und welchen Zusammenhang die Sache habe. Das Gesicht des Professors
machte dabei den ganzen Wechsel im Ausdruck von mißtrauischem Zorn
über Erstaunen, Verlegenheit, Erleichterung, gutmütigen Humor bis zur
ehrlichen Selbstironie und Heiterkeit durch, und schließlich lachten
wir alle Drei.
„Nun soll Ihr Landsmann sich doch einmal unsre Neger in der Nähe
ansehen, damit er seine Menschenfresser-Ideen los wird“ sagte der
Doktor Nachmittags, und so zogen wir zu Dreien aus, den Professor das
Nichtfürchten zu lehren.
Überall in der Nähe der Negerhütten liefen uns die kleinen schwarzen
Halbaffen entgegen und murmelten ihr „~sos kiss~“, und tapfer
antwortete jetzt unser Professor „~para semper~“. Wir sahen in die
erste Hütte hinein.
Eine Art rohester Bettstelle von Brettern, darauf eine Matte aus
Maisstroh und eine rote wollne Decke, eine kleine blecherne Truhe,
ein unbeschreiblich primitiver Tisch, das war, außer einigen Töpfen,
Schüsseln und kleinen Geräten die ganze Ausstattung des fensterlosen
Raumes. In einer Ecke brannte ein Feuer, über dem eine Frau irgend ein
Gericht bewachte.
„Wie schrecklich dies Feuer in der Hütte sein muß, sagte ich; erlauben
Sie es nicht, daß die armen Menschen das bei der Hitze +vor+ dem
Hause anzünden?“
„Erlauben? Ich habe es hundertmal durchsetzen wollen, aber der Schwarze
ist unglücklich, gradezu krank, wenn man ihm sein Feuer nimmt. Er
bedarf dessen Winter und Sommer und schläft nie ohne seine glimmenden
Kohlen in der Hütte.“
„Wie fürchterlich!“ stöhnte der Professor -- „und obendrein keine
Fenster!“
„Das mag wohl zuerst zur Verhinderung von Fluchtversuchen so
eingerichtet gewesen sein, da sich Fenster doch nie so wie Thüren
verschließen lassen. Aber der Neger ist jetzt auch so daran gewöhnt,
daß, wenn sie als Freigewordene sich ein Hüttchen aufrichten, sie auch
keine Fenster darin anbringen.“
„Was kochen denn die Frauen nur alle“, sagte ich, „die Sklaven werden
ja doch wohl alle auf der Pflanzung gespeist?“
„Die Verheirateten nur Mittags; Abendbrot kochen ihnen ihre Weiber; sie
erhalten Rationen zuerteilt.“ --
Vor einem der letzten Häuser erhoben sich ein paar ganz alte
gebrechliche Neger: „~Sos kiss~“ stotterten sie, als wir uns
näherten. „Wozu gebrauchen Sie denn die noch?“ fragte der Professor
ganz entsetzt.
„Zu nichts“, lächelte der Doktor, „aber ich kann sie doch nicht
ersäufen. Sie sind in meinem Dienste grau geworden, jetzt bekommen
sie das Gnadenbrot. Ich habe sie auch freigegeben, aber ich habe
nicht das Herz, alte, abgebrauchte Neger mit ihrer Freiheit und ihrer
Arbeitsunfähigkeit in das Elend oder auf den Bettel zu schicken --
mögen sie hier sterben.“
„Denken viele Pflanzer so?“ fragte ich.
„Ja, Gott sei Dank, und es ist auch nicht mehr als billig. Zu solchen
alten Menschen zu sagen: „Du bist frei, ich habe jetzt also nicht mehr
für Dich zu sorgen, geh’ deiner Wege“, das ist eine Barbarei. Wer
das Fleisch ißt, behält auch nachher die Knochen, sagt eins unsrer
Sprichwörter.“
„Ich fürchte, Herr Doktor“, machte unser alter Professor mit Feinheit,
„ich bin hier auf eine Pflanzung geraten, wo ich nur die guten Seiten
des Sklaventums zu sehen bekomme!“
„Das würde auch nichts schaden!“ rief der Doktor liebenswürdig. „Es ist
so viel über die gegenteilige Seite geschrieben und dabei übertrieben
worden, daß die lichteren Seiten auch einmal hervorgekehrt werden
können. Überdies irren Sie, wenn Sie denken, ich stehe vereinzelt da.
Viele Pflanzer hier in Brasilien halten ihre Sklaven ebenso gut wie
ich, manche schon aus Eigennutz! Die traurigen Seiten: der Mangel an
Freiheit, die sittliche Verkommenheit vieler, die Unwissenheit aller,
das alles wird bleiben, solange es Sklaven geben wird, die es ja
vorläufig für uns leider noch geben +muß+.“
„Es ist aber eigentümlich, wie diese trüben Seiten sich mir hier
viel weniger aufdrängen als es in Europa bei mir und ich glaube bei
jedermann der Fall ist“, sagte ich sinnend.
„Vielleicht sahen Sie da +nur+ die trübe Seite“, sprach lächelnd
der Sklavenhalter.
Weißt Du, Grete, ich habe es ihm schon längst verziehen, daß er
nicht fesch aussieht und nicht so bunt angezogen geht wie der
Operetten-Brasilianer der kleinen Handschuhmacherin -- er ist wirklich
ein guter Mensch, und soweit es ihn und seine Frau angeht, bin ich ja
hier auch ganz gut aufgehoben -- aber das Vehmgericht, das Vehmgericht!
Deine +Ulla+.
Der Professor reist morgen weiter.
[3] Gelobt sei unser Herr Jesus Christus. --
[Illustration]
Saõ Francisco, den 22. Oktober 1881.
+Meine liebe Grete!+
Du fragst in Deinem letzten Briefe, ob ich denn nicht in der Nähe eine
Kollegin hätte, mit der ich mich einmal aussprechen könne. Bestes
Herz, ein „in der Nähe“ giebt es hier überhaupt nicht, die nächsten
Pflanzungen sind alle 4-6 Meilen entfernt, und eine Stadt giebt es
garnicht in erreichbarer Nähe. Zudem will mein Unstern, daß auf all den
Pflanzungen, die allenfalls zu erreichen wären, nur erwachsene Kinder
sind oder die Besitzer so einfach, daß sie keine „~professora~“
halten. So bin ich denn ganz allein in der Runde, die traditionelle
einzig fühlende Brust; ich weine auch manchmal ganz furchtbar, aber das
darfst Du auf keinen Fall meinem Mutting erzählen!
Ich möchte so gern einmal heraus hier, wenigstens nach Rio, um mir die
Stadt anzusehen, die ich bei meiner Ankunft nur so flüchtig gesehen
habe, und die mir doch so schön erschien; auch habe ich ja noch
meine Empfehlungsbriefe an eine deutsche Familie dort und an einen
Geschäftsfreund meines New-Yorker Onkels, der sehr reich ist; es würde
mich so sehr beruhigen, nur irgend welchen Halt in diesem fremden Lande
zu haben....
Aber verzeih mir, Gretel, wenn ich schon schließe: -- ich bin totmüde
und schwer, und wollte Dir nur einen Gruß senden.
Deine +Ulla+.
_S. F., den 3. Dez. 1881._
_Das war eine lange Pause, meine Grete, nicht wahr? Aber Du
wirst mir schon verzeihen, wenn Du hörst, daß ich krank war. Ein
abscheuliches Sumpffieber hatte mich richtig gefaßt und mich
im Verein mit der Ueberanstrengung, die diese Stelle besonders
in musikalischer Beziehung von mir fordert, für vier Wochen
pädagogisch unschädlich gemacht._
_Heute an meinem Geburtstage (ach Grete, kein Mensch weiß davon,
ich habe keinen Glückwunsch, keine Blume, keinen Brief, nichts!)
bin ich zum ersten Mal aufgestanden und will in diesen Tagen nach
Rio, um einen Arzt zu konsultieren. Es grüßt Dich herzlichst_
_Deine Ulla._
_Gieb diese Karte Deinem Brüderlein für seine Sammlung._
[Illustration]
Rio de Janeiro, den 24. Dezember 1881, Abends.
Weihnachtsabend und 25° Celsius im Schatten! Wie fremdartig, wie
heimatfern und, ach Grete, wie traurig! Kein Mensch in dieser ganzen
bunten, lärmenden Stadt scheint an Weihnachten zu denken; das
öffentliche Leben wird garnicht davon berührt, und nichts erinnert an
die heilige Zeit wie daheim. Vielleicht, daß einige wenige deutsche
Familien auch in der Tropenstadt ein fremdartig Christbäumlein
schmücken (unsere Tanne giebt es ja hier nicht) -- aber mir stralt
doch keines! +Kleins+ haben mich so wenig freundlich empfangen,
daß ich nicht wieder hingehe, und das wundert mich umsomehr, als Frau
Klein früher selbst Erzieherin hier war und also weiß, wie solch’
einsamem Menschenkinde zu Mute sein muß! Onkels Geschäftsfreund konnte
ich bisher nicht antreffen. So stelle Dir Deine Ulla nachträglich am
heiligen Abend in einem einsamen Hotelzimmer vor, an Euch Lieben in der
Heimat denkend und sich unbeschreiblich nach Euch und unserm schönen,
lieben Deutschland sehnend!
Draußen lärmt die Stadt mit ihrem Abendgetriebe. Durch die offenen
Fenster kommt die eigentümliche, feuchtwarme Tropenluft herein, und
ich sehe die Sterne an dem frühdunkeln Abendhimmel erscheinen; in dem
Rahmen des Seitenfensters zeichnen sich die Palmen des Corcovado ab,
jenes luftigen Bergkegels hinter der Botafogobai, dessen berühmte
Quellen Rio mit herrlichem Trinkwasser versehen. Der Bewohner von
Rio ist auch sehr stolz auf diese prächtige Naturgabe und sagt im
Sprichwort: „~Quem bebeu a agua da Carioca~-(Quelle) ~Nunca toma
outra agua na boca~.“ Wer einmal das Wasser der Cariocaquelle trank,
nimmt nie wieder andres Wasser in den Mund.
Wie poetisch könnten hier so manche Eindrücke sein, wenn man sie in
Ruhe genießen könnte, aber so unbeschreiblich lärmend wie hier in
Rio de Janeiro habe ich es noch in keiner Stadt gefunden, die ich
kenne. In Berlin ist der Aufenthalt dagegen die reine Sommerfrische
mit Nervenberuhigung, und nicht einmal in London habe ich es so laut
gefunden. Da fahren zunächst Pferdebahn und Omnibus mit lautem Gerassel
und häufigen Warnungspfiffen daher; kleine einsitzige Droschken,
von den Engländern ~tilbury~ benannt, poltern im Galopp über das
entsetzlichste Straßenpflaster, das Du Dir vorstellen kannst. Reitet
jemand, so geschieht es ohne Gnade auch im Galopp, und ich bin schon
einige Male in diesen Tagen an’s Fenster gestürzt, weil ich dachte,
es gehe ein Pferd durch. Wasserverkäufer, Zeitungshändler (gerade
diese sind fast so schlimm wie die Papageien auf der Pflanzung),
Bonbons-, Cigaretten- und Sorbetverkäufer, Italiener, die Fische
ausschreien, und dazu Drehorgeln und sonstige Instrumente, ganz
abgesehen von den ungezählten Klavieren, die zu den offnen Fenstern
hinaustönen, alles das tobt sich förmlich aus in den engen Straßen,
wo jeder Schall doppelt hart stecken bleibt. Dabei haben diese Leute,
besonders die erwachsenen Neger, oft ganz unmenschliche Stimmen, so
daß man zusammenfährt, wenn man zufällig in ihre unmittelbare Nähe
gerät. Vervollständige Dir diesen Ohrenschmaus durch das Geprassel
von Feuerwerk, das man bei Tage und bei Nacht abbrennt, und nimm als
selbstverständlich eine eintönige, hartstimmige Negerunterhaltung
unmittelbar vor Deinem Fenster und ein ungeschicktes Guitarengeklimper
in nicht allzu großer Entfernung hinzu, und dann -- beneide mich,
wenn Du kannst! Aber auch hier staune ich wieder die Nerven der
Einheimischen an: trotz dieses betäubenden Lärms lebt alles auf der
Straße oder so gut wie auf der Straße. Wenn der Grundsatz jenes famosen
alten Berliner Professors: „Der gebildete Mensch gehört in die Stube!“
überall rück- und vorwärts gefolgert würde, so ist es sicher, daß
man hier um die gebildeten Menschen handeln könnte wie Abraham um
die guten in Sodom. Der unbeschäftigte Schwarze ist absolut nirgend
anders zu finden als vor der Hausthür, rauchend und spuckend, die
Kinder wälzen sich vom Morgen bis zum Abend auf der Gasse umher. Der
kleine Krämer, der Vendiste, ja und auch der bessere Kaufmann in den
vornehmeren Straßen steht vor der Thür, wenn augenblicklich kein Kunde
da ist, und schwatzt mit den Vorübergehenden, und sowie die Sonne es
gestattet, ist jeder Balkon, jedes Fenster besetzt von müßig gaffenden
Menschen. +Das Haus+ scheint für niemanden Anziehungskraft oder
Beschäftigung zu haben, denn sonst würde es diese Leute doch nicht
immer wieder amüsieren, in den Tumult der Straßen hineinzugaffen. Die
Straße wirkt hier überhaupt auf entsetzlich plebejische Weise in das
Haus hinein. In einem gut brasilianischen Zimmer sitzt man wie in einem
Schaukasten, sämtliche Fenster stehen auf, da der Brasilianer der
Ansicht ist, daß offne Fenster unter allen Umständen ein Haus kühl
machen, und sämtliche Thüren obendrein. Ich gebe zu, daß letzteres
nötig wird, um durch den dadurch bewirkten Zug die Thorheit des
ersteren wieder gut zu machen -- aber warum schafft man nicht lieber
eine weit gründlichere und angenehmere Kühle dadurch, daß man die
Fenster gegen den Sonnenbrand der Tagesstunden verwahrt?! Ich begreife
es jetzt schon viel besser, daß die Brasilianer noch nichts Bedeutendes
an wissenschaftlichen Leistungen aufzuweisen haben: ihre Lebensweise
läßt keinen geordneten Gedanken aufkommen. Zu geschlossenen Gedanken
gehört ein geschlossener Raum, wo nicht tausenderlei äußere Dinge einen
abziehen von dem, womit man sich beschäftigen will, und das meinte wohl
auch der Berliner Professor mit seinem originellen Dictum.
Natürlich ist Rio augenblicklich durchaus kein Aufenthalt für mich. Der
Arzt war sehr unzufrieden mit dem Zustand meiner von Arbeit, Lärm und
neuralgischen Schmerzen zerquälten Nerven und hat mir auch dringend
geraten, die Arbeit in Saõ Francisco nicht wieder aufzunehmen, sondern
dem Vehmgericht, den Papageien und den täglichen fünf Klavierstunden
Valet zu sagen, vor allen Dingen aber erst auf vier Wochen nach
Petropolis (dem berühmten, jenseits der Bai gelegenen Luftkurort)
hinaufzugehen, um mich von dem Fieber zu erholen. Petropolis ist
zugleich Sommerresidenz des Kaisers, und die ganze Diplomatie flüchtet
in diesen Monaten dort hinauf vor der Hitze und dem gelben Fieber.
Aber da läßt mich Mrs. Carson, die Frau des Hotelwirtes auffordern,
mit ihnen zusammen in ihrem Privatzimmer Abendbrot zu essen. Carsons
sind Engländer und sehr liebe Menschen. Ihre Kinder werden in England
erzogen, und wenn sie daher auch keinen eigentlichen „Weihnachten“
feiern, so scheinen sie doch zu empfinden, wie schwer dieser Tag hier
für ein einsames deutsches Herz sein muß. Und unsre eignen Landsleute
-- --!
Schreibe mir nur recht ausführlich, wie alles bei Euch und zu Hause
war, beschreibe mir alles, alles, wie wir es als Kinder thaten, jedes
Stück, was Du geschenkt bekommen hast -- es wird mir jedes Wort ein
Stück Deutschland sein! Richte Deine Briefe hier an das ~Hôtel
Carson, rua Catette~, und laß ihrer recht viele sein!
Deine +Ulla+.
[Illustration]
Petropolis, den 15. Januar 1882.
+Mein liebstes Gretele!+
Freue Dich mit mir, denn ich habe meinen Humor wiedergefunden, den ich
verloren hatte -- oder sollte es nur der Racker Galgenhumor sein, den
ich beim Kragen erwischt?
Ich schreibe hier in einer Umgebung, die ein ganz nettes Modell für
eine Trödelbude wäre. An den Nägeln in der Wand hängen meine Kleider
und Jacken in malerischer Unordnung; auf dem Bette sind Schleifen, Hüte
und Tücher ausgebreitet; auf allen Stühlen sonnt sich Wäsche. Von den
Fensterbrettern aus gucken fünf Paar Stiefel und Schuhe andachtsvoll
auf die Bananengruppe davor hinaus, und darüber flattern, auf einen
Bindfaden gereiht, meine sämtlichen Handschuhe im Zephyr des Mittags.
In diesem Zustande befinden meine Garderobe und ich uns alle drei
Tage einmal, nachdem ich gleich zu Anfang die Entdeckung gemacht, daß
andernfalls in diesem fruchtbaren Lande sich sogar Stiefel und Kleider
mit der üppigsten Vegetation bedecken. Diese mühelose Pflanzenzucht ist
ja im Uebrigen ganz hübsch, nur den Sachen nicht sehr bekömmlich, und
besonders verfolgt das Schicksal in dieser Hinsicht Stiefel, Handschuhe
und Seide; alle die schönen feinen Lederhandschuhe, die ich noch in
Antwerpen gekauft, sind fleckig geworden!
Doch ich will Dir meine Abenteuer von Anfang an erzählen:
Als ich am zweiten Weihnachtstage nach Saõ Francisco zurückkam und
erklärte, daß ich nicht länger bleiben könne, war man höchst unangenehm
überrascht, aber meine vierwöchentliche Krankheit und mein immer
noch elendes Aussehen hatten ihre Herzen doch insofern erweicht,
daß sie meiner Abreise kein Hindernis in den Weg legten. Wir sagten
einander Adieu, und fort war ich. Grete, solch ein Lebewohl habe ich
in meinem Leben noch nicht gesagt! Nichts that mir leid zu verlassen,
im Gegenteil, ich fühlte, daß mir keiner von ihnen schwer zu missen
sein würde, und war mir ebenso sehr bewußt, daß auch in den Herzen
der Kinder keinerlei Anhänglichkeit für mich vorhanden war, und daß
man einzig die ~gêne~ bedauerte, eine neue Gouvernante suchen zu
müssen; man wird eben nicht warm mit diesen Menschen hier! --
Am Sylvestertage reiste ich hierher, und zwar in drei Absätzen: erst
mit dem Dampfer über die Bai, dann mit der Eisenbahn bis an den Berg,
der Petropolis trägt, und dann mit einem Omnibus auf allerdings recht
gut chaussiertem Wege hinauf.[4] Ich erwischte einen ziemlich guten
Platz in einem der fünf Wagen und hatte auch die Beruhigung, zu sehen,
daß meinem Koffer ein ähnliches Glück widerfuhr.
Etwa auf der Hälfte des Weges wurde Station gemacht, und alles drängte
sich um eine dort stehende Bude, wo Kaffee, Gebäck und Früchte zu
haben waren. Ich war hungrig geworden und trank gierig meine Tasse
Kaffee hinunter und biß ebenso eifrig in ein Stück Biscuit-Kuchen,
das ich aufgegriffen. Es schmeckte etwas eigentümlich, und als ich
es beim zweiten Happen näher besah, fand ich, daß es von Ameisen
wimmelte, von denen ich also gewiß soeben eine erkleckliche Anzahl
mit verschluckt hatte. Brrr! nicht wahr? Ja, siehst Du, ich war aber
schon so verbrasilianert, daß ich nur gleichmütig den Rest der kleinen
Gäste von meinem Biscuit abstreifte und diesen dann behaglich zu einer
zweiten Tasse Kaffee verzehrte. Dies wird Deine Verachtung ebensosehr
herausfordern, wie es entschieden die Ver- und Bewunderung eines jungen
Franzosen erregte, der daraufhin eine lächelnde Bemerkung an mich
richtete, die ich dummer Weise munter beantwortete, denn seitdem ödete
mich dieser galante „Erbfeind“, der glücklicherweise in einem andern
Wagen saß, an jeder Haltestelle, und wenn ich alles das hätte essen
und trinken wollen, was er mir hinter einander anbot, so wäre ich wohl
schwerlich lebend nach Petropolis hinaufgekommen.
Hier ging ich erst in das deutsche Hotel und machte mich dann auf
nach der Behausung des Herrn Goldschmidt, Onkels Geschäftsfreund, der
hier ein schloßähnliches Haus mit herrlichem Park besitzt, das er in
der heißen Zeit mit seiner Familie bewohnt. Da ich sie bei meinem
Aufenthalt in Rio zuletzt noch getroffen hatte, so war dieser Besuch
nicht mein erster.
Ich wurde in den Saal geführt und gebeten, einen Augenblick zu
verziehen.
„Haben Sie keine Stelle?“ schrie es da plötzlich hinter mir, und Frau
Goldschmidt, eine äußerst lebhafte Brasilianerin, die rasch aber falsch
deutsch spricht, stand mit halb lachendem (sie lacht +immer+),
halb ängstlichem Gesichte vor mir.
Grete, die Angst dieser zwanzigfachen Millionärin, ich könne irgend
etwas von ihr wollen, war so unbeschreiblich komisch, daß mir wie mit
Zauberschlag der Humor zurückkam und ich laut herauslachte. Donna
Albertina sah mich starr an.
„Verzeihen Sie“, sagte ich nun auch etwas brutal, „aber es ist zu
komisch, daß das Ihre erste Frage war! Nein, ich habe keine Stelle,
aber ich werde eine finden, wenn es nötig sein wird.“
Dann kam der Gatte.
„Sehen Sie, mein Fräulein“, dozierte er, „ich war immer ein reicher
Mann, denn ich verbrauchte immer nur die Hälfte von dem, was ich
einnahm. Ich kam nach Rio mit fünfzig Mark und besitze heute mehrere
Millionen: Alles durch jene Praxis! Aber was ich sagen wollte -- gehen
Sie jetzt zu unserer Miß Dahlmann; wir haben nämlich unsere Gouvernante
nicht im Hause; es geniert mich, fremde Leute im Hause zu haben. Sie
ist eine Deutsch-Engländerin und wohnt bei einer einfachen deutschen
Familie im Dorfe; vielleicht kann sie Ihnen raten, wo sie am billigsten
unterkommen; Sie verbrauchen im Hotel zu viel Geld, das ist schon
falsch -- immer nach meinem Prinzip, mein Fräulein, immer nach meinem
Prinzip!“
Der kleine Mann amüsierte mich unaussprechlich mit seinem ~mezza
voce~ vorgebrachten Redeschwall und den fortwährend nach den
Westenärmeln schnappenden Daumen. Seinen, wenn auch ungeforderten Rat
betreffs meines Unterkommens beschloß ich jedoch insofern wenigstens zu
befolgen, als ich diese Miß Dahlmann aufsuchen wollte, in der ich doch
wenigstens eine Collegin fand.
Donna Albertina forderte mich auf, an dem Frühstück teilzunehmen, das
eben serviert wurde. „Sehen Sie, mein Fräulein“, begann der Gatte
wieder (er scheint diesen Anfang sehr zu lieben), -- „ich lade nur
zum Frühstück Leute ein, zu Mittag aber niemals. Wir essen um sechs;
nachdem kommt gleich die Abendpost, die ich in Ruhe erledigen muß,
und da ist es mir störend, wenn jemand Fremdes da ist. Verstehen Sie
wohl? Aber zum Frühstück, da mag kommen, wer da will, da stört es mich
weniger“ -- schwupp fuhren seine beiden Daumen in die Westenärmel.
Es wurde Zeit, daß ich ging, Grete, sonst hätte ich den Leuten wieder
ins Gesicht gelacht, denn die Heiterkeit steckte mir schon oben in
der Kehle. Ich sagte, daß ich bereits gefrühstückt habe, ehe ich
hergekommen, daß ich aber zu Miß Dahlmann gehen wolle, wenn sie mir den
Weg beschreiben möchten. Daß sie mich so schnell los würden, hatten
sie wohl kaum gehofft; in ihrer Freude darüber wurden sie plötzlich
sehr liebenswürdig und bestanden darauf, mir einen Neger zur Führung
mitzugeben, was ich denn auch annahm. Es geht doch nichts über gute
Empfehlungen an Landsleute im fremden Lande -- da kann man doch absolut
nicht verderben!!
Miß Dahlmann ist einige Jahre älter als ich und etwas steif und
„englisch“, war aber doch gutmütig genug, mir behülflich zu sein, daß
ich bei ihrer eigenen Wirtin unterkam, wo wir auch essen. Sie ist meine
einzige Gesellschafterin hier und, wenn auch nicht gerade herzlich, so
doch auch nicht unliebenswürdig. Sie sieht das Leben im Ganzen weit
kühler an als ich, und so verstehe ich es, daß sie bei Goldschmidts
aushält. Ich habe mir schon manchen nützlichen, entweder beabsichtigten
oder unwillkürlichen Wink von ihr ~ad notam~ genommen und denke
ein ganz Teil „landesgewandter“ von hier fortzugehen, als ich kam.
Petropolis +selbst+ ist meiner Ansicht nach ein elendes Nest, und
das Hauptamüsement der Fremden besteht darin, jeden Nachmittag nach der
Haltestelle der Omnibusse hinzugehen und die heraufkommenden Fremden
anzugaffen. Das Palais des Kaisers ist ein langes, weitläufiges,
aber schrecklich langweiliges Gebäude, an dem nichts zu sehen ist,
wie viele Fenster. Ich bringe die Ansicht davon auf einem gläsernen
Briefbeschwerer eingraviert mit, sowie auch ein paar kleine Vasen,
auf denen ~Lembrança~ (Erinnerung) ~de Petropolis~ steht;
diese Sachen sind aber sehr wenig interessant, da sie alle aus Europa
kommen und hier nur graviert werden. Weit besser gefallen mir die
feinen Drechsler- und Schnitzarbeiten eines Deutschen, der hier ein
allerliebstes Häuschen hat und ein höchst gemütlicher alter Herr ist
mit einer ebenso gemütlichen und sehr zahlreichen Familie. Dahin gehe
ich manchmal, um ein Stündchen zu verplaudern, und lasse mir über
die Anfänge von Petropolis erzählen; auch habe ich dort einen ganz
prächtigen Tabaksbehälter gekauft, der aus einer Brotfrucht gefertigt
und oben von einem geschnitzten Indianer gekrönt ist.
Die übrigen hier ansässigen Deutschen sind fast alle ganz ungebildete
Bauern. Sie haben sich ihre deutsche Sprache und einige deutsche
Untugenden bewahrt, aber im Ganzen sind sie doch schon sehr von den
Landessitten angestreift. Petropolis ist auch schon lange keine
rein deutsche Colonie mehr, wie es ursprünglich war. Es wohnen hier
Colonisten aus aller Herren Länder, und man hört alle Sprachen, unter
welchen mir ein Kauderwelsch von Neger-Portugiesisch und Plattdeutsch
am besten gefällt: „Kiek mal, ob dat noch schuwet“ (regnet) -- „Esperen
(warten) Se mal en beten“ -- „Ich kann ainda (noch) nicht“, und
dergleichen hört man viel.
Die +Lage+ des Ortes ist herrlich, das muß man sagen! Hoch
in den Bergen, zwischen unabsehbaren Waldungen gelegen, bietet
derselbe prachtvolle Spaziergänge auf guten Waldwegen, die sonst in
Brasilien etwas ungemein Seltenes sind, da das erste Eindringen in die
Wälder schwer ist und alles gleich wieder zuwächst mit Gestrüpp und
Schlingpflanzen.
Ich bleibe hier wahrscheinlich noch diesen Monat und will dann doch
einmal, um die Stadt kennen zu lernen, mein Heil in Rio versuchen; ich
habe jetzt wieder bessere Nerven und mehr Courage! Tausend Grüße von
Deiner alten +Ulla+.
Neulich begegneten Miß Dahlmann und ich der Kaiserin, sie war zu Fuß
mit einer Hofdame; und am Sonntag sahen wir den Kaiser, die Prinzessin
und ihren Gemahl, den Grafen von Eu, sowie die drei kleinen Prinzen
alle in +einem+ Wagen ausfahren.
[4] Jetzt führt eine Bahn bis ganz hinauf. D. V.
[Illustration]
Rio de Janeiro, den 8. Februar 1882.
+Mein Herzens-Gretchen!+