Um vier Uhr Morgens verließ ich _Upsala_, um nach dem weltberühmten
Eisenbergwerke _Danemora_ zu fahren, welches 7 Meilen von hier entfernt
ist. Ich fuhr so zeitlich aus, um ja gewiß vor 12 Uhr Mittags einzutreffen,
da um diese Stunde in den Gruben gesprengt wird, und selbe dann geschlossen
werden. -- Man sagte mir schon, wie langsam das Reisen auch in diesem
Lande von statten gehe, wie lange man überall durch das Wechseln der
Pferde aufgehalten werde, und so mußte ich _viel_ Zeit vor mir haben, um zu
_rechter_ Zeit an Ort und Stelle gelangen zu können.
Ungefähr eine halbe Meile hinter Upsala liegt _Alt-Upsala_ (Gamla-Upsala).
Ich sah nur im Vorüberfahren die alte Kirche und die Grabeshügel, von
welchen drei ganz besonders groß, die andern kleiner sind. Man vermuthet,
daß diese Hügel die Leichname schwedischer Könige bergen. -- Ich sah
ähnliche Hügel -- Tumuli -- auf meiner Reise in Griechenland, und zwar an
der Stelle wo Troja gestanden sein soll. -- Die Kirche wird nicht als Ruine
geehrt; sie muß noch immer Dienste leisten, und ich sah mit Wehmuth an
diesem altersgrauen Gebäude manche Stelle untermauert, und mit frischem
Kalk übertüncht.
Auf dem halben Wege zwischen Upsala und Danemora liegt ein großes Schloß,
das sich aber weder durch eine besondere Bauart, noch durch eine reizende
Lage oder sonst irgend etwas auszeichnet. -- Endlich sieht man den Fluß
_Fyris_ und den bedeutend langen See _Danemora_. Beide sind ganz mit Schilf
und Gras überwachsen, und haben flache, einförmige Ufer. Ueberhaupt bietet
die ganze Reise sehr wenig Abwechslung; man bleibt fortwährend in einer
Ebene, und sieht nur Felder, Waldungen und Felsblöcke. Letztere sind noch
das Interessanteste, weil man nicht begreifen kann, wie sie eigentlich
hierher kamen. Berge und Hügel sind nämlich weit entfernt, und die Ebene
selbst hat durchaus keinen felsigen Boden.
Das Oertchen _Danemora_ liegt mitten im Walde, und besteht nur aus einer
kleinen Kirche und einigen größern und kleinern zerstreut liegenden
Häusern. Bevor man noch das Oertchen erreicht, ahnt man schon die Nähe der
Gruben. Große, mächtige Anschichtungen von Steinen, welche fortwährend
aus den Gruben geschafft werden, decken bedeutende Räume. Pferde sind
beschäftiget, große Räder zu treiben, und Maschinen, Schleifen, Seile
u. dgl. mehr sieht man überall gezogen.
Ich war glücklich zu rechter Zeit gekommen, und konnte den Sprengungen noch
beiwohnen. -- Am interessantesten sind sie in der _großen_ Grube, deren
obere Oeffnung so außerordentlich groß ist, daß man, um die Menschen in
der Tiefe arbeiten und schaffen zu sehen, gar nicht nöthig hat hinab zu
steigen; -- man sieht Alles von oben. Es ist dieß ein unbeschreiblich
schöner, einziger Anblick. -- Wie ein Bild der Unterwelt erscheint der
480 Fuß tiefe Schlund. Man sieht colossale Thore und Eingänge, die in die
Stollen führen, so wie Felsenbrücken, Vorsprünge, Bogen und Höhlen, die
sich an den Wänden bilden, und bis an die Oberwelt reichen. -- Die Menschen
erscheinen da unten gleich beweglichen Püppchen; -- man ist kaum im Stande
ihren Bewegungen zu folgen, und muß erst das Auge an die Tiefe und an die
unten herrschende Dämmerung gewöhnen. -- Letztere ist jedoch nicht sehr
bedeutend, ich konnte sogar mehrere Leitern unterscheiden, die mir wie
Kinderspielzeug vorkamen.
Es war schon nahe an 12 Uhr, und die Arbeitsleute verließen die Gruben, nur
jene blieben zurück, die mit den Minen zu thun hatten. -- Das Heraufziehen
geschieht hier mittelst kleiner Tonnen, die an Stricken hängen, und durch
eine Winde gehoben werden. Es sieht wirklich schauerlich aus, die Menschen
auf einem so kleinen Fahrzeuge herauf schweben zu sehen, besonders da oft
zwei bis drei Arbeiter in einer Tonne beisammen sind, von welchen der
Eine in der Mitte steht, während die beiden Andern auf den Rändern reitend
sitzen.
Ich hätte mich gerne in die große Grube hinabgelassen, allein für heute war
es schon zu spät, und bis an den andern Tag wollte ich nicht warten. Das
Hinablassen hätte ich nicht gefürchtet, indem ich mit derlei Fahrten schon
von frühern Zeiten her vertraut war. Ich hatte nämlich vor mehreren Jahren
die berühmten Salzbergwerke von Wieliczka und Bochnia in Galizien besucht,
und mich in beide an einfachen Seilen, also auf eine gefährliche Art, als
solches hier mit der Tonne geschieht, hinabgelassen.
Mit Schlag 12 Uhr wurden an vier Minen in der großen Grube Lunten gelegt.
Der Mann, der dieß that, lief hierauf mit größter Eile davon, und verbarg
sich hinter einer Steinwand. -- Nach einigen Minuten sah man das Pulver
aufblitzen, und einige Steine in die Höhe fliegen, dann hörte man von allen
Seiten ein fürchterliches Gekrache, und zum Schlusse das Rollen und Fallen
der gesprengten Massen. Mehrfache kräftige Wiederholungen des Echo's
verkündeten die schreckliche Explosion im Innern des Bergwerkes. Der
Eindruck, den dieß Alles hervorbrachte, war ein wahrhaft schauerlicher. --
Kaum daß noch die erste Mine ausgetobt hatte, fing schon die zweite, dritte
u. s. w. an. -- Dergleichen Minen werden täglich in verschiedenen Gruben
gelegt.
Die andern Gruben sind noch tiefer, die tiefste hat 600 Fuß; aber ihre
Oeffnungen sind kleiner und gehen auch nicht immer senkrecht hinab, wodurch
sich der Blick dann in der Finsterniß verliert, was einen gar unheimlichen
Eindruck macht. Mit beklommener Brust starrt man in diese dunkeln Räume
und sucht vergebens etwas unterscheiden zu können. -- Ich möchte um keinen
Preis ein Bergmann sein; abgeschieden von dem Tage, von der Sonne, könnte
ich das Leben kaum ertragen. -- Ich wandte meinen Blick ab von den finstern
Gruben, und warf ihn freudig auf die liebliche Landschaft, die im hellen
Sonnenlichte erglänzte.
Noch denselben Tag kehrte ich nach _Upsala_ zurück.
Ich hatte diese kleine Reise mit der Post versucht, werde aber meinen
Lesern nur die Facta erzählen. Eine umfassende Meinung über das gute oder
schlechte Fortkommen in diesem Lande kann ich unmöglich abgeben, da diese
kleine Tour mehr einer Spazierfahrt als einer Reise glich.
Da ich keinen eigenen Wagen gemiethet hatte, mußte ich auf jeder Station
ein anderes Fuhrwerk besteigen. Diese Fuhrwerke bestanden aus zweirädrigen
ganz ordinären hölzernen Karren. Der Sitz wurde aus Heu gemacht, und mit
dem Kotzen des Pferdes bedeckt. -- Wären die Wege nicht so ausgezeichnet
gut, würde man auf diesen Wagen wohl fürchterlich durchgeschüttelt werden.
So aber muß ich sagen, daß ich mit ihnen besser fuhr, als mit jenen, zwar
lakirten Kariolen der Norweger, in welchen ich ausgestreckt und eingepreßt
fortwährend in derselben Stellung verbleiben mußte.
Die Stationen sind ungleich, bald länger bald kürzer. Die Postpferde
werden hier wie in Norwegen von wohlhabenden Bauern besorgt, die man
hier _Dschusbauern_ nennt. Jeden Abend muß ein solcher Dschusbauer eine
bestimmte Zahl Pferde zusammenbringen, um am folgenden Tag die Reisenden
weiter befördern zu können. -- Kömmt der Reisende, so findet er auf jeder
Station ein Buch, aus welchem er ersehen kann, wie viele Pferde der Bauer
hat, wie viele Fremde bereits expedirt wurden, und wie viele Pferde noch
im Stalle stehen. Auch er muß seinen Namen, die Stunde der Abfahrt, und
die Zahl der Pferde einzeichnen, deren er bedurfte. Auf diese Art ist
den Betrügereien doch ziemlich Einhalt gethan; man kann sich von Allem
überzeugen, und seine Forderungen darnach einrichten.
Geduld muß man aber auch hier haben, obwohl bei weitem nicht so viel, wie
in Norwegen. Bis der Wagen in Stand gesetzt war, bis das Pferdegeschirr und
endlich das Pferd selbst herbeigeschafft wurde, vergingen zwar immer 15-20
Minuten, aber auch nie mehr, und ich muß diesen schwedischen Postmeistern
nachsagen, daß sie sich, so viel ihnen möglich war, beeilten, und nie ein
doppeltes Fahrgeld verlangten, obwohl sie, besonders auf meiner Hinreise,
wissen mochten, daß ich Eile hatte. -- Das schnelle oder langsame Fahren
hängt natürlich von der Güte des Pferdes, und von dem Willen des Kutschers
ab. -- In keinem Lande aber ist mir ein solches Schonen der Pferde
vorgekommen, wie hier. Es ist wirklich lächerlich zu sehen, welch kleine
Last zu Wagen, die mit Getreide, Ziegeln, Holz u. s. w. beladen sind, zwei
Pferden aufgebürdet, und wie langsam und schläfrig gefahren wird.
Eine schreckliche Plage für Fahrende sind die unzähligen hölzernen Gitter,
welche die Straßen in so viele Theile theilen, als Gemeinde-Gründe an
derselben liegen. -- Der Kutscher muß oft in einer Stunde mehr als 6-8 Mal
absteigen, um diese Gitter zu öffnen und zu schließen. -- Selbst auf der
großen Poststraße sollen diese angenehmen Gitter nicht fehlen, und nur
nicht gar so häufig vorkommen, wie auf den Nebenstraßen.
Der Holzreichthum muß hier so groß sein, wie in Norwegen; Alles ist
eingezäunt, ja selbst Gründe, die so schlecht aussehen, daß sie gewiß des
Zaunes und der Arbeit nicht werth sind.
Die Dörfchen, die ich theils berührte, theils seitwärts liegen sah, waren
mitunter recht niedlich und freundlich. Auch die Hütten, deren manche
ich während des Pferdewechsels besuchte, fand ich meist ziemlich nett und
wohnlich eingerichtet.
Die Bauern haben in dieser Gegend eine sehr sonderbare Tracht. Die Männer,
auch oft sogar die Knaben, tragen lange, dunkelblaue, tüchene Ueberröcke,
und auf dem Kopfe tüchene Käppchen, so daß sie von ferne gesehen, beinahe
Herren im Reiseanzuge gleichen. Komisch läßt es nun, so viel vermeinte
Herren hinter den Pflügen gehen, oder Gras hauen zu sehen. -- In der Nähe
hat das Ding freilich ein ganz anderes Aussehen; da bemerkt man die meist
abgerissenen und schmutzigen Kleider -- und sieht, daß sie unter diesen
Röcken auch noch lederne Schurzfelle tragen, wie bei uns die Zimmerleute.
An der Tracht der Weiber fand ich nichts Eigenthümliches, als daß sie
ebenfalls ärmlich und abgerissen war. -- Was Kleidung und Fußbedeckung
betrifft, stehen sowohl die Schweden, als auch die Norweger hinter den
Isländern, -- während Betreffs der Wohnungen Jene voraus sind.