Diese Manier zu speisen ist schon an und für sich entsetzlic

####################################################################

Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe so weit wie

möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden

stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und altertümliche

Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.

Fremdsprachliche Ausdrücke (auch Orts- und Personennamen) wurden

weder korrigiert noch vereinheitlicht, sofern der Sinn des Texts

dadurch nicht verfälscht würde.

Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber vom

Bearbeiter hinzugefügt; Fußnoten wurden an das Ende der jeweiligen

Briefe versetzt. Im Original erscheint der Brief vom 21. Februar

1882 vor demjenigen, der auf den 17. Februar 1882 datiert wurde.

Die Reihenfolge der Buchausgabe wurde gleichwohl beibehalten.

Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere

Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den

folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

kursiv: _Unterstriche_

gesperrt: +Pluszeichen+

Antiqua: ~Tilden~

####################################################################

Leid und Freud einer Erzieherin

in Brasilien.

[Illustration]

Leid und Freud

einer Erzieherin

in

Brasilien.

[Illustration]

Von

Ina von Binzer

(Ulla von Eck.)

[Illustration]

Berlin.

Richard Eckstein Nachfolger.

(Hammer & Runge.)

Alle Rechte vorbehalten.

Inhalt

Seite

Fazenda de Saõ Francisco, den 27. Mai 1881 1

Saõ Francisco, den 9. Juni 1881 9

Saõ Francisco, den 20. Juni 1881 13

Saõ Francisco, den 11. Juli 1881 21

Saõ Francisco, den 25. Juli 1881 26

Saõ Francisco, den 14. August 1881 35

Saõ Francisco, den 1. September 1881 43

Saõ Francisco, den 17. September 1881 56

Saõ Francisco, den 5. October 1881 59

Saõ Francisco, den 22. Oktober 1881 68

S. F., den 3. Dez. 1881 70

Rio de Janeiro, den 24. Dezember 1881, Abends 71

Petropolis, den 15. Januar 1882 76

Rio de Janeiro, den 8. Februar 1882 83

Rio de Janeiro, den 12. Februar 1882 90

Rio de Janeiro, den 21. Februar 1882 94

Rio de Janeiro, den 17. Februar 1882 99

Rio de Janeiro, den 2. März 1882 107

Saõ Paulo, den 20. März 1882 109

Saõ Paulo, den 5. April 1882 114

Saõ Paulo, den 21. April 1882 120

Saõ Paulo, den 5. Mai 1882 124

Saõ Paulo, den 29. Mai 1882 133

Saõ Paulo, den 20. Juni 1882 138

Saõ Paulo, den 28. Juni 1882 144

Saõ Paulo, den 1. Juli 1882 146

Saõ Sebastiaõ, den 11. Juli 1882 148

Saõ Sebastiaõ, den 19. Juli 1882 156

Saõ Sebastiaõ, den 28. Juli 1882 163

Saõ Sebastiaõ, den 5. August 1882 169

Santos, den 20. August 1882 173

Santos, den 22. September 1882 179

Saõ Sebastiaõ, den 4. Oktober 1882 183

Saõ Sebastiaõ, den 27. Oktober 1882 187

Saõ Sebastiaõ, den 17. November 1882 197

Saõ Sebastiaõ, den 5. Dezember 1882 206

Saõ Sebastiaõ, den 18. Dez. 1882 209

Saõ Paulo, den 28. Dezember 1882 210

Santos, den 2. Januar 1883 214

Saõ Sebastiaõ, den 9. Januar 1883 215

Verlobungsanzeige 225

[Illustration]

Fazenda de Saõ Francisco, den 27. Mai 1881.

+Meine liebe Grete!+

Fazenda bedeutet Pflanzung. Es thut mir leid, daß es nicht Hacienda

heißt, da Ihr das wahrscheinlich bis jetzt geglaubt habt, und ich Euch

also gleich beim ersten Worte meines ersten Briefes enttäuschen muß.

Ihr könnt Euch aber mit mir trösten, es ging mir ebenso, und es war

doch so hübsch, als wir noch so unschuldig Spanisch und Portugiesisch

verwechselten. So geht eine Illusion nach der andern verloren!

Daß diese Fazenda Saõ Francisco heißt, ist durchaus nicht wunderbar;

im Gegenteil, es wäre merkwürdig, wenn sie anders hieße; einundzwanzig

Ortschaften in Brasilien heißen Saõ Francisco, und der Pflanzungen, die

dieser beliebte Heilige unter den Schutz seines Namens nehmen muß, sind

Legion.

Eine zweite Enttäuschung wird Dir sein, daß ich Euch über meine Reise

von Rio de Janeiro bis hierher nicht einmal von einem Indianerüberfall

oder einem Tigerkampf berichten kann -- als Geringstes hättet Ihr doch

eine Riesenschlange verlangen können -- und ich sehe vollständig ein,

wie sehr es mich von vornherein andern Tropenreisenden gegenüber in

Euer Aller Augen herabsetzen muß, daß ich ohne weiteren Unfall hier

angekommen bin.

Doch dem ist so.

An der Eisenbahnstation holte mich Dr. Rameiro[1] selbst ab, und, denke

Dir, Grete, in einer ganz bequemen europäischen Halbchaise! Selten

hat mich wohl eine Halbchaise so geärgert wie diese! Wenn ihr doch

wenigstens unterwegs ein Rad gebrochen wäre, oder der Negerkutscher

versucht hätte, uns in irgend einen Abgrund zu fahren, etwa aus Rache

für erlittene Züchtigung, denn der war doch wenigstens ein richtiger

Sklave! Aber ich muß beschämt wiederum eingestehen, daß er recht

gutmütig über seiner platten Nase dreinschaute und wahrscheinlich

garnicht an einen Abgrund dachte. Nun, hoffen wir, daß das Geschick ein

Einsehen hat und mich noch in eine recht gefährliche Situation geraten

läßt.... aber so, daß ich sie Dir nachher noch beschreiben kann.

Also Dr. Rameiro holte mich ab. Er wird „Doktor“ genannt. Warum, weiß

ich nicht, und ich bezweifle, ob er selbst oder die, welche ihn so

anreden, irgend eine befriedigende Auskunft darüber geben könnten außer

der, daß jeder besser situierte Brasilianer ein natürliches Anrecht

auf diesen Titel mit auf die Welt bringt, und es also einesteils

unbescheiden, andernteils blödsinnig erscheinen müßte, wollte jemand

von ihm verlangen, daß er sich denselben durch ein höchst überflüssiges

Studium erst verdiente.

Er sprach portugiesisch, ich französisch.

Es soll kaum einen Brasilianer geben, der nicht französisch spräche,

manchen aber auch, der nur einen sehr unvollkommenen Begriff hat von

der Lage des dazugehörigen Landes oder davon, daß es in demselben auch

noch einige andre Ortschaften giebt als Paris. In dem Kopfe meiner

Negerin ist „Paris“ identisch mit allem und jedem außerhalb Brasiliens

befindlichen Gebiet, und da ich ihre unbegrenzte Hochachtung vor diesem

merkwürdigen Dinge „Paris“ sehe, dem ich natürlich auch entstamme, so

habe ich mich wohl gehütet, dasselbe und die Leistungsfähigkeit seiner

Kinder berichtigender Weise durch mein achttägiges Portugiesisch zu

diskreditieren.

„Meine Negerin“ -- nicht wahr, das ist bis jetzt noch das Beste an

meinem Brief, das klingt doch nach was! Sie heißt sogar Olympia, was

die Sache doch entschieden noch pomphafter macht, und sagt bei jeder

Gelegenheit höchst unterwürfig „~Sim, Senhora~“, auch wenn ich

sie schelte. Im Vertrauen will ich Dir zwar sagen, liebe Grete, daß

sie das scheußlichste, dicklippigste schwarze Geschöpf ist, das je

einen hochtrabenden Namen trug, und daß das „~Senhora~“ ganz etwas

gewöhnliches hier ist, wie in Berlin z. B. „gnädige Frau“. Außerdem

macht Einen das ewige „~Sim, Senhora~“ zuletzt ganz stumpfsinnig,

da sie es überall und immer anwendet, zumal wenn sie mein Portugiesisch

nicht verstanden hat, was einige Male am Tage vorkommt. Aber dies

erzähle den Andern nicht, hörst Du!

Dr. Rameiro besitzt noch gegen 200 Sklaven und Sklavinnen. Die meisten

arbeiten natürlich draußen im Kaffee, aber hier im Hause sind auch eine

ganze Anzahl, von denen einige auch etwas zu thun haben. In einem

großen Saale mit Oberlicht, der eigentlich den Eindruck eines großen

Flures macht, sitzen ein Neger und eine Negerin je an einer Nähmaschine

und klappern den ganzen Tag. Rings umher an der Erde und auch in einem

anstoßenden Raume, der wieder wie ein Flur aussieht und an die Küche

stößt, sitzen zehn bis zwölf Negerinnen und nähen, und eine jede hat

einen Korb aus Bambusgeflecht vor sich, worin ein kleines Kind liegt,

von welcher Kollektion natürlich immer mindestens eines schreit. Da zu

diesen Näharbeiten nur Negerinnen mit ganz kleinen Kindern, die sie

nicht verlassen können, verwendet werden, so ist es klar, daß, wenn

welche dasitzen, auch die Bambuskörbe nicht fehlen und mindestens aus

einem derselben geschrieen wird.

Das Küchenpersonal besteht aus drei Personen. Wer von ihnen kocht, habe

ich in diesen Tagen noch nicht herauskriegen können; manchmal schmeckt

das Essen so, als wären ihre Ansichten in Bezug auf die erforderlichen

Zuthaten in den denkbarsten Diametralen auseinander gegangen und hätte

schließlich jeder von ihnen die seinige durchgesetzt, manchmal scheint

es, als haben sie sich um des lieben Friedens willen alle drei von der

Sache zurückgezogen.

Ein kleiner zwölfjähriger Mulatte mit unverschämtem Gesicht und einer

scheinbar unbesiegbaren Anhänglichkeit an schmutzige Anzüge und

Purzelbäume, in welchen letzteren er eigentlich +geht+, hat des

Mittags mit einer kleinen Fahne (die jedenfalls jetzt bräunlich-grau

ist, was sie auch früher gewesen sein mag) die Fliegen über dem Tisch

zu verjagen, was meiner Ansicht nach viel unerträglicher ist als die

Fliegen, und außerdem den Kaffee zu servieren. Aber trotzdem diese

Erfrischung mindestens vier Mal am Tage eingenommen wird, kann diese

Arbeit doch nicht als ausreichende Beschäftigung für einen ganzen

Tag angesehen werden, und es läßt sich also garnicht absehen, bis zu

welcher Virtuosität in Purzelbäumen diese kleine gelbe Kreatur es noch

bringen kann, wenn er auch nur die Hälfte seiner freien Zeit auf ihre

Vervollkommnung verwendet.

„Freie Zeit!“ Ach, liebe Grete, bei dem Worte könnte ich elegisch

werden. Weißt Du noch, wie wir es als unumstößlich richtig unter uns

ausmachten, daß die Brasilianer den ganzen Tag weiter nichts thäten als

fesch aussehen und rauchen, ihre Damen, in duftigste Gewänder gehüllt,

sich in Hängematten wiegten und sich dabei von kleinen interessanten,

weiß und roth gekleideten Negerknaben befächern ließen? Wie Orangen-

und Bananenbäume in unsern Bildern eine merkwürdige Neigung hatten,

zu den Fenstern hineinzuwachsen, und bunte Papageien und die „süßen“

kleinen Kolibris nur so um Einen herumflogen wie die Tauben in Lillis

Park? Welche Idylle! Und natürlich würden solche idyllische Menschen

auch von ihrer Erzieherin nicht so etwas Rohes wie wirkliche handfeste

„Arbeit“ verlangen -- pfui -- man würde mit den Kindern im Schatten der

Orangenbäume ruhen, sie gleichsam spielend die theure Muttersprache

lehren, Papageien zähmen, Früchte essen, Gedichte machen, sich mit

Blumen schmücken.....

Ach, Grete! Ich sage nichts als „Ach!“

Dr. Rameiro raucht freilich -- es ist mir eigentlich noch nie

aufgefallen, daß er +nicht+ rauchte -- aber fesch kann ich ihn

mit dem besten Willen nicht finden! Weder wenn er mit gespreizten

Beinen vor dem Hause steht oder wenn er in den Kaffeeräumen

umhersteigt, noch wenn er abends thatenlos in der Hängematte liegt,

hat er die geringste Ähnlichkeit mit den schönen Brasilianern auf der

seligen Friedrich-Wilhelmstädtischen Operetten-Bühne. Es ist recht

niederschlagend!

Madame Rameiro liegt auch manchmal in der Hängematte, (diese spielen

vollkommen die Rolle eines Möbels und sind in den Zimmern mit starken

Haken an zwei passend zu einander gelegenen Thüren befestigt) aber

sie ist eine etwas lebhafte Dame, sie hält es nie lange darin aus,

und wenn ihre Energie erwacht, etwa ob einer schlechten Naht einer

Derer mit den Bambuskörben, so höre ich sie im Schulzimmer (was

hörte ich da +nicht+!) die Negerinnen anfeuern durch Wörter,

die merkwürdigerweise eine auffallende Ähnlichkeit haben mit recht

kräftigen heimischen Schimpfwörtern. Ich werde aber morgen im

Lexikon nach der friedlichen Bedeutung von „~diabolo~“ oder

„~canailla~“ suchen, um die gute Frau vor meinen eignen Augen zu

rechtfertigen, was dem Lexikon jedenfalls glänzend gelingen wird.

Von den Orangen und Bananen später. Jetzt nur noch ein Wort über die

Papageien. Was Du auch thust, liebste Grete, bringe sie nie wieder in

einer Idylle an, oder wenn Du es thust, begnüge dich mit +einem+

und laß +den+ taubstumm sein! In dem Zimmer mit den musikalischen

Bambuskörben hängen ihrer sechs an den Wänden umher auf kleinen ½ Fuß

breiten Ständern aus Blech, die wie Konsölchen aussehen. Des Morgens

um vier beginnen sie auf’s Energischste ihren Kaffee zu verlangen

und hören damit nicht eher auf als bis sie ihren Zweck erreicht

haben, frühestens und unter günstigen Verhältnissen nach anderthalb

Stunden; und dann plappern, schreien, quieken, kreischen und keifen

sie den ganzen Tag lang mit einer Unermüdlichkeit, die beschämend

sein würde, wenn sie Einen nicht, im Verein mit eilf andern Vögeln,

den Nähmaschinen und den Bambuskörben gradezu rasend machte! Sie sind

bis jetzt meine intimsten Feinde. In den ersten Tagen nährte ich eine

unbestimmte Hoffnung, daß sie bald sterben könnten, seitdem mir jedoch

vorgestern Molières hundertjähriger Papagei eingefallen ist, betrachte

ich sie nur zu oft wie Mr. Pickwick das widerspänstige Pferd, d. h. ich

überschlage im Geiste die möglichen Folgen davon, wenn ich sie alle

sechs umbrächte. Natürlich höre ich auch sie im Schulzimmer.

Man hört überhaupt in diesem idyllischen Hause überall alles, denn

Thüren und Fenster stehen samt und sonders fortwährend offen, und kein

Teppich, keine Gardine, kein Polstermöbel dämpft auch nur irgendwie

einen Schall, der Lust hat, sich fortzupflanzen. Ach liebe Grete, diese

Reitsäle von Zimmern, dieses grelle Licht, diese Korbgeflechtsophas und

Wiener Stühle sind so entsetzlich unromantisch, so garnicht idyllisch!

Und nun gar das ~dolce far niente~! Laß mich schweigen. Wir

waren erstaunlich „jung“, als wir uns überzeugten, daß das hier meine

Hauptbeschäftigung sein würde! Mit weiterem will ich heute Dein

mitfühlendes Freundesherz nicht zerreißen. Ich werde es Dir so nach und

nach beibringen.

Für heute leb’ wohl: der Thee ist serviert, denn „eins, zwei, drei“ --

nämlich Purzelbäume des Mulattenjungen. Drei braucht er vom Eßzimmer

bis hierher, und natürlich höre ich sie. Richtig, da murmelt er an der

Thür: „~Chà, Senhora~“ -- also bis zu meiner nächsten Muße. Möge

Dir die Zeit nicht allzu lang werden.

+Deine Ulla.+

[1] Das ei in portugiesischen Wörtern ist gewissermaßen getrennt zu

sprechen mit dem Ton auf dem e.

[Illustration]

Saõ Francisco, den 9. Juni 1881.

+Liebste Grete!+

Weißt Du, was ich heute in die tiefsten Tiefen meines Koffers versenkt

habe?... Unsern +Bormann+, d. h. seine „vierzig pädagogischen

Briefe“. Sie passen nicht, Grete, sie passen hier nicht! Und ich hatte

mich so darauf verlassen! -- Wenn mich unterwegs die Angst befiel,

wie ich mit meinen brasilianischen Zöglingen fertig werden würde,

dann dachte ich immer an das hülfreiche kleine Buch unter meinen

Reiseeffekten und sagte mir beruhigt: So machst Du’s! Und nun.....!

Ach Grete, ich glaube, Bormann hätte hier oft selber nicht gewußt, was

er machen sollte. Man ärgert sich über so vieles, was sich garnicht

greifen läßt, und was doch da ist und immer wieder da ist!

In dieser gesegneten Familie sind zwölf Kinder, und sieben davon

habe ich unter meiner pädagogischen Fuchtel. Um sieben Uhr morgens

geht es los. Dann kommen erst „die Großen“ und nehmen eine deutsche

Stunde. Dona Gabriella, Dona Olympia und Dona Emilia sind schon

neunzehn, einundzwanzig und zweiundzwanzig Jahre alt, was für

Brasilianerinnen schon dicht an der alten Jungfer ist und mich bei

meinen eignen zweiundzwanzig sehr entsetzte; und dann denke Dir,

eine Schülerin immerfort mit „Dona“ anreden zu müssen! Die ersten

Morgende kamen sie regelmäßig zu spät in die Stunde, so daß ich mich

zu dem Ersuchen veranlaßt sah, doch pünktlich zu erscheinen, denn

damals lebte ich noch nach Bormann. Seitdem sitzen sie nun jeden

Morgen, wenn ich hereinkomme, ernst und schweigend um den Tisch mit

ihren blaßgelben, unbewegten brasilianischen Gesichtern, und auch das

dumpfe, gleichgültige: „~Bon jour, mademoiselle~“ bringt keinerlei

Ausdruck darauf hervor; keine Morgenfrische, keine Lernfreude, keine

persönliche Sympathie -- ach Grete, dies Trio ist entsetzlich lähmend!

Mir fällt jetzt immer bei ihrem Anblick die heilige Vehme ein, wo die

Richter nicht ernster und kälter in der Runde gesessen haben können.

Ich bin feige genug, bereits zu wünschen, ich hätte sie nicht um

Pünktlichkeit ersucht. Wir würgen uns mühsam durch diese deutsche

Stunde, natürlich immer durch das Medium des Französischen, und

letzteres ist noch das Beste von der Sache, denn sowie sie anfangen,

deutsch zu sprechen, verstehe ich keine Silbe mehr.

Ich bin immer ganz erlöst, aber auch schon halb kaput, wenn dann um

8 Uhr „die Kleinen“ kommen. Wenn sie auch unartig sind, so sind es

doch wenigstens Kinder, und nur die älteste von ihnen hat auch schon

etwas von der heiligen Vehme an sich. Ach Grete, sie sind alle so

„~provoking~!“ Sie thun alles, was ich sage, lernen alles, was ich

aufgebe, und doch irritieren sie mich namenlos!

Ich glaube gewiß, sie meinen nichts Böses, und manchmal finde ich meine

„Kleinen“ auch ganz drollig.

So saß ich neulich Sonntags ein Stündchen in dem paradiesischen

Garten auf der Bank unter einem mächtigen Mangabaum und träumte

-- ach Grete -- von deutschen Eichen, als mich plötzlich, wie ich

aufblickte, eine scheußliche kleine schwarze Kreatur vor mir in die

Tropen zurückschreckte. Denke sie Dir etwa zwölfjährig, mehr Affe

als Mensch, bis an die Ohren grinsend, mit unappetitlichem Wollhaar,

fingerbreitem Vorkopf, entsetzlich dickem Bauch und stockartigen

schwarzen Beinen, die vor Staub ganz lilla schimmerten; denke Dir

dies Ganze nur bekleidet mit der denkbar kürzesten Ausgabe eines

Hemdes von undefinierbarer Farbe, und Du wirst begreifen, daß ich von

diesem edlen Mitgeschöpf nicht grade hingerissen war. Im Gegenteil

bin ich wol etwas erschrocken zusammengefahren, denn sogleich trat

die kleine achtjährige Leonilla hinter einem Strauch hervor und sagte

beruhigend und protegierend zu mir: „~N’ayez pas peur, mademoiselle,

c’est Jacob~“, und dann, als mein Gesicht wohl immer noch nicht

den genügenden Ausdruck der Begeisterung zeigte ob dieser ehrenden

Bekanntschaft mit dem heiligen Erzvater, fügte sie, halb indigniert,

halb erläuternd hinzu: „~Il est à moi, grand’maman m’en a fait cadeau

à mon jour de fête.~“ Ich sage Dir, es war zu komisch; die kleine

Sklavenhalterin sah so stolz auf dies lebendige „Geburtstagsgeschenk“,

und das scheußliche kleine Besitzthum grinste so vergnügt zu dieser

Eigentumserklärung, die es allerdings wohl mehr erriet als verstand,

daß ich hell auflachen mußte. Überhaupt hat die Würde, welche hier

durch das Bestehen der Sklaverei unwillkürlich schon die Kinder

annehmen, oft etwas Komisches. Dagegen ist es wiederum rührend, wie sie

auch anderseits an den guten, treuen Negern und Negerinnen hängen. Die

kleine fünfjährige Maria da Gloria z. B. spart immer von ihrem Dessert

etwas über für ihre frühere Amme, eine hübsche junge Mulattin, oder

erbittet etwas für ihre kleine Milchschwester, und Alphonsina, die sich

sonst selber gern putzt, verschenkt doch ihr buntestes Band, wenn sie

denkt, daß die alte Anna es gern hätte.

Sie geben alle sehr gern und erfüllen Einem jeden möglichen Wunsch --

und doch -- und doch....!

Ach Grete, weißt Du, daß ich den Peter in der Fremde jetzt eigentlich

für einen ganz gescheidten Menschen halte!

+Deine Ulla.+

[Illustration]

Saõ Francisco, den 20. Juni 1881.

Ich wünschte, Gretel, Du könntest einmal zu einem brasilianischen

Mittagessen dabei sein! Eingeladen würdest Du zwar nicht „zu Tische“,

auch nicht einmal zu dem berühmten deutschen „Löffel Suppe“, sondern

zu einem „Glase Wasser“. Du kannst es aber getrost daraufhin wagen,

denn dies ~copo d’agua~ umfaßt ein recht vielseitiges Mittagessen

und hat als Appendix einen musikerfüllten Abend, sowie eventuell ein

Nachtquartier.

Wir waren gestern zu unsern Gutsnachbarn gebeten, übrigens Nachbarn

von fünf Meilen Entfernung, zu denen uns zwei mit je vier Maultieren

bespannte Wagen in scharfem Trabe hinbrachten.

Wir fanden schon einen größeren Kreis in der riesigen, siebenfenstrigen

~salla de visita~ beisammen. Das Wort „Kreis“ darfst Du allerdings

nur als Gewohnheitsausdruck fassen, denn die Gesellschaft präsentierte

sich so, daß je rechts und links von dem großen Rohrsopha, das in

nebelhafter Ferne sich dem Eintretenden gegenüber zeigte, sich in

scharfen rechten Winkeln eine Reihe von Stühlen abzweigte, die den Raum

vor dem Sopha frei ließen, und die den Eindruck hervorbrachten, als sei

man bei einem Gesellschaftsspiel. Der Eingeweihte weiß jedoch, daß er

diese rechten Winkel in jedem brasilianischen Hause wiederfindet. Der

Sophatisch steht in der Mitte des Saales.

Wir schüttelten rings herum alle bekannten und unbekannten Hände, wobei

ich als die neue „~professora~“ eingeführt wurde, und fragten

einander der Sitte gemäß höchst teilnehmend: „Wie geht es Ihnen, geht

es Ihnen gut?“ auch wenn man sich nie vorher im Leben gesehen.

Nachdem ich dann, neben Dona Gabriella sitzend, eine Weile den linken

Flügel einer jener Stuhlreihen occupiert hatte, meldete ein barfüßiger

Negerjunge, daß „das Mittagessen auf dem Tisch“ sei, und würdevoll

erhob sich die Hausfrau mit der Aufforderung: „~Vamus jantar~“ d.

h. gehen wir essen.

Zu beiden Seiten der Tafel standen barfüßige und nicht allzu saubere

Mulattenjungen, mit langen Bambusstöcken bewaffnet, an deren Ende der

eine eine kleine rothe Fahne, der andere einige in lange Streifen

geschnittene Exemplare des Rioer „~Jornal de Commercio~“

schwenkte, um die Fliegen und Mosquiten zu verscheuchen. Mit solch

einer Fahne war ich ja schon von Saõ Francisco her befeindet, jedoch

gegenüber diesen abscheulich raschelnden Papierfetzen, für deren

beleidigende Geschmacklosigkeit für Aug’ und Ohr aber außer mir niemand

von der Gesellschaft Sinn zu haben schien, sondern die man gewiß als

eine sehr geniale und liebenswürdige Erfindung betrachtete, bat ich dem

kleinen schmutzigen Lappen daheim allen geheimen Zorn ab.

Nachdem die Suppe gegessen war, begann ein Jeder das Gericht, das er

zu verwalten hatte, in der Runde anzubieten. Denn hier wird keine

Schüssel herumgereicht, sondern alles wird und zwar zu gleicher Zeit

auf den Tisch gesetzt und dann von dem Betreffenden, der das Gericht

vor sich hat, sei derselbe auch ein Gast, angeboten und serviert.

Jeder stellt sich dann seine Gänge ~ad libitum~ zusammen. So

begann auch ich denn tapfer mit meiner Schüssel schwarzer Bohnen,

dem geliebten ~feijaõ~ der Brasilianer, das bei keiner Mahlzeit

fehlt, zu wirtschaften: „~A Senhora quer feijaõ?~“ „~Um poco de

feijaõ, Senhor Doutor?~“ -- ganz fesch, sage ich Dir, ich imponierte

mir selber als „Brasilianerin“. Dazwischen wurde mir nun auch wieder

angeboten. „Wollen Sie ein wenig Reis?“ glänzte die Tochter des Hauses

mit einem deutschen Satz, in dem sie die Endsilbe von „wollen“ recht

deutlich betonte, das g in „wenig“ wie k aussprach und alle s wie ß.

„~Um poco de vinho, mademoiselle?~“ fragte der biedre Vater, der

nie eine andre Sprache gelernt als die „~lingua dos brancos~“, wie

das Portugiesische hier im Gegensatz zu den afrikanischen Ursprachen

der eingeführten Negersklaven genannt wird. „~Vous offrirai-je des

pommes de terre?~“ machte ein junger Herr, der eben aus „Paris“

zurück war (natürlich war er auch ~doutor~), und so setzte ich mir

denn unter dem Schweinebraten, Rinderfilet, schwarzen Bohnen, Huhn,

Reis, Kohl, Polenta, süßen Kartoffeln ein möglichst homogenes Mahl

zusammen. Ein +warmes+ Mittagessen wirst Du aber bei Brasilianern

schwerlich, oder doch nur mit Aufwand der größten Berechnung und

Gewandtheit zu essen bekommen, denn jedesmal, wenn Du Dein „~S’il

vous plaît~“ heraus hast, erwischt mit Blitzesschnelle der Arm

einer der bedienenden Negerinnen (hier waren es vier) Deinen Teller

und trabt mit ihm davon zu dem Verwalter der betreffenden Schüssel,

um das Verlangte zu holen. Du siehst hieraus, daß Du um so ruhiger

und um so wärmer essen kannst, je weniger verwickelt Du Dir Dein Mahl

zusammensetzst, sintemalen jedes neue ~s’il vous plaît~ Deinen

Teller wieder auf die jähe Rundreise schicken würde.

Diese Manier zu speisen ist schon an und für sich entsetzlich

beunruhigend, aber die raschelnden Papierstreifen, das gelegentliche

energischere Schnalzen der kleinen Fahne, die laute, gestenreiche

Unterhaltung der Brasilianer, das Umhertraben der Negerinnen, das alles

wirkte gradezu betäubend auf meine deutschen Nerven, die schon die

blendende Helle der gardinenlosen Räume angriff, so daß ich nur mit

Beschämung die gleichgültigen Gesichter der übrigen Damen betrachtete,

die sich zwar selbst auch wenig an der Unterhaltung betheiligten, an

deren Nervenleben aber auch all dieser Lärm vollständig abzuprallen

schien.

Ich war hungrig gewesen von der Fahrt, aber ich konnte unter diesen

Verhältnissen nicht essen. Ich bin eigentlich immer noch hungrig,

seitdem ich zum letzten Mal auf dem Schiff gegessen habe, denn mein

Magen befreundet sich nur sehr allmälig mit der Eintönigkeit des

Essens und -- dem Schweinefett, mit dem hier alle Speisen zubereitet

werden. Was mir zuerst die Sache noch unerträglicher machte, war das

gänzliche Fehlen von Kartoffeln oder Brot auf dem Tisch, womit man die

Aufdringlichkeit des Fettes hätte mildern können. Das Brot wird auf

dem Lande durch sogenannte ~biscoitos~ ersetzt, ein Gebäck aus

dem Mehl der Maniocawurzel, das ganz gut schmeckt, wenn es eben aus

dem Ofen kommt, im Alter von einigen Stunden aber schon an Zähigkeit

nichts mehr zu wünschen übrig läßt und nach zwei Tagen mit absolutem

Erfolg eine Konkurrenz mit jungen Steinen aufnehmen könnte. Unsre

gute Kartoffel gedeiht in diesen gesegneten Gegenden nur in süßen

Exemplaren, den Bataten, die bis zu neun Pfund schwer werden und

entweder einfach gekocht oder mit Zuckerzusatz als Dessert genossen

werden. Die ersten Tage waren mir die großen bläulichen Dinger, die

in Farbe und Geschmack an ihre erfrorenen Brüder im nordischen Winter

erinnern, höchst widerlich, aber jetzt schmeckt mir, fast zu meiner

Beschämung, das Kompott schon ganz gut. Auch befreunde ich mich mit

den schwarzen Bohnen und dem dazugehörigen salzlosen Maismehlpudding,

dem ~angú~, liebäugele bereits mit dem Mais- und Maniocamehl, das in

Brotkörben auf den Tisch kommt und das sich die Brasilianer zwischen

die saucenreichen Bohnen rühren -- und wie lange wird es noch dauern,

da werde ich eine Passion haben für das an der Sonne gedörrte

Hammelfleisch, mit dem man uns häufig zum Frühstück regalirt.

Verachte mich nicht, Grete, es giebt nichts anderes hier! Denn wenn

Du zu den ebengenannten Delikatessen noch Reis in Wasser gekocht

hinzufügst, der vor lauter Tomaten so rot wie ein Ziegelstein auf den

Tisch kommt, so hast Du das Menü für das ganze Jahr.

Eine große Sache ist es hier um das Dessert, um die „~doces~“, und

der Ruf der Brasilianer, im Bereiten wie im Vertilgen derselben Meister

zu sein, bestätigte sich mir auch gestern wieder in vollem Maße: Herren

wie Damen verzehrten unglaubliche Mengen von eingemachten Früchten,

Chokoladen- und Eierkonfekt etc. und aßen dazu große Stücken Käse.

Daß ich’s nur gestehe -- ich auch!

Den ersten Tag freilich, als dieser neue Genuß meinem europäischen

Gaumen zugemutet wurde, wies ich ihn empört zurück und bat um etwas

Butter und Brot zum Käse. Es erschienen ~biscoitos~ im Stadium

Nr. 2 und eine dänische Konservenbutter von einer Weichheit, Gelbheit,

Salzigkeit.... laß mich schweigen! Mutig entschloß ich mich zu der

landesüblichen Zusammenstellung, und ich glaube, ich that wohl daran.

So war ich gestern doch wenigstens im stande, mein Mahl auf gut

brasilianisch zu beschließen, und da ich auch schon so ziemlich alle

Gerichte portugiesisch benennen kann (eine große Kunst, da täglich zwei

Mal die gleichen auf dem Tisch erscheinen) und ein paar fehlerhafte

aber dafür desto überschwänglichere Phrasen zu drechseln verstand,

so fanden mich meine neuen Bekannten „~muito sympathica~“ und

beehrten mich nach Tische sofort mit der Aufforderung, ihnen etwas

vorzuspielen oder zu singen.

Ich spielte einen Chopinschen Walzer, der ihnen sehr gefiel, und

sang ihnen „Klein Anna-Kathrin“, was sie nach keiner Richtung

hin verstanden. Nun singe ich nie mehr ein deutsches Lied vor

brasilianischen Ohren, sondern immer nur italienische Etüden, von denen

ich überzeugt bin, daß sie ihnen imponieren werden.

Nach mir folgte mit ein paar französischen Tänzen unsre Dona Olympia,

die ganz nett aber mit geschmackloser Auswahl spielt, und dann setzte

sich eine sehr stille, sehr starke und sehr dunkeläugige Dame an das

Instrument und begann den zweiten Akt des „Troubadour“ vorzutragen. Man

sagte mir vorher, sie spiele „perfekt“, und so horchte ich gespannt....

Ach, Grete, bin ich denn so gar starr germanisch, daß ich diese Romanen

mit dem besten Willen nicht interessant und geistreich finden kann!

Aber es war nicht anders -- +mir+ sprach nichts aus den flinken

abgerichteten Fingern, nichts aus dem unbeweglichen wachsgelben Gesicht

der Spielerin, in dem die schwarzen Augen wie geistlose Tintenklexe

standen, und doch war es wahr: sie spielte ~perfeitamente~! Ich

ärgerte mich über mich selbst, daß ich mich nicht begeistern konnte und

blickte ängstlich im Kreise umher, ob man es mir auch nicht anmerke.

Alle Gesichter waren blaß, gelb und, aus lauter Hochachtung vor diesem

„perfekten Spiel“, unbeweglich, alle bis auf eins.

Seit ein paar Tagen ist nämlich ein junger italienischer Architekt

bei uns zum Besuch, ein Neffe des Doktors von seiten seiner ersten

Frau, die eine Italienerin war, und dieser Unglückliche schien ebenso

antipodisch berührt wie ich. Ich lächelte unwillkürlich, als ich sein

Gesicht sah, zumal unser gemeinsames Europäertum uns schon zu vielen

gleichartigen Urteilen über hiesige Verhältnisse veranlaßt hat, und er

schlug mit unendlich komischem Ausdruck die Augen zur Decke empor.

Mittlerweile war der „Troubadour“ immer eindringlicher geworden,

bereits spielte die stille, starke Dame eine halbe Stunde -- hatte sie

Absichten auf den ganzen Akt? Ich schlängelte mich vorsichtig der Thüre

zu, aber noch wagte ich nicht, dem Saal zu entschlüpfen, obgleich ich

fühlte, daß mich eine fernere Viertelstunde unter der Wirkung dieses

perfekten Spiels völlig überwältigt hätte. Da schob sich der junge

Italiener an mir vorbei, er sah ganz erschöpft aus -- „~Je n’en

peux plus~“, flüsterte er mir zu, „~j’ai déjà une indigestion de

musique!~“ -- --

Und das in einem Lande, das erst +anfängt+, civilisiert zu

werden und das erst +ein+ Konservatorium hat! Wehe künftigen

Geschlechtern, wenn die Klavierseuche hier verhältnismäßig wächst!

Aber halt -- da sagt mein Licht Valet! Grade als hätte es mir nur noch

diesen trüben prophetischen Stoßseufzer erlaubt, flackert es eben auf

seinem letzten Faden empor -- Lampen giebt es hier nämlich nicht!

Gute Nacht also, meine Grete, oder wenn es Dir interessanter klingt:

~boa noite~ --

Deine noch immer musikerfüllte

+Ulla+.

[Illustration]

Saõ Francisco, den 11. Juli 1881.

+Liebe, einzige Grete!+

Die ersten Briefe aus der Heimath heute! Ich hätte den schmutzigen

Negerjungen umarmen können, als eins, zwei, drei Briefe für die

~professora~ aus seiner Mappe herausspazierten, nachdem ich sie

so viele, viele Tage umsonst sehnsuchtsvoll angeschaut. Dr. Rameiro

läßt nämlich jeden Tag die Postsachen holen, was hier auf dem Lande

sehr selten ist; die meisten Pflanzer schicken nur einmal in der Woche

nach der Station. Gute Nachrichten von zu Hause, einen fröhlichen

Brief von meiner Grete -- Gott, wie Einen so ein beschrieben Blättchen

doch glücklich machen kann! Und wie geduldig man wird! Ich sage

Dir, Gretel, ich komme mir manchmal vor wie Salas y Gomez. Weißt Du

wohl, wie ich auf dem Seminar schon immer außer mir war, wenn der

Briefbote einmal zwei Tage ausblieb -- und nun nach fast anderthalb

Monaten die ersten Briefe! Ich werde so viele gute Eigenschaften von

hier mit zurückbringen, daß ich in Europa gar keine Verwendung dafür

haben werde! Aber heute brauchte ich grade eine kleine Erfrischung,

alles war so lähmend gewesen von früh ab, und ich fühlte mich so

beschwert! Zuerst hatte ich einen der härtesten Kämpfe mit meinen

~biscoitos~, die ich in Stadium Nr. 3 erhielt, dann war das

Vehmgericht unbehaglicher als je, und endlich leide ich seit einer

Woche an einer gräßlichen Neuralgie im Gesicht, so daß ich nur mit Mühe

essen und sprechen kann. Das ist das allgemeine Leiden für den Europäer

hier, und oft auch für Einheimische; es ist entsetzlich peinigend,

zumal wenn man dabei unterrichten muß. Sie behaupten hier, ich habe es

mir zugezogen dadurch, daß ich abends nach sechs Uhr draußen gewesen

sei in dem ~sereno~, dem gefährlichen Abendthau -- aber, liebe

Grete, ich wäre erstickt, wenn ich nie an die Luft gekommen wäre,

zumal nachdem ich die 24 Tage auf dem Schiff von Morgen bis zum Abend

draußen war. Hier aber ist Unterricht von 7-10, dann warmes Frühstück,

wobei uns Madame Rameiro immer ganz nutzlos bis halb 11 Uhr warten

läßt, so daß ich nachher nicht mehr hinaus kann, sondern sofort nach

dem letzten Bissen wieder in die Stunde muß. Dann geht’s weiter bis

um ein Uhr, wo eine halbe Stunde Lunchzeit ist; um halb zwei fangen

aber schon wieder die Klavierstunden an, die bis um 5 Uhr dauern, wo

gegessen wird. Nun frage ich Dich, wann soll ich da spazieren gehen

außer nach sechs! Kannst Du eine andre mögliche Zeit am Tage entdecken?

Sie wollen die „Bildung“ hier gradezu mit Löffeln schlucken und haben

nie einen freien Nachmittag, nie einen Tag, geschweige denn eine Woche

Ferien das ganze Jahr hindurch -- -- mir graut schon bei dem Gedanken

daran, und die ganze Zeit über kein deutsches Wort! In den Stunden und

bei Tische Französisch und mit den Schwarzen Portugiesisch -- ach,

Gretel, es ist wirklich saurer, als man so von weitem denkt; überlege

Dir’s lieber noch mal, ob ich mich für Dich hier umsehen soll, --

jedenfalls aber bringe dann Dein Bett mit. Es ist gewiß ein gut Ding

um die Anspruchslosigkeit, man muß aber auch keinen Mißbrauch damit

treiben. Ich will Dir mein Lager beschreiben -- weine dann eine stille

Thräne um mich! Stelle Dir eine rohe hölzerne Bank mit Armstützen

aber ohne Rücklehne vor, das ist mein Bettgestell. Darauf liegt eine

„Matratze“, die, als ich sie auf ihren Inhalt prüfte, irgend ein wildes

getrocknetes Gras ergab, dem man aus unbekannten Gründen verschiedenes

Blätterwerk, anmutig mit Stöcken und Zweigen untermischt, beigesellt

hatte. Auf dieser mit einem Leintuch bedeckten Folterbank verliert

sich am Kopfende ein Miniaturkissen, von dem ich zuerst glaubte,

die kleine Maria habe es aus ihrer Puppenwiege verloren; es soll

aber thatsächlich mein Kopfkissen sein und ist mit einer trocknen

gelben Blume, der ~marcella~, die etwas Ähnlichkeit mit unsern

Immortellen hat, gestopft. Das Ganze krönt zum Zudecken eine englische

wollene Decke. Ob es mir wohl noch gelingen wird, mich auch mit dieser

Seite Brasilianertums zu befreunden? Ich hoffe es! Vorläufig strebe

ich die Beruhigung an, sämtliche Stöcke in meiner Matratze persönlich

zu kennen, und dann hoffe ich diesem Asketenlager auch ein klein wenig

Wärme abzuschmeicheln, denn wenn es auch bei Tage heiß ist, so sind

doch grade jetzt die Nächte oft empfindlich kalt.

Ich wundre mich, daß diese sehr frischen Nächte den Pflanzen nicht

schaden in unserm entzückenden Garten. Madame ist eine große

Botanikerin und hat den Garten unter ihrer speziellen Leitung. Sie

achtet darauf, daß jede seltene Pflanze gepflegt wird und läßt auch

außerbrasilianische Tropengewächse mit großen Kosten aus Indien und

Japan kommen, so daß sie aus diesem Fleckchen Land ein wahres Eden

gemacht hat, ein Zauberland voll Märchenherrlichkeit.

Die Gartenthür, von üppiger, graziöser Klematis überhangen, führt

zunächst zu kleinen Gruppen seltener Coniferen und schöngeformten

Beeten voll großer, fremdartiger Blumen von wunderbarer Farbengluth.

Zwischendrein steht ein bunter Kiosk in chinesischem Styl. Ich sage

Dir, Gretel, mit dem tiefblauen Himmel und der Tropensonne darüber,

mit den reizenden kleinen Kolibris, die wirklich wie flatternde

Edelsteine in der Sonne erscheinen, ist dies Plätzchen so südlich, so

exquisit tropisch, wie man es nur träumen kann! Dann kommt man in eine

herrlich schattige, feuchtkühle Bambusallee. Ihr zur Linken, etwas

tiefer gelegen, ein kleiner, mit bunten Enten belebter See, rechts

eine Anhöhe, sanft ansteigend und mit duftenden Orangenbäumen, die oft

Blüte und Frucht zugleich tragen, besetzt. Neue Überraschung an ihrem

Ausgang: Orangen, Palmen und Bananen überall, Zimmt- und Mandelbäume

duften und Granaten glühen aus ihrem zierlichen Laub hervor; hier ein

Theestrauch, dort ein Kaffeebaum; jetzt eine verlorne Baumwollstaude,

dann ein Anis- oder Muskatpflänzchen, ja, selbst Vanilla und Patschouli

giebt’s zu entdecken. Ich war zuerst ganz berauscht, Grete, und trank

all das Zaubrische, Schöne, Fremdartige förmlich mit allen Sinnen

ein.... aber, wunderbar -- weißt Du, welcher Eindruck hiervon für mich

der nachhaltigste ist? Der des Fremdartigen, ja des absolut Fremden!

Ich staune sie an, all diese südliche Pracht, ich bewundere sie, sie

berauscht mich momentan mit ihrem verführerischen Zauber -- aber ich

verstehe sie nicht; ich kann mir nichts mit diesen prächtigen Pflanzen

erzählen, ich kenne sie nicht, und sie kennen mich nicht. Es ist doch

etwas wunderbares um das +Vaterland+! Was doch alles so mit dazu

gehört! Auch die Blumen und Bäume. Wir wissen doch daheim gleich etwas

zu singen unter unsern prächtigen Eichen; welches junge Gemüt kennte

nicht unsre reiche deutsche Lindenpoesie, und sowie man sprechen

kann, lallt man schon sein weihnächtlich-heimliches „O Tannebaum, o

Tannebaum“! Da grüßt man so einen Baum doch gleich ganz anders! Der

mächtige Mangabaum inmitten des Gartens ist zwar sehr schön, aber ich

überraschte mich dennoch neulich dabei, daß ich unter seinem Schatten

das hübsche kleine Lied summte:

„Ich hatte einst ein schönes Vaterland,

Der Eichenbaum stand dort so hoch,

Die Veilchen nickten sanft --

Es war ein Traum.

Und als ich nun in’s ferne Ausland kam,

Da war ein Mädchen zauberschön

Und blond von Haar zu sehn, --

Es war ein Traum.

Das küßte mich auf deutsch und sprach auf deutsch,

Ihr glaubt es nicht, wie gut es klang,

Das Wort: Ich liebe Dich --

Es war ein Traum ...“

Und erinnerst Du Dich, wie wir drüben es nie recht verstehen konnten,

wenn Dranmor singt: „Ich gäbe diese ganze Herrlichkeit -- Für eine

einz’ge schneebehang’ne Tanne“! Und jetzt.... Aber ich rede, darum

schweige ich; sentimental darf man hier nicht werden.

Deine deutscheste +Ulla+.

[Illustration]

Saõ Francisco, den 25. Juli 1881.

+Liebste Grete!+

Also in Elgersburg muß ich Euch jetzt mit meinen Gedanken suchen --

Du Glückliche, die Du das Wort „Ferien“ noch kennst und es in dem

reizenden Thüringer Nest in die Praxis umsetzen kannst! Deiner armen

Ulla werden derartige Dinge immer mehr zu körperlosen Begriffen -- was

ist Freiheit, Erholung, Sommerfrische.... das heißt, nein! Was die

„Frische“ angeht, da bin ich Dir entschieden über: ich konstatiere

hiermit feierlichst, daß ich in diesen Tagen des öfteren vor Frost

geklappert habe und auch jetzt mit ganz steifen Fingern schreibe. Und

dazu habe ich das volle Recht, denn gestern war hier der kälteste Tag

im Jahr, der Tag Johannis des Täufers. Es fror mich denn auch, zum

größtem Gaudium der Familie, die der „kalten Deutschen“ das Recht dazu

eigentlich völlig absprechen, so barbarisch, daß ich die liebevolle

Anhänglichkeit segnete, die mich beim Einpacken in Berlin plötzlich

inbezug auf meine alte Winterjacke überkommen hatte. Die Brasilianer

selbst empfinden merkmürdigerweise die Kälte garnicht so sehr, wie

mir das besonders gestern Abend auffiel bei der Namensfeier des

heiligen Johannes, der ein großer Liebling der Nation ist. Dr. Rameiro

veranstaltet jedes Jahr an diesem Tage, der auch zugleich der Namenstag

eines in Europa (natürlich in Paris) befindlichen Sohnes ist, eine Art

von Erntefest für die Sklaven, weil ungefähr um diese Zeit auch die

Kaffee-Ernte vorüber ist.

Es hatte mich schon immer interessiert, die Wagen voll Kaffeefrüchten

aus den Plantagen hereinfahren zu sehen, die dann in prächtigen Anlagen

und Maschinenräumen, die der Doktor eingerichtet hat, für den Handel

zurecht gemacht werden.

Letzten Sonntag fuhren wir durch eine Anpflanzung von einer halben

Quadratmeile Ausdehnung. Die Bäume oder eigentlich Sträucher waren etwa

wie größere Haselnußsträucher und saßen zum Theil noch voll Früchten

zwischen den spitzen, glänzenden Blättern. Der Doktor meinte, dieser

Bestand sei etwa 25 Jahre alt; dienen könne eine Anpflanzung ca. 40

Jahre, dann wird wieder ein neues Stück Land in Angriff genommen,

das vorher rechtzeitig bepflanzt wurde. Es ist merkwürdig und kann

Einen ordentlich neidisch machen, wie hier so eine Strecke Landes,

die bei uns schon ein ganz hübsches Feld oder ein sehr respektabler

Garten wäre, so gar keine nennenswerte Rolle spielt. Diese Pflanzung

ist drei Quadratmeilen groß, aber die Bewirtschaftung ist eine

merkwürdige. Das meiste Land liegt natürlich immer brach. Soll aber

ein Stück in Benutzung genommen werden, so wird alles, was bisher

darauf wuchs, heruntergebrannt, was auch manchmal schonungslos die

herrlichsten Urwaldbestände trifft, deren Asche und faulende Stämme

dann den prächtigsten Dung abgeben. Nichts sieht toller aus als so ein

Maisfeld z. B., das zwischen wild und wüst durcheinander liegenden,

halb und ganz verkohlten Baumstämmen frisch und fröhlich emporwächst!

Bei uns kann man sich von solcher Unordnung und vor allem von solcher

Verschwendung gar keine Vorstellung machen; auch hier kommt man immer

mehr von dieser etwas kannibalischen Manier der Rodung zurück, die

jedoch keineswegs schon so selten geworden ist, wie es die Brasilianer

gern Wort haben möchten, und die früher ganz allgemein war. Und denke

Dir, Gretele, daß auf der Pflanzung von Madame Rameiros Bruder erst vor

7 Jahren noch ein Negersklave bei einem derartigen Brande umgekommen

ist, weil er sich nicht rechtzeitig aus dem an allen vier Seiten

angezündeten Walde entfernt hatte! Das ist doch schauerlich und soll

leider gar nicht einmal so selten vorgekommen sein.

Als wir durch die Plantage fuhren, waren die Neger grade an der Arbeit,

denn der Sklavensonntag auf dieser Pflanzung fällt auf den Mittwoch.

Das Gesetz verlangt nur überhaupt einen Feiertag in der Woche für

die Sklaven, überläßt es jedoch dem Besitzer, einen Tag auszuwählen,

was dann gewöhnlich so geschieht, daß er nicht mit demjenigen der

Nachbarpflanzungen zusammenfällt und man auf diese Weise im Stande ist,

einen Verkehr der Schwarzen untereinander zu verhüten.

Es sah wirklich malerisch aus, wie die schwarzen Gestalten in

den hellen Blusen emsig pflückend mit ihren Körben zwischen den

dunkelglänzenden Sträuchern standen. Die Neger werden auf dieser

Pflanzung auch gut behandelt, und wer mehr als die ihm aufgegebene

Anzahl von Körben voll pflückt, bekommt für den Überschuß eine

Kleinigkeit bezahlt.

Der Kaffee sieht am Baum fast aus wie große Schlehen und in der

rotblauen fleischigen Hülle sitzen gleich Kernen immer zwei Bohnen mit

der flachen Seite gegeneinander.

Wenn nun ein Wagen voll aus der Plantage ankommt, so wird er in ein

Wasserbecken entleert, wo die Früchte schon zum Teil die locker

sitzenden Hüllen verlieren, dann fließt das Ganze durch rauhe Röhren

mit besonderen Enthülsungsvorrichtungen hinunter in ein tiefer

gelegenes Bassin, wo die Bohnen bereits freigemacht ankommen. Nachdem

ihnen dann noch durch andre Manipulationen die dünnen Häutchen genommen

sind, die wir manchmal noch bei uns an mangelhaft präparierten Bohnen

entdecken können, wird er auf eine große Asphaltfläche zum Trocknen

gebreitet, von wo er endlich in lange, hallenartige Räume wandert, wo

er von Negerinnen verlesen und sortiert wird. Dann erst kommt er in

Säcke und wird nach Ablauf einer Lagerzeit verschickt. Dr. Rameiro hat

mir einen ganzen Sack voll geschenkt, denke Dir, einen ganzen Sack voll

Kaffee, der schon drei Jahre lagert und daher seiner Ansicht nach grade

so recht ist und will ihn durch seine Korrespondenten in Rio nach Hause

schicken lassen. Dann laß Dich nur recht oft darauf einladen, Gretel!

Für dies Jahr ist nun die Ernte vorbei und mit dem gestrigen Fest

abgeschlossen. Dona Gabriella hatte mir schon vorher mit Stolz erzählt,

am Saõ Joaõs Tag schlachteten sie immer einen Ochsen und zwei Schweine,

und das würde alles von den Negern bei dem Festmahl verzehrt. In der

That war gestern den ganzen Vormittag große Bewegung, und sogar das

Vehmgericht beschäftigte sich in höchsteigner Person lebhaft mit der

Anordnung des Ganzen, der Zubereitung von ~doces~, dem Herausgeben

von Getränken etc.

Als es dunkel wurde, begann die Feier.

Auf dem Hofe, der von drei Seiten durch das Gebäude eingeschlossen

und an der vierten mit Palmen abgegrenzt ist, war eine große Tafel in

Hufeisenform gedeckt, wirklich mit weißen Tischtüchern gedeckt, denn

es ist nicht der geringste Stolz der Neger bei diesem Feste, doch

wenigstens einmal im Jahre von Linnen zu essen wie die ~senhores~. Auf

den Tischen standen mächtige, geschnittene Braten, große Berge Reis

(natürlich rot wie die Ziegelsteine von Tomaten), Riesenschüsseln mit

schwarzen Bohnen und dazu ihr nie fehlender Kumpan der Maismehlpudding

~angú~; da war aber auch als Dessert Batatenkompott, in Milch gekochter

frischer Mais (~canjica~) mit dazugehöriger Melasse, Guyabada, ein

prächtiges, aus der Guyabafrucht zubereitetes ~doce~ und sogar --

Wein ~à discrétion~!

Wie fein hatten sich aber auch die Schwarzen gemacht! Erst langsam

und verlegen, dann zuversichtlicher und endlich einander drängend

und den Rang ablaufend kamen zunächst die Älteren und Erwachsenen

heran; die Jugend mußte warten, da nur etwa hundert Personen zugleich

sitzen konnten. Es war zu drollig anzusehen, womit manche dieser

guten Einfaltsmenschen sich „geschmückt“ hatten: Die Männer hatten

augenscheinlich ihren Ehrgeiz in dem Tragen von Röcken gesucht, die

sie entweder geschenkt bekommen oder wohl für ein Geringes von einem

herumziehenden Trödler erstanden hatten; einer hatte sogar einen alten

Frack an. Wer es aber nicht zu einem Rock hatte bringen können, der

hatte doch wenigstens einen Hut, und zwar mit Vorliebe einen Cylinder,

erworben.

Graziöser schon präsentierten sich die Frauen, die sich mehr auf das

Bunte geworfen hatten, und von denen einige mit äußerster Grandezza

sämtliche Farben des Regenbogens zur Schau trugen: ein rother Turban,

ein blaues Kleid und ein grüner Gürtel verursachen ihnen absolut keine

Gewissensbisse.

Ganz besonders hübsch und sehr eigenartig wurde das Bild, nachdem

eine Menge bunter Lämpchen angezündet waren, die die Scene mit ihrem

Flimmern phantastisch erleuchteten, und am kaltklaren Himmel darüber

das Kreuz des Südens leuchtend ausgegangen war. Wir betrachteten das

Ganze von den Fenstern des Hauses aus, und Du kannst Dir denken, wie

besonders für uns Europäer das Bild fesselnd und interessant war.

Auch ihre Tischrede und ihren Toast hatten die schwarzen Gäste. Die

kleine Leonilla ergriff nämlich im Scherz ein Zeitungsblatt, reichte es

zum Fenster hinaus einem alten Neger zu und rief: „Lies, Porphyrio!“

Porphyrio, ein famoser alter Neger mit ergrautem Krauskopf, nahm

das Blatt, besah es mit halb komischem, halb wehmütigem Pathos von

allen Seiten und fing dann an zu reden: „Meine kleine Senhora hat mir

befohlen zu lesen, doch Porphyrio kann nicht lesen. Aber Porphyrio

kann sprechen und er hat auch was zu sagen. Ich muß etwas beichten vor

Senhor und Senhora -- sie leben --“ „Viva!“ schrieen die Neger.

„Ich muß beichten, daß ich im vorigen Jahre schlecht gesprochen habe

von Senhor, weil er uns kein Erntefest gegeben hat. Ich habe gesagt:

„Warum hat Senhor die Säcke gezählt und hat uns arme Neger dann

vergessen?“ Und ich bin zornig gewesen in meinem Innern. Aber dies Jahr

hat sich Senhor unserer wieder erinnert und Senhora auch -- viva Senhor

--“

„Viva!“

Leid und Freud einer Erzieherin in Brasilien · 第 1 / 13 段