nicht weniger als drei große aufzuweisen, was den Europäer und zumal
den Protestanten in billiges Erstaunen setzen muß angesichts der
Ursprünglichkeit der übrigen Verhältnisse. Und diese Kirchen sind
nicht etwa hölzerne Kapellen oder Bethäuser, sondern große, massiv
steinerne Gebäude, aus portugiesischem Marmor erbaut. Ihr Styl,
weder ausgesprochen byzantinisch noch im geringsten gothisch, ist
meist geschmacklos und überladen, am meisten immer dem sogenannten
Jesuitenstyl nahekommend, und in ihrem Interieur entsetzten mich
überall die schrecklichsten Abbildungen der heiligen Trinität, die in
bunten Holzfiguren von über Lebensgröße zur Darstellung kamen; auch die
Gemälde boten, zumal an Perspektive, das Wunderlichste, das mir je zu
Gesicht gekommen.
Und doch habe ich in größerer Bewunderung vor diesen Zeugen der
Frömmigkeit eines Volkes gestanden, als ich solche je vor den ragenden
Türmen des reizendes Münsters in Ulm oder dem Wunderwerke des Kölner
Doms empfunden. Denke Dir mächtige, fußdicke und oft mehr als 2 Meter
lange Steine, massive Pfeiler, Treppen und Wälle ringsum, und dann
frage Dich, wie sie hierhergelangten! Dann sage Dir, daß jeder dieser
Steine auf dem Rücken von Maultieren den Weg von der Küste in’s Innere
zurücklegte, eine Strecke, die heute mit der Bahn 16-18 Stunden in
Anspruch nimmt, und zu der die Thiere wohl 4-5 Monate gebrauchten;
frage Dich einmal, abgesehen von dieser erstaunlichen +Arbeitsleistung+
nach den +Kosten+ eines solchen Werkes, und Du mußt billig mit mir
erstaunen und den Geist der Frömmigkeit eines Volkes bewundern, das
vor allem andern daran dachte, seinem Gott Altäre zu bauen und seine
Heiligen angemessen unterzubringen.
Der folgende Tag, der 29. August, war der eigentliche Tag der
Inauguration, weil der der Ankunft des Kaisers. Schon früh am
Morgen hatten sich die brasilianischen Schönen in Staat geworfen,
und zwar erschienen sie zum Teil in den elegantesten Pariser
Gesellschaftskleidern; wer irgend Geld und Verbindungen besaß, hatte
sich eine prachtvolle Toilette wirklich aus Paris oder doch mindestens
aus Rio kommen lassen und nutzte sie nun auch gründlich aus. Da
konntest Du Damen, die sonst das ganze Jahr hindurch nichts wie ein
Kattunfähnchen tragen, in hochroten oder kraßblauen, ja gelben und
grünen[2] Seidenkleidern sehen, und die Nichte unsrer Wirte, die ein
chamoisfarbenes Atlaskleid trug, das ungefähr ihrer eignen Hautfarbe
Konkurrenz machte, wird mir nie aus dem Gedächtnis entschwinden. Es war
mit rotem Sammet beflaggt und viereckig ausgeschnitten; die Schleppe,
deren weißer Spitzenansatz halb abgerissen war, wirbelte im Staube;
ihre braunen beringten Hände hielten einen der buntesten Fächer, und
anstatt des Hutes hatte sie sich eine tolle Frisur gemacht, die gewiß
eigens für diesen Zweck componiert war. Sie war mir am Tage vorher
als ein ganz gutmütig dreinblickendes Geschöpf erschienen trotz ihres
braunen pickeligen Gesichts und den unordentlich herabhängenden Zöpfen,
und niemand hätte so treuherzig wie sie das „Wie geht es Ihnen, geht
es Ihnen gut?“ an die Fremde gerichtet haben können, aber in diesem
Costüm sah sie wirklich affreuse aus! Ob sie das doch instinctiv
fühlte? Wenigstens strich sie einmal plötzlich sehr respektvoll an
meinem fußfreien braunen Sammetkleide herunter, dessen Wärme ich sehr
gut vertrug, und sagte so recht von Herzen: „~A Senhora esta muito
civilisada!~“
An diesem Tage wurden auch endlich die Ehrenpforten aufgerichtet, die
seit dem Tage unserer Ankunft halbfertig in den Straßen umherlagen.
Es waren Rundbogen, aus dem biegsamen Bambusrohr auf das einfachste
hergestellt, ein größerer in der Mitte und zwei kleinere zu den Seiten.
Auf dem Straßenpflaster liegend, wurden sie mit farbiger Gaze umwunden,
die in Zwischenräumen von 1 Fuß mit bunten Bändern abgebunden wurde;
hie und da befestigte man ein Lampion. Diese Allee von Triumphbogen,
die auf das kaiserliche Logis zuführte, hätte, passend decoriert,
äußerst graziös sein können. Aber in ihrer steifen Umhüllung und
dürftigen Beleuchtung machten dieselben, als sie endlich am dritten
Tage aus dem Straßenstaub erstanden, einen höchst jämmerlichen
Eindruck; zudem blieb, wo sie eingerammt waren, das Straßenpflaster
aufgerissen, und die Steine lagen wild umher. Vor dem für den Kaiser
bestimmten Hause schloß ein Thor diesen Bogengang, das aus Holz
und Papier construiert war und in seiner plumpen und gedrungenen
Erfindung einen recht handfesten Eindruck machte. In einer andern
Straße erreichte ein Thor, das fast 2 Fuß dick und aus dunkelblauem,
buntbemaltem Papier, das man auf Holz gezogen, gebaut war das
Menschenmögliche an Geschmacklosigkeit. Eine ganze Straße hatte sich
mit gelb und grün gestrichenen Tonnen vor den Thüren patriotisch zu
„schmücken“ geglaubt, aus denen hier ein zerrissen Fähnlein flatterte,
dort ein wenig Palmengrün hervorsah. Nur der Weg vom Bahnhof zur
Stadt bot, auf beiden Seiten von leichten Säulen eingefaßt, auf denen
schlankes Grün und zierliche Fähnchen standen, einen wohlthuenden
Eindruck dar. Ich war ganz erstaunt über so viel Geschmacklosigkeit
und Ungeschick! Was hätten wir nicht in unserm Deutschland allein
schon mit diesem Reichtum an +natürlichem+ Schmuck zu machen
gewußt, über den Brasilien verfügt! Gebt uns einmal weiter nichts als
diese nickenden Palmzweige, diese pomphaften Bananenblätter, diese
leuchtenden Orangen in ihrem dunkeln Grün, gebt uns die entzückend
feinen Tannenarten Brasiliens, diese Schlingpflanzen von oft 10-20
Meter Länge, diese großen, glühenden, sattfarbenen Blumen, diesen
seidetragenden Painabaum, dessen weiße Flocken Du wie Schnee verwehen
kannst, gebt uns alles das und in solchem Ueberfluß wie hier -- und die
kleinste deutsche Stadt würde ohne jene armseligen Tarlatanfetzen, ohne
Hülfe von Holz und Papier sich ein märchenhaft Kleid anziehen. Meinst
Du nicht auch, Gretel? Aber nun möchtest Du natürlich vom Kaiser hören.
Also:
Abends um 7 Uhr strömte, was einheimisch und fremd war, nach dem
Bahnhof, wo ~Dom Pedro~ ankommen sollte, und da sich der Zug um
fast 3 Stunden verspätete, auch kein einziger Schutzmann oder sonstiger
Ordnungsbeamte die lieben Unterthanen in ihrem loyalen „Drängen“
hinderte, so hatte die Menge Zeit und Freiheit, sich zu einer ganz
anständigen Mauer anzustauen.
Endlich kam der Zug. Die Lokomotive war unterwegs zerbrochen, man
hatte eine andere geholt, und der Kaiser hatte zwei Stunden lang auf
der Station ~Entere Rio~ warten müssen, wo man eben am Malen und
Tapezieren war. Alles das hatte ihm aber, wie es schien, die gute
Laune nicht verdorben: „Hat man auch für ein Konzert oder einen Ball
gesorgt?“ hörten wir ihn fragen.
Er grüßte fortwährend mit dem Hute und der Hand, die Kaiserin nickte
rechts und links, und dann wand sich der kleine Zug so allmälig mit
Geduld und guten Worten durch die geschätzten Unterthanen aller
Schattierungen hindurch, um im „Wartesaal“ (ich beleidigte einen
Brasilianer durch meine Frage, ob das die Durchfahrt sei) offiziell von
den Bahndirektoren empfangen zu werden. Unsere Gesellschaft benutzte
diese Verzögerung, um so schnell als thunlich nach dem kaiserlichen
Logis in der Stadt zurückzueilen, wo wir unserseits das hohe Paar mit
„empfangen“ durften.
Man hatte mittlerweile illuminiert. Einige -- ~entre nous~,
schauderhafte -- Transparente waren das Bedeutendste dieser Leistung.
Viele Häuser hatten sich damit begnügt, eine Art von Wagenlaternen zu
beiden Seiten ihrer Fenster zu befestigen. Eine Straße hatte an einer
Seite einen Bindfaden gezogen und ihn mit Lampions bereiht; die andere
Seite war dunkel. Das Thor vor dem kaiserlichen Logis war durch eine
Schnur kleiner Lämpchen erhellt, die beinahe gut ausgesehen hätten,
aber die Lämpchen waren nicht alle angezündet, und die unterbrochene
Lichterschnur war nun einfach störend. Es hat wirklich manchmal
den Anschein, als würde der Brasilianer bei all seiner Neigung zum
~show~ nicht zufrieden sein, wenn er etwas Ordentliches leisten
würde, als widerspräche es seinem Wesen, denn oft ist für die volle,
gründliche Leistung garnicht einmal ein viel größerer Müheaufwand
erforderlich. Oder +sehen+ sie dergleichen nicht?!
Wir kommen an, werfen Hut und Plaid ab und ziehen den rechten
Handschuh aus, denn die brasilianische Etiquette gestattet nicht, daß
man die Majestäten mit Handschuhen anfaßt. Dann stellen wir uns im
Hausflur auf -- nur 12 Personen! Die Menge schien bereits abgekühlt
oder ihre Neugier befriedigt.
Wir zwölf (denke Dir, Deine Ulla mit!) „machen die Wirte“. Das Haus
war Privateigentum und nur „hergeliehen“ für den kaiserlichen Gast;
es gehörte einer verwittweten Baronin, welche in Rio lebt, die für
europäische Begriffe fast mehr als einfachen Rohrmöbel teils derselben
Dame, teils andern Patrioten; wer etwas Hübsches besaß, hatte es
herbeigetragen. Wir gingen rasch erst noch durch alle Zimmer; nirgend
erschien es mir gemütlich außer in dem Speisesaal, wo eine kleine Tafel
durch einen französischen Koch wunderhübsch gedeckt und besetzt war.
Als wir wieder hinunter kamen, wurde gerade ein Piquet Soldaten vor der
Thür in mir unverständlichen Kommandos von einem Korporal angeschrieen
und vollführte ein „Rechtsum“, das mich in die beste Laune versetzte.
Gretele, da machen’s unsere rekrutesten Rekruten besser! Der Korporal
zog einen Mann am Knopf etwas nach vorn, drückte den andern mit
dem Säbel ein wenig zurück, und dann überließ er es ihrem loyalen
Gutdünken, ob sie so bleiben wollten.
Jetzt aber rasselte ein Wagen über das Straßenpflaster ... „~O
Imperador!~“ donnerte eine Stimme, und „Viva!“ schrie die allerdings
nicht sehr zahlreiche Menge draußen. Neugierig streckte ich den
Kopf vor. Ein hoher stattlicher Herr im weißen Bart schüttelte Dr.
Rameiro, der in der Thür stand, kordial die Hand, dann tritt der
stattliche Herr in den Flur, schüttelt den Damen, die sich nur leicht
verneigen, die Hände und dann den Herren. Ich hatte mich wohlweislich
als Letzte in die Reihe gestellt, um alles nachmachen zu können, was
die Brasilianerinnen thaten. Hinter dem Kaiser kam eine sehr kleine,
etwas verwachsene Dame, in einfachstes Schwarz gekleidet, und ließ
sich mit wohlwollendem Lächeln in der Runde die Hand küssen. Das waren
der Kaiser und die Kaiserin von Brasilien! Du glaubst garnicht, Grete,
wie mir zu Mute war. Es war so schrecklich einfach. Und ich hatte mir
so einen Kaiserempfang bei den pomphaften Brasilianern so ganz anders
gedacht -- es war so garnichts zum Eindruckmachen!
Dom Pedro bietet seiner Gemahlin den Arm, und das einfache Paar steigt
langsam die Treppe hinauf. Wir folgen. Oben setzt sich die Kaiserin
in der salla de visita auf das Sofa, die anwesenden Damen schließen
sich nach dem Beispiel der einzigen Hofdame rechts und links auf den
rechtwinkligen Stuhlreihen an, und die arme alte ermüdete Fürstin quält
sich für jeden noch ein freundliches Wort heraus, während der Kaiser
wie ein Jüngling ohne die geringste Spur von Erschlaffung unter den
Herren steht. Und denke Dir, Grete, er hat auch mit mir gesprochen!
Ich erschrack zuerst so, als er mich anredete. Er fragte nach meinem
New-Yorker Onkel, der lange Jahre in Brasilien gelebt hat und von Dom
Pedro sehr bevorzugt wurde. Der Kaiser soll sehr gut deutsch sprechen,
sprach aber zu mir französisch. Nach einem kurzen Anstandsverweilen
verließen „die Wirte“ das Haus, die hohen Herrschaften waren nicht
aufgelegt zu einem formellen Souper, und so wurde bald alles still und
dunkel in dem Hause der verwittweten Baronin.
Aber nicht lange war den hohen Gästen Ruhe gegönnt. Des Kaisers
landwirtschaftlicher Minister, Buarque de Macedo, der sich mit unter
seiner Begleitung befand, war schon unterwegs von einem heftigen
Unwohlsein befallen worden, und um Mitternacht meldete man dem Kaiser,
der diesbezüglich Befehl gegeben, daß derselbe wohl seinem Ende
entgegensehe. Sofort begab sich der Kaiser selbst an Ort und Stelle;
Dr. Rameiros Bruder, der Arzt ist und auch in unserm Hause logiert,
wurde hinzugerufen. Zu spät! Da war keine Hülfe mehr möglich. Noch eine
Zeitlang schwebte der Kranke zwischen Leben und Sterben, dann seufzte
er auf: „Meine arme Familie!“ Kaum hatte der Kaiser noch Zeit, ihn über
ihr Schicksal durch ein hastiges Wort zu beruhigen. Im Morgengrauen
ging Dom Pedro über die geschmückten Straßen nach seinem Logis zurück;
im nächsten Morgengrauen führte ihn sein Wagen wieder an den Bahnhof;
alle weiteren Feierlichkeiten unterblieben.
Ich glaube aber, wir haben wenig daran verloren, denn eine Aufführung
der „Glocken von Corneville“, die wir einen Tag sahen, war entsetzlich,
und bei einer musikalischen Matinée, wo das Orchester nach dem
Metronom, und als das auch noch nicht half, nach dem energisch
tactierenden Fuße des Leiters spielte, haben wir ungezogener Weise so
gelacht, daß wir uns den regsten Unwillen der andächtigen „Eingebornen“
zuzogen.
Ich fürchte übrigens nächstens den Deinigen, wenn ich diesen Brief noch
länger werden lassen, darum für heute Schluß!
Deine getreue +Ulla+.
[2] Die brasilianischen Landesfarben.
[Illustration]
Saõ Francisco, den 17. September 1881.
Ach liebste Grete, wenn Du wüßtest, wie sauer mir hier manchmal so
ein Tag wird! Wie die Stunden schleichen, wie alles so schwerfällig
erscheint! Die Kinder sind unartig, das Vehmgericht passiv, das
ganze Haus laut, und man fühlt sich so allein, so unbeschreiblich
vereinsamt! Zudem fängt die ganze Sache an, mich sehr anzugreifen. Die
neuralgischen Schmerzen dauern fort, wenn auch Gottlob in vermindertem
Maßstabe, und ich habe sehr oft Migräne, die ich besonders dem Lärm und
der ganzen Unbehaglichkeit der häuslichen Einrichtungen zuschreibe. Die
Nerven dieser Menschen müssen Stricke sein -- leider! Sonst würden sie
Rücksichten auf Andre kennen!
Stelle Dir einmal folgende Scene vor und dann appelliere an Deine
eignen Nerven, ob sie es ertrügen.
Ich gab der kleinen Leonilla eine Klavierstunde in dem sogenannten
Arbeitszimmer von Dona Alfoncina, denn die Kinder haben ihre Stunden
nicht auf dem Flügel in der ~salla de visita~, sondern auf einem
ehrwürdigen Tafelförmigen. Besagtes „Arbeitszimmer“ liegt so ziemlich
in der Mitte des Hauses, und allerlei Räume münden in dasselbe ein,
nämlich eine Vorratskammer, das Badezimmer, das Schlafzimmer der
Kinder, das des Vehmgerichts, ein Kleiderzimmer und die Nähstube. Nun
kannst Du Dir eine kleine Vorstellung machen, wieviel Lärm in diesem
angenehmen Raume schon unter normalen Verhältnissen gehört werden kann;
heute aber war es gerade, als hätte der alte ~gentleman~ sein Spiel!
Man hatte nämlich Mäuse in der Vorratskammer entdeckt, und ohne Verzug
kommandierte Dona Alfoncina zwei Negerinnen und einen Neger herbei,
die den ganzen Raum leer machen mußten, damit man die Löcher finde.
Während ich also an dem verstimmten Tafelförmigen resigniert mein
~un~, ~deux~, ~trois~ zählte und Leonilla mit Ausdauer immer dieselben
Fehler machte, baute sich unter lautem Kommando von Dona Alfoncina
rings um uns eine Wagenburg von Kisten, Fässern, Säcken etc. auf. Der
Lärm, der durch diese Prozedur verursacht wurde, die lauten Kommandos
und gelegentlichen Mißfallensäußerungen der Herrin waren an sich
schon betäubend. Dazu stand neben dem Klavier die Thür zur Nähstube
offen, von wo heraus wir die zwei Maschinen klappern hörten; in dem
Nachbarraum schrie’s aus einem Bambuskorbe und dazwischen frohlockten
Papageien und andre Vögel. Zum Schluß wurde noch eine kleine Mulattin,
die Dona Gabriella lesen lehrt, durch die sich aufbauende Wagenburg
aus ihrer Ecke, wo sie „studierte“, fortgetrieben und stand plötzlich
hinter meinem Stuhl, eintönig ihr b -- a ba, b -- e be, b -- i bi
murmelnd! Das war zu viel! Wütend sprang ich auf, ergriff die Noten,
rief Leonilla, mir in den Saal zu folgen und gab die Stunde da zu Ende.
Man hat mir das furchtbar übel genommen und hält +mich+ bei der ganzen
Sache für die Rücksichtslose!
Ja, ja, wenn Menschen zu viel Nerven haben, ist es wohl schlimm, aber
wenn sie garkeine haben, ist es noch peinvoller für Andre. Und so
scheinen mir die Brasilianer geartet. Ich bezweifle, daß ich hier
allzu lange mit meiner Gesundheit reiche! Schreibt mir nur recht oft,
ich fühle mich sehr einsam und weltfern. Wenn ich doch nur wenigstens
einmal ein deutsches Wesen zu sehen bekäme!
Deine arme +Ulla+.
Uebrigens habe ich mit dem Zimmer gewechselt, da es mir in dem vorigen,
sonnenlosen vor Feuchtigkeit unerträglich wurde, ich auch eines Mittags
eine Schlange unmittelbar vor meinem Fenster sah -- hu, die ekelhaften
Tiere! Wir sehen oft welche.
[Illustration]
Saõ Francisco, den 5. October 1881.
+Meine liebe Grete!+
Es ist gerade, als hätte die Vorsehung den Stoßseufzer in meinem
letzten Briefe an Dich zu Gesichte bekommen! Das „deutsche Wesen“ ist
da! Und das wunderlichste obendrein, das Du Dir vorstellen kannst --
das Gaudium des ganzen Hauses und, daß ich’s nur gestehe, meines auch.
Es ist ein Naturforscher, ein älterer Herr, dem auf die Empfehlung
eines italienischen Collegen hin Dr. Rameiro das Haus „zu Befehl“
gestellt hat für die Dauer seines Aufenthaltes in dieser Gegend
Brasiliens.
Unser guter Landsmann, dessen Französisch absolut unzulänglich ist, und
der sich ziemlich vergeblich abmüht, sein deutsch accentuiertes Latein
dem Portugiesischen anzupassen, wäre ohne mich als seinen Dolmetsch
völlig verloren. Er ist ein „Gelehrter“, wie er in Büchern steht, und
würde mit seiner Pedanterie und seiner wunderlichen Kleidung selbst
bei uns komisch sein, hier aber sehe ich es dem Vehmgericht trotz
ihrer unbeweglichen Gesichter an, wie es sie entzückt, sich über etwas
Deutsches lustig machen zu können, und ich bin gewiß, daß sie überzeugt
sind, alle Deutschen wären genau wie dieser Professor. Zu dem, was man
so Plaudern nennt, ist er gerade nicht gemacht, aber er ist doch ein
Landsmann, und ich höre doch wieder deutsche Worte! Was das für eine
Wonne ist, Grete! Ich könnte den garstigen kleinen Pedanten küssen bloß
dafür, daß er ein Deutscher ist!
Aber ich wollte Dir eine Geschichte erzählen, die ihm gestern
passierte, und über die ich gelacht habe, wie noch nie, solange ich
hüben bin.
Gestern war Sonntag, und als ich im Genusse meiner Muße am Nachmittage
vor der Thür sitze, steht plötzlich die sonderbarst ausstaffierte
Gestalt von der Welt vor mir. Eine große blaue Brille auf der Nase,
einen weißen Strohhut auf dem Haupt, eine mächtige Botanisiertrommel
an der Seite, ein grünes Schmetterlingsnetz über der Schulter,
aus der rechten Rocktasche ein „Handbuch der Botanik“, aus der
linken ein umfangreiches Werk über Insectenkunde -- wer konnte
in diesen Attributen anders stecken als ein deutscher Gelehrter!
Unser guter Professor forderte mich auf, die Genossin seiner ersten
Entdeckungsreise auf der Pflanzung zu sein, allein die Sache hatte für
mich wenig Reiz, und die Sonne war mir auch noch zu drückend; so bat
ich ihn, mich zu entschuldigen. Die Kinder kamen heraus und spielten
vor der Thür, und Dona Gabriella und der Doktor setzten sich zu mir auf
die Bank. Als wir aber kaum ¾ Stunden da gesessen hatten, wurden wir
plötzlich wild aufgeschreckt.
Um die scharfe Biegung, die der Weg grade neben dem Hause macht,
stürzte es hervor, atemlos, bis an den Hals beschmutzt, einen
Stiefel von einem Schlamm-Überzug bedeckt, den andern dadurch
ersetzt, brillenlos, hutlos, ohne Botanisiertrommel, das leere
Schmetterlingsnetz wie eine Fahne in der Hand -- die Reste eines
deutschen Gelehrten, der ausgezogen war, Natur zu forschen! Keuchend
sank er auf die Bank nieder, entsetzt starrte ihn der Doktor an und
blickte dann hilfeflehend auf mich, die ich schon mein: „Was ist denn
nur geschehen?“ herausgestoßen hatte.
„Geschehen! ach! oh! Ich werde verfolgt! Man will mich umbringen!
Ermorden! Uff! ah, meine schönen Pflanzen -- eine solche Orchis! Und
diese intressanten Sandflöhe, o, ich hatte ein Prachtexemplar unter der
Lupe....!“
„Aber wer in aller Welt verfolgt Sie denn?“
„Wer? die Wilden, die Menschenfresser, die -- ach!“
„Welche Wilden denn?“
„Da, da, sehen Sie nur, wie der Kerl herbeistürzt, selbst sein Herr
wird ihn nicht zähmen können, retten wir uns in das Haus!“
„Aber das ist ja ein Neger der Pflanzung!“
„Ja, ja, ja, meinetwegen, aber ich sage Ihnen, daß er wild ist und daß
ich ihm nur mit Mühe entgangen bin“, schrie der arme kleine Mann in
heller Verzweiflung und stürzte mit Aufraffung seiner letzten Kräfte in
das Haus.
Lächelnd und kopfschüttelnd übersetzte ich diese aufgeregten Aphorismen
dem Doktor, der sie achselzuckend anhörte. Ganz atemlos kam jetzt der
Neger näher, er hielt in der linken Hand das Handbuch der Botanik, in
der rechten das von der Insectenkunde; er streckte eins mir, eins dem
Doktor entgegen und keuchte dabei zwei Mal „~Sos kiss~“, „~sos
kiss~“ hervor.
„Was giebt’s?“ herrschte ihn sein Herr an.
„~Senhor, sim senhor~“, sagte der Schwarze, „der deutsche Herr,
der bei ~Senhor~ zum Besuch ist, ist verrückt.“ Wir konnten beide
das Lachen nicht unterdrücken.
„Er sagt, +ihr+ seid +wild+. Was habt ihr ihm gethan?“
„Nichts, Herr, nein Herr. Wir arbeiteten im Kaffee, da kam der deutsche
Herr daher. Wir liefen auf ihn zu, um „~sos kiss~“ zu bieten. Der
Herr sah uns nicht und ging rasch zu, ~sim Senhor~. So liefen wir
etwas näher heran. Da begann er zu laufen, schnell, schnell, warf seine
Schachtel ab, seinen Hut, seine Bücher, und lief auf den Morast beim
Teiche von Sanct Hieronymus zu, ~sim Senhor~. Wir schrieen ihm zu,
aber er wollte nicht hören und lief immer mehr. Wir schrieen lauter,
daß der Herr nicht in den Morast laufen sollte, aber der Herr stürzte
weiter, ~sim Senhor~, und ist durch den Morast gelaufen.“
Dieser Bericht wurde in vielen Absätzen und von zahllosen und
oft, wie Du siehst, sinnlosen „~Sim Senhor’s~“ unterbrochen,
hervorgestottert. Während dessen aber sammelten sich hinter dem Sklaven
eine ganze Gesellschaft seiner schwarzen Genossen an: der eine hielt
den Hut, der andre die Botanisiertrommel, der dritte die zertrümmerte
Brille, der vierte den schlammigen Schuh des armen Gelehrten, und alle
streckten uns diese mannichfachen Gegenstände mit ihrem stereotypen
„~sos kiss~“ auf das bekümmertste entgegen.
Die Scene, die ja bereits halb aufgeklärt erschien, war so unglaublich
komisch, daß ich in ein unbändiges Gelächter ausbrach, in das Dr.
Rameiro schließlich einstimmte, das aber unsere armen braven Schwarzen
vollständig verblüffte. „Legt es nur dahin“ sagte endlich der Doktor,
und gedankenvoll entfernten sich die Guten, die traurigen Reste einer
Naturforscher-Expedition auf der Bank aufgereiht zurücklassend.
„Was aber kann Ihren armen Landsmann von vornherein nur so erschreckt
haben?“ fragte dann der Doktor, sich die Lachthränen trocknend.
„Ich kann es mir denken“, sagte ich, die eigne Lustigkeit zähmend,
-- „sollten es nicht etwa die ausgestreckten Hände gewesen sein und
das „~sos kiss~“, das mir auch zuerst so geheimnisvoll war?“ Der
Doktor lachte wieder auf.
„Bei unsrer lieben Frau -- das kann es sein! Hahaha! Grade ihre
Höflichkeit -- ihr Gruß! Ich gebe zu, daß in der steif und flach
ausgestreckten Hand eine graziöse Geste schwer zu erkennen ist, und
das „geheimnisvolle“ „~sos kiss~“ -- Sie haben Recht, wer sollte
darin den schönen Gruß erkennen: ~Louvado seja noso Senhor Jesus
Christus~[3]!“
Bis an die Kehle voll Heiterkeit, aber mit dem mitleidigsten Gesicht
von der Welt ging ich zu meinem Professor, der abgespannt und pustend
in seinem Schaukelstuhle lag; der Doktor folgte mir.
„Aber was hat Sie denn nur so in Angst gesetzt?“ fragte ich deutsch.
„In Angst gesetzt, in Angst gesetzt! O, es ist empörend! ist
das Gastfreundschaft? das Bettelvolk von Schwarzen -- die ganze
Gesellschaft wollte mich anbetteln! Daß das geduldet wird! Sie hätten
nur die Anzahl der ausgestreckten Hände sehen sollen! Aber wer nimmt
denn Geld mit zum Botanisieren? Ich that, als sähe ich diese Kannibalen
nicht, da liefen sie mir nach und haben mich wild schreiend bis an das
Haus verfolgt. Sie hätten nur diese Stimmen hören sollen!“
Ich lachte schon wieder. Der Doktor stand verlegen dabei. Der Professor
schoß wütende und verächtliche Blicke auf mich.
„Verzeihung“, brachte ich endlich hervor, „aber es ist zu komisch --“
„Komisch!!“