Endlich kamen wir an eine Biegung, von wo aus, wie ich wußte, der Weg

eine ganze Zeitlang sanft ansteigt -- hurrah, jetzt war ich wieder Herr

über beide Hände. -- „Hier +kann+ sie nicht fort“, jubelte ich,

und ich glaube, ich habe meine glatte und doch so ungefüge Peinigerin

ordentlich triumphierend angelächelt. Aber, aber, Grete, das war die

Rechnung ohne den Wirt gemacht oder hier ohne die mutwillig erstandene

Frucht! Das Ding hatte wahrhaftig die perfidesten Einfälle, die man

gewiß je an einer Wassermelone wahrgenommen. Nach vorn konnte sie nun

allerdings nicht wegrutschen, aber nun begann sie, in Übereinstimmung

mit dem leichten Trab der Maultiere, mir in regelmäßigen Intervallen

von 30 Sekunden gegen die Seite zu prallen mit einer Vehemenz, die

sich absolut nicht ignorieren ließ, und gegen die es einen passiven

Widerstand nicht gab.

Ich war empört auf die Melone, auf mich selbst, auf den Jüngling, der

sie mir verkauft und noch grinsend ihre 12 bis 15 Pfund Gewicht betont

hatte; es war grade, als hätte er gewußt, wie sich das große Geschöpf

benehmen würde. Ein Versuch, die Melone, ohne sie mit der Hand zu

stetigen, vor mir auf dem Schooß zu balancieren, scheiterte an einer

Serie urkräftiger, auf meine Magengegend gerichteter Püffe von Seiten

der Melone -- es war dem teuflischen Ding mit List nun einmal nicht

beizukommen, sie war voller Ressourcen.

Ein besonders lebhafter Zornesausruf von meiner Seite veranlaßte

Caesario zu dem Rat, den Plagegeist auf den Boden des Wägelchens zu

legen und ihn mit den Füßen zu halten. Dies schien mir eine glänzende

Idee! Aber es war auch nichts mit ihr. Die schwere Frucht rollte den

sie einschließenden Füßen nach vorn weg, und als ich diese dann mit

zorniger Energie heftiger anpreßte, glitt das unleidliche glatte

Ding auf der einen Seite hinüber, und ich mußte wieder allerlei

gymnastische Kunststücke vollführen, damit sie nur nicht unter die

Räder kam. Einen Augenblick war mir allerdings der Gedanke durch den

Kopf geblitzt, was für eine Erleichterung es gewesen wäre, sie los zu

sein, aber dann wieder dachte ich auch: „Nein, nun erst recht nicht!“

und stellte die Melone von neuem, jetzt aber auf ihre Spitze, zwischen

meine Füße. Das ging auch ein Weilchen gut, und ich dachte schon, ich

hätte nun wirklich und endgültig den Vorteil über sie errungen, als

plötzlich Caesario es für gut befand, das rechte Rad des Wagens in

eine tiefe Furche zu schicken, während das linke oben blieb. -- Ja,

da half kein Widerstreben! Zwar klammerte ich mich mit eigensinnig

zusammengekniffenen Lippen an den Armstütz des Wägelchens, zwar suchte

ich mit aller Kraft auch die Melone zu dem gleichen Beharrungsvermögen

zu zwingen, allein, Grete, dem Ungestüm einer fünfzehnpfündigen

Wassermelone, die entschlossen ist, ihren Willen zu haben, ist man

nicht gewachsen: abwärts rutschten Fuß und Frucht, und hinaus zum Wagen

war die tückische Melone und lag in empörender Ruhe im Wegestaub, ehe

ich mich noch von dem Schrecken, beinahe mit aus dem Wagen geschleudert

worden zu sein, erholt hatte. Caesario hatte bereits gehalten und

überreichte mir die wiederum unversehrte Frucht mit dem gleichen

verlegenen Grinsen wie das erste Mal, während ich meinem Grimm gegen

dieselbe auf deutsch Luft machte. Allein, hatte ich mich so lange mit

dem dummen Ding gequält, so wäre es doch thöricht gewesen, jetzt in der

letzten Stunde die Geduld zu verlieren. Ich gab der Melone ihren alten

Platz auf dem Wagensitz wieder und verdammte wiederum meine linke Hand

dazu, ihre Fluchtversuche zu vereiteln.

Der Wagen stuckerte weiter.

Die Sonne war schon seit einiger Zeit hinter Wolken getreten, und

einzeln, wie zögernd fielen endlich die ersten Regentropfen aus der

Luft. Ich will es Dir nur gestehen, Gretele: ich war mittlerweile schon

so ärgerlich und nervös geworden, daß ein zorniger kleiner Faustschlag

die Melone traf, als sei sie unfehlbar auch an dieser Prüfung

schuld, und der verzweifelte Ausruf: „Und dabei keinen Regenmantel!“

begleitete ihn, ohne daß beides jedoch die hartherzige Melone in ihrem

aufregenden Wackeln und Rucksen irre gemacht hätte. Nur Cäsario ließ

ein, dem deutschen Ausruf ~au hasard~ angepaßtes „Sim, Senhora“,

hören.

Rasch wurde der Regen stärker, und mein wieder aufgespannter Entoutcas

bedeutete sehr bald nur noch eine Traufe, die sich mir auf Schultern,

Hut und in den Kragen hinein entleerte, je nachdem die Bewegungen des

Wagens den Schirm dirigierten. Und zu alledem immer die Melone! Da

lag das unförmliche Ding und triefte von Regenwasser, dem sich der

aufgesammelte Staub liebreich gesellte und als Schmutz dem hellen

Handschuh, der darauf herumzurutschen verdammt war, bald eine völlig

undefinierbare Farbe verlieh. Ich hätte schließlich weinen können vor

Zorn! Mit förmlichem Haß betrachtete ich die widerspänstige große

Melone, erwägend, ob ich mich während der noch fehlenden Stunde Wegs

mehr über etwaige neue Chikanen derselben oder darüber ärgern würde,

wenn ich sie jetzt noch aus dem Wagen schleuderte. Ein plötzlicher

heftiger Anprall des Wagens an einen Stein, der die Melone zu dem

entsprechenden Angriff gegen meine Seite veranlaßte, entschied die

Frage. Der unnütze Schirm wurde energisch zugeklappt, und mit beiden

Händen ergriff ich die abscheuliche Frucht, um sie aus dem Wagen zu

schleudern.

„Was wollen Sie denn mit der schönen Melone thun?“ fragte in demselben

Augenblick auf englisch eine Stimme hinter mir und ich sah, mich

umwendend, einen Reiter unmittelbar hinter meinem Wagen... Grete,

ich hätte in die Erde sinken können vor Scham! Das war Mr. Hall, und

ich in dieser Verfassung! Das Kleid bespritzt, total verregnet, mit

schmutzigen Handschuhen und mit dem zornigen Gesicht über der großen

grünen Frucht -- ich war versteinert vor Schreck und wünschte ihn, ja

denke Dir, im Ernst, ich wünschte ihn lieber tausend Meilen entfernt,

als gerade in dem Augenblicke vor mir! Er ritt langsam neben dem Wagen

her, während ich ganz rot und verlegen auf die Melone starrte, die ich

noch steif in Händen hielt. „~Well?~“ machte er und lächelte. Da

sah ich ihn an, und da lachten wir beide.

„Das große Ding war auch zu unleidlich geworden“, sagte ich, begann

jedoch unwillkürlich, ich weiß nicht warum, das „unleidliche“ Ding mit

erneuter Sanftmut zu halten.

„Geben Sie her“, sagte Mr. Hall, „ich werde sie Ihnen für den Rest des

Weges tragen.“

„Ah! -- aber wie?“

„Hier in diesem Sack; den kann ich so an meinen Sattel hängen... Sehen

Sie, so!“

„O danke!“

Grete, wenn ich nur nicht so zerzaust ausgesehen hätte! Ich freute mich

förmlich, daß es nicht mehr weit war bis nach Saõ Sebastiaõ. Aber wo

mochte Mr. Hall hinwollen, und wo kam er her?

Ich scheute mich, ihn zu fragen, aber ich hätte es zu gerne gewußt.

Wir sprachen überhaupt wenig, aber ich hatte so eine Ahnung, als

+müsse+ er nach Saõ Sebastiaõ reiten.

Jetzt kam ein Seitenweg, da wollte ich es schon erfahren.

„Sie sollen um meinetwillen aber keinen Umweg machen“, sagte ich.

Gretel, das war doch gewiß fein ausgedacht, und ich dachte, er würde

nichts merken, aber er machte ein so drolliges Gesicht zu dieser

Bemerkung und ich wurde so rot dabei, daß ich sie augenblicklich

zehntausendmal mehr verwünschte, als vorhin die Tücken der Melone.

„Ich reite meinen Weg“, lächelte Mr. Hall.

„Ja, wollen Sie denn auch --“

„Nach Saõ Sebastiaõ, ja, genau wie Sie; ich komme von der Fazenda Santa

Catharina.“

„Aber was --?“

Es machte ihm augenscheinlich Spaß, mich neugierig zu machen, was er

in Saõ Sebastiaõ wolle, bis er mir zuletzt die Maschinen-Angelegenheit

erzählte. So kamen wir zusammen auf Saõ Sebastiaõ an. Du kannst Dir

denken, daß Souzas nicht wenig erstaunt waren zu finden, daß wir beide

uns recht -- oder ziemlich -- ich meine, daß wir beide uns schon

kannten.

Er blieb nur einen Tag, aber diesmal war es so, als sei ich dazu

bestimmt gewesen, mich einfältig zu betragen. Was mag er nur jetzt von

mir denken!

Als er nämlich gegen Abend fortreiten wollte, kam er, um mir Adieu zu

sagen, in’s Schulzimmer, wo ich allein war und sang. Ich stand auf vom

Klavier und reichte ihm die Hand. Da hielt er sie wieder fest in der

seinen, wie an jenem Abend in Saõ Paulo und sah mich ebenso an wie

damals. Diesmal aber sagte er auch etwas -- viel war es nicht -- nur

„Ulla“ -- aber, Grete, mir war’s, als hätte ich meinen Namen noch nie

zuvor gehört. Mir wurde einen Augenblick ganz wirr und betäubt zu Mute

und dann -- -- bin ich dumme, ungezogene Gans davongelaufen und habe

mich nicht wieder blicken lassen, bis er fortgeritten war. Werde ich

denn ewig kindisch bleiben!

Deine unartige +Ulla+.

Er hat mir auch gesagt, Emersons wollten mich nächstens zum Ball

einladen; ich freue mich schon furchtbar darauf -- ein Ball ist doch

ein entzückendes Vergnügen, meinst Du nicht auch, Herzensgrete?

Himmel, was er nur denken mag!

Ulla von Eck

George Hall

Verlobte.

+Saõ Paulo+, im Januar 1883.

Süße Grete, es war auf dem Ball! Ich habe ja immer für Bälle

geschwärmt!! Nun schreibe ich nicht mehr. Wir kommen bald beide,

und ich -- als

Deine überglückliche

+Ulla Hall+.

Wie drollig sich das anhört!

Druck von Greßner & Schramm in Leipzig.

Leid und Freud einer Erzieherin in Brasilien · 第 13 / 13 段