und sie kennen weder die Geschichte noch die Verfassung ihres Landes,
geschweige die andrer Nationen, da giebt es andere, die sich zu dem
philosophischen System des geistreichen Contes zu bekennen behaupten,
und sie haben nicht seine elementarsten Lehren begriffen, da geben sie
Urteile über die Sprachen fremder Nationen ab und können Dir keine
Regel der eigenen erklären. Alle neuen Erfindungen auf technischem
Gebiet müssen sie sofort haben, aber die Ingenieure zur Einrichtung
kommen gleich mit aus Europa, und wenn sie wieder fort sind und es
geht etwas an der betreffenden Maschinerie entzwei, dann kann ein
Einheimischer sie gewiß nicht reparieren. Gründlichkeit herrscht
nirgends, und wenn sie auch äußerlich Anschluß an deutsche Bildung
zu suchen scheinen auf allen Gebieten der Wissenschaft -- so lange
sie sich nicht zugleich auch deutschen Fleiß und Ernst, deutsche
Ausdauer und Gewissenhaftigkeit aneignen können, bleibt es doch nur
Pantomime. Sie gehören eben innerlich nicht zu uns, mir drängt sich
dies Gefühl immer von neuem auf, und die Brasilianer selbst bethätigen
die Richtigkeit desselben instinktiv, indem sie mit ihrem +Herzen+
doch immer wieder den Franzosen und andern romanischen Völkern
zuneigen, wenn ihnen auch deutscher Geist oder englische Thatkraft
mehr +imponieren+. Aber ich merke, daß ich +predige+ -- darum
schnell zu etwas Anderem.
Meine jetzigen „Erziehungssubstrate“ sind in der That wahre
Muster-Exemplare von Wildheit, und nur bei Lavinia hat sich diese
berechtigte(?) Familieneigentümlichkeit zu einer angenehmen Frische
abgeschwächt. Mit den Jungen habe ich einen schweren Stand, und mehr
als einmal haben sich die beiden Brüder schon in der Stunde beim Kragen
gehabt, ehe ich mich dessen versah. Da braucht der eine blos eine
falsche Antwort zu geben, dann wirft der andre eine lebhafte vorlaute
Verbesserung dazwischen, wofür ihm jener schneller als der Blitz eins
mit dem Lineal überzieht -- dann haben wir die schönste Rauferei,
und es ist für mich keine Kleinigkeit, diese Brüderzwiste immer
rasch wieder zu schlichten; neulich habe ich mich dazu aufgerafft,
den kleineren einfach vor die Thür zu setzen, und finde das Mittel
eigentlich ganz probat. Aber ich will versuchen, hier auszuhalten; man
muß streben, solche arme, schlechterzogene Kinder zu bessern. Meinst Du
nicht auch, meine süße Grete? Ich möchte doch nicht schon wieder fort.
Gestern traf ich zufällig auf Mr. Hall, als ich zu Frl. Meyer ging,
und er begleitete mich ganz bis an das Haus. Weißt Du Grete, er
ist wirklich sehr nett, garnicht wie die Brasilianer, fast wie ein
Deutscher; er hat so aufrichtige große blaue Augen und sieht so
männlich aus. Er fragte mich, ob ich nicht Sonntags in die englische
Kirche ginge; eine deutsche ist hier nämlich nicht. Ich bin zwar bis
jetzt noch nicht hingegangen, aber es ist wirklich wahr, ich sollte es
thun; es ist recht unrecht, daß ich bis jetzt nicht dagewesen bin.
Nächsten Sonntag muß ich bestimmt hingehen. Es küßt Dich tausendmal
Deine +Ulla+.
~P. S.~ Anliegend schicke ich Dir zwei Verdeutschungen eines
brasilianischen Gedichtes von Goçalves Dias (in Europa gedichtet),
das wohl so eine Art von Anspruch auf Volkstümlichkeit hat, wenn man
in diesem Lande, wo es eigentlich gar kein Volk giebt, und wo ich
+niemanden+ finde, der mir den Text der Nationalhymne sagt, von so
etwas sprechen kann. Die eine ist von Herrn Schaumann und fast wörtlich
übersetzt, die andre, freiere, von unserm verehrten Dranmor; Du wirst
da den +Dichter+ sofort erkennen. Ich schicke die wortgetreuere
Übersetzung voraus.
Lied des Verbannten.
Meine Heimat, die hat Palmen,
Und dort singt der ~sabia~,
Anders zwitschern hier die Vögel,
Anders zwitschern sie da.
Unser Himmel hat mehr Sterne
Und mehr Leben unsre Wälder
Und mehr Liebe unser Leben
Und mehr Blumen unsre Felder.
Dort des Abends, wenn alleine,
Wie viel süßer träumt’ ich da!
Ach, mein Heimatland hat Palmen,
Und dort singt der ~sabia~.
Volles Glück beut meine Heimat,
Wie ich hier noch keines sah,
Und des Abends, wenn alleine --
Wie viel süßer träumt’ ich da!
Ja, mein Heimatland hat Palmen,
Und dort singt der ~sabia~.
Wolle Gott nicht, daß ich stürbe,
Ohn’ daß ich es wiedersah,
Ferne von dem Glück der Heimat,
(Ach, ich finde es nur da!)
Ferne von der Heimat Palmen
Und dem Lied des ~sabia~.
Und nun die Übertragung des Poeten:
Lied aus der Verbannung.
Palmen schmücken meine Heimat,
Und so traulich ist es da,
Wo von grünen Blätterkronen
Uns begrüßt der Sabia.
Zeigt mir holden Waldesschatten,
Fluren, die den unsern gleich,
Sterne, wie sie niederleuchten
Auf der Liebe Zauberreich.
In den trüben Winternächten
O, wie gramvoll denk’ ich da
An das Land der Palmenhaine
Und des Sängers Sabia.
Denn es stralt in Schönheitsfülle,
Wie ich sonst sie nirgends sah,
Und in allen Traumgebilden
Ist es meiner Sehnsucht nah
Mit dem Flüstern seiner Palmen,
Mit dem Gruß des Sabia.
Laß, o Gott, erst dann mich sterben,
Wenn mein Land ich wiedersah,
Und die Heimat mich beglückte,
Wie es hier noch nie geschah,
Wie die Palmen es verkünden
Und der Ruf des Sabia.
[Illustration]
Saõ Paulo, den 21. April 1882.
Heute ist in unserm Hause etwas passiert, worüber sich Herr Costa und
seine Frau sehr geärgert haben, was ich aber nicht umhin kann, doch
wieder sehr komisch zu finden.
Wir hatten hier nämlich einen Sklaven im Hause, einen kräftigen
Burschen von etwa 25 Jahren, der in dieser Zeit, wo niemand neue
Sklaven kauft und auch keine mehr heranwachsen, für seinen Herrn
sehr wertvoll war. Dieser Gute war nun vorgestern zu irgendwelchen
Besorgungen in die Stadt geschickt, erschien aber nicht wieder. Zuerst
glaubte man, ihm sei ein Unglück geschehen, und ließ ihn suchen, aber
nichts fand sich. Dann nahm man an, er sei entlaufen, und Herr Costa
ließ es sofort in die Zeitung setzen. Gestern früh bekommt er plötzlich
eine Zuschickung von der hiesigen „Gesellschaft für Abolierung der
Sklaverei“, des Inhalts, der Sklave Tiberio habe sich im Büreau
der Gesellschaft zum Loskauf gemeldet und 200 Milreis (ca. 400 M.)
deponiert, die man ihm nun für denselben als Kaufpreis biete; man werde
den Schwarzen bis zur Entscheidung da behalten. Herr Costa schimpfte
und tobte wie ein Wilder im Hause herum, nannte sich selbst einen Esel,
daß er den Sklaven nicht längst auf die Pflanzung geschickt habe, und
stellte schließlich eine Gegenforderung von 2000 Mark. Heute Morgen
war nun der Termin, wo ein Arzt und ein andrer Sachverständiger über
den Wert dieser menschlichen Ware entscheiden sollte. War aber unser
guter Herbergsvater gestern schon wütend gewesen, so kam er heute
gradezu wie besessen zurück, fluchte und zeterte, daß die Wände bebten.
Was hatte man nämlich gethan? In der Zwischenzeit von vorgestern bis
heute war dem Tiberio +ein+ Purgativ über das andre eingegeben
worden, bis der früher so kräftige Bursche auf dem Termin natürlich als
eine elende knieschlotternde Kreatur erschien, die Arzt und Taxator
selbstverständlich nicht höher als 200 Milreis einschätzen konnten.
Wie findet Ihr dies? Ehrliche Arbeit ist es ja nicht, aber es ist auch
wieder ein gut Teil Humor dabei.
Es wird jetzt überhaupt sehr viel von der Sklaven-Emancipation
gesprochen, die Sache scheint plötzlich in Schwung zu kommen. Der Staat
wirft jedes Jahr einen Fond zum Loskauf im Budget aus, in den Provinzen
bilden sich Emancipationsgesellschaften, und viele Sklaven werden frei
durch Privat-Initiative.
Gewiß ist diese Bewegung sehr schön, aber was wird dabei auch für Staub
aufgewirbelt! Was für Schmutz kommt dabei zum Vorschein! Die deutsche
Zeitung in Rio bringt hin und wieder interessante Streiflichter über
diese Sachen. In der Provinz ~Espirito santo~ kaufte man aus den
staatlichen Fonds vor einiger Zeit zwei Sklaven im Alter von 69 und 70
Jahren ihren Herren für je 1000 Mark ab. Wem zu Nutzen geschah das: den
alten, verbrauchten Sklaven, die der Tod sowieso bald erlöst hätte, und
die jetzt ihr Brot erbetteln müssen -- oder ihren Herren? Bei einem
andern Sklavenhalter verheiratete sich eine 72jährige Sklavin mit
einem 75jährigen Freien. Da aber die an Freie verheirateten Sklaven
oder Sklavinnen beim Loskauf immer zuerst berücksichtigt werden sollen,
so empfahl ihr Herr die 72jährige junge Frau dem Emancipationsfonds
für 2000 Mark und -- bekam sie! In Tatuhy wurde ein Sklave, der sich
im letzten Stadium der Schwindsucht befand, aus den Mitteln des
staatlichen Emancipationsfonds für die Summe von 1 Conto 500 Milreis
(3000 Mark) freigekauft. Aber diese und ähnliche Durchstechereien
und Betrügereien sind nichts gegen die Entdeckung, daß +längst
verstorbene Neger+ als durch den Emancipationsfonds freigekauft
in den Listen figurierten und ihre früheren Herren natürlich die
Loskaufssumme für sie einsteckten, worauf man sie nach einiger Zeit
dann zum zweiten Male und endgültig sterben ließ!!
Anderseits ist aber auch viel wirklicher Edelmut zu verzeichnen, und
täglich kann man in den Zeitungen ganze Spalten angefüllt sehen mit
den Namen solcher Besitzer, die ihre Sklaven freiwillig entließen. Man
darf dies nicht zu gering anschlagen, und wenn ich jetzt im Geiste Euer
„Nun, das ist aber so natürlich!“ höre, so sage ich mir freilich, daß
ich in Europa ebenso gedacht haben würde, aber auch zugleich, daß man
hier an Ort und Stelle anderer Meinung werden muß! Erstens sind die
Sklaven ein, wenn auch nicht humaner, so doch ein ebenso rechtmäßig
erworbener Besitz wie jeder andre, anderseits aber heißt „alle seine
Sklaven plötzlich entlassen“ für die meisten Pflanzer nichts anderes
als: „sich ruinieren“. Denn was Ersatzschaffen für 80-100 oder 200
gehorsame Sklaven heißt, ganz besonders aber in Brasilien, wo es keinen
freien Arbeiterstand giebt, und auf entlegenen Pflanzungen heißt,
davon kann man sich nur schwer einen Begriff machen, wenn man nicht
einmal mit angesehen hat, was freie Arbeit heißt in einem Sklavenlande,
und wenn man selbst in einem Lande lebt wie Deutschland, wo das
Angebot der Arbeitskraft ihre Verwendbarkeit übersteigt. Ich kann es
mir also sehr gut erklären und finde es durchaus gerechtfertigt, wenn
auch sonst humane Pflanzer sich weigern, ihr bisheriges Vermögen, die
Sklavenarbeit, ohne Kampf und vor allen Dingen ohne Aufschub und Frist
herzugeben. Ich glaube nicht, daß irgend ein Europäer anders denken
würde, und Du mußt deshalb nicht glauben, mein Gretel, daß sich Deine
Ulla hier zur hartherzigen Sklaverei-Schwärmerin ausbildet.
Im Gegenteil, sie ist weichherzig wie immer und hat neulich sogar --
ein +lyrisches Gedicht+ gemacht! Das ist doch gewiß tröstlich!
Deine +Ulla+.
Vor mir stehen ein paar herrliche Rosen, die mir Mr. Hall gestern
gegeben hat; ich war ihm neulich zufällig wieder begegnet, und er hatte
sie eben zufällig gekauft.
[Illustration]
Saõ Paulo, den 5. Mai 1882.
+Mein Herzensgretele!+
In Deinem letzten Briefe „lächelst Du eine Bemerkung“ über den
hochtrabenden Namen meiner kleinen Schülerin: +Lavinia!+ Ja, das
ist aber nur der Anfang zu einer ganzen antiken Gallerie, die ich
hier unter meiner pädagogischen Zuchtrute habe. Der älteste Junge
heißt Cajus Gracchus, mein dritter Zögling Plinius; er sollte zuerst
Tiberius heißen, erzählte mir Lavinia, doch wurde dieser Name als
speziell „negerhaft“ dann wieder verworfen. Auf ihn folgen ein paar
Römer+innen+: Clölia und Cornelia, die ich immer noch hoffe,
einmal mit reinen Gesichtern zu erblicken, wenn man das überhaupt
von echten und rechten, in der Wolle gefärbten Republikanerkindern
verlangen darf. Die Namen seiner Kinder machen nämlich einen Teil des
politischen Glaubensbekenntnisses von Herrn Costa aus. Bis zur Cornelia
kann ich ihm ja auch folgen; -- was ihn jedoch veranlaßt haben kann,
sein jüngstgebornes Knäblein Vercingetorix zu nennen, das ist mir ein
undurchdringliches Rätsel! Sollte er die Gefühle des biedern alten
Galliers für seine Lieblingsnation, die Römer, so gröblich mißkennen?!
Daß er für die nötigen zwei feindlichen Parteien beim Soldatenspiel
hätte sorgen wollen, ist nicht wahrscheinlich: brasilianische Kinder
spielen nie Soldat, und außerdem würden da auch schon die Vettern Rat
schaffen, die bereits, ebenfalls die landläufigen Joaõ, Luiz oder
Carlos verschmähend, einen Themistokles und einen Perikles unter sich
aufweisen.
Friedfertiger lassen sich die großen und kleinen Kousinen an. Da
rivalisiert keine Sappho oder Aspasia mit unsern Römerinnen, dafür
verwirren sie aber einen armen Europäer-Verstand um so ausgiebiger
durch eine überwältigende Einigkeit unter ihren Namen: Dona Maria, Dona
Maria Salome, Dona Maria Magdalena, Dona Maria da Gloria, Dona Maria da
Conceicaõ, Dona Maria da Cruz -- und so mit Grazie ~ad infinitum~.
Und dann zu sehen, mit welcher Sicherheit die Brasilianer unter all
diesen Marien herumunterscheiden, und sogar womöglich noch wissen:
Dona Maria Magdalena, Tochter von Dona Maria das Dores etc.! In diesem
Bevorzugen der Vornamen liegt aber eine gewisse Unzivilisiertheit, es
erinnert so an Adam und Eva, die auch keine Familiennamen hatten. Und
es wäre doch so viel leichter, alle jene Marien auseinander zu halten,
wenn man ihren Familiennamen hinzufügte, anstatt des Vornamens der
Mutter, denn die oben genannten sind +nur+ zwei- und dreiteilige
Vornamen. Auch schokiert es mich immer von neuem, so eine alte Dame
von dem jüngsten Jüngling etwa mit „Dona Gabriella“ oder einen alten
weißhaarigen Großvater mit „Senhor Carlos“ anreden zu hören. Da lobe
ich mir doch unsre Titel! Wenn es heißt „Frau Geheimerätin“, „Frau
Oberamtmann“, „Frau Superintendent“, da weiß man doch wenigstens, daß
nicht von der 17jährigen Tochter die Rede ist, wärend man hier nie
weiß, wie hoch oder wie niedrig auf der Staffel der Jahre man so eine
„Dona“ einzuschätzen hat. Wolltest Du jedoch eine Dame z. B. „Senhora
Maria“ anreden, so würdest Du sie sehr beleidigen, denn „Senhora“ ist
in der guten Gesellschaft nur ohne Namensanschluß zulässig und wird mit
Namen für die untere Klasse der Freien, freie Mulattinen etc. gebraucht.
Wir deutschen Erzieherinnen und wohl auch andre Ausländerinnen werden
in den Geschäften etc. gewöhnlich mit der Anrede „Madamma“ beglückt,
ein schon für’s Ohr abscheulich häßliches Wort, das aber noch
unleidlicher erscheint, da man sich sagen muß, daß der brasilianische
Hochmut es eigens erfunden hat, um die ~estrangeiras~ (bitte, sprich
das immer mit der gehörigen Verachtung aus) von den +~Brazileiras~+ zu
unterscheiden.
Die Dame des Hauses heißt in jeder Familie für die Bedienung
+Sinha+[5], der Herr +Sinho+, die älteste Tochter stets ~Sinhasinha~,
der älteste Sohn ~Nhonho~; letztere beiden Bezeichnungen werden auch
unter den Geschwistern gebräuchlich. Für die übrigen Kinder kommen
dann noch hinzu: Nhonhosinho, Nhanha, Senhara, Nunu, häufig auch
Bébé und ähnliche Benennungen, eine immer häßlicher als die andere.
Man denke sich eine Geschwisterreihe wie folgt: Sinhasinha, Nhonho,
Nhanha, Senhara, Nunu, Nhonhosinho, Bébé -- für unsre Ohren doch das
Erreichbare an Geschmacklosigkeit, in Brasilien aber faktisch in jeder
Familie vertreten. Mädchen, die Maricota heißen, werden mit Vorliebe in
„Cocotte“ abgekürzt!
Zahlreiche Leute gehen hier unter sogenannten ~appelidos~, Beinamen
oder Rufnamen. Diese Sitte wird ja auch wohl in Oberbayern und Tyrol
gefunden, doch sind dort die Rufnamen doch immer wirkliche Namen,
wärend sie hier oft ein ganz unerklärlicher Blödsinn sind. Auf Saõ
Francisco war als Erdarbeiter ein Portugiese beschäftigt, der nie
anders als „Johann mit dem Hut“ genannt wurde; selbst Dr. Rameiro
sprach so von ihm mit dem gleichmütigsten Gesicht, und ich bin
überzeugt, er stand auch so im Lohnbuch. Und als der Doktor einmal nach
einer kleinen Nachbarstadt ritt und nach dem Hause eines Senhor Carlos
de Oliveira fragte, konnte ihm kein Mensch dasselbe zeigen, wogegen er,
sich glücklich dessen dummen Appelidos „Nhonho Padre“ (kleiner Herr und
Pater) erinnernd, sofort Auskunft erhielt.
Anderseits erscheint es wieder, als könne dem Brasilianer sein Name
nicht prunkend genug sein, und er stellt ihn sich so mannichfaltig
zusammen, wie er nur irgend kann. Weißt Du noch, wie wir in der Pension
die kleine Brasilianerin oder eigentlich ihren herrlich-prunkenden
Namen unterthänigst verehrten? Julieta Olympia Leite da Costa Pinto!
Was war dagegen Anna Schulze, oder wie empfand man bei dem Bewußtsein,
daß es Leute gäbe, die Meier heißen! Aber, aber -- die Illusionen
weichen! Stelle Dir vor, daß Leite Milch heißt, Costa die Küste und
Pinto das Kücken, und Du wirst Dich, wie ich es gethan, mit Schulze,
Müller und vielleicht gar mit Meier aussöhnen. Und grade einen dieser
Namen Costa, Pinto, Leite führen hier wohl 50% aller Einwohner in
irgend einer Verbindung. Chaves bedeutet Schlüssel, Machado Axt, und
nun gar Leitaõ lautet im erbarmungslosen Deutsch: Ferkel! Ja, der
Marquis de la Marlinière hat Recht: „die deutsche Sprak ist ein arm
Sprak, ein plump Sprak --“! Durch all unsre leidigen Consonanten
verlaufen die meisten unsrer Namen auch so armselig und „klanglos“ im
Sande! Wie viel besser endet sich’s doch da auf ein a oder o oder gar
auf oa!
Ja, wenn es bei uns im guten Deutschland auch so leicht wäre wie
hier, sich einen schönen Namen zu verschaffen, ich glaube, da würden
die sogenannten „Sammelnamen“ bald aussterben, und wie würde das
Geschlecht der Cohne aufatmen! Gefällt +hier+ jemandem sein
Name nicht oder giebt er zu Verwechselungen Anlaß, so legt er sich
einfach einen andern bei, läßt das in die Zeitung setzen und damit
basta. Frl. Meyer ist hier in einer Familie, wo der Hausherr und seine
beiden rechten Brüder total verschiedene Namen haben. Sie nehmen da
übrigens das Gute, wo sie es finden. Es giebt im Lande Leute, die sich
Montmorency, Medina-Coeli etc. nennen, und zahlreich sind die Pedro de
Alcantara, wie Du weißt, der Hausname des Kaisers. Seit dem letzten
Jahrzehnt haben auch einige deutsche Namen Gnade vor brasilianischen
Augen gefunden. Einer Veröffentlichung zufolge wollte sich ein
Namens-Unzufriedener fortan noch Habsburgio zubenennen, was mich ja
an und für sich ziemlich kalt lassen würde, wenn nur nicht plötzlich
ein deutscher Forscher Wind bekommt von der Existenz dieses Namens in
Brasilien und uns, in enthusiastischer Entdeckungsfreude, noch eine
ausgewanderte Linie der Habsburger mit allerlei verwickelten Daten und
Zahlen in die Geschichtstabellen hineinforscht. Na, ich bewahre den
Zeitungsausschnitt auf, bis Du das Examen wenigstens glücklich hinter
Dir hast.
Neulich habe ich übrigens ob dieses Namens-Unfugs meinen gehörigen
kleinen Zorn gehabt, als nämlich ein wenig reputierliches Individuum,
das wegen Ruhestörung sistiert wurde, seinen Namen als Joaõ Leaõ
+Bismarckio+ angab[6]. Wenn der Kaiser sich alle die Pseudo-Pedro de
Alcantara in seinem Lande gefallen lassen will, und der Sklavenbaron es
duldet, daß seine freigewordenen Sklaven sich +seinen+ Familiennamen
beilegen, so sagen wir: „~De gustibus non est disputandum~“ -- allein,
ich denke, wir Deutschen halten unsre großen Namen heiliger, und man
müßte sich dergleichen auch im fremden Lande verbitten.
Jetzt bin ich aber so in den Ärger hineingeraten, daß ich mich auf dem
Wege des Übergangs nicht wieder herausfinde; Du bist darum wohl nicht
böse, liebe Grete, wenn ich einen Sprung mache; es ist ja das ohnehin
modern, unsre Schriftsteller machen ja oft wahre ~salto mortales~, wenn
die Handlung nicht so recht schreiten will. Ich finde das bequem,
also..... denke Dir, daß mich neulich ein junger Brasilianer zum Tanz
aufforderte mit den Worten: „Haben Euer Excellenz schon einen Partner?“
Auf der einen Seite neben mir saß sein jüngerer Bruder, an dem andern
Stuhl lehnte ein Cello -- blieb nur ich für die „Excellenz“ -- Der
Mensch sah zu einfältig aus, um mich aufziehen zu wollen, also die
Excellenz tanzte. Die Sache amüsierte mich aber so, daß ich sie bei
erster Gelegenheit lachend an Lavinia’s Mutter erzählte -- da kam ich
aber schön an! Das erfordre die einfachste Höflichkeit, hieß es (bitte,
versuche nicht, Dir eine Vorstellung von der komplizierten danach zu
machen, es könnte Dir zu Kopf steigen), und „~Vossa Excellencia~“
klinge doch entschieden schöner als das simple „~A Senhora~“
-- -- Dagegen ließ sich absolut nichts einwenden, und „schluckuhrig“
zog ich mit dieser Belehrung von dannen. Das Titelwesen hier ist das
reine Studium und meiner Ansicht nach viel komplizierter als bei
uns. Über die Titulatur der Damen habe ich Dir schon gesprochen. Die
Herren heißen alle Senhor; der „Don“ kommt im Portugiesischen, wo es
Dom geschrieben wird, nur den Prinzen zu. Aber mit „Senhor“ kannst
Du freigiebig sein, das ist jeder, der nicht Sklave ist, auch der
barfüßige Erdarbeiter, doch haben sie in solchem Falle eine pfiffige
Art, das Wort ganz kurz, etwa wie „Sior“ auszusprechen, so daß der Mann
den Abstand begreift. Auch im Satz heißt die Anrede meistens Senhor und
Senhora: „Würde mir der Senhor dies Buch leihen?“ „Wünscht die Senhora
ein Glas Wasser?“
~Vossé~ ist unserm Du gleich, man redet die Sklaven so an und
die Kinder, wogegen diese Vater und Mutter Senhor und Senhora und nur
selten Papa und Mama titulieren. So ziemlich zwischen ~vossé~ und
Senhor resp. Senhora steht ~Vosse mercé~, was Du im Ollendorf mit
„Euer Gnaden“ übersetzt findest; es bedeutet aber thatsächlich bei
weitem nicht so viel, kommt vielmehr unserm einfachen „Sie“ am nächsten
und ist im Ganzen sehr wenig gebräuchlich. Etwas unterwürfiger wiederum
als das einfache Senhor ist ~Vossa Senhoria~, und da erzählte mir
neulich unser sehr verdienter Landsmann Gruber hier, der durch sein
Wirken und seine Verbindungen auch einigen politischen Einfluß hat,
eine nette kleine Steigerungsgeschichte.
Er hatte mit einem ganz einfachen Brasilianer vom Lande (man nennt die
Leute ~Caïpira~) wegen einer Wahl verhandelt und ihn dabei einfach
~vossé~ angeredet. Als aber der Mann seinerseits ihn ~vosse
mercé~ titulierte, hatte Gruber ihm an Höflichkeit nicht nachstehen
wollen und folglich dieselbe Anrede aufgenommen. Da sprang aber unser
guter ~Caïpira~ zu Senhor und dann zu ~Vossa Senhoria~ über,
wohin ihm Herr Gruber auch noch folgte. Als jener aber dann sofort eine
Stufe höher rutschte und sich zu ~Vossa Excellencia~ verstieg,
sagte unser Landsmann lachend: „Na, mein Bester, nun wollen wir man
stoppen, wir können uns doch schließlich nicht einander ~Vossa
Majestade~ anreden!“
Schicke doch den nächsten Titelhasser, der Dir begegnet, einmal
herüber, Grete -- hier würde er alle unsre einheimischen Titel segnen
lernen, die so oft die Zielscheibe des Spottes fremder Nationen sind.
Das Wunderbarste ist die Adels-Aristokratie dieses Landes, es giebt
darunter Leute, die als barfüßige Erdarbeiter s. Z. aus Portugal
eingewandert sind, aber die Barone, Marquis und Vicondes aus Dom Pedros
Adelsfabrik bringen dem Staate ein hübsches Sümmchen ein. Schade
nur, daß so ein teuer erstandener Marquis oder der bar bestrittene
Vicomte mit dem glücklichen Käufer begraben wird! Dom Pedro traut
seinem heißblütigen Völkchen nicht; der Vater ein Baron und der
Sohn vielleicht ein Bummler -- da wird nichts dergleichen vererbt.
Was aber solch eine Aristokratie dem Lande nur soll! Sehr selten
und nur aus besonderer Gunst, und wenn der Kaiser den Betreffenden
wirklich ehren möchte, wird das „von“ oder der Titel einfach zu dem
Namen des Belehnten gesetzt, sonst wird er fast immer mit einem
Ortsnamen verbunden. Die meisten dieser Ortsnamen sind der alten
einheimischen Guarany-Sprache entnommen, der noch unzählige Orte hier
in Brasilien ihre Benennung verdanken. So giebt es z. B. einen Marquis
de Itanhaem d. h. „vom steinernen Mörser“; einen Visconde de Suassuna
d. h. „vom schwarzen Reh“; einen Visconde de Uruguay d. h. „vom
Hahnenschwanzflusse“; einen Visconde de Muritiba d. h. „von dem Orte,
wo es Fliegen giebt“; einen Baron de Cambathy d. h. vom „schwarzen
Affen“; einen Visconde de Iroumitatá d. h. von „bringe mir Feuer“ etc.
Manche Namen sind natürlich auch portugiesisch, und da übt der Kaiser
denn manchmal seinen Spott daran aus. Ein Baron „Groß-Mogul“, den er
creïrt hat, ist noch lange nicht das Schlimmste, es soll sogar Bewerber
genug gegeben haben, die der erfinderische Spott des kaiserlichen
Titelfabrikanten abgeschreckt hat.
Und dennoch, liebe Grete -- mit den Wölfen muß man heulen: Wenn Du mir
wieder schreibst, so bitte adressiere den Brief:
~Illustrissima Excellentissima
Senhora Dona Ulla von Eck.~
Das ist das mindeste, was dazu gehört, sonst halten sie mich hier für
gar zu simpel. Womit ich verbleibe
D. O.
[5] nh ist überall wie nj zu sprechen, entspricht also dem
französischen ~gn~.
[6] Deutsche Allgemeine Ztg. für Brasilien vom 30. Juni 1883
[Illustration]
Saõ Paulo, den 29. Mai 1882.
+Meine liebe gute Grete!+