Meine antiken Zöglinge sind wirklich sehr ungezogen, und ich habe

alle möglichen pädagogischen Finessen nötig, um mit ihnen fertig zu

werden. Besonders kann ich die beiden Jungen nie allein unten im

Schulzimmer arbeiten lassen, wenn Lavinia oben Klavierstunde hat.

Es kommt mir immer vor wie die Geschichte mit dem Wolf, der Ziege

und den Kohlköpfen, die ein Schiffer einzeln über den Fluß zu setzen

hatte und von denen er doch niemals Ziege und Kohl oder Wolf und Ziege

unbeaufsichtigt zusammen zurücklassen konnte. Neulich hatte Cajus

Gracchus -- sein Vater nennt ihn immer pomphaft „~Gracho~“ --

als der Stärkere, wenn auch weniger Begabte von beiden, seinen Bruder

einfach zu dem niedrigen Parterre-Fenster hinausgesteckt, und dieser

stand nun zeternd davor und warf Sand und Steine hinein -- Du kannst

Dir den Zustand meines Zimmers nachher vorstellen!

Die Eltern kümmern sich absolut nicht um das, was die Kinder thun,

vielleicht gehört das zu Herrn Costas republikanischem „System“.

Die drei ältesten sind ganz meiner geistigen Fürsorge anvertraut,

und die jüngeren Römer werden von den Negerinnen so gut oder so

schlecht versorgt, wie es diesen paßt. Neulich sah ich den kleinen

zweijährigen Mucius vollständig nackt im Garten umher laufen, nachdem

er eben gebadet war, und die Grachenmutter, sowie die tapfere

Schwimmerin Clölia erblicke ich nur selten anders als in den ersten

Toilettenstadien. So sehr überhaupt bei „Gelegenheiten“ und auf der

Straße die Brasilianerinnen das sind, was der Engländer ~dressy~

nennt, so primitiv ist ihre Haustoilette. Auch die vornehmste und

reichste Brasilianerin geht im Hause vom Morgen bis zum Abend in einem

einfachsten, völlig besatzlosen Kattunrocke und weiter Jacke, sowie

mit herabhängenden Zöpfen. In der heißen Zeit ist das ja allerdings

ganz angenehm und erquicklich, allein in den kühleren Monaten ist es

absolut nichts als Faulheit, denn da ist ein fester Anzug sehr gut zu

vertragen, ja wünschenswert. Aber die Wollkleider hängen im Schrank,

oder sie haben überhaupt keine: im Hause wird Kattun getragen, auf der

Straße trägt man feinere Waschstoffe und vielfach Seide; sie finden

die wollnen Kleider auch unreinlich, weil sie nicht alle acht Tage

gewaschen werden können! Weißt Du, Grete, diese Brasilianer haben

eine wunderbare Art von Reinlichkeit und Ordnung an sich. Sie baden

oft, die meisten jeden Tag, und doch sind viele Kinder und Erwachsene

nie so recht „zweifelsohne“ um Ohren und Hals herum; sie wechseln

sehr oft Wäsche und Kleidung, aber wie oft ist beides zerrissen und

unordentlich! Es besteht hier über diesen Punkt zwischen Einheimischen

und Fremden eine kleine Gereiztheit. Viele Gewohnheiten der Brasilianer

erregen wohl mit Recht den Widerwillen der letzteren, wenn’s auch nicht

ganz so schlimm ist, wie Herr Zöllner macht. Dafür rächen sich dann

die Brasilianer mit der Anekdote von jenem Deutschen, der, als sein

Wirt ihm am zweiten Tage seines hübenschen Aufenthaltes, wie am ersten

ein Bad angeboten, ganz empört geantwortet habe: „nein, so ein Ferkel

sei er nicht, daß er jeden Tag zu baden brauche“, auf welche Anekdote

dann natürlich wieder mit deutschen und englischen, z. T. weit derberen

Geschichten gedient wird. Nun, derlei Streitereien sind unfruchtbar und

werden vor allen Dingen nichts ändern an eingeborenen und durch das

Klima begünstigten Eigenschaften.

Ich persönlich leide unter diesen Landeseigentümlichkeiten besonders

nach der Seite der Fußbekleidung hin. Hier im Hause wird außer meinen

kein Stiefel gewichst, und Du machst Dir keinen Begriff von den

Manipulationen, Listen und Mühen, die nötig waren, um den Haushalt

mit einer Wichs-Einrichtung, und eine Negerin mit der Fähigkeit

auszustatten, dieselbe angemessen zu benutzen; letzteres ist auch bis

heute noch sehr unvollkommen geglückt. Herr Costa läßt seine Stiefel

mit Lack einschmieren, was ja sehr bequem ist und den Negern daher weit

besser gefällt als das Wichsen, Madame trägt im Hause Pantoffeln, auf

der Straße feine Halbstiefelchen oder Bronzeschuhe; ordentliche, feste

Chauffüre brauchen die hiesigen Damen nicht, da sie bei schlechtem

Wetter einfach nicht ausgehen. Die Kinder laufen mit ungepflegtem

Schuhzeug einher, bis es ihnen sozusagen in Fetzen von den Füßen fällt,

was z. B. bei Plinio alle 14 Tage der Fall ist. Schuhwerk ausbessern

zu lassen, ist den Brasilianern fremd; es wird eben so lange getragen,

bis es schlecht wird; dann wird es weggeworfen und durch neues ersetzt.

Es giebt hier auch gar keinen ordentlichen Schuhmacher, sondern nur

Läden mit fertiger, meist aus Frankreich bezogener Ware, so daß es

für uns Ausländer sehr schwierig ist, etwas ausgebessert zu bekommen,

es sei denn, daß man die Sache den umherziehenden italienischen

Flickern anvertraue, die vor der Hausthür die Stiefel flicken wie die

Kesselflicker bei uns die Töpfe.

Ein tüchtiger Handwerkerstand fehlt hier überhaupt noch fast ganz,

und vor allem wird man selten einen +brasilianischen+ Handwerker

finden; die wenigen, die vorhanden sind, sind meist Deutsche,

Portugiesen und Italiener. Dieser Mangel verteuert hier das Leben

sehr, insofern als man zwar die fertigen Sachen kaufen kann, aber

nicht die Möglichkeit hat, sie sich durch gelegentliches Ausbessern

oder Aufarbeiten zu erhalten. Ich meine, für fleißige Handwerker wäre

hier ein weit dankbareres Feld als für den einwandernden Landmann,

der Klima, Bodenverhältnisse, Absatzwege etc. nicht kennt, der

augenblicklich durch die Sklaven-Emancipation die ungünstigsten

Verhältnisse vorfindet, und dessen Auskommen schon durch die bereits

vorhandene Überproduktion des einen großen Export-Artikels, des

Kaffees, erschwert wird. Was der +Handwerker+ arbeitet, hat aber

stets seinen Markt, und fleißige, tüchtige Leute bringen es nach dieser

Richtung hin hier immer zu etwas.

Nur einmal habe ich in diesen Tagen Gelegenheit gehabt, den Mangel an

tüchtigen „erhaltenden“ Kräften zu preisen.

Cajus und Plinius besaßen nämlich jeder ein Velociped, ersterer sogar

ein ganz modernes Bicycle, das Herr Costa ihm aus England hatte kommen

lassen. Auf diesen unseligen Vehikeln brachten nun die Römerjünglinge

außer den Schulstunden ihr Dasein zu und entwickelten eine derartige

Anhänglichkeit an dieselben, daß sie sogar „vom hoh’n Velociped herab“

zu Mittag speisten. Da die Eltern gleichmütig dabei saßen, mochte ich

nicht wehren, aber meine Mahlzeiten wurden durch Plinio’s bedrohliche

dreirädrige Nachbarschaft entschieden in ihrer Gemütlichkeit nicht

gehoben; zumal waren die Momente beunruhigend, wenn er von kleinen

zerstreulichen Rundfahrten um den Tisch, die er in seinen Essenpausen

unternahm, auf seinen Platz zurückkehrte. Nachdem er denn auch richtig

einmal derartig in meinen Stuhl gefahren war, daß er mich fast mit

dem Gesicht in meinen Teller schickte, bekam er zwar eine Rüge, aber

das aufregende Vehikel blieb zu Rechtens bestehen. Jetzt ist aber das

abscheuliche Ding glücklich zerbrochen, und wärend ich hier unten in

meinem Zimmer schreibe, rollt doch wenigstens nur das große Zweirad

über meinem Kopfe herum, auf dem der Grache sich im Eßzimmer Bewegung

macht, da es draußen regnet. Es ist eine ordentliche Erlösung!

Ich erzählte es neulich Mr. Hall, und er sagte, sie hätten zwar unter

ihren Arbeitern einen, der es würde ausbessern können, doch wolle er

ihn zu Gunsten meiner Nerven „unterschlagen“, wenn er danach gefragt

würde. Das ist doch nett von ihm, nicht wahr, Gretele? Er heißt George

mit Vornamen; er gab mir neulich einen Brief von seiner Schwester an

ihn zu lesen, da habe ich es gesehen.

Aber nun schnell zum Schluß, denn da kommt Frl. Harras; sie kommt jeden

Montag zu mir, und Donnerstags gehen wir zusammen zu Fräulein Meyer...

da ist sie schon. Sie läßt „die Grete“ grüßen, von der ihr schon so

viel erzählt hat

Deine +Ulla+.

[Illustration]

Saõ Paulo, den 20. Juni 1882.

+Mein Herzensgretele!+

Ich schreibe in einer Atmosphäre von Pulverdampf! Wirf nur einen Blick

auf das Datum oben, und Du wirst vielleicht von selbst darauf kommen,

warum. Es ist nämlich gestern wieder der Tag des Täufers gewesen,

(schon ein Jahr, seitdem ich Dir damals von Saõ Francisco aus schrieb!)

und hier in der Stadt merkt man erst so recht, was das in Brasilien

sagen will!

Schon seit einigen Tagen spukte der Heilige vor; jeden Abend wurde

gefeuerwerkelt, und selbst dem hellen Sonnenlichte prasselte man

lustig seine Raketen entgegen. An dem pomphaften Knall des Feuerwerks

und seinem momentanen Scheinen und Blenden scheint der Brasilianer

noch mehr Gefallen zu finden, als an seinem wässrigen Faschingssport,

wenigstens schmuggelt er die Sitte, Feuersport zu machen, eigentlich

durch das ganze Jahr hindurch, während er die Wasserfreuden doch auf

die Karnevalszeit beschränkt. In Rio de Janeiro ist es uns an schönen

Abenden öfters begegnet, daß wir aus dem Garten in das Haus flüchten

mußten, weil in der Nähe gesportet wurde und es dem brasilianischen

Feuerwerkler ganz gleichgültig ist, wohin er seine Rakete richtet, oder

wem seine Leuchtkugeln um den Kopf fliegen, wenn’s nur gut aufsprüht

und gehörig knattert und knistert. Auf dem Verkaufsstand jeder Negerin

in den Städten kannst Du das ganze Jahr hindurch einfacheres Feuerwerk

zum Verkauf ausliegen sehen, und jeder Muleque (Mulattenjunge mit der

Bedeutung unseres „Straßenjungen“) der ein paar ~reis~ sein eigen

nennt, kauft neben den beliebten Süßigkeiten und Papier-Cigaretten

gewiß sein Feuerwerkstengelchen oder seinen ~cracker~, um an dem

Gespritze und Geknattere sein Herz zu erfreuen.

Die letzte und vorletzte Nacht habe ich kein Auge geschlossen: in

allen Straßen, auf allen Höfen, in sämtlichen Gärten unsrer Umgebung

knisterte, knatterte, puffte, knallte und zischte es in einer solchen

Profusion und mit einer solchen Ausdauer, daß ich glaube, jetzt eine

ungefähre Vorstellung davon zu haben, wie sich’s anhören muß, wenn man

in einem heftigen Kleingewehrfeuer steht. Die ganze Stadt riecht nach

Pulver, und mein Schlafzimmer, das wieder so ein Alcoven ohne direkte

Lüftung ist, ist derartig solide eingeräuchert, daß ich wohl noch

mehrere Nächte nicht in die Gefahr kommen werde, den heiligen Johannes

zu vergessen.

Gestern war es geradezu gefährlich, die Straßen zu passieren. Am

frühen Morgen begann der Sport, bei dem natürlich die Studenten

die schlimmsten waren. Ein ganz besonderes Vergnügen fand man

daran, anscheinend harmlos einherzuschreiten und dann plötzlich dem

Begegnenden, zumal aber dem leicht erkannten Fremden, ein halbes

Dutzend Knallerbsen auf einmal vor die Füße zu prasseln oder ihm eines

der bekannten kleinen Handstengelchen von Sternfeuerwerk unter die Nase

zu halten. Früher waren die Krone des ganzen Feuersports sogenannte

Schlangen gewesen, die brennend auf der Erde umherkreisten, und die

man demgemäß ein ebenso kindisches wie frevelhaftes Vergnügen gefunden

hatte, weiblichen Personen gegen Füße und Kleider zu jagen. Der Spaß

dauerte so lange, bis einmal ein allzu geschickter Musensohn das

leichte Kattunkleid einer Mulattin in Feuer setzte, und diese selbst

erhebliche Brandwunden davontrug. Da fand man es denn freilich an der

Zeit, diesen Brunnen zuzudecken -- ein wenig spät, sintemalen das Kind

darin lag, doch muß man hier in Brasilien, scheint’s, in derlei Dingen

für alles dankbar sein.

Du kannst Dir denken, Gretele, daß die Antiken völlig außer Rand und

Band waren; mich wundert nur, daß sie uns nicht das Haus über’m Kopf

angezündet haben! Daß der Gracche sich das Haar versengt und Plinius

sich einen Finger gehörig angeschmort hat, gehört so sehr zu den

Selbstverständlichkeiten, daß ich es kaum zu erwähnen brauchte; selbst

Lavinia artete ein wenig aus und hat ein Kleid völlig mit Brandwunden

bedeckt.

Der gestrige Abend war der Feuerwerksabend ~par excellence~,

und Herr Costa forderte mich noch besonders feierlich auf, nach dem

Abendbrot oben zu bleiben, sie wollten „ein wenig Feuerwerk machen“.

Natürlich -- es war ja auch bis dahin noch zu wenig darin geschehen!

Erstaunlicherweise hatte sich die Polizei zu einer Verordnung

aufgerafft, daß an diesem Abend kein Feuerwerk in den Straßen oder

zu den Straßenfenstern hinaus abgebrannt werden dürfe, und was noch

mehr war, dem Verbote wurde nachgekommen! Ich glaubte daher in meiner

europäischen Einfalt, Herr Costa würde in dem Gärtchen, das hinter

dem Hause liegt und vom Eßzimmer zu übersehen ist, durch die Neger ein

hübsch geordnetes Feuerwerk aufführen lassen: mit bengalischem Licht,

kerzengraden Raketen, sanftglänzenden Leuchtkugeln und stralenden

Feuerrädern, wie wir uns daheim ein solches Schauspiel ungefähr

vorstellen würden. Bestärkt wurde ich in diesem Glauben durch die

Anwesenheit von 10-12 Gästen, und so trat ich denn erwartungsvoll

an eines der in die Höhe geschobenen Fenster heran. Aber Grete, ich

habe Pech mit den brasilianischen Lieblingssports, denn.... ßßßscht!

-- begrüßte es mich, und entsetzt prallte ich zurück vor den letzten

Sprühfunken einer mißleiteten Rakete, mit der ein geschickter

Verherrlicher des umknallten und umzischten Heiligen die Richtung

nach oben zu Gunsten unsrer Fenster verfehlt hatte. Mehrere Damen und

Kinder, die mit mir zugleich herangetreten waren, sprangen lachend und

kreischend zurück, ja, die ganze Sache erregte eigentlich geradezu

einen entzückten Jubel bei ihnen, so daß ich ganz verblüfft in meine

eigne innere Empörung blickte. Ist diese Gutmütigkeit richtig, sind wir

etwa daheim gar zu „discipliniert“?!

Nun begann aber unser Vergnügen auch, und zwar bestand es zu meiner

größten Enttäuschung darin, daß -- wir selbst uns Feuerwerk vormachen

sollten; die Brasilianer allerdings amüsiert das weit mehr als ein

ruhiges Zusehen, und die Jungen zappelten schon vor Ungeduld.

Herr Costa hatte eine Unmasse von Feuerwerk eigens für diesen Abend aus

Rio kommen lassen, das er nun auf das Freigiebigste verteilte. Lange

Rohre mit Sprühregen und englische ~crackers~ spielten dabei die

Hauptrolle; jeder bekam, so viel er wollte. Die vier Fenster des Raumes

waren dicht umdrängt, und aus jedem derselben ragten drei bis vier

solcher Sprühstöcke hervor, gehalten von braunen beringten Damenhänden

oder den ungeduldigen Fingern der kleinen wilden Rangen, die gewöhnlich

die noch unausgebrannten Rohre in den Hof hinunterwarfen, nur um

schleunigst ein neues oder etwas anderes ergreifen zu können. Nach

und nach füllte sich trotz der offenen Fenster das Zimmer mit dem

abscheulichsten Pulverdampf, den die Sprühstöcke wahrscheinlich nicht

bescheidentlich entwickelten, und den der Abendwind zu uns hereintrieb.

Die Scene hatte für den kaltblütigen Zuschauer etwas unendlich

Komisches: diese buntgekleideten, goldbehangenen Schönen mit den

qualmenden Stöcken in der Hand, die mit abgewandtem Gesicht und

zugekniffenen Augen den -- Rauch ihres Feuerwerks genossen, die

lärmenden, aufgeregten Jungen, die mit heißen Köpfen wie toll im

Zimmer umhersprangen und einen ~cracker~ nach dem andern zu

den Fenstern hinauswarfen, dem kein Mensch nachsah, so daß nur das

Zerplatzen auf dem Steinpflaster des Hofes von seiner Ankunft meldete,

dazu der unerschütterliche Ernst, mit dem der Hausherr sein Feuerwerk

verteilte, und das Ganze eingehüllt in eine dicke Atmosphäre von

Pulverdampf -- ich gestand mir, daß ich ein derartiges „Vergnügen“

noch nicht mitgemacht hatte. Nach einer Stunde war für sechzig Francs

Stoff verpufft, die ganze obere Etage des Hause für die Nacht und

den nächsten Tag verpestet und zwei fremde sowie ein antiker Finger

verbrannt, allein -- die Hinterthür des Hauses, die Waschleinen auf dem

Hof und der windschiefe Gartenzaun, hoffen wir’s, hatten sich amüsiert!

Plinio möchte seine verbrannte linke Hand zum Vorwand machen, um mit

der rechten nicht zu schreiben, und war höchlich aufgebracht, als mir

das nicht ebenso sehr wie ihm einleuchtete. Ach ja, Grete, schlimm

sind die Antiken, aber ich will Geduld haben; Mr. Hall meint auch, ich

solle nur auszuhalten versuchen. Aber was Bormann betrifft -- Du siehst

selbst, Grete, daß er auf brasilianische Kinder mit republikanischer

Erziehung nicht vorbereitet gewesen ist! Na, Kopf oben, er ist ja oben

gewachsen!

Deine alte +Ulla+.

[Illustration]

Saõ Paulo, den 28. Juni 1882.

Denke Dir, Grete, was für ein Schlag aus heiterm Himmel mich getroffen

hat! Ich muß fort aus Saõ Paulo! Das ist des Schicksals Rache für

meine Flucht aus dem Collegio! Nun werde ich wieder auf eine Pflanzung

wandern müssen und wieder allein sein und zwischen Schlangen und Negern

hausen!

Aber höre.

Ich schrieb Dir schon in meinem letzten Briefe, den Du wahrscheinlich

mit diesem zusammen erhalten wirst, daß die Römlinge ganz aus Rand

und Band gewesen seien in diesen Tagen des Feuersports; wie weit das

aber gegangen war, wußten wir selbst nicht. Sie müssen unbedingt „Max

und Moritz“ studiert haben, sie haben so viel in’s Brasilianische

übertragene Ähnlichkeit mit diesen Klassikern der dummen Streiche!

Was, denkst Du wohl, war ihr Hauptstreich am Sanct Johannestage? Sie

waren nach der Hauptstraße gelaufen und hatten den Pferden der Trambahn

Feuerwerk vor die Füße geworfen und Knallerbsen auf die Schienen

gelegt und sich dabei natürlich wie die jungen Teufel amüsiert, bis

sie schließlich ein Pferd zum Stürzen gebracht hatten, das denn auch

richtig ein Bein gebrochen. Gestern wurden sie nun von dem Direktor

der Trambahn bei ihrem Vater verklagt, dieser muß das Pferd bezahlen

und hat den Ärger gratis. Dieses vergnügliche Intermezzo hat den

Republikaner und Römervater aber doch so in Harnisch gebracht, daß

er seine Jungen sofort zu den Mönchen zur Erziehung schicken will;

Lavinia, für die allein eine Erzieherin zu halten ihm nicht lohnt, soll

in ein Collegio. Arme Lavinia! Aber auch arme Ulla, die nun wieder

wandern muß! Es gefiel mir hier sonst so gut in Saõ Paulo! Da kann ich

wirklich mit dem Trompeter seufzen:

„All Jahr’ wächst eine andre Pflanz’

Im Garten als vorher --

Das Leben wär’ ein Narrentanz,

Wenn’s nicht so ernsthaft wär’!“

Ach Grete, ich bin mit einem Male schrecklich mutlos geworden; ich

möchte immerfort weinen. Ich habe auch nichts wie Unglück! Mr. Hall,

dem ich es heute Abend erzählt -- ich ging zu Fräulein Meyer, weißt Du,

und er begegnete mir zufällig -- meinte auch ganz betroffen: „~It’s

too bad, yes, this is too bad!~“

Fräulein Meyer glaubt eine Stelle für mich zu wissen bei den Cousinen

ihrer eignen Zöglinge, aber das ist wieder auf dem Lande, und so muß

ich fort aus Saõ Paulo, das ich doch so sehr liebe! Ach Grete, ich sage

Dir, ich liebe Saõ Paulo schwärmerisch, ich werde unglücklich sein,

wenn ich fort bin, ganz elend! Das Leben ist doch recht schwer, Grete!

Deine sehr betrübte +Ulla+.

[Illustration]

Saõ Paulo, den 1. Juli 1882.

Ja, Gretel -- „sie muß auf’s Land“. Aber es ist glücklicherweise nicht

weit; nur zwei Stunden mit der Bahn von hier bis zur Station, zu der

die Pflanzung gehört. Das tröstet mich schon einigermaßen, da ist man

doch nicht ganz aus der Welt. Die Kinder, drei Mädchen, sollen auch

sehr gut geartet sein, und die Mutter, Dona Maria Louisa, ist als

liebenswürdig bekannt und hat eine große Vorliebe für alles Deutsche;

sie selber hat bereits deutsche Erzieherinnen gehabt, und den einzigen

Sohn lassen sie auch in Deutschland erziehen. Nur sagte man mir, daß

ich es äußerst primitiv auf der Pflanzung finden würde, die noch ganz

nach altem Landesstyl eingerichtet sein soll. Halb graut mir vor

diesem „Styl“, halb bin ich aber auch neugierig darauf, das echte,

brasilianische Landleben kennen zu lernen, von dem viele Hunderte, die

Brasilien besuchen, nie einen Begriff bekommen. In dieser Weise sind

wir Erzieherinnen im Vorteil gegen die Kaufleute und andere Europäer,

von denen die wenigsten je die Küstenplätze verlassen, sondern die

meisten nach zehn und zwanzig Jahren nach Europa zurückkehren, ohne das

Land oder das Leben der Brasilianer im geringsten zu kennen, während

wir, die wir direkt in den Familien leben, auf diese Weise ja alle

Chikanen mitmachen müssen.

Nun also, auf denn nach Saõ Sebastiaõ. ~Variatio delectat!~ Ich

schreibe bald, wie dieser neue Heilige sich anläßt.

Deine getreue +Ulla+,

„fahrende“ Lehrerin.

[Illustration]

Saõ Sebastiaõ, den 11. Juli 1882.

+Meine liebe Grete!+

Das ist wahr, Sanct Franziscus war entschieden der elegantere Heilige,

wir sind hier sehr ursprünglich -- und dennoch vertrage ich mich besser

mit dem heiligen Sebastian! Die Familie hier ist die liebenswürdigste,

die ich bisher unter den Einheimischen kennen gelernt, sie sind auch

in jeder Weise verständiger, ich möchte sagen europäischer (trotz der

Urzustände auf der Pflanzung) und nicht so schwerfällig und faul wie

die meisten ihrer Landsleute.

Zu dem „Europäischen“ rechne ich zunächst, daß Herr de Souza mich

selbst von der Bahn abholte. Die Brasilianer haben nämlich sonst so

wundersame Begriffe von dem, was sich schickt, daß sie es höchst

unpassend finden, wenn eine junge Erzieherin den Weg von der

Station nach der Pflanzung in der Gesellschaft des Vaters ihrer

Zöglinge zurücklegt, dagegen sehr angemessen, wenn dies allein mit

dem Negerkutscher oder zu Pferde mit einem freien Arbeiter, einem

sogenannten „~camarada~“, geschieht, wie man es neulich erst

von Saõ Paulo aus einer Collegin für einen 7stündigen Weg zugemutet

hatte! Herr de Souza war sogar sehr nett und unterhielt sich auch

mit mir, während sonst, nach Frl. Meyers drolliger Behauptung,

wir Europäerinnen es uns immer als eine Höflichkeit vonseiten der

brasilianischen Herren anrechnen müssen, wenn sie uns ignorieren.

Leider hat sie damit so ganz Unrecht nicht, und darum bin ich um so

froher, daß ich hier unter verständige Menschen geraten bin.

Wir legten den Weg von der Station nach der Pflanzung, der in der

heißen, nassen Jahreszeit nur zu reiten gewesen wäre, zu Wagen zurück

und fuhren fast fünf Stunden. Manchmal dachte ich, wir würden nicht

heil in Saõ Sebastiaõ ankommen, so wild ging’s die steilsten Abhänge

bergab und bergauf, durch riesige Pfützen und sonstige abnorme

Variationen eines „Weges“. Ich lernte hier einen gewaltigen Unterschied

kennen gegen die Provinz Rio oder speziell den Weg nach Saõ Francisco,

der fast so gut wie eine Chaussee war. Aber interessanter ist es doch

eigentlich hier, Grete; es hat mehr „Lokalfarbe“.

Leid und Freud einer Erzieherin in Brasilien · 第 8 / 13 段