Weg ziemlich schlecht und eigentlich nur für ein Reittier berechnet
war; die Pflanzer der Gegend haben unendliche Mühe, sich solch einen
Weg offen zu halten, da er so leicht wieder zuwächst und dabei in
der nassen Jahreszeit nicht einmal gut zu bearbeiten ist. Wenn er
gebessert und frei gemacht werden soll, schickt jeder Fazendeiro, der
den Weg mit benutzt, eine Anzahl Sklaven nach der Station, von wo aus
dieselben alle mit einander zurück arbeiten; allmählich fallen dann
die einzelnen Parteien ab, entweder bei der betreffenden Pflanzung,
oder, wenn diese nicht unmittelbar am Wege liegt, da, wo derselbe dahin
abbiegt. Unsere Waldfahrt hatte wenig Ähnlichkeit mit einer solchen
durch heimische Buchenwälder oder Tannenforsten, da so ein Wald hier
ganz anders ausschaut als daheim. Von Ordnung oder Pflege ist nichts
zu entdecken, und hineingehen oder auch nur hindurchsehen kann man
auch nicht. Jene gewisse Feierlichkeit, die uns daheim so leicht in
stillem Waldesdom überkommt, darf man hier nicht suchen; das Ganze hat
mehr etwas Aufregendes, halb Phantastisches und Geheimnisvolles, halb
Beängstigendes und Beklemmendes; der Zauber des Urwaldes und was ihm
Reiz verleiht, ist eben ganz etwas anderes als der Eindruck, den unsere
Wälder machen. Du mußt nicht denken, daß die Bäume darin grade so sehr
dick und mächtig wären -- zuerst macht das Ganze sogar einen viel
weniger gewaltigen Eindruck als z. B. einer der großen holsteinischen
oder westfälischen Buchenwälder, und ich brachte das Vehmgericht s.
Z. einmal fürchterlich in Harnisch durch meine Behauptung, ich, ein
Forstmannskind, hätte in Brasilien noch keinen ordentlichen Wald
gesehen, denn diese langen, dünnen, den verschiedensten Holzarten
angehörenden Stämme, die in der ungleichsten Entfernung von einander
stehen, könne ich keinen Wald nennen. Man muß, wie ich jetzt sehe,
hindurchfahren oder reiten, um einen Eindruck zu haben. Dann sieht
man, was so recht den Urwald ausmacht, was aber auch wohl zugleich
verhindert, daß die einzelnen Stämme sehr umfangreich werden. Schier
undurchdringlich steht nämlich das Unterholz um dieselben herum, und
wer da eindringen wollte, müßte sich in der That seinen Weg Schritt
für Schritt mit der Axt in der Hand bahnen. Daß die Bäume nicht
dicht stehen, sieht man auch nur von weitem, wo die grauen, lang
hinausragenden Stämme mit ihrer spärlichen Kronen-Belaubung das Einzige
sind, was ins Auge fällt. In der Nähe sieht man, wie die einzelnen
Bäume einander näher gerückt sind oder doch scheinen durch märchenhaft
üppige, fünfzehn bis zwanzig Meter lange Lianen, die an ihren Stämmen
emporklettern und wieder herabhängen, ja die oft von einem Stamme
zum andern sich ranken, eine grüne, zitternde Wand bildend, aus der
seltsame, dunkellilla oder rot gefärbte Blumen großäugig herausschauen.
Ich kam weit zufriedener in Saõ Sebastiaõ an, als ich bei meinem
Abschied aus Saõ Paulo für möglich gehalten hätte, und wurde es noch
mehr, als ich Dona Maria Louisa und meine Schülerinnen sah. Erstere ist
zwar ebenso wenig eine Schönheit wie alle Brasilianerinnen, die ich
bisher gesehen habe, sie geht zwar auch in dem obligaten Kattunröckchen
und mit herabhängenden Zöpfen einher, aber sie hat etwas sehr
Liebenswürdiges und Frisches und hat die kleinen Mädchen gut erzogen.
Meine älteste Schülerin, Maricota, ist ein sehr liebes Geschöpf,
obgleich ihre große Schweigsamkeit ihr leicht etwas Moroses giebt, und
die beiden Kleinen sind so artig, daß mir zuerst ganz unheimlich dabei
wurde. Wir arbeiten sehr nett zusammen, wobei ich Maricota besonders
auf das Englische hinlenke, das ihr immerhin noch leichter wird als
Deutsch, und Du weißt ja, daß ich Englisch auch sehr liebe. Mr. Hall
fand auch immer, daß ich es sehr gut spräche -- er war auf der Bahn,
als ich abfuhr, was mir aber eigentlich gar nicht sehr angenehm war,
denn einzelne Kolleginnen haben mich schon viel mit ihm geneckt.
Aber zurück zu meinem Berichte von hier.
Es ist wahr, diese Pflanzung läßt sich mit Saõ Francisco nicht
vergleichen. Sie stammt noch von den Großeltern Herrn de Souzas und
ist lange Jahre von der Familie nicht bewohnt worden. Auch jetzt dient
sie ihnen gewissermaßen nur als Arbeitsstation, und man verwendet
keinen Luxus auf sie. Mein Zimmer ist bei all seinen Mängeln doch das
besteingerichtete im Hause, und das ist auch der Grund, weshalb ich
über nichts klagen will; ich sehe ja, daß die Familie selbst sich
noch weit mehr begnügt, und die Stube ist wenigstens luftig und hell.
Die ~salla de visita~ ist ein großer fünffenstriger Raum mit
weißgetünchten Wänden und ausmöblirt durch ein Rohrsopha, 12 Wiener
Stühle, eine Hängematte und eine Singer-Nähmaschine. Auch hier keine
Gardine am Fenster, kein Teppich auf den rohen Bohlen, kein Bild an
der Wand -- nur, und ich konstatiere das als eine höchst vorteilhafte
Ausnahme hier zu Lande, eine stets richtig gehende Uhr! Dona Maria
Louisa hält auf Pünktlichkeit und besonders, was sehr dankenswert ist,
auf Pünktlichkeit inbezug auf die Mahlzeiten, so daß nach denselben
immer noch ein Viertel- oder halbes Stündchen zur Erholung bleibt,
ehe der Unterricht wieder beginnt. Punkt neun Uhr Morgens und Punkt 3
Uhr Nachmittags finden wir uns in der „Veranda“ zum Frühstück, resp.
Mittagessen zusammen. Veranda nennen die Brasilianer, abweichend von
+unserm+ Begriff einer Veranda, immer das Eßzimmer, und die
unzähligen Thüren und Fenster, mit denen der Raum gewöhnlich gesegnet
ist, rechtfertigen ja auch einigermaßen diese Bezeichnung. Die
rustikale Veranda ist nun meistens noch dadurch ausgezeichnet, daß ihre
Außenthür zugleich Hinterthür des Hauses ist und unmittelbar ins Freie
führt, wodurch dieselbe alle Eigenschaften einer Berliner Hintertreppe
gewinnt. So ist es auch hier. Durch sie gehen die dienenden Neger und
Negerinnen hin und her; Wasser, Holz, Vorräte, Wäsche, alles wandert
dort in großen Kübeln und Körben auf den Köpfen der Schwarzen aus
und ein, und da der Raum meistens auch noch mit der Küche und häufig
sogar mit der Kammer der Negerinnen in directer Verbindung steht, so
wird auf diese Weise für die Hausfrau ein ähnlich bewundernswerter
Kontrolposten geschaffen, wie die Küche der holländischen Häuser ihn
bieten soll. Dona Maria Louisa übt nun aber auch, im Gegensatz zu
den meisten brasilianischen Hausfrauen, diese Kontrole wirklich aus;
sie ist überall und sieht den Negerinnen auf die Finger, sie bäckt
selber ausgezeichnetes Weißbrot, so daß ich glücklicherweise hier den
~biscoitos~ entrinne; sie macht selber Butter auf die mühsamste
Weise, indem sie die Sahne in einer Satte schlägt, bis sie zu Butter
geworden. Sie näht auch unermüdlich an der Singermaschine und fördert
Kleider und Wäsche für die Kinder, ja, Hemden und derbe Winterjacken
für die Hausneger, kurz, sie ist thätiger, als manche berühmte
„deutsche Hausfrau“ und unter schwierigeren Verhältnissen obendrein,
so daß sie mir wirklich imponiert und ich sie sehr gern habe. Sie hat
auch viel Humor und amusierte sich königlich über mein Entsetzen beim
Anblick der hiesigen Veranda, die allerdings noch ganz nach dem mir
bereits in Saõ Paulo avisierten „alten Styl“ sein muß. Ich will sie Dir
beschreiben.
Der sehr große, aber mehr lange als breite Raum ist weder plafoniert
noch gedielt. Der Fußboden ist zur einen Hälfte mit Backsteinen
ausgelegt, während die andere ungeniert den Lehmboden zeigt, auf
dem das Haus steht, das, wie alle brasilianischen Häuser, nicht
unterkellert ist. In diesem Lehmboden ist eine Feuerstelle, um die sich
an kalten Abenden die Familie sammelt, wie man bei uns im Winter am
Ofen zusammenrückt; natürlich ist bei dieser Einrichtung der Mangel
eines Plafonds nur wohlthuend, da kein anderer Abzug für den Rauch
vorhanden ist als der, den die Löcher und Ritzen in der Ziegeldeckung
über den Dachbalken gewähren.
An der einen Seite dieses wunderbaren Saales steht der Eßtisch,
wo gefrühstückt, Mittag gegessen und Abends beim Schein eines
Stearinlichtes Thee getrunken wird.
Gleich am ersten Abend bekam ich da von meinem Platze aus einen
Begriff von der vielseitigen Nützlichkeit dieser Veranda. Während wir
tranken, stand in der gegenüberliegenden Ecke des Raumes eine Negerin
und plättete Wäsche, was mir schon von vornherein für meine eigenen
Sachen ein gewisses Grauen einflößte, denn in jenem Winkel mußte es
erstens stockfinster sein, und dann bewegte sie auch sekundenlang das
Eisen garnicht, sondern starrte mit offenem Munde zu uns herüber;
man kann nur hoffen, daß es nicht sehr heiß war. Neben ihr knetete
eine zweite Brotteig aus Weizenmehl. Dies und die Uhr, sowie das
ungezwungenere Wesen der ganzen Familie hatte mir schon die größte
Befriedigung abgerungen, als mich ein neuer Anblick ganz und gar
entzückte. Du wirst Dir nicht denken können, was es ist, drum will ich
es lieber gleich sagen: es war ein stiefelputzender Mulattenjunge, der
in einer anderen abgelegenen Gegend dieses bewundernswerten Saales
etabliert war. Also Ausnahme Nummer drei: -- Nichtvorhandensein der
allgemeinen brasilianischen Aversion gegen Wichse! Die Zufriedenheit
mit meinem neuen Lose wuchs. Dieser kleine Mulatte -- er ist übrigens
zugleich Mittags der Fahnenjunge -- war urkomisch anzusehen. Das
einförmige, im langsamsten Tempo vollführte Wichsen mochte wohl eine
unüberwindlich einschläfernde Wirkung auf ihn ausüben, denn alle
Augenblicke stockte seine Thätigkeit, und er stand mit geschlossenen
Augen und gehobener Bürste, gegen die Wand gelehnt, bis ihn das Fallen
des Wichsinstrumentes oder ein aufscheuchendes „Nun, Ivo?“ der Hausfrau
wieder in eine schläfrige Bewegung setzte. Nach gethaner Arbeit mußte
er der Herrin die ganze Stiefelreihe an den Tisch bringen, wo die Dame
sie musterte und den schmutzigen kleinen Kerl dann in Gnaden entließ.
Nach einigen Augenblicken kam er jedoch wieder hereingelaufen und
meldete: „Cäsario bringt noch das Schwein, Senhora.“ „Mein Gott, wie
lästig, so spät!“ rief die Herrin -- „nun, dann hilft es nichts, er
komme, aber schnell!“ Herein zu der famosen Hinterthür kam „Cäsario“,
der ein kleines ausgenommenes Schwein auf dem Rücken trug, das er
auf einen ihm zurechtgerückten Tisch deponierte und dort zu zerlegen
begann. Wahrlich, diese Veranda war ein ~non plus ultra~ von
Vielseitigkeit, und ihre ausgedehnte Nutzbarmachung als Backstube,
Plättkammer, Wichskabinett und Schlachthaus erspart jedenfalls, was
man auch sonst davon denken mag, der Herrschaft manchen Schritt und
-- manches Scheltwort. Hier ist lange nicht so viel Geschrei wie in
Saõ Francisco, weil von vornherein mehr Kontrole ist und daher weniger
Fehler gemacht werden. Also der „alte Styl“ -- er lebe!
Deine urwäldliche +Ulla+.
[Illustration]
Saõ Sebastiaõ, den 19. Juli 1882.
+Liebste Grete!+
Ich bin ganz glückselig -- mein längst gehegter Wunsch ist in Erfüllung
gegangen: ich +reite+ jetzt! Vor einigen Tagen hatte ich meinen
ersten und einzigsten Unterricht. Umständlich war er nicht. Dona Maria
Louisa lieh mir ihren Reitrock, bis für mich einer genäht sein wird,
und sagte dabei lächelnd: „~Mais ne tombez pas, mademoiselle.~“
Dann half mir Herr de Souza aufs Pferd und meinte schmunzelnd: „~Nao
caïa,[7] mademoiselle~“, und als ich oben saß, beschloß Maricota
diese ausgiebigen Anweisungen durch eine dritte Variation desselben
Themas: „~But don’t fall off, miss~“, rief sie von ihrem eigenen
Gaul herunter mir zu, und dann trabten wir drei los, Herr de Souza
voran und ich der größeren Sicherheit wegen in der Mitte. Da meine
Rosinante aber nach der Gewöhnung der hiesigen Pferde immer genau dem
vorangehenden Tier folgt, ich also mit dem Lenken nichts zu schaffen
hatte, so war das Festsitzen nicht so schwer, oder ich habe, wie Herr
de Souza meinte, das Talent zum Reiten mit auf die Welt gebracht.
Seitdem haben wir schon zweimal wieder kleine Ritte auf dem Gebiete
der Pflanzung unternommen, und ich komme jetzt auch schon ohne einen
geehrten Vorreiter zurecht. Müssen doch manche Kolleginnen, frisch
wie sie aus Europa kommen, an der Station aufs Pferd und stundenweit
bis an ihren Bestimmungsort reiten! Die Damensättel kommen vielfach
aus England und Nordamerika, doch hat man auch hiesige, während in
Herrensätteln meist einheimische Arbeit genommen wird, die allerdings
auch in diesem Fache ausgezeichnet ausfällt.
Sehr drollig ist es zu sehen, wie die Schwarzen die Pferde einfangen,
wenn wir ausreiten wollen. Ställe giebt es hier nämlich nicht,
weder für das Rindvieh noch die Schweine, noch auch für die Pferde;
diese werden auch weiter nicht gepflegt, als daß sie ab und zu zum
Salzfressen herangetrieben werden. Im Übrigen laufen sie frei umher und
fressen, was sie an Gras und Kräutern finden, was manchmal recht wenig
ist, da auch nach dieser Richtung hin nichts für das Land geschieht,
und man z. B. keine ordentliche Wiese hier sieht. Sollen nun Pferde
gebraucht werden, so jagt ein Bursche so viel Tiere als der Zufall ihn
erreichen läßt, in den inneren Hof; dort greift man die, die man haben
will, heraus und läßt die anderen wieder laufen. Diese Freiheit, in
der die Haustiere hier leben, ist ja an sich recht schön, aber fett
werden sie nicht dabei, und in den jetzigen kalten Nächten, die hier im
Hochland manchmal recht sehr frisch sind, erfriert manch ein armes Tier
im Walde, besonders von den Jungen. Wie viel Vieh sie besitzen, wissen
Souzas garnicht, eine Kontrole ist darin schwer möglich, die Kühe
kalben im Walde und kommen dann eines schönen Tages mit den Kälbern an.
Natürlich herrscht auch auf diese Weise absolut keine Regelmäßigkeit
in der Milchgewinnung; gewöhnlich kommen allerdings die Kühe zum Melken
herein, wenn es aber sehr kalt ist, bleiben sie im Walde, und dann
meldet Cäsario einfach: „Heut’ giebt’s keine Milch, Senhora, ’s ist
keine Kuh hereingekommen.“ Es ist eben alles urwüchsig unter der Ägide
des heiligen Sebastian.
Am besten haben es die kleinen schwarzen Schweine, die sich hier
beängstigend vermehren, von denen aber allerdings auch fast jeden Tag
eines daran glauben muß, da die Pflanzung viel verbraucht.
Sklaven sind hier fast gar keine, da sowohl Herr de Souza wie Dona
Maria Louisa die Sklavenwirtschaft nicht lieben; man hat nur wenige
Schwarze hier für den unmittelbaren Hausdienst, und die Außenarbeit
wird von freien Arbeitern gethan. Alle übrigen Sklaven, die die
Familie besitzt, arbeiten auf einer zweiten Pflanzung, Saõ Luiz, unter
einem portugiesischen Administrator, und Herr de Souza reitet nur
alle 2-3 Wochen einmal die 9 Stunden hin und zurück, um alles dort zu
inspizieren. Saõ Luiz ist Kaffeeplantage, während wir hier Zucker und
Baumwolle haben und vor allem eine Holzschneidemühle, was ja alles
weniger Arbeitskräfte verlangt als die Kaffeekultur.
Ich glaube, es ist ganz klug von den Brasilianern, sich allmählich
auf den „~camarada~“ einzuarbeiten: +leicht+ ist es aber
+nicht+, das sehe ich hier: ich würde mich über solche Menschen
zu Tode ärgern! Die „~camaradas~“ sind Brasilianer, vielfach
Halbindiauer, Caboclos genannt, oder auch ganz verarmte Nachkommen
der eingewanderten Portugiesen, bettelhaft armes und zerlumptes Volk,
in ihrem Aussehen weit elender als die Sklaven, aber -- sie sind
+frei+ in einem Sklavenlande! Was sie daraufhin für einen Hochmut
entwickeln und für Ansprüche machen, das ist unglaublich! Dabei
arbeiten sie natürlich höchstens halb so viel wie ein Sklave. Unseren
deutschen Gutsbesitzern würden die Haare zu Berge stehen, wenn sie mit
solchen Menschen zu thun hätten! Als die jetzt hier vorhandenen hier
ankamen, hat Herr de Souza ihnen erst alles Material zu ihren Hütten
gegeben und die eigenen Leute beim Bau derselben helfen lassen. Dann
bekam jede Familie eine Summe Geldes vorgestreckt, um davon zu leben,
bis das eigene Bohnen- und Maisfeld Erträge lieferte. Natürlich sollte
dies allmählich wieder vom Lohn abgezogen werden. Nun aber „kaufen“
diese Menschen, nachdem sie das Geld verbraucht, alle ihre Bedürfnisse
hier im Hause, d. h. sie entnehmen Speck, Mehl, Kaffee, Mais und Zucker
in unbescheidenen Mengen und verheißen, auch dies wieder abzuarbeiten.
Da sie jedoch häufig garnicht zur Arbeit kommen und gewöhnlich eine
große Familie haben, die viel verbraucht, so werden ihre Schulden nicht
kleiner, sondern größer. Herr de Souza behauptet, er könne da wenig
thun; weigere er ihnen die Lebensmittel, so zögen sie ab, und wenn er
auch einen Contrakt mit ihnen habe, so nütze ihm der doch garnichts; da
sie nichts haben, könne man ihnen nichts nehmen, und zur Arbeit zwingen
könne man sie auch nicht. So läßt er alles dies gehen, so gut es will,
und nimmt so viel Arbeitsleistung mit, als er kriegen kann; wird es ihm
dann zu bunt, so jagt er die Leute fort; die vorige Serie hat er mit
2000 Mark Schaden zum Kuckuck geschickt. Wenn man diese Verhältnisse
mit ansieht, kann man sich wahrlich nicht wundern, wenn der größere
Pflanzer sich mit Händen und Füßen gegen die Aufhebung der Sklaverei
sträubt. Woher soll er denn seine Arbeiter nehmen! Die freigewordenen
Neger bleiben nicht auf den Pflanzungen, so wenig wie sie das in andern
früheren Sklavenstaaten gethan haben, und europäische Arbeiter sind
ihnen oft zu teuer oder zu unbequem. Portugiesen und Italiener suchen
nur viel Geld zu verdienen, um dann mit einer kleinen Wohlhabenheit
in die Heimat zurückkehren zu können, und Deutsche streben nach dem
selbständigen Erwerb von Grund und Boden. Die Arbeiterfrage ist hier
wie bei uns eine ganz böse, nur daß es dort zu viele giebt und hier
eigentlich keine.
Ich spreche viel über diese Zustände mit Herrn de Souza und Dona Maria
Louisa, die, wie mir scheint, sehr verständige Ansichten darüber
haben. Sie selbst verwerfen die Sklaverei im Prinzip und wünschen,
daß sie aufhöre, aber sie haben auch ein offenes Auge für die Gefahr,
die dem Lande dadurch zunächst insofern droht, als viele seiner
wohlhabenden Grundbesitzer durch die Emancipation ruiniert werden oder
doch verarmen, und zwar gestaltet sich die Sache um so schwieriger, je
entfernter die betreffende Pflanzung von den Küstenplätzen gelegen ist,
welche die Einwanderer zuerst bekommen. So kann man sich einerseits
nicht wundern, wenn der Brasilianer die fremden Gäste nur als Ersatz
für die Sklaven wünscht, anderseits kann es aber allerdings nicht der
Zweck sein für unsere nach Brasilien auswandernden Landsleute, sich
hier wiederum in Abhängigkeit zu begeben und sich als Knechte einer
fremden Nation zu verdingen. Wer dem Lande seine und seiner Nachkommen
Arbeit zuwendet, der beansprucht Selbständigkeit und eigenen Anteil
an eben diesem Lande, und das mit Recht. Die Brasilianer sollten
sich +in ihrem eigenen Volke+ einen Arbeiterstand heranziehen,
den sie so wenig wie einen Handwerkerstand bis jetzt haben, und sie
könnten dies mit einem wenigstens teilweisen Erfolg thun, wenn sie die
freien Negerkinder an eine regelmäßige Arbeit zu gewöhnen suchten. Es
geschieht aber gerade das Gegenteil.
Das Emancipationsgesetz vom 28. September 1871 befiehlt u. a. auch
jedem Sklavenbesitzer, diese Kinder im Lesen und Schreiben unterrichten
zu lassen, aber es giebt wahrscheinlich im ganzen Kaiserreiche keine
zehn Häuser, wo diesem Gesetze nachgekommen wird. Auf den Pflanzungen
ist seine Befolgung auch eigentlich unmöglich. Hier im Innern giebt es
ja keine Dorfschulmeister wie bei uns, und wenn es sie gäbe -- soll
der Fazendeiro denn etwa jeden Tag zwischen 20 und 50 Tiere satteln
lassen, um die kleinen Neger in das nächste, gewöhnlich sehr entfernte
Städtchen zu schicken, oder soll er einen besonderen Erzieher für
die kleine Bande halten? Man mag diese Fragen beantworten, wie man
will -- jedenfalls thut hier niemand dergleichen, und so wächst das
freigeborene Sklavenkind vollständig ohne Erziehung und Unterricht auf
und wird demgemäß dereinst mit den Wilden auf gleicher Stufe stehen,
denn es hat nicht einmal den Vorteil, daß ihn die Herrschaft dies und
jenes an körperlicher Arbeit erlernen läßt, wie es beim Sklaven geschah
-- sie sind ja frei, warum soll man sich zu Gunsten Anderer Mühe und
Kosten machen, man hat ja nichts davon.
Wunderbarerweise denken auch Herr de Souza und Dona Maria Louisa
ebenso, die doch sonst sehr human und auch klug sind. Ob man denn gar
nicht bedenkt, daß man auf diese Weise eine Generation von „Mitbürgern“
für die eigenen Kinder heranwachsen läßt, wie sie schlimmer nicht
gedacht werden kann?!
Aber ich merke, daß ich schon wieder predige und Dich mit einer
vollständigen national-ökonomischen Abhandlung beglückt habe.
Du glaubst aber auch nicht, wie sehr sich einem hier alle diese
Verhältnisse aufdrängen, und wie sie fast ausschließlich Gesprächsthema
sind -- da wird selbst die harmloseste Seele zum Socialpolitiker.
Und nun kann ich diesem Briefe auch nicht einmal mehr ein leichteres
Anhängsel verleihen, damit Du nicht allzu sehr unter dem Eindrucke
dieses sozialen Vortrages bleibst, denn da erscheint eben der
Zimmermann, der hier gearbeitet hat und heute Abend wieder zur Stadt
zurückkehrt, und der aus Gefälligkeit unsere Postsachen mitnimmt. Denn
Herr de Souza schickt nur des Donnerstags zur Post -- ich bin richtig
ganz und gar in den „alten Styl“ hineingeraten.
Also ein Lebewohl für heute und nächstens mehr von
Deiner +Ulla+.
[7] Fallen Sie nicht!
[Illustration]
Saõ Sebastiaõ, den 28. Juli 1882.
+Liebste, beste Grete!+
Denke Dir meine Freude, hier ist eine Pflanzung ganz in der Nähe, die
amerikanischen Ansiedlern gehört, also ganz zivilisierten Menschen!
Niemand hatte mir davon erzählt, bis sie uns heute besuchten -- man
wußte ja nicht, wieviel mir das wert sein konnte! Ach, Grete, so
nett diese Souzas auch sind, fremd bleiben die Brasilianer einem
doch, fremder sogar als alle anderen Fremden hier, die schon ein
gewisses Gefühl der Zusammengehörigkeit als Gäste auf hiesigen Boden
zusammenzieht. Zudem ist mir doch immer das ganze Wesen und Sein
germanischer Volksstämme weit sympathischer als diese Romanen; schon
beim Klange der englischen Sprache atmete ich auf, ganz abgesehen
davon, daß Mr. Quimby und seine Schwägerin wirklich sehr liebenswürdig
und nett waren. Mrs. Quimby war zu Hause geblieben bei den kleinen
Kindern, während das älteste zwölfjährige Mädchen schon flott
mitgeritten war. Es war am vorigen Sonnabend, als sie kamen und --
„Wollen Sie morgen mit uns zur Kirche?“ fragten sie mich plötzlich.
„Zur Kirche?“ wiederholte ich erstaunt -- „wo?“
„O, hat man Ihnen noch nicht von unserer Kirche erzählt? Nun, ein
Prachtgebäude ist sie freilich nicht, aber wir können doch so jeden
dritten Sonntag im Monat unseren Gottesdienst haben. Kommen Sie mit und
übernachten Sie bei uns, wir reiten dann morgen alle zusammen hin, wenn
Sie wollen.“
Ob ich wollte! Natürlich wollte ich. Schnell war ein Pferd gesattelt,
und vergnügt galloppierten wir die zwei Meilen bis zu Mr. Quimbys
Pflanzung zurück. Ich „galloppiere“ nämlich jetzt auch schon flottweg,
und Mr. Quimby schmeichelte meiner empfänglichsten Schwäche, als er
meinte: „~You look as if you’d been born and bred on your horse.~“
Mrs. Quimby empfing mich herzlich wie einen erwarteten Gast, und in den
Hängematten sitzend, verbrachten wir plaudernd den Rest des Abends.
Am andern Morgen um 9 Uhr brach eine ganze kleine Kavalkade zur Kirche
auf, denn noch einige Damen und Herren aus der Umgegend schlossen sich
uns an.
Solange der Weg auf dem Terrain der Pflanzung lag, war er nicht gar zu
schlecht, obgleich Du Dir unter dem Worte „Weg“ auch nichts weiter als
einen grade für +ein+ Pferd hinreichenden Pfad vorstellen darfst,
dann aber wurde er stellenweise so schlecht, daß man bei uns wohl
überhaupt davon abgestanden wäre, ihn zu passieren. Aber brasilianische
Pferde sind nicht verwöhnt; obgleich unbeschlagen, gehen sie sehr
sicher ihren Weg, und man kann es ihnen bei schwierigen Stellen getrost
selbst überlassen, sich denselben auszusuchen.
Recht seltsam malerisch nahm sich unsere kleine Gesellschaft aus: die
hellen Kleider und Hüte der Damen, die weißen Staubmäntel der Herren,
und die großen, meist auch weißen Sonnenschirme -- alles hellglänzend
beschienen von einer bereits recht brennend werdenden Sonne, und hin
und wieder verschwindend und wieder auftauchend zwischen den mannshohen
Farren, die die Pferde durchschnitten, einmal sogar sich spiegelnd in
einer großen, einem See gleichenden Lache, wo die Tiere bis an den
Bauch im Wasser gingen.
Ich war noch nie um diese Tageszeit geritten, da wir auf Saõ Sebastiaõ
immer den frühen Morgen oder den späten Abend wählen, daher empfand ich
die Sonne doch ziemlich unangenehm; der Weg zeigte unglücklicherweise,
so weit das Auge reichte, nicht einen einzigen Baum, einzelne lange
Palmen abgerechnet, deren graziöse, doch spärlich bewachsene Kronen
aber keine Kühlung schufen und keinen Schatten auf den Boden warfen.
Da habe ich denn doch gesehen, welche Erschlaffung einen doch nach nur
dreistündigem Ritt in der Tropensonne befallen kann; die Hitze der Luft
wäre ja noch zu ertragen, aber das unmittelbare Einwirken der Sonne ist
das Schlimme! Es schien auch allen mehr oder weniger zu gehen wie mir,
denn unsere Unterhaltung wurde immer einsilbiger und war zuletzt ganz
verstummt. Da zeigte sich bei einer Biegung des Weges plötzlich ein
langes, strohbedecktes Lehmgebäude.
„Wer kann sich denn hier auf der Roça (das ungerodete Feld) eine
Scheune gebaut haben, so abgelegen von allen Pflanzungen?“ äußerte ich
erstaunt.
„Das ist die Kirche“, sagte Mr. Quimby mit halbem Lächeln und bog
zugleich in einen kleinen Seitenweg ein, dem Gebäude zu.