„Viva!“
„Und dafür wollen wir ihnen danken. Und für noch etwas wollen wir
danken. Nämlich dies. Wie haben wir armen Schwarzen uns früher quälen
müssen mit dem Reinigen des Kaffees, wie haben wir die Frucht der
Ricinusstaude schlagen müssen, um ein wenig Öl zum Brennen zu gewinnen
-- jetzt hat unser Senhor Maschinen kommen lassen aus fremden Ländern,
die sie England und Deutschland nennen, so daß wir es viel besser
haben. Dafür wollen wir danken: viva, Senhor --“
„Viva!“
„Viva, Senhora!“
„Viva!“
So ging es noch eine Weile mit den Vivas fort, bis dann die Erwachsenen
den Halbwüchsigen und Kindern Platz machten und ihrerseits auf dem
freien Platz vor dem Hause ihre geliebten Tänze begannen.
Sie stellten sich im Kreise auf und dann ertönte eine ohrenzerreißende
Musik. Aus Tonnen waren zwei Trommeln hergestellt, die zwei Neger
in monotonen Schlägen bearbeiteten, eine Blechrassel vollführte
die möglichst unmusikalische Begleitung, und dazu wurde eine
eintönige Melodie von zwei Strophen gesungen, die ohne Ermüdung
der Sänger wiederkehrte, bis ich 64 Mal gezählt hatte. Beim Klange
dieser „Harmonien“ wurde also getanzt und zwar so, daß immer nur
eine Person inmitten des Kreises den Tanz ausführte und dann eine
andre zur Ablösung hervorzog. Ich muß zur Schande der weiblichen
Theilnehmer gestehen, daß sie den männlichen an Grazie und Schwung
bei weitem nachstanden, und zumal war unser kleiner unausstehlicher
Purzelbaum-Muleque, der Tonino, ganz brillant in seinen geschickten
schlangenartigen Bewegungen.
Wer nicht tanzte, beschäftigte sich mit dem Feuerwerk, denn das
ist eigentlich die Feier, die der heilige Johannes sich für seinen
Namenstag in Brasilien ausbedungen zu haben scheint. Vor dem Hause
waren zwei hohe Feuer nach Art unsrer Osterfeuer aufgeschichtet und
erhellten mit phantastischem Flackern und Leuchten die Scene; tanzende
Negerknaben warfen Leuchtkugeln und Raketen in die Luft, und unter dem
kaltklaren, funkelnden Sternenhimmel dieses kältesten Tages im Jahr auf
der freien weiten Rasenfläche erschien alles dies ungemein malerisch
und poetisch.
Unvergeßlich vor allem wird mir aber eine kleine Scene dieses Abends
bleiben, die ich gewünscht hätte, mit Pinsel und Farbe festhalten zu
können, um sie Dir in all ihrem Reiz zu veranschaulichen. Unter dem
fortdauernden Lärm der Trommeln und Blechrasseln schritt eine graziöse
Mulattin, das Gesicht gegen die Sterne gerichtet, die Augen geschlossen
und den rechten Arm ausgestreckt, +barfuß+ durch die rotglühenden
Kohlen des gesunkenen Feuers, während über ihr die bunten Leuchtkugeln
aus der dunkeln Luft zurückfielen. Man glaubte, eine Somnambule zu
sehen, so sicher schritt sie einher. Ich traute meinen Augen kaum und
schaute ihr mit angehaltenem Atem und einer Art stummen Entsetzens zu.
Allein ruhig lächelnd zog sie nachher ihre Schuhe wieder an: An Saõ
Joaõs Tag verletzt das Feuer niemanden, sagen die Neger.
Weißt Du auch, Gretele, daß mir schon ganz neidisch zu Mute wird, da
ich eben nur an ein Feuer denke? Mit welcher Hochachtung werde ich
den ersten Ofen wieder begrüßen! Dona Gabriella, die immer noch die
Freundlichste ist von dem Vehmgericht, bot mir neulich an, mein Zimmer
durch große Wannen voll heißes Wasser zu erwärmen, aber das würde gewiß
nur die ohnehin schon ungesunde Feuchtigkeit des Zimmers erhöhen und
dabei wenig helfen. Wer mir gesagt hätte, daß ich am meisten in meinem
Leben in -- Brasilien frieren würde! Meine Neuralgie will auch immer
noch nicht weichen, und ich verbleibe daher heute wie schon seit Wochen
-- unter Zahnschmerzen
Deine +Ulla+.
[Illustration]
Saõ Francisco, den 14. August 1881.
+Herzensgretele!+
Die Neger spielen doch die Hauptrolle in diesem Lande, und ich finde,
daß sie im Grunde viel mehr die Herren als die Sklaven der Brasilianer
sind. Jede Arbeit wird von Schwarzen verrichtet, der ganze Reichtum
durch +ihre+ Hände herbeigeschafft, denn der Brasilianer arbeitet
nicht, und ist er arm, so schmarotzert er lieber bei wohlhabenderen
Verwandten oder Freunden umher, als daß er redlich die Hände rührte.
Auch jede +häusliche+ Dienstleistung geschieht von Negern. Da
fährt Dich der schwarze Kutscher, da wartet Dir die Negerin auf, da
steht der schwarze Koch am Herde, da säugt die Sklavin das weiße Kind
-- ich möchte bloß wissen, was diese Menschen anfangen wollen, wenn
einmal die Sklaven-Emancipation ganz und gar vollzogen ist! Wir waren
uns ja drüben in Europa recht wenig klar über das diesbezügliche
Gesetz hier und glaubten wol eigentlich, daß es die Sklaverei gänzlich
aufgehoben habe. Dem ist aber nicht so. Es bestimmte nur, daß von
dem Tage seiner Proklamation an, also vom 28. September 1871 an,
kein Unfreier mehr in Brasilien +geboren+ werde. Was also bis
dahin schon lebte und Sklave war, muß es bleiben bis zum Tode, bis
zum Loskauf oder zur Freilassung. Was aber jetzt an solch kleinem
schwarzen „Kroppzeug“ geboren wird, das hat keinen Wert für die
Herren und nur die Bedeutung unnützer Esser. Es geschieht daher auch
nichts für sie, es wird ihnen nicht einmal wie früher diese oder jene
Handfertigkeit beigebracht, denn -- „man hat ja später nichts davon“.
Anderseits werden sie wiederum als „freie“ Menschen von dem Brasilianer
mit etwas mehr Hochachtung behandelt als die geborenen Sklaven.
So wurden hier heute Mittag acht solcher kleiner Weltbürger feierlich
getauft!
Ich hatte schon beim Frühstück ein wunderliches altes Herrchen bemerkt,
der wenig sprach und das Wenige in einer mir total rätselhaften
Sprache, die Dr. Rameiro in dem ihm geläufigen Italienisch erwiederte,
der mir aber durch ein riesenhaftes rotbuntes Taschentuch, an das er
eine große Anhänglichkeit zu haben schien, auffiel und dadurch, daß
er ungezählte Bananen ver -- schlang hätte ich beinahe geschrieben
-- also +verzehrte+. Wie erstaunte ich, als er sich nachher als
ein katholischer Reisepriester entpuppte, für den ich ihn niemals
gehalten hätte, zumal er in gewöhnlichem Civilhabit reiste. Er war
geborner Italiener, aber schon in allen Erdteilen gewesen und hatte die
Weltsprache, die er spricht, gewiß schon erfunden, ehe in Europa jemand
an so etwas dachte.
So gegen zwölf Uhr wurde in der großen ~salla de costura~, vulgo
Nähstube, ein mächtiger, büffetähnlicher Schrank geöffnet, über dessen
Inhalt ich schon immer gegrübelt hatte, und zum Vorschein kam -- die
Mutter Gottes nebst Jesuskind, Schleifen, Kränzen, Krone, Hals- und
Armbändern und Ohrringen. Der Neger Felicio, den ich sonst nur als
Hausschneider an der Nähmaschine zu sehen gewohnt war, amtierte, ebenso
wie der Priester in Ornat, als Meßdiener. Das Ganze war merkwürdig für
meine evangelische Seele, Gretel!
Eine nach der andern erschienen nun die Negerinnen-Mütter mit ihren
jüngsten Sprößlingen, die alle sehr nett, einige sogar mit weißen
gestickten Kleidchen und bunten Schleifen herausgeputzt waren, und zwar
durch die Güte des Vehmgerichts (hier darf ich sie wohl garnicht mal so
nennen!), die sich zu ~madrinhas~ d. h. Patinnen dieser kleinen
schwarzen Mitchristen hatten bereit finden lassen.
Was übrigens die Farbe betraf, so wunderte ich mich über die sehr
wenig dunkle, ja fast weiße Haut der meisten dieser Kinder. -- „Sie
+werden+ schwarz“, sagte man mir mit einem Lächeln, das halb
den Neger verachtete, halb meine Unwissenheit, „nur die inneren
Handflächen und die Fußsohlen bleiben weiß. Sie sagen, als Ham nach
Afrika ausgewandert sei, habe er auf Befehl des Herrn mit Füßen
und Handflächen das Wasser des Jordan berührt, das dann vor ihm
zurückgewichen sei; von dieser Berührung seien bei ihm und seinen
Nachkommen jene Stellen weiß geblieben, auch im Sonnenbrand Afrikas.“
Die Ceremonie begann, und ich war stummer Zeuge, wie diese acht
plattnäsigen, wollköpfigen kleinen Scheußlichkeiten die Namen: Cäsar,
Felicio, Messias(!), Illyia, Angelica, Maria Salome, Marcella und
Ruth erhielten. Warum sollten sie freilich auch nicht die schönsten
Namen bekommen? Sind doch diese Taufnamen, die ihnen das alte
portugiesisch-italienisch-lateinisch kauderwelschende Priesterlein auf
Wunsch und Wahl der Herrschaft erteilte, die einzigen, mit denen sie
sich ihr Lebelang begnügen müssen. Denn wenn auch die meisten dieser
Mütter verheiratet sind, so haben ja auch diese keine Familiennamen.
Deshalb nehmen die freigewordenen Sklaven aus Mangel an einem solchen
nach ihrer Freilassung gewöhnlich den Namen ihrer früheren Herrschaft
an -- -- angenehm für diese, nicht wahr!!
Da ich nun aber einmal bei den Negern bin, muß ich Dir noch eine
Geschichte erzählen, die hier neulich passierte.
Es war eines Abends in der vorigen Woche und draußen so gar „kühl und
labend“, dass es beim warmen Thee drinnen ganz gemütlich war, als vor
dem Hause plötzlich ein schüchternes Händeklatschen ertönte, das alle
unsre Hunde in Bewegung setzte und auch bei uns drinnen ein allgemeines
Aufhorchen zur Folge hatte. Das Händeklatschen ersetzt hier nämlich die
Hausglocke, und wenn man in ein Haus einzutreten wünscht oder eintritt,
besonders auf dem Lande, muß man sich draußen oder im Flur auf diese
Weise bemerkbar machen, wenn man nicht für einen Dieb gehalten werden
will. Alles wunderte sich natürlich, wer so spät noch kommen könne,
und Tonino wurde hinausgeschickt, um nachzuschauen. Er ging etwas
ängstlich, purzelbaumte dann aber vergnügt wieder bis an die Schwelle.
„Draußen sind zwei Onkels, Herr“, meldete er. Die älteren Schwarzen
werden nämlich von den jüngeren ~tio~, Onkel, und ~tia~,
Tante, genannt, auch wenn sie einander garnicht kennen, und ich finde,
das darin ausgesprochene Verwandtschaftsgefühl dieser Paria hat etwas
Rührendes; nicht wahr?
Zwei Neger? Es war kaum anzunehmen, daß ein Nachbar noch so spät eine
Botschaft sende, und was konnten sie sonst wollen! Dr. Rameiro ging
hinaus und kam nach einer Weile zurück, sein sonst so joviales Gesicht
ganz verdüstert!
„Nun?“ riefen wir alle.
„Zwei unglückliche Schwarze“, sagte er, „die mich um Jesu willen
bitten, sie zu kaufen.“
„Wo kommen sie her?“
„Von Dr. Albus Pflanzung.“
„O, die Armen! Der ist bekannt dafür, daß er seine Neger quält“, sagte
Madame. „Mein Mann braucht einem widerspänstigen Schwarzen nur zu
drohen, ihn an Dr. Albu zu verkaufen, dann wird er gleich gehorsam.“
„Was wirst Du thun, Papa?“ fragte Dona Olympia.
„Was +kann+ ich thun, mein Kind?“ rief der alte Herr erregt. --
„Er wird sie garnicht gern verkaufen wollen und mir also jedenfalls
einen übermäßigen Preis stellen; außerdem ist er, wenn ich mich gegen
ihn einlasse, mein unversöhnlicher Feind, und Du weißt, daß ich sehr
wahrscheinlich ihm bereits den heftigen Waldbrand im vorigen Jahre
verdanke, den sich niemand erklären konnte.“
„So müssen die armen Kerle zurück?“ fragte ich.
„Ich kann sie nicht im Hause behalten. Es ist Eigentum, und behielte
ich sie auch nur eine Nacht unter meinem Dache, so würde das schwerlich
anders als wie eine Verhehlung flüchtiger Neger ausgelegt werden. Dem
kann man sich nicht aussetzen, zumal wenn man selber noch Schwarze hat
und haben muß. Diese Vertrauensbeweise sind ja an sich recht schön und
schmeichelhaft, aber entsetzlich peinlich! Dies ist nicht das erste
Mal, daß es mir so ergeht.“
„So giebt es also wirklich Pflanzungen, wo noch die schlimmen Zustände
aus Onkel Toms Hütte wiederzufinden sind?“ erkundigte ich mich.
„So arg dürfte es wohl nirgends bei uns sein und ist es wohl auch kaum
je gewesen. Der Brasilianer ist gutmütiger als der Nordamerikaner, und
die schwarze Race nimmt bei uns überhaupt eine andre Stellung ein. Sie
sehen, sowie der Neger frei ist, wird er hier als gleichberechtigt
behandelt: wir haben farbige Lehrer, Künstler, Ärzte, Abgeordnete,
ja Minister, und die Prinzessin befiehlt auch Farbige zum Tanz. Die
Verachtung auf der einen und demgemäß die Erbitterung auf der andern
Seite ist hier nicht so groß wie bei unsern nordischen Brüdern.
Freilich giebt es auch bei uns einzelne brutale Kreaturen, welche die
armen Schwarzen in der That mißhandeln, wie Sie eben einen Beweis davon
gehabt haben.“
„Was wird nun aus diesen beiden armen Teufeln?“ fragte ich.
„Sie werden heute Abend noch tüchtige Hiebe bekommen und nur um so
strenger gehalten werden; derartige Streiche sind zu thöricht. Dann
werde ich sehen, ob ich sie entweder selber freikaufen kann oder sie
einer Abolitionisten-Gesellschaft empfehlen.“
„Wenn ihr Herr sie nun aber nicht verkaufen +will+?“ warf ich ein.
„Das muß er, sowie ihm ein annehmbarer Preis geboten wird.“
„Warum mögen sie sich denn nicht selbst an eine solche Gesellschaft
gewandt haben?“
„Das ist ihnen zu schwer gemacht, da deren Mitglieder sehr unklug
wären, sich auf den Pflanzungen sehen zu lassen, und da der Schwarze
nicht schreiben kann; sie haben eben gar keine Kommunikationsmittel.
Aber den meisten von ihnen ist es auch nur um eine gute Behandlung zu
thun und um die Freiheit erst in zweiter Linie. Ideale haben sie nicht.“
„Das habe ich mir gedacht“, rief ich, „nach dem Wenigen, was ich habe
beobachten können; denn sonst mußten ja auch selbst die Gutgehaltenen
stets voll Groll und Mißmut sein.“
„Ja, und das werden Sie, ich darf wohl sagen, nie finden. Auf dieser
Pflanzung werden Sie keinen aufrührerischen Schwarzen antreffen, denn
ich halte streng auf ihre menschliche Behandlung und gute Versorgung.
Ich habe manche, besonders Negerinnen, die sich längst hätten
freikaufen können.“
„Wirklich! Womit verdienen sie sich Geld?“
„Wer darum bittet, bekommt ein Stückchen Land zum Bepflanzen, und gute
Gemüse kauft man ihnen dann hier im Herrenhause gern ab, auch dürfen
sie sich Hühner halten, deren Eier sie dann verkaufen, wenn ich nach
der Post schicke, und dergleichen mehr. Die sonntägliche und die über
die gesetzliche Stundenanzahl hinausgehende Arbeit wird ihnen bezahlt,
und die Hausneger und Negerinnen erhalten oft Geldgeschenke, letztere
besonders, wenn sie Ammen der Kinder sind oder waren. Unsre dicke
grinsende Anna da z. B. ist eine ganz wohlhabende Erbtante; sie bleibt
aber, weil sie es hier gut hat und sie die Kinder liebt. Das ideale Gut
der Freiheit versteht sie nicht.“
Ich freute mich über diese Erklärung, wie man sich immer über
Äußerungen freut, die eigne Gedanken und Schlüsse bestätigen. So
konnte ich mir die Sache vorstellen. Daß Rohheit und tierische
Grausamkeit den Sklaven gegenüber oft zu sehr traurigen Vorkommnissen
führen, das konnte ich mir denken; aber anderseits, die idealen
Anschauungen tiefgebildeter Menschen zu suchen bei einer Race, die
durch Generationen geknechtet ist, unsre Begriffe von Freiheit bei den
Männern, von Ehre bei den Frauen vorauszusetzen, das, merke ich wohl,
wäre eitel dichterische Illusion.
Aber ich sehe eben, daß ich Dir eine förmliche national-ökonomische
Abhandlung zumute unter der Maske eines simplen Schreibebriefes -- nun,
Du kannst Dich ja rächen, indem Du es drucken läßt, oder -- lies es im
Kränzchen den Andern vor: geteilter Schmerz ist halber Schmerz.
Jetzt werde ich schlafen gehen, indem ich Betrachtungen darüber
anstelle, nach welcher Richtung hin mir die Neuralgie morgen wohl das
Gesicht verzogen haben wird; mein Spiegel und ich, wir wundern uns über
nichts mehr!
Gute Nacht -- aber bei Euch ist es ja jetzt garnicht Nacht -- also
Guten Morgen!
Deine +Ulla+.
[Illustration]
Saõ Francisco, den 1. September 1881.
Gestern sind wir von einer „Expedition in’s Innere“ zurückgekommen,
d. h. von einer Reise nach der Provinz ~Minas geraes~, wo wir
geholfen haben, eine Eisenbahn einzuweihen. Wenn ich noch daran
denke, Grete, wie wir diesen Namen immer ausgesprochen haben in der
Geographiestunde, zumal das ~geraes~! Und gedacht haben wir uns
garnichts dabei, während es doch so einfach ist: ~geraes~ ist die
Mehrzahl von ~geral~, allgemein, und ~Minas geraes~ heißt
also nichts anderes als allgemeines Minenland oder minenreiches Land.
Diese Provinz ist in Südbrasilien etwa das, was ein hochmütiger
Westländer bei uns meint, wenn er von „Hinterpommern“ oder „Ostpreußen“
spricht: ein etwas ursprüngliches Stück Erde, mehr Gutmütigkeit bergend
als Civilisation, und im ganzen ebenso verschrieen wie unbekannt. Was
Minas aber vor jenen deutschen Provinzen voraus hat, ist sein Reichtum
an edlen Metallen, vorzüglich an Gold. Die Hauptstadt der Provinz trägt
ihre beiden Namen: ~Ouro preto~ d. h. schwarzes (dunkles) Gold und
~Villa rica~ d. h. reiche Stadt nach diesen Schätzen ihrer Berge
und Flüsse.
Es war mir hochinteressant, durch diese Gegenden zu fahren, die wieder
so ganz verschieden sind von dem, was man in der Provinz Rio sieht.
Rings um Dich her siehst Du die Flanken der Berge zerklüftet und
zerfleischt wie von zahllosen offengelegten Maulwurfsgängen, und durch
das Fernglas erkannten wir auch die geschäftigen schwarzbraunen und
weißen Männer, die dort dem edlen Metall nachspüren. Auch entlang der
Flüsse, die weite, grasreiche Thäler durchschneiden, sahen wir gebückte
Gestalten, die da Tage und Wochen lang geduldig das Gold aus dem Sande
waschen. Manche werden reich dabei, andre quälen sich gerade für’s
tägliche Brot, wie’s Fortuna jedem gönnt; ich kaufte nachher in Saõ
Joaõ einem armen schwarzen Schelm einen halben Fingerhut voll Korngold
für 22 Mark ab, die Frucht von 8 Arbeitstagen, wie er mir sagte!
Früher soll die Ausbeute überall gleichmäßiger und vor allem weit
beträchtlicher gewesen sein, und eben dieser Goldreichtum des Landes
hat denn auch wohl zuerst den Anlaß gegeben zu größeren Niederlassungen
der erobernden Portugiesen in diesen damals noch ungleich mehr als
jetzt unwirtlichen Gegenden, wo jegliche Beförderung, sei es von
Menschen, sei es von Lebensmitteln und sonstigem Bedarf auf Eselsrücken
geschah und zum größten Teil noch heute geschieht, wo man noch vor
zwanzig Jahren Brot kaum kannte, und wo es ein Hotel noch heute nicht
giebt.
Alle die Gäste, die sich die kleine Stadt Saõ Joaõ del Rei zur
Inauguration ihrer Eisenbahn geladen, wurden daher in Privathäusern
beherbergt, und es scheint mir ungemein charakteristisch für Brasilien,
wo die Mißverhältnisse an der Tagesordnung sind, daß ein Städtchen von
etwa 700 Einwohnern sich ca. 800 Gäste eingeladen hatte, allen voran
den Kaiser ~Dom Pedro II.~, der sein Erscheinen auch freundlich
zugesagt.
Von Dr. Rameiros Familie war auf sechs Personen gerechnet, da aber
Madame (oder Dona Alfoncina, wie sie nach Landessitte genannt wird)
eines heftigen Rheumatismus wegen absolut nicht fahren wollte, so
forderten sie mich auf, an ihre Stelle zu treten, und Du weißt ja --
wo’s was zu sehen giebt, da bin ich dabei. Lustig zogen wir los, der
Doktor, das Vehmgericht, der kleine Julio und meine Wenigkeit.
Zuerst fuhren wir mit der schon bestehenden großen Eisenbahn „~Dom
Pedro Segundo~“, an die sich dann erst in der Provinz Minas die
neue Strecke anschließt, aber mit recht brasilianischer Liberalität
beförderte diese ihre Gäste nicht nur im eignen Bereich ohne irgend
welche Entschädigung, sondern sie hatte sich auch mit der großen Bahn
arrangiert, so daß wir eine Strecke von über hundert deutschen Meilen
ohne einen Heller Kosten zurücklegten.
Vier Stunden vor unserm Bestimmungsort begann das Reich der
neuen Eisenbahn. „Umsteigen so schnell wie möglich“, lautete das
Feldgeschrei, sowie der Zug hielt. Die Hast mußte etwas zu bedeuten
haben, denn sonst heißt’s in Brasilien immer: „~Paciencia~“, und
niemand überstürzt sich. Alles eilt daher mit ungewohnter Behendigkeit
nach dem andern Perron -- ah, der Grund wird hier klar! Da hättest Du
die kleinste Eisenbahn sehen können, die Dir wohl je vorgekommen ist,
Grete, Waggons und Lokomotive alles ~en miniature~. Schneller
als der Blitz sitzen wir darin, um dann allerdings geduldig -- oder
ungeduldig -- ¾ Stunden warten zu müssen, bis sich das Eisenbähnchen
in Bewegung setze. Natürlich maßen wir u. a. zum Zeitvertreib den Wagen
aus: er war 1 ~m.~ 65 ~cm.~ breit.
Endlich ging’s los, erst langsam, dann rascher und immer rascher,
keck durch Berge und über Brücken, als wenn sich das kleine Ding vor
garnichts fürchte. Und es schien auch mehr ausrichten zu können als
seine schwerfälligeren Brüder. Mit Erstaunen und Bewunderung sahen wir
unsern kleinen Zug sich wie eine Schlange geschickt um einen hohen
Bergkegel winden, allmälig aber sicher hinaufkriechend, indem er
dreimal auf derselben Seite erscheint.
Wie wir an Ort und Stelle d. h. in dem Städtchen Saõ Joaõ del Rei
anlangen, ist es halb zwölf Uhr anstatt sieben, aber das thut nichts,
im Gegenteil, wenn in Brasilien etwas recht pünktlich ausfällt, ist’s
entschieden irgendwo nicht geheuer; jedermann war also zufrieden.
Der Bahnhof ist beflaggt und mit Guirlanden geschmückt, eine Musikbande
(meist Deutsche hier zu Lande) bläst lustig drauf los, und auf dem
Perron drängt sich eine kaum entwirrbare Menschenmenge, um die Gäste zu
bewillkommnen, in Empfang zu nehmen oder anzugaffen. Ein wohlwollender
Heiliger läßt uns einen Wagen erhaschen, der uns über das gefährlichste
Straßenpflaster hinweg, das je Menschen und Gespanne bedrohte, zu
meinem Erstaunen heil und glücklich vor der Wohnung unserer Wirte
abliefert. Ich werde diesen vorgestellt und suche mein bestes
Portugiesisch hervor, um mein ungeladenes Erscheinen zu entschuldigen,
doch ihre erstaunten Gesichter und kräftiges Händeschütteln, sowie die
üblichen zwei Begrüßungsküsse der Damen belehren mich, daß man eben
dies Erscheinen für völlig selbstverständlich hält, was mir natürlich
um so lieber ist. Es sind noch mehr Gäste da, und man quält sich noch
eine Weile damit hin, im „Salon“ auf den rechtwinkeligen Stuhlreihen
zu sitzen und sich zu unterhalten; dann geht’s zu Bette.
Wir sind in unserm Zimmer sechs Kameradinnen, aber nur ein einziger
Waschtisch ist vorhanden, und mich friert entsetzlich in dem mehr
als primitiven „Bett“, zumal durch allerlei Spalten und Ritzen im
Fußboden dafür gesorgt wird, daß die frische Luft aus einer darunter
befindlichen offenen Halle ungehindert hereindringe. Ich bin durchaus
nicht erstaunt, als der andere Morgen mich belehrt, daß das kleine Haus
unserer Wirthe in der Nacht 27 Gäste beherbergt hat. Man rühmt bei
uns die brasilianische Gastfreundschaft und das mit Recht, nur darf
man die Sache beileibe nicht nach europäischen Begriffen beurteilen.
Der brasilianische Gast beansprucht nichts als eine Matratze und eine
wollene Decke, er verzichtet auf jegliche Gemütlichkeit (von Komfort
garnicht zu reden), und der brasilianische Wirt ist, wenn er ihm jenes
giebt und ihn zu den Mahlzeiten an seinem Kaffee, seinen schwarzen
Bohnen und dem gedörrten Fleisch teilnehmen läßt, seiner Pflichten als
solcher los und ledig. Ich bin überzeugt, daß die Leute es herzlich
gut meinen, aber bei uns würde man doch in solchen Masseneinladungen
und in dem summarischen Verfahren bei Behandlung der Gäste eine große
Rücksichtslosigkeit oder eine gewisse einfältige Unverschämtheit sehen.
Aber wie gesagt, der Wille hier ist entschieden gut, und darum soll sie
auch kein Undank treffen.
Am Vormittag herrschte ein buntes Leben. Alle Gäste waren auf den
Beinen, um sich das Städtchen anzusehen, und jeder, auch der ärmste
Einwohner war stolz und liebenswürdig, denn er fühlte sich als Wirt.