer Erzieherin in Brasilien · 第 11 / 13 段