Der Zudrang der Reisenden war dießmal so groß gewesen, daß man schon zwei
Tage vor der Abfahrt keinen andern Platz mehr als auf dem Decke bekommen
konnte; mehrere Frauen und Herren, die die nächste Gelegenheit nicht
abwarten wollten, mußten sich damit begnügen. Auch mich traf dieß
Schicksal; denn ich dachte nicht an die Möglichkeit einer solchen
Ueberfüllung, und nahm erst zwei Tage vor der Abreise einen Platz. --
Während der Fahrt bekamen wir auf den verschiedenen Stationen auch noch
Passagiere, und da kann man sich nun den Jammer der armen, jeder Beschwerde
ungewohnten Städter denken. -- Da suchte nur jedes ein Plätzchen für
die Nacht. Einige Glückliche erhielten die winzig kleinen Gemächer des
Maschinisten und des Steuermannes, und die andern kauerten sich in den
Gängen und an den Stufen der zu den Kajüten führenden Treppen nieder. --
Auch mir bot man ein Plätzchen in der kleinen auf eine Person berechneten
Kajüte des Maschinisten; da waren aber bereits 3-4 Personen hineingepreßt,
und ich zog es daher vor, lieber Tag und Nacht auf dem Decke zu
bivouakiren. Einer der Herren war so gütig mir einen tüchtigen Mantel zu
borgen, in welchen ich mich einhüllen konnte, und so schlief ich
unter Gottes freiem Himmel viel besser, als meine Gefährten in ihrer
Schwitzkammer.
Die Einrichtung auf den Schiffen die den Göthakanal befahren, ist auch
nicht die beste. Der erste Platz ist zwar sehr bequem, und sein Kajütenraum
ist in artige, lichte Kabinete für zwei und zwei Personen eingetheilt; aber
desto schlechter steht es mit dem zweiten Platz; da wurden des Nachts
nur Hängematten aufgezogen; über Tag diente er zum gemeinschaftlichen
Speisesaale. -- Noch schlechter ist für das Gepäck gesorgt. Die Schiffe,
die den Kanal befahren, haben einen etwas beschränkten Kielraum, und da
werden die Koffer, Kisten, Felleisen u. s. w. auf dem Decke aufgespeichert,
gar nicht befestiget, und nur höchst nothdürftig gegen den Regen geschützt.
Daß aber diese Nachlässigkeit bei einer Fahrt von 5-6 Tagen gar zu groß
ist, bewies die Folge. -- Der Regen und die aufschlagenden Wogen der
Binnenseen setzten den Raum des zweiten Deckplatzes oft 2-3 Zoll hoch unter
Wasser, und das Gepäck wurde von allen Seiten durchnäßt. Noch ärger war
es während des Sturmes auf dem Wennersee; der warf das Schiff etwas
derb herum, wodurch mancher Koffer sein Gleichgewicht verlor, und den
Vorübergehenden auf den Kopf zu stürzen drohte. Dagegen sind die Preise
sehr billig; eine Sache, die mir doppelt auffiel, da doch die vielen
Schleußen bedeutende Kosten verursachen müssen.
Nun zur Reise selbst.
Um fünf Uhr Morgens wurde abgefahren, und bald befanden wir uns im
Götha-Fluß, dessen Ufer Anfangs sehr flach und öde sind. Das Thal selbst
ist von kahlen, felsigen Hügelketten begrenzt. -- Nach ungefähr zwei
Meilen[6] kamen wir zu dem Städtchen _Kongelf_, das 1000 Einwohner haben
soll. Es liegt an und hinter Felsen, und bleibt dadurch dem Auge theilweise
verborgen. Dem Städtchen gegenüber, auf einem Fels, steht die Ruine
der einstmaligen Festung _Bogus_. Von hier fängt die Gegend an etwas
mannigfaltiger zu werden. Waldpartieen wechseln mit den kahlen Felsen ab;
an beiden Seiten öffnen sich kleine Thäler, und der Fluß selbst, hier
durch eine Insel getheilt, breitet sich später oft bedeutend aus. -- Die
Bauerhäuser sahen größer und netter aus, als jene in Norwegen; sie sind
meist ziegelroth angestrichen, und stehen oft auch in größern Gruppen
beisammen.
[6]: Auf dieser Fahrt wird nach Landmeilen gerechnet.
Bei _Lilla Edet_ kömmt man an die ersten Schleußen, deren hier fünfe sind.
Während das Schiff sie passirt, hat man Zeit den gleich daneben liegenden
zwar niedern, aber wasserreichen und breiten Fall der Götha zu betrachten.
Diese erste Strecke der Schleußen und des Kanals zieht sich noch ziemlich
weit hinter dem Falle fort, und ist theils in die Felsen gesprengt, theils
mit Quadersteinen ausgemauert. -- Bei _Äkestron_ fährt man wie in einem
schönen Naturparke; das Thal wird durch reizende Hügel eingeengt und
gibt nur dem Strome und einigen niedlichen Pfaden Raum, die sich durch
Nadelgehölz, das sich bis an die Ufer zieht, winden.
Nachmittags kamen wir an die berühmten Schleußen bei _Trollhätta_. Sie
bilden ein Riesenwerk, das man nur in den größten Staaten vermuthen würde,
nicht aber in einem Lande, das weder an Macht noch an Größe zu den ersten
gehört. Im Ganzen sind 11 Schleußen, die bei einer Länge von 3500 Fuß
die Höhe von 112 Fuß erreichen. Sie sind breit, tief und in die Felsen
gesprengt und mit schönen Quadersteinen ausgelegt; sie gleichen den
einzelnen Stufen einer Riesentreppe, unter welchem Namen man dieses Werk
auch füglich den sieben Weltwundern beizählen könnte. Eine Schleuße erhebt
sich über der andern, mächtige Thore schließen sie, und wunderbar schwebt
das große Fahrzeug der Höhe zu. Die Umgebung ist wildromantisch.
Kaum bei den Schleußen angelangt, wird man gleich von einer Menge Knaben
umschwärmt, die sich den Fremden als Wegweiser zu den nahen Wasserfällen
bei dem Oertchen _Trollhätta_ anbieten. An Zeit zu diesem Ausfluge gebricht
es nicht; das Schiff braucht um die Höhe zu erreichen 3-4 Stunden, und in
der halben Zeit ist die Excursion abgethan. Früher unterlasse man aber
ja nicht, den Fels zu ersteigen, zu dem sich die Schleußen erheben. Ein
Pavillon ziert seine Spitze, und von hier übersieht man die Schleußen in
die Tiefe hinab.
Nach _Trollhätta_ führen artige, durch den Wald gehauene Wege. Dieses
Oertchen hat eine überaus reizende Lage; es liegt in einem lieblichen
Thale, das von Waldungen und Hügeln umgeben ist, an den Ufern des Stromes,
dessen weiß schäumende Wogen grell von dem dunkeln Waldsaume abstechen. --
Man sieht von hier aus nur den Saum des Kanals, der einen weiten Bogen vom
Hauptstrome beschreibt, die letzten Schleußen aber liegen hinter kleinen
Felspartieen ganz verborgen; wir konnten weder das Aufziehen der Thore noch
das Steigen des Wassers in ihnen bemerken, und waren daher sehr überrascht,
als wir plötzlich erst die Masten, dann das Schiff selbst aus den Tiefen
steigen sahen. Es schien, als ob es von unsichtbaren Händen zwischen
Felsenmassen empor gehoben würde.
Die Fälle des Stromes zeichnen sich weniger durch ihre Höhe, als durch ihre
Mannigfaltigkeit und Wasserfülle aus. Der Hauptstrom wird an der äußersten
Spitze seines Sturzes durch eine kleine Felsinsel in zwei beinahe gleich
mächtige Fälle getheilt. Auf dieß Inselchen führt ein langer, schmaler
Kettensteg, der gerade über dem Falle schwebt, und so zart und schwach
gebaut ist, daß nur immer eine Person hinüber schreiten darf. Der
Eigenthümer dieses gefährlichen Steges hält ihn stets versperrt, und öffnet
ihn nur gegen ein Entgeld von 10 kr. CM.
Ein eigenes schauerliches Gefühl beengt die Brust während des
Hinüberschreitens. Man sieht den Strom wüthend daher tosen, man sieht ihn
sich an den hoch emporragenden Felsen brechen und schäumend in die Tiefe
stürzen, man sieht unter seinen Füßen die brandenden Wogen; -- dabei
erzittert das Brückchen bei jedem Tritte, -- ängstlich eilt man das
Inselchen zu erreichen. Hier erst, auf festem Grund und Boden, wagt man es,
sich mit Muße umzusehen. Ein fester Fels neigt sich etwas über die Fälle
hinaus, und auf ihm kann man mit Sicherheit seinen Standpunkt wählen. Man
steht da nicht nur zwischen zwei schönen Fällen sondern übersieht auch noch
4-5 andere, welche der Strom ober- und unterhalb bildet. -- Kaum glaubt man
sich von diesen zauberischen Bildern trennen zu können.
Hinter _Trollhätta_ breitet sich der Strom beinahe zu einem See aus, indem
er von mehreren Inseln in viele Arme getheilt wird. Seine Ufer verlieren
jedoch bedeutend an Schönheit, indem sie flach und unansehnlich werden.
Den herrlichen Wenner-See, 10-12 Meilen lang und mehrere Meilen breit,
erreichten wir leider erst gegen Abend, als es schon zu sehr dunkelte, um
von der Umgebung noch etwas unterscheiden zu können. -- Wir hielten hier
bei dem unbedeutenden Städtchen _Wennersborg_ einige Stunden an.
Diesen Tag über waren uns gewiß sechs oder sieben Dampfschiffe begegnet,
die Alle schwedischen oder norwegischen Kaufleuten gehörten. Es gewährte
einen eigenen interessanten Anblick, diese Schiffe in den hohen Schleußen
auf und ab steigen zu sehen.