Heute war ich bei dem Pastor der hiesigen deutschen Gemeinde und auch

bei dem deutschen Konsul; beide waren sehr liebenswürdig, und der

Konsul, der ein feiner Mann ist und die Brasilianer auch nach Gebühr

„würdigt“, empfiehlt mir, lieber nach der Provinz Saõ Paulo zu gehen,

wenn ich dort irgend etwas bekommen könne; dies sei keine Stellung

für mich, und in Saõ Paulo seien auch mehr Kolleginnen. Ich habe mir

das gesagt sein lassen und studiere nun, wo ich es erhaschen kann,

eifrig das ~Jornal de Commercio~, wo unter Annoncen entlaufene Neger

betreffend und zwischen Sklavenverkaufsanzeigen auch „~professoras~“

mit zahllosen Fähigkeiten und Vollkommenheiten gesucht werden. Übrigens

habe ich hier im Collegio gelernt, daß es „~professora~“ nur heißt,

so lange man beliebt ist, sonst wird man auf das mindere „~mestra~“

herabgesetzt. Ein wahres Glück ist es, daß man hier keine Kontrakte

macht oder Kündigungsfristen innehält, denn wenn man dabei freilich

auch stets gewärtig sein muß, an irgend einem beliebigen Tage an die

Luft gesetzt zu werden, so kann man doch auch selber sein Ränzel

schnüren, wenn’s einem zu bunt wird. Adieu, mein Schatz; empfiehl mich

dem Wohlwollen aller neun Musen, daß sie mich nach Saõ Paulo gelangen

lassen!

Deine +Ulla+.

[Illustration]

Rio de Janeiro, den 17. Februar 1882.

Grete, bist Du schon einmal auf dem Wege zum Zahnarzt gewesen, um Dir

einen festen Backenzahn ausreißen zu lassen? Vielleicht. Aber ist es

Dir dann auch schon passiert, daß man Dir plötzlich an die sorgfältig

behütete Wange ein hartes Etwas geschleudert hat, das daselbst

zerplatzte und eine kleine Flut patchouliduftenden Wassers in Deinen

Hals ergoß? Nein? Dann weißt Du auch nicht, wie viel Galle Du hast.

Widersprich mir nicht -- Du weißt es nicht! Ich meinesteils wenigstens

erhielt durch die eben erzählte Prozedur einen so unvermuteten

Aufschluß über die Größe meines Quantums Cholerik, daß ich in meiner

guten Meinung von mir ganz beträchtlich gedemütigt wurde.

Es war in der ~rua dos Ourives~, wo ich meine Entdeckung machte.

Ihre erste Wirkung war, wie gesagt, mir mit +einem+ Schlage die

schönen Illusionen zu rauben, die ich in Bezug auf die Milde meiner

Gemütsart gehegt -- allein „paff“ betäubte ein zweites hartes Etwas mit

nachfolgender Wasserflut, das sich diesmal die entgegengesetzte Seite

aussuchte, meine Selbstanklagen, und es wallte wieder zorniger in mir

auf... „piff“ sauste es unmittelbar darauf an meiner Nase vorbei und

zerplatzte an der Wand neben mir -- ich wollte mich bücken, um die

Beschaffenheit dieser entsetzlichen kleinen Geschosse zu konstatieren

-- „puff“ zerplatzte es dumpf in meinem Nacken und lief mir den Rücken

hinab.

Außer mir vor Zorn stand ich still und blickte um mich, meine

Zahnschmerzen vollständig vergessend. Rings um mich her sah ich

Gesichter von einer so impertinenten Heiterkeit, wie Gesichter sie nur

anzunehmen pflegen, wenn sie sich in einem ohnmächtig-zornsprühendem

Antlitz reflektieren dürfen; elegante Herren, schmutzige

Mulattenjungen, Kommis, Straßenbummler, sogar die Damen auf den

Balkons, alles verwandelte sich mir in ebenso viele grinsende

Teufel, und alle zielten wie auf Verabredung auf mein unseliges,

zahnwehbehaftetes Ich mit jenen infamen kleinen harten und wässrigen

Geschossen. Mechanisch drückte ich mich an ein Haus, um wenigstens von

hinten gesichert zu sein... sssrrr floß es in wohlberechnetem Guß auf

meinen Hut (es war eine echte Feder darauf!) überschwemmte ihn und

suchte einen Ausweg in meinen Kragen.

Ich war vollständig betäubt. Was war dies? Was bedeutete es? Wachte ich

wirklich und befand ich mich in einer der besten Straßen Rios, oder war

dies alles ein wüster Traum?!

Da lehnt sich eine junge Brasilianerin lächelnd zu dem Fenster hinaus,

an dem ich wie angewurzelt stehe; ich wende mich an sie und will sie

anreden, da hebt sie die Hand -- ein kleines blankes Flakon glänzt

darin -- „huist“, „huist“ -- und meine beiden Augen waren momentan

dienstunfähig. Das war zu viel! Ich war außer mir. Eine ohnmächtige

Wut und zugleich eine unglaubliche Feigheit all diesen geheinmisvollen

Feinden gegenüber bemächtigte sich meiner, und als ob der Böse selber

mich verfolgte, legte ich den Rest meines Weges zurück.

Am ganzen Körper bebend vor Zorn und bei jeder Bewegung Tropfen

sprühend, sank ich, am Ziele angelangt, in Thränen ausbrechend auf ein

Sofa im Wartezimmer von Dr. Müller, der mich seit einer Woche unter

seiner zahnärztlichen Behandlung hatte.

„Aber liebes Fräulein, was fehlt Ihnen?“ rief er aus dem Nebenzimmer;

doch als er dann eintrat und mich so triefend dasitzen sah, verzog

sich auch sein Gesicht zu einer Spielart jenes bereits erwähnten

Heiterkeitsausdruckes, und ich sah, wie schwer es ihm wurde, nicht laut

heraus zu lachen.

„Ja, mein Gott“, rief ich außer mir vor Zorn, „was ist denn nur los,

ist denn hier in Rio alles toll geworden!“

Jetzt lachte der Doktor los, faßte mich bei der Hand, führte mich

an den Wandkalender und wies mit dem Finger auf eine Zeile des

Monats Februar -- „+Fastnacht+“ -- las ich da und sank, dumpf

aufseufzend, auf den nächsten Stuhl.

Der Doktor begann an mir herumzupflücken. „Was machen Sie denn?“ fragte

ich matt.

„Ich sammle Ihnen wenigstens einige Wachsstücke ab.“

„Wachsstücke?“ wiederholte ich ebenso matt, aber erstaunt.

„Nun ja, Sie haben, wie es scheint, eine gehörige Ladung von den

Dingern bekommen, Wachseier mit Wasser gefüllt, unter deren Zeichen Rio

nun bis zum Aschermittwoch fortwährend stehen wird.“

Bis zum Aschermittwoch, das waren damals noch eilf Tage! Mit stummem

Entsetzen überschlug ich das mögliche Quantum von Patchouliwasser

und Wachseier-Schalen, des aus Kübeln gegossenen Wassers garnicht zu

gedenken, das sich in diesen eilf Tagen noch den Weg in meine Garderobe

suchen konnte, und ingrimmig zerdrückte ich das Wachs einer halben

Eierschale, die ich eben aus meiner triefenden linken Manschette zog.

„Da ist wohl der Zahn noch für heute gerettet?“ lächelte der Doktor.

„Nein, im Gegenteil“, rief ich mit einer Erneuerung meiner vorherigen

„Energie“ -- „an etwas muß ich meinen Zorn auslassen, und sei es an

mir selber; reißen Sie -- reißen Sie --“ Und so wurde ich um einen

Weisheitszahn ärmer.

Als ich in das Collegio zurückkam und meine Abenteuer erzählte, geriet

die kleine Bande in eine schreckliche Aufregung -- „~Laranginhas,

Laranginhas!~“ wurde das allgemeine Feldgeschrei. Die Brasilianer

nennen diese abscheulichen kleinen Wachsgeschosse ~Laranginhas~ d. h.

kleine Orangen, mit denen sie jedoch meiner Ansicht nach nicht die

geringste Ähnlichkeit haben; sie haben vielmehr die Form und Größe von

Hühnereiern, und die Kinder gießen sie selbst mittels einer hölzernen

Form. Dutzende von solchen Formen kamen wie mit Zauberschlag in unserm

ehrenfesten Collegio zum Vorschein, und ehe wir Lehrerinnen es uns

versahen, war die Wasserschlacht im vollen Gange. Nicht nur, daß man

sich in den Pausen mit ~laranginhas~ bombardierte, sondern sogar in

den Stunden spritzten sich die Nachbarinnen mit den ~bisnagas~, die

durch Gott weiß wen eingeschmuggelt wurden, Wasser in die Ohren und

die Kleider, so daß an eine ruhige, gesammelte Stunde garnicht mehr

zu denken war. (Die Bisnagas sind kleine Flakons genau wie unsre

Farbenfläschchen, und man hat sie mit allen Parfüms gefüllt, bis zu den

feinsten Sorten). Am Sonntag aber, als die Kinder nun nichts zu thun

hatten, wurden sie ganz wild und begossen sich gegenseitig von oben

bis unten mit Wasser aus großen Steinkrügen und Waschschüsseln. Das

ganze Schlafzimmer schwamm, und Mlle. Lerôt und ich standen ratlos vor

der wasserberauschten Gesellschaft, die wie die Wilden umhersprangen

und schrieen, bis glücklicherweise Madame kam und der Sache ein Ende

machte. Seitdem haben wir hier im Hause Ruhe.

Draußen aber dauert dieser geschmackvolle Faschingssport ruhig fort,

so daß ich mein Schicksal verwünsche, das mich grade jetzt alle Tage

in die ~rua dos Ourives~ treibt, und halbe und ganze Stunden vergrüble

über der Zusammenstellung möglichst wasserdichter Kostümierungen. Die

Brasilianer aber sind selig in dieser Zeit, ganz „aus dem Häuschen“.

Man sieht reiche junge Brasilianer die Straße entlang wandern eigens

zum Zweck dieses wässrigen „Amüsements“, einen Negerjungen hinter

sich, der in einem mächtigen Korbe ~laranginhas~ und ~bisnagas~ bereit

hält, und hunderte von Franks sollen da von Einzelnen auf diese Weise

verschleudert werden. Obgleich es in jedem Jahre von neuem verboten

wird, geschieht es in jedem Jahre wieder, und an den Straßenecken

stehen ganz naiv sogar die Negerinnen da, welche große Tablets voller

~laranginhas~ zum Verkauf feil halten. In den Pferdebahnen fürchtet ein

Jeder einen Jeden, und wenn man eben anfängt, seinen Nachbarn mit ein

wenig mehr Vertrauen zu betrachten, so fährt man im nächsten Moment

entsetzt zusammen, da der Hintermann einem mit wahrhaft teuflichem

Genuß ein ganzes Fläschchen Wasser in den Kragen gießt. Aber ärgern

darf man sich nicht, denn wenn sie das sehen, so ist man erst recht

verloren, und je mehr man sich in der Kleidung zu schützen sucht, desto

nasser wird man. Jetzt naht sich aber die Sache glücklicherweise ihrem

Ende, denn gestern war der große Faschingsumzug, und heute ist der

beschließende Maskenball.

Den Umzug habe ich mit angesehen von dem Balkon einer mit Madame

befreundeten Familie in der ~rua d’ Ouvidor~, und ich kann nicht

anders sagen, als daß er ganz brillant war. Viele der Wagen, deren

Ausstattung man teils aus Lissabon, teils aus Paris hatte kommen

lassen, waren sogar hochkomisch, so einer derselben, „das wahre Bild

der Hölle“ betitelt, wo in Gestalt von lebensgroßen Strohpuppen Mönche

verbrannt, Pfaffen geprügelt und Nonnen gerädert wurden. Und das

in einem +katholischen+ Lande! Aber der Brasilianer ist nicht

mehr so fromm wie seine Vorfahren. Mit Jubel begrüßt wurde zumal ein

andrer Wagen, wo aus der Dachluke eines darauf stehenden Häuschens in

regelmäßigen Intervallen von einigen Minuten die täuschend ähnliche

Maske des hiesigen Telegraphendirektors heraussah, der mit einer

Schere die über dem Hause weggeleiteten Telephondrähte zu zerschneiden

suchte, was nämlich in der That auf sein Anstiften von den Unterbeamten

geschehen sein soll. An die eigentlichen darstellenden Wagen schloß

sich eine lange Reihe Kutschen mit Masken an, allerdings nur Herren mit

Damen vom Theater und der Demimonde. Da der Zug nicht beworfen werden

durfte, so konnte man ihn in Ruhe betrachten, aber dennoch kam ich die

ganze Zeit über nicht aus der Gänsehaut heraus wegen der gruseligen

Geschichten eines neben mir stehenden Brasilianers. Die eine handelte

von einem deutschen Lehrer, der wegen eines herausfordernden Havelocks

in der Faschingszeit vor einigen Jahren schließlich von zwei handfesten

Negern erfaßt und in eine mit Wasser gefüllte Badewanne geschleppt

worden war, worauf er die Cholera bekommen, die andre von einem

Engländer, der sich aus den ~bisnagas~ und den ~laranginhas~

das gelbe Fieber und den Tod geholt. Als er die dritte anfangen wollte,

die wahrscheinlich von einem Russen gehandelt hätte, bat ich ihn, mich

zu verschonen.

Nun -- Gute Nacht, mein Gretel -- es ist entsetzlich heiß, so daß

das Licht vor mir sich biegt, aber ich kann es aushalten, da ich es

selten drückend finde, indem die große atmosphärische Feuchtigkeit

sehr mildernd wirkt. Die schlimmste Zeit ist nun auch bald vorüber und

damit auch die Zeit des gelben Fiebers, die allerdings alljährlich nach

dieser wilden Faschingszeit noch einmal einen Aufschwung nimmt; noch

sterben wöchentlich gegen hundert Personen allein am gelben Fieber.

Mich muß es nicht wollen, Grete, denn sonst hätte ich es bei meiner

augenblicklichen schlechten Verpflegung längst bekommen müssen, zumal

es immer zuerst „die weißeste Haut“ nimmt; Europäer, und besonders

Engländer und Deutsche sind am meisten ausgesetzt, und zuletzt bekommen

es die Neger.

Übrigens ~à propos~ Verpflegung Grete! Die Zeit ist da, wo ich

„eine Passion für das gedörrte Hammelfleisch“ habe; es ist wenigstens

nicht so fett und läßt sich daher bei der Hitze am besten essen. Mit

Appetit esse ich aber nur, wenn mich Carsons einmal zu einem guten

englischen ~beef~ einladen, was sie thun, so oft ich abkommen

kann. Sie sind überhaupt rührend gut zu mir, Grete, und viel von

meiner Courage in diesem fremden Lande danke ich ihrem freundlichen

Zuspruch; ~God bless them~!

Aber Mademoiselle wird ungeduldig, ich muß schließen. Es küßt Dich,

mein Gretel,

+Deine Ulla.+

[Illustration]

Rio de Janeiro, den 2. März 1882.

In aller Eile ein paar Worte, Herzensgrete! Ich bin nach Saõ Paulo

engagiert und zwar, denke Dir mein Glück, nach der +Stadt+ Saõ

Paulo zu einer, wie es scheint sehr netten Familie. Herr Konsul Haupt

war so sehr liebenswürdig, eine Annonce für mich in das ~Jornal de

Commercio~ rücken zu lassen, wo er mich wohl sehr herausgestrichen

haben muß, denn dieser Herr Costa ist eigens von Saõ Paulo

hergekommen, um dies Wundertier von „~professora~“ (~vulgo~

„~mestra~“) zu engagieren. So geht’s denn morgen nach der

„geistigen Hauptstadt von Brasilien“, wie der Paulistaner seine Stadt

mit Stolz und Vorliebe nennt.

Madame war höchst ärgerlich, als ich ihr sagte, daß ich fort wolle, und

hat mir kaum Adieu gesagt, aber alle, die mir wohlwollen, raten mir zu.

Weißt Du aber, was mir jetzt klar geworden ist, Gretel? Der Grund,

warum meine deutschen Kolleginnen in ihrer Toilette nicht im Stande

waren, den Beifall ihrer brasilianischen Mitschwestern zu erlangen!

Ich werde wohl nächstens auch ohne denselben fertig werden müssen.

Stelle Dir vor, wenn es Dir möglich ist, daß ich neulich für ein

Kattunkleidel, das ich haben mußte und mir bei einer französischen

Schneiderin anfertigen ließ, dieser edlen „Madame Victorine“ baare

78 Mark Macherlohn auf den Tisch des Hauses niederlegen mußte!! Ich

war versteinert und werde nie mehr zu einer Madame Victorine gehen,

wenn meine mitgebrachten Sachen nicht mehr reichen, sondern es machen,

wie es wahrscheinlich meine Kolleginnen hier vielfach thun: ich werde

selber zu Schere und Nadel greifen!

Der erste „Erfolg“ dieses Kattunkleidels ist, daß ich Mr. Carson

anpumpen mußte, um an meinen neuen Bestimmungsort zu gelangen, und ich

schreibe Dir dies als ~exemplum tragicum~ zu Nutz und Frommen

aller Derer, die es bethören sollte, wenn man ihnen in Brasilien

4-5000 Mark Gehalt bietet. Jetzt werde ich übrigens nur 3000 bekommen.

Aber Courage habe ich doch noch, Gretel, unterkriegen lassen wir

uns nicht. Wie sagt jener geistreiche Franzose? ~Il faut fatiguer

l’infortune!~

Unverwüstlich Deine +Ulla+.

[Illustration]

Saõ Paulo, den 20. März 1882.

+Meine einzige Grete!+

Heute bekam ich einen ganzen Haufen lieber freundlicher Briefe von Mr.

Carson nachgeschickt, und ich wundre mich nur, daß sie alle angekommen

sind! Du bedauerst mich so sehr wegen des „abscheulichen Collegio“, Du

Gute, aber das sind ja glücklicherweise jetzt schon wieder ~tempi

passati~, wie Du siehst, und ich fühle mich dagegen hier in Saõ

Paulo wie im Himmel.

Schon die Reise hierher war mir sehr interessant, da sie mich durch

eine recht vielseitige Landschaft führte. Um neun Uhr Morgens

installierte mich Mr. Carson in einem Coupé erster Klasse der Saõ

Paulo Railway -- +erster+ Klasse, Grete, nicht etwa aus Hochmut

oder aus plötzlich eingetretener Kassenflut (im Gegenteil, Du weißt

ja: Madame Victorine!) sondern weil es in diesem Lande überhaupt nur

zwei Eisenbahnklassen giebt, und in der zweiten nur der ~nigger~

aller Schattierungen fährt. Mein Aufenthaltsort hatte auch wenig

gemein mit unsern heimischen Coupés erster Klasse, mehr mit einem

solchen dritter. Ungeteilt bot der Waggon mit seinen 24 Plätzen auf

Sitzen von Rohrflechtwerk, seinen acht offenen Fenstern, die Wind,

Sonne und Staub zugleich hereinließen, einen möglichst ungemütlichen

Aufenthalt. Es reisten fast nur Herren in dem Wagen, und Nichtraucher-

oder Damen-Coupés, wohin ich mich hätte zurückziehen können, giebt es

hier zu Lande nicht. Sobald der Zug sich in Bewegung setzte, holten die

Brasilianer jeder ein großes weißes Laken hervor, das rings mit Franzen

besetzt war und in der Mitte ein Loch hatte, durch welches sie den Kopf

steckten, so daß das Laken um sie herumfiel. Diese Dinger nennt man

~ponchos~, und wärend die leichten gegen den Staub benutzt werden,

so dienen wärmere, buntfarbige gegen Regen und Kälte.

Die meisten der Herren versanken sehr bald hinter die riesigen Blätter

ihrer ~Jornals de Commercio~, und es dauerte nicht lange, da

erinnerten sie sich auch zu meinem Entsetzen ihrer Cigarretten. War die

Fahrt bisher nur mäßig angenehm gewesen, so wurde sie jetzt zu einer

wahren Kreuzfahrt. Nicht wegen des Rauches; Du weißt, Grete, ich bin

nicht so zimperlich, aber -- für den rauchenden Brasilianer scheint

die Welt um ihn her nichts zu sein als ein großes +Spucknapf+.

Der offen zur Schau getragene Ekel der Fremden, ja, manche recht

blamable Scenen in Restaurants und auf den englischen Küstendampfern

haben bis jetzt nichts an dieser widerlichen Unsitte ändern können.

Der Brasilianer sieht das fortwährende Umsichspucken für etwas ganz

Harmloses an, worauf er in seinen Häusern auch auf das Gründlichste

eingerichtet ist, denn neben jedem ihrer ungemütlichen Rohrsofas wirst

Du zu beiden Seiten die schönsten, buntesten Spucknäpfe erblicken,

immer gleich paarweise und so groß und schwungvoll, daß ich sie zuerst

immer für Blumentöpfe hielt.

Ich machte den Versuch, mich meiner Umgebung einigermaßen zu

entziehen, die sich gelegentlich um zwei und drei rauchende,

schwatzende Schaffner vermehrte, indem ich aufstand, um mir durch das

offne Fenster die Gegend zu betrachten. Aber mit diesem Einfall machte

ich ein klägliches Fiasko. So ein brasilianischer Zug, wenn er einmal

im Gange ist, rast mit unglaublicher Schnelligkeit, aber er wackelt

auch ebenso unglaublich hin und her, und wenn man dazu noch seinen Fuß

in der (natürlich unbefestigten und zerrissenen) Fußmatte verwickelt,

so darf man froh sein, wenn man sich nach drei Sekunden mit einer Beule

an der Stirn, im Übrigen aber mit heilen Gliedern auf seinen Sitz

zurückgeschleudert findet. Diese Schnelligkeit des Beförderns zusammen

mit so manchen Unzulänglichkeiten und Naivetäten hat Etwas, was sich am

besten durch „ungebildet Civilisiertes“ ausdrücken ließe, Etwas, das

unwillkürlich lächeln macht, ein Eindruck, den ich schon oft in diesem

Lande empfangen habe.

Trotz alledem und alledem gelang es mir doch, die Natur rings im Großen

und Ganzen aufzufassen und ihren Reichtum, ihre Großartigkeit und ihre

Weite zu würdigen. Es ist alles großartiger als bei uns, es ist überall

wie ein Überfluß an vorhandenem Raum, und es kommt mir immer so vor,

als habe die Natur mit großem Griff Berg und Thal hier verteilt, um nur

erst zu füllen, worauf sie’s dann freute, wiederum mit vollen Händen

ihr Werk zu schmücken mit großblättrigen Bäumen und deren seltsamen

Früchten, mit graziösem Strauchwerk, das hier aber auch immer Baum zu

werden trachtet, und mit großen, intensiv gefärbten Blumen, wie um den

kleinen Menschen über diesem phantastischen Schmuck ihre gewaltige

Größe weniger drückend empfinden zu lassen. Berg und Thal wechselte

fortwährend, und wir passierten dreizehn Tunnels, von denen der längste

vier Minuten Fahrzeit in Anspruch nahm.

Hier auf dem Bahnhof holte mich Dr. Costa (+natürlich+ „Doktor“)

mit meinen beiden ältesten Zöglingen ab. Das Mädel von zwölf Jahren,

Lavinia, machte mir gleich einen sehr netten, frischen Eindruck, und

ich kann wohl sagen, daß ich sie seitdem schon wirklich lieb gewonnen

habe. Überhaupt, Grete, fühle ich mich hier wie im Himmel, nachdem das

Collegio wie ein wüster Traum hinter mir liegt. Zwar schütteln die

Kolleginnen den Kopf über mein Entzücken und meinen, die Costaschen

Jungen seien in der ganzen Stadt berüchtigt wegen ihrer Ungezogenheit,

so daß sie +hier+ schon keine Erzieherin mehr bekämen. Ich mag

aber vorläufig von nichts hören und bin froh, daß ich hier bin und mit

Kolleginnen und andern +Menschen+ verkehren kann.

Hier in Saõ Paulo sind ziemlich viele Deutsche, aber meistens

Handwerker, und ich verkehre eigentlich nur im Hause des deutschen

Apothekers, den ich zuerst in seiner Eigenschaft als Konsul aufsuchte.

Das sind Prachtmenschen, sage ich Dir, Gretel! Hochgebildet und doch

schlicht dabei, klug, liebenswürdig und gastfreundlich. Schon mancher

deutsche Brasilienreisende hat in ihrem Hause ein paar frohe, anregende

Stunden oder Tage verlebt, und selbst fürstliche Gäste haben sich wohl

gefühlt in dem freundlichen Schaumannschen Hause. Ich bin am Sonntag

zu Mittag dagewesen und lernte bei der Gelegenheit zwei sehr nette

Kolleginnen kennen, Frl. Meyer und Frl. Harras, die ich Dir wohl noch

öfter nennen werde; da ich außerdem schon die Bekanntschaft einer

dritten, älteren Kollegin gemacht hatte, die schon seit Jahren die

Vettern und Kousinen meiner Schüler erzieht, so siehst Du, daß es

mir hier golden vorkommen muß gegen meine bisherigen brasilianischen

Erfahrungen. Ich bin doch unter Menschen, ich bin doch nicht so

entsetzlich allein!

Bei Schaumanns trifft man Gesellschaft aus aller Herren Länder, so daß

doch auch einmal wieder von einer Unterhaltung die Rede sein kann. Da

kamen neulich gegen Abend ein alter origineller dänischer Ingenieur und

früherer Hauptmann, ein französischer Musiklehrer, ein deutscher Arzt

und ein englischer Ingenieur, ein sehr netter Mensch, der sich fast

ausschließlich mit mir unterhielt und sich über mein Englisch freute,

das er sehr gut fand. Er heißt Mr. Hall und wohnt seit einem halben

Jahr hier in Saõ Paulo, wo er die Vertretung einer großen englischen

Maschinenfabrik hat. Er sieht aus wie -- nein, doch nicht! Ich glaubte,

eine Ähnlichkeit gefunden zu haben, aber er sieht doch eigentlich

niemandem ähnlich. Ach Gretele, ich bin so froh, daß ich hier bin, so

sehr froh!

Deine glückliche +Ulla+.

[Illustration]

Saõ Paulo, den 5. April 1882.

+Mein liebes, herziges Gretele!+

Es ist wirklich wahr: Saõ Paulo ist der beste Platz für Erzieherinnen

in Brasilien, die Stadt sowohl wie die ganze Provinz, denn hier

kokettieren Männlein und Weiblein, d. h. die jüngere Generation, mit

der „Wissenschaft“ und spielen sich mit Vorliebe auf das Gelehrten- und

Philosophentum heraus. Man ist +Universitätsstadt+! Allerdings

darfst Du Dir darunter kein Bonn oder Heidelberg vorstellen, schon

darum nicht, weil diese ~Academia~ nur eine Facultät besonders

pflegt, nämlich die juristische. Weiter im Innern der Provinz, bei

den Padres (der Name des Ortes ist mir entfallen), werden die Pfaffen

zurechtgemacht, hier die Advokaten und in Rio de Janeiro die Jünger

Aeskulaps, die „Doktoren“ ~par excellence~.

Zu Advokaten passen die Brasilianer insofern ausgezeichnet, als sie da

ihr deklamatorisches Talent verwerten können. Sie +sprechen+ für

ihr Leben gern, wenn sie auch nichts +sagen+; mit dem Pathos, das

sie an eine einzige Rede verschwenden, könnte man bei uns bequem deren

zehn ausstatten, und dennoch haben sie keine eigentliche Begeisterung

noch auch individuelle Impulse -- denn alle reden in dem gleichen

traditionellen Tonfall, der auch bei allen Gelegenheiten derselbe zu

bleiben scheint. Alles ist äußerlich, alles Halbbildung und Geste.

Dieses pomphafte Phrasieren, dies hochtrabende Pathos ist an sich schon

immer verdächtig und komödiantenhaft, aber wenn Du wirklich einmal die

Probe darauf machst und die Leute nach etwas fragst, so können sie Dir

keine Rechenschaft geben.

Leid und Freud einer Erzieherin in Brasilien · 第 6 / 13 段