Zeitlich des Morgens durchschifften wir den niedlichen _Bikensoe_, der
sich, wie überhaupt alle schwedischen Seen, durch seinen Reichthum an
Inselchen, Felsen und Klippen auszeichnet. Häufig sind diese Inselchen mit
Bäumen überwachsen, was sich dann um so herrlicher macht.
Dieser See liegt 306 Fuß höher als die Nordsee; hier hat man den höchsten
Punkt erreicht, und nun beginnen die Schleußen in die Tiefe zu führen. --
Die Zahl aller Schleußen, durch welche man sowohl hinauf als hinab getragen
wird, beträgt 72.
Ein kurzer Kanal führt in den _Bottensee_, welcher anfänglich einen weniger
durch Inseln unterbrochenen Wasserspiegel zeigt. Die Fahrt durch diesen
kleinen See ist überaus lieblich; die Ufer bieten schöne Hügelreihen,
wechselnd mit Wäldern, Wiesen und Feldern. -- Ihm folgt der bedeutend
größere _Wettersee_, dessen Eingang durch die schöne Festung _Karlsborg_
leicht vertheidigt werden kann. -- Dieser See hat zwei ganz besondere
Eigenheiten: die eine besteht in der außerordentlichen Reinheit und
Klarheit des Wassers, die andere darin, daß sehr viele Stürme auf demselben
herrschen. Man sagt, daß es da manchmal woge und brause, selbst, wenn es in
der Umgegend heiter und windstill sei. Oft soll der Sturm den Schiffer mit
solcher Eile und Heftigkeit überfallen, daß ihm das Entrinnen unmöglich
wird. Gar viel Sagen und Märchen erzählt man sich von den tückischen
Unthaten dieses Sees.
Wir blieben, Gottlob, verschont, und durchschnitten seine Flächen
unter Scherz und Freude. -- An den Ufern dieses See's liegt das schöne
Fräuleinstift _Wadstenä_ und der berühmte Berg _Omberg_, an dessen Fuße
eine Schlacht statt hatte.
Der nun folgende Kanal ist sehr kurz und leitet durch liebliche Waldungen
in den kleinen See _Norrbyson_. Man legt diese Strecke gewöhnlich zu Fuß
zurück, um das einfache Grabmal des Grafen _Platen_ zu besuchen, der die
Plane zu den Schleußen und Kanälen, zu diesem ewig dauernden Riesenwerke
geliefert hat. -- Das Grabmal ist mit einem Eisengitter umfaßt; die Gruft
deckt eine schöne Marmorplatte, auf welcher eine einfache Inschrift in
schwedischer Sprache angebracht ist, die seinen Namen, Todestag u. s. w.
anzeigt. Dem Monumente beinahe gegenüber, auf der andern Seite des Kanals,
liegt das Städtchen _Motala_, mit großen Eisenwaaren-Fabriken, in
deren schönen Gebäuden sich besonders die ungeheuren großen Arbeitssäle
auszeichnen.
Von dem _Norrbysee_ in den _Roxersee_ führen 15 Schleußen, durch welche das
Schiff 116 Fuß hinabgelassen wird. -- Dieser Kanal schlängelt sich recht
angenehm durch Waldungen, Wiesen und Felder, die von hübschen Landstraßen
durchzogen, mit niedlichen Häuschen und größeren Gebäuden besetzt sind.
-- Einige Kirchthürme verrathen die Nähe des Oertchens _Norrby_, das, halb
versteckt hinter kleinen Waldpartieen, den Blicken des Vorübereilenden
bald erscheint, bald wieder entschwindet. Wenn die Sonne auf das Wasser in
diesem Kanale schimmert, hat es eine so schöne, durchsichtige, erbsengrüne
Farbe, wie der reinste Chrisolith.
Einen überraschenden Anblick genießt man von der Höhe, welche sich beinahe
unmittelbar vor dem See _Roxen_ erhebt. Plötzlich erschließt sich da ein
mächtig großes Thal, das von den herrlichsten Wald- und Felspartieen und
anmuthigen Hügeln durchwirkt ist, und -- zu den Füßen der See, der sich
sehr ausdehnt und dessen Arme weit in die Waldungen hinein greifen. -- Die
Abendsonne warf ihre letzten Strahlen auf ein Städtchen, das am See liegt,
und glänzend leuchteten die neuüberfirnißten Ziegeldachungen zu uns herauf.
Während sich das Schiff durch die vielen Schleußen da hinabsenkte,
besuchten wir die nahe Kirche des Oertchens _Vretakloster_, die in äußerst
schön gearbeiteten, metallenen Särgen die Gerippe mehrerer Könige enthält.
Wir fuhren dann noch über den See, der gewiß eine Meile breit ist, und
blieben die Nacht über am Eingange des Kanals, der uns am nächsten Morgen
in einen Busen der Ostsee leiten sollte.