Da wäre ich denn wieder in der bunten, südlichen Stadt und mitten

in ihrem Lärm! Gretel -- schön ist dieses Rio, das muß man sagen,

wunderbar schön und phantastisch, zumal von der Bai aus, wie ich es bei

meiner Ankunft damals und jetzt wieder bei der Rückkehr von Petropolis

erblickte.

Wie ein Feenmärchen entfaltet sichs da vor unsern unverwöhnten

norddeutschen Augen! Terrassenförmig wird von Brasiliens Küstenbergen

die Stadt in die Bucht hinausgehalten, bunt und prächtig, ein

einziges Licht- und Farbenmeer, nur unterbrochen, oder besser, noch

vermannichfaltigt durch die schlanken Palmen und die großblätterigen

Bananen, die überall ihre Plätze gefunden. Nichts von unserm eintönigen

roten Gemäuer oder der uniformen grauen Tünche -- alles weiß oder

bunt und in Brasiliens sattem Sonnenlicht schwimmend, sodaß selbst

die kleinen Forts, die auf Inselchen vor dem Binnenhafen liegen,

in ihrem Verstecke von Palmengruppen und Farben nicht wie grimme

Verteidigungswerke dreinschauen, sondern wie reizende kleine Idyllen,

die man für Wirklichkeit zu halten sich zwingen muß. Hier liegt auch

die „Blumeninsel“, das erste Asyl für Auswanderer, wo es den armen

Menschen zwar durchaus nicht beneidenswert ergehen soll, die aber in

ihrem äußeren Anblick an die Idylle Dranmors erinnert, die sich in

seinem Requiem findet:

„Ich weiß ein schönes Eiland, wie verloren

Im Stillen Ocean, ein waldbedecktes,

In milden Sonnenstralen hingestrecktes,

Wie ein Asyl, für Dichter auserkoren.

Ein Eden, von der Trope Glut durchhaucht,

Ein Eiland, wie ein Strauch von wilden Rosen

Für die Betrübten, für die Heimatlosen

Aus träumerischen Fluten aufgetaucht.“

Und drinnen in der Stadt erscheint’s auf den ersten Blick wie draußen:

phantastisch, südlich, fremdartig und wunderbar reizvoll -- nur eines

gesellt sich hier noch außer dem betäubenden Lärm hinzu, was man

draußen gern vermißte: der Schmutz und die Unordnung! Die Straßen

sind eng und schlecht gepflastert -- ich bin +ein+ Mal in einer

Droschke darüber gefahren und +nie+ wieder -- die Trottoirs,

besonders in der Geschäftsgegend, ebenso unsauber wie der Damm. Die

Häuser sehen sich zwar recht lustig an mit ihrem Mantel von drei, vier

und mehr Farben, aber es ist meistens nichts rein und vieles windschief

daran vom Dach bis zur Schwelle. Alles erscheint uns strafferzogenen

Norddeutschen nachlässig und die Menschen so -- ja, ich weiß nicht

+wie+ -- ich glaube: +undiscipliniert+ wäre das Wort.

Hier steht eine Gruppe rauchender, spuckender Neger, dort hocken

Negerinnen in den Thüren der Magazine und lesen Kaffee aus. Vielfach

wird auch ein Teil des Trottoirs eingenommen von Negern, Negerinnen

oder Mulattinnen mit ihren Tischen und Körben, die Orangen, Bananen,

Kokosnüsse, Feuerwerk und allerlei sonstige Nichtigkeiten feilbieten.

Sie würden, schon der Fremdartigkeit des ersten Eindrucks wegen,

vielleicht den europäischen Käufer anlocken, allein ein Blick auf

die Umgebung ihres Standes, wo Apfelsinenschalen, Streichhölzer,

Papierfetzen, Cigarrenstummel etc. sich mit allerlei sonstigem

~rubbish~ um den Vorrang streiten, und worin die Schleppe (!) des

hellen Mousselinkleides der Verkäuferin umherfegt, verscheucht ihn

wieder. In sehr vielen Kaufläden des eigentlichen Geschäftsviertels,

ja sogar in einzelnen der eleganteren Stadtgegend, sah ich auf dem

Fußboden Stroh, Packpapier, Bindfaden, zerbrochenes Gerät etc.

umherliegen; es schien aber Niemand etwas Ungewöhnliches darin zu

finden. Der Brasilianer bringt dieser Art von Unordnung eine gewisse

kindliche Harmlosigkeit entgegen, die fast rührend ist, und ich glaube,

Grete, wir Europäer gewöhnen uns mit der Zeit wenn auch nicht an den

Schmutz, so doch daran, ihn von den Anderen unbeachtet zu sehen.

An Läden habe ich nicht viel Schönes gesehen, und vor Allem nichts

für dies Land Charakteristisches, ausgenommen ein Geschäft mit

wunderhübschen Sachen, gefertigt aus den ungefärbten Federn der

einheimischen farbenprächtigen Vögel; die vorhandenen Ballgarnituren

waren ganz entzückend! Was Du aber sonst kaufst, ist fast ohne Ausnahme

europäische Ware, und es dürfte außer den Rohprodukten des Landes kaum

einen Gegenstand geben in den Geschäften, der nicht den atlantischen

Ocean gesehen. Kleiderstoffe, Stiefel, Wäsche, Wollwaaren, Möbel,

Beleuchtungsgegenstände, Kücheneinrichtung, Bücher, ja bis zum Papier

und zur Stecknadel kommt alles aus Europa. Selbst die Kattunstoffe

kommen dem Lande der Baumwolle aus Deutschland und Frankreich, wohin

sie das Rohmaterial liefern, das sie selbst nur sehr mangelhaft in

wenigen unbedeutenden Fabriken zu verarbeiten verstehen; und wenn sie

hier weißen Hutzucker essen wollen, so läßt ihn sich das Land des

Zuckerrohrs aus dem Lande der Runkelrübe kommen. Manche Dinge sind

hier wunderbar! -- In der rua d’ Ouvidor, so einem Mittelding zwischen

feiner Geschäfts- und Bummelstraße, giebt es einige große Magazine mit

eleganten Damentoiletten. Die kommen alle direkt aus Paris hierher und

sind horrend teuer, doch werden sie von den reichen Brasilianerinnen

mit Kußhand zu den höchsten Preisen gekauft für die „Saison“, d. h.

für die Vorstellungen einer italienischen Operngesellschaft, zu denen

die Damen in den Logen in ausgeschnittener Balltoilette erscheinen;

Privatgesellschaften giebt es wenige außerhalb der Grenzen des

diplomatischen Korps, und der Kaiser repräsentiert nicht, was wohl

zum Teil seiner bekannten persönlichen Einfachheit entspricht, teils

durch die ungemein niedrige Civilliste der Herrscher von Brasilien

bedingt wird: nur bei der Prinzessin finden Theeabende statt. Der große

kaiserliche Palast in Saõ Christovaõ, einer Vorstadt von Rio, ist ein

mächtiges, ödes Gebäude, das zwar einige prachtvoll eingerichtete

Zimmer enthalten soll, jedenfalls aber eine sehr häßliche Lage hat.

Wenn ich der Kaiser von Brasilien wäre, baute ich mir eine graziöse,

luftige Villa in Botafogo, der jenseitigen, entzückenden Vorstadt

von Rio, und überließe Saõ Christovaõ seiner Nachbarschaft von

Viehschlächtereien und ihren Hunderttausenden von Krähen!

Botafogo ist reizend; wie ein Kranz liegen die Villen mit ihren Gärten

um die Bai gleichen Namens herum, hinten überragt von dem mächtigen

Corcovado, vor sich in der Bai den merkwürdigen Paõ de Assucar, den

Zuckerhutberg. Die Blumenpracht in dieser Vorstadt, wo nur vornehme,

reiche Leute wohnen, ist bezaubernd! Die üppigsten Ranken von saftigem

Grün überwuchern die Mauern, darinnen große, stralende, dunkelrote,

lila, gelbe oder weiße Blumen. Mrs. Brassey, in ihrem netten Buche

„~A voyage in the Sunbeam~“ hat ganz meine Empfindungen

ausgesprochen, wenn sie sagt, in Brasilien seien ihr alle Blumenfarben

weit satter vorgekommen, als irgendwo in der Welt, ja, selbst das Weiß

schiene ihr dort intensiver zu sein. Diesen Eindruck hat man wirklich,

und soweit die Natur mitspricht, ist hier alles bezaubernd!

Der Larangeirasberg, der Santa Theresaberg, kurz, alle Hügel der Stadt

sind mit Villen besetzt und, besonders der Santa Theresaberg, vielfach

von fremden Kaufleuten bewohnt, die ihre Geschäftshäuser unten in der

Stadt haben.

Da ich mich bisher vergeblich um eine Thätigkeit hier in Rio bemüht

habe, so habe ich mir die Stadt schon so ziemlich angesehen, aber

es giebt nicht viel darin zu betrachten. Die Kirchen sind eine wie

die andere, und keine ist durch besondere Kunstschätze interessant;

das Museum (von dessen Existenz Viele hier gar nichts wissen und

das die Wenigsten ansehen) ist, abgesehen von einer prächtigen

Sammlung ausgestopfter, z. T. sehr seltener Vögel recht mäßig. Die

Kunstakademie, die eine Gemälde- und Statuensammlung enthält, ist,

was letztere betrifft, noch sehr in den Kinderschuhen, doch enthält

sie einige sehr interessante Gemälde einheimischer Künstler, die mir

ausnehmend gefielen an Farbengebung und lebendiger Anordnung. Ich

lege die Photographie eines derselben bei, welches „die erste Messe in

Brasilien“ darstellt, und bedauere nur, daß ich die einiger anderen

nicht bekam, zumal die eines Kolossal-Schlachtenbildes von Meirelles.

Im Ganzen ist es aber auffallend, wie wenig Sinn die Brasilianer zeigen

für die bildende Kunst; zu verwundern ist es freilich nicht, denn

die deklamatorischen Künste +müssen+ sie ihrer Natur nach mehr

anziehen. Der Brasilianer ist der geborene Redner, er deklamiert, sowie

er nur einen längeren Satz spricht, und alle lieben sie schwärmerisch

die Musik, und zwar die Italiener, dann französische Operetten und --

Meyerbeer.

Noch schwächer als mit der Malerei sieht es mit der Bildhauerei und der

Architektur aus. Die Stadt hat absolut keinen architektonischen Schmuck

an Gebäuden, Brücken oder Thoren aufzuweisen, Prachtbauten fehlen

gänzlich, wenn man nicht die immerhin ziemlich einfache fiskalische

Druckerei dahin rechnen will, und an Denkmälern habe ich nur zwei

entdecken können, wovon eins obendrein einen Heiligen darstellt.

Diese Armut an Denkmälern hat wohl z. T. darin seinen Grund, daß das

Land seit seiner Selbständigkeit nur eine äußerst kurze Geschichte,

also wenig historische Erinnerungen hat. Das einzige Denkmal, welches

außer jenem Heiligen (ich glaube gar, es ist Saõ Francisco) vorhanden

ist, verherrlicht denn auch den bedeutungsvollsten Augenblick von

Brasiliens Geschichte: es stellt nämlich den ersten Kaiser, den Vater

des jetzigen, Dom Pedro ~I.~ zu Pferde dar, wie er mit der

Verfassungsurkunde in der Hand dahergesprengt kommt. Das Standbild ist

von einem französischen Künstler, ist prächtig frisch aufgefaßt und

mit jener Dosis von Pathos versehen, die ihm bei den Brasilianern den

Erfolg sichert. Der Sockel trägt in Reliefs allegorische Darstellungen

der vier Hauptströme des Landes, des Amazonas, Saõ Francisco, Orinoco

und Madeira.

Natürlich war ich auch in den Gärten von Rio, dem sehr graziösen und

so ziemlich in der Mitte der Stadt gelegenen ~Jardim publico~, wo

neulich eine deutsche Kapelle Mendelssohn’sche Duette spielte, ferner

in einem neuen, großartig angelegten Garten am Ende der Stadt und

~last not least~ in dem berühmten botanischen Garten mit seiner

noch berühmteren Palmenallee. Ja, Gretel, interessant und sehenswert

für den Fremden ist diese Allee jedenfalls, aber so sehr schön finde

ich die langen kahlen Stämme gerade nicht, und außerdem ist diese

berühmte Allee unausstehlich schattenlos. Dies Urteil ist aber wieder

etwas, das ich Dir nur unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit

überlassen kann, sonst steinigen mich die traditionellen Bewunderer

dieser Allee hüben und drüben, sei’s auch nur mit ~biscoitos~ Nr.

3! Die Allee ist merkwürdig und darum auch schön -- basta! Ich will

versuchen, mir diese Meinung auch noch anzugewöhnen und fortan die

+Palme+ als den +Alleebaum+ ~par excellence~ anzusehen.

Ob es mir gelingen wird?

Deine rebellische +Ulla+.

[Illustration]

Rio de Janeiro, den 12. Februar 1882.

+Liebste Grete!+

Ich muß Dir schon wieder schreiben, denn denke Dir, seit vorgestern

bin ich hier in einem Collegio engagiert! Ein Collegio ist eine

höhere Töchterschule mit Pensionat, und ich habe da also durch vier

Klassen die Töchter dieses Landes in die Geheimnisse der deutschen

sowie der englischen Sprache einzuführen und außerdem eine Unzahl von

Klavierstunden zu erteilen. Ach Grete, die beiden Sprachen, besonders

aber das Deutsche, werden meinen Schülerinnen wohl ewig ein Buch

mit sieben Siegeln bleiben; es ist merkwürdig, wie wenig sie bei

mir lernen! Ich habe noch nicht herausfinden können, ob es an mir

oder an ihnen liegt, vielleicht macht es auch der Racenunterschied

zwischen Germanen- und Romanentum, denn Französisch lernen sie halb im

Schlaf, und die Französinnen werden auch viel besser mit ihren Klassen

fertig. Ich war schon wieder ein paar Mal in Versuchung, den Bormann

hervorzuholen, ich habe ihn aber doch schließlich stecken lassen, weil

ich weiß, daß ich zu viele Vorwürfe für mich darin finden würde.

Da zu wenig Schulräume vorhanden sind, so gebe ich meine Stunden

gewöhnlich mit einer andern Lehrerin zugleich in demselben Zimmer;

wärend also am einen Ende des Saales z. B. portugiesische Gedichte

deklamiert werden, versuche ich meinen unaufmerksamen „Donas“ die

Verwicklungen der deutschen Deklinationen klarzulegen. Die drei

Artikel mit ihren vier Fällen sind ihnen aber in ihren zwölfteiligen

Dunkelheiten (die Mehrzahl garnicht gerechnet) so unsympatisch, daß ich

ordentlich fühle, wie unser unschuldiges +der+, +die+, +das+ von der

ganzen gelbblaßen Gesellschaft vor mir wie eine hinterlistige Erfindung

angesehen wird, die eigens aus Tücke für Schulkinder gemacht wurde.

Neulich, als ich einer kleinen schwarzäugigen Krabbe verbesserte: „Der

Schirm steht hinter +der+ Thür“ -- warf sie mit sofort erscheinenden

Wutthränen ihr Buch auf den Tisch und schrie in hellem Zorn: „Was!

Sonst war es immer +die+ Thür, und jetzt ist es mit einmal +der+ Thür?!“

Grete, ich war ganz konsterniert und wußte im ersten Augenblick

wirklich nichts zu machen. Aber derartige Scenen kommen hier oft

vor. Die besseren Familien geben ihre Töchter überhaupt nicht in

Collegios, und daher ist diese Gesellschaft gewöhnlich die wenigst gut

erzogene und wildeste, die man sehen kann; sie toben und schreien oft,

bis sie ganz kirschbraun im Gesicht sind. Unsere jüngere Französin

~Mademoiselle Lerôt~ sperrt sie dann immer in einen leeren Schrank, bis

sie still sind. Die Vorsteherin sehen wir selten, eigentlich nur bei

den Mahlzeiten; sie ist die Einzige, die Autorität hat bei der wilden

Bande, vielleicht weil sie sich so wenig zeigt. Sie sitzt immer in

guter Toilette in ihrem Wohnzimmer, empfängt die Eltern ihrer Zöglinge

und giebt nur eine Lesestunde in jeder Klasse. Sie liebt es nicht, wenn

wir uns in Schulangelegenheiten an sie wenden, und so wird mir auch

nichts anderes übrig bleiben, als mir selbst zu helfen wie Mlle. Lerôt.

Von einem Lehrplan oder auch nur einem Stundenplan habe ich bis jetzt

noch nichts entdecken können, und alles erscheint mir hier vorläufig

wie ein wüstes Chaos. Die Anzahl meiner Klavierschülerinnen habe ich

bis jetzt beim besten Willen noch nicht feststellen können; wenn ich

mich des Morgens um halb sieben ans Klavier setze, so erscheint bis

um zehn Uhr alle halbe Stunde eine Andre mit ihren Noten, als ob sie

von einem mechanischen Uhrwerk ausgespieen würden; ich notiere sie mir

nun alle nach der Reihe und werde wohl so mit Mühe und List endlich zu

einem gewissen Stundenplan durchdringen.

Mich haben sie vorläufig noch ganz gern, und zwar, wie mir Mlle.

Lerôt sagte, weil -- ich gute Toilette mache (womit man doch manchmal

+Kinderherzen+ gewinnt!) und „nicht wie die andern Deutschen

aussehe.“ Letzteres ist hier ganz entschieden als ein Lob zu fassen,

es empörte mich aber nichts destoweniger; allein wie sollte von

Kindern Rücksicht zu erwarten sein, wenn sich Erwachsene ähnlicher

Taktlosigkeiten nicht schämen. Heute Morgen ging Madame mit einer

brasilianischen Dame und Zöglingsmutter durch das Musikzimmer, und

die Brasilianerin sagte ganz laut auf Portugiesisch: „Ist sie eine

Deutsche? Ah, sie hat garnicht den deutschen Typ und ist ja auch

sehr gut angezogen!“ Das Absprechen des „deutschen Typ“ war mir, der

starren Germanin, wie Du wohl denken kannst, äußerst schmerzlich und

zugleich bei meinem blonden Haar verwunderlich -- was aber mögen denn

meine deutschen Vorgängerinnen und andre Kolleginnen hier für Gewänder

getragen haben, wenn die Toilette der deutschen Damen so sehr das

hohe Mißfallen der Brasilianerinnen erregt?! Übrigens findet man diese

Geringschätzung deutscher Konfektion hier überall. Das Drastischste

in dieser Beziehung begegnete mir neulich in einem Friseurladen, wo

ich eintrat, um mir den kurzgeschorenen Kopf wieder einmal ordentlich

durchbrennen zu lassen. Ich wußte nicht, daß das an sich schon etwas

Auffallendes hier ist, da die Brasilianerin nie allein auf der Straße

geht und sich keinenfalls außer dem Hause frisieren lassen würde. Der

Jüngling mit der Tollscheere hielt mich zuerst für eine Französin, da

ich mein Anliegen auf französisch vorgebracht; dann fragte er, ob ich

Russin sei, und als er mich schließlich, halb zu meinem Ergötzen, halb

zu meiner Entrüstung durch alle Nationen durchgefragt hatte, meinte

er zuletzt: „~Mais enfin -- vous n’êtes pas allemande?~“ „~Et

pourquoi non?~“ sagte ich, innerlich wütend. „~Ah bah~“,

machte er verächtlich, „~ça se connaît; les allemandes sont toujours

mal-vêtues et n’ont pas de chic.~“

„„~Les allemandes~“ bedanken sich“, dachte ich und ging von

dannen, diesem Laden ewige Feindschaft schwörend.

Aber da läutet es zum Thee. O dieser Collegio-Thee! Augenblicklich

mache ich mir die große Hitze zu Nutze, um ihn häufig auszuschlagen und

mir anstatt dessen die ~cajuada~, eine Limonade aus der Cajú-Frucht, die

hier viel getrunken wird und sehr kühlend ist, zu bereiten. Das zweite

Läuten -- ich eile!

Deine +Ulla+.

[Illustration]

Rio de Janeiro, den 21. Februar 1882.

O Gretel, dieses Collegio -- es wächst mir über den Kopf! Ich glaube,

ich bin wirklich eine ganz miserable Lehrerin! Sie lernen nichts bei

mir, sie lernen garnichts. Ob es hier wohl Schulinspektoren giebt? Dann

blamiere ich mich entsetzlich. Ich finde mich so schlecht in dieses

oberflächliche Tünchen hinein; beginne ich aber zu vergründlichen,

dann wird es erst recht wüst -- ich bin ganz verzweifelt! Und nun gar

die Disziplin! Schon das Wort allein macht mich schamrot. Denke Dir

Folgendes. Als ich neulich in die Klasse trat, fand ich dieselbe sehr

unruhig und lärmend, und in meiner Ratlosigkeit that ich nochmals

einen verzweifelten Griff auf Bormann zurück. Sobald ich nämlich so

viel Ruhe schaffen konnte, daß ich gehört wurde, kommandierte ich

„Aufstehen -- setzen!“ fünf Mal hinter einander, was bei uns ja auch

wirklich nie verfehlt, eine Klasse zu beschämen. Und hier -- ~o

sancta simplicitas~! Nachdem ich ihnen erst überhaupt nur schwer

begreiflich gemacht hatte, was ich von ihnen verlangte, waren die

Kinder derartig weit entfernt, das Ganze für eine Strafe anzusehen,

daß sie glaubten, es handle sich um einen guten Spaß, hopsten zuletzt

immer noch von selbst wie die Perpendikel auf und nieder und amüsierten

sich königlich. Grete, seitdem ist Bormann für mich +hier in

Brasilien+ endgültig abgethan! Ich sehe wohl ein -- wenn hier eine

Pädagogik eingeführt werden soll, dann muß sie brasilianisch sein und

nicht deutsch -- brasilianisch in Bezug auf die ganze Auffassung und

alle Voraussetzungen, sie muß dem Charakter des Volkes, den häuslichen

Lebensverhältnissen dieser Leute angepaßt sein. Brasilianische Kinder

sollten überhaupt nicht von Deutschen erzogen werden, es ist völlig

verlorene Mühe, denn das fremde Reis, das der Jugend da aufgepfropft

wird, gedeiht doch nicht! Mir geht es hier mit den Kindern, wie ich

Dir von Saõ Francisco in Bezug auf die Pflanzen schrieb: wir verstehen

einander nicht, wir reden äußerlich und auch seelisch eine fremde

Sprache mit einander, und besonders letzteres macht mir die Existenz

hier zu einer furchtbar unbehaglichen.

Allerdings läßt auch meine äußere „Behaglichkeit“ einiges zu wünschen

übrig. Mein „Zimmer“ ist ein fensterloser Alkoven, der sich von einem

Zöglingssaal abzweigt und nur durch die Thür zu diesem Raum Luft und

Licht erhält! Seine ganze Ausstattung besteht aus dem Bett (es ist eine

+wohlfeile+ Ausgabe von dem in Saõ Francisco), einem Waschtisch

und einem Stuhl. Ich besitze weder Schrank noch Kommode; mein Koffer

dient als Leinzeugbehälter, und für meine besseren Kleider hoffe ich

immer noch Mlle. Lerôt den Strafschrank abzuschmeicheln, wofür mir

die Kinder jedenfalls sehr dankbar sein werden. Schreiben thue ich

auch in dem Zimmer der Französin, mit der ich trotz der Erbfeindschaft

hier im Hause noch am meisten sympathisiere. Ihr Zimmer ist zwar auch

nicht viel besser als meines, aber sie hat einen Tisch darin und ein

Fensterchen oben an der Decke, während ich in meinem dunkeln Loch,

deren es in jedem brasilianischen Hause giebt, manchmal fast ersticke.

Dazu kommt, daß wir in diesem Hause schrecklich unter den Baratten

leiden, einem widerlichen Käfer, unserer Schabe ähnlich, doch von

Maikäfergröße und pestartigem Geruch! Die Baratte ist eine allgemeine

Landplage hier, aber so, zu Hunderten und Tausenden wie in diesem

Hause, habe ich sie noch nicht auftreten sehen. Abends wenn ich mit

den Kindern in ihren Schlafsaal trete, wimmelt es auf dem Fußboden von

den eklen Tieren, und sofort wird mit Stiefeln und allen erreichbaren

harten Gegenständen Jagd darauf gemacht. Hunderte rennen uns davon,

aber hunderte von Leichen bleiben auch auf dem Schlachtfeld und werden

dann erst ausgekehrt. Glaube nicht Grete, daß dies übertrieben ist, es

soll in alten Häusern oft so schlimm sein, und gewiß könnte mir mancher

andre Brasilienreisende Ähnliches bestätigen. Von den Mosquitos, den

Ameisen, den Eidechsen und anderem Ungeziefer spreche ich garnicht,

weil es gegen diese Baratten nichts ist, die außerdem noch alles

anfressen und ruinieren, wo sie dazu kommen können; allein schon in

diesen wenigen Nächten haben sie mir meinen Göthe ganz aus dem Einband

gefressen!

Überhaupt ist mein Enthusiasmus für Rio schon ziemlich abgekühlt. Das

Leben hier im Collegio ist nicht sehr reizvoll, und das Wandern in

den Straßen wird zur Pein durch -- die übergroße „Höflichkeit“ der

Herrenwelt. Sie sind es von ihren Landsmänninnen nicht gewohnt, Damen

allein auf der Straße zu sehen, und wenn sie auch wissen, daß wir

Fremden diese Freiheit hier für uns in Anspruch nehmen +müssen+,

so scheinen sie sich doch berechtigt zu glauben, europäische Damen,

wenn sie allein sind, mit Anreden zu belästigen. „~Comment ça

va-t-il, Mademoiselle?~“, „~Mais, ou allez-vous si vite, mon

enfant?~“, solche und ähnliche Redensarten habe ich mir nun schon

die Überwindung angeignet, ohne Thränen einfach zu ignorieren. Was

sagst Du aber dazu, daß sich neulich, als ich eben einen Handschuhladen

verlassen wollte, ein langer, dürrer Brasilianer grade vor mich

hinstellte und mit der unverschämtesten Miene unter seinem Kneifer

hervorgriente: „~Pas décidemment jolie, mais gentille, très

gentille!~“ Ich stürzte aufgebracht von dannen, was ihn höchlich zu

amüsieren schien.

Ach, Grete, hätte ich wenigstens eine gleichgestimmte Seele hier!

Mademoiselle Lerôt, Miß Dahlmann, ja, sie sind ja ganz freundlich und

liebenswürdig -- aber so eine rechte Freundin möchte ich haben -- so

eine Grete! Ach, Herz, wenn Du hier wärest -- -- aber nein, ich will

es Dir doch nicht wünschen! Bleibe Du drüben, und (ganz heimlich ins

Ohr flüstern) ich komme auch wieder -- sobald das Reisegeld reicht.

Vorläufig ist große Ebbe im Schatz, und mein Collegio-Gehalt wird keine

Flut hineinleiten; also noch heißt’s Stillsitzen, denn allein das

Dampfer-Billet bis Hamburg kostet 30 £!

Den 22.

Leid und Freud einer Erzieherin in Brasilien · 第 5 / 13 段