Wir hatten die ganze Nacht _hohe See_ gehabt, und trafen deßhalb in
_Gothenburg_ um drei Stunden später als gewöhnlich ein. Wunderbar machte
sich bei diesem Stande der bewegten See die schäumende Brandung an den
vielen Klippen und Inseln in der Nähe _Gothenburgs_.
Die wenigen Reisenden, die sich auf den Füßen erhalten konnten, die nicht
der Seekrankheit erlagen, und auf dem Decke geblieben waren, sprachen
viel von dem gegenwärtigen gefährlichen Sturm. -- Ich hatte mich oft schon
verwundert, jeden Menschen, und wenn er auch nur eine ganz kleine Fahrt
von 40-60 Seemeilen über irgend einen Kanal gemacht hatte, von den
schrecklichen Stürmen erzählen zuhören, die er auf seiner Reise erlebte. --
Nun konnte ich mir die Sache erklären, da die Reisenden neben mir den
etwas scharfen Wind, der nichts als ein -- wie die Seeleute es nennen
-- Hochgehen des Meeres bewirkte, bereits für einen Sturm erklärten, und
wahrscheinlich zu Hause viel von den überstandenen Gefahren erzählten.
Die Stürme sind, Gott sei Dank, nicht gar so häufig. Ich selbst habe schon
viele tausend Seemeilen, und gar manche stürmische Ueberfahrt -- besonders
jene von Kopenhagen nach Island -- gemacht, und dennoch erlebte ich
eigentlich nur _einen_ Sturm, aber einen desto bedeutenderen und wirklich
gefährlichen, im Monat April 1842, als ich über das schwarze Meer nach
Constantinopel fuhr.
Wir langten im Hafen von _Gothenburg_, wie bereits gesagt, um drei Stunden
später -- statt um sechs Uhr, erst um neun Uhr des Morgens an. -- Ich
ließ mich gleich in die Stadt rudern, um mit dem nächsten Stockholmer
Dampfschiffe die berühmte Schleußenfahrt über die Wasserfälle bei
_Trollhätta_ zu machen. -- Durch die Verbindung des Flußes _Götha_ mit
einigen Binnenseen durchschneidet dieses große Werk das ganze Land und
verbindet die Nordsee mit der Ostsee.
Ich fand dießmal die Stadt _Gothenburg_ ganz außerordentlich belebt. Der
König von Schweden befand sich hier auf der Durchreise nach Christiania,
wohin er ging, um den Storthing zu schließen. Es war eben Sonntag, und
der König mit seinem Sohne gerade in der Kirche. Die Straßen wogten von
Menschen, die sich alle dem Platze zudrängten, um die Majestät bei ihrem
Austritte aus dem Dome zu sehen. Natürlich hatte auch ich nichts Eiligeres
zu thun, als mich unter die Menge zu mischen, und glücklich sah ich Vater
und Sohn aus der Kirche treten, den Wagen besteigen und knapp an mir
vorüberfahren. Beide waren schöne, freundliche Erscheinungen. Das Volk
stürmte dem Wagen nach, und haschte begierig nach den herzlichen Grüßen des
geistvollen Vaters, wie des hoffnungsvollen Jünglings; es begleitete sie
bis an die Wohnung, stellte sich vor derselben auf, und sah mit Sehnsucht
dem Augenblicke entgegen, in welchem sie sich am Fenster zeigen würden.
Ich hätte fürwahr an keinem günstigeren Tage hier eintreffen können, denn
heute sah ich Alles geschmückt und geputzt; Militär, Geistlichkeit, Beamte,
Bürger und Volk waren dem Könige zu Ehren im vollsten Staate.
Unter dem herbei geströmten Landvolke bemerkte ich zwei Bäuerinen, die
etwas eigens gekleidet waren. Sie trugen schwarze Röcke, die bis an die
halbe Wade reichten, rothe Strümpfe, rothe Leibchen und weiße Hemden mit
langen weiten Aermeln. Die Köpfe hatten sie mit Tüchern verhüllt. -- Einige
Bürgerinen trugen kleine Häubchen nach Art der schwäbischen, und darüber
einen kleinen, schwarzen, gestickten Schleier, der jedoch das Gesicht frei
ließ.
Auch hier sah ich, so wie zu Kopenhagen, unter den Trommelschlägern und in
den Musikbanden des Militärs 10-12jährige Knaben.
Der König blieb noch diesen und den folgenden Tag in _Gothenburg_, und
setzte erst Dienstags seine Reise fort. An den beiden Abenden seiner
Anwesenheit waren allerorts die Fenster mit Guirlanden von frischen Blumen
geschmückt, zwischen welchen Lichter brannten. -- An manchen Häusern waren
sogar Transparente sichtbar, die jedoch dem Erfindungsgeiste der guten
Gothenburger gar keine große Ehre machten. Alle waren gleich, jedes zeigte
ein ungeheures »~O~« (Oskar), über welchem die königliche Krone angebracht
war.
Ich mußte vier ganze Tage in Gothenburg bleiben; auch in Schweden scheint
bei den Eintheilungen der Fahrten wenig Rücksicht auf die schnellere
Beförderung der Reisenden genommen zu werden. An demselben Tage als ich mit
dem Dampfschiffe von Christiania kam, ging jenes nach Stockholm ab, aber
leider schon um fünf Uhr Morgens. -- Da nun im Monate September nur
mehr zwei Dampfboote wöchentlich nach Stockholm abgehen, mußte ich bis
Donnerstag warten. -- Ich empfand bis dahin ziemlich Langeweile, denn
die Stadt selbst so wie die herrliche Aussicht auf dem Hügel zwischen den
Vorstädten hatte ich bereits während meiner frühern Anwesenheit gesehen,
und die übrige Umgebung der Stadt bestand nur aus kahlen Felsen und
Klippen, die nichts Sehenswerthes boten.