Heute machte ich die Fahrt auf dem Mälarsee zurück nach Stockholm. Das
Wetter begünstigte mich mehr, als auf der Herreise, und ich konnte die
ganze Zeit auf dem Decke bleiben. -- Nun erst bemerkte ich, daß wir eine
ganze Meile auf dem Fluße _Fyris_ fuhren, dessen flaches Bett sich durch
Waldungen und Wiesen dem See zuschlängelt.
Die große Ebene, auf welcher Neu- und Alt-Upsala liegen, verliert man bald
aus dem Gesichte, und nachdem man zwei Brücken passirt hat, gelangt man
unmittelbar in den Mälarsee, der sich anfangs als große Wasserfläche
ausbreitet, und keine Insel zeigt. Seine Ufer sind mit niedrigen,
bewaldeten Hügeln umfaßt. Doch bald kömmt man wieder in die Regionen der
Inseln; die Wasserfahrt gewährt nun größeres Interesse, besonders da sich
auch auf den Ufern immer schönen Bilder entfalten. Eines der ersten ist
das nette Gütchen _Krusenberg_, dessen Schlößchen recht idyllisch auf einem
reizenden Hügel liegt. Noch schöner aber und wahrhaft überraschend ist das
herrliche Schloß _Skukloster_, ein großes, schönes und höchst regelmäßiges
Gebäude, das mit vier mächtigen, runden Eckthürmen geziert, knapp am See
liegt, und von prächtigen Gartenanlagen umgeben ist.
Von diesem Punkte an sind die Partieen des Mälarsee's voll Schönheit und
Abwechslung. Jeder Augenblick bietet etwas anderes, etwas herrlicheres.
Die Wasser breiten sich bald aus, bald werden sie wieder von den Inseln und
Felsen eingeengt und in förmliche Kanäle gedämmt. -- Vorzüglich gefielen
mir jene Stellen, um welche die Inseln so beisammen liegen, daß man gar
keinen Ausweg sieht. Plötzlich öffnete er sich dann zwischen ihnen, und
man sah wieder eine neue Abtheilung des Sees. An den Ufern werden die
Hügel immer höher, die Vorsprünge derselben immer bedeutender, und
schöne Inselgruppen schließen sich derart an, daß man sie von ferne
für vorgeschobene Theile des Landes hält, und erst in der Nähe ihre
Selbstständigkeit erkennt.
Höchst malerisch nimmt sich das Städtchen _Sixtunä_ aus, das in einem
reizenden kleinen Thale liegt, in welchem auf allen Seiten Ruinen,
besonders solche von runden Thürmen hervorragen. Diese Ruinen sollen
noch Reste der alten Römerstadt _Sixtum_ sein. Die neue Stadt behielt,
wahrscheinlich zur Erinnerung, den Namen ihrer Vorgängerin bei.
Die hierauf folgende Partie bietet dem Auge Klippen und Felswände, die sich
in die Tiefe des Sees senken, und deren Nähe bei einem Sturme nicht sehr
erfreulich wäre. -- Vom Schloße _Rouse_ sieht man nur drei schöne Kuppeln
aus dem Walde ragen; ein neidischer kahler Hügel verbirgt dem spähenden
Auge das Uebrige. -- Noch sieht man ein Schloß, Besitzthum eines
Privaten, das durch seine Größe sehr in die Augen fällt, sonst aber nichts
Ausgezeichnetes an sich hat. -- Die letzte der Merkwürdigkeiten ist die
_Nokeby-Brücke_, welche eine der längsten in Schweden sein soll. Sie
verbindet das feste Land mit der Insel, auf welcher das königliche Schloß
_Drottingholm_ steht. -- Von dieser Stelle erblickt man alsobald die Stadt
Stockholm, und lenkt auch in den Theil des Mälarsees ein, an welchem sie
liegt. -- Um zwei Uhr Nachmittags erreichten wir glücklich wieder die
Hauptstadt Schwedens.
Von Stockholm nach Travemünde und Hamburg.
Am 18. September sagte ich Stockholm »Lebewohl« und schiffte mich Mittags
12 Uhr auf dem Dampfboote _Svithiold_, mit 100 Pferdekraft, ein, um nach
Travemünde zu fahren.
Ich glaube, daß nicht leicht eine Ueberfahrt theurer ist, wie diese. Die
Entfernung beträgt bei 500 Seemeilen, die man gewöhnlich in dritthalb bis
drei Tagen zurücklegt; dafür bezahlt man auf dem zweiten Platze ohne Kost
43 Bankthaler, oder nach unserm Gelde 35 fl. CM. Die Kost ist ebenfalls
unendlich theuer, und noch dazu spielt der Kapitain auch die Rolle des
Gastwirthes; man kann sich daher bei einer vorkommenden Prellerei oder
Unzufriedenheit an Niemanden wenden, und muß Alles geduldig ertragen.
Nichts that mir so wehe, als da ich sah, wie sich einer der ärmeren
Reisenden, der sehr an der Seekrankheit litt, an den Kellner wandte um eine
Suppe zu bekommen, und wie dieser ihn an den gutmüthigen Kapitain wies, der
dann rund heraus erklärte: er werde keine Ausnahme machen, und man müsse
für eine Tasse Suppe so viel bezahlen, wie für die ganze Mittagskost.
-- Der Arme -- er mußte also entweder der für ihn so wohlthuenden Suppe
entsagen, oder jeden Kreuzer zusammen suchen, um täglich einige Bankthaler
ausgeben zu können. -- Glücklicherweise befanden sich einige wohlthätige
Menschen auf dem Schiffe, welche für ihn die Mittagskost bezahlten. --
Einige der Herren führten ein paar Flaschen Wein mit sich, dafür mußten sie
beinah so viel Taxe zahlen, als der Wein werth war.
Zu all diesen Annehmlichkeiten kömmt auf einem schwedischen Dampfschiffe
auch noch jene, daß man bei nur etwas ungünstigem Wetter gar nicht vom
Flecke kömmt. -- Vermuthlich sind die Maschinen zu schwach; wenigstens
behaupteten dieß Viele der Reisenden. -- Wir hatten nur etwas Gegenwinde
und hohes Meer, aber bei weitem keinen Sturm, und doch verspäteten wir uns
schon auf der ersten Hälfte des Weges, auf der Fahrt von _Stockholm_ nach
_Calmar_, um 24 Stunden. In _Calmar_ warfen wir Anker und warteten auf
bessern Wind. -- Ein paar Herren, deren Geschäfte zu Lübeck sehr dringend
waren, verließen hier das Dampfboot und setzten ihre Reise zu Lande fort.
Anfänglich hat die Ostsee den Charakter des Mälarsee's. Inseln, Klippen,
Felsen, große und kleine Wasserbecken u. s. w. erscheinen immer wechselnd
und schön. Rechts sieht man im Hintergrunde die unendlich lange hölzerne
Brücke _Lindenbrog_, die eine Insel mit dem Festlande verbindet.
An dem Ende eines der Becken, in die man einlenkt, liegt das Städtchen
_Wachsholm_, und diesem gegenüber auf einer kleinen felsigen Insel ein
herrliches Festungswerk mit einem kolossalen runden Thurme. -- Nach der
Zahl der Kanonen, welche auf den Wällen aufgepflanzt sind, zu urtheilen,
muß diese Festung zu einer der wichtigsten gehören. -- An ein ähnliches
Festungswerk, _Friedrichsborg_, kamen wir einige Stunden später; es steht
jedoch nicht so frei wie das erstere, sondern ist zum Theil von Waldungen
umgeben. Wir fuhren in ziemlicher Entfernung vorbei, und konnten nicht
viel davon sehen, so wie auch von einem auf der entgegengesetzten Seite
gelegenen Schlosse, das ebenfalls von Waldungen umgeben ist und sehr
großartig zu sein scheint.
Die See wird nun auf der rechten Seite auf Augenblicke unübersehbar; --
doch bald kömmt man wieder auf eine schauerliche Partie nackter Felsen,
an deren äußersten Enden die schöne Festung _Dolero_ liegt. Unweit davon
hängen an nackten, in die See ragenden Felsen gruppenweise viele Häuser,
die einen sehr ausgebreiteten großen Ort bilden.