Scheune mit den durchlöcherten Lehmwänden, dem Strohdach, den
Fensterluken ohne Rahmen, geschweige denn mit Fenstern! Aber ich
konnte nicht länger zweifeln: unsere Gesellschaft ritt auf, die Herren
sprangen von den Pferden, halfen uns von den unsrigen und befestigten
die Tiere an einigen Bäumen neben dem Gebäude. Jetzt bemerkte ich auch
eine Anzahl anderer Pferde und Maultiere, die rings umher standen,
sowie deren Reiter und Reiterinnen, welche hie und da im Schatten oder
bereits in der „Kirche“ saßen, und die nun Mr. Quimby und seine Familie
zu begrüßen kamen. „~How do you do?~“ erklang es von allen Seiten,
dazwischen vielfach das gemütliche „~How d’ye?~“ der Südstaaten,
und dann wurden solche Neuigkeiten ausgetauscht, wie sie sich seit
dem letzten „dritten Sonntag im Monat“ in dieser Zurückgezogenheit
ereignet hatten. Ein Trunk aus der nahen Quelle erfrischte in etwas
die erschlafften Lebensgeister, und dann traten wir in das Gebäude
ein, wo wir, nachdem wir die Bänke mit einem dazu vorhandenen Besen
abgefegt, dankbar für eine Weile der kühlen Stille genossen, während
sich allmählich 50 bis 60 Personen ansammelten, fast ohne Ausnahme von
ihren Pflanzungen oder der Kolonie Santa Barbara kommende Amerikaner.
Durch ein großes Loch in der Lehmwand neben mir beobachtete ich
die Scene draußen, wie sie sich immer bunter gestaltete durch neu
aufreitende Personen, ihre Pferde und Maulesel, die rings umher
grasten, und durch die bunten, in die Bäume gehängten Reitröcke der
Damen. So hatte ich noch nie in einer Kirche gesessen, dachte ich, als
hinter mir eine junge Mutter vergeblich ihren jüngsten schreienden
Sprößling zu beruhigen suchte, dem der Ritt wohl nicht behagt haben
mochte, und dann ein altes, weißhaariges Mütterchen sich neben mir
niederließ, die ich eben durch meine Wand angestaunt hatte, wie sie so
munter auf ihrem Maulesel herangetrabt war.
Nach einer Weile kam der Prediger, und der Gottesdienst begann. Ein
noch junger Mann ohne Talar oder sonstiges geistliches Abzeichen
trat mit großer Einfachheit vor den hölzernen Altar (eine Kanzel war
natürlich nicht vorhanden) und, nur ein Testament in der Hand, hielt
er eine sehr durchdachte, wirklich schöne Predigt über Christi Antwort
auf die Frage des Täufers: „Bist Du, der da kommen soll, oder sollen
wir eines Anderen warten?“ Grete, da konnte man fromm werden. Es war
tief ergreifend, die Bibelworte, die wir Zivilisationsmenschen gewohnt
werden, mit der Katechismusstunde oder den geheiligten Hallen unserer
Kirchen zu verbinden und sie gewissermaßen unwillkürlich dahin zu
bannen, diese Bibelworte dort in jener Lehmhütte, in der tropischen
Umgebung und so wenig unterstützt durch äußere Heiligungs-Hülfsmittel
erklingen zu hören. Und sie klangen nicht anders als daheim, nicht
weniger ernst oder feierlich als in geschmückten Kathedralen, unter
herrlich ragenden Säulen und hinter bunten Fahnen. Ich war lange nicht
in einer Kirche gewesen, aber ich bezweifle, ob die glanzvollste Messe
in Sankt Peters Dom auf mich auch nur nahezu den Eindruck gemacht
hätte, wie unser einfacher evangelischer Gottesdienst in der Lehmhütte,
auf diesem verlorenen Posten im Innern Brasiliens. Der Gedanke von
der Allgegenwart des Christengottes und die Predigt: „Gott wohnet
nicht in Tempeln von Menschenhänden gemacht“, drängte sich dort mit
einer gewaltigen Unmittelbarheit und einer gewissen rührenden Größe
sicherlich auch denen auf, die einen solchen Eindruck nicht suchten.
Die drückende Hitze hatte nach und nach etwas nachgelassen, ein
leichter Wind machte sich auf und plötzlich sah ich durch mein Wandloch
einzelne große Regentropfen herabfallen.... O weh, die Sättel! Rasch
wurde der Regen stärker, so daß nichts übrig blieb, als Sättel und
Reitkleider hereinzuholen in die Kirche, wollte man sich nicht einen
höchst unangenehmen Heimweg schaffen. Gegen 60 Sättel und einige 30
Reitkleider fanden in einem Winkel der Kirche ein Unterkommen, und
lächelnd mußte ich daran denken, wie sich, was hier ganz natürlich
erschien, wohl in einer europäischen Kirche oder Kapelle ausnehmen
würde.
Plötzlich, wie er gekommen, hörte aber der Regen wieder auf, und als
der Gottesdienst beendet war und man einander Lebewohl gesagt hatte für
einen Monat, konnten die Sättel wieder aufgelegt werden.
Mit weit besserem Humor gings nun in der kühleren, staubfreien Luft
heimwärts, und abends brachten mich Mr. Quimby und seine Schwägerin
wieder nach Saõ Sebastiaõ zurück, versprechend, mich bald wieder einmal
abzuholen.
Aber da ruft die alte dicke Anna an meiner Thür: „~Chà, Senhora~“
-- ich schließe. Schreibe bald
Deiner feschen Amazone +Ulla+.
[Illustration]
Saõ Sebastiaõ, den 5. August 1882.
+Herzensgretele!+
Dieser Brief wird wohl etwas zerfahren ausfallen, denn ich schreibe bei
dem Gebell von 37 Hunden. Hier ist nämlich seit gestern Treibjagd, und
Herr de Souza hat dazu 6 Herren eingeladen, von denen jeder ein Pferd
oder zwei und so viel Hunde mitgebracht hat, als er besitzt; denn die
Jagd ist um so viel schöner und forscher, je größer die Meute ist.
Gestern sah ich den Zug oben am Walde vorbeirasen, ein Rehbock voraus
-- es sah ganz gut aus und ist jedenfalls eine Art zu jagen, wie sie
für dies Land paßt. Aber von der Beute hat man nichts. Zwei erlegte
Tiere hängen seit gestern an der Wand des Geschirrhauses, und als ich
Dona Maria Louisa fragte, wann sie denn als Braten auf den Tisch kommen
würden, lächelte sie und meinte, Rehe seien doch für Menschen nicht
eßbar, die bekämen die Hunde! Mein Haar wollte sich schon wieder mal
aufrichten, als ich mich noch zur rechten Zeit erinnerte, daß mir Herr
Schaumann in der That einmal gesagt hatte, das Rotwild hier habe eine
zu große Strenge, als daß es für Menschen genießbar sei. So essen wir
denn unser ~carne de porco~ frisch und fröhlich weiter, obgleich
ich sagen muß, daß Dona Maria Louisa alles thut, um Abwechslung in
das Essen zu bringen; wir haben schon alles mögliche Getier gegessen,
sogar einmal Gürteltier, das aber ganz gut, etwa wie zartes Kalbfleisch
oder Huhn schmeckte. Der Panzer dieses Tropenbewohners prangt als
Dekorationsstück in meinem Zimmer; wenn er eben abgezogen ist, ist er
ganz weich und läßt sich in jede Form biegen, die man ihm geben will,
und in welcher er dann beim Eintrockenen völlig verhärtet und beharrt.
Überhaupt sammle ich an Merkwürdigkeiten, was ich bekommen kann,
obgleich dies weit schwerer ist, als man es bei uns gemeiniglich denkt.
Wir stellten uns die Sache doch ungefähr so vor, als raffte man hier
die Indianerpfeile und andere wunderbare Dinge nur so nebenher am Wege
zusammen, und ich sehe jetzt, daß die Sachen hier sehr teuer sind und
schwer zu bekommen. Ich begnüge mich also mit einem sehr bescheidenen
Naturalienkabinett eigener Sammlung. Die Neger bringen mir alles an,
was sie draußen Merkwürdiges finden, und strahlen förmlich, wenn ich
mich darüber freue; sie nennen mich „~a professora que gosta dos
bixos feios~“ (die Gouvernante, die die häßlichen Tiere liebt),
und fast jeden Tag finde ich auf meinem Fensterbrett irgend einen
Käfer oder eine Raupe oder eine merkwürdige Pflanze aufgebaut. Eine
Schlange, und zwar eine hübsche Korallenschlange, habe ich mir auch
schon „eingemacht.“ Besonders aber habe ich eine Sammlung von reizenden
Nestern, worunter entzückende Kolibrinester verschiedener Sorten und
ein höchst merkwürdiges, mächtig großes Nest von Lehm, das sich ein
mittelgroßer Vogel baut, den sie nach seiner Wohnung ~Joaõ de
barro~ d. h. Lehmjohann nennen. Das Lehmnest ist noch etwas größer,
als ein Menschenkopf und der Eingang so sinnreich seitwärts gearbeitet,
daß es absolut nicht hinein regnen kann; inwendig befindet sich dann
erst das eigentliche weiche Nestchen. -- Meine letzte Errungenschaft
ist ein Fischotternfell und das allerliebste Fell eines schwarzen
Affen, den ein ~camarada~ hier neulich auf der Pflanzung getötet
hat; und gestern brachte mir Maricota, die immer sehr lieb und gut
ist, eine sehr nette Sammlung von 21 Holzarten, die sie sammeln und
zu zierlichen gleichmäßigen Proben hatte zuschneiden lassen. Mit Holz
verschwenden sie übrigens hier in Saõ Sebastiaõ nach unseren Begriffen
fürchterlich; so ist z. B. meine Kommode, ein schweres, ungeschickt
gearbeitetes Ding, ganz aus Cedernholz gemacht, und auch die plumpen
Möbel im Schulzimmer bestehen aus dem kostbarsten Holzmaterial,
wiederum ein Beispiel von den vielen Mißverhältnissen hier zu Lande an
Verschwendung auf der einen Seite und Unzulänglichkeit auf der anderen.
+Abends.+ Gretele, ich bin ganz außer mir vor Freude -- vorhin
unterbrach mich Maricota mit der entzückenden Nachricht, daß wir in
etwa 8 Tagen nach Santos an die See gehen, um dort 5-6 Wochen Bäder zu
nehmen! So bald soll ich mein geliebtes Saõ Paulo schon wiedersehen!
Denn dahin müssen wir zuerst. Wir bleiben dort 1-2 Tage bei Dona Maria
Louisas Eltern und fahren dann über die Serra nach Santos, dem großen
Kaffeehafen der Provinz Saõ Paulo. Dort werden wir an der „Barra“, d.
h. am Strande außerhalb der Stadt und vor dem Hafen wohnen in einem
Hause, das der ganzen Familie gemeinschaftlich gehört und immer von
denen benutzt wird, die es gerade für die Bäder brauchen.
Adieu, adieu, ich muß schnell an Fräulein Meyer schreiben, die
augenblicklich auch mit der Familie in Santos ist; sie wird sich
freuen, Gesellschaft zu bekommen.
Deine glückliche +Ulla+.
[Illustration]
Santos, den 20. August 1882.
+Meine liebe, gute Grete!+
Ich sage Dir, dies Haus ist furchtbar poetisch -- verzeih’, ich muß
erst diese Wespe vertreiben... also, was ich sagen wollte: das reine
Idyll! Draußen rauschen und branden die Wogen -- Donner und Doria, das
ist heute die fünfte handgroße Spinne! -- und die Sonne funkelt darauf
und macht sie -- schon wieder eine Fliege im Tintefaß? -- glitzern wie
Silber. Der Garten ist ein wenig vernachlässigt, aber gerade darum um
so roma... na, da sehe ich eben, daß mir die Baraten auch meine neue
Schreibmappe schon angefressen haben! -- romantischer. Reizend ist
es, wenn wir die Schiffe so von weitem hereinkommen sehen -- o diese
Mosquiten, verzeih den Klex -- und die vorhandenen Operngläser wandern,
wenn ein großes Fahrzeug in Sicht ist, auch immer sofort heraus, um
die Nationalität zu bestimmen. -- Ach, ich Ärmste, da wimmelt’s auf
dem Tisch vor mir von Ameisen! Warum habe ich auch den Zucker stehen
lassen! Nun heißt’s erst Pause und Ameisenjagd...
Später. Du siehst, mein Gretele, daß hier die Poesie mit
Schwierigkeiten verknüpft ist, das Ganze hier ist eine Idylle mit
Hindernissen. Diese Chakara (so nennen sie hier derartige Gebäude,
die halb Villa, mehr Landhaus sind) ist jedenfalls früher einmal für
menschliche Bewohnungszwecke gebaut worden, doch haben anscheinend
seit längerer Zeit Baraten, Spinnen, Eidechsen und Ameisen sich hier
derartig häuslich und unbehelligt einrichten können, daß es ihnen
nicht zu verdenken ist, wenn sie jetzt uns gegenüber den Standpunkt
unbedingter Herrschaft nur schwer und sehr allmälig aufgeben.
Meine erste Nacht hier war nichts wie ein einziger „Kampf mit dem
Insekt“, aber seitdem ich dann alle meine Mußestunden auf Grübeln
über die besten Verteidigungsmittel verwendet habe, kommt es mir
vor, als finge ich doch allmälig wieder an, diesen herrschsüchtigen
Mitgeschöpfen gegenüber den richtigen Standpunkt als Mensch zu
gewinnen. Mein Bett steht in der Mitte des Zimmers, wie ich überhaupt
kein Möbel an die Wand gerückt habe; diese gebe ich „dem Insekt“ frei.
Unter +Möbeln+ verstehe ich den Waschständer, einen Tisch, einen
Stuhl und meinen Koffer. Letzterer dient als Kommode und überhaupt
als Aufbewahrungsort für all mein Besitztum außer den Kleidern.
Diese habe ich, nachdem ich eine breite alte Gardine untergenagelt,
malerisch an der Wand gruppiert und sie mit einem Bettlaken verhangen,
doch benutze ich sie auch nach diesen Vorsichtsmaßregeln immer nur
wie solche Medizinen, die das Etiquette tragen: „Vor dem Gebrauch zu
schütteln“, und die Anhäufung einer kleinen Insektensammlung auf dem
Fußboden bei solcher Prozedur lehrt, wie weise ich daran thue. Bei
meinem Waschständer habe ich, seitdem er den Wänden fern, wenigstens
die Befriedigung, jetzt meine Seife allein zu verbrauchen und sie
nicht des Morgens halb von den Baraten genossen zu finden, die sie
als ganz besondere Delikatesse zu betrachten schienen. Das meiste
Nachdenken kostete es mich, mein Bett unter möglichst günstige
Insekten-Verhältnisse zu bringen. Die erste Nacht stand es an der Wand
zum größten Gaudium der heimischen Spinnen, Baraten, Eidechsen und
Ameisen, die zweite Nacht rückte ich es ab, so daß nur das Kopfende an
der Wand blieb, doch legte auch dies, wie ich sah, den ebengenannten
Hausbewohnern keine wesentliche Beschränkung in der Bewegung auf.
So rückte ich denn am dritten Tage in die Mitte der Stube, welcher
luftige Standort noch den übrigen Vorteil gewährt, daß er mich lehrt,
auch im Schlafe Balance zu halten, denn die erste derartig „im Freien“
zugebrachte Nacht begann damit, daß ich auf der einen Seite von meinem
Spartanerlager, das natürlich wieder jede Seitenwand verschmäht,
herunterrutschte und einige Baraten totfiel. Nachdem ich mich bei
derselben Gelegenheit überzeugte, daß diese angenehmen Tierchen auch
eine besondere Vorliebe für die Reibeflächen der Schwedenschachteln
haben und einen so angesichts der vollen Streichholzschachtel einer
unerleuchtbaren Finsternis preisgeben können, quittierte ich auch
den Stuhl neben meinem Bett, stelle jetzt das Licht in armlanger
Entfernung auf die Erde und stecke die Schachtel Schweden nebst Uhr
und Taschentuch geheimnisvoll unter mein Kopfkissen, auf dem sich’s
allerdings seitdem, da es von bekannter brasilianischer Größe, recht
holprig schläft. Nun galt es nur noch, die Ameisenfrage zu lösen, der
ich aber schließlich auch beigekommen bin, indem ich nachmachte, was
ich neulich in einem Bahnhofsrestaurant an einem Tische gesehen: ich
habe alle vier Bettfüße in Blechgefäße mit Wasser gestellt, so daß
jetzt -- hurrah! -- das Insekt auf die Angriffe beschränkt bleibt, die
es von der Decke herab auf mich vollführen kann.
Im Übrigen sind diese interessanten Mitbewohner unserer Chakara
insofern wertvoll, als sie dauernd für unsere Unterhaltung sorgen.
Des Morgens beim Kaffee muß jedesmal die Zuckerdose hinauswandern,
damit die Ameisen ausgeräuchert werden, während Maricota und ich
die Milch ausfischen; des Mittags sind wir jetzt so sehr an Fliegen
auf den Tellerrändern gewöhnt, daß ich mir ein Essen ohne diesen
Zierrat eigentlich schon recht öde vorstelle, und abends, wenn die
Baraten munter werden, ist der Hauptspaß. Maricota und ich sitzen
dann gewöhnlich in meinem Zimmer über unserem Dickens, und nebenan im
Eßzimmer spielen Dona Maria Louisa, ihre Schwester und Herr de Souza
Whist mit ’nem Strohmann. Plötzlich entsteht dort ein Heidenlärm, man
kreischt auf, und sämtliche Morgenschuhe fliegen; sofort ergreifen auch
wir die immer bereitstehenden Stiefel und schleudern sie gegen die
Thür, denn durch ihre handbreite Spalte über der Schwelle saust das
bedrohte Insekt von den Whistspielern herein zu uns Pickwickiern, um
hier so ziemlich sicher den Untergang zu finden, denn auf Baratenmord
bin ich noch vom Collegio her eingeübt.
Das „Leben in und mit der Natur“ ist überhaupt hier die Devise unseres
Banners. Um fünf Uhr früh, so ungefähr, wenn der Mond zum Abschied
noch der Sonne sein schiefstes Gesicht zuschneidet, stürzen sich
sämtliche menschliche Hausbewohner in den Schoß der Wellen. Männlein
und Weiblein, Schwarz und Weiß, alles läuft in flanellenen Badeanzügen
durch den Garten an den Strand und ins Wasser, um dort in schönster
Harmonie beim Mondenschein die Glieder zu erfrischen. Es ist ein
heilloses Gekreische, das mich immer schon für den ganzen kommenden Tag
betäubte, und da mir Seebäder überhaupt nicht sehr gut bekommen, so
habe ich mich nach den ersten 5 Tagen aus dem Gewimmel zurückgezogen
und bade nun nach wie vor im Zimmer in einer der üblichen großen runden
Blechwannen, die die Negerinnen auf dem Kopfe hereintragen.
Der Abend endet nach anderer Richtung hin in recht harmloser Weise.
Unsere Chakara steht nämlich sehr einsam, da sich auf der einen Seite
ein großer Garten, auf der andern eine unbewohnte Chakara befindet;
trotzdem ist sie von der Strandseite ganz unverschließbar. Da wird
nun des Abends einfach eine Barrikade aus einem Tisch und zwei
daraufgetürmten Stühlen vor der Glasthür aufgeführt, und damit Gott
befohlen für die Nacht.... Wie ich Dich kenne, würde Dich diese Seite
unserer Strandidylle ganz besonders anmuten!
Der Unterricht geht fort wie gewöhnlich, nur daß zur Betrübnis der
Familie und +meiner+ höchsten Wonne -- das Klavier fortfällt. Das
betrachte ich als meine Badereise!
Aber ich habe Dir noch garnicht erzählt, wie es in Saõ Paulo war. Wir
sind zwei Tage dageblieben und logierten bei Maricotas Großeltern.
Den ersten Tag war ich Nachmittags bei Schaumanns und den zweiten
mit Fräulein Harras bei Fräulein Meyer, die leider, leider mit ihrer
Familie von hier wieder abgereist war und in Saõ Paulo zurück. Am
dritten Vormittag fuhren wir dann hier herunter, den imposanten Weg
über die Serra mit der Seilbahn, und denke Dir, wer auch herunterfuhr
-- -- Mr. Hall! Er saß neben mir im Coupé und erzählte mir, daß er
nach Santos ginge, weil eine Sendung Maschinen aus England avisiert
sei, die er gern selbst aus dem Zoll nehmen wollte. Seitdem habe ich
ihn noch nicht wiedergesehen, aber, Grete, ich glaube -- wir freuten
uns +beide+ über die netten Maschinen, die grade jetzt ankommen
mußten.
Ach, Gretele, ich bin so froh! Und es ist doch eigentlich ganz hübsch
in Brasilien.
Nächstens mehr von
Deiner +Ulla+.
[Illustration]
Santos, den 22. September 1882.
+Meine Herzensgrete!+
Unsere Strandidylle nähert sich ihrem Ende, und es werden wohl kaum
noch 8 Tage vergehen, da werden die 32 Stück Gepäck, mit denen wir
hier eingezogen, wieder zusammengepackt und heim nach Saõ Sebastiaõ
dirigiert werden. Ich bedaure das wirklich von Herzen, denn ich habe
mich, trotz der mehr für Insektologen als für sonstige Sterbliche
geeigneten Verhältnisse so sehr an diese Chacara gewöhnt, daß ich sie
ordentlich lieb gewonnen habe; ob auch das +Unmusikalische+ unseres
hiesigen Aufenthaltes dabei ein Wort mitspricht, darüber wollen wir
ein wohlwollendes Auge zudrücken. Als Ersatz für die Klavierstunden
habe ich übrigens den einzigen Sohn von Dona Lydia, der Schwester von
Dona Maria Louisa mit zu unterrichten gehabt für diese Badezeit. Dona
Lydia ist Wittwe und hat gewöhnlich keine eigene Erzieherin gehalten,
sondern ihren Luiz-Guilherme (Ludwig-Wilhelm) immer mit bei einer ihrer
vielen Schwestern in Saõ Paulo pädagogisch zu Gaste gegeben; sämtliche
~professoras~ der Familie kannten ihn bereits und behaupteten, ihn
nach Gebühr zu „schätzen.“ Ich war daher nur sehr wenig entzückt,
als ich gefragt wurde, ob ich ihn mit zu Maricota in die Stunden
nehmen wollte, denn ich fürchtete eine Wiederholung meiner Zeit des
klassischen Altertums in Saõ Paulo. Aber siehe da, er entpuppte sich
als ein ganz traitabler, sogar ziemlich liebenswürdiger und recht
intelligenter Junge von 13 Jahren, der auf den Spaziergängen schon den
Cavalier spielt, und dem ich bis jetzt weiter keine Verdrehtheiten
angemerkt habe, als daß er steif und fest behauptet, er habe die Gicht
in den Füßen. Ich bin die 14. unter den Lehrern und Lehrerinnen, die
er in seinem, wie Du siehst, wechselreichen Schulleben bisher gehabt
hat; und daß er neulich zu seiner Mutter gesagt, ich sei von allen 14
der vernünftigste Mensch, darauf bin ich demgemäß nicht wenig stolz,
denn Du mußt zugeben, daß ihm eine gewisse Urteilsfähigkeit in dieser
Beziehung wohl nicht gut abzusprechen sein dürfte.
Luiz-Guilherme ist mein hauptsächlichster Versorger in der
Richtung +Muschel+. Ich sammle natürlich auch darin auf geradezu
gemeingefährliche Weise, und ein kleines leeres Zimmer neben dem
meinen, sowie mein eigenes Fensterbrett „duften“ fortwährend auf das
Penetranteste nach Seetang und faulenden Muscheltieren. Es ist ein
rechtes Kreuz für mich, aber ich mache hier die Erfahrung: wenn den
Menschen einmal die Sammelwut packt, da ist ihm zuletzt nichts mehr
heilig, nicht einmal die eigene Nase!
Heute kommt Herr de Souza zurück von der Fazenda, wo er einmal nach dem
Rechten gesehen hat. Während seines Fortseins war es hier natürlich
nicht gerade anheimelnder, zumal da einige Tage oder vielmehr Nächte
vor seiner Abreise ganz in unserer Nähe eingebrochen und gestohlen
worden war. Am Morgen seiner Abreise trat er daher beim Frühstück mit
einem großen Revolver auf mich zu und meinte, ich sei ja wohl noch
die Tapferste von der zurückbleibenden ewig weiblichen Gesellschaft,
und er lege daher die Verteidigung des Platzes in meine Hände. Ich
muß gestehen, daß dies auch meine erste Bekanntschaft mit Revolvern
oder sonstigen Mordinstrumenten war, allein ich übernahm kühn meine
Rolle als wehrhafte Besatzung der Chakara und ließ mir nur zur
größeren Sicherheit -- +meiner selbst+ -- das Ding von einem mir
bekannten deutschen Herrn in unserer Nachbarschaft erklären. Seitdem
droht es nun von meiner Wand herab und macht in der That neben meinen
Kattunkleidern und Röcken einen höchst schreckhaften Eindruck, dessen
erste Wirkung sich auf die Negerin warf, welche seitdem kaum zu
bewegen ist, das Zimmer aufzuräumen. Eine weitere Vorsichtsmaßregel
war, daß wir sämtliche Damen alle die Tage über ganz ohne Schmuck
und in den schlechtesten Kleidern ostentativ auf der Praia, d. h. am
Strande spazieren gehen mußten, um den Dieben zu demonstrieren, daß
bei uns nichts zu holen sei, eine Maßregel, die gewiß nicht verfehlt
hat, auf die Diebe den größten Eindruck zu machen! Endlich wurde der
Barrikadenbau des Abends etwas raffinierter betrieben. Ein disponibles
Rohrsopha wurde dem Tische hinzugefügt, und die Stühle wurden in der
Anzahl auf 5 erhoben, sowie etwas „kippeliger“ aufgebaut; das Werk
krönten ein paar leere Schubladen (+meine+ Erfindung!) und das Ganze
machte stets, wenn es fertig gestellt war, einen erhebenden Eindruck
auf uns alle. Mit heute werden wir denn wohl wieder zu Barrikade Nr.
~I~ zurückkehren, und ich werde die Verteidigung des Platzes in Herrn
de Souzas Hände zurücklegen.
Ob er mir einen Brief von meiner Grete aus Saõ Sebastiaõ mitbringen
wird? Adieu, mein Herzle, das Licht brennt, Dickens tritt in seine
Rechte, und die Baratenstunde naht.
Deine +Ulla+.
[Illustration]
Saõ Sebastiaõ, den 4. Oktober 1882.
+Meine gute Grete!+
Da sitzen wir wieder in Saõ Sebastiaõ und warten auf die Hitze und
die Zuckerrohrernte, auf das letztere mit großer, auf das andere mit
mäßiger Sehnsucht.
Unsere Abreise von der guten alten schmutzigen Chakara und der Abschied
von dem Insekt wurde uns schwer trotz alledem und alledem, und außer
Herrn de Souza und Dona Maria Louisa mußten wir alle darüber getröstet
werden, die Kinder mit der kommenden „süßen“ Zeit, ich mit dem kleinen
muntern Lazaõ, meinem Lieblingspferd, das ich immer geritten, und mit
dem mir Herr de Souza lachend ein Wiedersehen schon an der Station
versprach. Es ist wahr, das Reiten ist hier mein schönstes Vergnügen,
ja, meine +einzigste+ Zerstreuung, und wenn mir die Einsamkeit
einmal gar zu traurig wird, kann ich leicht wieder froh gemacht werden
durch einen besonders schönen Ritt.
Es ist wirklich bezaubernd und giebt einen fast berauschenden Begriff
von dem Reichtum und dem Reiz der Tropenwelt, wenn wir so langsam
und schweigend neben dem abendlichen Wald herreiten, manchmal
Viertelstunden lang begleitet von dem wollüstigen Duft prachtvoller
Orchideen, die in selbstgenügsamer Schöne hier an den uralten einsamen
Stämmen tief im Walde blühen, oder wenn am Nachmittag im hellen
Sonnenlicht handgroße blaue Schmetterlinge paarweise, die Köpfe unserer
Pferde fast streifend, vorüberflattern.